Aast

Lexikon

Aast ist ein landschaftliches, heute seltenes Schimpfwort für einen durchtriebenen, hinterhältigen, gemeinen oder anderweitig negativ beurteilten Menschen. Das Wort ist ein Substantiv des Neutrums und steht semantisch unmittelbar neben Aas in dessen übertragener Personenbedeutung. Während Aas in der deutschen Standardsprache sowohl einen tierischen Kadaver als auch, übertragen und abwertend, einen Menschen bezeichnen kann, ist Aast in den gegenwärtigen Wörterbüchern auf den landschaftlichen Personenbezug konzentriert. Der Duden erklärt das Lemma ausdrücklich durch Verweis auf die zweite Bedeutung von Aas, also auf den durchtriebenen, gemeinen oder niederträchtigen Menschen. Der reguläre Plural lautet Äster. Damit ist Aast weder eine Schreibvariante von Ast noch mit der kleingeschriebenen Verbform aast von aasen gleichzusetzen.

Die genaue Wertung hängt stärker vom regionalen und situativen Zusammenhang ab, als eine knappe standardsprachliche Definition erkennen lässt. Als Pejorativum kann Aast einen Menschen bezeichnen, dem Hinterlist, Gemeinheit, Verschlagenheit oder Rücksichtslosigkeit zugeschrieben wird. Ein mundartlicher Beleg wie „Der verwachsene Joseph is a Aast, wenn der angreift“ zeigt die Verwendung als charakterisierende Personenbezeichnung in einer emotional gefärbten Alltagssprache. Entscheidend ist dabei, dass das Wort keine sachlich definierte Eigenschaft bezeichnet, sondern eine expressive Gesamtbewertung der betreffenden Person vornimmt. Je nach Kontext kann damit eher moralische Verachtung, Ärger über raffiniertes Verhalten oder die Feststellung besonderer Durchtriebenheit ausgedrückt werden. Aast gehört deshalb zu jener Gruppe von Schimpf- und Charakterwörtern, deren Bedeutungsumfang weniger durch eine einzelne präzise Eigenschaft als durch eine stark wertende Sprecherhaltung bestimmt wird.

Die mundartliche Überlieferung zeigt zugleich, dass diese Wertung nicht ausnahmslos negativ sein muss. Besonders aufschlussreich ist das Schlesische Wörterbuch, das die Formen Aas, Aast und Oost für einen „raffinierten Menschen“ verzeichnet. Die dort dokumentierten Verwendungen reichen von abschätziger Charakterisierung bis zu gutmütiger oder sogar anerkennender Bewertung. Belegt werden etwa eine Verwendung im Sinne von Teufelskerl sowie eine Bezeichnung für eine besonders tüchtige Hausfrau. Diese Bedeutungsbreite entspricht einem auch beim standardsprachlichen Aas bekannten semantischen Muster: Ein ursprünglich stark negatives Personenwort kann im passenden Kontext widerstrebende Anerkennung, Bewunderung für besondere Schlauheit oder scherzhafte Vertrautheit ausdrücken. Die Äußerung entscheidet daher darüber, ob Aast als eigentliche Beschimpfung, als scherzhafte Schelte oder als anerkennende Charakterisierung verstanden werden muss.

Regional ist das Wort in mehreren deutschen Mundartgebieten nachweisbar. Bayerns Dialekte Online dokumentiert innerhalb der Wortfamilie von Aas Lautformen mit zusätzlich angefügtem t und verweist auf weitere Belege aus bairischen, schwäbischen, österreichischen und süddeutschen Wörterbüchern. Im Schlesischen ist Aast gut belegt; das Schlesische Wörterbuch stellt es neben die regionalen Formen Aas und Oost. Auch für das Nordthüringische beziehungsweise die Mundart von Nordhausen ist Aast als Entsprechung von Aas verzeichnet. Das Eschweger Mundartwörterbuch kennt ebenfalls Aas/Aast mit dem Plural Ääsder und verbindet damit sowohl die Bedeutung „Tierleiche, Kadaver“ als auch die übertragene Bedeutung eines durchtriebenen oder hinterhältigen, mitunter aber auch schlauen und geschickten Menschen. Die genaue Bedeutungsverteilung ist somit regional nicht vollkommen einheitlich: Während überregionale Wörterbücher Aast heute im Wesentlichen auf das Schimpfwort für Personen beschränken, können Mundarten die ältere sachliche Bedeutung von Aas und die wertende Personenbedeutung nebeneinander bewahren.

Besonders charakteristisch für das Wort ist seine expressive Flexibilität. Ein Ausdruck wie elendes Aast verstärkt eindeutig die negative Personenbewertung; in Wendungen, die Geschicklichkeit oder Raffinesse hervorheben, kann dagegen eine ambivalente Anerkennung entstehen. Das Schlesische Wörterbuch belegt beispielsweise die Verbindung „ein Aast auf der Baßgeige“, die zur bekannten Wendung Aas auf der Bassgeige gehört und eine besonders gerissene, tüchtige oder in einer bestimmten Sache außerordentlich gewandte Person charakterisieren kann. Das Wort bewegt sich hier semantisch in der Nähe von Schlitzohr: Beide Bezeichnungen können stark negativ sein, aber auch eine gewisse Bewunderung für Geschicklichkeit und Raffinesse enthalten. Gerade diese Schwankung zwischen Beschimpfung und anerkennender Schelte erklärt, weshalb einfache Gleichsetzungen mit „gemeiner Mensch“ einen Teil der historischen und dialektalen Verwendung nicht erfassen.

Im heutigen allgemeinen Deutsch ist Aast selten und deutlich landschaftlich markiert. Außerhalb der Regionen oder Sprechergruppen, in denen die Form traditionell vorkommt, kann sie erklärungsbedürftig sein oder fälschlich als ungewöhnliche Schreibung von Ast verstanden werden. Besonders zu unterscheiden sind vier formal nahe Formen: Aast als Substantiv für einen Menschen beziehungsweise regional auch als Variante von Aas; Aas als standardsprachliches Substantiv; Ast als Bezeichnung eines verholzten Pflanzentriebs; und aast als flektierte Form des Verbs aasen. Dass diese Formen teilweise ähnlich oder gleich ausgesprochen werden können, ändert nichts an ihrer grammatischen und semantischen Selbständigkeit.

Etymologie

Aast gehört etymologisch zur Wortfamilie von Aas. Das zusätzliche -t ist kein Wortbildungssuffix mit eigener Bedeutung, sondern lässt sich dialektologisch als sekundär hinzugefügter Endkonsonant erklären. Bayerns Dialekte Online verzeichnet innerhalb der regionalen Lautformen von Aas ausdrücklich einzelne Formen „mit epithetischem Dental“. Gemeint ist damit ein nachträglich an den Wortausgang angefügter dentaler Konsonant. Solche lautlichen Erweiterungen sind in Mundarten nicht ungewöhnlich und können sich so stark festigen, dass die erweiterte Form schließlich als eigenes Wörterbuchlemma erscheint. Aast ist daher historisch nicht mit Ast verwandt, obwohl beide Wörter graphisch und teilweise lautlich nahe beieinanderliegen.

Das zugrunde liegende Aas vereinigt im Neuhochdeutschen zwei ältere germanische Wörter, die lautlich zusammengefallen sind. Althochdeutsch und mittelhochdeutsch āz bezeichnete „Essen, Speise, Nahrung, Futter“, während mittelhochdeutsch ās besonders Fleisch zur Fütterung von Hunden oder Falken und schließlich den Tierkadaver bezeichnete. Beide Wortgruppen gehören zur Familie von essen und werden auf die indogermanische Wurzel *ed- „essen“ zurückgeführt. Im Neuhochdeutschen setzte sich für die konkrete Sachbedeutung von Aas vor allem „verendeter beziehungsweise verwesender Tierkörper“ durch.

Aus dieser stark negativ besetzten Sachbezeichnung entwickelte sich die übertragene Verwendung für Menschen und Tiere. Ein als widerwärtig, gemein oder verachtenswert beurteilter Mensch konnte metaphorisch als Aas bezeichnet werden. Gleichzeitig erweiterte sich das Personenwort in der Umgangs- und Mundartsprache semantisch: Aus der reinen Beschimpfung entstanden Verwendungen für besonders gerissene, raffinierte oder schwer zu überlistende Personen und daraus wiederum scherzhafte oder anerkennende Gebrauchsweisen. Die mundartliche Form Aast übernimmt diese übertragene Bedeutung und kann deshalb, abhängig vom Kontext, zwischen grober Herabsetzung und bewundernder Charakterisierung schwanken.

Bemerkenswert ist auch die Flexion. Während Aas in seiner Personenbedeutung den Plural Äser besitzt, lautet der reguläre Plural von Aast Äster. Der zusätzliche Dental bleibt somit auch im Plural Bestandteil des Wortstamms. Mundartwörterbücher bestätigen entsprechende Formen; im Schlesischen wird ausdrücklich ein verbreitetes aester genannt, und auch mitteldeutsche Mundartquellen kennen Formen wie Ääsder. Die Flexion unterstreicht, dass Aast synchron als selbständiges Substantiv wahrgenommen werden kann, obwohl es historisch eng an Aas gebunden bleibt.

Synonyme

Aas – das unmittelbar bedeutungsgleiche und überregional gebräuchlichere Wort. In der Personenbedeutung bezeichnet es einen durchtriebenen, gemeinen oder niederträchtigen Menschen, kann aber ebenso wie Aast scherzhaft oder mit widerstrebender Anerkennung verwendet werden.

Schlitzohr – bedeutungsnah, wenn bei Aast besonders Raffinesse, Verschlagenheit oder gerissene Geschicklichkeit gemeint ist. Das Wort kann wie Aast zwischen negativer Beurteilung und anerkennendem Unterton schwanken.

Gauner – bedeutungsnah bei einer stark negativen Charakterisierung eines betrügerischen oder unehrlichen Menschen; enger als Aast, da Gauner stärker auf unredliches beziehungsweise betrügerisches Verhalten festgelegt ist.

Biest – allgemeines Schimpfwort für einen unangenehmen, boshaften oder gemeinen Menschen. Es stimmt in der expressiven Abwertung mit Aast überein, besitzt jedoch eine andere Wortgeschichte und keine besondere Bedeutungskomponente von Raffinesse oder Schlauheit.

Luder – historisch und umgangssprachlich ebenfalls eine stark wertende Personenbezeichnung. Die Bedeutungsbereiche überschneiden sich, doch Luder besitzt eigene geschlechtsspezifische und stilistische Nebenbedeutungen und ist deshalb kein vollkommen austauschbares Synonym.

Teufelskerl – nur für jene regionalen und scherzhaft-anerkennenden Verwendungen bedeutungsnah, in denen Aast keinen verachteten Menschen, sondern einen besonders tüchtigen, raffinierten oder bemerkenswerten Menschen bezeichnet.

externe links

Duden – Aast – aktueller Wörterbucheintrag zum landschaftlichen Substantiv mit Verweis auf die übertragene Personenbedeutung von Aas.

Duden – Deklination von Aast – vollständige Flexion des Neutrums mit dem Singular das Aast und dem Plural die Äster.

Duden – Äster – eigener Nachweis der Pluralform von Aast.

Duden – Aas – Wörterbucheintrag zur zugrunde liegenden Wortform, ihren Sach- und Personenbedeutungen sowie zur Etymologie aus älteren Wörtern für Nahrung, Futter und Aas.

Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache – Aast – lexikographischer Zugang zum landschaftlichen Personenwort und zu seinem Verhältnis zu Aas.

Wiktionary – Aast – Angaben zu Flexion, Bedeutung und einem dialektalen Anwendungsbeleg für das Schimpfwort.

Bayerns Dialekte Online – Aast – wissenschaftliche dialektlexikographische Dokumentation der regionalen Lautformen von Aas/Aast, darunter Formen mit epithetischem Dental sowie regionale Pluralformen und Zusammensetzungen.

Walther Mitzka – Schlesisches Wörterbuch, Band I – wissenschaftliches Mundartwörterbuch mit den Formen Aas, Aast, Oost und Belegen für die Bedeutungen „raffinierter Mensch“, anerkennend „Teufelskerl“ und „tüchtige Hausfrau“.

Mundart-Wörterbuch Nordhausen – nordthüringische Wortsammlung, die Aast beziehungsweise Aester als mundartliche Entsprechungen von Aas verzeichnet.

Eschweger Wörterbuch – umfangreiches regionales Wörterbuch mit Aas/Aast und Ääsder für Tierleiche sowie übertragen für einen durchtriebenen, hinterhältigen oder auch schlauen und geschickten Menschen.

Gerhard Köbler – Etymologisches Wörterbuch des Deutschen – etymologische Darstellung von Aas, seinen älteren germanischen Formen und seiner Beziehung zur Wortfamilie von essen.

Konrad Duden – Vollständiges orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache – historischer Wörterbuchtext zur älteren Flexion und Wortfamilie von Aas und aasen.