Aasjäger

Lexikon

Aasjäger ist eine abwertende Bezeichnung der Jägersprache für einen Jäger, der unweidmännisch beziehungsweise nicht waidgerecht jagt. Gemeint ist damit kein unerfahrener oder lediglich erfolgloser Jäger, sondern eine Person, deren Jagdausübung gegen anerkannte jagdliche Regeln und Verantwortungsmaßstäbe verstößt und dadurch insbesondere unnötiges Leiden oder den vermeidbaren Verlust von Wild verursacht. Dazu können unüberlegte oder schlecht vorbereitete Schüsse, das Beschießen von Wild unter ungeeigneten Bedingungen, mangelnde Rücksicht auf eine sichere Tötungswirkung oder das Unterlassen einer gebotenen Nachsuche gehören. In der traditionellen Jägersprache bezeichnet das Wort damit nicht eine bestimmte Jagdart, sondern wertet das Verhalten eines Jägers scharf ab. Es steht im Gegensatz zu den Vorstellungen von Waidgerechtigkeit, Hege und verantwortungsbewusster Jagdausübung. Eine juristische Kategorie ist Aasjäger dagegen nicht: Unwaidmännisches Verhalten kann zugleich jagd- oder tierschutzrechtlich relevant sein, doch die jagdsprachliche Bezeichnung selbst besagt nicht, dass im konkreten Fall eine Straftat oder Ordnungswidrigkeit vorliegt.

Für die ältere jagdsprachliche Bedeutung ist besonders charakteristisch, dass durch schlechte Jagdausübung Wild verloren geht oder verludert. Wird ein Tier angeschossen, nicht sachgerecht nachgesucht und schließlich verendet aufgefunden oder überhaupt nicht mehr gefunden, wird das Wild dem menschlichen Gebrauch entzogen und kann zu Aas werden. Historische und jagdsprachliche Wörterbücher verbinden Aasjäger deshalb mit einem Jäger, durch dessen Verhalten unnötig Wild zugrunde geht. Daneben kann die Bezeichnung weiter gefasst sein und einen Jäger treffen, der wahllos, maßlos oder ohne die in der jeweiligen Jagdkultur verlangte Selbstbeschränkung schießt. Das eng verwandte Substantiv Aasjägerei bezeichnet entsprechend unweidmännisches, planloses oder verantwortungsloses Jagen. Der Ausdruck gehört damit zu einem traditionellen jagdethischen Wertungsvokabular, das zwischen regelgerechter Jagdausübung und einem als verwerflich angesehenen Umgang mit Wild unterscheidet.

Die Bezeichnung ist spätestens seit dem 19. Jahrhundert sicher belegt. Pierer's Universal-Lexikon verzeichnet Aasjäger 1857, später erscheint das Wort auch in Meyers Großem Konversations-Lexikon. Einen anschaulichen historischen Gebrauch bietet 1881 die Zeitschrift Die Gartenlaube in der Erzählung „Mein erster Hirsch“. Dort bezeichnet ein Oberförster einen Jäger nach einem als leichtsinnig und mit den jagdlichen Normen unvereinbar bewerteten Schuss als „Aasjäger“ und verbindet den Vorwurf ausdrücklich mit mangelnder Waidmannsehre. Der Beleg zeigt, dass das Wort nicht bloß den tatsächlichen Verlust von Wild bezeichnete, sondern als moralisches Verdikt über die Art der Jagdausübung verwendet werden konnte. Auch gegenwärtige Wörterbücher führen Aasjäger weiterhin als jagdsprachliche Bezeichnung für einen Jäger, der unweidmännisch jagt. Außerhalb jagdlicher und jagdhistorischer Zusammenhänge ist das Wort heute vergleichsweise selten und erklärungsbedürftig; seine stark abwertende Bedeutung bleibt jedoch erhalten.

Etymologie

Aasjäger ist ein Determinativkompositum aus Aas und Jäger. Aas gehört zu einer alten germanischen Wortfamilie, deren Bedeutungsbereich ursprünglich Nahrung, Speise und Fraß umfasste. Im Neuhochdeutschen sind ältere, ursprünglich verschiedene Bildungen lautgeschichtlich zusammengefallen. Althochdeutsch und mittelhochdeutsch āz bezeichnete „Speise, Nahrung, Futter“; daneben bestand mittelhochdeutsch ās mit der Bedeutung „Kadaver, als Fraß dienendes Fleisch“. Beide gehören letztlich zur Wortfamilie von essen und gehen auf die indogermanische Wurzel *ed- „essen, fressen“ zurück. Durch den lautlichen Zusammenfall der älteren Formen setzte sich im Neuhochdeutschen die heute vorherrschende Bedeutung „toter, meist verwesender Tierkörper; Fleisch verendeter Tiere“ durch. Aas entwickelte darüber hinaus schon früh abwertende und schimpfwortartige Verwendungen.

Der zweite Bestandteil Jäger geht auf mittelhochdeutsch jeger(e) und althochdeutsch jagar(i) zurück und ist eine Personenbezeichnung zu jagen. Die Bedeutung des zusammengesetzten Wortes Aasjäger lässt sich dennoch nicht schlicht als „jemand, der Aas jagt“ verstehen. In der lexikalisierten Jägersprache bezeichnet es den unweidmännisch jagenden Menschen. Die Verbindung mit Aas wird semantisch dadurch verständlich, dass infolge mangelhafter Jagdausübung angeschossenes Wild verenden und verludern kann. Der erste Bestandteil charakterisiert also in zugespitzter, abwertender Weise die Folgen beziehungsweise die Qualität des Jagens. Die frühe Aufnahme des Kompositums in Wörterbücher des 19. Jahrhunderts zeigt, dass diese übertragene jagdsprachliche Bedeutung bereits damals fest etabliert war. Eine eigenständige zoologische Standardbedeutung „Tier, das Aas sucht oder frisst“ ist davon nicht abzuleiten; für solche Tiere stehen im Deutschen Bezeichnungen wie Aasfresser oder Aasvogel zur Verfügung.

Synonyme

Das engste jagdsprachliche Synonym ist Schießer. Beide Wörter können einen Jäger bezeichnen, dessen Jagdausübung als unweidmännisch, maßlos oder verantwortungslos beurteilt wird. Schießer hebt stärker das bedenkenlose oder übermäßige Schießen hervor, während Aasjäger traditionell insbesondere die Folge anklingen lässt, dass durch schlechte Jagdausübung Wild verloren geht oder verludert. Als sachliche Umschreibungen eignen sich „unweidmännischer Jäger“ und „unwaidgerecht jagender Jäger“. Wilderer ist dagegen kein Synonym: Wilderei bezeichnet eine rechtlich bestimmte unbefugte Jagdausübung, während Aasjäger eine wertende jagdsprachliche Bezeichnung für die Art und Weise des Jagens ist.

externe links

Duden – Aasjäger – Wörterbucheintrag mit der jagdsprachlichen Bedeutung „Jäger, der unweidmännisch jagt“.

Duden – Aasjägerei – Wörterbucheintrag zum zugehörigen Substantiv für unweidmännisches Jagen.

Duden – Aas – Bedeutungen und etymologische Angaben zum ersten Bestandteil des Kompositums.

Duden – Jäger – Wörterbucheintrag mit Bedeutungen und historischen Formen des zweiten Bestandteils.

Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen – āz – wissenschaftliche Darstellung der Wortgeschichte von althochdeutsch āz, der Entwicklung des Bedeutungsfeldes „Speise, Fraß“ und des lautlichen Zusammenfalls mit mittelhochdeutsch ās.

Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache – Aasjäger – Wörterbuch- und Korpuszugang für das Lemma und seine Verwendung im Deutschen.

Wiktionary – Aasjäger – lexikographische Angaben zu Bedeutung, Flexion, Aussprache und historischen Wörterbuchnachweisen.

Wörterbuchnetz – Meyers: Aasjäger – digitalisierter historischer Nachweis aus Meyers Großem Konversations-Lexikon.

Zeno.org – Meyers Großes Konversations-Lexikon: Aasjäger – historischer Lexikoneintrag zur jagdsprachlichen Bedeutung.

Zeno.org – Pierer's Universal-Lexikon: Aasjäger – Wörterbuchbeleg aus der vierten Auflage von 1857.

Wikisource – Die Gartenlaube, 1881, Heft 10 – historischer Textbeleg für „Aasjäger“ als scharf abwertende jagdsprachliche Bezeichnung.

Bayerisches Wörterbuch – systematischer Fragebogen zur Jagdsprache – sprachwissenschaftliche Dokumentation mit „Aasjäger“ bei den Zusammensetzungen mit Jäger und „Aasjägerei“ bei den verächtlichen Ausdrücken für planloses, unwaidmännisches Jagen.

Deutsches Jagdportal – Jägersprache – jagdsprachliches Verzeichnis mit der Definition des Aasjägers als Jäger, durch dessen unweidmännische Jagdausübung Wild verloren geht beziehungsweise verludert.