Kulturlexikon · Sprachform / Italienisch, Verb (Infinitiv, apokopiert: trattar), Etymologie lat. tractare (zu trahere), Hand- und Diskurssemantik (handhaben / behandeln), Poetiksignal und Themenrahmung („trattar di“), Erzählerische Auswahl, Dante, Divina Commedia
Trattar
Trattar ist eines dieser Verben, an denen man merkt, dass Dantes Text nicht nur erzählt, sondern sich beim Erzählen beobachtet. Es heißt: etwas behandeln, darlegen, verhandeln, im wörtlicheren Ursprung auch: etwas handhaben, anfassen, in die Hand nehmen. Die Grundform ist trattare; trattar ist die häufige, metrisch und stilistisch dichte apokopierte Infinitivform, wie sie in der italienischen Dichtung gern erscheint. In der Commedia zeigt trattar eine entscheidende Schwelle an: vom Erleben zum Bericht, vom Schrecken zur Auswahl, vom Chaos zur Ordnung. Wenn der Erzähler sagt, er wolle „per trattar del ben“ sprechen, dann erklärt er nicht nur sein Thema, er begründet sein Verfahren: Er wird das Erlebte nicht vollständig ausschütten, sondern es behandeln – also ordnen, auswählen, ins Maß bringen.
1. Grammatikalische Erklärung
Trattar ist ein Infinitiv und entspricht der unverkürzten Grundform trattare. Die Verkürzung (Apokope: Wegfall des Endvokals) ist im Italienischen besonders in poetischer Sprache verbreitet und erfüllt in der Terzinenarchitektur oft eine metrische und klangliche Funktion: Der Infinitiv wird härter, knapper, „werkzeughafter“. Gerade bei einem Verb, das selbst „Behandlung“ und „Handhabung“ bedeutet, ist diese Kürzung semantisch passend: trattar klingt wie eine Handbewegung, nicht wie eine Erklärung.
Valenzseitig ist trattar vielseitig. Es kann mit di ein Thema markieren (trattar di qualcosa = „von etwas handeln, etwas zum Gegenstand machen“). Es kann ein direktes Objekt nehmen (trattar una materia = „einen Stoff behandeln“), und es kann in sozialer Bedeutung Personen regieren (trattar qualcuno = „jemanden behandeln“, im Sinn von Umgangsweise, fair/rau). Diese Bedeutungen hängen zusammen, weil sie auf der Grundidee beruhen, dass etwas oder jemand einer bestimmten Art des Umgangs unterworfen wird: Handhabung wird zu Methode.
Etymologisch führt trattar über lat. tractare auf trahere („ziehen“). In tractare steckt ein wiederholtes „Ziehen/Bewegen“: etwas durch die Hand gehen lassen, es bearbeiten. Daraus entsteht die Diskursbedeutung: einen Gegenstand „durchgehen“, ihn behandeln. Dantes Verb trägt diese Doppelstruktur: körperliche Arbeit und geistige Ordnung sind nicht getrennt, sondern zwei Seiten einer Praxis.
2. Bedeutungsfelder: Handhabung, Behandlung, Thema, Methode, Auswahl
Im ersten Feld ist trattar ein Verb der Handhabung. Es bedeutet, etwas in die Hand zu nehmen, zu bewegen, zu bearbeiten. Diese körpernahe Semantik ist wichtig, weil Dantes Sprache häufig vom Konkreten ins Abstrakte umschaltet: Was man mit Dingen tut, wird zur Metapher dessen, was man mit Gedanken tut. Trattar ist deshalb ein Schlüsselwort für die Materialität der Poetik: Auch Rede ist Arbeit, nicht bloß Ausstoß.
Im zweiten Feld bedeutet trattar behandeln im diskursiven Sinn: ein Thema „abhandeln“, „darlegen“, „ausführen“. In der Commedia ist das nicht neutral, weil die Reise selbst ein Überschuss an Erfahrung ist. Man könnte alles erzählen – aber man soll es nicht. Trattar ist das Verb der Auswahl: Es sagt, dass der Erzähler kuratiert, ordnet, fokussiert. Das ist eine Ethik des Erzählens: Nicht die Menge macht Wahrheit, sondern die Form.
Ein drittes Feld ist Methodik. Wer „tratta“ ein Thema, nimmt nicht nur einen Gegenstand, sondern legt ein Verfahren fest: in welcher Ordnung, in welchem Maß, mit welcher Absicht. Das ist bei Dante zentral, weil der Text immer wieder zwischen Schrecken und Sinn vermittelt. Trattar ist das Verb, das diese Vermittlung aktiv macht. Es ist das Gegenwort zum bloßen Erleiden: Was widerfährt, wird durch Behandlung in Erkenntnis verwandelt.
Ein viertes Feld betrifft die Spannung von Affekt und Ordnung. Der Anfang der Commedia ist affektiv maximal: Angst, Verirrung, Bitterkeit. Wenn Dante dann sagt, er wolle „vom Guten“ sprechen, ist das nicht Verdrängung, sondern Struktur: Er nimmt Affekt ernst, aber er lässt ihn nicht herrschen. Trattar markiert diese Entscheidung: Nicht im Schrecken stecken bleiben, sondern das Gute als Leitgegenstand herausarbeiten.
3. Trattar als Erzähltechnik: Poetikmarker, Themenrahmung, Wendung vom Wald zur Ordnung
Dantes Anfang setzt eine doppelte Bewegung: Er zeigt den Wald als Urszene der Verirrung, und er zeigt zugleich den Text als Produkt einer späteren Ordnung. Trattar gehört zur zweiten Bewegung. Es ist der Moment, in dem der Erzähler sichtbar macht, dass er nicht nur erinnert, sondern gestaltet. Wer „tratta“ vom Guten, wählt einen Leitfaden. Damit wird die Commedia als Textprogramm kenntlich: aus Chaos wird eine geordnete Rede.
In der Formel „ma per trattar del ben ch'i' vi trovai“ arbeitet trattar mit dem adversativen „ma“ zusammen: Nach dem Schrecken wird umgeschaltet. Das ist kein einfacher Trost, sondern eine poetische Legitimation: Der Erzähler darf (und muss) selektieren, weil der Sinn nicht im bloßen Leid liegt, sondern im Durchgang, in der Führung, in dem, was als Gut gerettet werden kann. Trattar ist hier das Verb, das das Erzählen als Rettungsbewegung formuliert.
Dadurch entsteht eine besondere Spannung: Der Wald bleibt bitter, aber der Text verpflichtet sich auf Erkenntnis. Trattar ist das Werkzeug, mit dem Dante diese Spannung hält. Es erlaubt, die Erfahrung nicht zu leugnen und doch nicht in ihr zu versinken. Man könnte sagen: trattar ist die grammatische Form von Führung – nicht nur im Raum, sondern im Diskurs.
Fazit
Trattar (Infinitiv, apokopiert zu trattare) verbindet in seiner Etymologie und in seiner dantesken Verwendung Hand und Rede: handhaben, bearbeiten, behandeln, darlegen. In der Divina Commedia fungiert es als Poetikmarker: Der Erzähler zeigt, dass er auswählt und ordnet, und dass er nach dem Schrecken nicht im Schrecken bleibt, sondern „vom Guten“ sprechen will. Trattar ist damit ein Schlüsselwort der Textethik: Erfahrung wird nicht nur erlitten, sie wird in Form gebracht – und erst als Form wird sie erkennbar.
4. Fundstellen in der Divina Commedia
ma per trattar del ben ch'i' vi trovai,
aber um von dem Guten zu handeln, das ich dort fand,
Inferno, Canto 1, Vers 8
Trattar ist hier ein expliziter Poetikschalter: Der Erzähler begründet, warum er nach der Bitterkeit des Waldes nicht beim Schrecken verharrt. Er wählt das „ben“ als Thema und macht damit Auswahl zur Methode. Die Reise wird nicht nur erinnert, sie wird behandelt – in Ordnung überführt.
Die Fundstelle zeigt trattar in seiner dantesken Kernfunktion: als Verb, das den Übergang vom Erleben zur geordneten Darstellung markiert. Indem Dante sagt, er wolle „vom Guten“ sprechen, setzt er ein Verfahren gegen den Affektüberschuss des Anfangs. Trattar bedeutet nicht bloß „reden“, sondern „behandeln“: einen Stoff so durch die Hand gehen lassen, dass aus Erfahrung ein sinnvoller Bericht wird. Genau darin liegt die Poetik der Commedia: nicht die Menge des Erlebten, sondern die Form der Behandlung entscheidet, was als Erkenntnis bleibt.