Antonius Romanus
Überblick
Antonius Romanus, auch Antonius de Roma oder Antonio Romano, war ein Komponist des frühen 15. Jahrhunderts. Seine Lebensdaten sind unbekannt; die Tätigkeit wird gewöhnlich in die Zeit um 1400 bis 1432 gesetzt. Der Name spricht für eine Herkunft aus Rom, doch ist diese Herkunft nicht durch eine geschlossene biographische Urkundenreihe gesichert. Sicher greifbar wird Antonius vor allem im venezianischen und norditalienischen Quellenraum.
Der wichtigste biographische Anhaltspunkt ist seine Verbindung mit San Marco in Venedig. In der Forschung erscheint Antonius Romanus im Jahr 1420 als magister cantus beziehungsweise als Leiter der Chorschule an San Marco; weitere Nachweise bringen ihn mit der dortigen Sänger- und Kapellpraxis zwischen 1420 und 1432 in Verbindung. Damit gehört er zu den frühesten greifbaren Komponisten im musikalischen Umfeld der später so berühmten venezianischen Markus-Kapelle.
Sein erhaltenes Werk ist klein, aber musikhistorisch aussagekräftig. Überliefert sind zwei Gloria-Sätze, ein Credo, drei Motetten und eine fragmentarische italienische Ballata. Die meisten geistlichen Werke stehen in der Handschrift Bologna Q15, einer der größten und wichtigsten Sammlungen polyphoner Musik des frühen 15. Jahrhunderts. Die Ballata De s’i’ t’amo con fede madonna mia ist dagegen in Oxford Canonici misc. 213 überliefert.
Die Motetten sind besonders wichtig, weil sie politische und repräsentative Anlässe berühren. Ducalis sedes inclita / Stirps … veneti steht mit dem Dogen Tommaso Mocenigo in Verbindung, Carminibus festos / O requies populi mit Francesco Foscari, und Aurea flamigeri wird im Zusammenhang Gianfrancesco Gonzagas gelesen. Antonius steht damit im Feld der norditalienischen Staatsmotette, in dem Musik Herrschaft, Amt, Stadt, Fest und Erinnerung verdichtet.
Stilgeschichtlich ist Antonius Romanus eine Übergangsfigur zwischen spätmittelalterlicher Ars-nova-Tradition, isorhythmischer Motette, italienischer Trecento-Nachwirkung und früher Renaissancepolyphonie. Seine Musik zeigt die Nähe zu Johannes Ciconia und steht zugleich im Umfeld der jungen Generation um Guillaume Du Fay. Gerade diese Stellung macht ihn für eine Kulturgeschichte der Musik um 1400 wichtig.
Kurzdaten
| Name | Antonius Romanus. |
|---|---|
| Weitere Namensformen | Antonius de Roma, Antonio Romano, Romanus Antonius, Antonius Romanus dictus de Roma. |
| Geburt | Unbekannt; wahrscheinlich römischer Herkunft, doch ohne gesichertes Geburtsdatum und ohne urkundlich gesicherten Geburtsort. |
| Tod | Unbekannt. |
| Belegzeit | Ca. 1400–1432 tätig; im venezianischen Umfeld besonders zwischen 1420 und 1432 greifbar. |
| Beruf | Komponist, Sänger, Kirchenmusiker und magister cantus im frühen Quattrocento. |
| Herkunft | Wahrscheinlich Rom, erschlossen aus der Namensform Romanus beziehungsweise de Roma. |
| Wirkungsort | Venedig, besonders San Marco; außerdem norditalienischer Handschriftenraum zwischen Padua, Vicenza, Bologna und Venedig. |
| Hauptquellen | Bologna, Museo internazionale e biblioteca della musica, Q.15; Bologna, Biblioteca Universitaria, MS 2216; Oxford, Bodleian Library, Canonici misc. 213. |
| Hauptgattungen | Gloria, Credo, Messordinariumssatz, isorhythmische Motette, Staatsmotette und Ballata. |
| Erhaltene Werke | Zwei Gloria-Sätze, ein Credo, drei Motetten und eine fragmentarisch überlieferte Ballata. |
| Zentrale Motetten | Ducalis sedes inclita / Stirps … veneti, Carminibus festos / O requies populi und Aurea flamigeri. |
| Stilgeschichtliche Stellung | Übergang zwischen spätmittelalterlicher Polyphonie, Ciconia-Nachfolge, venezianischer Staatsmotette und früher Renaissancepolyphonie. |
| Datei | romanus-antonius.shtml. |
Namensformen, Herkunft und Quellenlage
Die moderne Lemmaform lautet Antonius Romanus. Die Variante Antonius de Roma ist in DIAMM als Namensvariante verzeichnet und erklärt die Herkunftsdeutung. Die italienische Normalform Antonio Romano wird in der Literatur ebenfalls verwendet, besonders wenn der Komponist in den venezianisch-italienischen Kontext gestellt wird. Für die Dateibezeichnung wird die Sortierform romanus-antonius.shtml verwendet, da Romanus hier die unterscheidende Namenserweiterung bildet.
Die Herkunft aus Rom ist wahrscheinlich, aber nicht endgültig gesichert. Der Name Romanus kann als Herkunftsbezeichnung verstanden werden; er ersetzt jedoch keine Tauf-, Bürger- oder Amtsurkunde. Für die Kulturlexikon-Darstellung ist deshalb die Formulierung „wahrscheinlich römischer Herkunft“ angemessen. Sie nimmt die musikwissenschaftliche Tradition auf und vermeidet zugleich eine zu feste biographische Behauptung.
Die Quellenlage ist für Antonius typisch für viele Komponisten des frühen Quattrocento. Eine geschlossene Lebensbeschreibung fehlt. Stattdessen ergeben sich Person und Werk aus verstreuten Amtsnachweisen, aus der Zuschreibung in Handschriften und aus der politischen Deutung einzelner Motetten. Die Biographie muss daher aus Musikquellen, venezianischem Institutionenkontext und Stilgeschichte erschlossen werden.
Die sicherste Werkbasis bietet DIAMM mit sieben Einträgen: Aurea flamigeri, Carminibus festos / O requies populi, De s’i’ t’amo con fede madonna mia, Ducalis sedes inclita / Stirps … veneti, zwei Gloria-Sätze mit dem Incipit Et in terra pax und das Credo Patrem / Factorem. Die meisten dieser Werke stehen in Bologna Q15; nur die fragmentarische Ballata ist in Oxford Canonici misc. 213 nachgewiesen.
Leben und venezianische Nachweise
Über das frühe Leben Antonius Romanus ist nichts Sicheres bekannt. Wenn die Herkunftsdeutung stimmt, stammte er aus Rom oder wurde zumindest in einem Zusammenhang wahrgenommen, der ihn als „römisch“ kennzeichnete. Seine überlieferte Musik und seine späteren Amtsbezüge führen jedoch nicht zuerst nach Rom, sondern nach Venedig und in den norditalienischen Handschriftenraum.
Der wichtigste biographische Befund ist seine Tätigkeit an San Marco. Dort erscheint Antonius um 1420 als magister cantus, also als für Gesangsausbildung und Chorschule verantwortlicher Musiker. Solche Funktionen waren für die Stadt Venedig von erheblicher Bedeutung. San Marco war nicht nur eine Kirche, sondern der liturgisch-repräsentative Raum der venezianischen Staatsmacht. Musik an San Marco hatte daher eine politische, pädagogische und zeremonielle Dimension.
Die weiteren Angaben zur Tätigkeit zwischen 1420 und 1432 verbinden Antonius mit der venezianischen Sängerpraxis. Ob er ununterbrochen in San Marco tätig war, lässt sich nicht in allen Einzelheiten sichern. Dennoch ist die Nähe zu Venedig durch die Motetten und durch die institutionellen Hinweise so stark, dass Antonius als frühe Figur der venezianischen Musikgeschichte gelten kann.
Sein letzter stilistisch und anlassgeschichtlich wichtiger Bezug führt in das Jahr 1432. Die Motette Aurea flamigeri wird mit Gianfrancesco Gonzaga und dessen triumphaler Rückkehr aus Mailand in Verbindung gebracht. Damit reicht der greifbare Horizont Antonius’ über Venedig hinaus in die norditalienische Herrschafts- und Repräsentationskultur.
San Marco, Chorschule und venezianische Musikkultur
San Marco war im frühen 15. Jahrhundert noch nicht die polychorale Klanginstitution des 16. Jahrhunderts, aber bereits ein zentraler Ort venezianischer Repräsentation. Die Basilika war eng mit dem Dogen, dem Staatszeremoniell und der politischen Theologie Venedigs verbunden. Ein magister cantus in diesem Umfeld war daher nicht bloß ein Musiklehrer, sondern Teil einer kirchlich-staatlichen Infrastruktur.
Die Chorschule hatte die Aufgabe, Sänger auszubilden und liturgische Praxis sicherzustellen. Für die Entwicklung einer Kapelltradition war dies entscheidend. Antonius Romanus steht an einem frühen Punkt dieser Entwicklung. Er gehört nicht zur späteren Epoche eines Willaert oder Gabrieli, sondern zu der älteren Schicht, in der Venedig noch stärker mit padovanischen, vicentinischen, römischen und internationalen Repertoires verbunden war.
Die venezianische Staatsmotette war ein besonders geeignetes Medium für diese Kultur. Sie konnte Dogenlob, Stadtmythos, Amtseinführung, dynastische Hoffnung und politische Kontinuität musikalisch formulieren. Antonius’ Motetten zu Mocenigo und Foscari zeigen, dass Musik an der Schnittstelle von Liturgie, Herrschaft und öffentlicher Feier stand.
Bologna Q15 und die handschriftliche Überlieferung
Die zentrale Quelle für Antonius Romanus ist Bologna Q15, heute Bologna, Museo internazionale e biblioteca della musica, Q.15. Diese Handschrift ist eine der bedeutendsten Anthologien polyphoner Musik des frühen 15. Jahrhunderts. Sie wurde im Veneto, zuerst in Padua und später in Vicenza, zwischen etwa 1420 und 1435 kompiliert und enthält eine außergewöhnlich breite Sammlung von Messsätzen, Motetten, Hymnen, Sequenzen, Lauden und Liedern.
Bologna Q15 ist für Antonius besonders wichtig, weil fast alle erhaltenen geistlichen Werke dort stehen. DIAMM zählt Antonio Romano in der Handschrift mit etwa sechs Werken. Damit ist er kein Hauptkomponist der Sammlung wie Du Fay, Johannes de Lymburgia, Arnold de Lantins oder Ciconia, aber ein klar erkennbarer italienischer Vertreter des frühen Quattrocento.
Die Motetten in Bologna Q15 sind für eine kulturgeschichtliche Deutung besonders ergiebig. Die Handschrift enthält Werke zu venezianischen Dogen, zu Gianfrancesco Gonzaga, zu kirchlichen Würdenträgern, zu Dominikanern, zu Eugenius IV. und zu Kaiser Sigismund. Antonius’ Motetten stehen somit in einem größeren Repertoire politischer und kirchlicher Repräsentation. Sie sind keine isolierten Kunststücke, sondern Teil einer handschriftlichen Gedächtniskultur.
Daneben ist Bologna 2216 für Ducalis sedes inclita / Stirps … veneti als weiterer Quellenzeuge wichtig. Die fragmentarische Ballata De s’i’ t’amo con fede madonna mia steht dagegen in Oxford Canonici misc. 213. Diese Verteilung zeigt, dass Antonius nicht nur im sakral-politischen Bologna-Q15-Kontext, sondern auch in der weltlichen Liedüberlieferung Spuren hinterließ.
Stil, Satztechnik und Gattungen
Antonius Romanus komponierte in einer Übergangszeit. Ältere Verfahren der spätmittelalterlichen Polyphonie, besonders Isorhythmie und mehrtextige Motette, blieben wirksam. Gleichzeitig entwickelte sich ein neuer, stärker klanglich und stimmlich integrierter Stil, der mit der frühen Renaissance verbunden wird. Antonius steht genau zwischen diesen Polen.
Die Messsätze, also die beiden Gloria-Vertonungen und das Credo, sind vierstimmig und zeigen die Nachwirkung Johannes Ciconias. Sie gehören zu einer frühen Phase, in der einzelne Ordinariumssätze, Gloria-Credo-Paare und größere Messzyklen in Handschriften nebeneinanderstehen. Bologna Q15 ist für diesen Entwicklungsschritt besonders aufschlussreich, weil die Handschrift zahlreiche Glorias und Credos enthält und sie teilweise zu Gruppen ordnet.
Die Motetten sind isorhythmisch und ebenfalls mehrstimmig. Sie verwenden Verfahren, bei denen rhythmische und melodische Strukturen in längeren Abschnitten organisiert werden. Zugleich sind sie anlassbezogen und textlich repräsentativ. Antonius nutzt also eine gelehrte Technik, um politische und zeremonielle Aussagen zu gestalten.
Die Ballata De s’i’ t’amo con fede madonna mia ist nur fragmentarisch überliefert. Sie zeigt dennoch, dass Antonius auch im Bereich der italienischen weltlichen Liedform greifbar war. Da nur eine Stimme erhalten ist und der Text fehlt beziehungsweise fragmentarisch problematisch überliefert ist, muss dieses Werk sehr vorsichtig behandelt werden.
Motette, Dogenlob und politische Repräsentation
Antonius’ Motetten sind zentrale Zeugnisse norditalienischer Repräsentationsmusik. Ducalis sedes inclita / Stirps … veneti wird mit Tommaso Mocenigo verbunden, der 1414 zum Dogen gewählt wurde. Die Motette gehört damit wahrscheinlich in den Kontext von Dogenlob, Amtsantritt und venezianischer Herrschaftssymbolik.
Carminibus festos / O requies populi wird mit Francesco Foscari verbunden, der 1423 Doge wurde. Das Werk steht in einem venezianischen politischen Zusammenhang, in dem die Musik die Person des Dogen, die Ruhe des Volkes, die Festlichkeit des Anlasses und die Kontinuität der Stadtordnung zusammenführt. Solche Motetten sind für die politische Kultur Venedigs außerordentlich wichtig.
Aurea flamigeri führt über Venedig hinaus. Die Motette wird mit Gianfrancesco Gonzaga und seinem militärisch-politischen Prestige in Verbindung gebracht. Dadurch zeigt Antonius’ Werk, dass die repräsentative Motette in Norditalien nicht nur venezianisch, sondern auch mantuanisch-gonzagisch und allgemein signorial verwendbar war.
Die Motette dieser Zeit ist ein musikalisches Medium öffentlicher Erinnerung. Sie kann Namen, Tugenden, Ämter, politische Ereignisse und geistliche Legitimation in einem komplexen polyphonen Satz verbinden. Antonius Romanus ist einer der Komponisten, an denen diese Funktion deutlich wird.
Ciconia, Du Fay und der frühe Quattrocento-Stil
Die stilistische Nähe zu Johannes Ciconia ist für Antonius Romanus wesentlich. Ciconia war einer der einflussreichsten Komponisten im norditalienischen Raum um 1400 und verband französische, italienische und niederländische Elemente. Antonius’ Messsätze und Motetten zeigen, dass diese Ciconia-Tradition nach 1412 weiterwirkte.
Gleichzeitig steht Antonius im Umfeld der frühen Werke Guillaume Du Fays. Du Fay ist in Bologna Q15 außerordentlich stark vertreten und wurde im Veneto-Kreis der Handschrift früh rezipiert. Wenn Antonius’ Musik stilistisch zwischen Ciconia und Du Fay steht, dann markiert sie einen wichtigen Übergang: von der spätmittelalterlichen Staatsmotette zur neuen internationalen Polyphonie des 15. Jahrhunderts.
Diese Zwischenstellung darf nicht als bloße Unentschiedenheit missverstanden werden. Antonius zeigt vielmehr die produktive Vielfalt der Zeit um 1420. Motette, Messsatz, Ballata, Dogenlob, venezianische Chorschule, römische Herkunftsbezeichnung und norditalienische Handschriftentradition bilden ein dichtes Feld kultureller Bewegung.
Kulturüberblick
Antonius Romanus gehört in eine Zeit, in der die Musik Norditaliens besonders stark international vernetzt war. Komponisten aus Italien, Frankreich, England, den Niederlanden und dem Reich begegneten einander in Handschriften, Kapellen, Höfen, Konzilien, Universitätsstädten und Kirchen. Bologna Q15 ist ein monumentales Zeugnis dieser Vernetzung. In dieser Handschrift stehen Komponisten wie Ciconia, Zacara da Teramo, Du Fay, Arnold de Lantins, Hugo de Lantins, Johannes de Lymburgia und Antonius Romanus nebeneinander.
Der venezianische Kontext ist dabei besonders wichtig. Venedig entwickelte im 15. Jahrhundert eine eigene musikalische Identität, die später zur berühmten Markus-Tradition führen sollte. Antonius gehört noch zur frühen Schicht: zu einer Zeit, in der die Kapellstruktur, die Chorschule, die Dogenfeier und die Rezeption internationaler Polyphonie zusammenwuchsen.
Die Staatsmotette ist ein Schlüssel zur Kultur dieser Epoche. Sie macht politische Ereignisse musikalisch erinnerbar. Die Wahl eines Dogen, die Feier einer Herrscherfigur, die Rückkehr eines Condottiere oder der Ruhm einer Stadt werden in komplexe Polyphonie gefasst. Antonius Romanus zeigt, dass Komponisten nicht nur liturgische Dienstleister waren, sondern an der symbolischen Produktion politischer Ordnung beteiligt waren.
Gleichzeitig ist seine Musik liturgisch verwurzelt. Gloria und Credo gehören zum Messordinarium; ihre vierstimmige Anlage zeigt die zunehmende Bedeutung mehrstimmiger Musik im kirchlichen Festzusammenhang. Die Handschrift Bologna Q15 belegt, dass solche Sätze gesammelt, geordnet, umgearbeitet und über längere Zeit benutzt wurden. Musik war nicht nur Aufführung, sondern auch Archiv, Gedächtnis und Repertoirepolitik.
Für die Kulturgeschichte des Übergangs vom Mittelalter zur Renaissance ist Antonius Romanus daher ein kleiner, aber prägnanter Name. Er steht nicht für ein umfangreiches Œuvre, sondern für eine Konstellation: Rom als vermutete Herkunft, Venedig als Wirkungsort, Bologna Q15 als Überlieferungsraum, Ciconia als stilistischer Hintergrund, Du Fay als Zukunftshorizont und die Motette als Medium politischer Klangrede.
Werkverzeichnis
Das Werkverzeichnis folgt dem derzeit gut greifbaren Kernbestand aus DIAMM und der musikwissenschaftlichen Literatur. Überliefert sind zwei Gloria-Sätze, ein Credo, drei Motetten und eine fragmentarische Ballata. Bei einzelnen Werken, besonders Ducalis sedes inclita / Stirps … veneti, ist die Zuschreibung beziehungsweise Textform quellenkritisch vorsichtig zu behandeln.
Messordinarium
| Et in terra pax [Gloria I] | Vierstimmiger Gloria-Satz, überliefert in Bologna Q15. Das Incipit verweist auf den liturgischen Beginn des Gloria nach der Intonation. Der Satz gehört zum Kernbestand der geistlichen Werke Antonius Romanus und zeigt seine Einbindung in die frühe Quattrocento-Praxis mehrstimmiger Messsätze. |
|---|---|
| Et in terra pax [Gloria II] | Weiterer vierstimmiger Gloria-Satz, ebenfalls in Bologna Q15 überliefert. Die Existenz zweier Gloria-Sätze unterstreicht die Bedeutung des Gloria als bevorzugter polyphoner Messsatz im frühen 15. Jahrhundert. |
| Patrem / Factorem [Credo] | Vierstimmiger Credo-Satz, überliefert in Bologna Q15. Die Incipits Patrem und Factorem bezeichnen wichtige Textabschnitte des Credo. Das Werk steht in der frühen Entwicklung größerer Messordinariumszusammenhänge und zeigt die Nähe zu Ciconias Satztradition. |
Motetten
| Aurea flamigeri / Aurea flamigeri | Motette, überliefert in Bologna Q15. Das Werk wird mit Gianfrancesco Gonzaga und einem repräsentativen Anlass um 1432 in Verbindung gebracht. Die doppelte beziehungsweise gleichlautende Textangabe in DIAMM zeigt die Notwendigkeit genauer Quellenprüfung. Das Stück gehört zu den politisch-repräsentativen Motetten Antonius Romanus. |
|---|---|
| Carminibus festos / O requies populi | Isorhythmische Motette, überliefert in Bologna Q15. Sie wird mit Francesco Foscari verbunden, der 1423 Doge von Venedig wurde. Die Motette gehört zu den wichtigsten Beispielen venezianischer Dogenmusik im frühen Quattrocento. |
| Ducalis sedes inclita / Stirps … veneti | Motette, in DIAMM mit Fragezeichen beziehungsweise quellenkritischer Vorsicht geführt; überliefert in Bologna Q15 und Bologna, Biblioteca Universitaria, MS 2216. Das Werk wird mit Tommaso Mocenigo verbunden, der 1414 zum Dogen gewählt wurde. Es ist ein zentrales Beispiel für Dogenlob und Staatsmotette. |
Weltliche Musik
| De s’i’ t’amo con fede madonna mia | Fragmentarisch überlieferte Ballata beziehungsweise weltliches italienisches Lied, nach DIAMM in Oxford, Bodleian Library, Canonici misc. 213. Erhalten ist nur ein Teil der musikalischen Überlieferung; der Textbestand ist problematisch. Das Werk zeigt dennoch, dass Antonius nicht ausschließlich geistliche und repräsentative Musik schrieb. |
|---|
Zusammenfassung nach Werkgruppen
| Gloria-Sätze | Zwei vierstimmige Gloria-Sätze mit dem Incipit Et in terra pax, beide in Bologna Q15 überliefert. Sie zeigen Antonius als Komponisten liturgischer Mehrstimmigkeit im frühen 15. Jahrhundert. |
|---|---|
| Credo | Ein vierstimmiger Credo-Satz Patrem / Factorem, überliefert in Bologna Q15. Das Werk gehört zur Entwicklung früher Ordinariumspraxis und weist stilistische Nähe zu Ciconia auf. |
| Isorhythmische Motetten | Drei Motetten, die mit venezianischen und norditalienischen Herrschaftsanlässen verbunden sind. Sie verbinden gelehrte isorhythmische Satztechnik mit politischer Repräsentation. |
| Ballata | Eine fragmentarische Ballata in Oxford Canonici misc. 213. Sie erweitert das Profil Antonius’ in Richtung italienischer weltlicher Liedtradition, bleibt aber quellenkritisch fragmentarisch. |
| Unsichere und verlorene Werke | Weitere Werke sind derzeit nicht sicher nachweisbar. Wegen der fragmentarischen Handschriftenüberlieferung des frühen 15. Jahrhunderts ist Verlust wahrscheinlich, doch dürfen verlorene Werke nicht konkret rekonstruiert werden. |
Rezeption und Nachwirkung
Antonius Romanus gehört nicht zu den großen kanonischen Namen der frühen Renaissance, ist aber für die Spezialgeschichte der norditalienischen Polyphonie von erheblichem Interesse. Seine Werke werden vor allem im Zusammenhang von Bologna Q15, San Marco, venezianischer Staatsmotette, Ciconia-Nachwirkung und Du-Fay-Umfeld behandelt.
In der Aufführungspraxis erscheint Antonius gelegentlich in Programmen zur Musik des frühen 15. Jahrhunderts, besonders mit Motetten wie Carminibus festos / O requies populi, Ducalis sedes inclita und Aurea flamigeri. Solche Aufführungen machen hörbar, dass die Staatsmotette dieser Zeit eine eigene Klangsprache besitzt: feierlich, strukturiert, textlich dicht und historisch konkret.
Die Forschung nutzt Antonius besonders als Vergleichsfigur. Seine Nähe zu Ciconia zeigt, wie dessen Stil nachwirkte; seine Stellung neben Du Fay in Bologna Q15 zeigt, wie schnell sich neue polyphone Verfahren ausbreiteten; seine San-Marco-Verbindung zeigt die Frühgeschichte venezianischer Kirchenmusik. Die Nachwirkung besteht daher weniger in direkter Schulbildung als in seiner Funktion als Knotenpunkt.
Editorische Hinweise
Bei Antonius Romanus ist das Werkverzeichnis eng an die Handschriftenüberlieferung gebunden. Die wichtigsten Signaturen sind Bologna Q15, Bologna 2216 und Oxford Canonici misc. 213. Für jede Zuschreibung sollten DIAMM, RISM, moderne Editionen und Spezialliteratur miteinander verglichen werden.
Die Motette Ducalis sedes inclita / Stirps … veneti ist besonders vorsichtig zu behandeln, da DIAMM die Zuschreibung beziehungsweise den Eintrag mit Fragezeichen führt und die Textform teilweise unsicher beziehungsweise verkürzt wiedergegeben wird. Für die Kulturlexikon-Darstellung bleibt sie jedoch wegen der Überlieferung in Bologna Q15 und Bologna 2216 sowie wegen der Dogenbezüge unverzichtbar.
Die Ballata De s’i’ t’amo con fede madonna mia ist nur fragmentarisch überliefert. Sie sollte nicht als vollständig rekonstruierbares weltliches Werk dargestellt werden. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie Antonius’ Werkprofil über die sakral-politische Motette hinaus erweitert.
Die Seite verzichtet auf Bilder. Für eine spätere quellenorientierte Erweiterung wären Faksimile-Seiten aus Bologna Q15 oder Oxford Canonici misc. 213 sachlich sinnvoller als ein Porträt, da kein gesichertes Bildnis Antonius Romanus bekannt ist.
Sekundärliteratur
- Allsen, J. Michael (Hrsg.): Motets and Cantilenas in Early 15th-Century Italy. Recent Researches in the Music of the Middle Ages and Early Renaissance. Madison 2009.
- Bent, Margaret: A Contemporary Perception of Early Fifteenth-Century Style: Bologna Q15 as a Document of Scribal Editorial Initiative. In: Musica Disciplina 41, 1987.
- Bent, Margaret: Bologna Q15: The Making and Remaking of a Musical Manuscript. Lucca 2008/2009.
- Cumming, Julie E.: Music for the Doge in Early Renaissance Venice. In: Speculum 67, 1992.
- Cumming, Julie E.: The Motet in the Age of Du Fay. Cambridge 1999.
- Cuthbert, Michael Scott: Bologna Q15: The Making and Remaking of a Musical Manuscript. Dissertation, Harvard University 2010.
- Fallows, David; Seay, Albert: Antonius Romanus. In: Grove Music Online.
- Gallo, F. Alberto: Studien zu Bologna Q15, norditalienischer Polyphonie und Handschriftenüberlieferung des frühen Quattrocento.
- Nosow, Robert: Ritual Meanings in the Fifteenth-Century Motet. Cambridge 2012.
- Reaney, Gilbert: Studien zu Oxford Canonici misc. 213 und zum internationalen Stil des frühen 15. Jahrhunderts.
- Reese, Gustave: Music in the Renaissance. New York 1954.
- Seay, Albert: Antonius Romanus. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. London 1980.
- Strohm, Reinhard: The Rise of European Music, 1380–1500. Cambridge 2005.
- Wright, Craig: Studien zu Musik, Institutionen und Kapellen des 15. Jahrhunderts im italienisch-französischen Kontext.
Ausgewählte Onlinequellen
- DIAMM: Romanus, Antonius Zentrale Personenseite mit Namensvariante Antonius de Roma, RISM-Verknüpfung und Werk-/Quellennachweisen zu Bologna Q15, Bologna 2216 und Oxford Canonici misc. 213.
- DIAMM: I-Bc Q.15 Quellenseite zu Bologna Q15 mit Beschreibung als große internationale Anthologie polyphoner Musik des frühen 15. Jahrhunderts und mit Angaben zu Entstehung, Inhalt, Motettenkontext und vertretenen Komponisten.
- JSTOR: Julie E. Cumming, Music for the Doge in Early Renaissance Venice Fachaufsatz zur venezianischen Dogenmusik mit Antonius Romanus im Kontext von San Marco, magister cantus und staatlich-repräsentativer Motette.
- LIM: Bologna Q15 – The Making and Remaking of a Musical Manuscript Verlagsseite zur Faksimile- und Studienausgabe Margaret Bents, wichtig für die Handschriften- und Quellenkontexte von Antonius Romanus.
- MGG Online: Antonius Romanus Fachlexikalischer Artikel mit Grunddaten, Tätigkeit ca. 1400–1432, wahrscheinlicher römischer Herkunft und musikhistorischer Einordnung.
- Musica International: Romanus, Antonius Chor- und Komponistendatenbank mit Basisdaten zu Antonius Romanus als italienischem Komponisten des 15. Jahrhunderts.
- OMI: Bologna Q15 Informationsseite zur Faksimile-Ausgabe von Bologna Q15 mit Beschreibung der Handschrift als zentraler Quelle frühquattrocentischer Polyphonie.
- RISM Online: Antonius Romanus Internationaler Quellen- und Normdatensatz zu Antonius Romanus beziehungsweise Antonius de Roma.
Weiterführende Einträge
- Ars nova Spätmittelalterlicher Stil- und Notationshorizont, aus dem die Musik Antonius Romanus hervorgeht.
- Ballata Italienische weltliche Liedform, die im fragmentarischen Werk De s’i’ t’amo con fede madonna mia berührt wird.
- Bologna 2216 Wichtiger Quellenzeuge für Ducalis sedes inclita / Stirps … veneti.
- Bologna Q15 Hauptquelle der erhaltenen geistlichen Werke Antonius Romanus und zentrale Anthologie der frühen Quattrocento-Polyphonie.
- Johannes Ciconia Stilistische Hauptvergleichsfigur für Antonius Romanus und die norditalienische Polyphonie um 1400.
- Credo Messordinariumssatz, der in Antonius’ Werk durch Patrem / Factorem vertreten ist.
- Guillaume Du Fay Komponist der nachfolgenden Generation, dessen frühe Werke in Bologna Q15 neben Antonius’ Musik stehen.
- Francesco Foscari Doge von Venedig, mit dem Antonius’ Motette Carminibus festos / O requies populi verbunden wird.
- Gianfrancesco Gonzaga Mantuanischer Herrscher und Condottiere, mit dessen Repräsentationskontext Aurea flamigeri verbunden wird.
- Gloria Liturgischer Messsatz, von Antonius Romanus in zwei vierstimmigen Vertonungen überliefert.
- Isorhythmie Strukturverfahren der spätmittelalterlichen Motette, das für Antonius’ repräsentative Motetten zentral ist.
- Markuskapelle Venezianische Kirchen- und Staatskapelle, deren Frühgeschichte durch Antonius Romanus berührt wird.
- Messordinarium Liturgischer Rahmen der Gloria- und Credo-Sätze Antonius Romanus.
- Motette Zentrale Gattung der erhaltenen repräsentativen Werke Antonius Romanus.
- Oxford Canonici misc. 213 Handschrift, in der die fragmentarische Ballata Antonius Romanus überliefert ist.
- Padua Wichtiger Entstehungs- und Kompilationsraum von Bologna Q15 und der norditalienischen Musik um 1420.
- Polyphonie Mehrstimmige Satzkunst, in deren frühquattrocentischer Entwicklung Antonius Romanus steht.
- Quattrocento Italienisches 15. Jahrhundert und historischer Rahmen von Antonius’ Tätigkeit.
- RISM Internationales Quellenlexikon, das Norm- und Quellenangaben zu Antonius Romanus verzeichnet.
- Rom Wahrscheinlicher Herkunftsort beziehungsweise Herkunftsbezug der Namensform Antonius de Roma.
- San Marco in Venedig Wirkungsort Antonius Romanus als magister cantus und frühe Institution venezianischer Kirchenmusik.
- Staatsmotette Repräsentative Motettengattung, in der Dogen, Herrscher und politische Ereignisse musikalisch gefeiert wurden.
- Tommaso Mocenigo Doge von Venedig, mit dessen Wahl Antonius’ Motette Ducalis sedes inclita verbunden wird.
- Venedig Zentraler Wirkungs- und Repräsentationsraum Antonius Romanus.
- Vicenza Wichtiger Kompilationsraum der späteren Stadien von Bologna Q15.
- Antonio Zacara da Teramo Italienischer Komponist der Übergangszeit um 1400 und wichtiger Vergleichsname im Bologna-Q15-Umfeld.