Kulturlexikon · Sprachform / Italienisch, Verb, passato remoto, Präfix re-, Selbstfindung und Verirrung, Narratologie, Dante, Divina Commedia

Ritrovai

Ritrovai ist die Form des passato remoto (1. Person Singular) von ritrovare: „ich fand wieder“, „ich fand wieder auf“ – und in einer sehr produktiven Lesart: „ich fand mich wieder“. Die danteske Berühmtheit des Wortes liegt nicht in einer spektakulären Semantik, sondern in der Szene, die es eröffnet. In „mi ritrovai“ wird das Wiederfinden paradox: Das Ich findet kein Objekt, sondern sich selbst in einer Situation, die es nicht mehr überblickt. Das Verb markiert einen Umschlag von unbewusstem Fortgehen zu plötzlichem Sich-vorfinden: ein Erwachen in der Mitte des Weges.

1. Grammatikalische Erklärung

Ritrovai gehört zum Verb ritrovare, das sich aus dem Präfix ri- (Wiederholung, Rückkehr, erneutes Auftreten) und trovare („finden“) zusammensetzt. Es ist morphologisch ein transparentes Re-Verbum: „wieder-finden“. Die Form ritrovai ist 1. Person Singular im passato remoto (historische/erzählerische Vergangenheit), also die erzähltypische Zeitform für abgeschlossene Ereignisse in literarischem Italienisch und insbesondere in älterer Dichtung: io ritrovai.

Syntaktisch kann ritrovare transitiv sein: ritrovai la strada („ich fand den Weg wieder“), ritrovai un amico („ich traf/wiederfand einen Freund“). Gleichzeitig besitzt es eine starke reflexive und mediopassive Lesbarkeit, entweder explizit reflexiv (mi ritrovai) oder in idiomatischen Konstruktionen, in denen das Subjekt nicht aktiv „findet“, sondern „sich vorfindet“: Das Verb rückt dann näher an deutsche Wendungen wie „sich plötzlich wiederfinden“, „sich auf einmal an einem Ort/Zustand vorfinden“.

Die Kombination mit dem klitischen Pronomen mi ist grammatisch doppeldeutig – und gerade diese Doppeldeutigkeit ist literarisch fruchtbar. Sie kann als Reflexivkonstruktion gelesen werden („ich fand mich wieder“) oder als Konstruktion der Situationsentdeckung („ich fand mich [dort] vor“). In beiden Fällen verschiebt sich das Gewicht vom aktiven Finden zum Zustand des Gefundenseins: Das Ich ist zugleich Finder und Gefundenes.

Als Zeitform markiert der passato remoto ein punktuelles Ereignis mit klarer Grenze: Ein Umschlag ist passiert. Das passt zur dantesken Szene, in der das Subjekt nicht langsam erkennt, sondern plötzlich „da ist“: im Wald, im Irrtum, in der Mitte.

2. Bedeutungsfelder

Im Grundsinn bedeutet ritrovare „wiederfinden“: Etwas Verlorenes kehrt in die Verfügung zurück. Doch das Feld weitet sich rasch aus. Zum Wiederfinden gehört das Wiedererkennen (ein Gesicht, eine Stimme, eine Wahrheit), das Wiedergewinnen (Mut, Kraft, Richtung), und das Wiederauffinden eines Weges oder einer Ordnung. In vielen Kontexten kann ritrovare daher auch „wieder antreffen“ bedeuten, ohne dass zuvor ein konkretes Verlieren erzählt werden muss: Man trifft etwas, das wie eine Rückkehr wirkt.

Eine entscheidende literarische Erweiterung ist die Bedeutung „sich wiederfinden“. Sie kann zwei Varianten annehmen. Erstens die existenzielle: Das Ich gewinnt Identität zurück, findet sich selbst. Zweitens die szenische: Das Ich findet sich an einem Ort oder in einem Zustand wieder, oft überraschend, manchmal wider Willen. Diese zweite Variante ist narratologisch besonders wichtig, weil sie den Übergang vom unmarkierten Verlauf zur markierten Situation formuliert. „Mi ritrovai“ heißt dann: Ohne dass ich es geplant habe, bin ich hier – und muss nun verstehen, wie ich hierher kam.

Damit berührt ritrovai das Feld der Schwelle. Ein Wiederfinden ist eine Grenzbewegung: zwischen Verlust und Besitz, Unwissen und Wissen, Orientierung und Orientierungslosigkeit. In erzählenden Texten ist es oft der Punkt, an dem Erinnerung einsetzt, an dem der Plot sich sammelt, an dem der Raum plötzlich Sinn bekommt. Das Verb trägt eine implizite Frage mit: Was ist vorher passiert, dass dieses Wiederfinden nötig wurde?

Schließlich besitzt ritrovare eine subtile Affinität zur Idee der Providenz oder des „Geführtwerdens“. Wenn man sich „wiederfindet“, scheint etwas anderes die Szene vorbereitet zu haben. Literatur kann diese Spannung nutzen: zwischen eigenem Handeln und fremder Fügung, zwischen Irrtum und Führung, zwischen Zufall und Ordnung.

3. Bedeutung für Dante und Gebrauch in der Divina Commedia

Dantes Auftakt ist eine Szene des abrupten Bewusstwerdens: „Nel mezzo del cammin di nostra vita / mi ritrovai per una selva oscura“. Das Verb ritrovai steht genau dort, wo der Text vom allgemeinen Horizont („unser Leben“, „der Weg“) in die konkrete Situation kippt: Jetzt ist da ein Ich, und dieses Ich ist im dunklen Wald. Nicht „ich ging“ oder „ich kam“, sondern: „ich fand mich wieder“. Damit setzt Dante nicht Bewegung, sondern Zustand als Ausgangspunkt. Die Reise beginnt nicht mit einem Entschluss, sondern mit einer Lage.

In mi ritrovai steckt die danteske Anthropologie in Miniatur. Das Subjekt ist nicht souverän, sondern verstrickt. Es kann nicht vollständig erklären, wie es an diesen Ort gelangt ist; der Vers lässt das „Wie“ offen und setzt die Tatsache des Vorfindens. Diese Offenheit ist poetisch entscheidend: Der Wald ist nicht nur Ort, er ist Symptom. Ritrovai markiert die Stelle, an der die Verirrung als Verirrung erkannt wird – und damit überhaupt erst zur erzählbaren Krise wird.

Der passato remoto verstärkt den Charakter des Ereignisses. Es ist ein Punkt, kein Fluss: ein Umschlag in der Zeit. Genau so funktioniert die danteske „Mitte“: nicht als ruhiger Mittelpunkt, sondern als Moment, in dem Orientierung bricht und ein neuer Deutungsrahmen nötig wird. Ritrovai ist hier das Verb des Umschlags: vom unbewussten Leben zum bewusst gewordenen Leben, vom Fortgehen zum Sich-Fragen, vom bloßen Dasein zum Urteil über das eigene Dasein.

Zudem verbindet ritrovai zwei Bewegungen, die Dante durch das ganze Gedicht hindurch beschäftigen: Verlust und Rückgewinnung. Man verliert den rechten Weg, man gewinnt Ordnung zurück; man verliert Klarheit, man gewinnt Einsicht; man verliert Maß, man findet Maß. Dass die Reise mit einem „Wiederfinden“ beginnt, ist darum paradox und programmatisch zugleich: Das Gedicht setzt am Punkt an, wo das Wiederfinden überhaupt erst nötig wird.

So wird ritrovai im dantesken Kontext zu einem Scharnierwort zwischen narrativer Technik und metaphysischer Struktur. Erzählerisch erzeugt es Unmittelbarkeit und Rätsel; existentiell setzt es die Erfahrung des Getroffenseins; theologisch lässt es die Möglichkeit einer Führung durchscheinen, die hinter dem Vorfinden stehen könnte. Das kleine Verb trägt damit die ganze Ausgangslage der Commedia: Verirrung, Erwachen, Anfang.

Schluss

Ritrovai ist grammatisch eine simple Vergangenheitsform, semantisch aber ein Ereigniswort. Es bedeutet Wiederfinden, Wiedergewinnen, Wiedererkennen – und in der reflexiven Lesart: das plötzliche Sich-vorfinden in einer Lage. In Dantes „mi ritrovai“ ist diese Lesart zentral: Die Reise beginnt nicht mit dem Heldentum des Handelns, sondern mit der Wahrheit der Betroffenheit. Das Ich erwacht in einem Zustand, der erklärt werden muss.

Gerade deshalb ist ritrovai ein Schlüssel der dantesken Poetik. Es setzt die Mitte als Umschlag, den Wald als Symptom, und die Erzählung als Antwortversuch auf die Frage, wie man dorthin kam – und wie man wieder herausfindet. Das Wiederfinden ist hier nicht Rückkehr zu einem Objekt, sondern der Beginn einer Ordnung, die erst noch gefunden werden muss.

Konkordanz

  1. mi ritrovai per una selva oscura