Kulturlexikon · Sprachform / Italienisch, Demonstrativ (quel = verkürzte Form von quello, mask. Sg.), Deixis und Identifikation, Situationsfixierung („a quel punto“), Autorisierung/Benennung („quel Virgilio“), Relativ-Demonstrativ („quel che…“), Bezug/Instrument („con quel gigante“), Erscheinungs- und Affektmarker („con quel sembiante“), Blick- und Dringlichkeitslogik („quel c’ha maggior fretta“), Dante, Divina Commedia

Quel

Quel heißt: „jener“ oder „dieser“ – je nach Nähe, Kontext und Blickrichtung. Bei Dante ist es ein kleines Wort, das große Arbeit leistet: Es macht Welt bestimmbar. Wer durch Hölle, Läuterungsberg und Paradies geht, muss lernen, zu unterscheiden: diese Gestalt ist die und nicht eine andere; dieses Ereignis gehört zu jenem Ursprung; dieser Punkt ist der entscheidende. Quel ist die Grammatik dieser Zuordnung. Es fixiert einen Moment („an jenem Punkt“), es identifiziert Autorität („jener Vergil“), es bündelt Reste („was übrig blieb“), es markiert Begleit- und Bezugsgrößen („mit jenem Riesen“), und es prägt Erscheinung („mit jenem Ausdruck“). In der Commedia ist quel daher nicht bloß Zeigewort, sondern Ordnungsoperator: Es zieht Linien des Erkennens.

1. Grammatikalische Erklärung

Quel ist die verkürzte (apokopierte) Form von quello im Maskulin Singular. Es steht vor maskulinen Substantiven und erfüllt die Funktion eines Demonstrativs („jener/dieser“). In der dantesken Sprache ist die verkürzte Form häufig, weil sie metrisch günstiger ist und den Versfluss verdichtet.

Neben der attributiven Verwendung (quel Virgilio, quel punto) ist bei Dante besonders die Konstruktion quel che wichtig. Sie verbindet Demonstrativ und Relativ: „das, was…“ bzw. „derjenige, der…“. Damit kann Dante Reste, Folgen oder Identitäten bündeln, ohne sie sofort im Detail aufzuschlüsseln: Ein ganzer Komplex wird als „das, was blieb“ oder „das, was du schufst“ syntaktisch eingefangen.

Auch in Präpositionalgruppen funktioniert quel als Bezugsträger (con quel gigante), und in Wahrnehmungs- und Affektformeln kann es Erscheinung qualifizieren (con quel sembiante). So ist quel ein deiktisches Werkzeug, das sowohl Raum/Zeit als auch Person/Qualität festlegt.

2. Bedeutungsfelder: Deixis, Identifikation, Autorisierung, Rest-Bündelung, Affektform

Das erste Feld von quel ist Deixis: das Zeigen auf einen Punkt, einen Moment, einen Gegenstand. „An jenem Punkt“ macht einen Zustand erzählerisch lokalisierbar. Das Demonstrativ wirkt wie ein Fingerzeig in den Text: Hier ist die Stelle, an der etwas kippt.

Das zweite Feld ist Identifikation. „Bist du jener Vergil?“ – quel ist hier ein Prüfzeichen. Erkennen heißt: den Namen an die Gestalt binden. Die Reise beginnt mit der richtigen Zuordnung der Autorität, und quel ist das grammatische Signal, dass Identität nicht selbstverständlich, sondern zu bestätigen ist.

Das dritte Feld ist Autorisierung und Wertsetzung. „Ich sang von jenem Gerechten“: Das Demonstrativ kann Ehrung und Distanz zugleich tragen. Es stellt eine Figur als bekannt, genannt, maßgeblich hin – nicht irgendein Gerechter, sondern der Gerechte, auf den verwiesen werden kann.

Ein viertes Feld ist die Rest-Bündelung in quel che-Konstruktionen. „Was übrig blieb“ ist nicht nur Information, sondern Narrationstechnik: Der Text fasst Folgen zusammen, macht aus Trümmern eine Einheit. Quel schafft Kohärenz über Zeigen.

Ein fünftes Feld ist die Affekt- und Erscheinungsform. „Mit jenem Ausdruck“: Quel bindet das Gesicht, die Haltung, den Ton an eine konkrete Qualität, die im Moment sichtbar wird. So wird Affekt nicht abstrakt, sondern als „dieser bestimmte Ausdruck“ erfahrbar.

3. Quel als Poetik: Ordnung durch Benennung und Blick

Dante erzählt Erkenntnis als Benennung. Wer im Jenseits unterwegs ist, muss Dinge richtig sehen und richtig nennen. Quel ist das kleine Werkzeug, mit dem diese Richtigkeit in den Satz eingebaut wird. Es sagt: nicht irgendein Punkt, sondern jener; nicht irgendein Mann, sondern der; nicht irgendein Ausdruck, sondern dieser konkrete.

Darum passt quel besonders gut in Szenen, in denen Blick und Dringlichkeit verschaltet sind. Wenn es heißt, dass sich „derjenige, der am meisten eilt“, in einer bestimmten Weise dreht, dann verbindet quel Personbestimmung mit Bewegungslogik. Zeigen ist hier nicht nur Referenz, sondern Teil der Dynamik: Der Eilige ist der Eilige – und so verhält er sich.

So wird sichtbar, dass Deixis in der Commedia nicht nebensächlich ist. Sie ist ein Ordnungsprinzip: Welt wird durch Zeigen stabilisiert.

Fazit

Quel ist bei Dante das Demonstrativ der Zuordnung. Als verkürzte Form von quello zeigt es auf Punkte, identifiziert Personen, autorisiert Werte, bündelt Reste in quel che-Konstruktionen und qualifiziert Erscheinung und Affekt. In den Fundstellen tritt es als Situationsfixierung („a quel punto“), als Identitätsprüfung („quel Virgilio“), als Rückbindung an Autorität („di quel giusto“), als Restformel („Quel che rimase“), als Bezugs- und Begleitmarker („con quel gigante“) sowie als Ausdrucks- und Blickmarker („con quel sembiante“, „quel c’ha maggior fretta“) auf. So ist quel ein kleines Wort, das Dantes große Aufgabe im Kleinen leistet: Ordnung durch richtiges Zeigen.

4. Fundstellen in der Divina Commedia

    tant' era pieno di sonno a quel punto
    so voll war ich von Schlaf an jenem Punkt
    Inferno, Canto 1, Vers 11
    Quel fixiert die Szene deiktisch: „an jenem Punkt“ macht den Zustand lokalisierbar und zeigt einen Knotenmoment. Das Zeigewort ist hier Ordnungszeichen im Fluss der Erzählung.

    Poeta fui, e cantai di quel giusto
    Dichter war ich, und ich sang von jenem Gerechten
    Inferno, Canto 1, Vers 73
    Quel setzt Autorität durch Verweis: Der „Gerechte“ ist nicht beliebig, sondern der bekannte Maßpunkt. Das Demonstrativ macht aus einer Kategorie (gerecht) eine bestimmte Referenz.

    Or se' tu quel Virgilio e quella fonte
    Bist du nun jener Vergil und jene Quelle
    Inferno, Canto 1, Vers 79
    Quel ist Identitätsprüfung. Der Sprecher erkennt, aber er bestätigt durch Deixis: diese Gestalt ist „jener“ Vergil. Das Zeigen bindet Name und Körper zusammen und autorisiert Führung.

    Quel che rimase, come da gramigna
    Was übrig blieb, wie (etwas) von Unkraut
    Purgatorio, Canto 32, Vers 136
    Quel che bündelt Folgen und Reste. Das Demonstrativ macht aus dem Rest eine Einheit: „das, was blieb“. So entsteht Kohärenz, ohne dass alles einzeln aufgezählt werden muss.

    a me rivolse, quel feroce drudo
    wandte sich zu mir, jener wilde Knecht/Liebhaber
    Purgatorio, Canto 32, Vers 155
    Quel individualisiert die Gestalt durch Zeigen: nicht irgendein „drudo“, sondern dieser bestimmte. Das erhöht die Szene: die Aufmerksamkeit wird auf eine konkrete Figur gezogen.

    con quel gigante che con lei delinque.
    mit jenem Riesen, der mit ihr Verbrechen begeht.
    Purgatorio, Canto 33, Vers 45
    Quel fungiert als Bezugsmarker in der Präpositionalgruppe: „mit jenem Riesen“. Der Riese wird als bestimmte, bereits sichtbare/kontextuell bekannte Größe gesetzt – ein deiktischer Anker im Geschehen.

    S'i' era sol di me quel che creasti
    Wenn ich allein aus mir das wäre, was du erschufst
    Paradiso, Canto 1, Vers 73
    Quel che bindet Identität an Schöpfung: „das, was du erschufst“. Die Konstruktion fasst das Selbst als Werkzusammenhang – und macht die Frage nach Autonomie deiktisch formulierbar.

    li occhi drizzò ver' me con quel sembiante
    er richtete die Augen zu mir mit jenem Ausdruck
    Paradiso, Canto 1, Vers 101
    Quel qualifiziert Erscheinung: ein bestimmter „sembiante“ wird gezeigt, nicht abstrakt beschrieben. Affekt wird als konkrete Sichtbarkeit fixiert – „dieser Ausdruck“ als Index einer Haltung.

    nel qual si volge quel c'ha maggior fretta ;
    in welcher Weise sich derjenige wendet, der am meisten eilt;
    Paradiso, Canto 1, Vers 123
    Quel dient hier als generisches Demonstrativ: „derjenige, der…“. Es verbindet Personbestimmung und Bewegungslogik: Dringlichkeit wird in ein typisches Verhalten übersetzt, das durch Zeigen („der da“) verallgemeinert wird.

Die Fundstellen zeigen quel als Ordnungsoperator der Deixis. Es fixiert einen erzählerischen Knotenpunkt („a quel punto“), autorisiert kulturelle Referenzen („di quel giusto“), ermöglicht Identitätsbestätigung („quel Virgilio“), bündelt Reste und Resultate in quel che-Formeln, verankert Bezugsgrößen in Präpositionalgruppen („con quel gigante“), macht Affekt als konkreten Ausdruck sichtbar („con quel sembiante“) und kann sogar generisch typisieren („quel c’ha maggior fretta“). So wird das kleine Demonstrativ zur Grammatik des Erkennens: Dantes Welt wird nicht nur erzählt, sie wird gezeigt – und quel ist das Zeichen dieses Zeigens.