Kulturlexikon · Sprachform / Italienisch, Possessiv, Wir-Rhetorik, Zugehörigkeit und Kollektiv, Inklusion/Exklusion, Dante, Divina Commedia

Nostra

Nostra ist die feminine Singularform von nostro„unser“. Grammatisch ist es ein Possessivwort, doch rhetorisch ist es eine Markierung des Wir: Es definiert, wer spricht, wem etwas zugerechnet wird und welche Gemeinschaft im Satz überhaupt existiert. In Dantes Divina Commedia ist nostra deshalb mehr als ein beiläufiges Attribut. Es verschiebt den Fokus von der Einzelerzählung zur geteilten menschlichen Lage. In der berühmten Zeile „Nel mezzo del cammin di nostra vita“ wird das Leben nicht als privater Besitz, sondern als gemeinsamer Wegraum gesetzt: Das Ich tritt als Stellvertreter eines Wir auf, und die Krise der Mitte wird zur exemplarischen Erfahrung.

1. Grammatikalische Erklärung

Nostra gehört zu den italienischen possessiven Adjektiven/Pronomina (aggettivi/ pronomi possessivi) und ist die Form für 1. Person Plural („wir“) im femininen Singular. Das Paradigma lautet: nostro (m. Sg.), nostra (f. Sg.), nostri (m. Pl.), nostre (f. Pl.). Es stimmt in Genus und Numerus mit dem Bezugsnomen überein: la nostra vita („unser Leben“), la nostra casa („unser Haus“), le nostre parole („unsere Worte“).

Im Standarditalienischen stehen Possessive in der Regel mit bestimmtem Artikel: la nostra vita, il nostro viaggio, i nostri giorni. Ausnahmen (vor allem im Singular ohne Artikel) gelten typischerweise bei Verwandtschaftsbezeichnungen ohne Attribut (nostra madre kann in bestimmten Stilen auftreten), sind aber kontext- und registerabhängig. Bei nostra in der dantesken Leitstelle ist der Artikel deshalb nicht einfach „weggelassen“, sondern die Konstruktion wird durch die Präposition di anders gefasst: di nostra vita ist eine präpositionale Fügung, die das Possessiv in einen Genitiv-/Zugehörigkeitsraum stellt, ohne dass ein Artikel zwingend wird.

Wichtig sind außerdem die Verschmelzungen mit Präpositionen im Satzgefüge: di nostra, a nostra, con nostra, und – sobald ein Artikel hinzutritt – Formen wie della nostra, alla nostra, nella nostra. Damit kann nostra in komplexen Relationen erscheinen: nel mezzo della nostra vita („in der Mitte unseres Lebens“), alla nostra memoria („unserem Gedächtnis“), nella nostra lingua („in unserer Sprache“).

Als Pronomen kann die Form ebenfalls funktionieren, wenn das Bezugsnomen aus dem Kontext mitgedacht wird: La nostra è diversa („unsere [Sicht/Version] ist anders“). Im lexikalischen Fokus dieses Eintrags steht jedoch die attributive Funktion, weil gerade sie in Dantes Vers die rhetorische Verschiebung vom Ich zum Wir leistet.

2. Bedeutungsfelder

Semantisch markiert nostra zuerst einmal Zugehörigkeit. Doch „Zugehörigkeit“ ist kein neutraler Besitzbegriff, sondern eine soziale und rhetorische Operation. Nostra definiert ein Sprecherkollektiv: Ein „Wir“ wird nicht nur behauptet, sondern grammatisch in die Welt gesetzt. Wer „nostra“ sagt, etabliert einen Raum geteilter Referenz, in dem etwas als gemeinsames Gut, gemeinsame Erfahrung oder gemeinsame Norm erscheint.

Dieses Wir kann inkludierend oder exkludierend sein. Inkludierend ist es, wenn „nostra“ eine offene Gemeinschaft anspricht: Lesende, Menschheit, Glaubensgemeinschaft, Stadtöffentlichkeit. Exkludierend wird es, wenn das Wir eine Grenze zieht: „unsere“ gegen „eure“, „unsere“ Sprache gegen „fremde“, „unsere“ Wahrheit gegen „andere“ Meinungen. Die grammatische Form bleibt gleich, die soziale Geste wechselt. Gerade in politischen, religiösen oder moralischen Kontexten trägt nostra daher Autorität: Es kann Konsens suggerieren, Tradition beschwören, und Verantwortung verteilen.

Ein weiteres Feld ist das der Affekt- und Wertbindung. „Nostra“ kann Nähe und Schutz markieren („unsere Heimat“, „unsere Toten“, „unsere Sprache“), aber auch Schuld und Verpflichtung: „unsere Fehler“, „unsere Zeit“, „unsere Lage“. Damit kann das Possessiv eine ethische Dimension gewinnen: Was „unser“ ist, ist nicht nur im Besitz, sondern im Bereich des Verantwortlichen. Literatur nutzt diese Verschiebung, um das Private ins Allgemeine zu kippen, oder umgekehrt das Allgemeine zu emotionalisieren.

Schließlich hat nostra eine zentrale Funktion im Feld der Perspektive. Es steuert, wie Erzählung adressiert ist. Ein Text, der „mein“ sagt, bindet sich ans Ich; ein Text, der „unser“ sagt, öffnet den Blick auf Teilhabe, Mitwissen, geteiltes Schicksal. „Nostra“ ist damit ein kleiner Hebel, der die Erzählinstanz und ihre Legitimation verändert: Das Ich wird Sprecher einer Gruppe, manchmal auch Sprecher einer anthropologischen Konstante.

3. Bedeutung für Dante und Gebrauch in der Divina Commedia

Dantes Reise beginnt nicht mit einem isolierten Ich, sondern mit einem Ich, das sich sofort als Stellvertreter versteht. Die Formel „Nel mezzo del cammin di nostra vita“ ist dafür das Schlüsselbeispiel. Die Verbindung di nostra vita macht die Lebenszeit zu einem Ganzen, das geteilt werden kann, und zugleich wird dieses Ganze nicht als persönliches Eigentum („mia vita“), sondern als gemeinsamer Horizont gesetzt. Die Zeile lädt das Publikum ein, sich in die Szene einzuschreiben: Die Mitte ist nicht nur Dantes Mitte, sondern eine Stelle, die prinzipiell jede und jeden betreffen kann, weil sie an die Struktur eines gemeinsamen Lebensweges gebunden wird.

Rhetorisch erzeugt nostra hier eine doppelte Bewegung. Erstens: Es universalisiert die Erfahrung. Der Weg wird zum Modell, die Verirrung zur exemplarischen Krise. Zweitens: Es verpflichtet. Wer „unser“ sagt, behauptet nicht nur Gemeinschaft, sondern ruft sie auf: Die Lesenden sind nicht Beobachter, sondern Mitadressaten. Das „Wir“ fungiert als stiller Vertrag, der den Text als Erkenntnisweg anbietet – nicht nur für den Autor, sondern für eine geteilte Menschlichkeit.

In der Commedia passt diese Strategie zur gesamten Poetik der Ordnung. Dante denkt Welt in Stufen, Kreisen, Beziehungen; aber er denkt sie auch in Verantwortungsräumen. Nostra kann in diesem Kontext anzeigen, dass es um eine gemeinsam geteilte conditio geht: Sterblichkeit, Zeitlichkeit, Verfehlung, Hoffnung. Das Possessiv wird so zu einem Index des Anthropologischen. Es markiert die Stelle, an der das Gedicht aus der Einzelerzählung heraus in eine Lehre der gemeinsamen Lage kippt.

Bemerkenswert ist dabei die Spannung zwischen kollektiver Form und individueller Szene. Der Sprecher ist ein Einzelner, der sich verirrt, doch die Grammatik öffnet sofort den Horizont auf ein Wir. Genau diese Spannung ist dantesk: Das Jenseits ist universal geordnet, aber es wird im Gang eines Einzelnen erfahren. Nostra vermittelt zwischen beiden Ebenen: zwischen persönlicher Erfahrung und allgemeiner Ordnung, zwischen „ich gehe“ und „wir leben“.

Man kann deshalb sagen, dass nostra in der Leitstelle nicht dekorativ ist, sondern programmatisch. Es etabliert den Modus der Commedia: eine Erzählung, die als persönlicher Weg beginnt und als gemeinsamer Erkenntnisraum gelesen werden will. Das Possessiv ist hier ein poetisches Interface zwischen Stimme und Welt.

Schluss

Nostra ist grammatisch die feminine Singularform von „unser“, rhetorisch aber ein Instrument der Weltadressierung. Es setzt Gemeinschaft, verschiebt Perspektive, erzeugt Inklusion oder Abgrenzung und kann Besitz in Verantwortung verwandeln. In Dantes Divina Commedia zeigt sich diese Kraft in ihrer knappsten Form: di nostra vita macht aus dem Lebensweg des Sprechers einen Weg, der als gemeinsamer Horizont verstanden werden kann. So wird ein Possessiv zum poetischen Scharnier: Es bindet das Ich an ein Wir, und es macht die Mitte des Lebens zu einer Stelle, an der Leserinnen und Leser sich mitgemeint wissen.

Gerade deshalb ist nostra im dantesken Auftakt kein Nebensignal, sondern ein Grundton. Das Gedicht beginnt mit einem Wir, nicht weil es die Individualität aufhebt, sondern weil es die Individualität exemplarisch macht. „Unser“ ist hier nicht Besitz, sondern Anspruch: ein gemeinsamer Wegraum, in dem Orientierung, Verirrung und Erkenntnis zu Erfahrungen werden, die geteilt, verstanden und – im Sinn der Commedia – verwandelt werden sollen.

Konkordanz

  1. Nel mezzo del cammin di nostra vita
  2. Non era lunga ancor la nostra via
  3. ch’amor di nostra vita dipartille
  4. e perché nostra colpa sì ne scipa?
  5. fia nostra conoscenza da quel punto
  6. esser alcun di nostra terra prava»
  7. la fama nostra il tuo animo pieghi
  8. ne la nostra città sì come suole
  9. la nostra via un poco insino a quella
  10. quando la nostra imagine di presso
  11. Ed ecco a un ch’era da nostra proda
  12. infin ove comincia nostra labbia
  13. per che nostra novella si ristette
  14. e volta nostra poppa nel mattino
  15. di nostra condizion com’ ell’ è vera
  16. né la nostra partita fu men tosta
  17. Matto è chi spera che nostra ragione
  18. che alcuna virtù nostra comprenda
  19. di nostra via, restammo in su un piano
  20. che troppo avrà d’indugio nostra eletta»
  21. sì m’ha nostra ragion la mente stretta»
  22. ch’abbracciar nostra figlia, o Pisistràto»
  23. Ma come al sol che nostra vista grava
  24. alcun buon frutto di nostra dimora»
  25. se villania nostra giustizia tieni
  26. buona da sé, pur che la nostra casa
  27. quand’ io dismento nostra vanitate
  28. Così l’usanza fu lì nostra insegna
  29. girando, si rinfresca nostra pena
  30. in voce assai più che la nostra viva
  31. Né ancor fu così nostra via molta
  32. l’accusa del peccato, in nostra corte
  33. come nostra natura e Dio s’unio
  34. La nostra carità non serra porte
  35. Frate, la nostra volontà quïeta
  36. E ’n la sua volontade è nostra pace
  37. Parere ingiusta la nostra giustizia
  38. col merto è parte di nostra letizia
  39. così diversi scanni in nostra vita
  40. a nostra redenzion pur questo modo
  41. poi ch’è tanto di là da nostra usanza
  42. fia rivestita, la nostra persona
  43. se fede merta nostra maggior musa
  44. O poca nostra nobiltà di sangue
  45. non perché nostra conoscenza cresca
  46. segnare a li occhi miei nostra favella
  47. mi dimostraro che nostra giustizia
  48. l’occhio a la nostra redenzion futura
  49. di nostra Donna in sul lito adriano
  50. e nostra scala infino ad essa varca
  51. ché l’imagine nostra a cotai pieghe
  52. de la nostra basilica si scrisse
  53. Non fu nostra intenzion ch’a destra mano
  54. Vedi nostra città quant’ ella gira
  55. guarda qua giuso a la nostra procella
  56. guarda ne li occhi la nostra regina
  57. carcar si volse de la nostra salma
  58. mi parve pinta de la nostra effige