Kulturlexikon · Sprachform / Italienisch, bestimmter Artikel (fem. Pl.) und klitisches Objektpronomen, Referenz und Bündelung, Kollektivierung, Aufzählrhythmus, Textkohärenz, Dante, Divina Commedia

Le

Le gehört zu den kleinsten Wörtern – und zu den wirksamsten. In Dantes Commedia ist le häufig der bestimmte Artikel im femininen Plural: „die“ als Grammatik der Vielheit. Gerade dadurch kann es poetisch mehr leisten, als sein Umfang vermuten lässt. Wo Dante „le vene“, „le carte“ oder „le stelle“ sagt, bündelt le ein Feld von Teilen zu einer Einheit des Plurals: Adern, Seiten, Sterne werden nicht bloß aufgezählt, sondern als geordnete Gruppe sichtbar gemacht. Und weil Dante zugleich eine Poetik der Ordnung schreibt, ist dieses kleine Artikelwort ein stiller Mitspieler: Es formt Kohärenz, setzt Referenz, macht Welt und Körper als gegliederte Vielheit erfahrbar.

1. Grammatikalische Erklärung

Le hat im Italienischen zwei Hauptfunktionen, die man auseinanderhalten muss. Erstens ist le der bestimmte Artikel im femininen Plural (Singular: la): also „die“ bei femininen Substantiven im Plural, etwa le stelle („die Sterne“), le vene („die Adern“), le carte („die Blätter/Seiten“). In dieser Funktion steht le direkt vor dem Substantiv und markiert Bestimmtheit, also eine referentielle Setzung: Es geht nicht um irgendwelche Sterne, sondern um „die“ Sterne in einem bestimmten Horizont.

Zweitens kann le als klitisches Objektpronomen auftreten. Als Klitikon steht es typischerweise vor der finiten Verbform (Proklise: le vidi = „ich sah sie“) oder wird an Infinitive/Imperative angehängt (Enklise: vederle = „sie sehen“). In der Commedia ist diese klitische Funktion grundsätzlich möglich und für die Lektüre relevant, auch wenn in deinen Fundstellen vor allem die Artikel-Funktion sichtbar wird. Wichtig ist: Klitika sind keine autonomen Wortkörper, sondern hängen syntaktisch eng am Verb und dienen der Textverkettung, weil sie auf Vorheriges zurückverweisen.

Phonologisch und rhythmisch ist le eine sehr leichte Form: ein kurzes, offenes Wort, das sich im Versfluss gut einfügt. Gerade darum kann Dante mit le Aufzählungen „schmieren“, also flüssig machen – oder umgekehrt durch Häufung von Artikeln eine gewisse Zählbewegung erzeugen. Die Grammatik arbeitet dann an der Poetik.

2. Bedeutungsfelder: Referenz, Bündelung, Kollektivierung, Kohärenz

Als Artikel ist le zunächst ein Wort der Referenz: Es zeigt an, dass ein Nomen als bestimmter Gegenstand oder als bestimmtes Feld im Diskurs steht. Bei Dante ist diese Bestimmtheit oft nicht nur logisch, sondern szenisch: „die Adern“ sind die Adern eines konkreten Körpers in einem konkreten Moment der Furcht; „die Seiten“ sind die Seiten, die bereits vollgeschrieben sind; „die Sterne“ sind die Sterne, die den Abschluss des Purgatorio markieren und als kosmische Zielmarke fungieren.

Zugleich ist le ein Wort der Bündelung. Der Pluralartikel macht Vielheit als Einheit erfahrbar: Viele Einzelsterne werden zu „den Sternen“, viele einzelne Seiten zu „den Blättern/Seiten“, viele einzelne Adern zu „den Adern“ als System. Damit wird der Plural nicht bloß quantitativ, sondern strukturell. Gerade diese strukturelle Qualität passt zur Commedia: Welt ist bei Dante gegliedert, gestuft, geordnet – und der Artikel ist eine minimale grammatische Entsprechung dieser Ordnung.

Ein drittes Feld ist Kollektivierung als rhetorische Bewegung. In Aufzähl- und Steigerungsformen kann le die Wahrnehmung so lenken, dass das Einzelne in ein Feld übergeht. Das ist poetisch stark, weil es eine Art „Zoom“ erlaubt: vom Einzelereignis („ich zittere“) zum Körperfeld („die Adern und die Pulse“), vom Schreibakt zur Materialität des Textkörpers („die Seiten“), vom Weg zur kosmischen Perspektive („die Sterne“).

Schließlich wirkt le an Textkohärenz mit. Artikel und Klitika sind klassische Kohäsionsmittel: Sie halten den Text zusammen, weil sie Dinge im Diskurs verankern und wiedererkennbar machen. Wenn Dante in kurzer Folge Konkreta mit Artikeln setzt, entsteht ein Netz von „gegenständlichen Punkten“, an denen der Leser Orientierung gewinnt. Dass ein so kleines Wort diese Arbeit leistet, ist gerade sein Effekt: Ordnung entsteht nicht nur durch große Bilder, sondern auch durch Mikrogrammatik.

3. Le bei Dante: Körper, Schrift, Kosmos als femininer Plural

In den gegebenen Belegen zeigt sich besonders deutlich, wie le drei große Sphären verbindet, die in der Commedia ohnehin ineinander greifen: Körper, Schrift und Kosmos. „le vene“ benennt das Körperinnere als System; „le carte“ benennt den Textkörper als Material; „le stelle“ benennt den Kosmos als Ziel- und Ordnungsraum. Das ist mehr als Zufall: Dante denkt Welt gern als gegliederte Totalität, und der feminine Plural liefert eine Grammatik der Gruppen.

Gerade „le stelle“ ist in der Commedia ein Leitwort, weil es Schwellen markiert: Sterne erscheinen als kosmische Orientierung, aber auch als poetischer Schlussklang. Wenn Dante schreibt „puro e disposto a salire a le stelle“, ist le nicht nur Artikel, sondern Teil einer Zieldefinition: Es sind „die“ Sterne, die als bekannte Ordnung über dem Weg stehen, nicht irgendein abstrakter Himmel. Der Artikel hilft, das Ziel als konkrete Welt zu setzen.

Bei „le carte“ wiederum wird le metapoetisch. Die Seiten sind nicht nur Träger, sie sind Grenze: „alle Seiten sind voll“, also ist der Raum des Schreibens ausgeschöpft. Der Artikel macht die Materialität spürbar: Nicht „Papier“ im Allgemeinen, sondern „die Seiten“, die bereits beschrieben wurden. So wird die Grammatik zum Zeichen der Endlichkeit.

Und bei „le vene“ und „le membra“ (hier als „de le membra sue“) zeigt sich die körperliche Dimension: Der Körper ist nicht monolithisch, sondern ein Gefüge von Teilen. Le setzt diese Teile als geordnete Vielheit. Dante kann dadurch Affekt in Anatomie übersetzen: Zittern wird zu „Adern und Pulsen“, also zu einem System, das der Leser innerlich miterlebt.

Fazit

Le ist in Dantes Commedia ein kleines Wort der Ordnung. Grammatisch ist es vor allem der bestimmte Artikel im femininen Plural (und daneben ein klitisches Objektpronomen), semantisch ist es ein Bündelungs- und Referenzmarker: Es macht Vielheit als Feld sichtbar. In den Belegen tritt diese Leistung klar hervor: le rahmt Körperteile („le vene“), Schriftmaterial („le carte“), kosmische Zielmarken („le stelle“) und bindet damit den Weg der Commedia von der inneren Erschütterung über die Schrift bis zur Sternenschwelle zusammen. So zeigt sich: Selbst ein Artikel kann bei Dante Poetik sein, weil Ordnung im Kleinen beginnt.

4. Fundstellen in der Divina Commedia

guardai in alto e vidi le sue spalle
ich blickte nach oben und sah seine Schultern,
Inferno, Canto 1, Vers 16

ch’ella mi fa tremar le vene e i polsi».
dass sie mir die Adern und die Pulse zittern macht.
Inferno, Canto 1, Vers 90

ove udirai le disperate strida,
wo du die verzweifelten Schreie hören wirst,
Inferno, Canto 1, Vers 115

E aggi a mente, quando tu le scrivi,
und merke dir, wenn du sie niederschreibst,
Purgatorio, Canto 33, Vers 55

ma perché piene son tutte le carte
doch weil alle Seiten schon voll sind
Purgatorio, Canto 33, Vers 139

puro e disposto a salire a le stelle.
rein und bereit, zu den Sternen aufzusteigen.
Purgatorio, Canto 33, Vers 145

de la vagina de le membra sue.
aus der Scheide seiner Glieder.
Paradiso, Canto 1, Vers 21

venire, e coronarmi de le foglie
zu kommen und mich mit den Blättern zu krönen
Paradiso, Canto 1, Vers 26

a le nostre virtù, mercé del loco
unseren Kräften, dank des Ortes
Paradiso, Canto 1, Vers 56

Die Fundstellen zeigen, wie le in der Commedia als stiller Ordnungsmarker arbeitet. In „le vene“ und „le membra“ bündelt der Artikel den Körper als gegliedertes System und macht Affekt anatomisch fassbar; in „le carte“ wird le metapoetisch, weil die Seiten als materieller Träger und als Grenze des Schreibens erscheinen; in „a le stelle“ rahmt es das kosmische Ziel als konkrete, bestimmte Ordnung. Selbst wo le nicht als Artikel, sondern als Objektklitikon nahe liegt („quando tu le scrivi“), wirkt es kohäsiv: Es bindet Aussage an ein bereits Gemeintes zurück und hält den Text zusammen. So verbindet le Körper, Schrift und Kosmos in der kleinsten Grammatikform.