Kulturlexikon · Sprachform / Italienisch, Artikel & Pronomen (Klitikon), Deixis und Anapher, Elision (l’), archaische Fügung (ne la), Rhythmus- und Szenensteuerung, Dante, Divina Commedia
La
La ist eines der kleinsten Wörter der Commedia – und zugleich eines der wirksamsten. Als bestimmter Artikel macht es aus einem Abstraktum eine konkrete Größe: nicht irgendeine Angst, sondern die Angst; nicht irgendein Weg, sondern die „verace via“. Als klitisches Pronomen ist la ein Rückverweis in Bewegung: Was schon genannt oder gemeint ist, wird im nächsten Takt wieder aufgenommen, verschoben, weitergetrieben („la perde“). Bei Dante ist dieses kleine Wort deshalb ein Deixis-Instrument: Es stellt Gegenstände in den Fokus, es bindet Erinnerung an Gegenwart, und es baut über Wiederaufnahme und Festlegung jene dichte Textoberfläche, in der Innenzustand und Außenwelt einander spiegeln. Selbst scheinbar „grammatische“ Varianten wie „ne la“ zeigen, wie stark la zwischen Syntaxgeschichte und Metrik vermittelt: Hier klingt ein älteres „in la“ mit, das später zu „nella“ kontrahiert, während der Vers die offene Fügung als rhythmische Ressource nutzt.
1. Grammatikalische Erklärung
La ist zunächst der bestimmte Artikel im Italienischen für feminine Singularsubstantive: la selva, la paura, la via, la stagione. Seine Grundfunktion ist Bestimmtheit: Es signalisiert, dass der Referent als bekannt, identifizierbar, bereits eingeführt oder als singuläre Größe im Kontext gesetzt wird. In der Dichtung ist das besonders stark, weil Bestimmtheit nicht nur referiert, sondern auch poetisch „auflädt“: Der Artikel rahmt ein Wort wie ein Scheinwerfer. Bei Dante kann ein Abstraktum durch la zur Szene werden.
Zugleich ist la ein klitisches Objektpronomen (Akkusativ, fem. Sg.): „sie/ es“ in der Funktion eines direkten Objekts, angelehnt an das Verb, oft ohne eigenen Akzent. In „che più la perde quanto più s’aiuta“ ist la genau diese Rückverweisung: Es zeigt nicht auf eine neue Sache, sondern auf eine zuvor gesetzte Größe, die nun als Objekt der Handlung weitergeführt wird. Das Pronomen ist eine Bewegungsform der Anapher: Es spart Wiederholung und erzeugt zugleich Dichte.
Wichtig ist außerdem die Elision: Vor Vokal kann la zu l’ werden (l’ora, l’aere). In Dantes Versbau ist das keine bloße Orthographie, sondern Metriktechnik: Elision und Nicht-Elision steuern Silbenzahl, Klangfluss und Anschluss. Dazu kommt die archaische oder poetische Fügung „ne la“ (wörtlich: „in der“), die später häufig als nella erscheint. Gerade solche offenen Fügungen sind in der Commedia oft metrumtauglich: Sie halten den Vers flexibel, ohne Bedeutung zu verlieren.
2. Bedeutungsfelder: Bestimmtheit, Fokus, Anapher, Personifikation, Rhythmus
Das Grundfeld von la ist Bestimmtheit, doch bei Dante ist Bestimmtheit nie neutral. Wenn „la paura“ gesagt wird, wird Angst als benennbare Instanz in den Raum gestellt: Sie bekommt Kontur, fast Körperlichkeit. Der Artikel macht das Abstrakte anschaulich, und er macht das Anschauliche semantisch „gesetzt“: Es ist die Angst, die diese Szene strukturiert, nicht eine beliebige Regung. So arbeitet la als Fokusmarker.
Ein zweites Feld ist Anapher, also die Kunst der Rückbindung. Als Pronomen ist la eine kleine Klammer, die Textteile verbindet. Der Vers kann weitergehen, weil das Pronomen das bereits Gemeinte mitnimmt. Dadurch entsteht bei Dante eine typische Dichte: Nicht jedes Mal wird das Substantiv wiederholt, aber die Bedeutung bleibt präsent, wie ein Motiv, das durch den Text wandert.
Ein drittes Feld ist Personifikation und Agentisierung. Artikel setzen nicht nur Dinge fest, sie können sie auch „beleben“, weil sie sie als eindeutige Größen markieren. „La memoria“, „la mente“ sind dann nicht bloß Funktionen, sondern Instanzen, die etwas tun können, die trüben, speichern, verlieren. So wird das Innere grammatisch wie eine Welt behandelt: Innenorgane der Erkenntnis werden wie Akteure gesetzt.
Schließlich ist la ein Wort des Rhythmus. Artikel und Klitika sind im Italienischen oft unbetont, aber sie sind taktbildend: Sie füllen, verbinden, beschleunigen. Dantes Terzinen leben von solchen kleinen Funktionswörtern, die den Vers nicht „bedeuten“ wie ein Substantiv, aber den Sinnraum montieren. In Varianten wie „ne la“ zeigt sich, wie stark Grammatik und Versfluss ineinander greifen.
3. La als Erzähltechnik in der Commedia: Szene, Innenraum, Ordnung
Im Inferno-Anfang ist la ein Szenenanker. Der Text setzt nicht nur Zustände, er identifiziert sie: la paura wird benannt, beruhigt, wiedererweckt; la verace via ist nicht irgendein Weg, sondern der Weg als Normbegriff. Der Artikel macht Normen sprachlich greifbar. Das ist dantesk, weil die Reise von Ordnung und Maß handelt: Normen müssen in Sprache erscheinen, um als Diagnose zu wirken.
Gleichzeitig verschiebt la das Verhältnis von Innen und Außen. Wenn in späteren Passagen „la memoria“ und „la mente“ auftreten, werden Erinnerungs- und Erkenntnisräume zu Topographien, die man betreten kann. Der Artikel trägt dazu bei, weil er diese Instanzen als definierte Größen setzt. So ist la indirekt ein Werkzeug der Anthropologie: Es macht „Seelenfunktionen“ zu Dingen, die in der Weltordnung verortbar sind.
In der Fügung „ne la“ zeigt sich zudem eine Geschichtsschicht der Sprache: Der Vers bewahrt eine ältere Beweglichkeit, in der Präposition und Artikel noch nicht fest zusammengezogen sind. Gerade diese Offenheit passt zu Dantes poetischer Praxis: Er nutzt Sprachstufen als Material, um Rhythmus und Bedeutung zugleich zu modulieren. La wird damit zum Punkt, an dem Grammatikgeschichte als Poetik sichtbar wird.
Fazit
La ist in der Commedia kein „kleines Wort“, sondern ein Strukturwort. Als bestimmter Artikel setzt es Dinge als eindeutige Größen, als klitisches Pronomen hält es den Text in Rückbindung und Bewegung, als elidierbare Form (l’) und als offene Fügung („ne la“) zeigt es, wie sehr Dantes Vers aus der Feinarbeit an Anschlüssen lebt. Wo la steht, werden Angst, Weg, Zeit, Erinnerung und Erkenntnis nicht nur genannt, sondern festgelegt, fokussiert und in den Rhythmus eingespannt. Gerade weil es so unscheinbar ist, kann es so viel tragen: Bestimmtheit wird bei Dante zur Poetik der Weltordnung.
4. Fundstellen in der Divina Commedia
-
che nel pensier rinnova la paura!
die im Denken die Angst erneuert!
Inferno, Canto 1, Vers 6 -
che la verace via abbandonai.
dass ich den wahren Weg verlassen hatte.
Inferno, Canto 1, Vers 12 -
Allor fu la paura un poco queta,
Da wurde die Angst für einen Augenblick still,
Inferno, Canto 1, Vers 19 -
uscito fuor del pelago a la riva,
hinaus aus dem Meerbusen ans Ufer gelangt,
Inferno, Canto 1, Vers 23 -
ripresi via per la piaggia diserta,
nahm ich den Weg wieder auf über den öden Abhang,
Inferno, Canto 1, Vers 29 -
di quella fiera a la gaetta pelle
von jenem Tier mit der fröhlich-bunten Haut
Inferno, Canto 1, Vers 42 -
l'ora del tempo e la dolce stagione;
die Stunde der Zeit und die milde Jahreszeit;
Inferno, Canto 1, Vers 43 -
con la test' alta e con rabbiosa fame,
mit erhobenem Kopf und rasender Gier,
Inferno, Canto 1, Vers 47 -
sembiava carca ne la sua magrezza,
sie schien beladen in ihrer Magerkeit,
Inferno, Canto 1, Vers 50 -
con la paura ch'uscia di sua vista,
mit der Angst, die von ihrem Anblick ausging,
Inferno, Canto 1, Vers 53 -
che più la perde quanto più s'aiuta?».
die sie umso mehr verliert, je mehr sie sich müht?«
Purgatorio, Canto 33, Vers 84 -
come può seguitar la mia parola;
wie mein Wort (dem) folgen kann;
Purgatorio, Canto 33, Vers 87 -
e veggi vostra via da la divina
und seht euren Weg von der göttlichen
Purgatorio, Canto 33, Vers 88 -
colpa ne la tua voglia altrove attenta.
Schuld, wenn dein Wollen anderswohin achtet.
Purgatorio, Canto 33, Vers 99 -
quelle scovrire a la tua vista rude».
jene deiner rohen Sicht zu enthüllen.«
Purgatorio, Canto 33, Vers 102 -
O luce, o gloria de la gente umana,
O Licht, o Ruhm des Menschengeschlechts,
Purgatorio, Canto 33, Vers 115 -
che spesse volte la memoria priva,
das oft der Erinnerung beraubt,
Purgatorio, Canto 33, Vers 125 -
fatt' ha la mente sua ne li occhi oscura.
hat seinen Geist in den Augen verdunkelt.
Purgatorio, Canto 33, Vers 126 -
ma fa sua voglia de la voglia altrui
doch macht es seinen Willen aus dem Willen eines anderen
Purgatorio, Canto 33, Vers 131 -
Io ritornai da la santissima onda
Ich kehrte von der heiligsten Woge zurück
Purgatorio, Canto 33, Vers 142 -
Nel ciel che più de la sua luce prende
Im Himmel, der am meisten von seinem Licht empfängt
Paradiso, Canto 1, Vers 4 -
che dietro la memoria non può ire.
der hinter die Erinnerung nicht zurückgehen kann.
Paradiso, Canto 1, Vers 9 -
ne la mia mente potei far tesoro,
noch konnte ich in meinem Geist einen Schatz daraus machen,
Paradiso, Canto 1, Vers 11 -
de la vagina de le membra sue.
aus der Scheide seiner Glieder.
Paradiso, Canto 1, Vers 21 -
che la materia e tu mi farai degno.
dass der Stoff und du mich würdig machen wirst.
Paradiso, Canto 1, Vers 27 -
che parturir letizia in su la lieta
die Freude gebären auf der seligen
Paradiso, Canto 1, Vers 31 -
delfica deïtà dovria la fronda
der delphischen Gottheit müsste der Zweig
Paradiso, Canto 1, Vers 32 -
esce congiunta, e la mondana cera
tritt verbunden hervor, und das weltliche Wachs
Paradiso, Canto 1, Vers 41 -
Quando la rota che tu sempiterni
Wenn das Rad, das du ewig machst,
Paradiso, Canto 1, Vers 76 -
de la fiamma del sol, che pioggia o fiume
von der Flamme der Sonne, die Regen oder Fluss
Paradiso, Canto 1, Vers 80
Die Fundstellen zeigen die Doppelrolle von la als Festlegung und Rückbindung. Im Inferno-Anfang setzt der Artikel die Grundinstanzen der Szene: la paura, la verace via, la dolce stagione – Angst, Normweg, Zeitrahmen werden als eindeutige Größen in den Raum gestellt. In späteren Passagen kippt la stärker ins Texttechnische: als Pronomen („la perde“) wird ein schon gesetzter Sachverhalt weitergetragen, ohne wiederholt zu werden, und im Wortfeld von memoria und mente macht der Artikel innere Funktionen zu definierbaren Instanzen. Formen wie „ne la“ zeigen zudem die poetische Beweglichkeit zwischen älterer Fügung und metrischem Nutzen: Das kleine Wort ist nicht Beiwerk, sondern die Scharnierstelle, an der Szene, Rhythmus und Ordnung zusammenklicken.