Allauddin Khan
Überblick
Allauddin Khan gehört zu den prägenden Gestalten der nordindischen Hindustani-Musik im 20. Jahrhundert. Er war Sarod-Spieler, Multiinstrumentalist, Komponist, Hofmusiker, Lehrer und Gründer beziehungsweise entscheidender Ausformer der modernen Maihar-Gharana. Seine Bedeutung beruht weniger auf einem schriftlich fixierten Œuvre im europäischen Sinn als auf einer außerordentlich wirksamen Verbindung von instrumentaler Praxis, mündlich überliefertem Repertoire, strenger Schulung, kompositorischer Erfindung und institutioneller Musikpflege.
In der Geschichte der indischen Musik erscheint Allauddin Khan als eine Figur der Verdichtung. Er sammelte Einflüsse aus vokalen und instrumentalen Traditionen, aus höfischen, volkstümlichen, theatralen und religiösen Musiken, aus Dhrupad, Khyal, Rhythmuslehre, Instrumentaltechnik und Raga-Komposition. In Maihar formte er daraus ein Lehr- und Stilmodell, das viele der international bekanntesten Vertreter der Hindustani-Musik hervorbrachte. Zu seinem unmittelbaren Wirkungskreis gehören Ali Akbar Khan, Annapurna Devi, Ravi Shankar, Nikhil Banerjee, Pannalal Ghosh, Bahadur Khan und weitere Instrumentalisten.
Allauddin Khan war nicht nur ein Virtuose, sondern auch ein Musikpädagoge von außergewöhnlicher Autorität. Die spätere weltweite Ausstrahlung der indischen klassischen Musik über Ravi Shankar, Ali Akbar Khan und andere wäre ohne seine Schule kaum verständlich. Zugleich steht er für eine ältere Form musikalischer Meisterschaft, in der Guru-Shishya-Parampara, Disziplin, umfassende Instrumentalkenntnis, religiös geprägte Arbeitsethik und mündliche Weitergabe des Repertoires zusammengehören.
Für ein Kulturlexikon ist Allauddin Khan daher nicht nur als Einzelmusiker wichtig, sondern als Knotenpunkt einer ganzen musikalischen Kultur. Seine Biographie berührt die ostbengalische Herkunftswelt, die Theater- und Volksmusik Bengalens, das urbane Musikleben Kalkuttas, die höfische Kultur Zentralindiens, die Modernisierung der Instrumentalmusik, die Herausbildung von Musikschulen, die Erfindung neuer Ragas und die globale Rezeption indischer Kunstmusik im 20. Jahrhundert.
Kurzdaten
| Name | Allauddin Khan. |
|---|---|
| Weitere Namensformen | Alauddin Khan, Allaudin Khan, Ustad Allauddin Khan, Baba Allauddin Khan, Acharya Baba Allauddin Khan, bengalisch আলাউদ্দিন খান. |
| Geburt | Ca. 1881 in Shivpur, Ostindien; andere Quellen nennen 1862 beziehungsweise 8. Oktober 1881, weshalb die Datierung als unsicher zu kennzeichnen ist. |
| Tod | 6. September 1972 in Maihar, Zentralindien. |
| Beruf | Instrumentalist, Sarodspieler, Multiinstrumentalist, Komponist, Hofmusiker, Musikpädagoge und Begründer beziehungsweise Ausformer der modernen Maihar-Gharana. |
| Hauptinstrument | Sarod; darüber hinaus nach biographischer Überlieferung zahlreiche weitere Instrumente, darunter Sitar, Violine, Flöte, Pakhawaj, Tabla, Sursingar und weitere Saiten-, Blas- und Schlaginstrumente. |
| Wirkungsorte | Shivpur, Brahmanbaria, Kalkutta, Rampur, Maihar, Almora und weitere Orte des nordindischen Musiklebens. |
| Gharana | Maihar-Gharana beziehungsweise Maihar-Senia-Gharana, mit Rückbezug auf die Seniya-Tradition und auf Wazir Khan von Rampur. |
| Zentrale Schüler | Ali Akbar Khan, Annapurna Devi, Ravi Shankar, Nikhil Banerjee, Pannalal Ghosh, Bahadur Khan, Sharan Rani und weitere Musikerinnen und Musiker. |
| Auszeichnungen | Sangeet Natak Akademi Award beziehungsweise Presidential Award 1952, Sangeet Natak Akademi Fellowship 1954, Padma Bhushan 1958, Padma Vibhushan 1971. |
| Kulturgeschichtliche Bedeutung | Allauddin Khan prägte die moderne nordindische Instrumentalmusik durch Raga-Kompositionen, strenge Pädagogik, die Organisation der Maihar-Gharana und die Ausbildung mehrerer international einflussreicher Musiker. |
Name, Herkunft und Datierungsfragen
Der Name Allauddin Khan ist in mehreren Schreibweisen überliefert. In englischen und indischen Quellen begegnen Allauddin Khan, Alauddin Khan und Allaudin Khan; die Ehrentitel Ustad, Baba und Acharya verweisen auf seine Stellung als Meister, Lehrer und verehrte Autorität. Für die Dateibezeichnung wird im Kulturlexikon die Form khan-allauddin.shtml verwendet, während die sichtbare Lemmaform Allauddin Khan bleibt.
Sein Geburtsort Shivpur wird mit dem heutigen Brahmanbaria in Bangladesch verbunden. Diese Herkunft ist wichtig, weil sie Allauddin Khan in eine ostbengalische Kulturwelt stellt, in der Volksmusik, religiöse Gesänge, Theatermusik und familiäre Musikausübung ineinandergreifen konnten. Die frühe Begegnung mit Jatra, Baul-, Bhatiyali-, Kirtan- und anderen regionalen Formen bildet nach biographischer Überlieferung einen Teil seines musikalischen Erfahrungshorizonts.
Die Lebensdaten sind nicht völlig einheitlich. Ältere und bengalische Quellen nennen häufig 1862 als Geburtsjahr, andere moderne Darstellungen 1881. Die hier gesetzte Formulierung „ca. 1881“ folgt der vorgegebenen Datierung und vermeidet eine Scheingenauigkeit. Der Tod am 6. September 1972 in Maihar ist dagegen stabil überliefert. Für eine redaktionell endgültige Normfassung sollte die Datierungsfrage durch Vergleich gedruckter Biographien, indischer Musiklexika und archivalischer Nachweise weiter geprüft werden.
Ausbildung und musikalische Prägung
Allauddin Khans Ausbildung wird in den Quellen als ungewöhnlich weit und streng beschrieben. Erste musikalische Eindrücke erhielt er im familiären Umfeld, besonders durch seinen älteren Bruder Aftabuddin Khan. Früh verließ er das Elternhaus und kam mit reisenden Theater- und Musikgruppen in Berührung. Diese Erfahrung ist kulturgeschichtlich bedeutsam, weil sie ihn nicht nur in eine höfische Kunstmusik führte, sondern zunächst in ein breites Feld populärer, regionaler und religiöser Musiken.
In Kalkutta begegnete er dem städtischen Musikleben und verschiedenen Lehrern. Genannt werden unter anderem Nulo Gopal, Habu Dutt, Robert Lobo und weitere Musiker, bei denen er Gesang, Rhythmus, Saiteninstrumente, Blasinstrumente und europäische beziehungsweise kolonial verbreitete Instrumente kennenlernte. Aus dieser Vielseitigkeit erklärt sich ein Teil seiner späteren Pädagogik: Allauddin Khan dachte Instrumentalmusik nicht aus der engen Perspektive eines einzigen Instruments, sondern aus einer umfassenden Vorstellung von Klang, Raga, Rhythmus, Körperdisziplin und musikalischem Formbewusstsein.
Besonders wichtig wurde die Verbindung zur Rampur-Senia-Tradition und zu Wazir Khan. Die Rückbindung an die Seniya-Linie, die sich symbolisch auf Tansen bezieht, gab Allauddin Khans späterer Maihar-Schule eine genealogische und ästhetische Legitimation. Der Begriff Seniya-Tradition bezeichnet dabei nicht nur eine Abstammungserzählung, sondern ein Ideal von Strenge, Tiefgründigkeit, Dhrupad-Nähe und rituell ernsthafter Musikauffassung.
Maihar, Hofmusik und Gharana-Bildung
Allauddin Khans entscheidender Wirkungsort wurde Maihar, ein Fürstenstaat im heutigen Madhya Pradesh. Dort wurde er Hofmusiker des Maharaja von Maihar und erhielt den institutionellen Rahmen, in dem sich seine Lehre, seine Kompositionen und seine organisatorische Arbeit entfalten konnten. Aus dieser Verbindung von Hof, Schule und persönlicher Meisterschaft entstand die moderne Maihar-Gharana.
Der Begriff Gharana bezeichnet in der nordindischen Kunstmusik nicht einfach eine Schule im organisatorischen Sinn, sondern eine stilistische, genealogische und pädagogische Linie. Allauddin Khan formte die Maihar-Gharana durch ein Klangideal, das instrumentale Virtuosität mit Dhrupad-Schwere, Raga-Strenge, vokaler Phrasierung und rhythmischer Kontrolle verband. Das spätere internationale Ansehen dieser Gharana hängt wesentlich mit seinen Schülern zusammen, besonders mit Ravi Shankar und Ali Akbar Khan.
Ein besonderes Kapitel bildet die Maihar Band. Nach verbreiteter Überlieferung richtete Allauddin Khan ein Orchester beziehungsweise Ensemble für Waisenkinder ein und verband dabei indische Melodieinstrumente, westliche Instrumente und orchestrale Disziplin. Die Maihar Band ist kulturgeschichtlich wichtig, weil sie die klassische Musik nicht nur als elitäre Hofkunst, sondern auch als soziale, pädagogische und institutionelle Praxis sichtbar macht.
Maihar wurde durch Allauddin Khan zu einem musikalischen Labor. Hier entstanden neue Ragas, instrumentale Lehrformen, gats, Orchesterbearbeitungen und eine Pädagogik, die weit über eine lokale Hoftradition hinauswirkte. Die spätere Weltkarriere indischer klassischer Musik ist ohne diesen Ort und diese Schule nicht zu verstehen.
Instrumente, Stil und Klangideal
Obwohl Allauddin Khan vor allem als Sarodmeister bekannt wurde, war seine musikalische Identität die eines Multiinstrumentalisten. Er spielte und unterrichtete zahlreiche Instrumente und konnte daher die Möglichkeiten einzelner Klangkörper vergleichend denken. Das unterscheidet ihn von vielen Spezialisten: Seine Sarodkunst war nicht isoliert, sondern in ein umfassendes Instrumentalwissen eingebettet.
Sein Klangideal verband Tiefe, Strenge und Beweglichkeit. Die Nähe zum Dhrupad zeigte sich besonders in der ernsthaften Entfaltung des Alap, in der langsamen Entwicklung des Raga und in einer kontrollierten Behandlung von Ton, Ornament und Phrasierung. Zugleich prägte die instrumentale Virtuosität des 20. Jahrhunderts sein Spiel: schnelle Passagen, komplexe rhythmische Verdichtung, prägnante Gat-Formen und ein starkes Bewusstsein für technische Disziplin.
Die Maihar-Schule bewahrte die Vorstellung, dass Instrumentalmusik vokale Qualitäten besitzen müsse. Ein Sarod, eine Sitar oder eine Surbahar sollten nicht nur mechanisch schnelle Figuren hervorbringen, sondern den Raga mit einer gesanglichen Innigkeit und strukturellen Logik entfalten. Dadurch wurde Allauddin Khans Schule für verschiedene Instrumente anschlussfähig: Sarod, Sitar, Surbahar, Flöte und Violine konnten innerhalb desselben pädagogischen Denkens geschult werden.
Pädagogik, Guru-Schüler-Tradition und Wirkung
Allauddin Khans Pädagogik ist legendär für ihre Härte, Dauer und Totalität. In der Guru-Shishya-Parampara lebte der Schüler nicht nur neben dem Lehrer, sondern unterwarf sich einem umfassenden Lernprozess, der Übung, Dienst, Alltag, Disziplin und musikalische Einweihung miteinander verband. Diese Form der Ausbildung ist von modernen Konservatoriumsmodellen deutlich zu unterscheiden.
Sein Unterricht zielte nicht auf bloße Repertoirevermittlung. Der Schüler sollte Raga-Struktur, Rhythmus, Instrumententechnik, Intonation, Körperhaltung, innere Konzentration und musikalische Ethik zugleich erlernen. Deshalb konnte Allauddin Khan Musiker verschiedener Instrumente ausbilden. Sein Sohn Ali Akbar Khan wurde einer der bedeutendsten Sarodspieler des 20. Jahrhunderts, seine Tochter Annapurna Devi eine außergewöhnliche Surbahar-Spielerin, Ravi Shankar der international bekannteste Sitarist, und Nikhil Banerjee eine der großen kontemplativen Sitar-Stimmen der Nachkriegszeit.
Die weltweite Rezeption indischer klassischer Musik in Europa und Nordamerika wurde wesentlich durch Künstler geprägt, die direkt oder indirekt aus Allauddin Khans Schule kamen. Das macht ihn zu einer Schlüsselfigur der musikalischen Globalisierung. Er selbst blieb vor allem mit Maihar und der älteren Meistertradition verbunden, doch seine Schüler trugen seine Lehre in Konzertsäle, Schallplattenkataloge, Rundfunkarchive, Universitäten und Musikschulen der ganzen Welt.
Werkverzeichnis
Ein Werkverzeichnis Allauddin Khans kann nicht wie bei einem europäischen Komponisten nach Opuszahlen erstellt werden. Sein Werk besteht aus Raga-Schöpfungen, gats, instrumentalen Lehrkompositionen, mündlich weitergegebenen Übungen, Orchesterbearbeitungen, Repertoiretraditionen, wenigen erhaltenen Aufnahmen und einer pädagogischen Schule. Die folgende Übersicht ist daher als kulturgeschichtliches Werkverzeichnis zu verstehen. Einzelne Raga-Zuschreibungen sind in der Überlieferung unterschiedlich gesichert und sollten bei editorischer Nutzung mit konkreten Aufnahme-, Schüler- oder Katalognachweisen verbunden werden.
Raga-Schöpfungen und zugeschriebene Ragas
- Arjun. Zugeschriebener Raga aus der Gruppe der von Allauddin Khan geschaffenen oder geformten Kompositionen.
- Bhagabati. Zugeschriebener Raga; die genaue Struktur ist in der verfügbaren Sekundärüberlieferung gesondert zu prüfen.
- Bhim. Zugeschriebener Raga aus dem Maihar-Umfeld.
- Bhuvaneshvari. Zugeschriebener Raga; in Listen der von Allauddin Khan geschaffenen Ragas genannt.
- Chandika. Zugeschriebener Raga beziehungsweise Raga-Name innerhalb der Maihar-Überlieferung.
- Dhabalashri. Zugeschriebener Raga; Schreibvarianten wie Dhavaleshwari oder Dhavaleshri sind möglich.
- Dhankosh. Zugeschriebener Raga aus dem erweiterten Maihar-Repertoire.
- Dipika. Zugeschriebener Raga; nicht mit älteren Raga-Namen ohne Prüfung gleichzusetzen.
- Durgeshvari. Zugeschriebener Raga; in der Überlieferung als eine von Allauddin Khans Schöpfungen genannt.
- Gandhi. Zugeschriebener Raga, vermutlich im Kontext moderner Namens- und Widmungspraxis zu lesen.
- Gandhi Bilawal. Zugeschriebener Raga mit Bezug auf den Bilawal-Bereich.
- Haimanti. Zugeschriebener Raga; mit der Hemant- beziehungsweise Haimanti-Gruppe verwandt zu prüfen.
- Hem-Bihag. Einer der bekanntesten Allauddin Khan zugeschriebenen Ragas; verbindet Bihag-Elemente mit Hemant-Bezügen und wurde durch Schüler und Nachfolger weitergetragen.
- Hemant. Bedeutender Raga der Maihar-Tradition, häufig mit Allauddin Khan verbunden und im Konzertrepertoire seiner Nachfolge präsent.
- Hemant Bhairav. Zugeschriebener Mischraga aus dem Hemant- und Bhairav-Umfeld.
- Imni Manjh. Zugeschriebener Raga; die Schreibung ist in gedruckten und digitalen Quellen nicht einheitlich.
- Jaunpuri Todi. Zugeschriebener Mischraga aus Jaunpuri- und Todi-Bezügen.
- Kedar Manjh. Zugeschriebener Raga mit Kedar- und Manjh-Bezügen.
- Komal Bhimpalasi. Zugeschriebene Variante beziehungsweise Neugestaltung im Bhimpalasi-Umfeld.
- Komal Marwa. Zugeschriebene Variante beziehungsweise Neugestaltung im Marwa-Umfeld.
- Madanmanjari. Zugeschriebener Raga; zugleich erinnert der Name an die familiäre und emotionale Namenswelt der Maihar-Tradition.
- Madhabsri. Zugeschriebener Raga; in Listen der Khan-Schöpfungen genannt.
- Madhavgiri. Zugeschriebener Raga; Schreibvarianten sind möglich.
- Malaya. Zugeschriebener Raga; nicht ohne Prüfung mit älteren Malaya- oder Malhar-Bezeichnungen zu verwechseln.
- Manjh Khamaj. Besonders häufig genannter Allauddin-Khan-Raga und eine der bekannteren Schöpfungen der Maihar-Schule.
- Meghbahar. Zugeschriebener Raga aus dem Bereich von Megh- und Bahar-Verbindungen.
- Muhammad. Zugeschriebener Raga; der Name deutet auf eine Widmungs- oder Andachtsdimension hin.
- Nat-Khamaj. Zugeschriebener Mischraga aus Nat- und Khamaj-Bezügen.
- Prabhakali. Zugeschriebener Raga; in mehreren Listen als Khan-Schöpfung genannt.
- Raj Bijoy. Zugeschriebener Raga; die Namensform kann als höfisch oder widmungsbezogen verstanden werden.
- Rajeshri. Zugeschriebener Raga aus dem erweiterten Maihar-Korpus.
- Shobhavati. Zugeschriebener Raga; Schreibvarianten wie Shobhawati sind möglich.
- Subhabati. Zugeschriebener Raga; die genaue Form ist anhand von Schülerüberlieferung und Aufnahmen zu prüfen.
- Sugandha. Zugeschriebener Raga, auch durch Aufnahme- und Hörüberlieferung im Umfeld von Allauddin Khan beziehungsweise seiner Schule greifbar.
- Surasati. Zugeschriebener Raga; der Name verweist auf Sarasvati beziehungsweise musikalisch-religiöse Symbolik.
Instrumentale Kompositionen, gats und Lehrstücke
- Gats für Sarod. Mündlich überlieferte instrumentale Kompositionen in verschiedenen Ragas; sie bilden den praktischen Kern der Sarod-Ausbildung in der Maihar-Schule.
- Gats für Sitar, Surbahar und andere Instrumente. Lehr- und Konzertstücke, die über Schüler wie Ravi Shankar, Annapurna Devi und Nikhil Banerjee weiterwirkten.
- Alap- und Jor-Modelle. Nicht als einzelne Werke fixiert, aber als prägende Formmodelle der Maihar-Gharana wichtig.
- Tan- und Layakari-Übungen. Pädagogische Übungsformen zur Verbindung von melodischer Erfindung, Geschwindigkeit und rhythmischer Präzision.
- Pakhawaj- und Tabla-bezogene Rhythmusübungen. Teil der umfassenden Ausbildung, in der Melodieinstrumentalisten auch rhythmische Tiefenstruktur erlernen sollten.
- Kompositionen und Arrangements für die Maihar Band. Orchestrale oder ensembleartige Bearbeitungen auf Grundlage indischer Raga- und Volksmusikmaterialien; die erhaltene Titellage ist uneinheitlich und teilweise institutionell überliefert.
Aufnahmen und dokumentierte Klangzeugnisse
- All India Radio-Aufnahmen von 1959/1960. Späte Rundfunkaufnahmen, die wegen Allauddin Khans Alter und seltener eigener Tonzeugnisse besonders wichtig sind.
- Raga Charju ki Malhar. In Hör- und Archivzusammenhängen mit Allauddin Khan verbundenes Klangzeugnis.
- Raga Sugandh. In Hör- und Archivzusammenhängen mit Allauddin Khan verbundenes Klangzeugnis.
- Raga Hem beziehungsweise Hemant-Tradition. Aufnahmen und Schülerüberlieferungen machen die Hemant- und Hem-Bihag-Gruppe zu einem wichtigen Teil der Maihar-Rezeption.
- Dokumentarische Film- und Rundfunkmaterialien. Besonders relevant ist die Sangeet-Natak-Akademi-Dokumentation über Ustad Allauddin Khan als biographisches und musikalisches Erinnerungsdokument.
Pädagogisches und institutionelles Werk
- Maihar-Gharana. Allauddin Khans nachhaltigstes Werk ist die Formung einer Schule, die verschiedene Instrumente, Raga-Denken, Dhrupad-Ernst und moderne Konzertkultur verbindet.
- Maihar Band. Institutionelles Werk zur musikalischen Ausbildung von Kindern und zur Ensemblebildung in Maihar.
- Maihar College of Music. Mit Allauddin Khan verbundene spätere Institutionalisierung musikalischer Ausbildung in Maihar.
- Schülerkorpus der Maihar-Schule. Durch Ali Akbar Khan, Annapurna Devi, Ravi Shankar, Nikhil Banerjee, Pannalal Ghosh, Bahadur Khan und andere wurde Allauddin Khans Lehre zu einem internationalen Wirkungskorpus.
Auszeichnungen und späte Anerkennung
Allauddin Khan wurde in seinen späten Lebensjahren mehrfach mit hohen indischen Auszeichnungen geehrt. 1952 erhielt er den Sangeet Natak Akademi Award beziehungsweise den damaligen Presidential Award. 1954 wurde er zum Fellow der Sangeet Natak Akademi gewählt. 1958 folgte der Padma Bhushan, 1971 der Padma Vibhushan. Diese Ehrungen zeigen, dass seine ursprünglich höfisch und mündlich geprägte Meisterschaft in den institutionellen Kanon des modernen indischen Staates aufgenommen wurde.
Die Ehrungen sind nicht nur biographische Zusatzinformationen. Sie markieren den Übergang von der alten Meistertradition zur nationalen Kulturpolitik. Allauddin Khan wurde zu einer Figur, an der Indien die klassische Musik als kulturelles Erbe, als Kunstform und als Teil nationaler Repräsentation würdigte. Dadurch steht er zwischen vormoderner Hofkultur, kolonialer Moderne, postkolonialer Staatskultur und globaler Konzertöffentlichkeit.
Überlieferung und editorische Hinweise
Die Überlieferung zu Allauddin Khan ist durch mehrere Spannungen geprägt. Erstens stehen schriftliche Daten, Familienerinnerung, Schülerzeugnisse, Dokumentarfilme, Rundfunkmaterialien und spätere Musikerzählungen nebeneinander. Zweitens ist das Werk überwiegend mündlich und performativ überliefert. Drittens unterscheiden sich ältere und neuere Angaben bei den Lebensdaten deutlich. Ein Kulturlexikon-Artikel muss diese Spannungen sichtbar machen, statt sie zu glätten.
Besonders bei Raga-Zuschreibungen ist Vorsicht geboten. Viele Listen nennen eine große Zahl von Ragas, die Allauddin Khan geschaffen oder ausgeformt haben soll. Nicht jeder dieser Namen ist durch eine gedruckte Notation, eine eigene Aufnahme oder eine eindeutige Schüleraussage gleich stark gesichert. Dennoch ist die Liste kulturgeschichtlich wichtig, weil sie das Selbstverständnis der Maihar-Schule und Allauddin Khans Ruf als schöpferischer Raga-Komponist dokumentiert.
Bei den Aufnahmen ist zu beachten, dass Allauddin Khan im Vergleich zu seinen Schülern nur relativ wenige Tonzeugnisse hinterlassen hat. Seine Wirkung ist daher stärker in der Musik anderer hörbar als in einem umfangreichen eigenen Schallplattenkatalog. Gerade darin liegt ein zentrales Merkmal seiner historischen Rolle: Er war weniger ein moderner Medienstar als ein überragender Lehrer, dessen künstlerische Energie in Schülern, Repertoire, Stil und Institutionen weiterlebte.
Sekundärliteratur
- Clayton, Martin: „Khan, Allauddin“. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. London/New York.
- Ghosh, Shubhomay: Ustad Allauddin Khan: My Life. The Story of an Indian Classical Musician. Übersetzung und Herausgabe der Erinnerungen Allauddin Khans, moderne englische Ausgabe.
- Lavezzoli, Peter: The Dawn of Indian Music in the West. New York/London 2006.
- Massey, Reginald und Jamila Massey: The Music of India. New Delhi 1996.
- Miner, Allyn: Sitar and Sarod in the 18th and 19th Centuries. Delhi 1993.
- Neuman, Daniel M.: The Life of Music in North India. The Organization of an Artistic Tradition. Chicago 1980.
- Ruckert, George: Music in North India. Experiencing Music, Expressing Culture. New York/Oxford 2004.
- Shankar, Ravi: My Music, My Life. New York 1968.
- Shankar, Ravi: Raga Mala. The Autobiography of Ravi Shankar. New York 1999.
- Sorrell, Neil und Ram Narayan: Indian Music in Performance. A Practical Introduction. Manchester 1980.
- Wade, Bonnie C.: Music in India. The Classical Traditions. New Delhi 1979.
- Widdess, Richard: „Rāga“. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. London/New York.
Ausgewählte Onlinequellen
- Ali Akbar College of Music: Ali Akbar Khan Informationen zur Weitergabe der Allauddin-Khan-Tradition durch Ali Akbar Khan und zur internationalen Institutionalisierung der Maihar-Linie.
- Banglapedia: Khan, Ustad Alauddin Biographischer Artikel mit Angaben zu Shivpur, Brahmanbaria, musikalischer Familie, Ausbildung, Sarodspiel und Stellung in der bengalisch-indischen Musikgeschichte.
- Britannica: Ali Akbar Khan Überblick zu Ali Akbar Khan mit Hinweis auf die Ausbildung durch seinen Vater Allauddin Khan und die spätere internationale Sarod-Karriere.
- Britannica: Ravi Shankar Artikel zu Ravi Shankar mit Angaben zu dessen Ausbildung bei Ustad Allauddin Khan in der Maihar-Gharana.
- Darbar: Ustad Allauddin Khan, a guru of genius Einführender Artikel zu Allauddin Khan als Lehrer, Hofmusiker von Maihar, Komponist und prägende Figur der modernen Hindustani-Instrumentalmusik.
- Internet Archive: Ustad Allauddin Khan, Sangeet Natak Akademi Digitaler Nachweis der Sangeet-Natak-Akademi-Dokumentation über Allauddin Khan mit biographischen und auszeichnungsbezogenen Angaben.
- Internet Archive: Ustad Allauddin Khan Digitalisat einer älteren Schrift beziehungsweise Darstellung zu Leben und Werk Allauddin Khans.
- Music India Online / Indobase: Ustad Allauddin Khan Populärbiographische Übersicht mit Zeitleiste zu Geburt, Maihar, Europareise mit Uday Shankar, Auszeichnungen und Tod.
- Omenad: Forging Notes – Maihar Band Artikel zur Maihar Band, ihrer sozialen und musikalischen Funktion sowie zur Rolle Allauddin Khans in der Ensemblebildung.
- Padma Awards: Gazette of India 1958 Amtliche Bekanntmachung des Padma Bhushan für Ustad Allauddin Khan als Musiker.
- Padma Awards: Gazette of India 1971 Amtliche Bekanntmachung des Padma Vibhushan für Ustad Allauddin Khan, Musician, Maihar, Madhya Pradesh.
- Parrikar: Allauddin Khan Hör- und Textzugang zu Allauddin Khan mit Auszügen aus Ravi Shankars Würdigung und Hinweisen auf seltene Aufnahmen.
- Raga.hu: Maihar Gharana Übersicht zur Maihar-Gharana, zur Rolle Allauddin Khans und zu ihm zugeschriebenen Raga-Schöpfungen.
- Ragajunglism: Hem Bihag Raga-Eintrag zu Hem Bihag mit Hinweis auf Allauddin Khan als Schöpfer beziehungsweise maßgebliche Quelle dieses Raga.
Weiterführende Einträge
- Alap Einleitender, rhythmisch freier Teil der Raga-Entfaltung, dessen ernste Ausgestaltung für die Maihar-Schule zentral ist.
- Annapurna Devi Tochter und Schülerin Allauddin Khans, bedeutende Surbahar-Spielerin und Lehrerin der Maihar-Tradition.
- Bansuri Nordindische Bambusflöte, die im Wirkungskreis Allauddin Khans durch Schüler wie Pannalal Ghosh besondere Bedeutung erhielt.
- Dhrupad Alte vokale und instrumentale Kunstmusiktradition Nordindiens, deren Ernst und Formdenken die Maihar-Gharana prägten.
- Gat Instrumentale Kompositionsform der Hindustani-Musik, die in Allauddin Khans Lehr- und Aufführungspraxis eine zentrale Rolle spielte.
- Gharana Stil-, Schul- und Traditionslinie der nordindischen Musik, in der Lehre, Repertoire und ästhetische Haltung weitergegeben werden.
- Guru-Shishya-Parampara Traditionelle Lehrer-Schüler-Beziehung, deren strenge Form Allauddin Khans Pädagogik wesentlich bestimmte.
- Hem Bihag Raga, der häufig als Schöpfung Allauddin Khans innerhalb der Maihar-Tradition genannt wird.
- Hindustani-Musik Nordindische klassische Musik, deren instrumentale Moderne durch Allauddin Khan entscheidend geprägt wurde.
- Indische Musik Übergreifender Kulturraum, in dem Allauddin Khans Arbeit zwischen höfischer Tradition, Volksmusik, Konzertpraxis und globaler Rezeption steht.
- Ali Akbar Khan Sohn und Schüler Allauddin Khans, einer der bedeutendsten Sarodspieler des 20. Jahrhunderts und Vermittler der Maihar-Tradition im Westen.
- Khyal Vokale Hauptgattung der Hindustani-Musik, deren Phrasierung und Raga-Entwicklung auch instrumentale Stile beeinflusste.
- Maihar Zentralindischer Wirkungsort Allauddin Khans und Namensgeber der Maihar-Gharana.
- Maihar Band Von Allauddin Khan geprägtes Ensembleprojekt, das Musikpädagogik, soziale Fürsorge und instrumentale Orchesterpraxis verband.
- Maihar-Gharana Von Allauddin Khan entscheidend geformte Schule der Hindustani-Instrumentalmusik.
- Nikhil Banerjee Sitarmeister der Maihar-Tradition, dessen kontemplativer Stil aus der Lehre Allauddin Khans hervorging.
- Pakhawaj Nordindische Fasstrommel, deren Rhythmuswelt für Dhrupad und Allauddin Khans umfassende Ausbildungspraxis wichtig war.
- Raga Melodisches Grundmodell der indischen Kunstmusik, dessen Erfindung, Ausformung und Weitergabe im Zentrum von Allauddin Khans Werk stehen.
- Ravi Shankar Schüler Allauddin Khans und international prägender Sitarist, der die Maihar-Tradition weltweit bekannt machte.
- Sarod Bundloses nordindisches Saiteninstrument, mit dem Allauddin Khan als Meister, Lehrer und Stilbildner verbunden ist.
- Seniya-Tradition Traditionslinie mit Rückbezug auf Tansen, die für das Selbstverständnis der Maihar-Senia-Gharana grundlegend ist.
- Sitar Nordindisches Saiteninstrument, das durch Allauddin Khans Schüler Ravi Shankar und Nikhil Banerjee weltweit bekannt wurde.
- Surbahar Bassnahe Verwandte der Sitar, besonders wichtig für Annapurna Devi und die tiefe Raga-Entfaltung der Maihar-Tradition.
- Tansen Legendärer Musiker am Mogulhof Akbars, auf den sich die Seniya-Tradition genealogisch und symbolisch bezieht.