Kulturlexikon · Wort / Italienisch, Substantiv („Ding/Sache“), Wahrnehmung und Evidenz, Zeugnis und Glaubwürdigkeit, Staunen und Furcht, Dante, Divina Commedia
Cosa
Cosa heißt im Italienischen „Ding“, „Sache“, „Angelegenheit“, im Fragengebrauch auch „was?“. In Dantes Commedia ist cosa kein bloßes Platzhalterwort, sondern ein Begriff der Schwelle: Es markiert den Moment, in dem etwas überhaupt erst als „etwas“ in den Blick kommt. Wo cosa steht, wird Wahrnehmung in eine benennbare Einheit überführt – oft noch unscharf („alcuna cosa“), mitunter erschütternd („cosa incredibile“), manchmal neu und staunenswert („cosa nova“), bisweilen angsterregend („cosa… paura“). Das Wort ist damit ein Minimalinstrument der Erkenntnis: Es setzt Gegenständlichkeit, bevor sie erklärt wird.
Zugleich ist cosa ein Wort der Glaubwürdigkeit. Dante weiß, dass das Erzählte die Grenze des Glaubens berührt. Wenn „cose“ „fede“ nehmen könnten, wird der Text zum Schauplatz einer heiklen Operation: Wie kann Sprache Zeugnis geben, wenn das Bezeugte die Erfahrung übersteigt? Cosa steht dann an der Nahtstelle zwischen Sinnesdaten, Erschrecken, Bericht und Leserzustimmung.
1. Grammatikalische Erklärung
Cosa ist ein feminines Substantiv (Singular la cosa, Plural le cose). Es deckt im Italienischen ein weites Spektrum ab: konkreter Gegenstand, abstrakte Angelegenheit, Ereignis, Tatbestand, aber auch unbestimmtes „Etwas“. In Verbindung mit Negation und Indefiniten („non … alcuna cosa“) wird es zum Marker der Wahrnehmungsschwelle: Man sieht, aber erkennt noch nichts Bestimmtes.
Neben dem Substantivgebrauch existiert cosa als Interrogativum („che cosa?“ = „was?“), doch die dantesken Belege in den hier geführten Fundstellen stehen überwiegend substantivisch. Gerade diese Substantivkraft ist poetisch entscheidend: cosa macht das Ungeformte zunächst „dinghaft“, damit es überhaupt in Sprache gerät.
2. Bedeutungsfelder: Ding, Ereignis, Zeichen, Grenze des Sagbaren
Erstens ist cosa ein Wort der Gegenständlichkeit. Es benennt, dass da „etwas“ ist – selbst wenn es noch nicht klassifiziert ist. Zweitens ist es ein Wort des Ereignisses: „cosa“ kann ein Vorgang, eine Begebenheit, ein „Fall“ sein. Drittens wird es zum Wort des Zeichens: Eine „cosa“ kann Hinweischarakter tragen, ein Signal sein, das gedeutet werden muss.
Entscheidend bei Dante ist viertens die Funktion als Marker der Grenze. „Cosa incredibile“ zeigt: Das Ding sprengt Erwartung und Erfahrungsmaß. „Cose che torrien fede“ zeigt: Das Ding wäre so stark, dass es Glauben zerstören oder zumindest herausfordern könnte. So wird cosa ein poetisches Werkzeug, um das Verhältnis von Erfahrung, Bericht und Leserwahrheit auszuhandeln.
3. Cosa als Erzähltechnik: vom Sehen zum Bezeugen
Die Commedia ist eine Reise durch Räume, in denen alles Bedeutung hat, aber nicht sofort verständlich ist. Dante arbeitet daher oft mit Zwischenschritten: erst Wahrnehmen, dann Benennen, dann Deuten. Cosa ist das Wort dieses ersten Schritts. Es erlaubt, eine Erscheinung als Einheit zu setzen, ohne sie schon zu erklären. Das ist erzähltechnisch effektiv: Der Text kann Spannung halten, weil das „Etwas“ noch unaufgelöst bleibt.
Gleichzeitig ist cosa ein Werkzeug der rhetorischen Selbstabsicherung. Dante weiß, dass seine „Dinge“ den Leser überfordern könnten. Wenn er auf „fede“ und „sermone“ Bezug nimmt, stellt er den Bericht als Zeugnisprobe aus. Das Substantiv „cosa“ hält dabei den Realitätsanspruch fest: Es war nicht nur „eine Idee“, sondern „eine Sache“, ein Ding der Erfahrung.
Schluss
Cosa ist das kleine große Wort für „Welt als Etwas“. Es bezeichnet Gegenstände und Angelegenheiten, aber vor allem markiert es in Dantes Commedia die Schwelle von Wahrnehmung zu Bedeutung. Zwischen „alcuna cosa“ und „cosa incredibile“ liegt die Bewegung des ganzen Gedichts: sehen, erschrecken, prüfen, glauben, deuten. Cosa ist damit nicht Nebenvokabular, sondern ein Grundbaustein der dantesken Erkenntnispoetik.
4. Fundstellen in der Divina Commedia
-
io non vi discernea alcuna cosa.
ich unterschied dort keinerlei Sache / nichts Bestimmtes.
Inferno, Canto 4, Vers 12 -
cose che torrien fede al mio sermone».
Dinge, die meinem Bericht den Glauben rauben würden.
Inferno, Canto 13, Vers 21 -
ma la cosa incredibile mi fece
doch die unglaubliche Sache bewirkte bei mir
Inferno, Canto 13, Vers 50 -
cosa non fu da li tuoi occhi scorta
keine Sache blieb deinen Augen unbemerkt
Inferno, Canto 14, Vers 88 -
or è diserta come cosa vieta.
nun ist sie verlassen wie etwas Verbotenes.
Inferno, Canto 14, Vers 99 -
per che, se cosa n'apparisce nova,
daher: wenn uns etwas Neues erscheint,
Inferno, Canto 14, Vers 128 -
e vidi cosa ch'io avrei paura,
und ich sah etwas, vor dem ich Angst hätte,
Inferno, Canto 28, Vers 113 -
se cosa appare ond' elli abbian paura,
wenn etwas erscheint, wovor sie Furcht haben,
Purgatorio, Canto 2, Vers 127 -
E però, quando s'ode cosa o vede
Und darum: wenn man etwas hört oder sieht,
Purgatorio, Canto 4, Vers 7 -
cosa ch'io possa, spiriti ben nati,
etwas, das ich vermag, ihr edlen Geister,
Purgatorio, Canto 5, Vers 60 -
Ella non ci dicëa alcuna cosa,
Sie sagte uns keinerlei Sache / nichts Bestimmtes,
Purgatorio, Canto 6, Vers 64 -
Qual è colui che cosa innanzi sé
Wie der ist, der etwas vor sich hat,
Purgatorio, Canto 7, Vers 10 -
non però ch'altra cosa desse briga,
nicht jedoch, weil eine andere Sache Mühe machte,
Purgatorio, Canto 7, Vers 55 -
Colui che mai non vide cosa nova
Jener, der niemals etwas Neues sah,
Purgatorio, Canto 10, Vers 94 -
Ond' io: «Maestro, dì, qual cosa greve
Worauf ich: „Meister, sag, welche schwere Sache
Purgatorio, Canto 12, Vers 118 -
con cosa in capo non da lor saputa,
mit etwas auf dem Kopf, das ihnen unbekannt war,
Purgatorio, Canto 12, Vers 128 -
Oh, questa è a udir sì cosa nuova,
O, dies ist zu hören eine so neue Sache,
Purgatorio, Canto 13, Vers 145 -
quanto vuol cosa che non fu più mai».
so sehr begehrt man etwas, das niemals zuvor war.“
Purgatorio, Canto 14, Vers 15 -
in cosa che 'l molesti, o forse ancida,
in einer Sache, die ihn quält oder vielleicht tötet,
Purgatorio, Canto 16, Vers 12 -
cosa che fosse allor da lei ricetta.
eine Sache, die damals von ihr angenommen wurde.
Purgatorio, Canto 17, Vers 24