Kulturlexikon · Sprachform / Italienisch, elidierte Form von come („wie“), Vergleichs- und Moduspartikel, Gleichnis und Bildtechnik, Wille/Modus („com’ ella volse“), Wahrheit („com’ ell’ è vera“), Rückverweis/Demonstration („Sì com’ io dissi“), Spiegelungsrelation („sì com’ io“), Versökonomie durch Apostroph, Dante, Divina Commedia

Com’

Com’ ist die verkürzte, apostrophierte Form von come – „wie“. Bei Dante ist dieses „wie“ kein dekoratives Vergleichswort, sondern ein tragendes Erkenntnisinstrument. Die Commedia muss Unsichtbares sichtbar machen: seelische Zustände, kosmische Ordnung, göttliche Wirklichkeit. Dafür braucht sie Relationen. Com’ baut diese Relationen in Minimalform: es setzt Gleichnisse („wie ein Adler“), bindet Handlungen an Wille („wie sie wollte“), markiert Sachverhalte als wahr („wie es wirklich ist“), und erzeugt Spiegelungen („sie sah mich so wie ich“). Der Apostroph ist Versökonomie, aber die Funktion ist groß: com’ ist eines der Wörter, mit denen Dante die Welt über Ähnlichkeit und Modus ordnet.

1. Grammatikalische Erklärung

Com’ ist eine elidierte Form von come. Die Elision (Wegfall des Endvokals) wird durch den Apostroph markiert und tritt vor allem vor Vokal oder H-Anlaut auf (com’ io, com’ ella, com’ acqua). Das ist ein typischer Vorgang in der dantesken Verssprache: Er spart Silben, vermeidet Hiatus und hält den Rhythmus der Terzinen geschmeidig.

Funktional kann come/com’ unterschiedliche syntaktische Rollen übernehmen. Es kann als Vergleichspartikel ein Gleichnis einleiten („wie ein Adler fliegt“). Es kann als Modusmarker „Art und Weise“ anzeigen („so wie sie wollte“, „so wie es mir gefiel“). Es kann außerdem in Korrelatkonstruktionen mit auftreten (sì com’…), die Demonstration und Rückverweis stärken: „so wie ich sagte“ oder „so wie ich gehe“.

Inhaltlich ist die Unterscheidung zwischen Vergleich und Modus oft fließend: „wie“ ist bei Dante häufig zugleich Bild und Logik. Darum ist com’ ein Strukturwort: Es ist die kleine Form, mit der Ähnlichkeit, Maß und Gesetzmäßigkeit in den Satz eingebaut werden.

2. Bedeutungsfelder: Vergleich, Modus/Wille, Wahrheit, Spiegelung, Demonstration

Das erste Feld von com’ ist der Vergleich. Dante nutzt Vergleich nicht als Ornament, sondern als Übersetzungstechnik: Unbekanntes wird durch Bekanntes verständlich. „Wie ein Adler fliegt“ ist nicht nur Bild, sondern Rangordnung: Ein Wesen/Prinzip steht über anderen, und der Vergleich macht diese Überlegenheit anschaulich.

Ein zweites Feld ist Modus und Wille. In „wie sie wollte“ steckt eine Weltlogik: Bewegung geschieht nach einem Willen, nicht zufällig. Com’ wird dann zum Marker von Abhängigkeit: Etwas kommt zustande in der Weise, wie eine höhere Instanz es setzt. In Dantes Kosmos ist das zentral, weil Ordnung als gewollte Ordnung gedacht ist.

Ein drittes Feld ist Wahrheit als richtiges Wie. „Wie es wahr ist“ heißt: die Dinge sind nicht beliebig, sie haben eine korrekte Bestimmung. Com’ markiert hier nicht Vergleich, sondern die Form der Wahrheit: Wahrheit erscheint als genaue Art-und-Weise, als richtige Beschreibung dessen, was gilt.

Ein viertes Feld ist Spiegelung und wechselseitige Sicht. „Sie sah mich so wie ich“ ist eine Reflexivitätsformel: Wahrnehmung wird symmetrisch oder spiegelnd. Solche Spiegelungen sind im Paradies besonders wichtig, weil Erkenntnis dort als Durchsichtigkeit und gegenseitiges Erkennen erzählt werden kann. Com’ baut diese Symmetrie in die Grammatik ein.

Ein fünftes Feld ist Demonstration und Rückverweis. In sì com’ io dissi oder riguarda bene sì com’ io vado wird com’ zur Handlungsanweisung: Schau genau, so wie ich gehe. Vergleich wird hier didaktisch: Der Leser (oder die Figur) soll eine Form nachzeichnen. Com’ ist dann das Wort, mit dem Nachvollzug und Lernen in die Sprache eingebaut werden.

3. Com’ als Poetik: Übersetzung, Ordnung, Exemplarität

Dantes Poetik ist eine Poetik der Übersetzung: Jenseitswirklichkeit muss in diesseitige Bilder, Bewegungen und Relationen überführt werden. Com’ ist dabei das Basiselement, weil es den Transfer über Ähnlichkeit leistet. Wer sagt „wie Wasser empfängt“, macht einen abstrakten Vorgang anschaulich als physikalische Aufnahme: ein Bild, das zugleich eine Regel ausdrückt.

Zugleich ist com’ ein Wort der Ordnung. Es bindet Ereignisse an richtige Weise, Handlungen an Wille, Wahrheit an genaue Bestimmung. Dadurch wird der Kosmos nicht als Sammlung von Wundern, sondern als System von Formen lesbar.

Und schließlich ist com’ ein Wort der Exemplarität. In Aufforderungen („schau, wie ich gehe“) wird ein Modell gesetzt, das nachgeahmt werden soll. Das passt zur didaktischen Anlage der Commedia: Erkenntnis ist nicht nur Einsicht, sondern Formung – und „wie“ ist die Grammatik dieser Formung.

Fazit

Com’ (für come) ist bei Dante ein kleines, aber tragendes Gelenkwort. Es spart Silben durch Elision, doch vor allem baut es Relationen: Vergleich, Modus, Wahrheit, Spiegelung und didaktische Demonstration. In den Fundstellen erscheint com’ als Marker von Berichtgrenze („non so ben… com’“), als Bindung an Willen („com’ ella volse“), als Rangbild („com’ aquila vola“), als Wahrheitsmodus („com’ ell’ è vera“), als Rückverweis („sì com’ io dissi“), als Abhängigkeit von fremdem Gefallen („com’ altrui piacque“), als Spiegelung („sì com’ io“), als Aufnahmebild („com’ acqua recepe“) und als Anleitung („sì com’ io vado“). So zeigt com’ im Kleinen, wie Dantes Erkenntnispöetik funktioniert: Das Jenseits wird über das „Wie“ in Ordnung und Bild übersetzt.

4. Fundstellen in der Divina Commedia

    Io non so ben ridir com' io v'entrai,
    ich weiß nicht gut wiederzugeben, wie ich hineinging,
    Inferno, Canto 1, Vers 10
    Com’ steht am Ursprung als Frage nach dem „Wie“ der Verirrung. Nicht das Dass, sondern die Art und Weise entzieht sich – der Bericht bricht genau dort ab, wo die Form des Geschehens rekonstruierbar sein müsste.

    E venni a te così com' ella volse:
    Und ich kam zu dir so, wie sie es wollte:
    Inferno, Canto 2, Vers 118
    Com’ bindet Handlung an Willen. Das „Wie“ ist hier keine Ähnlichkeit, sondern Abhängigkeit: Bewegung vollzieht sich in der Weise einer höheren Setzung. Ordnung erscheint als gewollter Modus.

    che sovra li altri com' aquila vola.
    der über die anderen fliegt wie ein Adler.
    Inferno, Canto 4, Vers 96
    Com’ eröffnet das Ranggleichnis: „wie ein Adler“ macht Überlegenheit anschaulich. Der Vergleich ist hier Ordnungstechnik: Hierarchie wird bildlich und sofort lesbar.

    di nostra condizion com' ell' è vera,
    von unserem Zustand, wie er wahr ist,
    Purgatorio, Canto 1, Vers 56
    Com’ markiert Wahrheit als Bestimmung der Weise. Nicht nur was gilt, sondern wie es gilt, ist wahrheitsrelevant. Das „Wie“ ist hier epistemisch: richtige Beschreibung der Ordnung.

    com' io dissi, fui mandato ad esso
    So wie ich sagte, wurde ich zu ihm gesandt
    Purgatorio, Canto 1, Vers 61
    Com’ fungiert als Rückverweis und Beglaubigung: Der Sprecher bindet das Jetzt an das bereits Gesagte. „So wie“ stabilisiert die Erzählkette und macht Rede zur Leitlinie.

    Quivi mi cinse sì com' altrui piacque:
    Dort gürtete er mich so, wie es einem anderen gefiel:
    Purgatorio, Canto 1, Vers 133
    Com’ zeigt Modus als fremdbestimmte Form: Es geschieht „wie es einem anderen gefällt“. Das „Wie“ ist hier Disziplinierung: die Form wird von außen gesetzt.

    Ond' ella, che vedea me sì com' io,
    Darauf sie, die mich so sah wie ich (sie),
    Paradiso, Canto 1, Vers 85
    Com’ baut Spiegelung: Wahrnehmung wird symmetrisch. Das „Wie“ bedeutet hier Gleichartigkeit der Sicht – eine paradiesische Transparenz, in der Erkennen gegenseitig wird.

    ne ricevette, com' acqua recepe
    und sie empfing es, wie Wasser empfängt,
    Paradiso, Canto 2, Vers 35
    Com’ ist Übersetzungstechnik: Ein abstrakter Vorgang (Empfang/Aufnahme) wird über ein physisches Modell (Wasser) verständlich gemacht. Vergleich wird zur Regelanschauung.

    Riguarda bene omai sì com' io vado
    Schau nun gut, so wie ich gehe
    Paradiso, Canto 2, Vers 124
    Com’ wird didaktisch: Das „Wie“ setzt ein Exempel, das beobachtet und nachgeahmt werden soll. Erkenntnis erscheint als Nachvollzug einer Form.

Die Fundstellen zeigen com’ als danteskes Strukturwort des „Wie“. Es markiert am Anfang die nicht rekonstruierbare Art des Eintritts, bindet Handlungen an Willen, ordnet Hierarchie über Gleichnis, bestimmt Wahrheit als richtige Weise, stabilisiert Rede über Rückverweis, zeigt Fremdsetzung von Form, erzeugt Spiegelung und Transparenz im Paradies, übersetzt Abstraktes in anschauliche Modelle und dient schließlich als Lehrformel der Exemplarität. So ist com’ nicht nur ein Vergleichswort, sondern eine Grammatik der Ordnung: Dantes Welt wird über das „Wie“ verständlich und führbar gemacht.