Anthonello de Caserta
Überblick
Anthonello de Caserta, in modernen Nachschlagewerken häufig auch Antonello da Caserta, gehört zu den bedeutenden, aber biographisch nur schemenhaft erkennbaren Komponisten der Ars subtilior und der spätmittelalterlichen Liedkunst um 1400. Seine Kompositionen stehen an der Grenze zwischen italienischem Trecento, französischer Ars nova, höfischer Mehrsprachigkeit und jener hochartifiziellen rhythmischen und notationalen Kunst, die in der Forschung seit dem 20. Jahrhundert als Ars subtilior bezeichnet wird.
Seine Lebensdaten sind nicht bekannt. Auch seine Herkunft bleibt unsicher. Der Zusatz de Caserta, der in Quellen wie dem Lucca- beziehungsweise Mancini-Codex und in verwandten Handschriften begegnet, kann auf eine Geburt in Caserta, auf eine Herkunft aus dieser süditalienischen Stadt, auf eine zeitweilige Tätigkeit dort oder auf eine später tradierte Herkunftsbezeichnung verweisen. Die Form de Caserta abbas in der Handschrift Parma lässt außerdem an eine geistliche Funktion, möglicherweise als Abt, denken; auch diese Deutung bleibt jedoch vorsichtig zu behandeln. Der Quellenbefund erlaubt plausible, aber keine eindeutigen biographischen Schlüsse.
Überliefert sind französische und italienische weltliche Kompositionen, darunter Ballades, Rondeaux, ein Virelai, italienische Ballate und ein Madrigal. Diese Mehrsprachigkeit ist für Anthonello zentral. Sie zeigt, dass er nicht nur ein italienischer Komponist lokaler Prägung war, sondern in einer internationalen höfischen Musikkultur stand, in der französische Formen, italienische Texte, komplexe Mensuralnotation und aristokratische Liebesrhetorik miteinander zirkulierten.
Besonders bedeutsam ist seine Stellung zwischen Guillaume de Machaut, Philipoctus de Caserta, Johannes Ciconia, Matheus de Perusio und der späteren franko-flämischen Mehrstimmigkeit. Anthonello übernimmt französische Formmodelle und entwickelt sie in einem italienisch geprägten Repertoire weiter. Seine Musik ist deshalb ein wichtiger Beleg für die Internationalisierung der spätmittelalterlichen Kunstmusik.
Kurzdaten
| Hauptlemma | Anthonello de Caserta. |
|---|---|
| Weitere Namensformen | Antonello da Caserta, Anthonellus, Antonellus, Antonelus, [An]tonelus, Antonellus Marot de Caserta, Anthonellus Marot de Caserta, A. Marotus de Caserta abbas, Marot de Caserta, Tonelus. |
| Lebensdaten | Geburts- und Sterbedaten sind nicht bekannt; die musikalische Aktivität wird gewöhnlich um 1400 beziehungsweise in das späte 14. und frühe 15. Jahrhundert gesetzt. |
| Geburtsort | Caserta in Italien wird vermutet, ist aber nicht sicher belegt; der Zusatz de Caserta kann auch auf Herkunft, Tätigkeit oder spätere Quellenbezeichnung verweisen. |
| Beruf | Komponist spätmittelalterlicher weltlicher Mehrstimmigkeit, möglicherweise geistlicher Würdenträger beziehungsweise Abt. |
| Epoche | Spätes Mittelalter, Ars nova, Trecento und Ars subtilior. |
| Gattungen | Ballade, Rondeau, Virelai, Ballata und Madrigal; möglicherweise auch einzelne geistliche beziehungsweise hymnenartige Zuschreibungen. |
| Sprachen | Französisch und Italienisch; seine Mehrsprachigkeit ist ein Schlüssel seiner kulturgeschichtlichen Stellung. |
| Zentrale Handschriften | Lucca- beziehungsweise Mancini-Codex, Modena A, Reina-Codex, Chantilly-Codex, Parma-Fragment, Padua- und Pistoia-Quellen sowie weitere spätmittelalterliche Liedhandschriften. |
| Kulturgeschichtliche Bedeutung | Anthonello ist ein wichtiger Vertreter der internationalen höfischen Liedkunst um 1400 und zeigt die Verbindung italienischer und französischer Kompositionssprachen in der Ars subtilior. |
| Datei | caserta-anthonello-de.shtml. |
Namensformen, Caserta-Zusatz und Quellenprobleme
Die Namensüberlieferung Anthonellos ist nicht einheitlich. In modernen Katalogen und Editionen erscheinen nebeneinander Anthonello de Caserta, Antonello da Caserta, Anthonellus, Antonellus, [An]tonelus, Antonellus Marot de Caserta und A. Marotus de Caserta abbas. Diese Varianten sind nicht bloße orthographische Nebensächlichkeiten, sondern Teil des Problems, eine spätmittelalterliche Komponistenperson aus verstreuten Handschrifteneinträgen zu rekonstruieren.
Der Zusatz de Caserta kann auf die süditalienische Stadt Caserta verweisen, doch bleibt offen, ob damit Geburt, Herkunft, Aufenthalt, Besitzbezug, Amtsbezeichnung oder eine spätere Identifizierung gemeint ist. Im Mittelalter sind Herkunftszusätze nicht immer biographisch eindeutig. Sie können ebenso eine regionale Zuordnung durch Schreiber, eine frühere Lebensstation oder eine konventionelle Unterscheidung von gleichnamigen Personen bezeichnen.
Besonders problematisch und zugleich aufschlussreich ist die Form de Caserta abbas. Sie könnte darauf hindeuten, dass Anthonello ein Abt oder geistlicher Würdenträger war. Eine solche Stellung wäre mit der spätmittelalterlichen Kompositionskultur keineswegs unvereinbar, denn viele Musiker der Zeit standen in kirchlichen Institutionen, während sie zugleich höfische oder weltliche Musik schrieben. Dennoch darf aus der Handschriftenbezeichnung nicht ohne weitere Belege eine gesicherte Amtsbiographie abgeleitet werden.
Auch der Bestandteil Marot bleibt erklärungsbedürftig. Er kann als Beiname, Familienname, Schreibertradition oder Identifikationszusatz verstanden werden. In der Forschung wird er meist als Teil der Namensüberlieferung akzeptiert, ohne dass daraus eine gesicherte genealogische oder soziale Zuordnung folgt. Für eine Kulturlexikon-Seite ist deshalb eine doppelte Darstellung angemessen: Die Varianten müssen vollständig genannt werden, ihre biographische Aussagekraft aber begrenzt bleiben.
Kulturüberblick
Anthonello de Caserta gehört in eine Epoche, in der die höfische Mehrstimmigkeit Europas eine außergewöhnliche Komplexität erreichte. Um 1400 zirkulierten Musiker, Handschriften, Texte und Stile zwischen Norditalien, Frankreich, Avignon, Mailand, Pavia, Padua, Bologna, Neapel und weiteren höfischen Zentren. Die traditionelle Unterscheidung zwischen „französischer“ und „italienischer“ Musik wird für diese Zeit besonders unscharf. Komponisten wie Anthonello zeigen, dass italienische Musiker französische Formen beherrschten und dass französische Liebespoesie in italienischen Handschriften ebenso präsent sein konnte wie italienische Ballate.
Der wichtigste kulturgeschichtliche Rahmen ist die Ars subtilior. Dieser Begriff bezeichnet eine besonders verfeinerte, rhythmisch komplexe und notational anspruchsvolle Musikpraxis des späten 14. und frühen 15. Jahrhunderts. Sie war eng mit höfischen Eliten, gebildeten Schreibern, spezialisierten Sängern und einem Publikum verbunden, das Komplexität nicht als Hindernis, sondern als Zeichen von Kunstverstand wahrnahm. Anthonello gehört zu den Komponisten, an denen sich diese Kultur exemplarisch beobachten lässt.
Gleichzeitig ist Anthonello nicht auf das Etikett „kompliziert“ zu reduzieren. Seine italienischen Ballate sind oft vergleichsweise klarer, liedhafter und zweistimmig angelegt. Seine französischen Werke können dagegen komplexer, artifizieller und stärker von höfischer Rhetorik geprägt sein. Diese Differenz zeigt, dass die Wahl der Sprache und Gattung musikalische Konsequenzen hatte. Französisch bedeutete häufig Anschluss an die Tradition der formes fixes, italienisch eher Nähe zur Trecento-Ballata und zur melodisch geprägten Liebesrede.
Die Handschriften, in denen Anthonellos Werke erscheinen, sind selbst Kulturträger. Der Lucca- beziehungsweise Mancini-Codex, Modena A, der Reina-Codex, der Chantilly-Codex und verwandte Quellen sind nicht nur Notenbehälter, sondern Zeugnisse eines europäischen Kommunikationsraums. Sie bewahren Repertoires, die nicht einfach lokal entstanden und lokal geblieben sind. Vielmehr zeigen sie Übertragung, Auswahl, Neuzusammenstellung, Beschädigung, Fragmentierung und Neuinterpretation. Die Geschichte Anthonellos ist deshalb auch eine Geschichte der Handschriftenkultur.
Für die Kulturgeschichte Süditaliens ist der Caserta-Zusatz ebenfalls bedeutsam, auch wenn er nicht biographisch eindeutig ist. Sollte Anthonello tatsächlich aus Caserta oder aus dem weiteren neapolitanischen Raum stammen, wäre er ein Beispiel dafür, wie süd- und norditalienische Kulturkontakte in der spätmittelalterlichen Mehrstimmigkeit zusammenwirkten. Sollte der Zusatz dagegen eher auf eine spätere Zuordnung verweisen, bleibt er dennoch ein Hinweis darauf, dass die Person in der Überlieferung geographisch markiert wurde. In beiden Fällen zeigt das Lemma, wie eng Musik, Schrift, Name, Ort und höfische Mobilität verbunden sind.
Ars subtilior, französische Formen und italienisches Trecento
Die Ars subtilior ist keine klar abgegrenzte Schule im institutionellen Sinn, sondern ein Forschungsbegriff für eine Gruppe von Werken, die durch rhythmische Verfeinerung, mensurale Ambivalenz, proportionale Strukturen, graphische und notationelle Raffinesse sowie eine hochgradig höfische Ästhetik auffallen. Anthonello de Caserta gehört zu den Komponisten, die in diesem Zusammenhang regelmäßig genannt werden, weil seine französischen Werke die differenzierte Form- und Notationskultur um 1400 deutlich zeigen.
Seine französischen Kompositionen greifen die Ballade, das Rondeau und das Virelai auf. Diese Formen waren im 14. Jahrhundert durch Guillaume de Machaut und seine Nachfolge zu zentralen Gattungen höfischer Liebeskunst geworden. Anthonello schließt an diese Tradition an, komponiert aber als italienischer oder italienisch verbundener Musiker in einem transalpinen Idiom. Besonders die Vertonung von Machauts Text Beauté parfaite zeigt die bewusste Rückbindung an das große französische Modell.
Die italienischen Werke gehören überwiegend zur Ballata. Diese Gattung ist mit der italienischen Trecento-Musik verbunden und besitzt eine andere musikalische Physiognomie als die französischen formes fixes. Anthonellos Ballate sind meist zweistimmig, textnah und melodisch klarer angelegt. Sie zeigen eine kunstvolle, aber weniger demonstrativ rätselhafte Kompositionsweise. Gerade dieser Unterschied zwischen französischen und italienischen Werken macht Anthonello als Grenzfigur besonders interessant.
Das einzige sicher zugeschriebene italienische Madrigal Del glorioso titolo d’esto duce führt in den politischen und repräsentativen Bereich. Ein Madrigal dieser Art ist nicht nur Liebesmusik, sondern kann höfische, dynastische oder städtische Bedeutung haben. Damit wird Anthonellos Werk auch für die Geschichte politischer Musikkultur um 1400 relevant.
Stil, Satztechnik und musikalische Bedeutung
Anthonellos Stil bewegt sich zwischen klarer Liedhaftigkeit und hochartifizieller Komplexität. Seine italienischen Stücke sind häufig zweistimmig und stärker auf melodische Führung und Textverständlichkeit ausgerichtet. Die französischen Werke dagegen zeigen eine elaboriertere Satztechnik, in der rhythmische Differenzierung, feine Mensurbehandlung und formale Geschlossenheit eine größere Rolle spielen. Damit ist Anthonello ein Komponist, an dem sich die unterschiedlichen Erwartungen zweier Repertoirekulturen ablesen lassen.
Die Satztechnik der französischen Werke knüpft an das höfische Formdenken der Ars nova an. Wiederkehrende Refrains, geregelte Formabschnitte, metrische Raffinesse und kontrollierte Mehrstimmigkeit verbinden sich mit einer Liebesrhetorik, die Klage, Dienst, Hoffnung, Treue und unerfülltes Begehren thematisiert. Die musikalische Form wird zur rhetorischen Ordnung der höfischen Rede.
In einzelnen Werken treten komplexere mensurale und proportionale Verfahren hervor. Solche Techniken sind nicht als bloße Spielerei zu verstehen. Sie zeigen ein musikalisches Denken, das Zeit, Maß, Schrift und Klang miteinander verschränkt. Die Notation wird zum sichtbaren Teil der Kunst. Wer diese Musik liest oder singt, muss nicht nur Töne ausführen, sondern mensurale Beziehungen verstehen. Dadurch entsteht eine Musik für spezialisierte Musiker und gebildete Kreise.
Besonders wichtig ist Anthonellos Rolle als Vermittler. Er gehört zu denjenigen Komponisten, die französische Formmodelle in italienischen Quellen lebendig halten und zugleich italienische Liedformen mit internationaler Kunstmusik verbinden. In dieser Hinsicht steht er zwischen Machaut und Dufay, zwischen Trecento und Frührenaissance, zwischen lokaler Liedtradition und höfischer Europäisierung.
Seine Bedeutung ist deshalb nicht allein in der Zahl der überlieferten Werke zu suchen. Das Corpus ist überschaubar, aber stilistisch aufschlussreich. Es zeigt, wie ein Komponist um 1400 mehrere musikalische Sprachen beherrschen konnte und wie Handschriften diese Sprachen in einem gemeinsamen Repertoire zusammenführten.
Handschriften und Überlieferungsräume
Anthonellos Werke sind nicht in einem autographen Werkbuch überliefert, sondern in verschiedenen spätmittelalterlichen Musikhandschriften und Fragmenten. Diese Quellen sind für seine Biographie und sein Werk zugleich Hauptzeugen. Sie bewahren Namensformen, Zuschreibungen, Textvarianten, Stimmenbestand, Beschädigungen und editorische Probleme. Ohne diese Handschriften wäre Anthonello kaum als historische Person greifbar.
Der Lucca- beziehungsweise Mancini-Codex ist für die italienischen Werke besonders wichtig. In ihm erscheinen mehrere Ballate und das Madrigal Del glorioso titolo d’esto duce mit Namensformen wie Antonellus, Anthonellus Marot und Anthonellus Marot de Caserta. Die Quelle zeigt Anthonello im Kontext italienischer weltlicher Musik und zugleich in der Nachbarschaft anderer internationaler Komponisten.
Modena A und der Reina-Codex sind für die französischen Werke zentral. Dort begegnen Ballades, Rondeaux und weitere französische Formen. Diese Quellen zeigen, dass Anthonellos Musik nicht auf italienische Repertoireräume beschränkt war. Sie wurde in Sammlungen aufgenommen, die ein internationales höfisches Liedrepertoire bewahrten.
Die Handschrift Parma beziehungsweise das Parma-Fragment ist für die Namensform A. Marotus de Caserta abbas besonders wichtig. Gerade dieses Zeugnis hat zu der Vermutung geführt, Anthonello könne ein Abt gewesen sein. Zugleich zeigt das Fragment, wie viel der heutigen Biographie von einzelnen, schwer interpretierbaren Quellenvermerken abhängt.
| Lucca-Codex / Mancini-Codex, I-La MS 184 und verwandte Überlieferung | Wichtige Quelle für italienische Werke Anthonellos, darunter A pianger l’ochi, Più chiar che ’l sol, Deh, vogliateme oldire, Con dogliosi martire, Or tolta pur me sey, Madonna, io me ramento und Del glorioso titolo d’esto duce. |
|---|---|
| Modena A, I-MOe MS α.M.5.24 | Zentrale Quelle für französische Werke wie Amour m’a le cuer mis, Beauté parfaite, Dame d’onour, Notes pour moi ceste ballade und weitere Stücke im höfischen Repertoire. |
| Reina-Codex, F-Pnm NAF 6771 | Internationale Liedhandschrift mit französischem Repertoire; enthält unter anderem Beauté parfaite bonté souvraine und weitere Anthonello-Zusammenhänge. |
| Chantilly-Codex, F-CH MS 564 | Eine der berühmtesten Quellen der Ars subtilior; für den stilistischen Kontext Anthonellos unverzichtbar, auch wenn nicht jedes Werk direkt dort zentral überliefert ist. |
| Parma, I-PAas 75 | Fragment beziehungsweise Handschrift mit der Namensform A. Marotus de Caserta abbas; wichtig für die Frage nach einem möglichen geistlichen Amt. |
| Padua- und Pistoia-Quellen | Weitere italienische Überlieferungszeugen, die einzelne Stücke beziehungsweise Varianten von Anthonellos Werken enthalten können und für editorische Vergleiche wichtig sind. |
Werkverzeichnis
Das folgende Werkverzeichnis verbindet sicher zugeschriebene, quellenmäßig belegte und in modernen Katalogen beziehungsweise Editionen häufig genannte Stücke. Da die Überlieferung spätmittelalterlicher Musik häufig Varianten, beschädigte Stimmen, unvollständige Zuschreibungen und stilistische Attributionen enthält, werden zweifelhafte oder nur zugeschriebene Werke gesondert behandelt.
Französische Ballades
| Amour m’a le cuer mis en tel martire | Ballade zu drei Stimmen; in Modena A überliefert. Das Stück gehört zu Anthonellos französischem höfischem Repertoire und behandelt die konventionelle Liebesklage im Rahmen der formes fixes. |
|---|---|
| Beauté parfaite bonté souvraine | Ballade zu drei Stimmen; besonders bedeutsam, weil der Text von Guillaume de Machaut stammt. Die Vertonung ist eines der wichtigsten Beispiele für Anthonellos bewussten Anschluss an die französische Tradition. |
| Dame d’onour en qui | Ballade zu drei Stimmen; französisches höfisches Liebeslied, in der Überlieferung mit Anthonello verbunden und repräsentativ für seine Arbeit innerhalb der höfischen Ballade. |
| Du val prilleus / Du ciel perileus | Ballade zu drei Stimmen; der Titel erscheint in abweichenden Lesarten. Das Stück zeigt die text- und quellenkritischen Probleme, die für das Repertoire Anthonellos typisch sind. |
| Notes pour moi ceste ballade | Ballade zu drei Stimmen; in Modena A überliefert und wegen ihres selbstreflexiven Titels besonders interessant, da sie das Schreiben, Notieren oder Komponieren einer Ballade selbst thematisieren kann. |
| Nulle pitié de ma dame | Ballade beziehungsweise in manchen Listen als unsichere oder mögliche Zuschreibung behandelt. Das Stück gehört zum Umfeld der französischen Liebesklage und muss quellenkritisch vorsichtig geführt werden. |
Französische Rondeaux und Virelais
| Dame d’onour c’on ne puet esprixier | Rondeau zu drei Stimmen; französisches höfisches Stück, das die Verbindung von Formdisziplin und Liebesrhetorik zeigt. |
|---|---|
| Dame zentil en qui est ma sperance | Rondeau zu drei Stimmen; in modernen Werklisten als Anthonello-Komposition geführt und für die französische Seite seines Œuvres wichtig. |
| Très noble dame souverayne | Virelai zu drei Stimmen; die Namens- und Schreibungsformen schwanken, doch gehört das Stück in das französische Repertoire Anthonellos und zeigt seine Beherrschung verschiedener formes fixes. |
Italienische Ballate
| A pianger l’ochi l’ochi mei | Ballata zu zwei Stimmen; im Lucca- beziehungsweise Mancini-Codex und weiteren italienischen Quellen überliefert. Das Stück gehört zu den wichtigsten italienischen Werken Anthonellos. |
|---|---|
| Con dogliosi martire che ’l mio cor | Ballata zu zwei Stimmen; im Lucca- beziehungsweise Mancini-Codex mit der Namensform Antonellus [Marot] verbunden. Der Text steht im Zeichen höfischer Liebesklage. |
| Deh, vogliateme oldire donna | Ballata zu zwei Stimmen; italienisches Lied mit direkter Anrede und klagendem Liebesgestus, in der Lucca-Überlieferung präsent. |
| Madonna, io me ramento del tuo polito viso | Ballata zu zwei Stimmen; italienisches weltliches Stück mit erinnernder Liebesrede, im Lucca- beziehungsweise Mancini-Kontext überliefert. |
| Or tolta pur me sey | Ballata zu zwei Stimmen; in der Lucca-Überlieferung mit der Namensform Anthonellus Marot verbunden. Die Form zeigt die liedhafte, textnahe Seite Anthonellos. |
| Più chiar che ’l sol in lo mio cor | Ballata, in einer Überlieferung mit drei Stimmen beziehungsweise fragmentarischer dritter Stimme verbunden. Das Stück ist wegen seiner editorischen Probleme und seiner besonderen Übertragungsgeschichte ein häufig behandeltes Beispiel. |
Italienisches Madrigal
| Del glorioso titolo d’esto duce | Madrigal zu zwei Stimmen; im Lucca- beziehungsweise Mancini-Codex mit Anthonellus Marot de Caserta verbunden. Das Stück ist wegen seines politischen oder repräsentativen Titels besonders wichtig für die Verbindung von Musik, Herrschaft und höfischer Kultur. |
|---|
Zugeschriebene, stilistisch verwandte oder unsichere Werke
| Hors suis ye bien | Rondeau, in modernen Listen als stilistisch oder quellenmäßig zuschreibbar beziehungsweise möglich geführt. Die Zuschreibung sollte in wissenschaftlichem Kontext gesondert geprüft werden. |
|---|---|
| Je ne puis avoir plaisir | Virelai, in Werklisten als mögliche Zuschreibung behandelt. Das Stück gehört in den Umkreis französischer Liebeslyrik und höfischer Formkunst. |
| Langue puens envenimée | Ballade, als stilistisch verwandtes oder zugeschriebenes Werk geführt. Die aggressive Sprachmetaphorik unterscheidet sich vom üblichen Liebesgestus und ist daher kulturgeschichtlich auffällig. |
| Nulle pitié de ma dame | Je nach Katalog und Deutung als Ballade oder Virelai beziehungsweise als unsichere Zuschreibung geführt. Wegen der uneinheitlichen Überlieferung ist eine klare Einordnung nur editionskritisch möglich. |
| Puer natus in Betleem unde gaude Yerusalem | Hymnus beziehungsweise geistliches Stück, das in manchen Zuschreibungskontexten erscheint. Die Verbindung mit Anthonello ist nicht so sicher wie bei den französischen und italienischen weltlichen Hauptwerken. |
Zusammenfassung nach Gattungen
| Französische Ballades | Amour m’a le cuer mis, Beauté parfaite, Dame d’onour en qui, Du val prilleus, Notes pour moi ceste ballade und möglicherweise Nulle pitié de ma dame. |
|---|---|
| Französische Rondeaux | Dame d’onour c’on ne puet esprixier und Dame zentil en qui est ma sperance; weitere Zuschreibungen sind quellenkritisch zu behandeln. |
| Französisches Virelai | Très noble dame souverayne; außerdem mögliche Zuschreibungen wie Je ne puis avoir plaisir. |
| Italienische Ballate | A pianger l’ochi, Con dogliosi martire, Deh, vogliateme oldire, Madonna, io me ramento, Or tolta pur me sey und Più chiar che ’l sol. |
| Italienisches Madrigal | Del glorioso titolo d’esto duce. |
| Unsichere geistliche Zuschreibung | Puer natus in Betleem unde gaude Yerusalem, nur mit Vorbehalt in ein Anthonello-Werkverzeichnis aufzunehmen. |
Editorische Hinweise und Zuschreibungsfragen
Die editorische Arbeit an Anthonellos Werk ist schwierig, weil die Quellen beschädigt, fragmentarisch, voneinander abweichend und nicht immer eindeutig zugeschrieben sind. Bei einzelnen Stücken fehlen Stimmen, sind Lesarten beschädigt oder weichen Titel- und Namensformen voneinander ab. Moderne Editionen müssen daher nicht nur Tonhöhen und Rhythmen übertragen, sondern auch entscheiden, wie Mensurzeichen, Proportionen, Textunterlegung, Wiederholungen und beschädigte Stellen zu behandeln sind.
Più chiar che ’l sol ist ein besonders aufschlussreiches Beispiel. Die Ballata zeigt editorische Probleme, weil ihre Überlieferung in verschiedenen frühen Quellen nicht einfach deckungsgleich ist und die Frage nach einer dritten Stimme beziehungsweise nach späteren Ergänzungen berührt. Solche Fälle zeigen, dass ein spätmittelalterliches Werk nicht immer als fixer Text vorliegt, sondern als überlieferungsgeschichtlicher Befund rekonstruiert werden muss.
Auch die französischen Werke verlangen besondere Sorgfalt. Die formes fixes besitzen klare poetisch-musikalische Strukturen, doch die Notation der Ars subtilior kann komplex sein. Mensurwechsel, Proportionen und rhythmische Feinheiten müssen in modernen Ausgaben so übertragen werden, dass sie ausführbar bleiben, ohne die historische Eigenart zu glätten. Eine allzu einfache Modernisierung würde den Charakter dieser Musik verfälschen.
Bei den Namensformen ist außerdem zu berücksichtigen, dass Schreiber nicht immer mit einem modernen Autorbegriff arbeiteten. Eine Zuschreibung wie Antonellus kann eindeutig sein, wenn der Quellenkontext sie stützt; sie kann aber auch weitere Prüfung verlangen, wenn mehrere Personen mit ähnlichen Namen denkbar sind. Deshalb ist das Werkverzeichnis vorsichtig gestuft: sicherer Kernbestand, quellenmäßig belegte Werke und nur zugeschriebene oder stilistisch verwandte Stücke werden getrennt dargestellt.
Sekundärliteratur
- Boeke, Kees; Haring, Jos (Hrsg.): The Works of Anthonello de Caserta. New Edition with Commentary. Dordrecht/Arezzo 2023.
- Fallows, David: Studien zur spätmittelalterlichen Liedüberlieferung, zu Machaut-Nachfolge und zu den formes fixes um 1400.
- Günther, Ursula: Anthonello de Caserta. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, ältere und neuere Fassungen.
- Günther, Ursula: Studien zur Ars subtilior, zu polymetrischen Rondeaux und zur Notationskunst des späten 14. Jahrhunderts.
- Jean, Stephanie: Più chiar che ’l sol: Reconsidering a Ballata by Anthonello de Caserta. Masterarbeit, Brandeis University 2010.
- Nádas, John; Ziino, Agostino: Studien zum Lucca-Codex beziehungsweise Mancini-Codex und zur italienischen Liedüberlieferung um 1400.
- Pirrotta, Nino: Studien zur italienischen Trecento-Musik, zur Ars nova und zur Komponistenüberlieferung in Italien.
- Plumley, Yolanda: Arbeiten zur französischen weltlichen Liedkunst, zu höfischer Mehrsprachigkeit und zur Ars subtilior.
- Reaney, Gilbert: Studien und Editionen zur Musik des 14. Jahrhunderts und zu den überlieferten Werken Anthonellos.
- Smilansky, Uri: Rethinking Ars Subtilior: Context, Language, Study and Performance. Dissertation, University of Exeter 2010.
- Stone, Anne: Studien zu Modena A, zur Ars subtilior und zur Aufführungspraxis spätmittelalterlicher Mehrstimmigkeit.
- Vivarelli, Carla: Le composizioni francesi di Filippotto e Antonello da Caserta tràdite nel codice estense α.M.5.24. Lucca 2005.
Ausgewählte Onlinequellen
- DIAMM: Caserta, Antonello da Zentraler Personen- und Werkdatensatz mit Namensformen, Aktivitätsangabe um 1400, Handschriftennachweisen und Kompositionsliste.
- DIAMM: I-La MS 184, Mancini Codex or Lucca Codex Quellenbeschreibung des Lucca- beziehungsweise Mancini-Codex mit Anthonello-Zuschreibungen, italienischen Werken und Folioangaben.
- DIAMM: I-MOe MS α.M.5.24, Modena A Quellenbeschreibung von Modena A mit französischen Werken Anthonellos und verwandtem Ars-subtilior-Repertoire.
- IMSLP: Category Antonello da Caserta Komponistenkategorie mit Lebenszeitangabe, alternativen Namensformen und Werkzugang.
- La Trobe University Medieval Music Database: Lucca, Archivio di Stato 184 Handschriftenübersicht mit Nachweisen zu Anthonello-Werken im Lucca- beziehungsweise Mancini-Codex und verwandten Quellen.
- Mirabile: Antonello da Caserta Italienischer Fachdatensatz mit Hinweis auf die unsichere Biographie und auf die nur vorsichtig aus Werk und Quellen erschließbaren Lebensumstände.
- Mozarteum Library: The Works of Anthonello de Caserta Katalogeintrag zur neuen Edition der Werke Anthonellos von Kees Boeke und Jos Haring mit Kommentar.
- Stephanie Jean: Più chiar che ’l sol Akademische Arbeit zu einer Ballata Anthonellos und ihren editorischen Problemen.
- RISM Online: Anthonello de Caserta Norm- und Personendatensatz mit Namensvarianten, Lebenszeitraum und lexikalischen Referenzen.
- HAL Thèses: The Reina Codex Dissertation zum Reina-Codex, einem wichtigen Überlieferungszusammenhang für französische Liedkunst und Ars-subtilior-Repertoire.
- Zenodo: Polyphonic Voices Fachpublikation zu poetischen und musikalischen Dialogen der europäischen Ars nova mit Hinweisen auf Anthonello, Marot de Caserta und den Mancini-Codex.
Weiterführende Einträge
- Ars nova Musikalischer und notationsgeschichtlicher Hintergrund der französischen Mehrstimmigkeit des 14. Jahrhunderts.
- Ars subtilior Verfeinerte, rhythmisch komplexe Kunstmusik um 1400, zu deren Hauptvertretern Anthonello gezählt wird.
- Avignon Wichtiger Kulturraum für höfisch-kirchliche Musik des späten 14. Jahrhunderts und für den Kontext der Ars subtilior.
- Ballade Französische formes-fixes-Gattung, in der mehrere Werke Anthonellos überliefert sind.
- Ballata Italienische Liedform des Trecento, in der Anthonello mehrere zweistimmige Werke schrieb.
- Caserta Süditalienische Stadt, auf die der Herkunftszusatz de Caserta verweist, ohne dass der biographische Bezug eindeutig gesichert ist.
- Chantilly-Codex Berühmte Handschrift der Ars subtilior und wichtiger Vergleichskontext für Anthonellos Kunst.
- Codex Reina Internationale Liedhandschrift mit französischem Repertoire und wichtigen Bezügen zur Überlieferung Anthonellos.
- Formes fixes Sammelbegriff für Ballade, Rondeau und Virelai, die für Anthonellos französische Werke grundlegend sind.
- Guillaume de Machaut Zentraler französischer Komponist und Dichter, dessen Text Beauté parfaite Anthonello vertonte.
- Handschrift Überlieferungsform, von der Anthonellos Werk und Biographie fast vollständig abhängen.
- Italienische Ars nova Musikalischer Kontext der Trecento-Ballata und des italienischen Repertoires Anthonellos.
- Johannes Ciconia Komponist an der Schwelle von Trecento, Ars subtilior und früher Renaissance, als Vergleichsfigur zu Anthonello bedeutsam.
- Lucca-Codex Zentrale Quelle für mehrere italienische Werke Anthonellos und für die Namensform Marot de Caserta.
- Madrigal Italienische Gattung, in der Anthonellos Del glorioso titolo d’esto duce überliefert ist.
- Mancini-Codex Alternative Bezeichnung beziehungsweise Überlieferungszusammenhang des Lucca-Codex mit Anthonello-Werken.
- Matheus de Perusio Komponist der Ars subtilior und wichtiger Vergleichspunkt für das italienisch-französische Repertoire um 1400.
- Mensuralnotation Notationssystem, dessen Komplexität für das Verständnis von Anthonellos rhythmischer Kunst wesentlich ist.
- Modena A Handschrift mit wichtigen französischen Werken Anthonellos und weiterem Repertoire der Ars subtilior.
- Neapel Süditalienischer Kulturraum nahe Caserta, der für mögliche Herkunfts- oder Wirkungsbezüge Anthonellos relevant sein kann.
- Philipoctus de Caserta Komponist aus dem Caserta-Umfeld und wichtiger Vergleichspunkt für Ars-subtilior- und Trecento-Repertoire.
- Rondeau Französische formes-fixes-Gattung, in der Anthonello mehrere höfische Werke schrieb.
- Trecento Italienisches 14. Jahrhundert als literarischer und musikalischer Rahmen der Ballata- und Madrigaltradition.
- Virelai Französische Liedform, die in Anthonellos französischem Werkbestand vertreten ist.