Giovanni Arascione

* 18. Oktober 1546 in Cairo, dem heutigen Cairo Montenotte bei Savona; Todesdatum und Sterbeort unbekannt. Italienischer Dichter geistlicher Lauden, weltlicher Priester, Musiker und Herausgeber.

Überblick

Giovanni Arascione ist eine quellenarme, aber kulturgeschichtlich aufschlussreiche Gestalt der italienischen Lauda spirituale um 1600. Er wurde am 18. Oktober 1546 in Cairo, dem heutigen Cairo Montenotte bei Savona, geboren. Das Todesdatum ist unbekannt. Die wenigen sicheren Nachrichten verbinden ihn mit dem römisch-neapolitanischen Milieu der geistlichen Dichtung, der geistlichen Musik und der katholischen Erneuerungsbewegung nach dem Konzil von Trient.

Bekannt ist Arascione vor allem durch den 1600 in Rom bei Nicolò Mutij erschienenen Druck Nuove laudi ariose della Beatissima Vergine scelte da diversi autori a quattro voci. Der vollständige Titel nennt ihn als „Giovanni Arascione piemontese da Cairo prete secolare“. Damit wird er ausdrücklich als aus Cairo stammender Piemontese und als weltlicher Priester bezeichnet. Die Sammlung gehört in das Umfeld der Filippiner und der von Giovanni Giovenale Ancina betriebenen laudistischen Frömmigkeitskultur, auch wenn Arascione selbst nach älterer und neuerer Forschung nicht sicher als Mitglied der Kongregation des Oratoriums anzusehen ist.

Arascione ist daher nicht als kanonischer Komponist im engeren Sinn zu behandeln. Von ihm ist keine gesicherte musikalische Eigenkomposition bekannt. Sein Rang liegt vielmehr in der Rolle des Sammlers, Herausgebers, Bearbeiters und möglicherweise Dichters geistlicher Lauden. Gerade diese Zwischenstellung ist kulturgeschichtlich wichtig: Arascione steht an der Schwelle zwischen spätcinquecentesker Laudenkultur, marianischer Frömmigkeit, geistlicher Kontrafaktur, römischer Druckkultur und dem neuen, stärker vokal orientierten Stil um 1600.

Kurzdaten

Name Giovanni Arascione.
Weitere Namensformen Don Giovanni Arascione; D. Giovanni Arascione; Giovanni Arascione piemontese da Cairo; Giovanni Arascione piemontese da Cairo prete secolare.
Geburt 18. Oktober 1546 in Cairo, dem heutigen Cairo Montenotte bei Savona.
Tod Todesdatum und Sterbeort unbekannt.
Beruf Dichter geistlicher Lauden, weltlicher Priester, Musiker, Sammler und Herausgeber einer römischen Laudensammlung.
Kultureller Raum Piemont, Ligurien, Rom, Neapel und das geistliche Musikmilieu der Filippiner um 1600.
Hauptwerk Nuove laudi ariose della Beatissima Vergine scelte da diversi autori a quattro voci, Rom: Nicolò Mutij, 1600.
Gattung Lauda spirituale, geistliches Madrigal, marianische Andachtsdichtung, geistliche Kontrafaktur und vierstimmige geistliche Vokalmusik.
Bezugsperson Giovanni Giovenale Ancina, Oratorianer, Dichter, Musiker und Herausgeber des Tempio armonico della Beatissima Vergine.
Quellenlage Sehr schmal; biographisch gesichert ist im Wesentlichen das Geburtsdatum, während Tätigkeit, Autorschaft und Anteil an der Sammlung quellenkritisch zu behandeln sind.
Bedeutung Arascione ist als Herausgeber und möglicher Dichter in der späten Geschichte der italienischen Laudensammlungen und im Übergang zur frühbarocken geistlichen Vokalkultur bedeutsam.

Namen und Quellenlage

Die Quellenlage zu Giovanni Arascione ist ungewöhnlich schmal und zugleich widersprüchlich. Der Name ist im Wesentlichen durch den römischen Druck von 1600 gesichert. Dort erscheint er nicht als Komponist einzelner Stücke, sondern als verantwortlicher Herausgeber oder Sammler. Die Titelform „Giovanni Arascione piemontese da Cairo prete secolare“ ist deshalb für die Identifikation entscheidend. Sie verbindet Herkunftsort, geistlichen Stand und editorische Rolle.

Das Geburtsdatum 18. Oktober 1546 wird in älteren Darstellungen aus einem einleitenden Sonett der Sammlung abgeleitet. Treccani übernimmt diese Angabe als sicher und weist darauf hin, dass sie älteren Musiklexikographen wie François-Joseph Fétis und Robert Eitner noch entgangen war. Die neuere Forschung hat jedoch stärker problematisiert, ob alle einleitenden Sonette und Paratexte tatsächlich von Arascione stammen oder ob ein Teil eher Giovanni Giovenale Ancina zuzuweisen ist. Damit wird nicht zwingend das Geburtsdatum unbrauchbar, wohl aber die ältere Vorstellung einer unproblematisch geschlossenen Autorschaft.

Besonders wichtig ist die Differenz zwischen Arascione als historischer Person und Arascione als Name auf einem Druck. In der Forschung ist erwogen worden, dass der Name Arascione für eine Sammlung stehen könnte, die wesentlich aus dem Ancina-Umkreis hervorgegangen ist. Diese Vermutung ergibt sich daraus, dass die Nuove laudi ariose ausdrücklich auf Ancinas Tempio armonico bezogen sind und von diesem als eine Art zweite Fortsetzung oder Ergänzung verstanden werden konnten. Für ein Kulturlexikon ist daher eine vorsichtige Formulierung angemessen: Arascione war der namentlich genannte Herausgeber und mögliche Dichter einzelner Texte; eine gesicherte selbständige Komponistenrolle ist nicht belegt.

Auch die lokale Herkunftsangabe verdient eine kurze Erläuterung. Der Titel nennt ihn „da Cairo“, womit nicht die ägyptische Stadt Kairo, sondern Cairo im heutigen Cairo Montenotte gemeint ist. Diese Unterscheidung ist für Suchmaschinen, Normdaten und die interne Verlinkung wichtig. In der frühneuzeitlichen italienischen Druckkultur ist die Herkunftsangabe ein Identifikationsmerkmal, das zugleich soziale und regionale Zugehörigkeit markiert.

Biographischer Rahmen

Über Arasciones Leben ist nur sehr wenig bekannt. Er wurde 1546 in Cairo geboren, also in einer nordwestitalienischen Region zwischen ligurischem, piemontesischem und savoyischem Kulturraum. Als „prete secolare“ gehörte er nicht einem Orden an, sondern war weltlicher Priester. Die Bezeichnung ist wichtig, weil die Kongregation des Oratoriums und das Umfeld des heiligen Filippo Neri zwar für die geistliche Musikkultur der Sammlung zentral sind, Arascione aber nicht ohne Weiteres als Oratorianer bezeichnet werden darf.

Treccani sieht ihn in Verbindung mit den besten Musikern seiner Zeit in Rom und Neapel. Auch die Nähe zu Giovanni Giovenale Ancina ist plausibel, nicht zuletzt wegen der gemeinsamen regionalen Herkunft und der engen Beziehung der Nuove laudi ariose zu Ancinas Tempio armonico. In älteren Darstellungen wurde vermutet, Arascione habe möglicherweise zusammen mit Ancina in Mondovì studiert. Diese Vermutung erklärt die spätere Zusammenarbeit, bleibt aber mangels archivalischer Belege vorsichtig zu behandeln.

Eine biographische Nachricht hebt eine schwere Erkrankung Arasciones in Neapel im Jahr 1589 hervor, von der er unerwartet genesen sein soll. Diese Notiz passt in den religiösen Horizont der Zeit: Krankheit, Heilung, Dankbarkeit und marianische Frömmigkeit sind wiederkehrende Motive in geistlichen Dichtungen und Vorreden der katholischen Reformkultur. Arasciones Lebensbild bleibt dennoch fragmentarisch. Weder sein weiterer Aufenthaltsort noch sein Sterbedatum sind zuverlässig überliefert.

Oratorium und Lauda

Arasciones Name gehört in die Geschichte der Lauda, einer geistlichen Liedgattung, die seit dem Mittelalter in Italien verbreitet war und in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts im Umfeld der katholischen Reform eine neue Bedeutung erhielt. Die Lauda war keine bloß liturgische Gattung. Sie bewegte sich zwischen Andacht, Belehrung, gemeinschaftlichem Singen, moralischer Erbauung und emotionaler Frömmigkeit. Gerade in den Kreisen um Filippo Neri wurde sie zu einem bevorzugten Medium geistlicher Übung.

Die oratorianische Frömmigkeit setzte auf Verständlichkeit, Affekt, Gemeinschaft und die Einbindung von Musik in geistliche Gespräche und Übungen. Die Lauda konnte biblische, marianische und moralische Inhalte in eine Form bringen, die gesungen, erinnert und wiederholt werden konnte. Sie war damit ein Gegenmodell zur als gefährlich empfundenen weltlichen Liedkultur. An die Stelle profaner Liebesdichtung, erotischer Canzonetten und weltlicher Madrigale traten geistliche Texte, die oft dieselbe musikalische Eingängigkeit nutzten, aber auf Bekehrung, Buße, Marienverehrung und religiöse Sammlung zielten.

Arasciones Nuove laudi ariose stehen genau in diesem Spannungsfeld. Der Titel signalisiert mit dem Wort „ariose“ eine neuartige gesangliche Leichtigkeit und Klarheit. Die Sammlung ist vierstimmig angelegt und enthält Stücke verschiedener Komponisten. Sie gehört zugleich zur Kultur der Kontrafaktur, also zur geistlichen Umtextierung oder Umdeutung vorhandener weltlicher Musik. Dadurch wird ein zentrales Verfahren der Zeit sichtbar: Weltliche musikalische Attraktivität wird nicht einfach verworfen, sondern in den Dienst einer geistlichen Pädagogik gestellt.

Ausführlicher Kulturüberblick

Giovanni Arascione steht an einem kulturgeschichtlich entscheidenden Punkt: um 1600 verändert sich die italienische geistliche Musik. Die spätmittelalterliche und renaissancistische Lauda-Tradition wirkt noch nach, aber zugleich entstehen neue Formen der vokalen Expressivität, der dramatischen geistlichen Szene und der monodisch geprägten Klangsprache. Die Nuove laudi ariose gehören nicht einfach zum alten Repertoire, sondern markieren einen Übergang von der mehrstimmigen Laudenkultur des 16. Jahrhunderts zur frühbarocken geistlichen Vokalkultur.

Nach dem Konzil von Trient wurde die Frage, welche Musik geistlich nützlich, moralisch angemessen und textlich verständlich sei, besonders intensiv diskutiert. Die Kirchenmusik sollte den Glauben stärken, nicht durch bloße Kunstfertigkeit verdecken. Im oratorianischen Milieu erhielt diese Frage eine sehr konkrete Gestalt. Die Musik sollte nicht nur im liturgischen Hochamt wirken, sondern im Raum der Versammlung, der geistlichen Übung, der volkssprachlichen Unterweisung und der gemeinschaftlichen Frömmigkeit. Die Lauda war dafür ideal, weil sie volkssprachlich, eingängig, affektiv und zugleich lehrhaft sein konnte.

Der Zusammenhang mit Giovanni Giovenale Ancina ist für Arascione zentral. Ancinas Tempio armonico della Beatissima Vergine, 1599 in Rom erschienen, war eine umfangreiche marianische Laudensammlung. Die Nuove laudi ariose von 1600 knüpfen daran an und können als Fortsetzung, Ergänzung oder problematische Weiterführung dieses Projekts gelesen werden. Das ist nicht nur eine bibliographische Einzelheit. Es zeigt, wie geistliche Musikdrucke um 1600 als fortlaufende Andachtsprojekte gedacht wurden: Ein erster „Tempel“ marianischer Lieder sollte durch weitere Räume, Stimmen und Texte erweitert werden.

In dieser Druckkultur ist Autorschaft anders zu verstehen als in der späteren Werkästhetik. Die Sammlung nennt Arascione, enthält aber Kompositionen verschiedener Musiker und steht im Schatten Ancinas. Der Herausgeber ist Sammler, Ordner, geistlicher Vermittler, eventuell Textdichter und Vorredner. Die einzelne Lauda ist nicht primär Ausdruck eines individuellen Genies, sondern Teil eines Gebrauchsrepertoires. Sie soll gesungen, wiederholt, angewendet und in Frömmigkeitspraxis verwandelt werden. Deshalb ist Arascione kulturgeschichtlich auch dann bedeutsam, wenn keine eigenständigen Kompositionen von ihm nachgewiesen sind.

Die marianische Ausrichtung der Sammlung ist ebenfalls kennzeichnend. Die Beatissima Vergine, also die seligste Jungfrau Maria, bildet den Mittelpunkt eines geistlichen Repertoires, das Trost, Fürbitte, Reinheit, Schutz, Umkehr und Erhebung thematisiert. In der katholischen Reformkultur war Marienverehrung nicht bloß private Andacht, sondern auch konfessionelle Markierung. Gegenüber protestantischer Kritik an Heiligen- und Marienfrömmigkeit konnte die marianische Lauda als bewusst katholische Ausdrucksform auftreten.

Zugleich verweist die Sammlung auf eine geographisch weite Frömmigkeitslandschaft. Zahlreiche Lauden der verwandten oratorianischen Drucke sind mit bestimmten Marienkirchen, Bildern, Festen, Heiligtümern und lokalen Andachtsorten verbunden. Dadurch entsteht eine musikalische Topographie. Musik wird zu einem Mittel, Orte geistlich zu imaginieren und sie in einer singenden Gemeinschaft präsent zu machen. Gerade dieser Aspekt verbindet Dichtung, Musik, Frömmigkeit, Wallfahrt und Druckkultur.

Arascione gehört auch in die Geschichte des frühen römischen Musikdrucks. Der Druck von 1600 erschien bei Nicolò Mutij in Rom. Musikdrucke dieser Art waren technisch anspruchsvoll, weil mehrere Stimmbücher hergestellt werden mussten. Die Nuove laudi ariose wurden in vier Heften für die Stimmen Canto, Alto, Tenore und Basso überliefert. Die vierstimmige Anlage verweist auf eine gesellige, aber geordnete Aufführungspraxis: nicht eine solistische Kunstmusik im modernen Konzertverständnis, sondern ein Repertoire für kleine Vokalensembles, geistliche Gemeinschaften und gebildete Andachtskreise.

Die Aufnahme weltlicher Vorlagen in geistliche Zusammenhänge war dabei kein bloßer Kompromiss. Sie entsprach einer pastoral-strategischen Logik. Wenn weltliche Melodien und Madrigalmodelle emotional wirksam waren, konnten sie durch geistliche Texte gereinigt und umgedeutet werden. Dieser Prozess ist für die gesamte Kultur der Gegenreformation charakteristisch: Nicht alle Formen sinnlicher Kunst werden verworfen; viele werden kontrolliert, umgelenkt und in den Dienst religiöser Erziehung gestellt.

In der Musikgeschichte steht Arascione daher nicht am Rand, sondern an einer Schnittstelle. Sein Name verbindet die späte Lauda, die marianische Andachtsdichtung, den römischen Musikdruck, das Ancina-Projekt, die frühe oratorianische Musikkultur und die Frage nach geistlicher Kontrafaktur. Wer Arascione nur als unbedeutenden Herausgeber eines einzelnen Drucks sieht, übersieht, dass gerade solche Sammlungen die alltägliche und gemeinschaftliche Musikkultur einer Epoche sichtbar machen.

Dichterisches und editorisches Profil

Arascione wird in der überlieferten Lemmaangabe als Dichter bezeichnet. Diese Bezeichnung ist sinnvoll, muss aber präzisiert werden. Er ist nicht als Autor eines umfangreichen selbständigen Gedichtwerks überliefert, sondern als Name in einem geistlichen Laudendruck, dessen Texte und Paratexte teilweise ihm, teilweise dem Ancina-Umkreis zugeordnet wurden. Dichterisch greifbar wird er also vor allem im Bereich der geistlichen Zweckdichtung: Sonette, Vorreden, marianische Lauden, geistliche Umtextierungen und poetische Rahmungen.

Das dichterische Profil der Sammlung ist von marianischer Bildlichkeit geprägt. Maria erscheint als Trostspenderin, Fürsprecherin, Stern, Mutter, Königin, Zuflucht und Reinheitssymbol. Diese Bildwelt gehört einer langen Tradition an, die von mittelalterlicher Marienlyrik über liturgische Antiphonen bis zur volkssprachlichen Frömmigkeitsdichtung der Frühen Neuzeit reicht. Neu ist um 1600 nicht das einzelne Symbol, sondern seine Einbindung in eine musikalisch bewegliche, affektive und teilweise frühbarock zugespitzte vokale Form.

Als Herausgeber ordnet Arascione ein Repertoire, das aus verschiedenen musikalischen Quellen stammt und auf vierstimmige Aufführung hin angelegt ist. Die editorische Leistung besteht darin, Texte, musikalische Vorlagen, geistliche Widmungen und marianische Themen in einer Sammlung zusammenzuführen. Sie stellt keine autonome Dichterausgabe dar, sondern ein Andachtsbuch in Musik. Das unterscheidet Arascione von einem rein literarischen Poeten, macht ihn aber für die Kulturgeschichte umso interessanter.

Die Zuschreibung einzelner Texte bleibt schwierig. Ältere Forschung ging stärker davon aus, dass Arascione aus den einleitenden Sonetten und Vorreden als Person und Autor erkennbar sei. Neuere Forschung verweist jedoch auf Autographe und auf mögliche Ancina-Zuweisungen. Deshalb sollte die Seite keine erfundenen Einzelgedichte als sicher arascionisch ausgeben. Sicher ist der Druck als solcher; möglich ist eine dichterische Beteiligung; ungesichert ist die genaue Verteilung der Autorschaften.

Werkverzeichnis

Das Werkverzeichnis Giovanni Arasciones ist kurz, aber quellenkritisch anspruchsvoll. Sicher nachweisbar ist ein einziger Druck. Musikalische Eigenkompositionen sind nicht belegt. Die Sammlung enthält Werke verschiedener Komponisten und Texte beziehungsweise Paratexte, deren Autorschaft im Einzelnen nicht immer sicher zu bestimmen ist.

  • Nuove laudi ariose della Beatissima Vergine scelte da diversi autori a quattro voci per il rever. D. Giovanni Arascione piemontese da Cairo prete secolare. Rom: Nicolò Mutij, 1600. Vier Stimmbücher: Canto, Alto, Tenore, Basso. Die Sammlung enthält geistliche Lauden verschiedener Autoren und Komponisten und steht in enger Beziehung zu Giovanni Giovenale Ancinas Tempio armonico della Beatissima Vergine. Sie ist der einzige gesichert erhaltene Druck, mit dem Arasciones Name verbunden ist.
  • Einleitende Sonette und Paratexte in den Nuove laudi ariose. Diese Texte sind für die ältere Biographie Arasciones wichtig, doch ihre Autorschaft ist quellenkritisch unsicher. Ein Teil der Forschung sieht sie stärker im Ancina-Umkreis. Deshalb werden sie hier nicht als selbständige Werke Arasciones aufgeführt, sondern als paratextuelle Überlieferung innerhalb des Drucks von 1600.
  • Mögliche geistliche Dichtungen einzelner Lauden. Treccani hält es für möglich, dass Arascione den Text einzelner Lauden verfasst hat. Diese Möglichkeit ist plausibel, aber nicht durch eine vollständige und gesicherte Einzelzuschreibung gedeckt. Deshalb werden keine einzelnen Laudatexte als sicher von Arascione stammend angesetzt.
  • Nicht nachgewiesene musikalische Kompositionen. Obwohl Arascione in älteren Zusammenhängen gelegentlich als Musiker erscheint, ist sein Name in der Sammlung nicht als Komponist einzelner Stücke genannt. Eine gesicherte Werkgruppe eigener Kompositionen existiert nach der derzeitigen Quellenlage nicht.

Einzeltitel der Sammlung

Die folgenden Titel stehen für das Repertoire der Nuove laudi ariose. Sie werden hier nicht als Eigenwerke Arasciones aufgeführt, sondern als Bestand der von ihm namentlich verantworteten Sammlung. Die Titelliste folgt den heute greifbaren Katalog- und Einspielungsangaben und macht sichtbar, welche geistlichen Themen, Komponisten und Textformen in der Sammlung begegnen.

  • Porgi conforto al mio turbato core, geistliche Lauda aus der Sammlung von 1600, in moderner Einspielung mit Vincenzo Ferro verbunden.
  • Vergin che debbo far, geistliche Lauda, in der Überlieferung mit Domenico Maria Ferrabosco verbunden.
  • Mentre cerco il mio bene, geistliche Kontrafaktur nach einer Canzonetta von Orazio Vecchi.
  • Deh se pietosa sei, geistliche Lauda, in moderner Tracküberlieferung mit Prospero Santini verbunden.
  • Noi siam rie peccatrici, geistliche Lauda, in der Sammlung mit Francisco Soto de Langa verbunden.
  • Più potente e più forte, geistliche Lauda, in moderner Überlieferung mit Baldassare Donato verbunden.
  • Demonio e carne insieme, geistliche Lauda beziehungsweise geistliche Umdeutung, in der Einspielung mit Orazio Vecchi verbunden.
  • S’alor che più sperai dal ciel conforto, geistliche Lauda, in der modernen Einspielung mit Paolo Animuccia verbunden.
  • La Regina caeli / L’Ave Maria, marianische Lauda beziehungsweise liturgisch inspirierter Gesang, mit Francisco Soto de Langa verbunden.
  • Parto da voi e so con quanta pena, geistliche Bearbeitung aus dem Umkreis des Madrigalrepertoires, in der Einspielung mit Marc’Antonio Ingegneri verbunden.
  • Poscia che troppo i miei peccati indegni, geistliche Lauda nach madrigalischer Vorlage, ebenfalls mit Marc’Antonio Ingegneri verbunden.
  • Vergine dolce e pia, Vergine Madre, marianische Lauda, in moderner Überlieferung mit Baldassare Donato verbunden.
  • Non veggio al mondo cosa, geistliche Lauda, in der Sammlung mit Abbate Pitigliano verbunden.
  • Stendi al popol roman benigna il manto, marianische Lauda, mit Giovanni da Todi verbunden.
  • Tra ghiaccio e ardente foco, geistliche Lauda, in der Überlieferung mit Abbate Pitigliano verbunden.
  • Non mi lasciar in su l’estremo passo, geistliche Umdeutung eines madrigalischen Modells, in der Einspielung mit Guglielmo Testori verbunden.
  • Vergine dolce e pia, geistliche Lauda, in moderner Überlieferung mit Scipione Dentice verbunden.
  • I’ piansi un tempo e femmi il pianto amaro, geistliche Lauda, in der Einspielung als anonym geführt.
  • Poi che ’l mio largo pianto, geistliche Lauda, in der Überlieferung mit Orlande de Lassus verbunden.
  • Or eccoti presente anima mia, geistliche Lauda, in moderner Überlieferung mit Scipione Calabrese verbunden.
  • Come ti veggio ohimè, di dolor cinta, geistliche Lauda, mit Francisco Soto de Langa verbunden.
  • Madre Vergin, cui veste il chiaro sole, marianische Lauda, in der Sammlung mit Paolo Papini verbunden.
  • Or che la fredda neve e ’l duro ghiaccio, geistliche Lauda, in moderner Überlieferung mit Fulvio Novelli verbunden.
  • Vergine bella al nostro mare stella, marianische Lauda, in der Überlieferung mit Abbate Pitigliano verbunden und auf die Madonna della Misericordia von Savona bezogen.
  • Qual delicato e più soave odore, geistliche Lauda, mit Paolo Papini verbunden.
  • Empiasi ’l cor di gioia, geistliche Lauda, in moderner Überlieferung mit Prospero Santini verbunden.
  • Vergine, più del sol lucida stella, marianische Lauda, in moderner Überlieferung mit Giovanni Maria Trabaci verbunden.
  • Alma Vergin che fai?, geistliche Lauda, mit Francisco Soto de Langa verbunden.
  • Ave Maris Stella, marianisch-liturgischer Titel, in der Einspielung mit Michelangelo Cancineo verbunden.
  • Ave Regina caelorum, marianisch-liturgischer Titel, in der Einspielung ebenfalls mit Michelangelo Cancineo verbunden.

Bedeutung

Giovanni Arasciones Bedeutung liegt nicht in einem großen individuellen Œuvre, sondern in der Vermittlungsfunktion eines einzelnen Drucks. Die Nuove laudi ariose stehen am Ende einer reichen cinquecentesken Laudentradition und zugleich am Beginn einer neuen geistlichen Vokalkultur. Sie dokumentieren, wie geistliche Dichtung, mehrstimmige Musik, marianische Frömmigkeit und römische Druckpraxis um 1600 zusammenwirkten.

Für die Literaturgeschichte ist Arascione interessant, weil er eine Form geistlicher Dichtung repräsentiert, die nicht auf stille Lektüre zielt, sondern auf Gesang, Gemeinschaft und affektive Wirkung. Der Dichter einer Lauda schreibt nicht für ein isoliertes Lesesubjekt, sondern für eine singende Gruppe. Seine Texte müssen verständlich, einprägsam, moralisch wirksam und musikalisch brauchbar sein. Dadurch gehört Arascione in eine andere literarische Ordnung als die höfische Lyrik oder das gelehrte Sonettbuch.

Für die Musikgeschichte ist er bedeutsam, weil seine Sammlung das Repertoire der Lauda im Übergang zum frühen Barock sichtbar macht. Der Begriff „ariose“ weist auf eine gesanglichere, klarere und stärker affektbezogene Tendenz. Die Sammlung zeigt zugleich, dass der geistliche Musikdruck um 1600 nicht ausschließlich von großen Namen wie Palestrina, Anerio oder Viadana her verstanden werden darf. Auch Sammler, Redaktoren, geistliche Dichter und anonyme Vermittler prägten den musikalischen Alltag.

Für die Kulturgeschichte der Gegenreformation ist Arascione schließlich ein Beispiel dafür, wie Musik als pastorales Instrument eingesetzt wurde. Die Sammlung versucht, die Anziehungskraft weltlicher Musik in geistliche Bahnen zu lenken. Sie ersetzt nicht Sinnlichkeit durch Trockenheit, sondern verwandelt musikalische Lust in religiöse Erhebung. Genau darin liegt die historische Spannung der Lauda spirituale: Sie ist einfach und kunstvoll, populär und gelehrt, emotional und normierend, poetisch und pädagogisch zugleich.

Sekundärliteratur

  • Acciai, G.: Le “Nuove laudi ariose della Beat.ma Vergine” raccolte da D. G. Arascione. Tesi di diploma. Pavia, Scuola di paleografia e filologia musicale di Cremona, rel. F. Mompellio, a.a. 1974–1975. Spezialstudie zur Sammlung von 1600.
  • Calcagno, D.: Arascione, Giovanni. In: Dizionario biografico dei liguri dalle origini al 1990. Herausgegeben von W. Piastra. Band 1. Genova 1992, S. 216–217. Regionalbiographischer Artikel, quellenkritisch mit Vorsicht zu verwenden.
  • Damilano, Piero: Arascione, Giovanni. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Band 3. Rom 1961. Grundlegender älterer Lexikonartikel mit biographischen Angaben, Werkhinweis und Bibliographie.
  • Damilano, Piero: Giovenale Ancina musicista filippino (1545–1604). Firenze 1956. Grundlegende Studie zum Ancina-Umfeld und zur oratorianischen Laudenkultur.
  • Eitner, Robert: Biographisch-bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten. Band 1. Leipzig 1900, S. 183–184. Ältere bibliographische Quelle, heute vor allem historisch nützlich.
  • Fétis, François-Joseph: Biographie universelle des musiciens et bibliographie générale de la musique. Band 1. Paris 1860, S. 125. Frühe lexikalische Erwähnung, vor der späteren Sicherung des Geburtsdatums.
  • Gaspari, Gaetano: Catalogo della Biblioteca del Liceo musicale di Bologna. Band 2. Bologna 1892, S. 349–350. Wichtige ältere Katalogquelle zum Exemplar der Sammlung.
  • Golden, Kedem: An Italian Tune in the Synagogue: An Unexplored Contrafactum by Leon Modena. In: Revue des études juives 177, 2018, S. 391–420. Für den weiteren Kontext geistlicher und religiöser Kontrafakturen um 1600 relevant.
  • Rostirolla, Giancarlo; Zardin, Danilo; Mischiati, Oscar: La lauda spirituale a Roma tra Cinque e Seicento. Poesie e canti devozionali nell’Italia della Controriforma. Rom 2001. Zentrale neuere Studie zur römischen Lauda spirituale.
  • Smither, Howard E.: Narrative and Dramatic Elements in the Laude Filippine, 1563–1600. In: Journal of the American Musicological Society 22, 1969, S. 184–215. Grundlegender Aufsatz zu erzählerischen und dramatischen Elementen der filippinischen Lauden.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Giovanni Giovenale Ancina Oratorianer, Dichter und Musiker, dessen Tempio armonico für Arasciones Sammlung zentral ist.
  • Giovanni Francesco Anerio Römischer Komponist geistlicher Musik und wichtiger Vertreter der frühbarocken oratorianischen Klangwelt.
  • Giovanni Animuccia Komponist geistlicher Lauden und zentrale Gestalt der Musik im Umfeld Filippo Neris.
  • Cairo Montenotte Geburtsort Arasciones im heutigen Ligurien und wichtiger Identifikationspunkt der Quellenüberlieferung.
  • Canzonetta Weltliche Liedform, deren musikalische Eingängigkeit in geistlichen Kontrafakturen um 1600 weiterwirkte.
  • Filippo Neri Gründer des Oratoriums und zentrale Gestalt der römischen Frömmigkeits- und Musikkultur des späten 16. Jahrhunderts.
  • Filippiner Mitglieder der Kongregation des Oratoriums, deren geistliche Übungen und Musikpflege den Kontext der Lauda spirituale prägten.
  • Frühbarock Stilepoche um 1600, in der sich neue Formen vokaler Expressivität und geistlicher Musik entwickelten.
  • Gegenreformation Katholische Reformbewegung, die geistliche Dichtung, Musik und Andachtspraxis entscheidend prägte.
  • Geistliche Dichtung Literarischer Rahmen für Arasciones mögliche dichterische Beteiligung an marianischen Lauden.
  • Geistliche Musik Übergreifender Bereich, in dem Arasciones Sammlung als praktisches Andachtsrepertoire steht.
  • Kontrafaktur Verfahren der Umtextierung vorhandener Musik, das für viele geistliche Lauden um 1600 wichtig war.
  • Konzil von Trient Kirchenversammlung, deren Reformimpulse die katholische Musik- und Andachtskultur des späten 16. Jahrhunderts beeinflussten.
  • Kongregation des Oratoriums Gemeinschaft um Filippo Neri, in deren Umfeld die filippinische Lauda und die geistliche Musikpraxis um 1600 standen.
  • Lauda Italienische geistliche Liedform zwischen Andacht, Belehrung, Gesangspraxis und volkssprachlicher Frömmigkeit.
  • Lauda spirituale Geistliche Ausprägung der Lauda, die im Oratorianer-Milieu des späten 16. Jahrhunderts besondere Bedeutung gewann.
  • Madonna della Misericordia von Savona Marianischer Kultort, der in einer der Lauden aus Arasciones Sammlung musikalisch angesprochen wird.
  • Madrigal Weltliche und geistliche Vokalgattung, deren musikalische Modelle in Arasciones Sammlung geistlich umgedeutet werden.
  • Marianische Dichtung Dichtung zu Ehren Mariens, die im Zentrum der Nuove laudi ariose steht.
  • Marienverehrung Katholische Frömmigkeitspraxis, die Arasciones Sammlung thematisch und affektiv bestimmt.
  • Montenotte Ligurisch-piemontesischer Kulturraum um Cairo Montenotte, Arasciones Herkunftsgebiet.
  • Musikdruck Technische und kulturgeschichtliche Voraussetzung für die Verbreitung vierstimmiger Laudensammlungen um 1600.
  • Neapel Musikstadt, in der Arascione nach älterer Überlieferung Beziehungen zu führenden Musikern seiner Zeit hatte.
  • Oratorium Geistliche Versammlungs- und Musikform, aus deren Umfeld sich später eine eigene Gattung entwickelte.
  • Abbate Pitigliano Komponist mehrerer Stücke, die in Arasciones Nuove laudi ariose überliefert sind.
  • Rom Druckort der Nuove laudi ariose und Zentrum der katholischen Reform- und Musikpraxis um 1600.
  • Savona Ligurischer Bezugsraum von Arasciones Herkunft und marianischer Frömmigkeit.
  • Francisco Soto de Langa Sänger und Komponist im römischen Oratorianer-Umfeld, dessen Musik in verwandten Laudensammlungen begegnet.
  • Tempio armonico della Beatissima Vergine Ancinas marianische Laudensammlung von 1599, auf die Arasciones Druck von 1600 unmittelbar bezogen ist.
  • Orazio Vecchi Komponist weltlicher und geistlich umgedeuteter Vokalmusik, dessen Modelle im Zusammenhang der Kontrafaktur wichtig sind.