Manuel Antunes
Überblick
Manuel Antunes war ein portugiesischer Cembalobauer, Pianofortebauer und Instrumentenmacher des 18. Jahrhunderts. Er wurde wahrscheinlich 1707 in Lissabon geboren und starb dort am 1. März 1796. In der musikgeschichtlichen Überlieferung erscheint er als Hauptfigur einer Lissabonner Familie von Tasteninstrumentenbauern, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den portugiesischen Typus des Cembalos, des Hammerflügels und des frühen Pianoforte entscheidend ausprägte.
Die Antunes-Familie gehört zu den wenigen heute noch durch erhaltene Instrumente greifbaren portugiesischen Werkstätten des 18. Jahrhunderts. Ihre Instrumente sind für die Organologie deshalb besonders wertvoll, weil nur wenige portugiesische Kielinstrumente und frühe Hammerflügel aus dieser Zeit erhalten blieben. Die erhaltenen Antunes-Instrumente zeigen eine eigenständige portugiesische Bauweise, die italienische, insbesondere florentinische und cristoforianische Impulse, mit lokalen Werkstatttraditionen verbindet.
Manuel Antunes steht innerhalb dieser Familie an einer Schlüsselstelle. Als Sohn beziehungsweise Familienmitglied einer handwerklichen Linie, zu der auch Julião Antunes, Joaquim José Antunes und João Baptista Antunes gehören, verkörpert er den Übergang von der traditionellen Werkstatt des mestre de cravos zur Herstellung von cravos com martelos, also Hammerinstrumenten. Das 1760 mit ihm verbundene Privileg für solche Instrumente ist ein wichtiges Dokument der frühen portugiesischen Pianofortegeschichte.
Die Zuschreibungen der erhaltenen Instrumente sind nicht immer eindeutig. Einige Instrumente sind ausdrücklich von Joaquim José Antunes signiert, andere tragen nur die Signatur „Antunes“. In der Literatur wird der 1767 datierte Hammerflügel häufig Manuel Antunes zugeschrieben, während aktuelle Museumsdatensätze ihn teils der Werkstatt beziehungsweise Joaquim José Antunes zuordnen. Für eine Kulturlexikon-Darstellung ist deshalb die Familie und Werkstatt ebenso wichtig wie die einzelne Person.
Die Antunes-Instrumente wurden in der modernen Alte-Musik-Praxis wiederentdeckt. Sie eignen sich besonders für die Musik von Carlos Seixas, Domenico Scarlatti, Lodovico Giustini und iberische Tastenmusik des 18. Jahrhunderts. Dadurch wurde Manuel Antunes zu einer Schlüsselfigur nicht nur der portugiesischen Instrumentenkunde, sondern auch der historischen Aufführungspraxis.
Kurzdaten
| Name | Manuel Antunes. |
|---|---|
| Weitere Namensform | Manoel Antunes; in älteren portugiesischen Kontexten auch mit orthographischen Varianten des Vornamens zu rechnen. |
| Geburt | 1707 (?) in Lissabon; das Fragezeichen ist beizubehalten, da die Geburtsdatierung in der instrumentenkundlichen Literatur nicht völlig einheitlich ist. |
| Tod | 1. März 1796 in Lissabon nach der hier zugrunde gelegten MGG-nahen Kulturlexikon-Datierung. |
| Beruf | Cembalobauer, Pianofortebauer, Instrumentenbauer, Werkstattleiter und Hauptfigur einer Lissabonner Familie von Herstellern portugiesischer Kiel- und Hammerflügel. |
| Familie | Mitglied der Antunes-Familie; verbunden mit Julião Antunes, Joaquim José Antunes und João Baptista Antunes. |
| Wirkungsort | Lissabon, besonders der handwerkliche und höfische Tasteninstrumentenbau der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. |
| Werkstattprofil | Bau von Cembali, Hammerflügeln, frühen Pianofortes und möglicherweise weiteren Saitenklavierinstrumenten; Verbindung von portugiesischer Gehäuse- und Resonanzbodentradition mit italienisch-florentinisch beeinflusster Hammermechanik. |
| Technische Bedeutung | Mit Manuel Antunes wird ein 1760 erteiltes Privileg für „cravos com martelos“ beziehungsweise Hammercembali verbunden; der 1767 datierte Antunes-Hammerflügel ist eines der frühesten erhaltenen portugiesischen Hammerklaviere. |
| Erhaltene Instrumente im Antunes-Umfeld | Cembalo 1758 von Joaquim José Antunes im Museu Nacional da Música; Hammerflügel 1767 mit Antunes-Signatur im National Music Museum, Vermillion; Cembalo 1785 von Joaquim José Antunes aus der Finchcocks-/Privatsammlung; Cembalo 1789 mit Antunes-Bezug im Museu Nacional da Música. |
| Repertoirebezug | Portugiesische und iberische Tastenmusik des 18. Jahrhunderts, besonders Carlos Seixas, Domenico Scarlatti, Manuel Blasco de Nebra und Lodovico Giustini. |
| Forschungsfelder | Portugiesischer Cembalobau, frühes Pianoforte, Cristofori-Rezeption, portugiesische Hofmusik, Restaurierung historischer Tasteninstrumente und Aufführungspraxis iberischer Musik. |
| Datei | antunes-manuel.shtml. |
Name, Familie und Quellenlage
Die Lemmaform Manuel Antunes bezeichnet den Instrumentenbauer innerhalb einer größeren Antunes-Familie. Die Dateibezeichnung folgt der Regel Familienname vor Vorname: antunes-manuel.shtml. Da mehrere Familienmitglieder als Instrumentenbauer tätig waren, ist die klare Unterscheidung von Manuel Antunes, Joaquim José Antunes und João Baptista Antunes besonders wichtig.
Die Quellenlage ist durch zwei Eigenheiten geprägt. Erstens sind nur wenige Instrumente erhalten; zweitens tragen manche Instrumente nur die Werkstattsignatur „Antunes“. Dadurch lassen sich nicht alle erhaltenen Stücke zweifelsfrei einer einzelnen Hand zuweisen. Der Name kann in einzelnen Kontexten also eine Person, eine Werkstatt oder eine Familienlinie meinen.
In der älteren und deutschsprachigen Lexikontradition erscheint Manuel Antunes mit den Daten 1707 (?) und 1796. Neuere organologische Forschung diskutiert teilweise abweichende genealogische und archivalische Daten. Für die vorliegende Seite wird die vom Nutzer vorgegebene Datierung beibehalten, aber die Unsicherheit der Geburt und die Werkstattproblematik werden ausdrücklich vermerkt.
Die wichtigsten Quellen zur Familie sind instrumentenkundliche Standardwerke wie Boalch, die Studien von Gerhard Doderer und John Henry van der Meer zu portugiesischen Saitenklavierinstrumenten des 18. Jahrhunderts sowie neuere Arbeiten von Ana Paula Tudela zur Antunes-Familie. Hinzu kommen Museumsdatensätze des Museu Nacional da Música und des National Music Museum in Vermillion.
Werkstatt, Familie und Lissabonner Instrumentenbau
Die Antunes-Familie war im 18. und frühen 19. Jahrhundert in Lissabon als Hersteller von Tasteninstrumenten tätig. Ausgangspunkt der Linie ist Julião Antunes, der als Hersteller von Saiteninstrumenten für die königliche Kapelle genannt wird. Manuel Antunes steht in der nächsten Generation als entscheidende Gestalt des Cembalo- und Pianofortebaus; Joaquim José Antunes und João Baptista Antunes setzten die Werkstatttradition fort.
Der Lissabonner Instrumentenbau war im 18. Jahrhundert eng mit Hof, Kirche, Theater, Privatmusik und internationalem Handel verbunden. Nach dem Erdbeben von 1755 musste nicht nur die Stadt, sondern auch ein Teil ihrer musikalischen Infrastruktur neu aufgebaut werden. Instrumentenbauer, Cembalisten, Hofmusiker, Kapellmeister, Händler und ausländische Handwerker bildeten ein Netz, in dem lokale Produktion und importierte Technik zusammentrafen.
Die Antunes-Werkstatt steht für eine portugiesische Sonderentwicklung. Ihre Cembali sind nicht einfach Kopien italienischer oder französischer Modelle. Sie zeigen robuste Gehäuseformen, iberische Klangvorstellungen, eine Disposition mit zwei Achtfuß-Registern, oft Messingbesaitung und eine Bauweise, die sich von zeitgleichen italienischen Instrumenten deutlich unterscheidet. Gleichzeitig verrät der Hammerflügel von 1767 die Kenntnis florentinischer, cristoforianischer Mechanik.
Die Werkstatt war offenbar handwerklich wie technisch anspruchsvoll. Der Bau eines Hammerflügels erforderte nicht nur Holz- und Resonanzbodenkenntnis, sondern eine präzise Mechanik, bei der Hammer, Dämpfung, Auslösung, Tastengang und Saitenansprache zusammenwirken mussten. Dass in Portugal bereits um 1760 ein Privileg für solche Instrumente erteilt wurde, zeigt, dass die Antunes-Werkstatt an der europäischen Frühgeschichte des Pianofortes beteiligt war.
Das Privileg von 1760 und der portugiesische Hammerflügel
Besonders wichtig ist das mit Manuel Antunes verbundene Privileg von 1760. Es betraf die Herstellung von cravos com martelos, also Cembali beziehungsweise Klavierinstrumente mit Hämmern. Solche Bezeichnungen zeigen, dass das frühe Pianoforte terminologisch noch nicht vollständig vom Cembalo getrennt war. Ein Hammerklavier konnte als besondere Form eines Cembalos verstanden werden, das nicht mit Kielen gezupft, sondern mit Hämmern angeschlagen wurde.
Das Privileg ist kulturgeschichtlich bedeutsam, weil es die Anerkennung einer technischen Neuerung im portugiesischen Kontext dokumentiert. Es schützt nicht einfach ein einzelnes Instrument, sondern ein Verfahren beziehungsweise eine Verbesserung der Mechanik. Die Forschung hebt hervor, dass die Antunes-Mechanik Geräuschprobleme vermindern und die Spielbarkeit verbessern sollte. Dadurch wird Manuel Antunes als Erfinder, Verbesserer und privilegierter Handwerker sichtbar.
Der 1767 datierte Antunes-Hammerflügel ist das wichtigste erhaltene Objekt dieses Zusammenhangs. Er erinnert äußerlich stark an portugiesische Cembali, besitzt aber eine Hammermechanik, die in der Tradition Bartolomeo Cristoforis steht. Solche Instrumente sind für die Frühgeschichte des Klaviers von außergewöhnlicher Bedeutung, weil nur wenige Hammerflügel aus der ersten Generation nach Cristofori erhalten geblieben sind.
Kielinstrument, Hammermechanik und portugiesischer Bautypus
Die Antunes-Instrumente stehen zwischen zwei Welten. Das Cembalo erzeugt den Ton durch das Anreißen der Saite mit einem Kiel oder Plektrum; das Pianoforte erzeugt den Ton durch den Anschlag mit einem Hammer. In der Mitte des 18. Jahrhunderts war diese Unterscheidung noch nicht nur terminologisch, sondern auch handwerklich im Fluss.
Der portugiesische Cembalotyp des 18. Jahrhunderts besitzt eigene Merkmale. Er ist meist einmanualig, aber klanglich kräftig und für Messingbesaitung skaliert. Er kann für iberische Musik mit rascher Figuration, Akkordbrechungen, tonaler Direktheit und heller Resonanz besonders geeignet sein. Die erhaltenen Antunes-Cembali werden deshalb in der modernen Aufführungspraxis häufig für Carlos Seixas und Domenico Scarlatti verwendet.
Der Hammerflügel von 1767 zeigt, wie die Antunes-Werkstatt diese Tradition auf ein neues Klangprinzip übertrug. Das Gehäuse bleibt cembaloähnlich; die Mechanik folgt dem Hammerprinzip. Damit entsteht ein Instrument, das nicht wie ein späterer englischer oder Wiener Flügel klingt, sondern eine eigene frühportugiesische Form des Pianofortes darstellt. Für Interpreten eröffnet das ein Klangfeld zwischen Cembalohelligkeit, Hammeransprache, weichem Lederklang und begrenzter dynamischer Differenzierung.
Scarlatti, Seixas und der portugiesische Tastenraum
Die Antunes-Werkstatt ist auch vor dem Hintergrund der portugiesischen Tastenmusik zu verstehen. Domenico Scarlatti wirkte von 1719 bis 1727 am portugiesischen Hof und unterrichtete Maria Bárbara von Bragança. Seine Anwesenheit verband Lissabon mit italienischer Virtuosität, iberischer Klangkultur und höfischer Tastenmusik. Auch wenn Manuel Antunes’ erhaltene Instrumente später datieren, bilden sie einen Nachklang dieses höfischen Tastenraums.
Carlos Seixas war der wichtigste portugiesische Tastenkomponist des 18. Jahrhunderts. Seine Sonaten, Toccaten und Konzerte verlangen Instrumente, die rasche Figuration, klare Artikulation, starke Bassfundamente und brillanten Diskant ermöglichen. Die Antunes-Cembali gelten deshalb als besonders geeignete historische Instrumente für Seixas’ Musik.
Auch die frühe Pianoforte-Literatur ist relevant. Lodovico Giustinis Sonaten von 1732 wurden für cimbalo di piano e forte publiziert und stehen im Umkreis der florentinischen Cristofori-Tradition. Der Antunes-Hammerflügel von 1767 bietet heute eine seltene Möglichkeit, solche frühe Hammerklaviermusik auf einem erhaltenen iberischen Instrument zu erproben.
Kulturüberblick
Manuel Antunes gehört in das Portugal des 18. Jahrhunderts, eine Zeit zwischen absolutistischer Hofkultur, pombalinischer Reform, Erdbebenkatastrophe, Wiederaufbau, internationalem Handel und musikalischer Europäisierung. Lissabon war nicht nur ein Randort Europas, sondern ein atlantisches Zentrum, in dem italienische, iberische, französische und englische Einflüsse zusammentrafen.
Die Geschichte des portugiesischen Tasteninstrumentenbaus ist lange weniger bekannt gewesen als diejenige Antwerpens, Paris’, Londons oder Wiens. Die wenigen erhaltenen Instrumente zeigen jedoch, dass Portugal eine eigene handwerkliche Qualität und Klangvorstellung entwickelte. Die Antunes-Werkstatt ist dafür der wichtigste Name. Ihre Instrumente belegen eine lokale Industrie, die nicht bloß importierte Modelle nachahmte, sondern fremde Impulse eigenständig verarbeitete.
Der Bau von Cembali und Hammerflügeln war zugleich eine Schnittstelle von Kunst und Mechanik. Instrumentenbauer mussten Resonanz, Mensur, Holz, Saitenmaterial, Mechanik, Tastatur, Dekoration und Kundenerwartung zusammenbringen. Gerade beim frühen Pianoforte wurde der Handwerker zum Erfinder. Manuel Antunes steht deshalb nicht nur in der Musikgeschichte, sondern auch in der Geschichte technischer Innovation.
Die Antunes-Instrumente zeigen außerdem, wie stark Aufführungspraxis von materieller Kultur abhängt. Die Sonaten von Seixas oder Scarlatti klingen auf einem portugiesischen Cembalo anders als auf einem französischen zweimanualigen Instrument, einem italienischen Cembalo oder einem englischen Square Piano. Die Wiederentdeckung der Antunes-Instrumente hat daher die Hörweise iberischer Tastenmusik verändert.
Schließlich berührt Manuel Antunes auch die Frühgeschichte des Klaviers. Die Erfindung des Pianofortes wird zu Recht mit Bartolomeo Cristofori verbunden, doch ihre Verbreitung geschah nicht geradlinig. Florenz, Portugal, Spanien, Deutschland, England und Wien entwickelten unterschiedliche Lösungen. Der Antunes-Hammerflügel von 1767 zeigt, dass Portugal an dieser frühen Geschichte aktiv beteiligt war.
Werkstatt-, Instrumenten- und Überlieferungsverzeichnis
Manuel Antunes war kein Komponist im engeren Sinn, sondern Instrumentenbauer. Das verlangte Werkverzeichnis wird deshalb als Instrumenten-, Werkstatt- und Überlieferungsverzeichnis angelegt. Es unterscheidet zwischen persönlich zugeschriebenen Instrumenten, Werkstattinstrumenten, Familieninstrumenten und problematischen beziehungsweise neu diskutierten Zuschreibungen.
Sicherer und zentraler Werkstattkontext
| Antunes-Werkstatt in Lissabon | Die Lissabonner Werkstatt der Antunes-Familie war im 18. Jahrhundert auf Cembali, Hammerflügel, frühe Pianofortes und verwandte Saitenklavierinstrumente spezialisiert. Manuel Antunes erscheint als Hauptfigur dieser Werkstatttradition; Joaquim José Antunes und João Baptista Antunes setzten sie fort. |
|---|---|
| Privileg für cravos com martelos, 1760 | Mit Manuel Antunes wird ein zehnjähriges Privileg zur Herstellung beziehungsweise Verbesserung von Hammercembali oder Pianofortes verbunden. Dieses Privileg gehört zu den wichtigsten Dokumenten der frühen portugiesischen Hammerklaviergeschichte. |
| Werkstatttradition nach 1760 | Die nach 1760 belegten Antunes-Instrumente zeigen, dass die Familie Kiel- und Hammerinstrumente parallel entwickelte. Die Werkstatt konnte traditionelle Cembali ebenso herstellen wie frühe Hammerflügel. |
Erhaltene Instrumente im engeren Antunes-Umfeld
| Cembalo von Joaquim José Antunes, Lissabon 1758 | Einmanualiges Cembalo, signiert von Joaquim José Antunes und datiert 1758, heute im Museu Nacional da Música. Das Instrument gilt als nationales Kulturgut und als eines der wichtigsten erhaltenen Zeugnisse portugiesischer Cembalobaukunst des 18. Jahrhunderts. Es steht im Familien- und Werkstattkontext Manuel Antunes’, ist aber ausdrücklich mit Joaquim José verbunden. |
|---|---|
| Hammerflügel „Antunes“, Lissabon 1767 | Erhalten im National Music Museum in Vermillion, South Dakota, signiert beziehungsweise datiert „1767 Antunes“. Die Aufführungs- und Forschungsliteratur verbindet das Instrument häufig mit Manuel Antunes; einzelne aktuelle Museumsangaben führen Joaquim José Antunes als Hersteller. Wegen der Signaturform und Werkstattstruktur ist eine vorsichtige Beschreibung als Antunes-Werkstattinstrument geboten. Organologisch ist es eines der bedeutendsten frühen erhaltenen Hammerklaviere. |
| Cembalo von Joaquim José Antunes, Lissabon 1785 | Einmanualiges Cembalo, signiert von Joaquim José Antunes und datiert 1785. Das Instrument befand sich bis 2016 in der Finchcocks Collection in Goudhurst und ging danach in eine Privatsammlung über. Es besitzt eine besondere malerische Innenausstattung und wird in der Forschung auch ikonographisch untersucht. |
| Cembalo „Antunes“, Lissabon 1789 | Erhalten im Museu Nacional da Música. Ältere Literatur führte das Instrument als Antunes-Werkstattinstrument; neuere Untersuchungen schreiben es João Baptista Antunes zu. Es gehört zu den wenigen erhaltenen portugiesischen Cembali des späten 18. Jahrhunderts und dokumentiert die Fortsetzung der Familienwerkstatt. |
Familienmitglieder und Zuschreibungskontext
| Julião Antunes | Vater beziehungsweise älteres Familienmitglied im instrumentenbauerischen Umfeld; als Hersteller von Saiteninstrumenten für die königliche Kapelle genannt. Er bildet den genealogischen Ausgangspunkt der Familie. |
|---|---|
| Manuel Antunes | Hauptfigur der Familienüberlieferung und Träger des mit 1760 verbundenen technischen Privilegs für Hammerinstrumente. Sein Name ist für die Frühgeschichte portugiesischer Pianofortes zentral. |
| Joaquim José Antunes | Wichtigster signierter Cembalobauer der Familie, verbunden mit den erhaltenen Cembali von 1758 und 1785. Er arbeitete in derselben Familien- und Werkstatttradition und prägte die heute sichtbarsten Antunes-Cembali. |
| João Baptista Antunes | Späteres Familienmitglied beziehungsweise Nachfolger; mit dem 1789 erhaltenen Cembalo wird er in neuerer Forschung verbunden. Die Familie blieb damit über Manuel und Joaquim José hinaus im Tasteninstrumentenbau aktiv. |
Technische Merkmale der Antunes-Instrumente
| Cembalotyp | Die erhaltenen Antunes-Cembali sind einmanualige Instrumente mit zwei Achtfuß-Registern. Sie stehen für einen eigenständigen portugiesischen Bautypus mit kräftiger Konstruktion und charakteristischer Mensur. |
|---|---|
| Besaitung | Die Instrumente sind für Messingbesaitung skaliert. Dies begünstigt einen hellen, tragfähigen und zugleich warmen Klang, der für iberische Tastenmusik besonders geeignet ist. |
| Gehäuse und Bauweise | Die portugiesischen Antunes-Instrumente besitzen eine robuste Konstruktion, die sich von vielen zeitgleichen italienischen Instrumenten unterscheidet. Die Gehäuseform zeigt zugleich Nähe zur portugiesischen Cembalotradition. |
| Hammermechanik | Der 1767 datierte Hammerflügel steht in der Tradition der Cristofori-Mechanik. Seine Hämmer sind mit weichem Leder bezogen; das Instrument besitzt keine später üblichen Pedale oder Kniehebel, aber eine frühe Möglichkeit der una corda-Wirkung durch Verschiebung der Mechanik. |
| Klangästhetik | Die Antunes-Instrumente verbinden artikulative Klarheit, resonante Basslage und brillante Diskantwirkung. Der Hammerflügel besitzt eine weichere, weniger silbrige Klangfarbe als das Cembalo, bleibt aber cembaloähnlich gebaut. |
Repertoire- und Aufnahmegeschichte
| Carlos Seixas auf Antunes-Cembali | Mehrere Aufnahmen von Carlos-Seixas-Sonaten nutzen erhaltene oder nachgebaute Antunes-Instrumente. Dadurch wurde der Zusammenhang zwischen portugiesischer Musik und portugiesischem Instrumentenbau neu hörbar. |
|---|---|
| Domenico Scarlatti auf Antunes-Hammerflügel | Der 1767 datierte Hammerflügel wurde für Aufnahmen und Konzerte mit Scarlatti-Sonaten verwendet. Dies erlaubt eine historische Klangperspektive auf die Frage, ob Scarlatti-Sonaten auch auf frühen Hammerinstrumenten denkbar sind. |
| Lodovico Giustini auf Antunes-Hammerflügel | Giustinis Sonaten von 1732 für cimbalo di piano e forte wurden auf dem Antunes-Hammerflügel eingespielt und zeigen den praktischen Wert des Instruments für die Frühgeschichte des Pianofortes. |
| Manuel Blasco de Nebra und iberisches Repertoire | Die Klangwelt der Antunes-Cembali eignet sich auch für spanische und portugiesisch-iberische Tastenmusik, besonders für Repertoire mit brillanter Figuration und starker rhythmischer Artikulation. |
Zusammenfassung nach Werk- und Quellenstatus
| Persönlich Manuel Antunes zugeschriebener Kern | Das technische Privileg von 1760 und der mit ihm verbundene frühe Hammerflügelbau bilden den Kern seiner persönlichen Bedeutung. Der 1767 datierte Antunes-Hammerflügel wird häufig mit Manuel verbunden, muss aber wegen aktueller Museumszuschreibungen vorsichtig als Antunes-Werkstattinstrument beschrieben werden. |
|---|---|
| Familienwerkstatt | Die erhaltenen Cembali von 1758, 1785 und 1789 sowie der Hammerflügel von 1767 dokumentieren die Familienwerkstatt als Ganzes. Manuel Antunes ist für diese Tradition zentral, auch wenn einzelne erhaltene Instrumente anderen Familienmitgliedern zugewiesen werden. |
| Verlorene Instrumente | Es ist wahrscheinlich, dass die Antunes-Werkstatt deutlich mehr Instrumente herstellte, als heute erhalten sind. Viele portugiesische Instrumente des 18. Jahrhunderts gingen durch Gebrauch, Umbauten, Klima, Erdbebenfolgen, Marktveränderungen und Vernachlässigung verloren. |
| Nachbauten | Moderne Instrumentenbauer haben Kopien nach Antunes-Cembali hergestellt, besonders nach dem Cembalo von 1758 und dem Instrument von 1785. Diese Nachbauten machen den portugiesischen Bautypus wieder für Aufführungen verfügbar. |
Rezeption, Restaurierung und Nachbau
Die moderne Rezeption Manuel Antunes’ und der Antunes-Familie begann wesentlich durch die organologische Forschung des 20. Jahrhunderts. Ältere Standardwerke zum Cembalo- und Clavichordbau verzeichneten die wenigen erhaltenen Instrumente; spätere Detailstudien untersuchten Bauweise, Mechanik, Mensur, Gehäuse, Dekoration und Restaurierung.
Die Restaurierung des Cembalos von 1758 und die wissenschaftliche Aufmerksamkeit für den Hammerflügel von 1767 machten die Antunes-Werkstatt international bekannt. Besonders in der historischen Aufführungspraxis wurden diese Instrumente als Gegenmodell zum französischen und deutschen Cembalo geschätzt. Sie zeigten, dass iberische Musik nicht notwendigerweise auf nordalpinen Instrumententypen gedacht werden muss.
Instrumentenbauer wie J. C. Neupert und weitere Werkstätten fertigten Nachbauten nach Antunes-Modellen. Solche Nachbauten haben die Verbreitung des portugiesischen Cembalotyps stark erhöht. In Aufnahmen, Konzerten und Hochschulen wurde dadurch eine Klangvorstellung verfügbar, die zuvor nur an wenigen Museumsinstrumenten greifbar war.
Die Forschung zu Manuel Antunes berührt heute mehrere Disziplinen: Musikgeschichte, Restaurierung, Akustik, Handwerksgeschichte, Patent- und Privilegiengeschichte, historische Aufführungspraxis, Museumskunde und die Geschichte der frühen Klaviermechanik. Gerade weil nur wenige Instrumente erhalten sind, sind sie für alle diese Bereiche außerordentlich wertvoll.
Editorische Hinweise
Bei Manuel Antunes ist die Trennung von Person, Werkstatt und Familie entscheidend. Das Lemma behandelt Manuel als Hauptfigur, aber es vermeidet eine unzulässige Einzelzuschreibung aller erhaltenen Antunes-Instrumente. Wo ein Instrument ausdrücklich von Joaquim José oder João Baptista Antunes signiert beziehungsweise ihnen zugeschrieben ist, wird dies genannt. Wo nur „Antunes“ überliefert ist, wird der Werkstattcharakter betont.
Das Geburtsjahr 1707 wird mit Fragezeichen geführt, wie vom Nutzer vorgegeben. Auch die Sterbedatierung folgt der MGG-nahen Form 1. März 1796 in Lissabon. Da einzelne neuere genealogische Hinweise in der Forschung abweichende Daten diskutieren, sollte bei einer Spezialrevision Ana Paula Tudelas Studie zur Antunes-Familie herangezogen werden.
Für das Werkverzeichnis gilt: Es handelt sich nicht um ein Kompositionsverzeichnis, sondern um ein Instrumenten- und Werkstattverzeichnis. Bei Instrumentenbauern ist dies die sachlich korrekte Entsprechung zum Werkverzeichnis eines Komponisten. Das Verzeichnis nennt erhaltene Instrumente, technische Dokumente, Familienmitglieder, Werkstattmerkmale und moderne Rezeptionsformen.
Die Seite verzichtet auf Bilder. Für eine spätere Erweiterung wären nur eindeutig lizenzierte oder gemeinfreie Abbildungen von Museumsinstrumenten, technischen Zeichnungen, Restaurierungsdokumenten oder historischen Katalogen geeignet. Da Bilder hier nicht verlangt sind, bleibt die Seite text- und quellenorientiert.
Sekundärliteratur
- Boalch, Donald H.: Makers of the Harpsichord and Clavichord 1440–1840. 3. Auflage. Oxford 1995.
- Doderer, Gerhard; van der Meer, John Henry: Cordofones de tecla portugueses do século XVIII: clavicórdios, cravos, pianofortes e espinetas / Portuguese String Keyboard Instruments of the 18th Century: Clavichords, Harpsichords, Fortepianos and Spinets. Lisboa 2005.
- Koster, John; Doderer, Gerhard: Antunes. In: Grove Music Online. Artikel zur portugiesischen Antunes-Familie von Cembalo- und Pianofortebauern.
- Kottick, Edward L.: A History of the Harpsichord. Bloomington 2003. Grundlegender Kontext zur europäischen Cembalobaugeschichte.
- Pollens, Stewart: The Early Pianoforte. Cambridge 1995. Grundlegender Kontext zur Cristofori-Rezeption und frühen Hammerklavierentwicklung.
- Russell, Raymond: The Harpsichord and Clavichord. London 1959. Frühe Standarddarstellung zur historischen Instrumentenkunde.
- Tudela, Ana Paula: Os Antunes, Mestres portugueses de fazer cravos, pianofortes e pianos. Séculos XVIII e XIX. Museu Nacional da Música, Lisboa 2019.
- Wraight, Denzil: Studien und Diskographien zu Cristofori-, Antunes- und frühen Pianoforte-Instrumenten.
- Young, Percy M.; Williams, Peter; und weitere Autoren: Beiträge zur Geschichte historischer Tasteninstrumente und ihrer Aufführungspraxis.
Ausgewählte Onlinequellen
- Boalch Online: Antunes, João Baptista / Antunes-Familie Instrumentenkundlicher Online-Datensatz mit Antunes-Familienkontext, Werkstattangaben, Zuschreibungsproblemen und Hinweisen auf erhaltene Instrumente.
- Google Arts & Culture: Harpsichord – Joaquim José Antunes Museumsbeschreibung des 1758 datierten Antunes-Cembalos als nationales Kulturgut und wichtiges Zeugnis portugiesischer Instrumentenbaukunst.
- Google Arts & Culture: Harpsichord – João Baptista Antunes Museumsseite zum 1789 datierten portugiesischen Antunes-Cembalo mit Hinweis auf neuere Zuschreibung an João Baptista Antunes und die geringe Zahl erhaltener Antunes-Instrumente.
- J. C. Neupert: Harpsichord Antunes Nachbauinformation zu einem Cembalo nach J. J. Antunes, Lissabon 1758, mit Angaben zu Umfang, Registern und restauratorischem Hintergrund.
- J. J. Antunes – Lisbona 1785 Instrumentenbauerische Beschreibung des 1785 datierten Antunes-Cembalos mit Hinweisen auf Mensur, Messingbesaitung, robuste Konstruktion und Finchcocks-Provenienz.
- MGG Online: Antunes, Manuel Fachlexikalischer Zugang zu Manuel Antunes, seinen Lebensdaten, seiner Familie und seiner Bedeutung für den portugiesischen Cembalo- und Pianofortebau.
- Museu Nacional da Música: National Museum of Music Offizielle Museumsseite mit Hervorhebung des 1758 datierten Antunes-Cembalos als eines der national bedeutenden Instrumente der Sammlung.
- National Music Museum: Grand Piano, 1767 Antunes Museumsdatensatz zum 1767 datierten Antunes-Hammerflügel in Vermillion, South Dakota, mit Signatur-, Datierungs- und Sammlungsangaben.
- Sound Salon / Byron Schenkman & Friends: Scarlatti Booklet Booklet mit instrumentenkundlicher Beschreibung des 1767 datierten Manuel-Antunes-Hammerflügels, Cristofori-Bezug, Hammermechanik und Privileg von 1760.
- Siouxland Public Media: The Calisto Harpsichord Kurzbeitrag zum seltenen portugiesischen Cembalobau mit Hinweis auf die geringe Zahl erhaltener Instrumente und auf Manuel Antunes als Hersteller des NMM-Hammerflügels von 1767.
- Denzil Wraight: Discography of Cristofori Fortepianos Diskographischer Kontext zu frühen Hammerflügeln und Aufnahmen auf dem Manuel-Antunes-Pianoforte von 1767.
Weiterführende Einträge
- Antunes, Familie Lissabonner Familie von Cembalo- und Pianofortebauern, deren Werkstatt die portugiesischen Kiel- und Hammerflügel des 18. Jahrhunderts prägte.
- João Baptista Antunes Mitglied der Antunes-Familie und späterer Tasteninstrumentenbauer im Lissabonner Werkstattzusammenhang.
- Joaquim José Antunes Cembalobauer der Antunes-Familie, verbunden mit den erhaltenen Cembali von 1758 und 1785.
- Julião Antunes Älteres Familienmitglied und Ausgangsfigur der Antunes-Handwerkstradition.
- Historische Aufführungspraxis Feld, in dem Antunes-Instrumente für Seixas, Scarlatti und frühe Pianofortemusik neu wichtig wurden.
- Manuel Blasco de Nebra Spanischer Tastenkomponist, dessen Musik auf Antunes-Cembali und iberischen Instrumenten überzeugend realisierbar ist.
- Donald H. Boalch Autor eines grundlegenden Nachschlagewerks zu Cembalo- und Clavichordbauern, wichtig für die Antunes-Überlieferung.
- Cembalo Kielinstrument, das im portugiesischen 18. Jahrhundert durch die Antunes-Werkstatt besonders qualitätvoll vertreten ist.
- Cravo Portugiesische Bezeichnung für Cembalo und zentraler Instrumententyp der Antunes-Werkstatt.
- Bartolomeo Cristofori Florentinischer Erfinder des Pianofortes, dessen Mechanik für den Antunes-Hammerflügel von 1767 grundlegend ist.
- Gerhard Doderer Musikwissenschaftler und Instrumentenforscher, zentral für die Erforschung portugiesischer Saitenklavierinstrumente.
- Fortepiano Frühes Hammerklavier, dessen portugiesische Ausprägung bei Manuel Antunes besonders greifbar wird.
- Lodovico Giustini Komponist früher Sonaten für Hammerklavier, die auf dem Antunes-Pianoforte von 1767 besonders relevant sind.
- Hammerflügel Früher Klavierflügel mit Hammermechanik, dessen portugiesische Geschichte eng mit Manuel Antunes verbunden ist.
- Instrumentenbau Handwerkliches und technisches Feld, in dem Manuel Antunes als innovativer Lissabonner Meister erscheint.
- Kielinstrument Überbegriff für Cembalo, Spinet und verwandte Instrumente, deren Ton durch Anreißen der Saite entsteht.
- Lissabon Wirkungsort der Antunes-Werkstatt und Zentrum portugiesischer Hof- und Instrumentenkultur im 18. Jahrhundert.
- Maria Bárbara von Bragança Portugiesische Prinzessin und Schülerin Domenico Scarlattis, wichtig für den höfischen Tastenmusikraum Lissabons.
- Museu Nacional da Música Portugiesisches Nationalmuseum, das wichtige Antunes-Instrumente besitzt beziehungsweise dokumentiert.
- National Music Museum, Vermillion Museum in South Dakota, in dessen Sammlung der 1767 datierte Antunes-Hammerflügel erhalten ist.
- Organologie Wissenschaft von Musikinstrumenten, deren Quellen und Bauweisen, zentral für die Erforschung der Antunes-Instrumente.
- Pianoforte Frühes Hammerklavier, dessen portugiesische Entwicklung durch Manuel Antunes dokumentiert wird.
- Portugiesische Hofmusik Kulturelles Umfeld, in dem Cembalo, Scarlatti-Tradition, Seixas und Lissabonner Instrumentenbau zusammenwirkten.
- Portugiesischer Instrumentenbau Übergreifender Kontext der Antunes-Werkstatt und ihrer Cembali, Hammerflügel und Pianofortes.
- Domenico Scarlatti Italienischer Komponist und Hofmusiker, dessen portugiesische Jahre den Lissabonner Tastenmusikraum prägten.
- Carlos Seixas Wichtigster portugiesischer Tastenkomponist des 18. Jahrhunderts, dessen Musik häufig auf Antunes-Cembali aufgenommen wurde.
- Tasteninstrument Überbegriff für Cembalo, Clavichord, Pianoforte und verwandte Instrumente der Antunes-Werkstatt.
- Ana Paula Tudela Forscherin zur Antunes-Familie und zu portugiesischen Tasteninstrumenten des 18. und 19. Jahrhunderts.
- John Henry van der Meer Instrumentenkundler und Mitautor einer grundlegenden Studie zu portugiesischen Saitenklavierinstrumenten des 18. Jahrhunderts.