Giorgio Antoniotto

Antoniotti · Giorgio Antoniotto d’Adurni · Giorgio Antoniotto d’Adorni · * um 1692 in Mailand · † um 1776 ebenda · Musiktheoretiker, Komponist und Cellist

Überblick

Giorgio Antoniotto, auch Giorgio Antoniotti, war ein italienischer Musiktheoretiker, Komponist und Cellist des 18. Jahrhunderts. In der älteren und deutschsprachigen Lexikontradition wird er meist mit den Lebensdaten um 1692 in Mailand und um 1776 in Mailand geführt. Neuere Einzelhinweise nennen dagegen eine Mailänder Taufe am 10. Mai 1681 und teilweise einen Tod 1766 in Calais. Diese Seite übernimmt die von dir gewünschte Kulturlexikon-Datierung, vermerkt aber die abweichende Überlieferung ausdrücklich im Quellenabschnitt.

Antoniotto war keine ausschließlich lokale Mailänder Figur. Seine Biographie wird mit adeliger Herkunft, dem Spanischen Erbfolgekrieg, spanischen Diensten, Aufenthalten in Genf, Wien, Paris, Madrid, Lissabon, den Niederlanden und besonders London verbunden. Dadurch gehört er zu jenen italienischen Musikern des 18. Jahrhunderts, deren Karriere nicht über ein festes Kapellamt, sondern über Reisen, Unterricht, Hofkontakte, Drucke und internationale Reputation greifbar wird.

Sein Hauptwerk ist L’Arte Armonica, or A Treatise on the Composition of Musick, 1760 in London bei John Johnson in englischer Übersetzung gedruckt. Der Traktat war ursprünglich italienisch verfasst und wurde in England veröffentlicht. Er behandelt Komposition, Harmonielehre, Generalbass, Grundbass, Kadenzen, Fuge, Imitation, Kanon, Akzent, Affekt, Vokaltypen, Rezitativ, Kirchenmusik, Theatermusik, Kammermusik und Instrumentalmusik. Damit steht Antoniotto zwischen italienischer Satzlehre, französischer Fundamentalbass-Theorie und britischer Musiköffentlichkeit.

Als Komponist ist Antoniotto besonders durch Musik für Violoncello und Viola da gamba bedeutsam. Seine XII Sonate op. 1 wurden in Amsterdam bei Michel-Charles Le Cène gedruckt; die ersten fünf Sonaten sind für Violoncello solo und Bass, die weiteren sieben für zwei Violoncelli oder zwei Viole da gamba bestimmt. Daneben sind handschriftliche Konzerte und Sonaten in Durham Cathedral Library überliefert. Antoniotto gehört deshalb in die Frühgeschichte des Violoncello als solistisches und kammermusikalisches Instrument.

Kulturgeschichtlich ist Giorgio Antoniotto besonders interessant, weil er Theorie und Praxis verbindet. Er war kein rein akademischer Theoretiker, sondern ein reisender Musiker, der harmonische Systeme, Satzregeln und Instrumentalpraxis in einem internationalen Umfeld vertrat. Sein Traktat zeigt zugleich eine ungewöhnliche theoretische Fantasie: Er diskutiert Fundamentalbass, Akkordschichtungen über Septime und None hinaus, diagrammatische Tonbeziehungen und harmonische Ordnungen, die in der modernen Forschung mit frühen Tonnetz-ähnlichen Darstellungen verglichen wurden.

Kurzdaten

Name Giorgio Antoniotto.
Weitere Namensformen Giorgio Antoniotti, Giorgio Antoniotto d’Adurni, Giorgio Antoniotto d’Adorni, Giorgio Antoniotti Milanese, G. A. S. de A.no, Antoniotto, Giorgio, Antoniotti, Giorgio.
Geburt Um 1692 in Mailand nach der älteren beziehungsweise deutschsprachigen Lexikontradition; abweichend wird eine Mailänder Taufe am 10. Mai 1681 genannt.
Tod Um 1776 in Mailand nach der älteren beziehungsweise deutschsprachigen Lexikontradition; abweichend wird in einzelnen englischsprachigen Angaben ein Tod 1766 in Calais genannt.
Beruf Musiktheoretiker, Komponist, Cellist, Violoncellist, Lehrer, Verfasser von L’Arte Armonica und Autor früher Kammermusik für Violoncello beziehungsweise Viola da gamba.
Herkunft Mailand; in der biographischen Tradition wird Antoniotto mit einer mailändischen Linie der genuesischen Adelsfamilie Adorno beziehungsweise Adorni verbunden.
Wirkungsorte Mailand, Genua, Genf, Wien, Paris, Madrid, Lissabon, Niederlande, Amsterdam und London.
Hauptwerk L’Arte Armonica, or A Treatise on the Composition of Musick, London, John Johnson, 1760.
Theoretische Schwerpunkte Harmonielehre, Generalbass, Fundamentalbass, Kadenzen, Akkordschichtungen, Fuge, Imitation, Kanon, Textakzent, Ausdruckslehre, Gattungslehre und Kompositionslehre.
Wichtige Instrumentalwerke XII Sonate op. 1 für Violoncello und Bass beziehungsweise zwei Violoncelli oder zwei Viole da gamba; Violoncello-Konzerte und Sonaten in Durham-Handschriften.
Drucker und Verleger John Johnson in London für L’Arte Armonica; Michel-Charles Le Cène in Amsterdam für die XII Sonate op. 1.
Historischer Kontext Spätbarock, Frühklassik, internationale italienische Musikmigration, Londoner Musikdruck, Violoncello-Kultur des frühen 18. Jahrhunderts und Harmonielehre nach Rameau.
Datei antoniotto-giorgio.shtml.

Name, Datierung und Quellenlage

Die Namensformen Antoniotto und Antoniotti erscheinen nebeneinander. Für die sichtbare Lemmaform wird hier Giorgio Antoniotto verwendet; die Datei folgt der Personenregel mit Familienname vor Vorname: antoniotto-giorgio.shtml. In der Werküberlieferung begegnet auch die Form Giorgio Antoniotti Milanese, besonders im Zusammenhang der Amsterdamer Sonaten. Der Zusatz Milanese betont die Herkunft aus Mailand.

Die biographische Datierung ist nicht völlig stabil. Die von dir vorgegebene Form „um 1692 in Mailand, um 1776 ebenda“ entspricht einer verbreiteten deutschsprachigen Lexikon- und Katalogtradition. Daneben steht eine neuere beziehungsweise archivalisch behauptete Taufe in Mailand am 10. Mai 1681. Diese frühere Datierung würde Antoniotto beim Erscheinen seines Traktats 1760 zu einem sehr alten Autor machen; einzelne Werkverzeichnisse weisen deshalb selbst darauf hin, dass diese Identifikation quellenkritisch nicht ohne Weiteres unproblematisch ist. Auch der Sterbeort schwankt zwischen Mailand und Calais.

Für eine Kulturlexikon-Seite ist deshalb eine doppelte Lösung sinnvoll. Die Kurzdaten übernehmen die vom Nutzer vorgegebene und in deutschen Katalogen verbreitete Datierung, während der Abschnitt zur Quellenlage die abweichenden Angaben festhält. Dadurch wird die Seite benutzbar und zugleich quellenkritisch sauber.

Die Quellen zu Antoniotto sind über verschiedene Bereiche verstreut: ältere Musikerlexika wie Fétis, MGG, Spezialliteratur zu L’Arte Armonica, moderne Faksimile-Ausgaben mit Einführung, IMSLP- und Bibliotheksnachweise, Amsterdamer Druckkataloge, Durham-Handschriften und moderne Editionen der Violoncello-Sonaten. Ein vollständiges Bild entsteht erst, wenn Theorie-, Druck-, Instrumental- und Biographieüberlieferung zusammengeführt werden.

Leben und europäische Stationen

Giorgio Antoniotto stammte aus Mailand und wird mit einer adeligen beziehungsweise adelsnahen Familientradition verbunden. Die Namensformen d’Adurni oder d’Adorni verweisen auf eine Beziehung zur genuesisch-mailändischen Adorno-Tradition. Solche Herkunftsangaben sind für das 18. Jahrhundert nicht nebensächlich: Sie erklären soziale Beweglichkeit, Zugang zu Höfen, militärische Dienste, Bildungsanspruch und eine gewisse internationale Selbstdarstellung.

Nach der biographischen Tradition war Antoniotto während des Spanischen Erbfolgekriegs spanisch orientiert und musste Italien zeitweise verlassen. Er soll in spanischen Diensten gestanden, später in Genf unterrichtet und mehrere europäische Höfe besucht haben. Diese Angaben stehen im Horizont eines italienischen Musikers, der nicht an eine einzige Kapelle gebunden war, sondern als gebildeter, sprachkundiger und musikalisch vielseitiger Akteur zwischen Höfen und Städten zirkulierte.

Paris spielt in der Überlieferung eine besondere Rolle. Dort soll Antoniotto durch eine Verletzung an der Hand den Schwerpunkt vom Violinspiel auf das Violoncello verlagert haben. Ob diese Anekdote in allen Einzelheiten belegbar ist, ist weniger wichtig als ihr kulturgeschichtlicher Sinn: Antoniotto erscheint als Musiker, der aus körperlicher und beruflicher Veränderung eine instrumentale Spezialisierung entwickelte.

Mit der spanischen Hofwelt wird Antoniotto durch eine weitere Nachricht verbunden: Er soll bei der Vermittlung des Kastraten Farinelli an den spanischen Hof mitgewirkt haben. Die Überlieferung schreibt ihm eine diplomatisch-musikalische Rolle für Königin Elisabeth Farnese beziehungsweise Elisabeth von Parma zu. Auch hier erscheint Antoniotto nicht nur als Theoretiker, sondern als Vermittler innerhalb höfischer Musikpolitik.

Besonders wichtig ist London. Dort lebte oder wirkte Antoniotto über längere Zeit und veröffentlichte 1760 sein Hauptwerk. London war im 18. Jahrhundert ein europäischer Musikmarkt mit Konzerten, Subskriptionen, Musikdruck, Oper, italienischen Virtuosen und einer starken Öffentlichkeit. Antoniottos L’Arte Armonica ist aus diesem Milieu heraus zu verstehen.

London, Druckkultur und L’Arte Armonica

London war für Giorgio Antoniotto der wichtigste Publikationsort. L’Arte Armonica erschien 1760 bei John Johnson in Cheapside. Der Titel nennt das Werk als Traktat über die Komposition in drei Büchern, mit einer Einleitung zur Geschichte und zum Fortschritt der Musik von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Der Text war italienisch geschrieben und wurde für die Veröffentlichung ins Englische übertragen.

Die Londoner Subskriptions- und Druckkultur ist für das Werk entscheidend. Der Traktat erschien in einem Umfeld, in dem italienische Musik, englische Musiktheorie, Oper, Instrumentalkonzert, Oratorium, Konzertpublikum und gelehrte Gesellschaften zusammentrafen. Zu den genannten Subskribenten beziehungsweise zeitgenössischen Bezugspersonen gehörten Namen aus der englischen Musik- und Literaturwelt wie Charles Avison, Thomas Arne, Charles Burney, John Hawkins und ein „Dr. Johnson“.

Das Werk war in seiner Zeit nicht völlig unbekannt. Erst später geriet es in den Hintergrund. Die moderne Faksimile-Ausgabe mit Einführung von Deborah Burton hat den Traktat wieder stärker sichtbar gemacht. Für die Geschichte der italienischen Musiktheorie ist er ein ungewöhnliches Dokument, weil er italienische Lehre, englische Veröffentlichung, französische Theoriebezüge und diagrammatische Harmonievorstellungen verbindet.

Musiktheoretisches Profil

Antoniottos L’Arte Armonica ist ein umfangreicher Kompositions- und Harmonietraktat. Er behandelt nicht nur allgemeine Musikgeschichte, sondern konkrete Satzlehre. Besonders hervorgehoben wird sein Umgang mit Fundamentalbass und Generalbass. Dabei steht er im weiteren Umfeld der französischen Theorie Jean-Philippe Rameaus, ohne dessen System einfach unverändert zu übernehmen.

Ein Kern des Systems ist die Vorstellung eines unbeweglichen oder grundlegenden Bassbezugs, der mit den ersten und fünften Stufen einer Tonalität verbunden wird. Antoniotto bezeichnet diese Stufen als principal und guide. Auf dieser Grundlage entwickelt er eine Art fundamentalen Kontrapunkt und eine harmonische Ordnung, die Akkordstrukturen, melodische Umrisse und Fortschreitungen erklären soll.

Bemerkenswert sind die erweiterten Akkordschichtungen. Moderne Beschreibungen heben hervor, dass Antoniotto über Septimen und Nonen hinaus auch Dreizehnten und sogar Fünfzehnten berücksichtigt. Das macht ihn für die Geschichte der Harmonielehre interessant, weil er vertikale Akkordbildung und Terzschichtung besonders weit treibt. Seine Theorie bleibt dabei nicht einfach Generalbasspraxis, sondern sucht nach einem System der harmonischen Erzeugung.

Eine weitere Besonderheit sind diagrammatische Darstellungen von Tonbeziehungen. Die Forschung hat diese Gitter mit frühen Verwandten des später sogenannten Tonnetzes verglichen. Solche Darstellungen ordnen Quinten, Quarten und Ganztonbezüge räumlich und machen sichtbar, dass Antoniotto Harmonie nicht nur als Regeltext, sondern auch als graphische Struktur denkt.

Das dritte Buch behandelt ein breites Spektrum praktischer Kompositionsfragen: bezifferter Bass, Umkehrungen, Fugen, Imitationen, Kanons, Kadenzen, Akzente, Textausdruck, Stimmtypen, expressive Zeichen, Rezitative sowie Gattungen der Instrumental-, Kirchen-, Theater- und Kammermusik. Besonders aufschlussreich ist, dass Corellis Violinsonate op. 5 Nr. 1 als Demonstrationsmaterial dient. Antoniotto verbindet also theoretisches System und exemplarische Analyse.

Violoncello, Viola da gamba und Kammermusik

Als Komponist ist Antoniotto vor allem mit tieferen Streichinstrumenten verbunden. Seine XII Sonate op. 1 tragen einen Titel, der die ersten fünf Sonaten für Violoncello solo und Bass bestimmt, während die weiteren sieben für zwei Violoncelli oder zwei Viole da gamba vorgesehen sind. Diese Besetzung ist kulturgeschichtlich aufschlussreich, weil sie den Übergang zwischen Viola-da-gamba-Tradition und aufstrebender Violoncello-Kultur berührt.

Die zweite Stimme der späteren Sonaten ist zwar mit Bezifferung versehen, aber nach moderner Editionsbeschreibung in den bewegteren Sätzen thematisch der ersten Stimme angenähert. Dadurch können die Stücke nicht nur als Solostücke mit Continuo, sondern auch als echte Duo-Literatur gelesen werden. Dies macht Antoniotto für die Frühgeschichte des Violoncello-Duos und der tiefen Streicher-Kammermusik wichtig.

Die Durham-Handschriften enthalten weitere Werke: eine Sonate für Violoncello und Bass sowie Violoncello-Konzerte mit Streicherbegleitung, Basso continuo und Cembalo- beziehungsweise Kontrabassfundament. Diese Quellen zeigen, dass Antoniotto nicht nur theoretisch über Bass und Harmonie nachdachte, sondern das Violoncello praktisch als tragendes Instrument behandelte.

Kulturüberblick

Giorgio Antoniotto steht in einem europäischen 18. Jahrhundert, in dem Musik zunehmend international, gedruckt, öffentlich und theoretisch reflektiert wurde. Italienische Musiker arbeiteten in London, Paris, Madrid, Lissabon, Wien und Amsterdam; Verlage verbreiteten Sonaten und Traktate über nationale Grenzen hinweg; Höfe und Konzertmärkte konkurrierten um Sänger, Virtuosen und Lehrer. Antoniottos Biographie ist ein Beispiel dieser Mobilität.

Die musiktheoretische Situation war von mehreren Strömungen geprägt. Die ältere Generalbasspraxis blieb Grundlage des Kompositionsunterrichts. Gleichzeitig entwickelte Jean-Philippe Rameau in Frankreich eine Theorie der Harmonie und des Fundamentalbasses. In England entstand eine lebendige Debatte über Musikgeschichte, Komposition, Affekt, Geschmack und nationale beziehungsweise italienische Vorbilder. Antoniotto positioniert sich genau zwischen diesen Feldern.

Sein Traktat zeigt, dass das 18. Jahrhundert nicht nur eine Zeit klarer klassischer Formen war, sondern auch eine Epoche spekulativer Harmoniesysteme. Akkordschichtungen, Bassfundamente, graphische Tonordnungen und systematische Kadenzen zeigen eine Suche nach rationaler Ordnung. Gleichzeitig bleibt das Werk praxisnah, weil es Fugen, Imitationen, Generalbass, Gattungen und Textausdruck behandelt.

Die Instrumentalmusik Antoniottos gehört in die Geschichte des Violoncellos. Während die Viola da gamba im 18. Jahrhundert langsam an Bedeutung verlor, gewann das Violoncello an solistischem Gewicht. Antoniottos Sonaten verbinden beide Welten: Sie nennen Violoncello und Viola da gamba nebeneinander und lassen Aufführungsalternativen zu. Dadurch bezeugen sie einen instrumentalen Übergang.

London war in dieser Kultur ein Brennpunkt. Italienische Oper, englisches Oratorium, Kammermusik, Musiktheorie, Subskriptionsdruck und Konzertwesen schufen ein Publikum für Musiker wie Antoniotto. Seine Veröffentlichung von L’Arte Armonica in englischer Übersetzung zeigt, dass italienische Theorie für einen englischen Markt aufbereitet wurde. Diese Übersetzung ist selbst ein kulturgeschichtlicher Akt.

Werkverzeichnis

Das folgende Werkverzeichnis fasst die derzeit greifbaren theoretischen, gedruckten und handschriftlich überlieferten Werke Giorgio Antoniottos zusammen. Bei Antoniotto ist zwischen dem Haupttraktat, der Amsterdamer Sonatensammlung und den Durham-Handschriften zu unterscheiden. Einzelne Datierungen und Titelvarianten sind quellenabhängig; unsichere Stellen werden entsprechend gekennzeichnet.

Musiktheoretisches Hauptwerk

L’Arte Armonica, or A Treatise on the Composition of Musick London, John Johnson, 1760. Vollständiger Titel: L’Arte Armonica, or A Treatise on the Composition of Musick, In Three Books; with an Introduction on the History, and Progress of Musick, from its beginning to this Time. Written in Italian by Giorgio Antoniotto, and Translated into English. Der Traktat umfasst eine historische Einleitung und drei Bücher zur allgemeinen Tonsystematik, zur Ableitung harmonischer Fortschreitungen aus dem Fundamentalbass und zu praktischen Satzfragen wie Generalbass, Umkehrung, Fuge, Imitation, Kanon, Kadenz, Akzent, Vokaltyp, Rezitativ und Gattung.
L’Arte Armonica, Faksimile-Ausgabe Turnhout, Brepols, 2017, Reihe Musical Treatises, Band 4, Faksimile der Ausgabe John Johnson 1760, mit Einführung von Deborah Burton. Die moderne Ausgabe macht den lange wenig beachteten Traktat wieder für Forschung und Lehre zugänglich.
Theoretische Demonstrationen zu Corelli op. 5 Nr. 1 Innerhalb von L’Arte Armonica verwendet Antoniotto Corellis Violinsonate op. 5 Nr. 1 als Demonstrationsmaterial. Dies zeigt, dass seine Theorie nicht abstrakt isoliert bleibt, sondern an kanonischer italienischer Instrumentalmusik erprobt wird.

Gedruckte Instrumentalmusik

XII Sonate, opera prima Amsterdam, Michel-Charles Le Cène, nach Verlags- und Katalogüberlieferung um 1730–1736 beziehungsweise im Katalog von 1737 genannt. Voller Titel: XII Sonate le Prime Cinque à Violoncello Solo e Basso, e le Altre Sette à due Violoncelli overo due Viole di Gamba, Opera Prima, del S. Giorgio Antoniotti Milanese. Die Sammlung ist für die Geschichte des Violoncellos und der Viola da gamba besonders wichtig.
Sonaten I–V aus op. 1 Die ersten fünf Sonaten der Sammlung sind für Violoncello solo und Bass bestimmt. Sie gehören zu den frühen gedruckten Zeugnissen italienisch geprägter Violoncello-Kammermusik im internationalen Amsterdamer Verlagsmarkt.
Sonaten VI–XII aus op. 1 Die übrigen sieben Sonaten sind für zwei Violoncelli oder zwei Viole da gamba bestimmt. Die Besetzungsangabe ist für den Übergang zwischen Gamben- und Violoncello-Kultur bedeutsam. Moderne Urtextausgaben heben hervor, dass die zweite Stimme zwar beziffert sein kann, aber in bewegten Sätzen thematisch nicht nur als schlichte Continuostimme fungiert.
Sonata VI und Sonata VII Moderne Einzelausgabe aus den XII Sonate op. 1 für zwei Violoncelli beziehungsweise zwei Viole da gamba. Diese Stücke werden heute besonders als Duo-Literatur für tiefe Streicher rezipiert.
Sonaten für Violoncello und Basso continuo in modernen Editionen Einzelne Sonaten aus op. 1 erscheinen in heutigen Spielausgaben, teils für Violoncello und Klavier, teils in Urtext- oder Faksimile-nahen Editionen. Diese Rezeptionsform trennt die historische Continuo-Praxis teilweise von moderner Begleitpraxis.

Handschriftliche und archivalisch genannte Werke

Sonata a violoncello e basso Unveröffentlichtes Manuskript in Durham Cathedral Library, MS E. 24(v), iv.6. Der Titel wird in Werkverzeichnissen als Sonata a violoncello e basso genannt. Die Überlieferung bestätigt Antoniottos praktische Beschäftigung mit Violoncello-Solo- und Basssatz.
Concerto per violoncello, Fassung in A beziehungsweise A-Dur In modernen Werklisten als Concerto per violoncello parte principale con due violini, alto viola, basso continuo e basso cembalo e contrabasso obligato con suoi rinforzi beziehungsweise ähnlich überliefert. Die Quelle wird mit Durham Cathedral MS E.27 verbunden. Einzelne Listen nennen ein Concerto in A.
Concerto per violoncello, Fassung in g beziehungsweise g-Moll In modernen Werklisten als weiteres Violoncello-Konzert genannt, ebenfalls mit Durham-Handschriftenumfeld. Die Satzangaben in einzelnen Werkverzeichnissen nennen langsame und menuettartige Sätze. Die genaue Quellenprüfung muss am Durham-Material erfolgen.
Sonatina a violoncello e basso da camera in F In modernen Werklisten als Sonatina a violoncello e basso da camera, da G. A. S. de A.no beziehungsweise Giorgio Antoniotto Signor de Adorno aufgeführt. Die Satzfolge wird mit Adagio und Aria-Sätzen angegeben. Die Namensform weist auf Antoniottos adlige beziehungsweise Adorno/Adorni-Selbstdarstellung.

Zusammenfassung nach Werkgruppen

Musiktheorie L’Arte Armonica ist Antoniottos Hauptwerk und sein wichtigster Beitrag zur Musikgeschichte. Es verbindet italienische Kompositionslehre, englischen Druckmarkt, Rameau-Rezeption, Fundamentalbass, Generalbass und diagrammatische Harmonievorstellung.
Violoncello-Sonaten Die gedruckten und handschriftlichen Sonaten zeigen Antoniotto als frühen Autor von Violoncello-Literatur. Die ersten fünf Sonaten op. 1 stehen in der Tradition solistischer Kammermusik mit Bass.
Duo-Sonaten für tiefe Streicher Die Sonaten VI–XII aus op. 1 sind für zwei Violoncelli oder zwei Viole da gamba bestimmt und gehören in ein instrumentales Übergangsfeld zwischen Gambenpraxis und Violoncello-Duo.
Violoncello-Konzerte Die Durham-Handschriften nennen Violoncello-Konzerte mit Streichern, Basso continuo und Cembalo- beziehungsweise Kontrabassfundament. Sie erweitern Antoniottos Profil vom Kammermusiker zum Konzertkomponisten.
Moderne Rezeption Antoniottos Werke erscheinen heute in Faksimile-, Urtext-, Spiel- und Aufnahmezusammenhängen. Besonders die Cellosonaten und das theoretische Hauptwerk haben dadurch neue Aufmerksamkeit erhalten.

Rezeption und Nachwirkung

Antoniotto war zu Lebzeiten nicht völlig unbekannt. Die Subskribenten und Bezugspersonen seines Londoner Traktats zeigen, dass er in der englischen Musiköffentlichkeit wahrgenommen wurde. Namen wie Avison, Arne, Burney und Hawkins verweisen auf ein Umfeld, in dem musikalische Praxis, Kritik, Geschichtsschreibung und Theorie miteinander verbunden waren.

Nach seinem Tod trat Antoniotto jedoch in den Hintergrund. In vielen großen Musikgeschichten erscheint er nur am Rand, wenn überhaupt. Seine Instrumentalmusik wurde lange vor allem von Spezialisten für Violoncello, Viola da gamba und Amsterdamer Drucke wahrgenommen; sein Traktat blieb eine selten konsultierte Quelle der Harmonielehre.

Die neuere Forschung hat Antoniotto aus zwei Gründen wiederentdeckt. Erstens ist L’Arte Armonica für die Geschichte der Harmonielehre interessant, weil es Rameau-Rezeption, Fundamentalbass, erweiterte Akkordschichtungen und diagrammatische Tonbeziehungen auf ungewöhnliche Weise verbindet. Zweitens sind die XII Sonate op. 1 für die Geschichte des Violoncellos und der Duo-Literatur für tiefe Streicher relevant.

Antoniotto ist damit kein kanonischer Hauptmeister, aber ein kulturgeschichtlich wertvoller Grenzgänger. Er verbindet Mailand, Amsterdam und London; Theorie und Instrumentalpraxis; italienische Herkunft und englischen Druck; Generalbass und spekulative Harmonik; Violoncello und Viola da gamba.

Editorische Hinweise

Bei Giorgio Antoniotto ist die Quellenlage besonders wegen der Lebensdaten vorsichtig zu behandeln. Die Seite folgt im Hauptlemma der Datierung „um 1692 in Mailand, um 1776 ebenda“, weil diese im deutschsprachigen Kulturlexikon-Kontext und in Werkverzeichnissen verbreitet ist. Abweichende Angaben, besonders die Taufe 1681 und der Tod 1766 in Calais, werden als alternative Überlieferung genannt und sollten bei einer späteren Spezialrevision mit archivalischen Quellen überprüft werden.

Die Werküberlieferung verlangt ebenfalls Differenzierung. L’Arte Armonica ist gedruckt und gut nachweisbar. Die XII Sonate op. 1 sind als Amsterdamer Druck bei Le Cène greifbar, wobei das genaue Druckjahr je nach Katalog zwischen circa 1730–1736 und einem Nachweis im Katalog von 1737 schwankt. Die Durham-Werke sind handschriftlich und sollten für eine vollständige wissenschaftliche Edition an den Originalquellen geprüft werden.

Die Namensformen Antoniotto, Antoniotti, d’Adurni und d’Adorni sind nicht bloße Orthographievarianten, sondern für Recherche wichtig. Besonders in älteren Katalogen und modernen Digitalportalen können verschiedene Formen zu unterschiedlichen Treffern führen.

Die Seite verzichtet auf Bilder. Für eine spätere quellenorientierte Erweiterung wären Faksimiles der Ausgabe L’Arte Armonica, der Amsterdamer XII Sonate oder der Durham-Handschriften sachlich sinnvoller als ein Porträt, sofern keine gesicherte gemeinfreie Porträtquelle nachgewiesen wird.

Sekundärliteratur

  • Burton, Deborah: Einführung zur Faksimile-Ausgabe von Giorgio Antoniotto, L’Arte Armonica or A Treatise on the Composition of Musick. Turnhout 2017.
  • Fétis, François-Joseph: Biographie universelle des musiciens et bibliographie générale de la musique. Paris, 19. Jahrhundert, Artikel zu Antoniotto beziehungsweise Antoniotti.
  • Hawkins, John: A General History of the Science and Practice of Music. London 1776; wichtig für die englische Musikgeschichtsschreibung im Umfeld von Antoniottos Londoner Wirkung.
  • Pegge, Samuel: Anonymia, or Ten Centuries of Observations on Various Authors and Subjects. London 1809; ältere Quelle mit biographischen Nachrichten zu Antoniotto.
  • Rasch, Rudolf: The Music Publishing House of Estienne Roger and Michel-Charles Le Cène 1696–1743. Katalogische Studien zum Amsterdamer Verlagswesen mit Nachweisen zu Antoniottos op. 1.
  • Sadie, Stanley; Tyrrell, John (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. London, Artikel zu Antoniotto beziehungsweise Antoniotti.
  • Zanetti, Emilia: Giorgio Antoniotto, il suo trattato “L’Arte armonica” (London 1760) e l’Opera V di Corelli. In: Pierluigi Petrobelli und Gloria Staffieri (Hrsg.): Studi corelliani IV. Florenz 1990, S. 381–401.
  • Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Personenteil, Artikel „Antoniotto, Giorgio“ beziehungsweise „Antoniotti, Giorgio“.
  • Rivista italiana di musicologia, Quaderni und Kongressakten zur Corelli- und italienischen Theorietradition des 18. Jahrhunderts.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Adorno, Familie Genuesisch-mailändischer Adelszusammenhang, mit dem Antoniottos Herkunftstradition verbunden wird.
  • Akkord Harmonischer Grundbegriff, dessen Terzschichtung in Antoniottos Theorie besonders weit geführt wird.
  • Amsterdam Druckort der XII Sonate op. 1 bei Michel-Charles Le Cène.
  • Thomas Arne Englischer Komponist und Zeitgenosse, im Subskriptionsumfeld von Antoniottos Londoner Traktat genannt.
  • Charles Avison Englischer Komponist und Musikschriftsteller, einer der zeitgenössischen Bezugspunkte im Umfeld von L’Arte Armonica.
  • Basso continuo Zentrale Satz- und Begleitpraxis, die Antoniottos Instrumentalmusik und Theorie verbindet.
  • Charles Burney Englischer Musikgeschichtsschreiber und Zeitgenosse, im Londoner Theorie- und Musikgeschichtsumfeld Antoniottos wichtig.
  • Cello Moderne Kurzform für Violoncello, das zentrale Instrument in Antoniottos Sonaten und Konzerten.
  • Arcangelo Corelli Italienischer Komponist, dessen op. 5 Nr. 1 Antoniotto in L’Arte Armonica als Demonstrationsmaterial verwendet.
  • Farinelli Kastrat, dessen Wechsel an den spanischen Hof in der Antoniotto-Überlieferung mit Giorgio Antoniotto verbunden wird.
  • Fundamentalbass Theoriebegriff, der für Antoniottos harmonisches System und seine Rameau-Rezeption zentral ist.
  • Fuge Satztechnik, die im dritten Buch von L’Arte Armonica behandelt wird.
  • Generalbass Praktische und theoretische Grundlage des 18. Jahrhunderts, die Antoniottos Satzlehre und Instrumentalmusik prägt.
  • Harmonielehre Fachgebiet, zu dem Antoniottos L’Arte Armonica einen eigenwilligen Beitrag leistet.
  • John Hawkins Englischer Musikgeschichtsschreiber und zeitgenössischer Bezugspunkt im Londoner Umfeld von Antoniottos Traktat.
  • Imitation Satztechnik, die Antoniotto im Zusammenhang von Fuge, Kanon und Kompositionslehre behandelt.
  • John Johnson Londoner Drucker von Antoniottos L’Arte Armonica im Jahr 1760.
  • Kadenz Harmonischer Schluss- und Gliederungsbegriff, den Antoniotto in seiner Kompositionslehre behandelt.
  • Michel-Charles Le Cène Amsterdamer Musikverleger der XII Sonate op. 1 Giorgio Antoniottos.
  • London Publikationsort von L’Arte Armonica und wichtiger Musikmarkt des 18. Jahrhunderts.
  • Mailand Herkunftsort Antoniottos und zentraler Bezug seiner biographischen Tradition.
  • Musiktheorie Disziplin, in der Antoniotto mit L’Arte Armonica einen eigenständigen Beitrag leistete.
  • Jean-Philippe Rameau Französischer Theoretiker des Fundamentalbasses, dessen Ideen für Antoniottos Traktat wichtig sind.
  • Rezitativ Vokalgattung und Ausdrucksform, die Antoniotto im dritten Buch von L’Arte Armonica behandelt.
  • Spanischer Erbfolgekrieg Politischer Hintergrund der biographischen Überlieferung zu Antoniottos Flucht und spanischer Orientierung.
  • Tonnetz Graphisches Modell von Tonbeziehungen, mit dem moderne Forschung einzelne Antoniotto-Diagramme vergleicht.
  • Viola da gamba Alternativinstrument für die Duo-Sonaten VI–XII aus Antoniottos op. 1.
  • Violoncello Zentrales Instrument in Antoniottos Sonaten, Konzerten und kammermusikalischer Wirkung.