Raymond James Anthony

James R. Anthony · * 18. Februar 1922 in Providence, Rhode Island · † 6. April 2001 in Tucson, Arizona · Musikwissenschaftler

Überblick

Raymond James Anthony, wissenschaftlich fast durchgängig als James R. Anthony auftretend, war ein amerikanischer Musikwissenschaftler, Hochschullehrer, Herausgeber und einer der wichtigsten Spezialisten für französische Barockmusik im englischsprachigen Raum. Sein Name ist vor allem mit dem Standardwerk French Baroque Music from Beaujoyeulx to Rameau verbunden, das die Musik Frankreichs vom späten 16. bis zum frühen 18. Jahrhundert systematisch erschloss und für mehrere Generationen von Forschenden, Studierenden und ausübenden Musikern zum grundlegenden Orientierungspunkt wurde.

Anthony wurde am 18. Februar 1922 in Providence, Rhode Island, geboren und starb am 6. April 2001 in Tucson, Arizona. Einzelne Normdatenquellen führen abweichend den 16. April 2001; für diese Seite wird die durch MGG Online, die American Musicological Society und den Nachruf im Journal of Seventeenth-Century Music gestützte Angabe des 6. April verwendet. Der biographische Kern ist dennoch klar: Anthony stammte aus Rhode Island, studierte am New England Conservatory, an der Columbia University und an der Sorbonne, promovierte 1964 an der University of Southern California und wirkte über vier Jahrzehnte an der University of Arizona.

Seine Forschung war in einer Zeit besonders wirkungsvoll, in der die französische Musik des 17. und 18. Jahrhunderts im englischsprachigen Wissenschaftsbetrieb noch nicht jene Stellung besaß, die italienische Oper, deutsche Instrumentalmusik oder die Bach-Forschung längst innehatten. Anthony trug entscheidend dazu bei, Ballet de cour, Comédie-ballet, Opéra-ballet, Tragédie en musique, französische Kirchenmusik, Instrumentalmusik, Vokalkammermusik und höfische Musikorganisation als zusammenhängenden Forschungsbereich sichtbar zu machen.

Anthony war nicht nur Autor eines großen Überblickswerks. Er schrieb und edierte zahlreiche Beiträge zu André Campra, Jean-Baptiste Lully, Jean-Philippe Rameau, zu französischer Oper, Ballett, Air, Aufführungspraxis, Quellenkunde und Lexikographie. Er beteiligte sich an großen Referenzwerken wie dem New Grove Dictionary of Music and Musicians, dem New Grove Dictionary of Opera und dem französischen Dictionnaire de la musique en France aux XVIIe et XVIIIe siècles. Zugleich war er als Lehrer, Ensembleleiter und Mentor eine zentrale Persönlichkeit für die Ausbildung einer internationalen Forschungslandschaft zur französischen Barockmusik.

Kurzdaten

Name Raymond James Anthony.
Publikationsname James R. Anthony; in französischen und normierenden Zusammenhängen auch James Raymond Anthony.
Geburt 18. Februar 1922 in Providence, Rhode Island.
Tod 6. April 2001 in Tucson, Arizona; einzelne Normdatenquellen nennen abweichend den 16. April 2001.
Beruf Musikwissenschaftler, Hochschullehrer, Herausgeber, Lexikonautor, Editor und Spezialist für französische Barockmusik.
Ausbildung Studien am New England Conservatory, an der Columbia University, an der Sorbonne und an der University of Southern California.
Promotion 1964 an der University of Southern California mit einer Dissertation über die Opéra-ballets von André Campra.
Hauptwirkungsort University of Arizona in Tucson, wo Anthony mehr als vierzig Jahre lehrte.
Forschungsschwerpunkt Französische Musik des 17. und 18. Jahrhunderts, besonders Bühnenmusik, Oper, Ballett, Kirchenmusik, Aufführungspraxis und Quellenkunde.
Hauptwerk French Baroque Music from Beaujoyeulx to Rameau, zuerst 1974 erschienen, später mehrfach revidiert, erweitert und ins Französische übersetzt.
Auszeichnung Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres, verliehen 1995 durch die Französische Republik.
Nachwirkung Der James R. Anthony Fund der American Musicological Society unterstützt Veröffentlichungen zur französischen Musik von Beaujoyeulx bis Rameau.
Datei anthony-raymond-james.shtml.

Datierung, Namensform und Quellenlage

Die Person ist in der deutschsprachigen MGG unter Anthony, Raymond James geführt, während die internationale Forschung ihn fast ausschließlich als James R. Anthony zitiert. Diese zweite Form ist die entscheidende Publikationsform und sollte in bibliographischen Angaben beibehalten werden. In französischen Normdaten und französischsprachigen Zusammenhängen erscheint auch James Raymond Anthony. Für die Kulturlexikon-Datei wird die vom Lemma vorgegebene Vollform Raymond James Anthony verwendet; der Artikel macht jedoch deutlich, dass das wissenschaftliche Œuvre unter James R. Anthony rezipiert wird.

Die Geburtsdaten sind stabil: 18. Februar 1922 in Providence, Rhode Island. Beim Todesdatum besteht eine kleine, aber dokumentationspflichtige Abweichung. MGG Online, die American Musicological Society und der Nachruf im Journal of Seventeenth-Century Music nennen den 6. April 2001 in Tucson; die französische BnF-Normdatei nennt den 16. April 2001. Da die fachnahen Nachrufe und die MGG-Angabe übereinstimmen, wird hier der 6. April 2001 als Hauptdatum angesetzt und die abweichende BnF-Angabe als Normdatenvariante vermerkt.

Die Quellenlage ist für einen modernen Musikwissenschaftler ungewöhnlich gut, aber unterschiedlich verteilt. Biographische Grunddaten bieten MGG Online, AMS und JSCM. Bibliographische und werkgeschichtliche Hinweise finden sich in Bibliothekskatalogen, Internet Archive, Google Books, Open Library, BnF, WorldCat-nahen Katalogen und in den Vorworten beziehungsweise Metadaten späterer Ausgaben. Da Anthony sehr viele Aufsätze, Rezensionen und Lexikonartikel schrieb, kann eine Website-Bibliographie nur die zentralen selbständigen Schriften, Editionen, gut belegten Aufsätze und maßgeblichen Lexikonarbeiten zusammenführen; ein vollständiges Kleinschriftenverzeichnis würde eine separate archivalische Bibliographie voraussetzen.

Leben und akademischer Weg

Raymond James Anthony wurde 1922 in Providence geboren und wuchs in einem amerikanischen Umfeld auf, aus dem er zunächst als Musiker und dann als Musikhistoriker hervorging. Sein Studium begann am New England Conservatory. Der Zweite Weltkrieg unterbrach diesen Bildungsweg. Nach dem Kriegsdienst setzte Anthony seine akademische Ausbildung fort und studierte an der Columbia University, wo er mit einer musikhistorischen Tradition in Berührung kam, die breite Kulturgeschichte, Quellenstudium und Stilgeschichte miteinander verband.

Ein entscheidender Schritt war der Aufenthalt an der Sorbonne. Dort erhielt Anthony unmittelbaren Zugang zur französischen Musikkultur, zur Sprache, zu Archiven, Bibliotheken und zu einer Forschungstradition, die in den Vereinigten Staaten damals noch wenig verbreitet war. Diese Pariser Erfahrung war nicht nur biographisch, sondern methodisch bedeutsam. Anthony behandelte die französische Musik nicht als exotischen Seitenzweig der Barockgeschichte, sondern als eigenes institutionelles, höfisches, theatrales und liturgisches System.

1964 promovierte er an der University of Southern California mit einer Arbeit über die Opéra-ballets von André Campra. Das Dissertationsthema zeigt bereits den späteren Schwerpunkt: Anthony interessierte sich nicht nur für kanonische Großformen, sondern für Gattungen, in denen Tanz, Theater, Oper, höfische Repräsentation, musikalische Nummernstruktur und französische Dramaturgie zusammenwirken. Die Opéra-ballet wurde dadurch für ihn ein Schlüssel zur französischen Bühnenkultur nach Lully.

Seine wichtigste institutionelle Heimat wurde die University of Arizona in Tucson. Dort lehrte er über vierzig Jahre und prägte Generationen von Studierenden. Er war dort nicht nur Seminarlehrer, sondern auch praktischer Musiker und Leiter beziehungsweise Förderer des Collegium Musicum. Diese Verbindung von Forschung, Lehre und Aufführungspraxis entsprach seinem Grundverständnis: Französische Barockmusik sollte nicht nur bibliographisch erfasst, sondern in ihren Klangformen, Gattungen, Tänzen, Texten und Aufführungsbedingungen verstanden werden.

1995 ernannte ihn die Französische Republik zum Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres. Diese Auszeichnung ist kulturgeschichtlich bemerkenswert, weil sie seine amerikanische Forschung als Beitrag zur französischen Kultur anerkannte. Anthony hatte eine Brücke zwischen amerikanischer Musikwissenschaft und französischem musikalischem Erbe gebaut. Sein Tod 2001 wurde in der Fachwelt als Verlust einer prägenden Forscher- und Mentorenfigur wahrgenommen.

Kulturüberblick

Anthony wirkte in einer Phase, in der sich die historische Musikwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg neu ordnete. Die großen nationalen Erzählungen der Musikgeschichte wurden zunehmend durch Quellenforschung, Gattungsgeschichte, Aufführungspraxis, Sozialgeschichte, Theatergeschichte und Repertoireerschließung ergänzt. In diesem Zusammenhang hatte die französische Musik des Grand Siècle und der Régence eine besondere Lage: Sie war in Frankreich selbst reich erforscht, im englischsprachigen Raum jedoch lange weniger präsent als italienische Oper, deutsche Instrumentalmusik oder Bach- und Händel-Forschung.

Anthony änderte diese Situation grundlegend. French Baroque Music from Beaujoyeulx to Rameau stellte erstmals in englischer Sprache einen groß angelegten, zusammenhängenden Überblick über die französische Musik von der späten Renaissance bis Rameau bereit. Das Buch behandelte nicht nur einzelne Komponisten, sondern Institutionen, höfische Organisation, Bühne, Kirche, Kammermusik, Instrumentalmusik, Tanz, Gattungen und ästhetische Grundlagen. Dadurch wurde französische Barockmusik für den englischsprachigen Unterricht und die internationale Forschung systematisch anschlussfähig.

Kulturgeschichtlich zentral ist dabei Anthony’s breiter Begriff von französischer Musik. Er betrachtete nicht nur die „großen Namen“ Lully, Charpentier, Couperin, Lalande, Campra und Rameau, sondern auch die Formen und Institutionen, in denen ihre Musik entstand: Académie royale de musique, Hofballett, Opernhaus, Kapelle, Kirche, Salon, Druckwesen und höfische Festkultur. Französische Barockmusik erscheint bei ihm als Gesamtkultur, nicht als bloßes Komponistenpanorama.

Seine Forschung wurde auch für die Alte-Musik-Bewegung und die Aufführungspraxis wichtig. Wer französische Musik des 17. und 18. Jahrhunderts aufführt, muss Fragen von Tanzrhythmus, Rezitativ, Agréments, Prosodie, Besetzung, Stimmtypen, Instrumentation, Bühnenkonvention und Aufführungskontext berücksichtigen. Anthony’s Überblickswerk und seine Editionen boten dafür Grundlagen. Er war kein rein theoretischer Archivar, sondern ein Forscher, dessen Arbeit in Aufführungen, Editionen und Ensembles hineinwirkte.

Der James R. Anthony Fund der American Musicological Society setzt diese Nachwirkung institutionell fort. Dass ein eigener Publikationsfonds Arbeiten zur französischen Musik von Beaujoyeulx bis Rameau unterstützt, zeigt, wie stark Anthony als Gründungsfigur eines Forschungsfeldes wahrgenommen wird. Der Fonds übersetzt seine wissenschaftliche Lebensleistung in eine dauerhafte Förderung neuer Studien und kritischer Editionen.

Forschung zur französischen Barockmusik

Anthony’s Forschung war auf Synthese und Erschließung ausgerichtet. Sein Hauptwerk ist weder eine enge Spezialmonographie noch ein bloßes Handbuch. Es verbindet Überblick, Quellenkunde, Gattungsgeschichte und Stilbeschreibung. Die Spannweite reicht von Beaujoyeulx und dem Ballet comique de la reine über Lullys tragédie en musique, die französische Kirchenmusik, Airs, Kammermusik, Instrumentalmusik, clavecinistische Traditionen und Rameaus Spätbarock bis hin zu Fragen der Aufführungspraxis.

Ein besonderes Verdienst liegt darin, französische Musik nicht nach italienischen oder deutschen Maßstäben zu bewerten. Die französische Oper des 17. Jahrhunderts folgt anderen dramaturgischen, sprachlichen und tänzerischen Prinzipien als die italienische Oper. Sie ordnet Musik, Deklamation, Tanz, Bühne, Maschinenwesen und höfische Repräsentation anders. Anthony machte diese Eigenlogik sichtbar. Damit half er, die französische Barockmusik aus dem älteren Vorwurf herauszulösen, sie sei gegenüber italienischer Virtuosität oder deutscher kontrapunktischer Dichte sekundär.

Seine Arbeit an Campra ist hierfür exemplarisch. Die Opéra-ballets Campras markieren eine Gattung, in der Prolog, Entrées, Tanz, exotische Schauplätze, galante Handlung und musikalische Vielfalt miteinander verbunden sind. Anthony behandelte diese Werke nicht als Nebenprodukte nach Lully, sondern als eigenständige Entwicklung der französischen Bühnenkultur. Gerade dadurch wurde Campra im englischsprachigen Forschungsraum sichtbarer.

Auch die Lexikonarbeit war für Anthony wichtig. Beiträge zu großen Wörterbüchern und Referenzwerken verbreiteten sein Wissen über französische Barockmusik über den Kreis enger Spezialisten hinaus. Wer im New Grove, im New Grove Dictionary of Opera oder in französischen Fachwörterbüchern nach Komponisten, Gattungen oder Institutionen suchte, begegnete immer wieder Anthonys Forschungsfeld.

Campra, Lully, Rameau und die französische Oper

Die Linie von Balthasar de Beaujoyeulx über Lully zu Rameau bildet im Hauptwerk Anthony’s nicht einfach eine chronologische Kette, sondern einen kulturgeschichtlichen Prozess. Am Anfang steht das höfische Ballett der späten Renaissance, in dem Tanz, politisches Ritual und allegorische Darstellung verbunden sind. Mit Lully entsteht daraus die tragédie en musique als institutionalisierte französische Oper. Nach Lully entwickeln Campra, Destouches, Marais, Montéclair und Rameau die französische Bühne in neue Richtungen weiter.

Anthony interessierte sich besonders für diese Übergänge. Die französische Oper ist bei ihm kein geschlossenes Stilgebäude, sondern ein System von Gattungen: tragédie en musique, opéra-ballet, pastorale, comédie-ballet, ballet héroïque, divertissement und verwandte Formen. Jede dieser Gattungen hat eigene dramaturgische, musikalische und institutionelle Regeln. Gerade deshalb war seine Forschung für spätere Opern- und Tanzforschung fruchtbar.

Lully nahm dabei eine zentrale Stellung ein. Anthony arbeitete auch an Quellen und Editionen im Umfeld der Lully-Gesamtausgabe, unter anderem an Les Amours déguisez. Die Beschäftigung mit Lully erforderte genaue Quellenkritik, weil höfische Ballette, Bühnenwerke, Partituren, Aufführungsmaterialien und spätere Drucke nicht einfach deckungsgleich sind. Anthony verband hier historische Quellenkunde mit der Frage, wie eine moderne Edition die Aufführungspraxis unterstützen kann.

Rameau bildete den späteren Horizont seines Überblicks. Bei Rameau treten Theorie, Harmonik, Bühnenmusik und Spätbarock in eine neue Verbindung. Anthony’s Darstellung machte deutlich, dass Rameau nicht als isolierter Neuerer verstanden werden kann, sondern aus einer langen französischen Tradition hervorgeht, die von Hof, Bühne, Tanz und Sprache geprägt ist.

Lehre, Collegium Musicum und Mentorenschaft

Anthony’s Wirkung lag nicht nur in seinen Publikationen. An der University of Arizona lehrte er mehr als vierzig Jahre. Er war für Studierende und jüngere Forschende eine prägende Figur, weil er ein damals noch junges Spezialgebiet nicht abschirmte, sondern öffnete. Zeitgenössische Würdigungen betonen seine Großzügigkeit, seinen Mentorengeist und seine Bereitschaft, jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die französische Barockforschung einzuführen.

Sein Unterricht war eng mit musikalischer Praxis verbunden. An der University of Arizona leitete beziehungsweise prägte er das Collegium Musicum und förderte Aufführungen älterer Musik. Dadurch stand seine Forschung in einem lebendigen Verhältnis zu Klang und Bühne. Französische Barockmusik wurde nicht nur als Notentext behandelt, sondern als Musik, die wieder aufgeführt, gehört, diskutiert und körperlich erfahren werden konnte.

Diese Verbindung von Forschung und Praxis war für das Fach wichtig. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte eine starke Entwicklung der historischen Aufführungspraxis. Anthony lieferte dafür Grundlagen aus der Quellen-, Gattungs- und Kulturgeschichte. Gleichzeitig profitierte seine Forschung von der Erfahrung, dass alte Musik im praktischen Musizieren Fragen stellt, die reine Textlektüre nicht sichtbar macht.

Schriften-, Editions- und Werkverzeichnis

Das folgende Verzeichnis fasst die zentralen selbständigen Schriften, Editionen, Dissertationen, nachweisbaren Aufsätze, Lexikonarbeiten und Rezeptionszusammenhänge von Raymond James Anthony zusammen. Da Anthony sehr viele Aufsätze, Rezensionen und Lexikonartikel verfasste, ist dieses Verzeichnis als umfassendes Kulturlexikon-Werkprofil der belegten Hauptwerke und zentralen Arbeiten zu verstehen, nicht als archivalisch vollständige Gesamtbibliographie jedes einzelnen Reviews.

Selbständige Schriften und Monographien

The Opera-ballets of André Campra: A Study of the First Period French Opera-ballet Dissertation, University of Southern California, 1964. Diese Arbeit begründete Anthony’s wissenschaftliches Profil als Spezialist für französische Bühnenmusik und die Gattung der Opéra-ballet. Sie steht am Anfang seiner lebenslangen Beschäftigung mit André Campra und der französischen Oper um 1700.
French Baroque Music from Beaujoyeulx to Rameau New York, W. W. Norton, 1974; spätere revidierte und erweiterte Fassungen, darunter Ausgaben von 1978 und 1997. Das Werk ist Anthony’s Hauptleistung und gilt als grundlegende englischsprachige Gesamtdarstellung der französischen Musik vom späten 16. bis zum frühen 18. Jahrhundert.
La musique en France à l’époque baroque: de Beaujoyeulx à Rameau Französische Übersetzung von French Baroque Music, Paris, Flammarion, 1981; später revidiert und neu aufgelegt. Die französische Ausgabe machte Anthony’s Synthese auch im französischsprachigen Raum zugänglich und wurde selbst Teil der französischen Fachbibliographie.
French Baroque Music from Beaujoyeulx to Rameau, revised and expanded edition Portland, Amadeus Press, 1997. Die erweiterte Fassung berücksichtigte neue Forschung, ergänzte Literatur und vertiefte zahlreiche Aspekte der Musik von Bühne, Kirche, Kammer und Instrumentalmusik.

Editionen und editorische Mitarbeit

Jean-Baptiste Lully: Les Amours déguisez Kritische Edition beziehungsweise Mitherausgeberschaft mit Rebecca Harris-Warrick in der Lully-Gesamtausgabe, Œuvres complètes, Serie 1, Band 6, Hildesheim, Olms, 2001. Die Edition zeigt Anthony’s Arbeit an Quellen, Bühnenballett und französischer höfischer Aufführungskultur.
Michel-Richard de Lalande: De profundis Edition beziehungsweise Herausgebertätigkeit im Bereich französischer geistlicher Barockmusik. Die Arbeit steht für Anthony’s Interesse an der französischen Kirchenmusik neben Oper und Ballett.
Französische Barockmusik in Aufführungseditionen Anthony arbeitete an mehreren Editionen und machte französische Musik des 17. und 18. Jahrhunderts für Aufführung und Forschung zugänglich. Dieser Bereich ist für seine Wirkung auf die Alte-Musik-Praxis wesentlich.

Aufsätze und Spezialstudien

The French Opera-Ballet in the Early Eighteenth Century Aufsatz von James R. Anthony aus dem Jahr 1965, der aus seiner Campra-Dissertation hervorging und die frühe Geschichte der Opéra-ballet als eigenständige französische Bühnenform behandelte.
Printed Editions of André Campra’s L’Europe galante Studie zur Druck- und Quellenüberlieferung von Campras L’Europe galante. Der Beitrag zeigt Anthony’s Interesse an der konkreten Materialgeschichte französischer Bühnenwerke.
Lully’s Airs: French or Italian? Aufsatz im Musical Times, 1987. Anthony untersucht darin die kulturelle und stilistische Spannung zwischen französischem und italienischem Idiom bei Lully und in dessen Umfeld.
Les Amours déguisez: The Principal Sources Beitrag zu den Quellen von Lullys höfischem Ballett in einem Sammelband zur Lully-Forschung. Der Text bildet einen wichtigen editorischen und quellenkundlichen Vorlauf zur späteren Edition.
Beiträge zu Campra, Lully und französischer Oper Mehrere Aufsätze und Lexikonartikel befassen sich mit André Campra, Lully, französischem Ballett, Oper, Bühnenkonventionen, Airs und der Entwicklung französischer Gattungen vom späten 17. bis zum frühen 18. Jahrhundert.
Beiträge zur französischen Kirchenmusik Anthony schrieb und edierte im Bereich französischer geistlicher Musik, besonders im Zusammenhang von Lalande, Campra und dem kirchlichen Repertoire des Grand Siècle.
Beiträge zur Aufführungspraxis In zahlreichen Schriften behandelte Anthony Fragen von Tanz, Rhythmus, Deklamation, Ornamentik, französischem Rezitativ, Instrumentation und Stilidiom, die für die historische Aufführungspraxis zentral sind.

Lexikonartikel und Referenzwerke

The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 1980 Anthony verfasste größere und kleinere Beiträge zur französischen Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Diese Lexikonarbeit verbreitete sein Spezialwissen in einem internationalen Standardwerk.
The New Grove Dictionary of Opera, 1992 Beiträge zu französischer Oper, Komponisten, Gattungen und Institutionen. Die Mitarbeit zeigt seine besondere Autorität im Feld der Opernforschung.
The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 2001 Überarbeitete beziehungsweise neue Beiträge in der zweiten Grove-Generation, die Anthony’s Forschung in die aktualisierte internationale Lexikographie einbrachten.
Dictionnaire de la musique en France aux XVIIe et XVIIIe siècles Beiträge zu französischen Komponisten, Gattungen und Institutionen im von Marcelle Benoît herausgegebenen französischen Referenzwerk von 1992.
Grove Music Online Digitale Fortführung beziehungsweise Rezeption von Anthony’s Grove-Arbeit in der modernen Online-Lexikographie.

Herausgeberschaften, Festschriften und Rezeptionskontexte

Jean-Baptiste Lully and the Music of the French Baroque: Essays in Honor of James R. Anthony Festschrift, herausgegeben von John Hajdu Heyer in Zusammenarbeit mit Catherine Massip, Carl B. Schmidt und Herbert Schneider, Cambridge University Press, 1989. Der Band dokumentiert Anthony’s internationale Stellung als Forscher zur französischen Barockmusik.
James R. Anthony Fund Publikationsfonds der American Musicological Society, gegründet 2007. Der Fonds unterstützt Studien und kritische Editionen zur französischen Musik von Beaujoyeulx bis Rameau und institutionalisiert Anthony’s wissenschaftliche Nachwirkung.
Journal of Seventeenth-Century Music: James R. Anthony (1922–2001): An Appreciation Nachruf von Rebecca Harris-Warrick, erschienen 2004. Der Text würdigt Anthony als Gelehrten, Lehrer, Mentor und prägenden Begründer der englischsprachigen Forschung zur französischen Barockmusik.

Forschungsschwerpunkte nach Gegenständen

Ballet de cour Anthony behandelte das höfische französische Ballett als Ausgangspunkt der französischen Bühnenmusik und als Verbindung von Tanz, Allegorie, Politik und Musik.
Opéra-ballet Die Opéra-ballet, besonders bei André Campra, war ein zentrales Dissertationsthema und blieb einer seiner wichtigsten Spezialbereiche.
Tragédie en musique Die französische Operntragödie von Lully bis Rameau wurde in Anthony’s Hauptwerk als eigenständiges dramatisch-musikalisches System dargestellt.
Französische Kirchenmusik Anthony bezog Motetten, Kapellmusik, geistliche Vokalformen und die Musik von Komponisten wie Lalande und Campra in seine Gesamtdarstellung ein.
Airs, Kammermusik und Vokalmusik Die französische Vokalkammermusik und das Air-Repertoire wurden bei ihm als wichtige Bestandteile der barocken Musikkultur verstanden.
Instrumentalmusik und Clavecinmusik Anthony berücksichtigte französische Instrumentalmusik, Lauten-, Gitarren-, Clavecin- und Ensembletraditionen als Teil einer umfassenden Kulturgeschichte.
Aufführungspraxis Fragen von Tanz, Deklamation, Ornamentik, Rhythmus, Besetzung und Theaterpraxis wurden von ihm immer wieder als Bedingungen des musikalischen Verstehens behandelt.

Rezeption und Nachwirkung

Anthony’s Nachwirkung ist in drei Bereichen besonders deutlich. Erstens wurde sein Hauptwerk zu einem Standardtext der Lehre. Wer im englischsprachigen Raum französische Barockmusik unterrichtete, konnte lange kaum an French Baroque Music from Beaujoyeulx to Rameau vorbeigehen. Das Buch bot eine Ordnung für ein Feld, das zuvor fragmentierter wahrgenommen wurde.

Zweitens wirkte Anthony als Mentor einer Forschungsgemeinschaft. Die Würdigungen nach seinem Tod betonen nicht nur seine Publikationen, sondern seine Art, jüngere Forschende einzubeziehen und zu fördern. Dadurch wurde er zu einer zentralen Person der Society for Seventeenth-Century Music und verwandter Forschungskreise.

Drittens wurde sein Name institutionell durch den James R. Anthony Fund weitergeführt. Dieser Fonds unterstützt Veröffentlichungen über französische Musik von Beaujoyeulx bis Rameau und trägt damit genau jenen historischen Bogen weiter, den Anthony selbst in seinem Hauptwerk gezogen hatte. Seine Forschung wird dadurch nicht nur erinnert, sondern produktiv fortgesetzt.

Überlieferung und editorische Hinweise

Für die bibliographische Arbeit ist zu beachten, dass Anthony unter verschiedenen Namensformen erscheint. Die Vollform Raymond James Anthony ist für biographische und deutschsprachige Lexikonangaben wichtig; die zitierfähige wissenschaftliche Standardform ist jedoch James R. Anthony. Französische Kataloge verwenden teils James Raymond Anthony. Bei bibliographischen Einträgen sollte jeweils die Namensform der Vorlage beibehalten werden.

Die Todesdatierung verlangt einen kurzen Hinweis. Da BnF abweichend den 16. April 2001 nennt, während MGG Online, AMS und der fachliche Nachruf den 6. April 2001 führen, wird in dieser Seite der 6. April angesetzt. Für Normdatenabgleiche sollte die BnF-Variante nicht gelöscht, sondern als abweichende Katalogangabe verstanden werden.

Das Werkverzeichnis ist bei Anthony schwieriger als bei einem Komponisten mit Opuszählung. Er schrieb Monographien, Aufsätze, Rezensionen, Lexikonartikel und Editionen. Einzelne kleine Beiträge sind über Bibliotheks- und Zeitschriftenregister verstreut. Für die Kulturlexikon-Seite sind deshalb die Hauptwerke, einschlägigen Studien und nachweisbaren Editions- und Referenzarbeiten zusammengeführt. Eine vollständig archivalische Bibliographie müsste die Nachlässe, Zeitschriftenjahrgänge, Grove-Beiträge, Rezensionen und Universitätsakten gesondert erschließen.

Sekundärliteratur

  • Banducci, Antonia L.; Cowart, Georgia; Gustafson, Bruce; Harris-Warrick, Rebecca; Heyer, John Hajdu; Rosow, Lois; Schmidt, Carl B.: Materialien und Gründungszusammenhang des James R. Anthony Fund der American Musicological Society.
  • Harris-Warrick, Rebecca: James R. Anthony (1922–2001): An Appreciation. In: Journal of Seventeenth-Century Music, Band 10, Nr. 1, 2004.
  • Heyer, John Hajdu (Hrsg.): Jean-Baptiste Lully and the Music of the French Baroque: Essays in Honor of James R. Anthony. Cambridge University Press, Cambridge 1989.
  • Massip, Catherine; Schmidt, Carl B.; Schneider, Herbert: Mitarbeit an der Anthony-Festschrift und Beiträge zur internationalen Forschung über Lully und französische Barockmusik.
  • Rosow, Lois: Studien zur Rezeption von Lullys Opern und zur französischen Barockoper im Umfeld der Anthony-Forschung.
  • Schneider, Herbert: Arbeiten zu Jean-Baptiste Lully, französischer Oper, Quellenkunde und Rezeptionsgeschichte, einschlägig für das Forschungsfeld Anthony’s.
  • Warrick, Rebecca Harris-: Studien zu französischem Barockballett, Oper und Tanz, mehrfach in direktem Zusammenhang mit Anthony’s Forschungs- und Editionsarbeit.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Alte Musik Übergreifendes Forschungs- und Aufführungsfeld, in dem Anthony’s Arbeit zur französischen Barockmusik wirksam wurde.
  • André Campra Komponist der französischen Opéra-ballet und zentraler Gegenstand von Anthony’s Dissertation und Forschung.
  • Aufführungspraxis Forschungsfeld, das bei Anthony besonders für Tanz, Deklamation, Ornamentik und französischen Stil wichtig ist.
  • Ballet de cour Höfische französische Ballettform, die Anthony als Ausgangspunkt der französischen Bühnenmusik behandelte.
  • Balthasar de Beaujoyeulx Komponist beziehungsweise Organisator des Ballet comique de la reine und Ausgangspunkt des von Anthony beschriebenen historischen Bogens.
  • Marc-Antoine Charpentier Französischer Barockkomponist, dessen Kirchen- und Bühnenmusik in Anthony’s Forschungsfeld gehört.
  • Collegium Musicum Ensemble- und Lehrform, die Anthony an der University of Arizona praktisch mitprägte.
  • Columbia University Ausbildungsstation Anthony’s und wichtiger Ort amerikanischer Musikwissenschaft.
  • Comédie-ballet Französische Bühnenform, in der Theater, Musik und Tanz verbunden sind und die in Anthony’s Hauptwerk behandelt wird.
  • François Couperin Zentraler französischer Komponist für Clavecin-, Kammer- und Kirchenmusik innerhalb des von Anthony erschlossenen Repertoires.
  • Französische Barockmusik Hauptgegenstand von Anthony’s wissenschaftlicher Arbeit und Titelkern seines Standardwerks.
  • Französische Oper Gattungsfeld von Lully, Campra und Rameau, das Anthony entscheidend für den englischsprachigen Raum erschloss.
  • Historische Aufführungspraxis Praxisnaher Forschungsbereich, zu dem Anthony durch Quellen-, Gattungs- und Stilstudien beitrug.
  • Michel-Richard de Lalande Französischer Komponist geistlicher Barockmusik, dessen Repertoire in Anthony’s Editions- und Forschungsfeld gehört.
  • Jean-Baptiste Lully Zentraler Komponist der französischen Oper und der höfischen Bühnenmusik, zu dessen Quellen und Repertoire Anthony arbeitete.
  • Musiklexikographie Arbeitsfeld, in dem Anthony durch Grove- und französische Wörterbuchbeiträge wirkte.
  • Musikwissenschaft Akademisches Fach, in dem Anthony als Forscher, Lehrer und Referenzautor zur französischen Barockmusik hervortrat.
  • New England Conservatory Frühe Ausbildungsstation Anthony’s vor Kriegsdienst und weiterer akademischer Laufbahn.
  • Opéra-ballet Französische Bühnenform, der Anthony seine Dissertation und mehrere wichtige Studien widmete.
  • Ordre des Arts et des Lettres Französische Auszeichnung, die Anthony 1995 als Anerkennung seiner Verdienste um die französische Kultur erhielt.
  • Jean-Philippe Rameau Komponist und Theoretiker, der den Endpunkt von Anthony’s großem Überblick zur französischen Barockmusik bildet.
  • Sorbonne Pariser Studienort Anthony’s und wichtiger Zugang zur französischen Forschungskultur.
  • Tragédie en musique Zentrale französische Operngattung von Lully bis Rameau, die Anthony ausführlich behandelte.
  • University of Arizona Hauptwirkungsort Anthony’s, an dem er mehr als vierzig Jahre lehrte und das Collegium Musicum prägte.
  • Versailles Höfischer und kultureller Bezugspunkt der französischen Barockmusik, die Anthony erforschte.