Giorgio Anselmi

* 1386 oder wenig früher in Parma; † nach 1449, ältere Angaben: um 1440/43, vermutlich in Parma. Arzt, Astrologe, Mathematiker, Lehrer der artes und Medizin sowie Musiktheoretiker des frühen 15. Jahrhunderts.

Überblick

Giorgio Anselmi, latinisiert Georgius Anselmus oder Georgius de Anselmis, war ein Gelehrter aus Parma, dessen Werk im Grenzbereich von Musiktheorie, Quadrivium, Astrologie, Medizin, Mathematik, Naturphilosophie und frühhumanistischer Gesprächskultur steht. Er gehört zu denjenigen Autoren des frühen 15. Jahrhunderts, bei denen Musik noch nicht als autonomes Kunstfach im modernen Sinn erscheint, sondern als Teil einer umfassenden Ordnung von Zahl, Kosmos, Körper, Instrument, Stimme und Erkenntnis.

Seine besondere Bedeutung für die Musikgeschichte beruht auf dem Dialog De musica, der auch unter dem Titel De harmonia beziehungsweise in der Form De harmonia dialogi überliefert wurde. Das Werk entstand aus Gesprächen, die Anselmi 1433 mit Pier Maria de’ Rossi bei den Bädern von Lucca führte, und wurde 1434 schriftlich ausgearbeitet. Es gliedert sich in drei Hauptteile: De harmonia coelesti, De harmonia instrumentali und De harmonia cantabili. Schon diese Dreiteilung zeigt den Anspruch des Textes: Musik wird als kosmische Ordnung, als instrumentale Praxis und als vokale beziehungsweise mensurale Kunst behandelt.

Für die Kulturgeschichte ist Giorgio Anselmi besonders aufschlussreich, weil er eine Übergangsfigur ist. Er steht noch tief in der boethianischen Tradition der musica mundana, also der Vorstellung einer zahlenhaft geordneten kosmischen Harmonie. Zugleich berührt er konkrete Fragen der Instrumentenkunde, des Monochords, der Kirchentonarten, der guidonischen Solmisation und der Mensuralnotation. Sein Denken verbindet Spekulation und Praxis, Philosophie und Handwerk, Zahlensymbolik und musikalische Regelbildung.

Die Überlieferung seines musiktheoretischen Hauptwerks ist schmal, aber wirkungsgeschichtlich bedeutsam. Das Werk ist in einem einzigen bekannten Manuskript der Biblioteca Ambrosiana in Mailand erhalten, dessen Signatur H. 233 inf. lautet. Diese Handschrift gehörte Franchino Gaffurio, der sie mit Randbemerkungen versah. Gerade diese Besitz- und Gebrauchsspur macht Anselmi zu einem wichtigen Glied zwischen spätmittelalterlicher Musiktheorie und der humanistisch geprägten Musiklehre der italienischen Renaissance.

Kurzdaten

Name Giorgio Anselmi; latinisiert Georgius Anselmus, Georgius de Anselmis, Georgius Anselmus Parmensis, Anselmus Parmensis; zur Unterscheidung vom gleichnamigen Enkel auch Giorgio Anselmi senior.
Geburt 1386 oder wenig früher in Parma; Treccani nennt eine Geburt einige Jahre vor 1386, weil der Vater Enrico in diesem Jahr als verstorben gilt.
Tod Nach 1449; ältere Lexikonangaben nennen um 1440/43, doch spätere Forschung verweist auf eine Tätigkeit in Bologna 1448/49.
Beruf Arzt, Universitätslehrer, Astrologe, Mathematiker, Naturphilosoph, Musiktheoretiker und Autor lateinischer Fachdialoge.
Herkunft Parma; der Familienhintergrund war philosophisch und gelehrt geprägt, da Vater Enrico und Großvater Bernardo als Philosophen gelten.
Wirkungsorte Parma, Pavia, Modena, Ferrara, Bagni di Lucca und Bologna.
Zentrale Fachgebiete Musiktheorie, Astrologie, Medizin, Mathematik, Naturphilosophie, Quadrivium und Humanismus.
Hauptwerk zur Musik De musica, auch De harmonia oder De harmonia dialogi, entstanden 1434 nach Gesprächen mit Pier Maria de’ Rossi.
Überlieferung Das musiktheoretische Hauptwerk ist in der Biblioteca Ambrosiana in Mailand, H. 233 inf., erhalten; die Handschrift gehörte Franchino Gaffurio und enthält dessen Glossen.
Bedeutung Anselmi vermittelt zwischen boethianischer Kosmologie, spätmittelalterlicher Notationslehre, italienischer Universitätskultur und der Musiktheorie der Renaissance.

Zur Datenlage

Die biographische Datenlage zu Giorgio Anselmi ist kompliziert, weil ältere musiklexikalische Angaben und spätere archivalisch gestützte Forschung nicht völlig übereinstimmen. Die ältere Enciclopedia Italiana bezeichnet ihn als Musiktheoretiker des 15. Jahrhunderts und setzt voraus, dass er 1443 nicht mehr lebte. Der neuere Artikel im Dizionario Biografico degli Italiani korrigiert diese ältere Tradition: Anselmi war 1448/49 noch als Lehrer der praktischen Medizin an der Universität Bologna tätig. Daraus folgt, dass sein Tod nicht um 1440/43 erfolgt sein kann, sondern frühestens nach 1449 anzusetzen ist.

Auch das Geburtsjahr ist nur näherungsweise zu bestimmen. Die Angabe 1386 wird häufig verwendet, doch präziser ist die Formulierung „1386 oder wenig früher“. Der Grund liegt darin, dass sein Vater Enrico im Jahr 1386 als verstorben gilt. Treccani formuliert daher, Anselmi sei einige Jahre vor 1386 in Parma geboren worden. Für eine Kulturlexikon-Seite empfiehlt sich deshalb eine doppelte Darstellung: Im Lemma bleibt die gewohnte Kurzform „* 1386 oder wenig früher in Parma“ stehen, während die Lebensdaten im Text erläutert werden.

Hinzu kommt die Verwechslungsgefahr mit einem gleichnamigen späteren Familienmitglied. Der jüngere Giorgio Anselmi, ein Enkel des Musiktheoretikers, trat als humanistischer Epigrammatiker hervor und bemühte sich nach späterer Überlieferung darum, Werke des Großvaters bekannt zu machen. Die Bezeichnung Giorgio Anselmi senior ist daher mehr als eine bloße bibliographische Hilfe: Sie trennt den musiktheoretisch, medizinisch und astrologisch tätigen Gelehrten des frühen Quattrocento von einem literarisch-humanistischen Nachfahren.

Leben und akademische Laufbahn

Giorgio Anselmi wurde in Parma geboren. Seine Familie gehörte zum gelehrten Milieu der Stadt. Vater Enrico und Großvater Bernardo werden als Philosophen genannt, was auf eine intellektuelle Herkunft verweist, in der Aristotelismus, Logik, Naturphilosophie und mathematische Fächer eine zentrale Rolle spielten. Über seine frühe Ausbildung ist nichts sicher bekannt. Möglich ist, dass er in Pavia unter dem Einfluss von Biagio Pelacani stand, einem Philosophen, Mathematiker und Naturkundigen, der für das oberitalienische Gelehrtenmilieu um 1400 außerordentlich wichtig war.

Als das Studium von Parma 1412 wieder eröffnet wurde, erscheint Anselmi im akademischen Zusammenhang der artes und der Medizin. Diese Verbindung ist für das frühe 15. Jahrhundert typisch. Medizin, Mathematik, Astronomie, Astrologie und Musiktheorie gehörten nicht zu getrennten modernen Disziplinen, sondern bildeten miteinander verschränkte Wissensfelder. Der Arzt musste den Körper, die Temperamente, die Jahreszeiten, die Gestirne und die zahlenhaften Ordnungen kennen; der Musiktheoretiker bewegte sich seinerseits im Bereich von Zahl, Proportion, Klang, Kosmos und Seele.

Nach der erneuten Unterdrückung des Studiums von Parma um 1420 dürfte Anselmi in den Herrschaftsbereich der Este gelangt sein. 1425 hielt er sich sicher in Modena auf und übte dort erfolgreich die Medizin aus. 1428 erhielt er das Ehrenbürgerrecht von Ferrara. Diese Stationen zeigen, dass Anselmi nicht nur ein akademischer Theoretiker war, sondern auch als praktischer Arzt und Hofgelehrter Anerkennung fand. Das estensische Umfeld war für Mathematik, Astrologie, Medizin, Musik und höfische Repräsentation besonders empfänglich.

Im September 1433 führte Anselmi bei den Bädern von Lucca Gespräche über Musik mit Pier Maria de’ Rossi von San Secondo. Diese Gespräche bildeten die Grundlage seines musiktheoretischen Dialogs, den er im April 1434 in schriftlicher Form an den Gesprächspartner sandte. Die Entstehungssituation ist kulturhistorisch bemerkenswert: Musiktheorie entsteht hier nicht als trockener Schultraktat, sondern als gelehrte Gesprächsform in aristokratischem Kontext. Der Dialog verbindet Badeort, Adelskultur, humanistische Konversation und wissenschaftliche Systematisierung.

1439 war Anselmi wieder in Parma, wo er bei einer Promotion beziehungsweise Graduierung mitwirkte. 1440 gehörte er als Doktor der artes und Medizin zu jenen Gelehrten, die an der Reform der Statuten des Kollegiums beteiligt waren. 1448/49 lehrte er praktische Medizin an der Universität Bologna. Diese letzte belegte Station verschiebt die Sterbedatierung deutlich: Während ältere Angaben ihn schon um 1440/43 sterben lassen, zeigt die Bologneser Tätigkeit, dass er noch am Ende der 1440er Jahre lebte.

De musica und De harmonia

Anselmis Hauptwerk für die Musikgeschichte ist der lateinische Dialog De musica. Der Titel erscheint in der Forschung und in der Überlieferung auch als De harmonia, De harmonia dialogi oder in ausführlicherer Form als Georgii Anselmi Parmensis De musica. Das Werk besteht aus drei großen Teilen, die häufig als Dieten beziehungsweise Gesprächstage bezeichnet werden: De harmonia coelesti, De harmonia instrumentali und De harmonia cantabili. Diese Dreigliederung ist nicht äußerlich, sondern bildet den inneren Denkweg des Textes.

Der erste Teil, De harmonia coelesti, behandelt die himmlische Harmonie. Er steht in der Tradition der musica mundana, wie sie besonders durch Boethius vermittelt wurde. Musik ist hier nicht zuerst klingende Kunst, sondern eine mathematisch-kosmische Ordnung. Die Bewegungen der Gestirne, die Proportionen der Welt und die Beziehung zwischen Zahl und Sein bilden den Rahmen, in dem musikalisches Denken seine metaphysische Würde erhält.

Der zweite Teil, De harmonia instrumentali, führt näher an die konkrete Musikpraxis heran. Anselmi behandelt das Tonsystem, Instrumente, die antike Kithara, das moderne Monochord und auch die Orgel. Gerade dieser Teil zeigt, dass der Autor nicht allein spekulativer Kosmologe war. Er interessierte sich für die materielle, akustische und didaktische Seite der Musik, also für jene Instrumente und Modelle, an denen Proportionen hörbar und demonstrierbar werden.

Der dritte Teil, De harmonia cantabili, behandelt die vokale Musik, den Choral, die guidonische Skala, Mutationen, Kirchentöne und Probleme der Mensuralnotation. Hier tritt Anselmi in das technische Zentrum spätmittelalterlicher Musiklehre ein. Besonders auffällig ist sein Versuch, die komplizierte Mensuralnotation auf wenige klare Prinzipien zurückzuführen und ein eigenes Notationssystem vorzuschlagen. Dieses System setzte sich nicht durch, blieb aber rezeptionsgeschichtlich sichtbar, weil es von späteren Autoren erwähnt oder reproduziert wurde.

Die Überlieferung des Werkes ist eng. Der zentrale Zeuge ist das Mailänder Manuskript Biblioteca Ambrosiana H. 233 inf. Diese Handschrift ist nicht nur deshalb wichtig, weil sie den Text bewahrt, sondern weil sie im Besitz Franchino Gaffurios war und mit seinen Glossen versehen wurde. Damit zeigt das Manuskript den tatsächlichen Gebrauch des Textes innerhalb der italienischen Musiktheorie des späten 15. Jahrhunderts.

Musiktheorie, Kosmos und Notation

Anselmis musiktheoretisches Denken gehört zu einer Zeit, in der die mittelalterliche Ordnung der Musik als mathematischer Wissenschaft noch wirksam war, zugleich aber eine stärkere Aufmerksamkeit für konkrete musikalische Praxis entstand. In der Tradition des Quadriviums steht Musik neben Arithmetik, Geometrie und Astronomie. Diese Stellung erklärt, warum ein Arzt, Astrologe und Mathematiker Musiktheorie schreiben konnte, ohne als Berufsmusiker im engeren Sinne auftreten zu müssen.

Die kosmische Harmonie ist bei Anselmi kein dekoratives Motiv, sondern ein epistemischer Rahmen. Wenn die Welt zahlenhaft geordnet ist, dann ist Musik eine privilegierte Weise, diese Ordnung zu denken. Die Beziehungen von Intervallen, Proportionen und Bewegungen verweisen auf eine umfassendere Struktur der Natur. Daher berührt Anselmis Musiktheorie die Naturphilosophie, die Astrologie und die mathematische Weltdeutung. Musik wird zu einem Medium zwischen sinnlicher Erfahrung und intelligibler Ordnung.

Gleichzeitig bleibt Anselmi nicht im reinen Spekulativen stehen. Die Behandlung von Instrumenten, Tonordnung und Monochord zeigt ein didaktisches Interesse an der Demonstration musikalischer Proportionen. Das Monochord ist hier nicht nur ein Instrument, sondern ein Erkenntnisapparat: An ihm kann sichtbar und hörbar gemacht werden, wie Längenverhältnisse, Zahlen und Intervalle zusammenhängen. Diese Verbindung von Gerät, Klang und mathematischer Einsicht ist für die vormoderne Musiktheorie zentral.

Besonders wichtig ist der Abschnitt über Gesang und Mensuralnotation. Die Mensuralnotation war im 14. und 15. Jahrhundert ein hochkomplexes System zur Darstellung rhythmischer Werte, Proportionen und Zeitverhältnisse. Anselmi erkannte offenbar die Schwierigkeit, dieses System zu ordnen, und versuchte eine Vereinfachung. Auch wenn seine eigene Lösung keine breite Praxis fand, zeigt sie den Reformimpuls eines Gelehrten, der musikalische Schrift nicht nur beschreibt, sondern systematisch neu zu fassen versucht.

Damit gehört Anselmi in die Geschichte eines grundlegenden Problems: Wie wird Zeit in musikalischer Schrift darstellbar? Diese Frage betrifft nicht nur die Technik der Notation, sondern auch das Verhältnis von Zahl, Bewegung, Körper, Stimme und Schrift. Anselmis Versuch zeigt, dass die Renaissance-Musiktheorie nicht einfach von mittelalterlicher Spekulation zu moderner Praxis überging, sondern in vielschichtigen Zwischenformen arbeitete.

Franchino Gaffurio und die Wirkungsgeschichte

Die Wirkung Giorgio Anselmis ist eng mit Franchino Gaffurio verbunden. Gaffurio besaß das überlieferte Manuskript von Anselmis De musica und versah es mit Randbemerkungen. Diese Tatsache ist für die Rezeptionsgeschichte entscheidend. Sie zeigt, dass Anselmis Text im späten 15. Jahrhundert nicht nur archiviert, sondern aktiv gelesen, kommentiert und in den Wissenshaushalt eines der bedeutendsten Musiktheoretiker der italienischen Renaissance integriert wurde.

Gaffurio griff Themen auf, die auch Anselmi beschäftigten: kosmische Harmonie, Verhältnis von Zahl und Klang, Boethius-Rezeption, theoretische Ordnung der Musik und Verbindung von antiker Autorität mit zeitgenössischer Systematik. Der Einfluss darf nicht mechanisch als einfache Übernahme verstanden werden. Wichtiger ist, dass Anselmis Werk einen gelehrten Diskussionsraum bereitstellte, in dem spätere Musiktheoretiker ältere und neue Wissensformen miteinander verschalten konnten.

Auch Pietro Cerone ist für die Nachwirkung zu nennen. Noch 1613 wurde in El Melopeo y Maestro ein von Anselmi vorgeschlagenes Notationsmodell reproduziert. Dass dieses Modell keine praktische Schule begründete, mindert seinen kulturhistorischen Wert nicht. Im Gegenteil: Es zeigt, wie lange einzelne theoretische Vorschläge im gelehrten Gedächtnis der Musiktheorie präsent bleiben konnten, selbst wenn sie im musikalischen Alltag keine Durchsetzung fanden.

Die Wiederentdeckung und Edition des Textes sind ebenfalls Teil der Wirkungsgeschichte. Das Werk galt lange als verloren oder war nur aus Zitaten bekannt. Die Handschrift wurde 1824 in der Biblioteca Ambrosiana wieder aufgefunden. Die moderne wissenschaftliche Grundlage schuf Giuseppe Massera mit der Ausgabe Georgii Anselmi Parmensis De musica. Dieta prima de celesti harmonia, dieta secunda de instrumentali harmonia, dieta tertia de cantabili harmonia, die 1961 bei Olschki erschien. Dadurch wurde Anselmis Musikdenken wieder in die Forschung zur spätmittelalterlichen und frührenaissancezeitlichen Musiktheorie eingeführt.

Ausführlicher Kulturüberblick

Giorgio Anselmi steht an einem kulturgeschichtlich besonders dichten Übergang. Das frühe 15. Jahrhundert ist noch nicht die Hochrenaissance, aber auch nicht mehr einfach Spätmittelalter. In Norditalien verbinden sich Universitätswissen, städtische Gelehrtenkultur, Hofkultur, humanistische Dialogform, astrologische Praxis und musikalische Theorie. Anselmi bewegt sich genau in diesem Milieu. Seine Schriften zeigen eine Welt, in der die Disziplinen nicht getrennt sind, sondern durch die Idee der Ordnung zusammengehalten werden.

Die Musik hat in dieser Ordnung eine Schlüsselstellung. Sie ist Zahl und Klang, Wissenschaft und Kunst, metaphysisches Modell und praktische Tätigkeit. Die ältere boethianische Einteilung in musica mundana, musica humana und musica instrumentalis klingt in Anselmis Dreiteilung deutlich nach. Doch zugleich wird die Musik konkreter. Instrumente, Gesang, Choral, Mutation, Kirchentöne und Mensuralnotation treten neben die kosmologische Spekulation. Diese Mischung macht Anselmi für die Geschichte der musikalischen Wissensformen interessant.

Der Zusammenhang mit Medizin und Astrologie ist aus moderner Sicht erklärungsbedürftig. Für Anselmis Zeit gehörten beide Fächer nicht an den Rand des Wissens, sondern standen im Zentrum universitärer und höfischer Praxis. Der Arzt deutete Körperzustände im Verhältnis von Qualitäten, Elementen, Temperamenten, Zeitpunkten und Gestirnen. Der Astrologe arbeitete mit mathematischen Berechnungen, Zeichen, kosmischen Beziehungen und Prognosen. Die Musiktheorie teilte mit diesen Feldern die Überzeugung, dass Zahl, Proportion und Ordnung die Natur strukturieren.

Der Dialogcharakter von De musica verweist außerdem auf den Humanismus. Wissen wird nicht nur als scholastische Quaestio, sondern als gelehrte Unterhaltung inszeniert. Die Gesprächssituation mit Pier Maria de’ Rossi zeigt, dass Musiktheorie Teil einer aristokratisch-humanistischen Bildungskultur sein konnte. Ein adeliger Gesprächspartner interessierte sich für Harmonie, ein Arzt und Gelehrter systematisierte die Antworten, und aus der Konversation entstand ein lateinischer Traktat.

Die Rolle der Handschrift ist ebenso wichtig. Dass Anselmis De musica nur in einem bekannten Manuskript überliefert ist, zeigt die Fragilität vormoderner Wissensüberlieferung. Gleichzeitig macht der Besitz durch Gaffurio die Handschrift zu einem Zeugnis aktiver Rezeption. Ein einziger Codex kann in der Musikgeschichte eine Brücke schlagen: von Anselmis Quattrocento-Diskussionen über Gaffurios Mailänder Musiktheorie bis zur modernen Edition und Forschung.

Anselmis Kulturprofil ist daher nicht das eines Komponisten im engeren Sinne, sondern das eines Theoretikers der musikalischen Ordnung. Seine Bedeutung liegt darin, Musik in einem breiten System von Kosmos, Zahl, Instrument, Stimme und Schrift zu denken. Gerade für ein Kulturlexikon, das Musik nicht nur als Aufführung oder Werk, sondern als Wissensform begreift, ist Anselmi ein exemplarischer Eintrag.

Werkverzeichnis

Das Werkverzeichnis zu Giorgio Anselmi ist wegen der fragmentarischen Überlieferung mit Vorsicht zu lesen. Treccani weist darauf hin, dass viele seiner Schriften zu Mathematik, Medizin und Astrologie verloren sind. Sicher greifbar sind vor allem das musiktheoretische Hauptwerk, astrologische beziehungsweise magietheoretische Handschriften sowie einzelne später bezeugte oder nur indirekt fassbare Titel. Die folgende Zusammenstellung unterscheidet daher zwischen überlieferten, teilweise überlieferten, edierten und verlorenen beziehungsweise nur summarisch bezeugten Werken.

1434 De musica, auch De harmonia, De harmonia dialogi oder Georgii Anselmi Parmensis De musica. Musiktheoretischer Dialog, entstanden nach Gesprächen mit Pier Maria de’ Rossi. Überliefert in Mailand, Biblioteca Ambrosiana, H. 233 inf.; später kritisch ediert von Giuseppe Massera, Florenz 1961.
1434 Dieta prima: De coelesti harmonia beziehungsweise De harmonia coelesti. Erster Teil von De musica; behandelt die himmlische beziehungsweise kosmische Harmonie und steht in der Tradition von Boethius und der musica mundana.
1434 Dieta secunda: De instrumentali harmonia beziehungsweise De harmonia instrumentali. Zweiter Teil von De musica; behandelt Tonsystem, Instrumente, Kithara, Monochord und Orgel.
1434 Dieta tertia: De cantabili harmonia beziehungsweise De harmonia cantabili. Dritter Teil von De musica; behandelt Choral, guidonische Skala, Mutationen, Kirchentöne, Gesang und Mensuralnotation.
überliefert Astronomia Georgii de Anselmis, auch mit Theoremata radicalia in Verbindung gebracht. Astrologisch-astronomische Schrift; eine Überlieferung ist im Vatikanischen Codex Vat. lat. 4080 greifbar.
überliefert Divinum opus de magia disciplina. Umfangreiches Werk zur magischen beziehungsweise astrologischen Bildlehre; der vollständige Überlieferungszeuge befindet sich in Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. 44.35.
teilweise überliefert Quarta pars quarti tractati Georgii Parmensis de modis specialibus Imaginum octavi orbis. Abschnitt aus dem Bereich der Bild- und Gestirnmagie; zusätzlich im Vatikanischen Codex Vat. lat. 5333 nachweisbar.
verloren Medizinische Schriften. Treccani nennt Anselmis Tätigkeit als Arzt und verweist auf verlorene Werke im Bereich der Medizin; ein geschlossenes Titelverzeichnis lässt sich aus allgemein zugänglichen Quellen nicht zuverlässig rekonstruieren.
verloren Mathematische Schriften. Die ältere und neuere Forschung beschreibt Anselmi als Mathematiker; zahlreiche mathematische Arbeiten gelten jedoch als verloren oder nur indirekt bezeugt.
verloren Astrologische und astronomische Schriften außerhalb der erhaltenen Handschriften. Der Werkkomplex lässt sich nur fragmentarisch erfassen und verweist auf ein breiteres gelehrtes Interesse an Sternkunde, Prognostik und mathematischer Naturdeutung.
verloren oder ungesichert Weitere naturphilosophische und magietheoretische Arbeiten. Die Forschung nennt ein größeres Œuvre, doch die Überlieferung ist lückenhaft; deshalb ist eine vorsichtige, quellennah formulierte Angabe geboten.
Edition 1961 Georgii Anselmi Parmensis De musica. Dieta prima de celesti harmonia, dieta secunda de instrumentali harmonia, dieta tertia de cantabili harmonia, herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Giuseppe Massera. Florenz: Olschki, 1961.

Sekundärliteratur

  • Adkins, Cecil; Blackburn, Bonnie J.: Anselmi, Giorgio. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, zweite Ausgabe. London: Macmillan, 2001.
  • Busse-Berger, Anna Maria: The Relationship of Perfect and Imperfect Time in Italian Theory of the Renaissance. In: Early Music History, 5, 1985, S. 1–28.
  • Clercx, Suzanne: Le traité De musica de Georges Anselme de Parme. In: Revue Belge de Musicologie, 15, 1961, S. 161–167.
  • Gaffurio-Forschung und Handschriftenforschung zur Biblioteca Ambrosiana H. 233 inf., insbesondere zu Gaffurios Besitz- und Glossenpraxis.
  • Grendler, Paul F.: The Universities of the Italian Renaissance. Baltimore und London: Johns Hopkins University Press, 2002.
  • Handschin, Jacques: Anselmi’s Treatise on Music Annotated by Gafori. In: Musica Disciplina, 2, 1948, S. 123–140.
  • Massera, Giuseppe: Un musico parmense: Giorgio Anselmi senior. In: Aurea Parma, 39, 1955, S. 241–267.
  • Massera, Giuseppe: Ancora sopra un musico parmense del primo Quattrocento. In: Aurea Parma, 40, 1956, S. 103–108.
  • Massera, Giuseppe (Hrsg.): Georgii Anselmi Parmensis De musica. Dieta prima de celesti harmonia, dieta secunda de instrumentali harmonia, dieta tertia de cantabili harmonia. Florenz: Olschki, 1961.
  • Moskovitz, Marc D.: Measure. In Pursuit of Musical Time. Woodbridge: Boydell Press, 2024.
  • Pannella, Liliana: Anselmi, Giorgio senior. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Band 3. Rom: Istituto della Enciclopedia Italiana, 1961.
  • Palisca, Claude V.: Humanism in Italian Renaissance Musical Thought. New Haven: Yale University Press, 1985.
  • Slemon, Peter: Georgius Anselmi. In: Oxford Dictionary of the Middle Ages. Oxford: Oxford University Press.
  • Thorndike, Lynn: A History of Magic and Experimental Science. New York: Columbia University Press, mehrere Bände.
  • Wolf, Johannes: Handbuch der Notationskunde, Band 1. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1913.
  • Zambelli, Paola: White Magic, Black Magic in the European Renaissance. Leiden: Brill, 2007.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Aristotelismus philosophischer Hintergrund der mittelalterlichen und frührenaissancezeitlichen Universitätskultur, in der Anselmis Denken steht.
  • Astrologie vormoderne Lehre von den Beziehungen zwischen Gestirnen, Natur, Körper und Ereignissen; für Anselmis Gesamtwerk zentral.
  • Biblioteca Ambrosiana Mailänder Bibliothek, in der der wichtigste Handschriftenzeuge von Anselmis De musica liegt.
  • Boethius spätantiker Autor von De institutione musica und zentrale Autorität für die mittelalterliche Musiktheorie.
  • Pietro Cerone Musiktheoretiker, der in El Melopeo y Maestro noch auf Anselmis Notationsdenken verweist.
  • Ferrara estensischer Kulturraum, in dem Anselmi 1428 das Ehrenbürgerrecht erhielt.
  • Franchino Gaffurio bedeutender Musiktheoretiker der Renaissance und Besitzer des überlieferten Anselmi-Manuskripts.
  • Guidonische Hand didaktisches System zur Solmisation, das für die mittelalterliche und frühneuzeitliche Gesangslehre wichtig ist.
  • Humanismus Bildungs- und Textkultur, deren Dialogform und Antikenbezug auch Anselmis gelehrte Schreibweise prägen.
  • Instrumentenkunde Lehre von Bau, Funktion und Bedeutung der Instrumente, bei Anselmi besonders im Teil De harmonia instrumentali berührt.
  • Kirchentonarten modales Ordnungssystem der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirchenmusik.
  • Kithara antikes Saiteninstrument, das in Anselmis instrumententheoretischem Denken als Bezugspunkt erscheint.
  • Mathematik Grundlage der quadrivialen Musiktheorie und der Proportionslehre.
  • Medizin akademisches Hauptfach Anselmis und wichtiger Kontext seiner astrologisch-naturphilosophischen Interessen.
  • Mensuralnotation rhythmisches Notationssystem des Spätmittelalters, das Anselmi systematisch zu ordnen versuchte.
  • Modena Wirkungsort Anselmis als praktizierender Arzt in den 1420er Jahren.
  • Monochord Mess- und Demonstrationsinstrument der Musiktheorie, an dem Proportionen und Intervalle veranschaulicht werden.
  • Musica humana boethianischer Begriff für die Harmonie von Körper, Seele und innerer Ordnung.
  • Musica instrumentalis klingende, vom Menschen ausgeführte Musik im Unterschied zur kosmischen und menschlichen Harmonie.
  • Musica mundana Vorstellung einer kosmischen Harmonie der Weltordnung, die für Anselmis ersten Dialogteil grundlegend ist.
  • Musiktheorie Lehre von den Grundlagen, Ordnungen, Zeichen und Systemen der Musik.
  • Naturphilosophie vormoderne Reflexion über Natur, Körper, Kosmos und Ursachen, in deren Rahmen Anselmis Musikdenken steht.
  • Orgel Instrument, das in Anselmis instrumententheoretischen Ausführungen am Rande erscheint.
  • Parma Herkunfts- und wichtiger Wirkungsort Anselmis sowie Universitätsstadt des frühen 15. Jahrhunderts.
  • Pavia möglicher Ausbildungsort Anselmis und wichtiger oberitalienischer Universitätsstandort.
  • Biagio Pelacani Philosoph, Mathematiker und Naturkundiger, der als möglicher Lehrer oder geistiger Bezugspunkt Anselmis gilt.
  • Quadrivium mittelalterlicher Fächerverbund aus Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie.
  • Pier Maria de’ Rossi adliger Gesprächspartner und Widmungsträger des musiktheoretischen Dialogs Anselmis.
  • Solmisation System der Tonsilben und Mutationen, das im dritten Teil von Anselmis De musica wichtig wird.
  • Universität Bologna später Wirkungsort Anselmis als Lehrer der praktischen Medizin 1448/49.
  • Universität Parma akademischer Rahmen von Anselmis Tätigkeit als Lehrer der artes und Medizin.