Antonio Giuseppe Anselmi

* 6. Oktober 1876 in Catania, nach anderen Quellen am 6. oder 16. November 1876 in Nicolosi bei Catania; † 27. Mai 1929 in Zoagli bei Rapallo. Italienischer Sänger, lyrischer Tenor, Opernsänger, Belcanto-Stilist, Violinist und Komponist.

Überblick

Antonio Giuseppe Anselmi, in der Opern- und Schallplattengeschichte fast immer als Giuseppe Anselmi geführt, war einer der charakteristischsten italienischen Tenöre der Zeit um 1900. Er stand an der Schwelle zwischen der älteren Belcanto-Kultur des 19. Jahrhunderts und der stärker dramatisierten, durch Verismo, Wagner-Rezeption und größere Orchesterapparate geprägten Opernwelt des frühen 20. Jahrhunderts. Sein Ruhm beruhte nicht auf stimmlicher Gewalt, sondern auf Stil, Eleganz, Phrasierung, Bühnenwirkung, vokaler Geschmeidigkeit und einer besonders aristokratisch empfundenen Darstellung lyrischer Liebhaberrollen.

Anselmi wurde vor allem als Interpret des französischen und italienischen lyrischen Repertoires berühmt. Zu seinen Glanzrollen zählten Roméo in Gounods Roméo et Juliette, Des Grieux in Massenets Manon, Werther, der Herzog von Mantua in Verdis Rigoletto, Alfredo in La traviata, Edgardo in Donizettis Lucia di Lammermoor, Ernesto in Don Pasquale, Graf Almaviva in Rossinis Il barbiere di Siviglia und Don Ottavio in Mozarts Don Giovanni. Sein Rollenbild verband die Beweglichkeit des tenore di grazia mit der empfindsamen Ausdruckskultur des fin de siècle.

Besonders wichtig ist Anselmi für die Geschichte der frühen Schallplatte. Seine Aufnahmen für Fonotipia und Edison bewahren einen Gesangsstil, in dem Portamento, rubatoartige Beweglichkeit, melodische Verfeinerung, individuelle Verzierung, sprachliche Artikulation und affektive Nuancierung noch selbstverständlich zusammengehören. Diese Tonzeugnisse machen ihn zu einer Schlüsselgestalt für jede kulturgeschichtliche Beschäftigung mit Operngesang, historischer Aufführungspraxis und dem Übergang vom Theaterereignis zum reproduzierbaren Klangdokument.

Anselmi war außerdem nicht nur Sänger, sondern hatte früh Violine, Klavier und Komposition studiert. Neben seiner Laufbahn als Opernstar komponierte er Lieder, Klavierstücke und ein sinfonisches Poem. Auch einige eigene Stücke nahm er selbst auf. Dadurch erscheint er nicht bloß als vokaler Interpret, sondern als Musiker mit breiterer künstlerischer Bildung, deren Zentrum allerdings eindeutig der Gesang blieb.

Kurzdaten

Name Antonio Giuseppe Anselmi; geläufige Bühnen- und Katalogform: Giuseppe Anselmi; in lokalen italienischen Quellen auch Antonino Giuseppe Anselmi.
Geburt 6. Oktober 1876 in Catania nach MGG und älterer Lexikontradition; abweichend häufig 6. November oder 16. November 1876 in Nicolosi bei Catania.
Tod 27. Mai 1929 in Zoagli bei Rapallo; einzelne ältere italienische Angaben nennen abweichend den 24. Mai 1929.
Beruf Sänger, Opernsänger, lyrischer Tenor, Belcanto-Stilist, Violinist, Komponist und Gesangspädagoge.
Stimmlage Tenor, genauer lyrischer Tenor beziehungsweise tenore di grazia mit gelegentlicher Annäherung an dramatischere Verismo-Partien.
Ausbildung Frühe Studien in Violine, Klavier und Komposition; später Gesangsausbildung beziehungsweise stimmliche Vervollkommnung im Umfeld von Luigi Mancinelli.
Wichtige Bühnen Teatro San Carlo in Neapel, Covent Garden in London, Teatro alla Scala in Mailand, Teatro Real in Madrid, Teatro Colón in Buenos Aires sowie Bühnen in Warschau, St. Petersburg, Moskau, Barcelona, Lissabon, Monte Carlo, Berlin und Wien.
Zentrale Rollen Roméo, Des Grieux, Werther, Lenski, Alfredo, Edgardo, Ernesto, Herzog von Mantua, Graf Almaviva, Don Ottavio, Cavaradossi, Loris, Enzo, Rodolfo, Turiddu und Canio.
Plattenfirmen Fonotipia, Columbia-Fonotipia und Edison; die wichtigsten Aufnahmen entstanden zwischen 1907 und 1913.
Beiname In der Rezeptionsliteratur gelegentlich Il tenore di donne, also „Tenor der Frauen“ beziehungsweise „Tenor für Frauen“, eine Bezeichnung, die auf seine Bühnenerscheinung und seine enorme Popularität verweist.
Normdaten GND 13431560X; VIAF 2655353; ISNI 0000 0000 8082 4181; LCCN n82136755; BnF FRBNF13890811.

Zur Datenlage

Bei Anselmi ist die biographische Datenlage uneinheitlich. Der Nutzeransatz und MGG nennen den 6. Oktober 1876 in Catania. Andere Nachschlagewerke, Normdatencluster und italienische Quellen nennen Nicolosi bei Catania und setzen die Geburt auf den 6. oder 16. November 1876. Der Unterschied erklärt sich aus der älteren Sängerlexikontradition, aus lokaler Überlieferung und aus der Schwierigkeit, Bühnenbiographien des späten 19. Jahrhunderts mit späteren amtlichen oder archivalischen Angaben vollständig zur Deckung zu bringen.

Für die Kulturlexikon-Seite ist daher eine doppelte Lösung sinnvoll: Im Lemma wird die vom Nutzer vorgegebene, MGG-nahe Hauptform Antonio Giuseppe Anselmi, * 6. Oktober 1876 in Catania beibehalten; innerhalb der Kurzdaten und des Fließtextes werden die abweichenden Angaben ausdrücklich genannt. Der Geburtsraum ist in jedem Fall der östliche sizilianische Raum um Catania und den Ätna. Die künstlerische Identität Anselmis ist unabhängig von dieser Datumsvariante klar: Er war ein sizilianisch-italienischer Tenor, der seine internationale Karriere in den führenden Opernzentren Europas und Südamerikas entfaltete.

Leben und Ausbildung

Antonio Giuseppe Anselmi stammte aus dem Raum Catania. Schon als Kind trat er musikalisch hervor, zunächst nicht als Sänger, sondern als Violinist. Die Quellen berichten übereinstimmend von einer frühen instrumentalen Begabung; mehrfach wird genannt, dass er bereits mit dreizehn Jahren öffentlich als Geiger auftrat. Diese instrumentale Frühbildung ist für sein späteres Sängerprofil wichtig, weil seine Interpretationen nicht nur durch stimmlichen Reiz, sondern durch musikalische Linienführung, Phrasierungsbewusstsein und kammermusikalisch genaue Nuance geprägt waren.

In jungen Jahren kam Anselmi an das Conservatorio di San Pietro a Majella in Neapel oder zumindest in dessen Ausbildungsumfeld. Dort beziehungsweise in vergleichbarer neapolitanischer Umgebung befasste er sich mit Violine, Klavier und Komposition. Noch bevor der Gesang seine eigentliche Berufung wurde, besaß er also eine breitere musikalische Grundlage. Die spätere Sängerpersönlichkeit Anselmis ist ohne diese instrumentale und kompositorische Vorbildung kaum angemessen zu verstehen.

Der Übergang zum Gesang vollzog sich zunächst auf einer eher praktischen Ebene. Anselmi schloss sich als junger Tenor einer reisenden Operetten- oder Theatertruppe an. Die Bühne war für ihn also nicht erst der Endpunkt einer konservatorischen Sängerkarriere, sondern ein früher Erfahrungsraum. Auf Tourneen durch Italien und den östlichen Mittelmeerraum lernte er jene mobile Theaterwelt kennen, in der Sänger mehrere Rollen rasch einstudieren, sich wechselnden Ensembles anpassen und unter schwierigen Bedingungen musikalisch bestehen mussten.

Der Musikverleger Giulio Ricordi soll Anselmi gehört und ihn zu ernsthafter stimmlicher Ausbildung ermutigt haben. Als entscheidender Name erscheint Luigi Mancinelli, der als Dirigent, Komponist und Theaterpraktiker eine wichtige Autorität des italienischen Musiklebens war. Ob Anselmis vokale Ausbildung in jedem Detail rekonstruierbar ist, bleibt offen; sicher ist jedoch, dass seine spätere Kunst nicht den Eindruck eines bloßen Naturtalents hinterließ, sondern die Verbindung von angeborenem Timbre, Bühneninstinkt und bewusster musikalischer Formung zeigte.

Opernlaufbahn und internationale Wirkung

Anselmis frühe Opernlaufbahn führte ihn nach Griechenland und in den östlichen Mittelmeerraum. Als frühe Rolle wird häufig Turiddu in Mascagnis Cavalleria rusticana genannt, entweder in Athen oder Patras. Außerdem begegnen in den frühen Stationen Smyrna, Istanbul, Alexandria und Kairo. Diese mediterrane Frühphase ist für das Sängerleben des späten 19. Jahrhunderts typisch: Oper war bereits ein internationales Repertoiretheater, in dem italienische Sänger durch mobile Impresari, reisende Gesellschaften und ein weit verzweigtes Netz städtischer Bühnen zirkulierten.

Um 1900 setzte sich Anselmi in Italien durch, besonders in Genua, Neapel und weiteren großen Opernstädten. Sein Auftritt am Covent Garden in London 1901 machte ihn auch im britischen Musikleben bekannt; spätere Rückkehr nach London erfolgte 1904 und 1909. 1904 sang er am Teatro alla Scala in Mailand im Rigoletto, in einer Aufführungstradition, die seine vokale und darstellerische Fähigkeit als Herzog von Mantua bestätigte. Daneben wurde Anselmi besonders in Russland und Spanien verehrt.

Sein Erfolg in Spanien nahm beinahe legendäre Züge an. Madrid wurde für Anselmi zu einem emotionalen Zentrum seiner Karriere. Nach späterer Überlieferung verfügte er testamentarisch, dass sein Herz nach Madrid gelangen solle; die Erinnerung an diese Geste verbindet seine Sängerbiographie mit einer theatralen, fast romantischen Nachgeschichte. Solche Anekdoten sind nicht nur Kuriositäten, sondern zeigen, wie sehr Opernstars der Zeit als öffentliche Figuren wahrgenommen wurden, deren Körper, Stimme, Rollen und persönliche Aura miteinander verschmolzen.

Anselmi sang in einer Zeit, in der die Opernhäuser zwischen älterem Belcanto-Repertoire, französischer Lyrik, italienischem Spätromantismus und Verismo standen. Sein Rollenspektrum war entsprechend breit. Er konnte in Rossini, Donizetti, Verdi, Gounod, Massenet und Tschaikowski ebenso überzeugen wie in Puccini, Giordano, Mascagni und Leoncavallo. Diese Breite bedeutete jedoch nicht, dass er ein dramatischer Heldentenor war. Sein eigentliches Profil blieb das des eleganten lyrischen Tenors, der auch in leidenschaftlicheren Partien den Vorrang der Linie und des Tonsinns bewahrte.

Stimme, Stil und Belcanto-Ästhetik

Anselmis Stimme wird in der historischen Kritik meist als lyrischer Tenor mit weichem, süßem, gelegentlich etwas kehligem Timbre beschrieben. Der technische Kern seiner Wirkung lag weniger in metallischer Durchschlagskraft als in der Kunst des Legato, der sprachlichen Geschmeidigkeit, des feinen Portamento, der dynamischen Abstufung und der eleganten Verzierung. Diese Eigenschaften machen ihn zu einem besonders wichtigen Beispiel des späten Belcanto im Zeitalter der frühen Tonaufzeichnung.

Der Vergleich mit Alessandro Bonci, Fernando De Lucia und später Tito Schipa liegt nahe. Alle diese Sänger standen, bei allen Unterschieden, für eine italienische Tenorkultur, in der Ausdruck nicht primär durch Volumen, sondern durch Linienführung, Beweglichkeit, Wortbehandlung und kontrollierten Affekt erzeugt wurde. Anselmi war dabei stärker als Bonci eine Bühnenerscheinung von romantischer Eleganz und stärker als De Lucia ein lyrischer Liebhaber im europäischen Starruhm der Jahrhundertwende.

Sein Repertoire zeigt die Spannung seiner Zeit. Einerseits gehörten Rossinis Graf Almaviva, Mozarts Don Ottavio, Donizettis Edgardo und Ernesto sowie Verdis Duca di Mantova zu seinen zentralen Partien. Andererseits nahm er auch Arien aus Pagliacci, Tosca, Fedora, Iris und La Gioconda auf. Gerade diese Spannung macht ihn kulturgeschichtlich interessant: Anselmi bewahrte Elemente des alten Gesangsideals, während das Opernrepertoire längst in eine dramatischere Moderne überging.

Die Bezeichnung Il tenore di donne verweist auf seine Attraktivität, seine Bühnenpräsenz und seine besondere Wirkung auf das Publikum. Sie darf jedoch nicht nur anekdotisch verstanden werden. Der Sängerstar um 1900 war eine ästhetische Gesamtfigur: Stimme, Körper, Kostüm, Gesicht, Gebärde, Pressebild, Fotografie und Schallplatte bildeten eine Einheit. Anselmis Karriere zeigt, wie die Opernsängerpersönlichkeit zwischen Theater, Medienöffentlichkeit und privater Legende aufgebaut wurde.

Schallplattenaufnahmen und Tonzeugnisse

Anselmi ist für die heutige Forschung besonders wichtig, weil seine Stimme in zahlreichen frühen Aufnahmen erhalten ist. Die wichtigsten Serien entstanden zwischen 1907 und 1910 für Fonotipia; 1913 kamen Edison-Aufnahmen hinzu. Diese Tonzeugnisse sind technisch begrenzt, aber stilgeschichtlich außerordentlich wertvoll. Sie vermitteln einen Sänger, der noch unmittelbar aus der mündlichen und bühnischen Tradition des 19. Jahrhunderts stammt, zugleich aber bereits durch das neue Medium der Schallplatte in die dokumentierte Moderne eintritt.

Seine Aufnahmen decken ein breites Spektrum ab: italienische Opernarien von Rossini, Donizetti, Verdi, Mascagni, Leoncavallo, Puccini, Giordano, Ponchielli und Boito; französisches Repertoire von Bizet und Massenet in italienischer Übertragung; Mozart; einzelne Lieder; neapolitanische und salonhafte Stücke; außerdem eigene Kompositionen. In ihnen lässt sich die Sängerpraxis der Zeit unmittelbar studieren: rubatoartige Dehnung, portamentoreiche Verbindung von Tönen, freiere Behandlung notierter Werte, verfeinerte Diktion und ein stark persönlich gefärbter Umgang mit Affekt.

Aus heutiger Sicht sind diese Aufnahmen keine bloßen Ergänzungen zur Bühnenbiographie. Sie sind eigenständige Quellen. Sie zeigen, wie Operngesang klang, bevor spätere Normen von Studioexaktheit, Dirigentenautorität und textkritischer Werktreue die Wahrnehmung stärker prägten. Anselmis Platten stehen deshalb neben den Aufnahmen von Enrico Caruso, Alessandro Bonci, Fernando De Lucia, Mattia Battistini und Adelina Patti als Schlüsselzeugnisse einer untergehenden, aber noch hörbaren Gesangskultur.

Ausführlicher Kulturüberblick

Antonio Giuseppe Anselmi gehört in die Kulturgeschichte des Opernstars um 1900. Diese Figur ist weder nur Sänger noch bloß Interpret. Sie verkörpert eine Verbindung aus Stimme, sozialer Mobilität, internationalem Theaterbetrieb, Presseöffentlichkeit, Fotografie, Grammophon und Publikumskult. Anselmi wurde in einer Epoche berühmt, in der das Opernhaus noch ein zentraler Ort großstädtischer Repräsentation war, die Schallplatte aber bereits begann, die Stimme vom einmaligen Bühnenereignis zu lösen.

Seine Herkunft aus Sizilien und seine Ausbildung in der italienischen Musiktradition verweisen auf eine starke regionale Grundlage. Zugleich war seine Karriere von Anfang an international. Athen, Smyrna, Alexandria, Genua, Neapel, London, Mailand, Madrid, Barcelona, Warschau, St. Petersburg, Moskau, Buenos Aires und andere Orte bilden ein Netzwerk, in dem Oper als europäisch-südamerikanische Kulturform zirkulierte. Der Sänger war in diesem System ein beweglicher Träger von Stil, Repertoire und Publikumserwartung.

Ästhetisch steht Anselmi zwischen Belcanto und Verismo. Der ältere Belcanto stellte Gesangslinie, Tonkultur, Beweglichkeit und stilvolle Affektführung in den Mittelpunkt. Der Verismo verlangte stärkere dramatische Zuspitzung, höhere emotionale Unmittelbarkeit und eine andere Art von vokalem Zugriff. Anselmi konnte sich diesem neuen Repertoire nähern, blieb aber seinem lyrischen Kern verpflichtet. Gerade deshalb ist er ein aufschlussreiches Beispiel für eine Übergangszeit: Er zeigt, wie ein Sänger des alten Stils moderne Stoffe und dramatischere Partien aufnehmen konnte, ohne die belcantistische Ästhetik völlig aufzugeben.

Kulturgeschichtlich bedeutsam ist auch sein Verhältnis zur französischen Oper. Gounods Roméo et Juliette, Massenets Manon und Werther verlangten nicht die gleiche vokale Haltung wie Verdi oder Mascagni. Sie forderten Eleganz, sprachliche Noblesse, lyrische Innigkeit und einen ausgeprägten Sinn für melodischen Atem. Anselmis Ruhm in diesen Rollen macht sichtbar, wie stark das italienische Sängerwesen in der Lage war, französische Rollen italienisch zu assimilieren und zugleich mit internationaler Wirkung auszustatten.

Die frühen Schallplattenaufnahmen verändern den historischen Zugriff auf Anselmi. Von vielen Sängern des 19. Jahrhunderts bleiben nur Kritiken, Rollenlisten, Fotografien und Erinnerungen. Von Anselmi bleibt Klang. Dadurch kann man seine Phrasierung, seine Vokalfärbung, seine Verzierungen, seine Freiheiten und seine technischen Eigenheiten noch heute analysieren. Die Schallplatte wird hier zum kulturhistorischen Archiv. Sie bewahrt nicht nur eine Stimme, sondern einen Stil, der später von anderen Vorstellungen sängerischer Korrektheit überlagert wurde.

Zu Anselmis Nachruhm gehört schließlich die fast symbolische Beziehung zu Spanien. Dass sein Herz nach Madrid gegeben wurde, entspricht einer Opernlogik der Erinnerung: Der Körper des Sängers wird geteilt, die Stimme bleibt auf Schallplatte, das Herz wird zur Reliquie des Publikumskults, und der Name lebt in Theateranekdoten, Sammlertraditionen und Gesangsgeschichte weiter. Für ein Kulturlexikon ist gerade diese Verschränkung von Kunst, Körper, Medium und Erinnerung aufschlussreich.

Werkverzeichnis, Rollen und Aufnahmen

Da Anselmi primär Sänger und nicht im engeren Sinne ein Werkkomponist war, wird das Werkverzeichnis hier dreifach verstanden: erstens als Verzeichnis der eigenen, belegten oder in Aufnahmen greifbaren Kompositionen, zweitens als Rollen- und Repertoireverzeichnis, drittens als Übersicht wichtiger aufgenommener Werke. Ein vollständig gesichertes Kompositionsverzeichnis liegt in den allgemein zugänglichen Quellen nicht vor; die folgende Zusammenstellung bündelt daher die kulturlexikalisch relevanten und nachweisbaren Werkgruppen.

Eigenkomposition: Poema sinfonico Sinfonisches Werk für Orchester; in mehreren Lexikonquellen als Teil seines kompositorischen Nachlasses genannt, aber im öffentlichen Musikleben deutlich weniger präsent als seine Sängeraufnahmen.
Eigenkomposition: Klavierstücke Instrumentale Werke für Klavier; in der Sekundärliteratur summarisch genannt, ohne dass ein vollständig gesichertes Einzelverzeichnis leicht zugänglich wäre.
Eigenkomposition: Lieder Vokale Kleinformen, teils von Anselmi selbst auf Schallplatte dokumentiert; sie zeigen seine doppelte Identität als Sänger und komponierender Musiker.
Eigenkomposition: Su l’oceano Von Anselmi selbst eingespieltes Lied beziehungsweise Vokalstück; in Diskographien als Anselmi-Komposition nachweisbar.
Eigenkomposition: L’infinito. Commento del canto Vokal beziehungsweise musikalische Reflexion zu Leopardis berühmtem Gedicht L’infinito; wichtig für die Verbindung von italienischer Literatur und Salonliedkultur.
Eigenkomposition: La villanella. Improvviso Von Anselmi selbst aufgenommene Eigenkomposition im Umfeld italienischer Lied- und Romanzenkultur.
Eigenkomposition: Bianca e la notte. Serenata Serenadenartiges Vokalstück Anselmis, in der Aufnahmeüberlieferung greifbar.
Eigenkomposition: Padre del mondo Von Anselmi selbst eingespielte Eigenkomposition; bemerkenswert als Dokument seiner kompositorischen Nebenproduktion.
Rolle: Graf Almaviva Rossini, Il barbiere di Siviglia; zentrale Belcanto-Partie für leichten, beweglichen und eleganten Tenor.
Rolle: Don Ottavio Mozart, Don Giovanni; Rolle, die Anselmis Linie, Noblesse und Legatokultur besonders entgegenkam.
Rolle: Nemorino Donizetti, L’elisir d’amore; mit der Arie Una furtiva lagrima in der Aufnahmeüberlieferung vertreten.
Rolle: Ernesto Donizetti, Don Pasquale; lyrisch-elegante Tenorpartie, die Anselmis stilistische Grundlage erkennen lässt.
Rolle: Edgardo Donizetti, Lucia di Lammermoor; wichtig für die Verbindung von romantischer Emphase und belcantistischer Linienführung.
Rolle: Herzog von Mantua Verdi, Rigoletto; eine der zentralen Erfolgsrollen Anselmis, auch in seinen frühen Aufnahmen vertreten.
Rolle: Alfredo Germont Verdi, La traviata; lyrische Verdi-Partie zwischen Eleganz, Jugendlichkeit und dramatischem Ausdruck.
Rolle: Rodolfo Puccini, La bohème; Teil des lyrischen Puccini-Repertoires, das Anselmi mit seiner romantischen Bühnenerscheinung verband.
Rolle: Cavaradossi Puccini, Tosca; dramatischerer Zugriff auf das Puccini-Repertoire, in Aufnahmen durch Recondita armonia repräsentiert.
Rolle: Des Grieux Massenet, Manon, und im weiteren Rollenfeld auch Puccinis Manon Lescaut; eine der zentralen romantischen Liebhaberrollen Anselmis.
Rolle: Werther Massenet, Werther; eine der wichtigsten Rollen für seine empfindsame, aristokratisch-lyrische Ausdruckskultur.
Rolle: Roméo Gounod, Roméo et Juliette; häufig als eine seiner exemplarischen Glanzpartien genannt.
Rolle: Lenski Tschaikowski, Eugen Onegin; besonders wichtig für seine russische Rezeption und seine Fähigkeit, lyrische Melancholie zu gestalten.
Rolle: Turiddu Mascagni, Cavalleria rusticana; frühe Debüt- beziehungsweise Anfangsrolle in Griechenland und später auch aufgenommenes Repertoire.
Rolle: Canio Leoncavallo, Pagliacci; durch die Aufnahme von Vesti la giubba als Beispiel für Anselmis Umgang mit veristischem Repertoire greifbar.
Rolle: Loris Giordano, Fedora; mit Amor ti vieta in der Aufnahmeüberlieferung präsent.
Rolle: Enzo Ponchielli, La Gioconda; durch Cielo e mar in der diskographischen Überlieferung vertreten.
Aufnahme: Rossini, Il barbiere di Siviglia Ecco ridente in cielo; Beispiel für Anselmis Rossini-Stil und bewegliche Tenorlinie.
Aufnahme: Donizetti, L’elisir d’amore Una furtiva lagrima; zentrale Arie des lyrischen Belcanto-Repertoires.
Aufnahme: Donizetti, Lucrezia Borgia Di pescatore ignobile; Bestandteil der Fonotipia-Überlieferung.
Aufnahme: Verdi, Rigoletto Questa o quella und La donna è mobile; repräsentative Dokumente seiner Herzog-Interpretation.
Aufnahme: Verdi, Luisa Miller Quando le sere al placido; wichtiges Beispiel für seine Behandlung der lyrischen Verdi-Linie.
Aufnahme: Mozart, Don Giovanni Il mio tesoro intanto; besonders relevant für die Beurteilung seiner Legato- und Koloraturkontrolle.
Aufnahme: Massenet, Manon En fermant les yeux beziehungsweise italienische Übertragung Chiudo gli occhi; Schlüsselaufnahme des französisch-italienischen lyrischen Repertoires.
Aufnahme: Massenet, Werther Pourquoi me réveiller? und italienische Fassungen; wesentlich für seine Wirkung als empfindsamer französischer Rollentenor.
Aufnahme: Bizet, Les pêcheurs de perles Mi par d’udir ancora; zeigt die hohe Linie und die ätherische Klangkultur, für die Anselmi berühmt war.
Aufnahme: Puccini, Tosca Recondita armonia; Beispiel für die Verbindung von lyrischem Ton und modernerem Puccini-Ausdruck.
Aufnahme: Puccini, Manon Lescaut Donna non vidi mai und weitere Ausschnitte; wichtig für Anselmis Des-Grieux-Rezeption.
Aufnahme: Leoncavallo, Pagliacci Recitar! … Vesti la giubba; dokumentiert seine Annäherung an veristische Ausdrucksintensität.
Aufnahme: Giordano, Fedora Amor ti vieta; typische Kurzarie des veristischen Repertoires.
Aufnahme: Mascagni, Iris Apri la tua finestra; Bestandteil seiner Fonotipia-Aufnahmen.
Aufnahme: Boito, Mefistofele Dai campi, dai prati und Giunto sul passo estremo; Beispiel für sein italienisches Spätromantik-Repertoire.
Aufnahme: Ponchielli, La Gioconda Cielo e mar; in der Edison- beziehungsweise späteren diskographischen Überlieferung vertreten.
Aufnahme: Lieder und Canzonen Stücke von Denza, Nardella, Fonzo und weiteren Autoren sowie italienische, französische, neapolitanische und russische Liedbeiträge; wichtig für die Salon- und Konzertseite seines Repertoires.

Sekundärliteratur

  • Bolig, John R.: The Recordings of Giuseppe Anselmi. Diskographische Beiträge in Sammler- und Sängerforschungskontexten.
  • Celletti, Rodolfo: Storia del belcanto. Florenz: La Nuova Italia, 1983.
  • Crutchfield, William: Essay zu Stimme, Stil und Aufnahmen in der Marston-Ausgabe Giuseppe Anselmi: The Complete Recordings. Marston Records.
  • J.B. Steane: The Grand Tradition. Seventy Years of Singing on Record. London: Duckworth, 1974.
  • Kutsch, Karl-Josef; Riemens, Leo: Großes Sängerlexikon. München: K. G. Saur, mehrere Auflagen.
  • Lauri-Volpi, Giacomo: Voci parallele. Mailand: Garzanti, 1955.
  • Mattera, Angelo: Anselmi, Giuseppe. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Treccani.
  • MGG Online: Anselmi, Antonio Giuseppe. Fachlexikalischer Artikel zur Biographie, Stimme und Karriere Anselmis.
  • Ruffo, Titta: La mia parabola. Memorie. Mailand: Treves, 1937.
  • Scott, Michael: The Record of Singing. London: Duckworth, 1977.
  • Segalerva, Francisco: Biographischer Essay in der Marston-Ausgabe Giuseppe Anselmi: The Complete Recordings. Marston Records.
  • Slonimsky, Nicolas; Kuhn, Laura; McIntire, Dennis: Baker’s Biographical Dictionary of Musicians, Artikel Anselmi, Giuseppe.
  • Steane, J. B.: Singers of the Century. Portland: Amadeus Press, 1996.
  • Will Crutchfield und Francisco Segalerva: Begleittexte zu Giuseppe Anselmi: The Complete Recordings. Marston Records, fünf CDs.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Mattia Battistini italienischer Bariton und wichtiger Vergleichspunkt für die ältere Gesangskultur der Jahrhundertwende.
  • Belcanto italienische Gesangsästhetik der schönen Linie, des Legato, der Beweglichkeit und der vokalen Verzierung.
  • Alessandro Bonci italienischer Tenor und Zeitgenosse Anselmis, oft als Vertreter einer späten Belcanto-Tradition genannt.
  • Enrico Caruso weltberühmter italienischer Tenor und Schlüsselgestalt der frühen Schallplattengeschichte.
  • Catania sizilianische Stadt und kultureller Bezugsraum von Anselmis Herkunft.
  • Conservatorio di San Pietro a Majella neapolitanisches Konservatorium und wichtiger Ausbildungsort vieler italienischer Musiker.
  • Covent Garden Londoner Opernhaus, an dem Anselmi 1901 debütierte und später erneut auftrat.
  • Fernando De Lucia italienischer Tenor, dessen Aufnahmen für die Erforschung des späten Belcanto ähnlich wichtig sind wie Anselmis Tonzeugnisse.
  • Edison Records frühes Schallplattenunternehmen, für das Anselmi 1913 Aufnahmen machte.
  • Fonotipia italienische Schallplattenfirma, deren Aufnahmen für die Geschichte des Operngesangs um 1900 zentral sind.
  • Gesang künstlerische Stimmproduktion als musikalische, körperliche und rhetorische Praxis.
  • Historische Aufführungspraxis Forschungsfeld, in dem frühe Sängeraufnahmen wichtige Quellen für vergangene Interpretationsstile bilden.
  • Italienische Oper Gattungs- und Kulturraum, in dem Anselmis Karriere zwischen Belcanto, Verdi, Puccini und Verismo stand.
  • La Scala Mailänder Opernhaus und eine der zentralen Bühnen der italienischen Operngeschichte.
  • Luigi Mancinelli Dirigent und Komponist, der in Anselmis stimmlicher Entwicklung als wichtiger Lehrer beziehungsweise Förderer erscheint.
  • Jules Massenet französischer Komponist, dessen Manon und Werther zu Anselmis wichtigsten Rollen gehörten.
  • Nicolosi Ort am Ätna, der in mehreren Quellen als Geburtsort Anselmis erscheint.
  • Oper musikalische Bühnenform, in der Anselmis künstlerische Laufbahn und sein Nachruhm verankert sind.
  • Operngeschichte historischer Rahmen für die Entwicklung von Repertoire, Bühnenpraxis, Sängerrollen und Publikumskultur.
  • Operntenor Stimmfach und Rollenprofil, das vom Belcanto bis zum Verismo unterschiedliche Klang- und Darstellungsanforderungen umfasst.
  • Phonographie frühe Tonaufzeichnung und technischer Hintergrund der ersten Sängeraufnahmen.
  • Portamento gleitende Tonverbindung, die für die historische Gesangspraxis und Anselmis Stil besonders wichtig ist.
  • Giacomo Puccini Komponist des modernen italienischen Musikdramas, dessen Rollen und Arien Teil von Anselmis Repertoire waren.
  • Giulio Ricordi italienischer Musikverleger und Förderer, der in Anselmis früher Sängerbiographie eine Rolle spielt.
  • Schallplatte Medium, das Anselmis Stimme dauerhaft überlieferte und Operngesang aus dem Theater in die private Hörkultur überführte.
  • Tito Schipa italienischer lyrischer Tenor und späterer Vergleichspunkt für Eleganz, Linie und Gesangskultur.
  • Teatro Colón Opernhaus in Buenos Aires, das für die internationale Zirkulation italienischer Sänger wichtig war.
  • Teatro Real Madrider Opernhaus, mit dem Anselmis spanischer Nachruhm und die Überlieferung seines Herzens verbunden sind.
  • Teatro San Carlo neapolitanisches Opernhaus und bedeutende Station italienischer Sängerkarrieren.
  • Tenor hohe männliche Stimmlage der Oper, in der Anselmi als lyrischer Vertreter besondere Bedeutung besitzt.
  • Tenore di grazia leichter, beweglicher und eleganter Tenortypus, der Anselmis vokalem Profil besonders nahekommt.
  • Verismo italienische Opernrichtung um 1900, deren dramatischer Stil mit Anselmis Belcanto-Herkunft in Spannung steht.
  • Violine Instrument, mit dem Anselmis musikalische Laufbahn vor seiner Sängerkarriere begann.
  • Zoagli ligurischer Sterbeort Anselmis und Ort seines späteren Rückzugs.