Louis Anseaume

* 1721, nach älteren Angaben auch um 1720, in Paris; † 7. Juli 1784 in Paris. Französischer Librettist, Dramatiker und Theaterpraktiker der frühen Opéra-comique.

Überblick

Louis Anseaume, auch Louis Anséaume, war einer der maßgeblichen französischen Librettisten der mittleren Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts. Seine Bedeutung liegt vor allem in der Geschichte der Opéra-comique, genauer in jener Übergangszone, in der die ältere Jahrmarktskomödie mit gesprochenen Dialogen, Vaudevilles, Parodien und populären Liedern allmählich zur comédie mêlée d’ariettes wurde. Diese neue Form verband gesprochene Szenen mit eigens komponierten Arien, Ensembles und musikalisch differenzierten Charakterpartien.

Anseaume schrieb für zentrale Komponisten dieser Entwicklung, darunter Egidio Duni, François-André Danican Philidor, Jean-Louis Laruette, Christoph Willibald Gluck und André-Ernest-Modeste Grétry. Seine Libretti stehen deshalb nicht isoliert in der Literaturgeschichte, sondern markieren eine wichtige Phase der französischen Musiktheatergeschichte zwischen Théâtre de la Foire, Comédie-Italienne, höfischer Unterhaltung, bürgerlichem Gefühlstheater und europäischer Wanderung des französischen musikalischen Lustspiels.

Zum kulturellen Profil Anseaumes gehört, dass er nicht nur ein Schriftsteller am Schreibtisch war, sondern ein Theaterpraktiker. Er war mit den Abläufen der Bühne vertraut, arbeitete als Souffleur und Repetitor am Théâtre italien und wurde später als Sous-directeur der Opéra-comique genannt. Diese Nähe zur Aufführungspraxis erklärt den szenisch beweglichen, dialogisch schnellen und rollenbewussten Charakter vieler Stücke. Anseaume schrieb nicht für eine abstrakte Leseliteratur, sondern für Sänger, Schauspieler, Bühnenmechanik, Parodie, Pointierung und unmittelbare Publikumswirkung.

In der französischen Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts steht Anseaume an einer Stelle, an der sich Aufklärung, Unterhaltungstheater, italienische Buffa-Impulse, französische Dialogkunst und die Herausbildung eines neuen musikalischen Realismus berühren. Werke wie Le Peintre amoureux de son modèle, Les Deux Chasseurs et la Laitière, La Clochette und Le Tableau parlant zeigen, wie aus kleinen komischen Situationen differenzierte musikdramatische Miniaturen werden konnten.

Kurzdaten

Name Louis Anseaume; auch Louis Anséaume, Ansaume, Anseame oder M. Anseaume.
Geburt 1721 in Paris; ältere Nachschlagewerke und sekundäre Angaben nennen gelegentlich „um 1720“.
Tod 7. Juli 1784 in Paris.
Beruf Librettist, Dramatiker, Theaterautor, Souffleur am Théâtre italien und Sous-directeur der Opéra-Comique.
Gattungen Opéra-comique, comédie mêlée d’ariettes, Parodie, Komödie, Vaudeville, musikalisches Lustspiel und Gelegenheitsstück.
Wirkungsort Paris, besonders die Foire Saint-Laurent, die Foire Saint-Germain, die Comédie-Italienne und die Opéra-Comique.
Wichtige Komponisten Egidio Duni, François-André Danican Philidor, Jean-Louis Laruette, Christoph Willibald Gluck und André-Ernest-Modeste Grétry.
Wichtige Mitarbeiter Charles-Simon Favart, Pierre-Augustin Lefèvre de Marcouville, François-Antoine Quétant, Claude-Henri de Fusée de Voisenon und weitere Autoren des Pariser Musiktheaters.
Hauptbedeutung Prägende Mitwirkung an der Herausbildung der französischen Opéra-comique mit neu komponierten Arietten, bürgerlicher Handlung, komischer Dialogtechnik und beweglicher Bühnenpraxis.
Normdaten GND 131387758; ISNI 0000 0001 2122 9179; VIAF 19673282; BnF FRBNF11888912.

Leben und Theaterlaufbahn

Über Anseaumes frühes Leben ist vergleichsweise wenig gesichert. Die zuverlässigen Normdaten nennen Paris als Geburtsort und 1721 als Geburtsjahr. Ältere Angaben schwanken teilweise und geben sein Geburtsjahr näherungsweise mit „um 1720“ an. Seine soziale und berufliche Herkunft bleibt im Detail unscharf, doch die späteren Theaterfunktionen zeigen deutlich, dass Anseaume früh in jene praktische Welt des Pariser Unterhaltungstheaters eintrat, die zwischen Jahrmarktsbühne, italienischer Schauspieltradition und musikalischer Komödie vermittelte.

Besonders wichtig war seine Tätigkeit am Théâtre italien. Dort wirkte er als Souffleur und Repetitor. Diese Funktionen waren für das 18. Jahrhundert nicht bloß technische Randtätigkeiten. Der Souffleur kannte Text, Ablauf, Einsatz, Bühnenrhythmus und Aufführungsgewohnheiten; der Repetitor war mit musikalischen und sprachlichen Probenprozessen vertraut. Anseaumes Libretti zeigen genau diese Bühnennähe: Sie sind oft knapp, pointiert, situationsbezogen und so gebaut, dass sie den Wechsel zwischen Dialog, Lied, Arie und Ensemble erleichtern.

In den 1750er und 1760er Jahren arbeitete Anseaume in der entscheidenden Reformphase der Opéra-comique. Nach der italienischen Buffa-Wirkung und den Debatten um französische und italienische Musik entstand ein neuer Typus musikalischer Komödie. Anseaume gehörte zu den Autoren, die die ältere vaudevillehafte Tradition nicht einfach aufgaben, sondern sie mit neu komponierten Arietten und stärker individualisierten Szenen verbanden. Seine Texte stehen daher zwischen populärer Theaterökonomie und ästhetischer Modernisierung.

Sein Name erscheint in Verbindung mit zahlreichen Aufführungen an der Foire Saint-Laurent, der Foire Saint-Germain, der Comédie-Italienne und später der institutionell gefestigten Opéra-Comique. Er starb am 7. Juli 1784 in Paris. Zu diesem Zeitpunkt hatten seine Libretti längst eine weitere Wirkung entfaltet: Einige seiner Stücke wurden nachgedruckt, übersetzt, außerhalb Frankreichs aufgeführt und blieben noch im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert im Repertoire verschiedener Theaterzusammenhänge präsent.

Anseaume und die französische Opéra-comique

Die Opéra-comique des 18. Jahrhunderts darf nicht mit der späteren Vorstellung einer lediglich „komischen Oper“ verwechselt werden. Sie bezeichnete zunächst eine französische Musiktheaterform mit gesprochenem Dialog, gesungenen Nummern und flexibler Nähe zu Komödie, Parodie, Vaudeville und bürgerlichem Lustspiel. Anseaume arbeitete genau in dieser beweglichen Gattungszone. Seine Stücke sind meistens keine großen Tragödien oder repräsentativen Hofopern, sondern kleinformatige, publikumsnahe Bühnenstücke, deren Wirkung aus Verwechslung, List, sozialer Beobachtung, Liedeinlage und szenischer Beweglichkeit entsteht.

Die entscheidende Neuerung lag in der zunehmenden Bedeutung der eigens komponierten Ariette. Während ältere Jahrmarktsstücke häufig bekannte Melodien mit neuen Texten verwendeten, verlangte die comédie mêlée d’ariettes eine engere Zusammenarbeit zwischen Librettist und Komponist. Anseaumes Texte sind deshalb so angelegt, dass musikalische Nummern nicht nur eingeschobene Schmuckstücke bleiben, sondern aus der Situation heraus motiviert werden. Der Gesang tritt als Ausdruck von Affekt, Täuschung, Klage, Koketterie, Komik oder bürgerlicher Empfindsamkeit hervor.

Besonders produktiv war Anseaumes Zusammenarbeit mit Egidio Duni. Duni brachte italienische Buffa-Erfahrung in die französische Bühne ein, und Anseaumes Dialoge lieferten ihm Situationen, in denen musikalische Beweglichkeit, dramatischer Witz und französische Prosodie zusammenfinden konnten. Le Peintre amoureux de son modèle, Mazet, Le Milicien, Les Deux Chasseurs et la Laitière und La Clochette sind zentrale Beispiele für diese Verbindung.

Auch mit Grétry erhielt Anseaumes Librettokunst eine neue Farbe. Le Tableau parlant gehört zu jenen Werken, in denen Bild, Bühne, Täuschung und komische Mechanik ineinandergreifen. Die Handlung nutzt ein sprechendes Bild als theatralen Apparat und verbindet so das Motiv des Gemäldes mit der Logik der Intrige. Gerade darin zeigt sich Anseaumes Nähe zu einem Theater, das visuelle Zeichen, akustische Wirkung und komische Situation eng verschränkt.

Librettoästhetik und dramatische Technik

Anseaumes Libretti leben von einer Ökonomie der Szene. Er bevorzugt überschaubare Konflikte, kleine soziale Gruppen, erkennbare Rollenprofile und Situationen, die sich schnell in gesprochene Pointe oder musikalischen Ausdruck überführen lassen. In vielen Stücken erscheint die Handlung zunächst einfach: ein Liebeskonflikt, eine Prüfung der Treue, eine Täuschung, eine Standesverwechslung, eine magische oder scheinmagische Situation, ein Bild, eine Glocke, ein Soldat, ein Jäger, eine junge Frau. Aus diesen klaren Ausgangspunkten entwickelt Anseaume eine Bühnenmechanik, die für das Publikum leicht fassbar bleibt und zugleich musikalische Differenzierung ermöglicht.

Charakteristisch ist seine Nähe zur Parodie. Mehrere Stücke greifen italienische Intermezzi, bekannte Erzählstoffe oder ältere Theatermuster auf und übertragen sie in die französische Opéra-comique. Dabei geht es nicht nur um Verspottung. Parodie bedeutet bei Anseaume auch kulturelle Übersetzung: italienische Modelle werden französisiert, komische Typen werden in neue Dialogformen gebracht, und bekannte Stoffe erhalten eine zeitgenössische, publikumsnahe Bühnenform.

Ein zweites Merkmal ist die Verbindung von Komik und Empfindung. Anseaumes Stücke gehören nicht zu einer reinen Farcenwelt, auch wenn sie oft derbe, volkstümliche oder mechanische Komik nutzen. In Werken wie Le Milicien oder Les Deux Chasseurs et la Laitière treten zugleich bürgerliche Tugend, Treue, Mitleid, Standesnähe und eine neue Aufmerksamkeit für einfache Figuren hervor. Diese Verbindung von Komödie und Gefühl ist kulturgeschichtlich wichtig, weil sie die Opéra-comique in die Nähe des drame bourgeois und der moralisch empfindsamen Theaterästhetik des 18. Jahrhunderts rückt.

Drittens ist Anseaume als Rollenautor zu verstehen. Seine Texte geben Sängerdarstellern Spielmaterial: schlagfertige Dialoge, klare Situationen, Auftrittslogik, ariose Affektmomente und szenische Pointen. Die spätere Trennung zwischen Schauspieler und Sänger ist hier noch nicht vollständig ausgeprägt. Gerade die Opéra-comique verlangte Darsteller, die sprechen, singen, spielen und komische Bewegung organisieren konnten. Anseaumes Texte setzen diese gemischte Theaterpraxis voraus.

Ausführlicher Kulturüberblick

Louis Anseaume gehört in eine Epoche, in der das französische Musiktheater seine sozialen und ästhetischen Grundlagen neu ordnete. Die große tragédie lyrique des 17. und frühen 18. Jahrhunderts war höfisch, mythologisch und repräsentativ geprägt. Daneben existierte die lebendige Welt der Jahrmarktsbühnen, der Vaudevilles, der parodistischen Opernkomik und der italienischen Schauspieltradition. Die Opéra-comique entstand nicht aus einem einzigen Ursprung, sondern aus der Verschränkung dieser Theaterkulturen.

In diesem Zusammenhang ist Anseaume eine Vermittlerfigur. Er stand der literarischen Hochkultur näher als ein bloßer Improvisator der Jahrmarktsbühne, blieb aber zugleich weit entfernt von der repräsentativen Schwere der höfischen Oper. Seine Libretti zeigen, wie die Bühne kleine bürgerliche, ländliche, handwerkliche oder märchenhafte Situationen musikalisch aufwerten konnte. Damit half er, eine Ästhetik zu entwickeln, in der nicht mehr nur Götter, Könige und heroische Figuren sangen, sondern auch Maler, Mädchen, Soldaten, Jäger, Milchmädchen, Diener, Betrüger, Handwerker und Liebende des Alltags.

Die Zusammenarbeit mit Egidio Duni ist für diesen Kulturwandel besonders aufschlussreich. Duni war ein italienisch geschulter Komponist, dessen französische Opéras-comiques die melodische Beweglichkeit und Ensemblekunst der italienischen Opera buffa mit französischem Dialog und französischer Bühnentradition verbanden. Anseaume lieferte dazu Libretti, in denen die musikalische Nummer aus der Situation hervorgehen konnte. Die französische Opéra-comique wurde auf diese Weise zu einem europäischen Laboratorium der musikalischen Komödie.

Auch die Stoffwahl ist kulturgeschichtlich aussagekräftig. Cendrillon verweist auf die Popularität des Märchens und auf die dramatische Nutzbarkeit von Charles Perrault. Les Deux Chasseurs et la Laitière knüpft an die Fabeltradition an und zeigt, wie literarische Kleinformen in musiktheatralische Szenen verwandelt wurden. Le Peintre amoureux de son modèle führt die Kunstwelt selbst auf die Bühne und verbindet Liebesintrige mit dem Motiv des Bildes. Le Tableau parlant radikalisiert diese Bildtheatralik, indem ein scheinbar stummes Objekt zum Motor der Handlung wird.

Anseaumes Theater ist deshalb auch ein Theater der Medienbeziehungen. Sprache, Musik, Bild, Pantomime, Verkleidung, Dingrequisit und Körperkomik arbeiten zusammen. Diese Intermedialität ist für das 18. Jahrhundert charakteristisch, weil sie nicht aus theoretischer Programmatik entsteht, sondern aus praktischer Bühnenökonomie. Die Opéra-comique musste ein heterogenes Publikum erreichen, rasch verständlich sein, musikalisch reizen und zugleich genug moralische und affektive Substanz besitzen, um nicht bloß als Jahrmarktsscherz zu gelten.

Hinzu kommt die europäische Zirkulation. Französische Opéras-comiques wurden übersetzt, in niederländischen, deutschen, österreichischen, russischen, skandinavischen und anderen Theaterzusammenhängen aufgeführt oder bearbeitet. Gerade Werke wie Les Deux Chasseurs et la Laitière und Le Maréchal ferrant zeigen, wie weit die französische musikalische Komödie über Paris hinauswirkte. Anseaumes Libretti gehören daher nicht nur zur Pariser Theatergeschichte, sondern auch zur europäischen Kulturgeschichte des musikalischen Lustspiels.

Für die spätere Operngeschichte ist Anseaume wichtig, weil er zu einer Gattung beitrug, die zwischen gesprochenem Schauspiel und durchkomponierter Oper vermittelte. Die Opéra-comique wurde im 19. Jahrhundert zu einer zentralen französischen Institution und beeinflusste die Gattungsgrenzen zwischen Singspiel, komischer Oper, Dialogoper und musikalischem Schauspiel. Anseaume steht am Anfang dieser längeren Entwicklung, noch bevor die großen nationalen und institutionellen Ausprägungen des 19. Jahrhunderts ihre feste Form erhielten.

Rezeption, Wirkung und Wiederentdeckung

Anseaumes Stücke wurden bereits im 18. Jahrhundert nicht nur aufgeführt, sondern auch gedruckt und gesammelt. Die dreibändige Ausgabe Théâtre de M. Anseaume, ou Recueil des comédies, parodies et opéra-comiques von 1766 zeigt, dass sein Werk schon zu Lebzeiten als zusammenhängendes Bühnenkorpus wahrgenommen wurde. Die Sammlung enthält Komödien, Parodien und Opéras-comiques mit notierten Airs, Rondes und Vaudevilles und ist deshalb eine wichtige Quelle für Text, Musikpraxis und Aufführungsästhetik.

Im 19. Jahrhundert blieb Anseaume in theater- und musikgeschichtlichen Nachschlagewerken präsent, wurde aber zunehmend als Vertreter einer älteren Opéra-comique-Epoche betrachtet. Die späteren Formen der französischen Opéra-comique, vor allem die größeren Werke des 19. Jahrhunderts, überlagerten die kleinformatigen Stücke des 18. Jahrhunderts. Dennoch wirkten seine Libretti indirekt weiter, weil sie die Struktur des gesprochenen Dialogs mit musikalischen Nummern, die bewegliche Intrige und die Verbindung von Komik und Gefühl stabilisierten.

Die moderne Forschung hat Anseaume wieder stärker als Autor einer Übergangsphase sichtbar gemacht. Studien zur französischen Opéra-comique, zur Theaterkultur der Aufklärung, zur Parodie, zur europäischen Rezeption französischer Musikdramatik und zu Märchenstoffen auf der Bühne behandeln seine Arbeiten nicht mehr nur als leichte Gelegenheitsstücke, sondern als Dokumente einer gattungsgeschichtlichen Transformation. Besonders Les Deux Chasseurs et la Laitière hat Aufmerksamkeit erhalten, weil das Werk nachweislich erfolgreich, verbreitet und rezeptionsgeschichtlich ergiebig war.

Auch die Wiederaufführung älterer Opéras-comiques und die digitale Erschließung von Quellen durch Gallica, BnF, Library of Congress, Open Library, Bru Zane und andere Einrichtungen haben Anseaume wieder zugänglicher gemacht. Für ein Kulturlexikon ist er damit ein Beispiel dafür, wie ein scheinbar randständiger Librettist plötzlich als Schlüsselgestalt sichtbar wird, sobald man Musiktheater nicht nur aus der Perspektive großer Komponistennamen, sondern aus dem Zusammenspiel von Text, Bühne, Institution, Publikum und Gattung betrachtet.

Werkverzeichnis

Das folgende Werkverzeichnis erfasst den gegenwärtig sicher nachweisbaren Kernbestand der Anseaume zugeschriebenen oder von ihm mitverfassten Bühnenwerke, Libretti, Parodien und Gelegenheitsstücke. Bei einzelnen Stücken schwanken Druckjahr, Erstaufführungsdatum, Fassung, Schreibweise und Autorschaftsanteil je nach Quelle. Mehrfachdrucke und spätere Übersetzungen sind nur dort eigens genannt, wo sie für die Wirkungsgeschichte besonders wichtig sind.

1754 Le Chinois poli en France. Parodie beziehungsweise opéra-comiqueartiges Bühnenstück nach italienischem Vorbild; wichtig für die Verbindung von Exotismus, Parodie und Jahrmarktsbühne.
1756 Les Amants trompés. Pièce en un acte, mêlée d’ariettes; mit Pierre-Augustin Lefèvre de Marcouville verbunden.
1756 Le Docteur Sangrado. Opéra-comique in einem Akt; ein komisches Stück mit medizinisch-satirischem Hintergrund.
1757 La Fausse Aventurière. Opéra-comique beziehungsweise comédie mêlée d’ariettes; mit der Frühphase der Pariser Ariettenkomödie verbunden.
1757 Le Peintre amoureux de son modèle. Pièce beziehungsweise opéra-comique in zwei Akten, nach Il pittore innamorato; Musik von Egidio Duni; Uraufführung an der Foire Saint-Laurent.
1758 Le Médecin de l’amour. Opéra-comique; in der Überlieferung mit Anseaume und Marcouville verbunden, Musik von Jean-Louis Laruette.
1759 Cendrillon. Opéra-comique nach dem Märchenstoff; Musik von Jean-Louis Laruette; frühe musiktheatralische Bearbeitung des Cinderella-Stoffes für die französische Bühne.
1760 L’Île de Merlin ou Le Monde renversé. Libretto für eine französische Opéra-comique-Fassung von Christoph Willibald Gluck; Verbindung von Inselutopie, komischer Verkehrung und Theaterparodie.
1760 L’Ivrogne corrigé ou Le Mariage du diable. Opéra-comique in zwei Akten; Musik von Christoph Willibald Gluck; Beispiel für moralische Komik und Verwandlungsdramaturgie.
1760 L’Isle des fous beziehungsweise L’Île des fous. Comédie in zwei Akten, mêlée d’ariettes; nach Goldonis Arcifanfano re dei matti; in Zusammenarbeit mit Pierre-Augustin Lefèvre de Marcouville; Musik von Egidio Duni.
1760 Le Soldat magicien. Opéra-comique in einem Akt; Musik von François-André Danican Philidor; Erstaufführung an der Foire Saint-Laurent.
1761 Le Dépit généreux. Comédie in zwei Akten, mêlée d’ariettes; in Zusammenarbeit mit François-Antoine Quétant; Musik von Jean-Louis Laruette.
1761 Le Maréchal ferrant. Opéra-comique in zwei Akten; Textanteile von François-Antoine Quétant und Louis Anseaume; Musik von François-André Danican Philidor; eines der erfolgreich verbreiteten Werke des Repertoires.
1761 Mazet. Comédie in zwei Akten, en vers, mêlée d’ariettes; Musik von Egidio Duni; wichtiges Beispiel der Duni-Anseaume-Zusammenarbeit.
1762 Le Milicien. Comédie in einem Akt, mêlée d’ariettes; Musik von Egidio Duni; eines der bekanntesten Stücke Anseaumes und häufig nachgedruckt.
1762 L’Écosseuse. Opéra-comique beziehungsweise Parodie in einem Akt; mit Charles-François Panard und Anseaume verbunden; Bezug auf Voltaires L’Écossaise.
1763 Les Deux Chasseurs et la Laitière. Comédie in einem Akt, mêlée d’ariettes; Musik von Egidio Duni; nach Motiven der Fabeltradition; eines der wirkungsreichsten Werke Anseaumes.
1764 Compliment pour la clôture du théâtre à la Comédie-Italienne. Gelegenheitsstück beziehungsweise Schlusskompliment für die Comédie-Italienne.
1765 L’École de la jeunesse ou Le Barnevelt français. Comédie in drei Akten, en vers, mêlée d’ariettes; Beispiel für die Verbindung von moralischer Erziehung, Jugendthema und musikalischer Komödie.
1766 La Clochette. Comédie in einem Akt und in Versen, mêlée d’ariettes; Musik von Egidio Duni; häufig nachgedruckt und international verbreitet.
1766 Théâtre de M. Anseaume, ou Recueil des comédies, parodies et opéra-comiques qu’il a donnés jusqu’à ce jour. Dreiteilige Sammlung von Stücken mit Airs, Rondes und Vaudevilles; wichtige Druckquelle für Anseaumes Werkbestand.
1766 La Nouvelle Bastienne. Opéra-comique beziehungsweise Bearbeitung im Umfeld der Bastienne-Tradition; in Sammlungs- und Nachdruckkontexten mit Anseaume verbunden.
1769 Le Tableau parlant. Comédie-parade beziehungsweise opéra-comique in einem Akt; Musik von André-Ernest-Modeste Grétry; aufgeführt an der Comédie-Italienne.
1771 Arlequin marchand de proverbes. Compliment de clôture beziehungsweise kleines Theaterstück für die Comédie-Italienne; Beispiel für Anseaumes Gelegenheits- und Abschlusstheater.
1775 Der Militz oder Die lächerliche Werbung. Deutsche Singspiel-Übersetzung beziehungsweise Bearbeitung nach Le Milicien; wichtig für die deutschsprachige Rezeption.
1778 Le Jugement de Midas. In der Überlieferung mit Beiträgen Anseaumes zu einem Libretto von Thomas Hales beziehungsweise Thomas d’Hèle verbunden; Musik von André-Ernest-Modeste Grétry.
undatiert Bertolde à la ville. In älteren Werk- und Sammelzusammenhängen als Bestandteil des Anseaume-Repertoires genannt.
undatiert La Ressource comique ou La Pièce à deux acteurs. Mit Anseaume als Librettist in BnF-Verknüpfungen zu Nicolas-Jean Le Froid de Méreaux verbunden.
undatiert Le Retour de tendresse. Mit Anseaume als Librettist in BnF-Verknüpfungen zu Nicolas-Jean Le Froid de Méreaux verbunden.
undatiert Les Épreuves de l’amour. In älteren bibliographischen Zusammenstellungen als Bestandteil des weiteren Anseaume-Korpus genannt.

Sekundärliteratur

  • Beaucé, Pauline: Parodies d’opéra au siècle des Lumières. Évolutions d’un genre comique. Rennes: Presses universitaires de Rennes, 2013.
  • Brenner, Clarence D.: The Théâtre Italien. Its Repertory, 1716–1793. Berkeley: University of California Press, 1961.
  • Charlton, David: Grétry and the Growth of Opéra-Comique. Cambridge: Cambridge University Press, 1986.
  • Charlton, David: Opera in the Age of Rousseau. Music, Confrontation, Realism. Cambridge: Cambridge University Press, 2012.
  • Clément, Félix; Larousse, Pierre: Dictionnaire lyrique ou Histoire des opéras. Paris: Administration du Grand Dictionnaire universel, 1869 beziehungsweise spätere Ausgaben.
  • Cotter, Suzanne: Les Deux Chasseurs et la Laitière and the French Revolutionary Canon. In: Eighteenth-Century Music, 2018.
  • Desboulmiers, Jean-Auguste Jullien: Histoire du théâtre de l’Opéra-Comique. Paris: Lacombe, 1769.
  • Heartz, Daniel: From Garrick to Gluck. The Reform of Theatre and Opera in the Mid-Eighteenth Century. In: Proceedings of the Royal Musical Association, 94, 1967–1968.
  • Heartz, Daniel: Music in European Capitals. The Galant Style, 1720–1780. New York und London: W. W. Norton, 2003.
  • Parfaict, François; Parfaict, Claude: Dictionnaire des théâtres de Paris. Paris: Rozet, 1767.
  • Rizzoni, Nathalie: Grand succès sur petits écrans au XVIIIe siècle: Les deux chasseurs et la laitière d’Anseaume et Duni d’après La Fontaine. In: Le livre du monde et le monde des livres. Mélanges en l’honneur de François Moureau. Paris: Presses de l’Université Paris-Sorbonne, 2012.
  • Rushton, Julian: Artikel zu Philidor und französischer Opéra-comique. In: The New Grove Dictionary of Opera. London: Macmillan, 1992.
  • Wechsler, Paul: Louis Anseaume und das französische Singspiel. Leipzig: Dr. Seele & Co., 1909.
  • Wild, Nicole; Charlton, David: Théâtre de l’Opéra-Comique Paris. Répertoire 1762–1972. Sprimont: Mardaga, 2005.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Ariette kleinformatige Arie, die in der Opéra-comique des 18. Jahrhunderts die ältere Vaudevillepraxis zunehmend ergänzt oder ersetzt.
  • Aufklärung kultureller und philosophischer Hintergrund, in dem sich bürgerliches Theater, Moralästhetik und neue Musikdramatik entwickelten.
  • Comédie-Italienne Pariser Institution, in deren Umfeld Anseaume als Theaterpraktiker und Librettist wirkte.
  • Comédie mêlée d’ariettes französische Musiktheaterform mit gesprochenem Dialog und eigens komponierten Arietten, zentral für Anseaumes Werk.
  • Drame bourgeois bürgerliches Schauspielideal des 18. Jahrhunderts, dessen Moral- und Empfindsamkeitsästhetik die Opéra-comique berührt.
  • Egidio Duni italienischer Komponist, dessen Zusammenarbeit mit Anseaume für die Entwicklung der französischen Opéra-comique besonders wichtig wurde.
  • Charles-Simon Favart Dramatiker und Theaterleiter, dessen Werkumfeld für die französische Opéra-comique und die Pariser Jahrmarktsbühne grundlegend ist.
  • Foire Saint-Germain Pariser Jahrmarkt und wichtiger Spielort des frühen französischen Musiktheaters.
  • Foire Saint-Laurent zentraler Aufführungsort vieler Opéras-comiques und Parodien des 18. Jahrhunderts.
  • Christoph Willibald Gluck Komponist, der vor seinen Pariser Reformopern auch französische Opéras-comiques auf Libretti wie denen Anseaumes schrieb.
  • André-Ernest-Modeste Grétry Komponist von Le Tableau parlant und später eine der prägenden Figuren der französischen Opéra-comique.
  • Jahrmarkttheater populäre Theaterkultur, aus der viele Formen der Opéra-comique hervorgingen.
  • Jean-Louis Laruette Sänger und Komponist, mit dessen Musik Anseaumes Cendrillon und andere Werke verbunden sind.
  • Libretto Textbuch eines musikalischen Bühnenwerks; bei Anseaume ein Schlüssel zum Verständnis von Dialog, Arie und szenischer Komik.
  • Pierre-Augustin Lefèvre de Marcouville Autor und Mitarbeiter Anseaumes in mehreren Bühnenzusammenhängen der frühen Opéra-comique.
  • Opera buffa italienische komische Oper, deren musikalische und dramatische Verfahren auf die französische Opéra-comique einwirkten.
  • Opéra-comique französische Musiktheatergattung mit gesprochenem Dialog und musikalischen Nummern, deren Entwicklung Anseaume entscheidend mitprägte.
  • Parodie komische Umformung vorhandener Stoffe, Gattungen und Bühnenmuster; ein Grundverfahren in vielen Stücken Anseaumes.
  • Paris kultureller Hauptwirkungsort Anseaumes und Zentrum der französischen Theaterlandschaft des 18. Jahrhunderts.
  • Charles Perrault Autor der Märchenüberlieferung, deren Stoffe, besonders Cendrillon, im 18. Jahrhundert musiktheatralisch weiterwirkten.
  • François-André Danican Philidor Komponist, Schachmeister und wichtiger Vertreter der französischen Opéra-comique, mit dem Anseaume in Verbindung steht.
  • François-Antoine Quétant Dramatiker und Mitarbeiter in der Libretto- und Komödienproduktion des Pariser Musiktheaters.
  • Michel-Jean Sedaine Librettist und Dramatiker der französischen Opéra-comique, wichtig als Vergleichsfigur zu Anseaume.
  • Singspiel deutschsprachige Schwester- und Vergleichsgattung zur französischen Opéra-comique mit gesprochenem Dialog und musikalischen Nummern.
  • Théâtre de la Foire Jahrmarktstheater der Pariser Foires, aus dem wesentliche Traditionen der Opéra-comique hervorgingen.
  • Théâtre italien Pariser Bühne italienischer Herkunft und wichtiger institutioneller Rahmen für Anseaumes Arbeit.
  • Vaudeville populäres Lied- und Bühnenelement, das in der frühen Opéra-comique eine zentrale Rolle spielte.
  • Claude-Henri de Fusée de Voisenon Dramatiker und Librettist im Umfeld der französischen Opéra-comique und des literarischen Unterhaltungstheaters.