Domenico Anglesi
Überblick
Domenico Anglesi war ein italienischer Komponist und Instrumentalist des 17. Jahrhunderts. Sein Name ist eng mit der Florentiner Oper, mit der Monodie, mit der höfischen Musik der Medici und mit den spektakulären Festformen des barocken Florenz verbunden. Er gehörte nicht zu den großen kanonischen Namen wie Claudio Monteverdi, Francesco Cavalli oder Antonio Cesti; dennoch ist er für die Kulturgeschichte des mittleren 17. Jahrhunderts wichtig, weil er die Übergangszone zwischen höfischer Kammermusik, frühem Sologesang, Florentiner Theater und fürstlicher Festrepräsentation verkörpert.
Sein frühestes gesichertes Druckwerk ist das Libro primo d’arie musicali per cantarsi nel gravicimbalo e tiorba a voce sola, das 1635 in Florenz bei Giovanni Battista Landini erschien. Bereits der Titel zeigt die ästhetische Stellung des Werks: Es handelt sich um einstimmige Arien für Singstimme und Basso continuo, gedacht für Cembalo und Theorbe. Anglesi gehört damit zu jener Generation nach den frühen Florentiner Experimenten der Camerata fiorentina, in der der neue Sologesang nicht mehr bloß theoretisches Programm war, sondern als gedruckte, höfisch und kammermusikalisch verwendbare Lied- und Arienkultur weiterlebte.
Später trat Anglesi als Bühnenkomponist hervor. Zu den greifbaren Werken gehören Alidoro il costante, La serva nobile und die Musik zu Il mondo festeggiante, einem groß angelegten höfischen Pferdeballett, das 1661 im Boboli-Zusammenhang zur Feier der Hochzeit Cosimos III. de’ Medici mit Marguerite Louise d’Orléans aufgeführt wurde. Anglesi steht dadurch an der Schnittstelle von Arie, dramma civile, Ballett, Festmusik, Teatro della Pergola und mediceischer Selbstdarstellung.
Kurzdaten
| Name | Domenico Anglesi. |
|---|---|
| Geburt | Zwischen 1610 und 1615; in Standardlexika häufig um 1613 angesetzt. |
| Tod | 11. Mai 1674 in S. Romolo nach opern- und theatergeschichtlichen Verzeichnissen; nach vorsichtigeren biographischen Angaben ist Anglesi jedenfalls noch nach dem 28. August 1669 belegt. |
| Beruf | Komponist, Instrumentalist, Hofmusiker, Organist beziehungsweise Tasteninstrumentalist, Bühnenkomponist, Arienkomponist und Musiker im Dienst der Medici. |
| Wirkungsraum | Florenz, mediceischer Hof, Umfeld des Großherzogs von Toskana, Haushalt Kardinal Giovan Carlo de’ Medicis, Accademia degli Immobili und Teatro della Pergola. |
| Dienststellung | Instrumentalist und Komponist im Dienst des Großherzogs von Toskana ab 1638 beziehungsweise 1639; außerdem aiutante di camera Kardinal Giovan Carlo de’ Medicis. |
| Gattungen | Arie für Singstimme und Basso continuo, monodischer Sologesang, Bühnenmusik, dramatische Kantate, dramma civile in musica, Pferdeballett, höfische Festmusik und Tastenmusikspuren. |
| Hauptwerke | Libro primo d’arie musicali von 1635, Alidoro il costante von 1650, La serva nobile von 1660 und Il mondo festeggiante von 1661. |
| Librettisten | Antonio Malatesti bei Alidoro il costante und Giovanni Andrea Moniglia bei La serva nobile sowie bei Il mondo festeggiante. |
| Kulturelle Bedeutung | Anglesi ist ein Vertreter der mediceischen Musik- und Theaterkultur zwischen Florentiner Monodie, höfischer Kammerarie, akademischem Theater, Opernexperiment und barocker Festinszenierung. |
| Quellenlage | Schmal und teilweise widersprüchlich; ein Teil der Werke ist nur durch Libretti, Kataloge, archivalische Hinweise oder spätere Theaterverzeichnisse überliefert, während die Musik zu mehreren Bühnenwerken verloren ist. |
Quellenlage, Datierung und Namensform
Die Quellenlage zu Domenico Anglesi ist fragmentarisch. Die wichtigsten biographischen Angaben stammen aus Musiklexika, Theaterchronologien, bibliographischen Katalogen, Libretto-Nachweisen und aus der Forschung zur mediceischen Hof- und Theaterkultur. Besonders auffällig ist die Unsicherheit der Lebensdaten. Einige Verzeichnisse setzen Geburt zwischen 1610 und 1615 und Tod am 11. Mai 1674 in S. Romolo an. Andere Standardangaben formulieren vorsichtiger und nennen eine Geburt um 1613 sowie einen letzten sicheren Nachweis nach dem 28. August 1669. Für die Seite wird die spätere Datierung aufgenommen, zugleich aber quellenkritisch markiert.
Die Namensform ist verhältnismäßig stabil. Der Druck von 1635 nennt Domenico Anglesi. Verwechslungen entstehen eher durch die Nähe zu anderen Namen wie Angeli, Angelis, Angelini oder Angles. Für die bibliographische Recherche ist deshalb die genaue Schreibweise Anglesi, Domenico wichtig. In den Werk- und Katalognachweisen erscheint er vor allem als Komponist von Arien, Bühnenmusik und höfischer Festmusik.
Die Überlieferung seiner Musik ist ungleich. Das Libro primo d’arie musicali ist als Druck nachweisbar und in Bibliothekskatalogen erschlossen. Dagegen sind die Musiken zu Alidoro il costante, La serva nobile und Il mondo festeggiante nur begrenzt oder gar nicht musikalisch erhalten. Bei Il mondo festeggiante ist vor allem der gedruckte Festbericht mit Texten, Beschreibung und Kupferstichen erhalten, während die Musik nicht in derselben Weise greifbar ist. Anglesis Werk muss daher aus einer Kombination von erhaltenem Druck, verlorener Bühnenmusik und archivalisch-literarischen Spuren rekonstruiert werden.
Mediceischer Hof und Dienststellungen
Anglesi trat in den Dienst des großherzoglich-toskanischen Hofes und war in Florenz als Instrumentalist und Komponist tätig. Die Quellen nennen ihn im Umfeld des Großherzogs von Toskana ab 1638 beziehungsweise 1639. Diese Stellung war für einen Musiker des 17. Jahrhunderts entscheidend. Der Hof bot nicht nur Einkommen, sondern auch Zugriff auf Feste, Akademien, Theaterproduktionen, private Kammermusik, kirchliche Anlässe und internationale dynastische Netzwerke.
Besonders wichtig war Anglesis Verbindung zu Kardinal Giovan Carlo de’ Medici. Er wird als aiutante di camera dieses Prinzen genannt. Giovan Carlo war eine zentrale Figur des Florentiner Theaterlebens. Unter seinem Schutz wirkten die Accademia degli Immobili, das Teatro della Pergola und die höfische Opern- und Festkultur. In einem solchen Umfeld war ein Musiker nicht nur Notenschreiber oder Begleiter, sondern Teil eines komplexen höfischen Systems aus Repräsentation, Unterhaltung, Machtinszenierung und künstlerischer Konkurrenz.
Anglesis Nähe zu den Medici erklärt auch die Vielfalt seiner Aufgaben. Er komponierte kammermusikalische Arien, wirkte an dramatischen Aufführungen mit, schrieb Musik zu höfischen Großereignissen und erscheint in Zusammenhängen von Tasteninstrumenten, Cembalo und Theorbe. Seine Karriere zeigt, dass die musikalische Praxis am Hof nicht scharf zwischen Kammer, Bühne, Kirche und Fest getrennt war. Dieselben Musiker konnten in mehreren Sphären auftreten.
Arien, Monodie und Florentiner Gesangskultur
Das Libro primo d’arie musicali per cantarsi nel gravicimbalo e tiorba a voce sola von 1635 ist Anglesis wichtigstes erhaltenes selbständiges Druckwerk. Der Titel nennt Cembalo und Theorbe als Begleitinstrumente und weist das Werk der einstimmigen Arienkultur mit Basso continuo zu. Diese Besetzung ist für Florenz besonders bedeutend, weil die Stadt seit der Wende zum 17. Jahrhundert zu den Ursprungsorten der monodischen Gesangskultur gehörte.
Anglesis Arien stehen nach den frühen Experimenten von Giulio Caccini, Jacopo Peri und ihren Nachfolgern. Um 1635 war die Monodie keine radikale Neuerung mehr, sondern ein ausgebildetes höfisches und kammermusikalisches Idiom. Die Stimme trägt Text, Affekt und rhetorische Linie, während das Generalbassfundament die harmonische und klangliche Stütze bildet. Cembalo und Theorbe sind dabei nicht bloße Begleiter, sondern Träger eines neuen musikalischen Denkens: Melodie, Wort, Bass und Affekt werden zu einer beweglichen Einheit.
Die Arien zeigen Anglesi als Komponisten eines subtilen, textnahen, höfisch gebildeten Sologesangs. Gerade weil sein übriges Werk teilweise verloren ist, gewinnt dieser Druck besondere Bedeutung. Er dokumentiert eine Florentiner Gesangskultur, die zwischen Madrigaltradition, höfischer Kammerarie, frühem Opernstil und barocker Affektgestaltung steht.
Bühnenwerke und Accademia degli Immobili
Anglesis Bühnenwerke führen in das Umfeld der Accademia degli Immobili und des Teatro della Pergola. Die Florentiner Akademien spielten im 17. Jahrhundert eine herausragende Rolle für das Musiktheater. Sie verbanden aristokratische Kultur, poetische Produktion, höfische Patronage und experimentelle Bühnenformen. In diesem Umfeld entstanden Werke, die zwischen Oper, Komödie, höfischem Schauspiel, Musikdrama und Festinszenierung stehen.
Alidoro il costante wurde 1650 mit einem Text von Antonio Malatesti verbunden und als dramatische Kantate beziehungsweise szenisch-musikalischer Zusammenhang für Kardinal Giovan Carlo de’ Medici genannt. Das Werk ist in der musikalischen Substanz verloren, aber als Titel wichtig, weil es Anglesi als Komponisten im unmittelbaren Medici-Umfeld zeigt. Es gehört in eine Hofkultur, in der private oder halböffentliche Aufführungen, akademische Dichtungen und musikalische Repräsentation ineinandergreifen.
La serva nobile ist ein dramma civile in musica auf einen Text von Giovanni Andrea Moniglia. Die Aufführung am Florentiner Pergola-Theater wird um den 31. Januar 1660 beziehungsweise im Faschingszusammenhang 1660/1661 angesetzt. Moniglia war einer der wichtigen Librettisten des florentinischen Theaters. Mit ihm steht Anglesi in einer Linie von höfischen und akademischen Theaterproduktionen, die weniger an venezianischer kommerzieller Oper als an der spezifischen Florentiner Verbindung von Komödie, Musik und aristokratischer Bühne orientiert waren.
Il mondo festeggiante und höfische Festkultur
Il mondo festeggiante gehört zu den spektakulärsten Zusammenhängen, in denen Anglesis Name überliefert ist. Das Werk war ein balletto a cavallo, also ein Pferdeballett, das 1661 zur Feier der Hochzeit Cosimos III. de’ Medici mit Marguerite Louise d’Orléans aufgeführt wurde. Der erhaltene Druck beschreibt das Ereignis, nennt Giovanni Andrea Moniglia als Textautor, verbindet das Fest mit dem Boboli- beziehungsweise großherzoglichen Theaterraum und hält die visuelle Pracht durch Kupfertafeln fest. Domenico Anglesi komponierte die Musik.
Das Pferdeballett war eine besonders aufwendige Form höfischer Repräsentation. Reiter, Musik, szenische Ordnung, Choreographie, Kostüme, Dekoration, Allegorie und dynastische Botschaft bildeten eine Einheit. Solche Feste waren nicht bloß Unterhaltung, sondern politische Sprache. Sie zeigten die Ordnung der Welt, die Macht des Fürsten, die Verbindung von Dynastien und den Anspruch des Hofes auf kulturelle Überlegenheit.
Anglesis Rolle als Komponist der Musik zu Il mondo festeggiante zeigt seinen Rang innerhalb der mediceischen Festkultur. Auch wenn die Musik nicht im gleichen Maß erhalten ist wie der gedruckte Festbericht, bleibt die Zuschreibung kulturgeschichtlich bedeutend. Anglesi erscheint hier als Musiker einer multimedialen Hofkunst, in der Klang, Bewegung, Architektur, Pferdekunst, Bild und Allegorie zusammenwirken.
Stilistische Einordnung
Anglesis Stil lässt sich nur teilweise aus erhaltenen Quellen beurteilen. Das Libro primo d’arie musicali zeigt ihn als Vertreter der Florentiner Arien- und Monodiekultur. Der Gesang ist textorientiert, vom Basso continuo getragen und für eine kultivierte kammermusikalische Aufführung gedacht. Die Verbindung mit Cembalo und Theorbe verweist auf eine intime, aber zugleich höfisch repräsentative Klangwelt.
Die Bühnenwerke zeigen eine andere Seite. La serva nobile gehört in die Entwicklung des Florentiner Musiktheaters, das eigene Wege neben der venezianischen Oper ging. Florenz blieb stärker durch höfische und akademische Strukturen geprägt. Die dramatische Form konnte komische, bürgerliche, höfische und allegorische Elemente verbinden. Anglesi war in dieser Welt nicht der Erfinder einer neuen Gattung, sondern ein versierter Komponist, der die Erwartungen des Hofes, der Akademie und des Theaters bedienen konnte.
Im Mondo festeggiante tritt die festliche, repräsentative Dimension in den Vordergrund. Hier ist Musik Teil einer großräumigen Inszenierung. Vermutlich musste sie klare Signale, vokale Einlagen, instrumentale Abschnitte und rhythmische Ordnung für szenische und reiterliche Abläufe liefern. Damit gehört Anglesi zu den Musikern, die den frühbarocken Klang nicht nur im Konzert- oder Kirchenraum, sondern in komplexen höfischen Medienverbünden einsetzten.
Kulturgeschichtlicher Überblick
Domenico Anglesi gehört in die Kultur des barocken Florenz nach der ersten Generation der Opernerfinder. Die frühe Florentiner Oper um Peri und Caccini war um 1600 aus humanistischer Antikenbegeisterung, höfischer Festkultur und rhetorischer Theorie des Sologesangs hervorgegangen. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts hatte sich diese Experimentalsituation verändert. Die Oper war in Venedig kommerziell geworden, in Rom und Florenz blieb sie stärker mit Hof, Kirche, Akademie und Patronage verbunden. Anglesi steht in genau dieser zweiten Phase.
Seine Arien von 1635 zeigen die Fortdauer der Florentiner Monodie. Der einzelne Sänger, begleitet von Cembalo oder Theorbe, steht im Mittelpunkt. Diese Gattung ist weder Madrigal im alten polyphonen Sinn noch Opernarie im späteren hochbarocken Sinn. Sie bildet eine Zwischenform, in der Textausdruck, höfische Geselligkeit, rhetorischer Affekt und musikalische Eleganz zusammenkommen. Anglesi ist damit ein Zeuge der Verfeinerung des frühbarocken Sologesangs.
Seine Bühnenwerke zeigen die Rolle der Akademien. Die Accademia degli Immobili und das Teatro della Pergola waren nicht nur Orte der Aufführung, sondern kulturelle Institutionen, die Adel, Literaten, Musiker, Sänger und Bühnenkünstler zusammenführten. Die mediceische Bühne war ein sozialer Raum, in dem Kunst, Politik und Rangordnung verhandelt wurden. Anglesis Tätigkeit für Moniglia-Texte und für Medici-Anlässe macht diese Struktur sichtbar.
Das höfische Pferdeballett Il mondo festeggiante öffnet den Blick auf die Festkultur des Barock. Musik war hier nicht autonomes Werk, sondern Bestandteil eines theatralen Gesamtereignisses. Der Hof ordnete Menschen, Tiere, Architektur, Bühne, Bewegung und Klang zu einem allegorischen Bild. Anglesis Musik gehörte zu dieser Bildsprache. Sie war Teil einer Herrschaftsdramaturgie, in der die Welt selbst als feiernder Kosmos um das Fürstenhaus erschien.
Anglesi ist deshalb kulturgeschichtlich besonders interessant, obwohl sein Œuvre schmal überliefert ist. Er steht nicht für das monumentale Meisterwerk, sondern für die Alltags- und Festpraxis einer höfischen Musikgesellschaft. Seine wenigen bekannten Werke verbinden Kammergesang, höfisches Theater, Opernvorformen, akademische Kultur und dynastische Repräsentation. Gerade diese Verbindung macht ihn zu einer aufschlussreichen Figur der italienischen Musik des 17. Jahrhunderts.
Werkverzeichnis
Das Werkverzeichnis Domenico Anglesis kann nur quellenkritisch erstellt werden. Ein großer Teil seiner Musik ist verloren oder nur durch Libretto-, Katalog- und Theaterhinweise bekannt. Die folgende Übersicht unterscheidet zwischen erhaltenem Druck, verlorenen Bühnenwerken, höfischen Festwerken und unsicheren beziehungsweise nur indirekt belegten Kompositionsspuren.
Erhaltener Druck
- Libro primo d’arie musicali per cantarsi nel gravicimbalo e tiorba a voce sola, Florenz: Giovanni Battista Landini, 1635. Sammlung einstimmiger Arien mit Begleitung durch Cembalo und Theorbe. Der Druck ist das zentrale erhaltene selbständige Werk Anglesis und belegt seine Stellung in der Florentiner Monodie- und Arienkultur.
Bühnen- und Vokalwerke
- Alidoro il costante, dramatische Kantate beziehungsweise szenisch-vokales Werk auf einen Text von Antonio Malatesti, Florenz, 10. August 1650. Das Werk entstand im Umfeld Kardinal Giovan Carlo de’ Medicis. Die Musik gilt als verloren; der Titel ist durch Theater- und Handschriftenhinweise überliefert.
- La serva nobile, dramma civile in musica auf einen Text von Giovanni Andrea Moniglia, Florenz, Teatro della Pergola, um 31. Januar 1660 beziehungsweise im Karnevals- und Accademia-degli-Immobili-Kontext 1660/1661. Die Musik ist nicht im modernen Sinn vollständig greifbar; das Werk ist durch Libretto- und Katalognachweise belegt.
- Un oratorio für San Marcello, in Quellen zur Musikvermittlung zwischen Rom und Florenz wird ein Oratorium Domenico Anglesis erwähnt, das im Auftrag Giovan Carlo de’ Medicis für die Kirche San Marcello entstand und in den 1650er Jahren aufgeführt wurde. Titel, Textgestalt und musikalische Überlieferung sind im Rahmen der öffentlich zugänglichen Kurzquellen nicht sicher genug für eine präzisere Werkansetzung.
Höfische Festmusik und Ballett
- Il mondo festeggiante, balletto a cavallo auf Texte von Giovanni Andrea Moniglia, Florenz, Boboli- beziehungsweise großherzoglicher Theaterraum, 1. Juli 1661. Das Werk wurde zur Hochzeit Cosimos III. de’ Medici mit Marguerite Louise d’Orléans aufgeführt. Anglesi komponierte die Musik; der erhaltene Druck enthält Beschreibung, Texte und Kupfertafeln, nicht aber eine vollständige musikalische Partitur im modernen Sinn.
Instrumental- und Tastenmusikspuren
- Unbestimmtes Tastenstück, in einzelnen Komponistenverzeichnissen wird ein Tastenstück beziehungsweise eine Piece: keyboard mit Pariser Überlieferungszusammenhang genannt. Der Nachweis ist als Hinweis auf mögliche instrumentale Werkspuren zu behandeln, nicht als vollständig gesichertes eigenständiges Werkverzeichnis.
- Tasteninstrumenten- und Hofinventarspuren, mediceische Inventare nennen Domenico Anglesi im Zusammenhang mit Cembali, Spinette, Clavicembali oder ähnlichen Tasteninstrumenten. Diese Dokumente belegen seine Nähe zur Tasteninstrumentenpraxis und zum Hofinstrumentarium, stellen aber keine eigenen Kompositionstitel dar.
Verlorene oder nur indirekt belegte Werkbereiche
- Weitere Bühnenmusiken, Anglesi schrieb nach lexikalischen Angaben Bühnenwerke; neben den genannten Titeln sind mögliche weitere Beteiligungen nur durch Einzelrecherche in Florentiner Theater- und Medici-Archiven genauer zu bestimmen.
- Weitere Arien oder Einzelgesänge, einzelne Handschriften- und Auktionshinweise deuten auf weitere Vokalstücke beziehungsweise Rezitative hin. Diese Nachweise sind für die Forschung interessant, müssen aber im Einzelfall gegen Handschriften, Provenienzen und Zuschreibungen geprüft werden.
- Kirchenmusik, eine gesicherte größere Kirchenmusikproduktion ist nicht belegt. Hinweise auf ein Oratorium oder auf geistliche Aufführungskontexte dürfen nicht zu einem geschlossenen Kirchenmusik-Œuvre erweitert werden.
- Opernpartituren, für La serva nobile und verwandte Bühnenwerke ist keine vollständig edierte, allgemein zugängliche Partitur als gesicherter Werkbestand anzusetzen.
Wirkung und Rezeption
Domenico Anglesi besitzt keine breite Rezeptionsgeschichte im Sinn eines dauerhaft aufgeführten Kanons. Seine Werke wurden nicht wie Monteverdis Opern, Cavallis Bühnenwerke oder Cestis Arien in der musikhistorischen Erinnerung prominent weitergetragen. Der Grund liegt nicht allein in geringerem Rang, sondern vor allem in der Überlieferungslage. Ein großer Teil seiner Bühnenmusik ist verloren, und das erhaltene Arienbuch steht in einer Spezialtradition, die lange nur für Quellenforscher, Sänger historischer Musik und Spezialisten der Florentiner Monodie sichtbar war.
In der neueren Forschung zur florentinischen Theater- und Hofkultur gewinnt Anglesi dennoch Bedeutung. Sein Name erscheint in Untersuchungen zu Giovan Carlo de’ Medici, zur Accademia degli Immobili, zur Pergola, zur mediceischen Festkultur und zur Entwicklung des Florentiner Musiktheaters. Besonders Il mondo festeggiante macht ihn für Kulturhistoriker interessant, weil dort Musik, Reitkunst, Bühne, Kupferstich, Dynastie und Festpolitik zusammenkommen.
Auch die Alte-Musik-Praxis kann Anglesi wieder entdecken. Seine Arien von 1635 eignen sich für die Erforschung und Aufführung frühbarocker Vokalmusik mit Theorbe und Cembalo. Sie zeigen einen weniger bekannten, aber klanglich und rhetorisch charakteristischen Ausschnitt aus der Florentiner Gesangskultur nach Caccini und Frescobaldi. Anglesis Rezeption bleibt daher schmal, aber fachlich ergiebig.
Sekundärliteratur
- Baker’s Biographical Dictionary of Musicians: Anglesi, Domenico. Kurzbiographie mit den vorsichtigen Lebensdaten, den Hofdienstangaben und dem Hinweis auf Arien und Bühnenwerke.
- Barker, Nicholas J.: Mottos and Metaphors: Towards an Interpretation of the Emblems in Frescobaldi’s Arie Musicali. In: Journal of Seventeenth-Century Music 25, 2019. Wichtig für den Vergleich von Frescobaldis und Anglesis Arienbuch und für die emblematische Druckkultur der Florentiner Arien.
- Fortune, Nigel: Studien zur italienischen Monodie und zur Arienkultur des frühen 17. Jahrhunderts. Für die Einordnung von Anglesis Libro primo d’arie musicali im Anschluss an Frescobaldi und die Florentiner Tradition einschlägig.
- Hill, John Walter: Le relazioni di Antonio Cesti con la corte e i teatri di Firenze. In: Rivista Italiana di Musicologia 11, 1976. Beitrag zum Florentiner Theatermilieu und zu den Beziehungen zwischen Hof, Oper und Musikern, in dem auch Anglesi erscheint.
- Kirkendale, Warren: The Court Musicians in Florence during the Principate of the Medici. Florenz 1993. Grundlegendes Werk zu den Musikern des mediceischen Hofes; wichtig für Anglesis Dienststellung, Hofzusammenhang und Datierung.
- Mamone, Sara: Serenissimi fratelli principi impresari. Notizie di spettacolo nei carteggi medicei. Florenz 2003. Quellenorientierte Studie zur Theater- und Festkultur der Medici-Prinzen und damit zum Umfeld Anglesis.
- Maretti, Andrea: Arbeiten zum Florentiner Theater des 17. Jahrhunderts und zur Entwicklung von der fürstlichen Bühne zur akademischen und öffentlichen Aufführungspraxis.
- Moniglia, Giovanni Andrea: Il mondo festeggiante. Florenz 1661. Primärquelle zum Pferdeballett mit Anglesis Musik, wichtig für höfische Festkultur, Text, Beschreibung und Bildüberlieferung.
- Rolland, Romain: Les origines du théâtre lyrique moderne. Paris 1895. Ältere, aber kulturhistorisch einflussreiche Darstellung zur Entstehung des modernen lyrischen Theaters, mit Erwähnung von La serva nobile und Domenico Anglesi.
- Schaal, Richard: Die vor 1801 gedruckten Libretti des Theatermuseums. In: Maske und Kothurn. Bibliographisch wichtig für Libretto- und Theaterquellen zu La serva nobile und Il mondo festeggiante.
- Weaver, Robert Lamar und Weaver, Norma Wright: A Chronology of Music in the Florentine Theater, 1590–1750. Detroit 1978. Chronologische Grundlage für Florentiner Theaterereignisse, darunter Anglesis Werke und Aufführungskontexte.
Ausgewählte Onlinequellen
- Archive.org: Il mondo festeggiante Digitalisat des gedruckten Festberichts zum Pferdeballett von 1661 mit Hinweis auf Domenico Anglesi als Komponisten der Musik.
- Baker / Encyclopedia.com: Anglesi, Domenico Englischsprachiger Kurzartikel mit Lebensdatenansatz, Hofdienst, Stellung bei Giovan Carlo de’ Medici, Bühnenwerken und Arienbuch von 1635.
- Christie’s: Scelta di Recitativi Auktions- und Handschriftenbeschreibung mit Einschätzung Anglesis als progressivem italienischem Songwriter und Hinweis auf den schmalen Werkbestand.
- HathiTrust: Il mondo festeggiante Katalogeintrag zum Festdruck von 1661 mit Angaben zu Aufführungsort, Datum, Stefano-della-Bella-Tafeln, Moniglia-Text und Anglesis Musik.
- INHA: Il mondo festeggiante Bibliographischer und digitaler Nachweis zum Pferdeballettdruck von 1661 in der französischen digitalen Kunstbibliothek.
- Museo internazionale e biblioteca della musica di Bologna: Libro primo d’Arie Musicali Katalogseite zum Florentiner Druck von 1635, Libro Primo d’Arie Musicali per cantarsi nel Gravicimbalo e Tiorba.
- Museo internazionale e biblioteca della musica di Bologna: Gaspari-Katalog Katalogübersicht mit Anglesis Libro Primo d’Arie Musicali von 1635.
- Musicalics: Domenico Anglesi Komponistenprofil mit knapper Werkübersicht zu Alidoro il costante, La serva nobile, Il mondo festeggiante und instrumentalen Spuren.
- Opéra Baroque: Liste des compositeurs d’opéra baroque Opernverzeichnis mit Datierungsansatz 1610/1615 bis 11. Mai 1674 in S. Romolo und Werkhinweis auf Alidoro il costante.
- Operone: Domenico Anglesi Deutschsprachige Komponistenseite mit Lebensdaten nach der späten Datierung und knapper Werkangabe zu Alidoro il costante und La serva nobile.
- Stanford Libraries: Opening Night! Opera Data Operndatenbank mit Nachweisen zu Alidoro il costante, Domenico Anglesi, Antonio Malatesti und Florenz 1650.
- Society for Seventeenth-Century Music: Barker, Mottos and Metaphors Fußnoten- und Quellenapparat einer Studie, der Anglesis Arienbuch von 1635 im Kontext der Florentiner Druck- und Emblemkultur nennt.
- WorldCat: La serva nobile Internationaler Katalogeintrag zum Libretto beziehungsweise Drucknachweis von La serva nobile mit Giovanni Andrea Moniglia und Domenico Anglesi.
Weiterführende Einträge
- Accademia degli Immobili Florentiner Akademie und Theatergesellschaft, in deren Umfeld La serva nobile und das Pergola-Theater stehen.
- Arie Vokalgattung, die bei Anglesi als einstimmige, continuo-begleitete Kammerarie erscheint.
- Barock Epoche, in der Anglesis Monodien, Bühnenwerke und Festmusiken kulturgeschichtlich zu verorten sind.
- Barockoper Musiktheaterform des 17. und 18. Jahrhunderts, deren florentinische Sonderentwicklung Anglesis Bühnenwerke berührt.
- Basso continuo Generalbasspraxis, die Anglesis Arien für Singstimme, Cembalo und Theorbe grundiert.
- Boboli-Garten Florentiner Hofraum, der für das Pferdeballett Il mondo festeggiante und mediceische Festkultur wichtig ist.
- Giulio Caccini Florentiner Sänger und Komponist, wichtiger Vorläufer der monodischen Arienkultur, in deren Nachgeschichte Anglesi steht.
- Camerata fiorentina Florentiner Kreis, dessen Monodie- und Opernexperimente den Hintergrund von Anglesis Arienkultur bilden.
- Francesco Cavalli Zentraler venezianischer Opernkomponist des 17. Jahrhunderts, wichtig als Vergleich zur florentinischen Bühnenkultur Anglesis.
- Cembalo Tasteninstrument, das im Titel von Anglesis Arienbuch als Begleitinstrument genannt wird.
- Antonio Cesti Opernkomponist und Sänger, dessen Florentiner Beziehungen den Theaterkontext Anglesis beleuchten.
- Dramma civile Bühnenform, zu der Anglesis La serva nobile ausdrücklich gezählt wird.
- Festkultur Höfische und städtische Repräsentationspraxis, in der Musik, Bühne, Bild und Zeremoniell zusammenwirken.
- Festmusik Musik für repräsentative Anlässe, Hochzeiten, Einzüge und höfische Großereignisse wie Il mondo festeggiante.
- Florenz Zentraler Wirkungsort Anglesis und eines der wichtigsten Zentren der frühen Opern- und Monodiekultur.
- Florentiner Oper Lokale Opern- und Theatertradition, in der Anglesis Bühnenwerke nach der frühen Camerata-Phase stehen.
- Girolamo Frescobaldi Komponist, dessen Florentiner Arien- und Tastenmusikumfeld für Anglesis Druck von 1635 wichtig ist.
- Giovan Carlo de’ Medici Kardinal und Theatermäzen, in dessen Haushalt und Theaterumfeld Anglesi tätig war.
- Generalbass Satz- und Begleitpraxis des Frühbarock, die Anglesis Arien für Cembalo und Theorbe trägt.
- Hofmusik Musikalische Praxis an fürstlichen Höfen, zu der Anglesis Dienst am mediceischen Hof gehört.
- Hofmusiker Berufsrolle zwischen Kammermusik, Bühne, Fest, Kirche und höfischer Repräsentation.
- Intermedium Musikalisch-szenische Zwischen- und Festform, die den Hintergrund der Florentiner Theaterkultur bildet.
- Komponist Autor musikalischer Werke; bei Anglesi in Kammerarie, Bühnenmusik und Festmusik greifbar.
- Giovanni Battista Landini Florentiner Drucker von Anglesis Libro primo d’arie musicali von 1635.
- Antonio Malatesti Dichter und Librettist von Alidoro il costante, das mit Anglesis Musik verbunden ist.
- Medici Florentiner Herrscherfamilie, deren Hof Anglesis wichtigste berufliche und kulturelle Umgebung bildete.
- Giovanni Andrea Moniglia Florentiner Dichter und Librettist von La serva nobile und Il mondo festeggiante.
- Monodie Einstimmiger, continuo-begleiteter Gesang, der für Anglesis Arienbuch von 1635 zentral ist.
- Oper Musiktheaterform, zu deren florentinischer Entwicklung Anglesis Bühnenwerke gehören.
- Teatro della Pergola Florentiner Theater der Accademia degli Immobili und wichtiger Aufführungsort im Umfeld Anglesis.
- Pferdeballett Höfische Festform, in der Reitkunst, Musik, Choreographie und Allegorie verbunden werden.
- Sologesang Vokale Aufführungspraxis, in der Anglesis Arien für eine Stimme und Continuo stehen.
- Theatergeschichte Historische Erforschung von Bühnenformen, Aufführungspraktiken, Institutionen und Repertoires.
- Theorbe Lauteninstrument, das im Titel von Anglesis Arienbuch als Begleitinstrument genannt wird.
- Toskana Italienischer Kulturraum, dessen großherzoglicher Hof Anglesis wichtigste Dienstumgebung war.