F. Andrieu

fl. um 1370–1380. Komponist der späten Ars nova beziehungsweise des Übergangs zur Ars subtilior; sein Name begegnet im Kern durch die Zuschreibung einer Doppelballade im Codex Chantilly F-CH 564.

Überblick

F. Andrieu ist ein spätmittelalterlicher Komponist der Zeit um 1370 bis 1380, dessen historische Gestalt fast vollständig hinter einem einzigen Werk verschwindet: der vierstimmigen Doppelballade Armes, amours / O flour des flours. Dieses Stück ist im Codex Chantilly überliefert und gehört zu den besonders aufschlussreichen Denkmälern der französischen Musik um den Tod Guillaume de Machauts. Die Komposition verbindet zwei Balladentexte von Eustache Deschamps zu einer musikalischen Déploration, also zu einem Klagestück auf einen verstorbenen Meister.

Biographisch ist über Andrieu nahezu nichts Sicheres bekannt. Der Vorname wird meist nur durch die Initiale F. angedeutet; daraus wurden in der Forschung die Formen François Andrieu oder Franciscus Andrieu erschlossen. Außerdem wurde diskutiert, ob F. Andrieu mit dem im Chantilly-Codex ebenfalls begegnenden Magister Franciscus identisch sein könnte. Diese Gleichsetzung bleibt vorsichtig zu behandeln, weil der gesicherte Werkbestand unter dem Namen F. Andrieu allein an Armes, amours / O flour des flours hängt.

Gerade diese extreme Knappheit der Überlieferung macht den Eintrag kulturgeschichtlich bedeutend. F. Andrieu steht exemplarisch für mittelalterliche Komponistennamen, die nicht durch Lebensberichte, Ämterlisten oder umfangreiche Œuvres, sondern durch einen einzigen Handschrifteneintrag sichtbar werden. Zugleich ist sein Werk keineswegs marginal: Die Doppelballade ist ein musikalisches Denkmal für Machaut, verbindet die Dichtung Deschamps’ mit dem mehrstimmigen Balladensatz und steht an einer Schwelle zwischen der älteren Ars nova und jener hochkomplexen Notations- und Klangkunst, die als Ars subtilior bezeichnet wird.

Kurzdaten

Name F. Andrieu.
Weitere Namensformen François Andrieu, Franciscus Andrieu, Andrieu F.; mögliche, aber nicht gesicherte Gleichsetzung mit Magister Franciscus.
Lebenszeit fl. um 1370–1380; konkrete Geburts- und Sterbedaten sind nicht überliefert.
Beruf Komponist der späten Ars nova beziehungsweise des Übergangs zur Ars subtilior, überliefert durch eine vierstimmige Doppelballade im Codex Chantilly.
Herkunft Wahrscheinlich französischer Kulturraum; eine genauere lokale Zuordnung ist nicht gesichert.
Hauptwerk Armes, amours, dames, chevalerie / O flour des flours de toute melodie, Doppelballade und Déploration auf den Tod Guillaume de Machauts.
Textgrundlage Zwei Balladen von Eustache Deschamps, die den Tod Machauts beklagen und Musik, Rhetorik, Dichtung, Ritterschaft und höfische Kultur zur Trauer aufrufen.
Quelle Codex Chantilly, Bibliothèque et Archives du Château de Chantilly, Musée Condé, Ms. 564, fol. 52r beziehungsweise im Werkbestand der Handschrift.
Gattung Vierstimmige Doppelballade, Déploration, mehrstimmige französische Chanson des späten 14. Jahrhunderts.
Datei andrieu-f.shtml

Name, Initiale und Identifikationsprobleme

Der Name F. Andrieu ist in der Forschung eine bewusst zurückhaltende Form. Die Initiale F. wurde häufig zu François oder Franciscus ergänzt, doch ein vollständig gesicherter Vorname ist nicht überliefert. Deshalb ist für das Kulturlexikon die Lemmaform F. Andrieu vorzuziehen. Sie hält die Quellenlage sichtbar und vermeidet eine Sicherheit, die die Handschrift selbst nicht bietet.

Die Form Franciscus Andrieu hängt auch mit der möglichen Gleichsetzung mit Magister Franciscus zusammen. Im Codex Chantilly begegnet neben F. Andrieu auch ein Komponist Magister Franciscus, dem andere Balladen zugeschrieben werden. Stilistische Nähe und chronologischer Zusammenhang haben die Vermutung ermöglicht, dass beide Namen dieselbe Person bezeichnen könnten. Diese Hypothese bleibt jedoch unsicher. Für das Werkverzeichnis dieser Seite werden daher nur die unter F. Andrieu gesichert geführten Stücke aufgenommen; Werke von Magister Franciscus werden lediglich im Abschnitt zur Identifikation erwähnt.

Die Dateibezeichnung folgt der allgemeinen Personenregel des Kulturlexikons: sichtbarer Name F. Andrieu, Datei andrieu-f.shtml. Das ist bei einem Initialennamen sachgerechter als eine künstliche Auflösung zu andrieu-francois.shtml, weil der vollständige Vorname nicht belastbar belegt ist.

Biographischer Horizont

Über das Leben F. Andrieus ist nichts im modernen biographischen Sinn bekannt. Es sind keine gesicherten Geburtsdaten, keine Sterbedaten, keine Dienstorte, keine Ämter und keine archivalischen Lebenszeugnisse greifbar. Der Komponist tritt fast ausschließlich durch eine handschriftliche Zuschreibung hervor. Diese Lage ist für das 14. Jahrhundert nicht ungewöhnlich. Viele Komponisten der späten mittelalterlichen Mehrstimmigkeit sind nur durch einzelne Handschriften, Rubriken oder Stückzuschreibungen bekannt.

Der zeitliche Horizont ergibt sich aus dem Inhalt der Doppelballade. Guillaume de Machaut starb 1377; die Texte Eustache Deschamps’ reagieren auf diesen Tod. F. Andrieus Vertonung muss also nach Machauts Tod oder zumindest in unmittelbarer Nähe zu diesem Gedächtniszusammenhang entstanden sein. Da der Codex Chantilly überwiegend Repertoire der späten zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts enthält, wird Andrieus Wirken gewöhnlich um 1370 bis 1380 beziehungsweise im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts angesetzt.

Die mögliche Herkunft aus dem französischen Raum ergibt sich aus Sprache, Repertoire, Gattung und Überlieferungszusammenhang. Die Texte sind französisch, die Gattung ist die französische Ballade, der Bezugspunkt ist Machaut, und der Codex Chantilly enthält ein internationales, aber stark frankophones Repertoire der spätmittelalterlichen höfischen und gelehrten Musikkultur. Eine präzisere lokale Zuordnung, etwa zu Paris, Reims, Nordfrankreich, Südwestfrankreich oder einem bestimmten Hof, wäre spekulativ.

Ausführlicher Kulturüberblick

F. Andrieu steht am Ende einer Epoche, in der die französische Musik des 14. Jahrhunderts eine außerordentliche Verdichtung von Dichtung, Notation, rhythmischer Theorie und mehrstimmiger Komposition erreichte. Die Ars nova hatte seit Philippe de Vitry und Guillaume de Machaut neue Möglichkeiten der Mensuralnotation, der rhythmischen Differenzierung und der mehrstimmigen Liedkunst hervorgebracht. Gegen Ende des Jahrhunderts entwickelten Komponisten und Schreiber diese Möglichkeiten zu einer besonders verfeinerten, oft hochkomplexen Kunst weiter, die später als Ars subtilior bezeichnet wurde.

Der Codex Chantilly ist eine der wichtigsten Quellen dieser Klang- und Notationswelt. Die Handschrift enthält Balladen, Rondeaux, Virelais, Motetten und andere polyphone Stücke, deren Notation teilweise ungewöhnliche Proportionen, rote Noten, komplexe Mensurationswechsel und graphische Kunstformen verwendet. In diesem Umfeld ist F. Andrieus Doppelballade weniger extrem als manche Stücke von Baude Cordier oder Solage, aber sie gehört zu demselben kulturellen Horizont: Musik wird nicht nur gehört, sondern gelesen, gesehen, analysiert und als Zeichen höchster intellektueller Kunst wahrgenommen.

Andrieus Werk ist zugleich ein Gedächtnisstück. Der Tod Machauts war für die französische Musik- und Dichtungskultur ein einschneidendes Ereignis. Machaut war nicht nur Komponist, sondern auch Dichter, Autor, Sänger, Theoretiker des eigenen Ruhms und eine Zentralfigur der formes fixes. Wenn F. Andrieu die beiden Deschamps-Balladen auf Machaut vertont, entsteht eine musikalische Gedenkform, die den verstorbenen Meister im Medium jener Kunst ehrt, die Machaut selbst entscheidend geprägt hatte.

Die Doppelballade ist dabei besonders angemessen. Machaut hatte die mehrstimmige Ballade zu einer der wichtigsten Gattungen der französischen Kunstmusik gemacht. Eine Doppelballade, in der zwei Texte gleichzeitig erklingen, ist eine gesteigerte Form der Hommage. Sie führt Trauer, Rhetorik, musikalische Kunst und kompositorische Komplexität zusammen. Der Tod Machauts wird nicht nur beklagt, sondern in der Form der Kunst beantwortet.

F. Andrieus Bedeutung liegt deshalb nicht in der Breite eines Œuvres, sondern in der historischen Konzentration eines einzelnen Werks. Armes, amours / O flour des flours ist eine Schnittstelle zwischen Autorengedächtnis, französischer Dichterkultur, musikalischer Memorialkunst, spätmittelalterlicher Mehrstimmigkeit und der handschriftlichen Sammlungsästhetik des Codex Chantilly.

Machaut, Deschamps und die musikalische Déploration

Die Doppelballade Armes, amours / O flour des flours ist eine Déploration, also ein Klagestück auf einen verstorbenen Künstler. Im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Musikleben entwickelte sich daraus eine wichtige Tradition. Komponisten beklagten den Tod anderer Komponisten, Lehrer oder Gönner nicht nur mit Worten, sondern in einer musikalischen Form, die den Rang des Verstorbenen durch kunstvolle Satztechnik bezeugte. Andrieus Werk gehört zu den frühen und besonders gewichtigen Beispielen dieser Memorialpraxis.

Die Texte stammen von Eustache Deschamps, einem der bedeutendsten französischen Dichter der Generation nach Machaut. Deschamps ruft in den Balladen verschiedene Gruppen zur Trauer auf: Waffen, Liebe, Damen, Ritterschaft, Kleriker, Musiker, Dichter, Sänger und alle, die den süßen Kunstbereich der Musik achten. Diese Aufzählung ist kulturgeschichtlich bemerkenswert, weil sie Machaut nicht nur als privaten Dichter, sondern als Zentrum einer umfassenden höfisch-literarischen und musikalischen Gemeinschaft erscheinen lässt.

F. Andrieu setzt diese beiden Texte nicht nacheinander, sondern gleichzeitig. Die eine Stimme beginnt mit Armes, amours, dames, chevalerie, die andere mit O flour des flours de toute melodie. Dadurch entsteht ein polytextueller Klangraum. Zwei Trauerreden überlagern sich, ohne sich einfach aufzulösen. Die Musik macht hörbar, dass Machauts Tod nicht nur ein einzelnes Ich betrifft, sondern eine Gemeinschaft verschiedener Künste und sozialer Gruppen.

Die Déploration ist zugleich eine Form der Nachfolge. Wer Machaut beklagt, stellt sich in seine Tradition. Andrieu ehrt Machaut, indem er eine Gattung verwendet, die Machaut selbst zur höchsten Kunstform geführt hatte. Das Gedenken ist daher nicht äußerlich, sondern formimmanent: Die Ballade beklagt den Meister der Ballade im Medium der Ballade.

Ars nova, Ars subtilior und der Chantilly-Codex

Die Einordnung F. Andrieus schwankt in der Forschung zwischen Ars nova und Ars subtilior. Das ist kein Widerspruch, sondern beschreibt eine Übergangssituation. Die Ars nova bildet den historischen und technischen Grund: Mensuralnotation, formes fixes, dreistimmige und vierstimmige Satzmodelle, textierte Oberstimmen, untextierte Tenor- und Contratenorpartien sowie die zentrale Rolle Machauts. Die Ars subtilior bezeichnet die spätere Verfeinerung, Verdichtung und Komplexitätssteigerung dieser Mittel im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts.

Der Codex Chantilly ist für diese spätere Phase von herausragender Bedeutung. Er bewahrt ein Repertoire, das vielfach höfisch, gelehrt, künstlich und notationsbewusst ist. Werke von Solage, Baude Cordier, Trebor, Jacob Senleches, Magister Franciscus, F. Andrieu und anderen zeigen, wie eng musikalischer Satz, graphische Notation, höfische Anspielung, intellektueller Witz und kulturelle Exklusivität zusammenhängen konnten.

Andrieus Doppelballade ist in diesem Umfeld ein Werk des Gedächtnisses und der Schwelle. Sie ist nicht das extremste Beispiel ars-subtiliorhafter Notationskunst, aber sie steht im selben Codex und beteiligt sich an derselben Kultur der verfeinerten Mehrstimmigkeit. Ihre Besonderheit liegt weniger in graphischer Extravaganz als in der Verbindung von Doppeltext, Memorialfunktion, vierstimmiger Anlage und Machaut-Bezug.

Form, Satztechnik und musikalische Besonderheiten

Armes, amours / O flour des flours ist eine vierstimmige Doppelballade. Die beiden oberen Stimmen tragen unterschiedliche Texte, während Tenor und Contratenor den Satz harmonisch und strukturell stützen. Diese Anlage erzeugt ein Geflecht aus zwei poetischen Ebenen und zwei tragenden Unterstimmen. Die Gleichzeitigkeit der Texte verlangt ein hohes Maß an kompositorischer Planung, weil beide Balladen in ihrer eigenen Syntax verständlich bleiben und zugleich musikalisch zusammenwirken müssen.

Die Gattung der Doppelballade ist selten. Sie verbindet die Formstrenge der Ballade mit der Kunst des simultanen Textsatzes. In Andrieus Fall ist die Doppelung nicht bloß technisches Spiel, sondern semantisch motiviert: Machauts Tod ruft mehrere Stimmen, Gruppen und Künste zur Trauer auf. Die musikalische Polytextualität spiegelt die soziale und künstlerische Vielstimmigkeit des Gedenkens.

Die vierstimmige Besetzung ist ebenfalls bedeutsam. Viele Balladen des 14. Jahrhunderts sind dreistimmig angelegt. Die vierstimmige Struktur mit zwei textierten Oberstimmen und zwei untextierten Stützstimmen gibt dem Werk ein monumentaleres Gewicht. Es handelt sich nicht um ein schlichtes Klagelied, sondern um eine kunstvolle Memorialarchitektur.

Die Musik erinnert in ihrer Gattung und in einzelnen Satzhaltungen an Machaut, ohne nur zu imitieren. Gerade diese Nähe ist für ein Gedenkwerk angemessen. Andrieu komponiert nicht gegen Machaut, sondern nach Machaut, über Machaut und im Bewusstsein von Machauts Autorität. Die Déploration wird damit zugleich ein Dokument der musikalischen Nachfolge.

Werkverzeichnis

Das Werkverzeichnis F. Andrieus ist außergewöhnlich knapp. Sicher unter seinem Namen überliefert ist nur ein Werk. Die mögliche Gleichsetzung mit Magister Franciscus würde den Werkbestand theoretisch erweitern, ist aber nicht gesichert und wird deshalb nicht als gesicherter Bestandteil des F.-Andrieu-Œuvres geführt.

Gesichert zugeschriebenes Werk

  • Armes, amours, dames, chevalerie / O flour des flours de toute melodie. Doppelballade, vierstimmig; Text von Eustache Deschamps; Déploration auf den Tod Guillaume de Machauts; überliefert im Codex Chantilly, Musée Condé, Ms. 564, im Werkbestand der Handschrift auf fol. 52r. Das Werk verbindet zwei Balladentexte in simultaner mehrstimmiger Setzung und gehört zu den frühesten gewichtigen Beispielen einer musikalischen Komponistenklage.

Werkcharakter und innere Gliederung

  • Gattung: Doppelballade innerhalb der französischen formes fixes.
  • Stimmenzahl: Vier Stimmen, mit zwei textierten Oberstimmen und zwei tragenden Unterstimmen.
  • Textincipits: Armes, amours, dames, chevalerie und O flour des flours de toute melodie.
  • Funktion: Déploration und musikalisches Gedächtnisstück auf Guillaume de Machaut.
  • Textautor: Eustache Deschamps.
  • Quelle: Codex Chantilly, F-CH 564.
  • Musikgeschichtliche Stellung: Übergang von der Machaut-Tradition der Ars nova zur verfeinerten polyphonen Kunst des späten 14. Jahrhunderts.

Unsichere Zuschreibungsumgebung

  • De Narcissus, home tres ourgilleus. Ballade, in der Forschung Magister Franciscus zugeschrieben; nur dann mit F. Andrieu in Verbindung zu bringen, wenn die hypothetische Gleichsetzung von F. Andrieu und Magister Franciscus akzeptiert wird. Für diese Seite wird das Werk nicht als gesicherte Komposition F. Andrieus gezählt.
  • Phiton, Phiton, beste tres venimeuse. Ballade, ebenfalls Magister Franciscus zugeschrieben; wegen möglicher, aber nicht gesicherter Identität mit F. Andrieu lediglich als Vergleichs- und Identifikationsproblem zu nennen.

Nicht erhaltene oder nicht nachweisbare Werke

  • Weitere Kompositionen F. Andrieus sind nicht sicher überliefert. Es gibt keinen belastbaren Nachweis für ein größeres Œuvre, keine Sammlung eigener Werke und keine gesicherte Werkgruppe außerhalb der Doppelballade.

Überlieferung, Handschrift und Quellenlage

Die zentrale Quelle für F. Andrieu ist der Codex Chantilly, Bibliothèque et Archives du Château de Chantilly, Musée Condé, Ms. 564. Die Handschrift gehört zu den wichtigsten Quellen der spätmittelalterlichen französischen Polyphonie und enthält ein Repertoire, das vor allem auf die Jahre um 1350 bis 1400 verweist. Sie umfasst zahlreiche Balladen, Rondeaux, Virelais und Motetten und bewahrt viele Werke der ars-subtilior-nahen Komponistenwelt.

Für Andrieus Werk ist die Handschrift nicht nur ein Überlieferungsträger, sondern fast die gesamte Grundlage der Autorschaft. Ohne den Codex Chantilly wäre der Name F. Andrieu kaum greifbar. Die Zuschreibung ist daher eng an ein bestimmtes Buchobjekt gebunden. Das bedeutet auch, dass jede Aussage über Andrieu methodisch zwischen Person, Rubrik, Werk und Handschrift unterscheiden muss.

Moderne Kataloge und Datenbanken fassen die Lage entsprechend knapp zusammen. DIAMM führt Andrieu als Andrieu, Franciscus mit den Varianten Magister Franciscus und F. Andrieu und nennt als Komposition Armes, amours / O flour des flours im Codex Chantilly. Die Medieval Music Database führt F. Andrieu ebenfalls im Wesentlichen über dieses eine Werk. Die BnF weist in der Beschreibung des Chantilly-Faksimiles sowohl Magister Franciscus als auch F. Andrieu im Komponistenkreis der Handschrift aus. Diese Nachweise bestätigen die zentrale, aber schmale Überlieferungslage.

Wirkung und Nachleben

F. Andrieu ist kein Komponist mit breiter Nachwirkung im Sinne eines umfangreichen Repertoires. Seine Wirkung beruht auf der besonderen Stellung eines einzigen Werks. Armes, amours / O flour des flours wird in der Forschung zur Déploration, zur Machaut-Rezeption, zur spätmittelalterlichen Ballade, zur Ars nova und zur Ars subtilior immer wieder herangezogen, weil es viele zentrale Fragen der Musikgeschichte des 14. Jahrhunderts bündelt.

Das Werk zeigt, wie ein Komponist durch die Vertonung fremder Texte auf den Tod eines überragenden Vorgängers reagieren konnte. Es ist damit ein frühes Beispiel jener langen europäischen Tradition, in der Musiker andere Musiker musikalisch betrauern. Spätere Komponistenklagen, Memorialmotetten und Trauergesänge stehen nicht direkt notwendig in einer Linie zu Andrieu, doch Armes, amours / O flour des flours gehört zu den frühen markanten Formen dieser Praxis.

In der modernen Aufführungspraxis erscheint Andrieu vor allem in Programmen zur Ars subtilior, zum Chantilly-Codex und zur Machaut-Rezeption. Ensembles für Alte Musik interpretieren die Doppelballade mit unterschiedlichen Besetzungen, teils vokal, teils mit Instrumentalstützen, teils in Rekonstruktionen der spätmittelalterlichen Aufführungspraxis. Jede Aufführung ist dabei eine moderne Annäherung an eine handschriftlich überlieferte Kunst, deren ursprüngliche Klangrealität nur teilweise rekonstruierbar ist.

Sekundärliteratur

  • Apel, Willi, Hrsg.: French Secular Compositions of the Fourteenth Century. Corpus Mensurabilis Musicae. American Institute of Musicology.
  • Boogaart, Jacques: Studien zur französischen Ballade, zu Machaut und zur Musik des späten 14. Jahrhunderts.
  • Cerquiglini-Toulet, Jacqueline: Armes et amours. Forme mémorielle et récriture du Moyen Âge à la Renaissance. In: Théories critiques et littérature de la Renaissance. Paris: Classiques Garnier, 2020.
  • Earp, Lawrence: A Companion to Guillaume de Machaut. Leiden und Boston: Brill, 2011.
  • Günther, Ursula: Der musikalische Stilwandel der französischen Liedkunst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Dissertation, Universität Hamburg, 1957.
  • Günther, Ursula: Studien zur Ars subtilior, zu spätmittelalterlicher Notation und zu den französischen Quellen um 1400.
  • Hoppin, Richard H.: Medieval Music. New York: W. W. Norton, 1978.
  • Leach, Elizabeth Eva: Arbeiten zu Guillaume de Machaut, spätmittelalterlicher Liedkunst, Autorschaft und Memorialformen.
  • Leach, Elizabeth Eva, Hrsg.: A Late Medieval Songbook and its Context. New Perspectives on the Chantilly Codex. Turnhout: Brepols, 2009.
  • Mühlethaler, Jean-Claude: Un poète face à sa postérité. Lecture des deux ballades de Deschamps pour la mort de Machaut. In: Studi francesi, 1989.
  • Plumley, Yolanda; Stone, Anne, Hrsg.: Codex Chantilly. Bibliothèque du château de Chantilly, Ms. 564. Faksimile. Turnhout: Brepols, 2008.
  • Reaney, Gilbert: Andrieu, F. In: Grove Music Online. Oxford University Press.
  • Reaney, Gilbert: The Manuscript Chantilly, Musée Condé 1047. In: Musica Disciplina, 8, 1954.
  • Sultan, Agathe: La mort écrite. Rites et rhétoriques du trépas au Moyen Âge. Paris: Presses de l’Université Paris-Sorbonne, 2005.
  • Upton, Elizabeth Randell: The Chantilly Codex (F-CH 564): The Manuscript, Its Music, Its Scholarly Reception. Dissertation, University of North Carolina at Chapel Hill, 2001.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Ars nova Musikgeschichtliche Epoche des 14. Jahrhunderts, aus deren Notations- und Formsystem Andrieus Doppelballade hervorgeht.
  • Ars subtilior Spätform der ars-nova-Kunst mit hochverfeinerter Rhythmik, Notation und höfischer Polyphonie, zentral für den Codex Chantilly.
  • Ballade Französische forme fixe des 14. Jahrhunderts und Grundgattung von Andrieus Armes, amours / O flour des flours.
  • Baude Cordier Komponist des Codex Chantilly, berühmt für graphisch außergewöhnliche Notationsformen wie herz- und kreisförmige Chansons.
  • Polyphone Chanson Mehrstimmiges französisches Lied, in dessen spätmittelalterlicher Entwicklung Andrieus Doppelballade steht.
  • Codex Chantilly Zentrale Handschrift der Ars subtilior und einziger Hauptüberlieferungsträger für F. Andrieus bekannte Doppelballade.
  • Contratenor Stimme der spätmittelalterlichen Mehrstimmigkeit, die in vierstimmigen Balladensätzen eine tragende strukturelle Funktion besitzt.
  • Déploration Musikalische Klage auf den Tod einer bedeutenden Person, bei Andrieu auf Guillaume de Machaut bezogen.
  • Eustache Deschamps Französischer Dichter, dessen Balladentexte Andriieu in der Machaut-Déploration vertonte.
  • Doppelballade Seltene Form, in der zwei Balladentexte simultan in einem mehrstimmigen Satz verbunden werden.
  • Formes fixes Französische Liedformen Ballade, Rondeau und Virelai, die für die Musik Machauts und seiner Nachfolger zentral waren.
  • Guillaume de Machaut Dichter und Komponist des 14. Jahrhunderts, dessen Tod Andrieus Doppelballade musikalisch beklagt.
  • Isomelie Wiederkehr melodischer Modelle und Strukturbeziehungen, die bei spätmittelalterlicher Liedanalyse eine Rolle spielen kann.
  • Isorhythmie Kompositionstechnik mit wiederkehrenden rhythmischen und melodischen Strukturen, wichtig für Motetten und die theoretische Umgebung der Ars nova.
  • Magister Franciscus Komponist im Umfeld des Codex Chantilly, dessen mögliche Identität mit F. Andrieu diskutiert, aber nicht gesichert ist.
  • Mensuralnotation Spätmittelalterliches Notationssystem, das die differenzierte Rhythmik von Ars nova und Ars subtilior ermöglichte.
  • Motette des 14. Jahrhunderts Mehrstimmige Gattung, die im selben Notations- und Repertoirekontext wie die Chantilly-Balladen steht.
  • Yolanda Plumley Musikwissenschaftlerin und Mitherausgeberin des modernen Chantilly-Faksimiles, wichtig für die Erforschung der Ars subtilior.
  • Polyphonie Mehrstimmigkeit, deren spätmittelalterliche Ausprägung in Andrieus vierstimmiger Doppelballade besonders deutlich wird.
  • Rondeau Französische forme fixe, die zusammen mit Ballade und Virelai den Liedhorizont des Codex Chantilly prägt.
  • Solage Komponist der Ars subtilior und einer der wichtigsten im Codex Chantilly vertretenen Namen.
  • Tenor Strukturelle Stimme mittelalterlicher Mehrstimmigkeit, die in Ballade, Motette und anderen Gattungen tragende Funktion besitzt.
  • Virelai Französische forme fixe, im Chantilly-Repertoire neben Ballade und Rondeau vertreten.