Andreas von Kreta

Auch Andreas Cretensis, Andreas von Jerusalem, Andreas der Melode, Andreas Melodos und Andrew of Crete; * um 660 in Damaskus; † 4. Juli, meist 740, in einzelnen Traditionen auch 720, 726 oder 712 genannt, auf Lesbos beziehungsweise bei Mytilene. Heiliger, Metropolit von Gortyna auf Kreta, byzantinischer Theologe, Homilet, Hymnendichter und Verfasser des Großen Bußkanons. Festtag: 4. Juli.

Überblick

Andreas von Kreta, genannt der Melode, war ein byzantinischer Heiliger, Metropolit von Gortyna auf Kreta, Theologe, Homilet und einer der bedeutendsten Hymnendichter der byzantinischen Kirche. Er wurde um 660 in Damaskus geboren und starb an einem 4. Juli, meist mit dem Jahr 740 verbunden, auf Lesbos beziehungsweise bei Mytilene. In katholischen, orthodoxen und byzantinisch-katholischen Kalendern wird sein Gedenktag am 4. Juli begangen.

Seine kulturgeschichtliche Bedeutung liegt vor allem in der byzantinischen Hymnographie. Andreas gilt als eine der prägenden Gestalten der Kanonform, also jener liturgischen Dichtungsform, die aus mehreren Oden besteht und im Orthros beziehungsweise in den byzantinischen Stundengebeten eine zentrale Rolle gewann. Sein berühmtestes Werk ist der Große Bußkanon, auch Großer Kanon oder Canon magnus, ein monumentaler Bußgesang der Großen Fastenzeit.

Der Große Kanon ist nicht nur wegen seiner Länge bekannt. Er entfaltet die gesamte Heilsgeschichte als Spiegel innerer Umkehr. Gestalten des Alten und Neuen Testaments werden nicht einfach erzählt, sondern auf die betende Seele bezogen. Adam, Eva, Kain, Abel, Noah, Abraham, Jakob, Mose, David, die Propheten, Christus, Maria, die Sünderinnen und Gerechten werden zu Beispielen, Gegenbildern und Mahnungen. Das liturgische Ich prüft sich an der Schrift und ruft immer wieder nach Erbarmen.

Andreas war zugleich ein bedeutender Prediger. Unter seinem Namen sind zahlreiche Homilien, Festpredigten und Panegyriken überliefert, deren Echtheit im Einzelnen nicht immer sicher ist. Sie behandeln christologische, marianische, heiligenliturgische und festtheologische Themen. Besonders wichtig sind Predigten zur Gottesmutter, zur Verklärung, zur Geburt Christi, zu Palmsonntag und zur Verehrung der heiligen Bilder. Dadurch steht Andreas nicht nur in der Geschichte der Musik und Liturgie, sondern auch in der Geschichte der byzantinischen Rhetorik und Theologie.

Als Kulturlexikon-Eintrag gehört Andreas von Kreta in mehrere Zusammenhänge: byzantinische Musik, Hymnographie, Kanonform, Bußpoesie, Fastenliturgie, patristische Predigt, Bilderverehrung und Heiligenkult. Sein Werk zeigt exemplarisch, wie im byzantinischen Christentum Dichtung, Theologie, Gesang, Liturgie, Schriftmeditation und seelische Selbstprüfung zu einer geschlossenen geistlichen Kunstform verbunden werden konnten.

Kurzdaten

Name Andreas von Kreta; auch Andreas Cretensis, Andreas von Jerusalem, Andreas der Melode, Andreas Melodos, Andrew of Crete und Andrew of Jerusalem.
Geburtsdatum Um 660; einzelne Traditionen setzen auch um 650 an, doch die Datierung um 660 ist im deutschen und internationalen Kirchenlexikongebrauch geläufig.
Geburtsort Damaskus in Syrien.
Sterbedatum 4. Juli; als Todesjahr werden 740, 720, 726 oder 712 genannt, wobei 740 in vielen modernen Darstellungen bevorzugt wird.
Sterbeort Lesbos, wahrscheinlich Mytilene oder Umgebung, auf der Rückreise von Konstantinopel nach Kreta.
Beruf Heiliger, Metropolit von Gortyna, Erzbischof von Kreta, byzantinischer Theologe, Homilet, Hymnendichter, Melode, Kanondichter und liturgischer Dichter.
Festtag 4. Juli in katholischer, orthodoxer und byzantinischer Tradition; in Kirchen mit julianischem Kalender fällt dieser Termin im bürgerlichen Kalender auf den 17. Juli.
Kirchliche Stellung Mönch im Jerusalemer Umfeld, Diakon, Vertreter Jerusalems in Konstantinopel, Archidiakon an der Großen Kirche und später Metropolit von Gortyna auf Kreta.
Wichtige Orte Damaskus, Jerusalem, Konstantinopel, Gortyna auf Kreta, Lesbos und Mytilene.
Hauptwerk Großer Bußkanon, auch Großer Kanon, Canon magnus oder Kanon der Reue genannt.
Hauptgattung Kanon, besonders Bußkanon; außerdem Homilien, Festpredigten, Panegyriken, Idiomela, Triodien, Irmoi und liturgische Hymnen.
Liturgischer Gebrauch Der Große Kanon wird in der orthodoxen und byzantinischen Tradition in Teilen in der ersten Fastenwoche und vollständig am Donnerstag der fünften Fastenwoche gesungen oder gelesen.
Theologische Themen Umkehr, Buße, Heilsgeschichte, alttestamentliche und neutestamentliche Exempla, Christusfrömmigkeit, Mariologie, Heiligenverehrung, Bilderverehrung, Predigt und orthodoxe Christologie.
Überlieferung Patrologia Graeca 97, byzantinische Triodien, liturgische Handschriften, patristische Homiliensammlungen, orthodoxe Gottesdienstbücher und moderne Übersetzungen.
Kulturgeschichtlicher Rang Eine der prägenden Gestalten der byzantinischen Hymnographie, besonders durch die Entfaltung der Kanonform und durch den Großen Bußkanon als Zentraltext der östlichen Fastenliturgie.

Namen, Beinamen und Einordnung

Der geläufige deutsche Name Andreas von Kreta bezeichnet ihn nach seiner späteren bischöflichen Wirkungsstätte auf Kreta. Die lateinische Form Andreas Cretensis ist in patristischen Ausgaben und älteren Lexika verbreitet. Die Bezeichnung Andreas von Jerusalem verweist auf seine frühe monastische und kirchliche Prägung im Jerusalemer Raum. Der Beiname der Melode hebt seine Rolle als liturgischer Dichter und Hymnograph hervor. In englischen Quellen begegnen Andrew of Crete und Andrew of Jerusalem.

Für das Kulturlexikon wird die verbreitete deutsche Lemmaform Andreas von Kreta verwendet. Da es sich um einen Heiligen ohne modernen Familiennamen handelt, folgt die Dateibezeichnung nicht der gewöhnlichen Familiennamenregel, sondern der geläufigen historischen Lemmaform: andreas-von-kreta.shtml. Diese Form ist für Leser, Suchmaschinen und interne Verweise am eindeutigsten.

Andreas ist von anderen Heiligen und Autoren namens Andreas zu unterscheiden, besonders von Andreas dem Apostel, dem kretischen Märtyrer Andreas aus der ikonoklastischen Zeit und weiteren byzantinischen Autoren. Kennzeichnend für Andreas von Kreta sind die Verbindung von Damaskus, Jerusalem, Konstantinopel und Gortyna, die Rolle als Metropolit von Kreta und vor allem die Zuschreibung des Großen Kanons.

Leben

Andreas wurde um 660 in Damaskus geboren. Die hagiographische Überlieferung erzählt, er sei als Kind bis zum siebten Lebensjahr stumm gewesen und habe erst nach dem Empfang der Eucharistie sprechen können. Diese Erzählung ist weniger als moderne medizinische Nachricht zu lesen als vielmehr als heilsgeschichtliches Motiv: Der spätere Hymnendichter erhält seine Sprache durch das Sakrament und stellt sie fortan in den Dienst der Kirche.

Im Jugendalter ging Andreas nach Jerusalem. Dort trat er in das monastische Umfeld der Grabeskirche beziehungsweise in die Jerusalemer Kirchenstruktur ein. Die frühe Bindung an Jerusalem erklärt, warum er auch Andreas von Jerusalem genannt wird. Jerusalem war für seine spätere Hymnographie wichtig, weil der Große Kanon die biblische Heilsgeschichte nicht abstrakt behandelt, sondern mit einer intensiven geistlichen Topographie verbindet: Schrift, Tempel, Wüste, Buße, Exodus, Kreuz und Auferstehung werden zu inneren Stationen der Seele.

Im Jahr 685 wurde Andreas als Diakon von Jerusalem nach Konstantinopel gesandt. Der Auftrag stand im Zusammenhang mit dem sechsten ökumenischen Konzil, also dem dritten Konzil von Konstantinopel, das sich mit dem Monotheletismus auseinandersetzte. Andreas blieb anschließend in Konstantinopel, wo er an der Großen Kirche, also im Umfeld der Hagia Sophia, wirkte. Die Quellen nennen ihn dort als Diakon, Archidiakon und als Verantwortlichen für karitative Einrichtungen wie Waisen- und Altenhäuser.

Später wurde Andreas Metropolit von Gortyna auf Kreta. Gortyna war ein bedeutender kirchlicher Ort der Insel. In diesem Amt verband Andreas bischöfliche Leitung, Predigt, liturgische Dichtung und praktische Seelsorge. Er wird in der Tradition als Bischof dargestellt, der Kirchen erneuerte, Bedürftige versorgte und die Gläubigen durch Predigt und Hymnographie zur Umkehr führte.

Seine Haltung in der christologischen Streitgeschichte ist komplex. Andreas stand grundsätzlich auf der Seite der orthodoxen Lehre des sechsten ökumenischen Konzils, doch wird berichtet, dass er 712 an einer monotheletisch beeinflussten Synode unter Kaiser Philippikos Bardanes teilnahm beziehungsweise deren Beschlüsse nicht entschieden zurückwies. Nach dem Sturz des Kaisers kehrte er zur orthodoxen Position zurück. Diese Episode ist für die historische Einordnung wichtig, weil sie Andreas nicht als zeitlosen Symbolheiligen, sondern als Bischof in den Spannungen byzantinischer Kirchenpolitik zeigt.

Andreas starb an einem 4. Juli, nach verbreiteter Datierung 740, auf Lesbos beziehungsweise bei Mytilene, offenbar auf der Rückreise von Konstantinopel nach Kreta. Die abweichenden Todesjahre 720, 726 und 712 zeigen, dass die Chronologie im Detail unsicher bleibt. Für die Kulturlexikon-Darstellung ist daher eine vorsichtige Formulierung angemessen: gestorben am 4. Juli, meist 740 datiert, mit abweichenden älteren oder traditionsgeschichtlichen Datierungen.

Kulturüberblick

Andreas von Kreta steht im byzantinischen 7. und 8. Jahrhundert, einer Zeit tiefgreifender kirchlicher, politischer und liturgischer Umbrüche. Das Byzantinische Reich musste sich mit islamischer Expansion, innerkirchlichen christologischen Streitigkeiten, monastischen Reformbewegungen und später dem Bilderstreit auseinandersetzen. In dieser Welt erhielt die Liturgie eine besondere Bedeutung: Sie wurde zum Ort der theologischen Erinnerung, der kirchlichen Identität und der geistlichen Selbstdeutung.

Die byzantinische Hymnographie entwickelte in dieser Zeit neue Formen. Das ältere Kontakion, das besonders mit Romanos dem Meloden verbunden ist, trat allmählich gegenüber dem Kanon zurück. Der Kanon besteht aus Oden, die sich an den biblischen Cantica orientieren. Andreas gehört zu den entscheidenden Autoren dieser neuen Form. Er erweiterte kurze Refrain- und Strophenstrukturen zu umfangreichen poetisch-theologischen Meditationen.

Sein Werk zeigt, dass liturgische Dichtung nicht bloß Schmuck des Gottesdienstes ist. Der Kanon ist Theologie in gesungener Form. Er verbindet Schriftlektüre, Dogmatik, Rhetorik, Affekt, Askese und gemeinschaftliche Feier. In Andreas’ Großem Kanon wird die Bibel zu einem Spiegel der eigenen Seele. Die Vergangenheit der Heilsgeschichte wird liturgisch Gegenwart.

Andreas gehört auch in die Geschichte der östlichen Bußkultur. Die Große Fastenzeit ist in der byzantinischen Tradition nicht nur eine Zeit äußerer Enthaltsamkeit, sondern eine Schule der Umkehr. Der Große Kanon gibt dieser Umkehr eine dichterische Stimme. Er spricht im Singular, aber wird gemeinschaftlich gesungen. Dadurch entsteht eine besondere Spannung: Die einzelne Seele bekennt sich, während die Kirche als Ganze betet.

Kulturgeschichtlich ist Andreas daher nicht nur ein Kirchenautor. Er ist ein Dichter der inneren Bewegung. Seine Sprache macht aus Theologie eine dramatische Selbstprüfung. Die Wirkung seiner Hymnen reicht weit über den historischen Autor hinaus, weil sie bis heute in der orthodoxen und byzantinischen Liturgie lebendig sind.

Hymnographie und Kanonform

Andreas von Kreta wird häufig als Begründer oder entscheidender Ausgestalter der byzantinischen Kanonform bezeichnet. Diese Form ist aus neun Oden aufgebaut, die auf biblische Cantica bezogen sind. Jede Ode beginnt im Normalfall mit einem Irmos, der das metrische und melodische Modell vorgibt; danach folgen Troparien, die das Thema entfalten. In der liturgischen Praxis werden diese poetischen Strophen mit Refrainen verbunden und in den Gang des Orthros oder anderer Gottesdienste eingefügt.

Die besondere Leistung Andreas’ liegt darin, die biblischen Oden nicht nur als formales Gerüst zu verwenden, sondern sie in eine große heilsgeschichtliche und seelische Dramaturgie zu verwandeln. Die einzelnen biblischen Gestalten werden zu Gesprächspartnern des betenden Ichs. Der Text fragt nicht: Was geschah damals? Er fragt: Was bedeutet dies für meine Seele?

Die Kanonform bot Andreas große Freiheit. Er konnte lange Folgen von Troparien schaffen, alttestamentliche und neutestamentliche Szenen nebeneinanderstellen, Typologie entfalten, Affekte steigern und immer wieder zur Bußbitte zurückkehren. Gerade diese Verbindung von strenger liturgischer Form und ausgreifender poetischer Bewegung macht seinen Stil aus.

Als Hymnendichter wirkt Andreas zwischen Romanos dem Meloden und den großen Kanondichtern des 8. Jahrhunderts, besonders Johannes von Damaskus und Kosmas von Majuma. Seine Dichtung bereitete den Weg für eine Hymnographie, die das byzantinische Stundengebet über Jahrhunderte prägte.

Der Große Bußkanon

Der Große Bußkanon ist das berühmteste Werk Andreas’ und eines der bedeutendsten Werke der byzantinischen Hymnographie. Er umfasst nach liturgischer Zählung etwa 250 Troparien in neun Oden und ist damit der längste Kanon der byzantinischen Tradition. Sein Thema ist die Umkehr der Seele zu Gott. Der Text wird in der Großen Fastenzeit gelesen beziehungsweise gesungen: in Teilen an den ersten vier Abenden der ersten Fastenwoche und vollständig am Donnerstag der fünften Fastenwoche.

Seine Größe liegt nicht nur in der Zahl der Strophen. Der Kanon entfaltet eine geistliche Enzyklopädie der Schrift. Die betende Seele begegnet Adam, Eva, Kain, Abel, Seth, Henoch, Noah, Abraham, Isaak, Jakob, Esau, Josef, Mose, Aaron, Mirjam, Josua, den Richtern, Königen, Propheten, Ninive, David, Salomo, Christus, der Gottesmutter und zahlreichen neutestamentlichen Gestalten. Die biblischen Beispiele werden nicht historisch distanziert erzählt, sondern moralisch und existentiell angewendet.

Das Grundverfahren ist die innere Anrede. Das Ich spricht zu sich selbst, zur eigenen Seele, zu Christus, zur Gottesmutter, zu Maria von Ägypten und zu Andreas. Dadurch entsteht ein dramatischer Bußdialog. Die Seele wird angeklagt, ermahnt, getröstet und zur Umkehr gerufen. Die wiederkehrende Bitte um Erbarmen verankert die poetische Bewegung im Gebet.

In der orthodoxen Liturgie wird der Große Kanon eng mit der heiligen Maria von Ägypten verbunden. Am Donnerstag der fünften Fastenwoche wird die Vita der Maria von Ägypten gelesen, während der Große Kanon vollständig gesungen wird. Dadurch entsteht eine Verbindung von dichterischer Selbstanklage und konkretem Heiligenbeispiel: Maria von Ägypten verkörpert die Möglichkeit radikaler Umkehr.

Der Große Kanon ist zugleich ein Schlüsseltext für das Verständnis byzantinischer Bibelauslegung. Die Schrift wird typologisch gelesen. Alttestamentliche Figuren sind nicht nur Vergangenheit, sondern geistliche Muster. Negative Beispiele warnen, positive Beispiele weisen den Weg. Die gesamte Heilsgeschichte wird zu einer inneren Landkarte der Buße.

Predigt, Theologie und Bilderverehrung

Andreas von Kreta war nicht nur Hymnograph, sondern auch ein bedeutender Prediger. Die patristische Überlieferung nennt zahlreiche Homilien, Festreden und Panegyriken. Sie behandeln unter anderem die Geburt der Gottesmutter, die Darstellung, die Verkündigung, die Geburt Christi, die Beschneidung, Palmsonntag, die Verklärung, die Entschlafung Mariens, Johannes den Täufer, Nikolaus von Myra und weitere Heiligenfeste. Die Echtheit ist nicht bei allen unter seinem Namen laufenden Texten gleichermaßen gesichert.

Seine Predigtsprache gehört zur byzantinischen Rhetorik. Sie ist reich an Bildern, Antithesen, Steigerungen, typologischen Verknüpfungen und feierlicher Klanggestalt. Wie seine Hymnen sind auch seine Homilien nicht nur Information, sondern geistliche Aufführung. Der Prediger führt die Gemeinde in das Festgeheimnis hinein und macht die Liturgie rhetorisch durchsichtig.

Besonders wichtig ist Andreas’ Stellung zur Bilderverehrung. Unter seinem Namen ist eine Schrift beziehungsweise Predigt über die Verehrung der heiligen Bilder überliefert. Sie steht im Horizont des beginnenden byzantinischen Bilderstreits. Andreas wird in der Tradition als Verteidiger der Bilderverehrung wahrgenommen. Diese Haltung passt zu seiner gesamten Theologie: Das Heil wird sichtbar, hörbar und liturgisch erfahrbar. Bild, Hymne und Predigt sind verschiedene Formen der Vergegenwärtigung.

Seine Theologie ist stark christologisch und heilsgeschichtlich. Christus ist derjenige, in dem die biblischen Figuren ihre Erfüllung finden; die Gottesmutter ist der Ort der Menschwerdung; die Heiligen sind Beispiele verwandelter Existenz. Andreas denkt nicht systematisch im modernen Sinn, sondern liturgisch-rhetorisch. Seine Dogmatik erscheint als Gebet, Lob, Klage, Anrede und Festrede.

Werk- und Überlieferungsverzeichnis

Die Überlieferung unter dem Namen Andreas von Kreta ist umfangreich, aber nicht in jedem Einzelstück sicher. Die Patrologia Graeca 97 enthält eine große Sammlung von Reden, Homilien, Kanones, Idiomela und weiteren liturgischen Texten. Moderne Forschung unterscheidet zwischen sichereren, wahrscheinlichen, zugeschriebenen und zweifelhaften Werken. Die folgende Übersicht ist daher als vollständiges Kulturlexikon-Arbeitsverzeichnis der wichtigsten unter seinem Namen überlieferten Werkgruppen, liturgischen Titel und Forschungsbereiche angelegt.

Großer Bußkanon Hauptwerk Andreas’ und längster Kanon der byzantinischen Tradition. Er umfasst etwa 250 Troparien in neun Oden, wird in der Großen Fastenzeit verwendet und entfaltet die Heilsgeschichte als inneren Weg der Umkehr.
Canon magnus Lateinische Bezeichnung des Großen Kanons in patristischen und liturgiewissenschaftlichen Kontexten. Der Titel entspricht dem griechischen und kirchenslawischen Verständnis des Werkes als „Großer Kanon“.
Kanon der Reue Inhaltliche Bezeichnung des Großen Kanons. Sie hebt die persönliche und kirchliche Bußdimension hervor.
Kanon für die Auferweckung des Lazarus Andreas zugeschriebener beziehungsweise in der Überlieferung mit ihm verbundener Kanon für den Lazarus-Samstag beziehungsweise den liturgischen Zusammenhang vor Palmsonntag.
Kanon zur Empfängnis der heiligen Anna Kanon für das Fest der Empfängnis der Gottesmutter durch Anna, in der Überlieferung als Werk Andreas’ genannt.
Kanon zur Geburt der Gottesmutter Marianischer Kanon zur Geburt der Gottesmutter. Die marianische Theologie ist in Andreas’ Homilien und Hymnen besonders stark vertreten.
Kanon zur Geburt Christi Andreas zugeschriebener Kanon für das Weihnachtsfest beziehungsweise den Festkreis der Geburt Christi.
Kanon für die Makkabäischen Märtyrer Kanon für das Fest der Makkabäischen Märtyrer am 1. August, in Werklisten Andreas’ genannt.
Kanon für Ignatius von Antiochien Kanon für den heiligen Ignatius von Antiochien, in der orthodoxen und patristischen Überlieferung unter den Andreas zugeschriebenen Werken genannt.
Kanon in medium Pentecosten Kanon für die Mitte der Pfingstzeit beziehungsweise Mid-Pentecost. In der Patrologia Graeca unter den Werken Andreas’ überliefert.
Triodien Drei- beziehungsweise vierodige Hymnen für die Fasten- und Passionszeit. Andreas werden mehrere Triodien zugeschrieben, besonders im Zusammenhang der Karwoche und des Fastentriodions.
Drei Oden für Palmsonntag Andreas zugeschriebene Oden für den Palmsonntag. Sie verbinden die liturgische Feier des Einzugs Christi in Jerusalem mit der dichterischen Form des Kanons.
Hymnen für die Karwoche Werkgruppe aus Triodien, Troparien und liturgischen Strophen, die Andreas im byzantinischen Fest- und Fastenzyklus zugeschrieben werden.
Kanon für Ostern Ein Andreas zugeschriebener Osterkanon wird in der Forschung erwähnt, ist aber im heutigen liturgischen Standardgebrauch nicht in derselben Weise präsent wie der Große Kanon.
Idiomela varia Verschiedene Idiomela, also liturgische Einzelstrophen mit eigener Melodie. Die Patrologia Graeca überliefert unter Andreas’ Namen eine Gruppe solcher Texte.
Irmoi Irmoi beziehungsweise metrisch-melodische Anfangsstrophen von Oden. Andreas werden zahlreiche Irmoi zugeschrieben, die für die Entwicklung der Kanonform wichtig sind.
Troparien Liturgische Kurzstrophen, die in Kanones, Festoffizien und Bußgottesdiensten verwendet werden. Andreas’ Werk ist stark durch solche Troparien geprägt.
Verse für Hypapante Andreas zugeschriebene Verse für das Fest der Darstellung des Herrn beziehungsweise Begegnung des Herrn im Tempel.
Homilien zur Geburt der Gottesmutter Marianische Predigten zur Geburt Mariens, die zu den bekannteren unter Andreas’ Namen überlieferten Homilien gehören.
Homilien zur Verkündigung Predigten zur Verkündigung an Maria. Die Verkündigung ist für Andreas’ Theologie der Menschwerdung und Mariologie zentral.
Homilien zur Entschlafung der Gottesmutter Predigten zur Dormitio beziehungsweise Entschlafung Mariens. In patristischen Verzeichnissen und modernen Editionsdatenbanken wird diese Werkgruppe besonders deutlich greifbar.
Homilie zur Geburt Christi Festpredigt zur Geburt Christi, in der Menschwerdung, Heilsgeschichte und liturgisches Festgedächtnis rhetorisch entfaltet werden.
Homilie zur Beschneidung Christi Festpredigt zur Beschneidung beziehungsweise zum achten Tag nach der Geburt Christi, im byzantinischen Festkreis theologisch bedeutsam.
Homilie zu Palmsonntag Predigt zum Einzug Christi in Jerusalem. Sie steht am Übergang vom festlichen Empfang zur Passion.
Homilie zur Verklärung Predigt zur Verklärung Christi auf dem Tabor. Die Verklärung eignet sich besonders für Andreas’ Licht-, Christus- und Erscheinungstheologie.
Homilie zu Johannes dem Täufer Predigt beziehungsweise Festrede zu Johannes dem Vorläufer, in der asketische, prophetische und heilsgeschichtliche Motive zusammenkommen.
Homilie zur Enthauptung Johannes des Täufers Unter Andreas’ Namen überlieferte Predigt zur Enthauptung des Täufers, im byzantinischen Festkalender ein wichtiger Buß- und Märtyrertag.
Enkomion auf Nikolaus von Myra Lobrede auf den heiligen Nikolaus, in patristischen Katalogen und modernen Textüberlieferungen unter Andreas’ Namen bekannt.
Enkomion auf Georg den Großmärtyrer Festrede beziehungsweise Lobrede auf den heiligen Georg, in der hagiographischen Überlieferung Andreas zugeschrieben.
Laudatio martyrum Cretensium Lobrede auf kretische Märtyrer, in der Forschung als einzelner Text der Andreas-Überlieferung behandelt.
De sanctarum imaginum veneratione Schrift beziehungsweise Predigt über die Verehrung der heiligen Bilder. Sie ist für die Stellung Andreas’ im Umfeld des Bilderstreits und der Ikonologie wichtig.
Orationes 1–17 und 19–21 In der Patrologia Graeca überlieferte Reden beziehungsweise Orationen unter Andreas’ Namen. Die Echtheit ist im Einzelnen zu prüfen, doch die Gruppe bildet einen wichtigen Teil des patristischen Andreas-Korpus.
Homiliae variae Verschiedene Homilien, die in patristischen Sammlungen unter seinem Namen laufen. Sie umfassen Fest-, Heiligen- und dogmatische Predigten.
Iambi in Agathonem Iambisches Gedicht auf den Diakon Agatho, in der Forschung mit Andreas’ Rückkehr zur orthodoxen Position nach der monotheletischen Episode verbunden.
Patrologia Graeca 97 Zentrale ältere Drucküberlieferung der Werke Andreas’ mit Reden, Homilien, Kanones, Idiomela und weiteren Texten. Die Sammlung ist für die Werkgeschichte grundlegend, ersetzt aber keine moderne Echtheitskritik.
Fastentriodion Liturgisches Buch der Großen Fastenzeit, in dem der Große Kanon und weitere mit Andreas verbundene Hymnen ihren gottesdienstlichen Ort haben.
Moderne Übersetzungen des Großen Kanons Der Große Kanon liegt in mehreren modernen Sprachen vor, darunter Deutsch, Englisch, Kirchenslawisch und weitere orthodoxe Gebrauchssprachen. Die Übersetzungen dienen sowohl dem Gottesdienst als auch der geistlichen Lektüre.
Zweifelhafte und pseudepigraphe Werke Unter dem Namen Andreas von Kreta laufen auch Texte, deren Echtheit umstritten ist. Eine vollständige wissenschaftliche Erfassung muss daher zwischen sicherem, wahrscheinlichem und nur zugeschriebenem Bestand unterscheiden.

Rezeption und Bedeutung

Die Rezeption Andreas’ ist vor allem liturgisch. Der Große Kanon wird nicht nur als historisches Werk gelesen, sondern bis heute gesungen und gebetet. In der orthodoxen und byzantinisch-katholischen Fastenzeit gehört er zu den stärksten Texten der Umkehrliturgie. Seine Wirkung entsteht aus der Verbindung von Länge, Wiederholung, biblischer Fülle, dichterischer Selbstanklage und gemeinschaftlicher Aufführung.

Andreas prägte außerdem die Entwicklung der Kanonform. Nach ihm wurde der Kanon zu einer Hauptform byzantinischer Hymnographie. Spätere Dichter wie Johannes von Damaskus und Kosmas von Majuma führten die Form weiter und gaben ihr klassische Gestalt. Andreas erscheint dadurch als Übergangs- und Gründungsfigur: Er steht zwischen älterer Hymnentradition und der ausgereiften byzantinischen Kanonkunst.

In der westlichen Wahrnehmung war Andreas lange weniger bekannt als in der orthodoxen Liturgie. Erst durch patristische Ausgaben, Übersetzungen des Großen Kanons, liturgiewissenschaftliche Studien und ökumenisches Interesse an der Ostkirche wurde seine Bedeutung breiter sichtbar. Heute wird er nicht nur als Heiliger, sondern auch als bedeutender Dichter der christlichen Spätantike beziehungsweise des frühen Byzantinismus gelesen.

Seine Bedeutung für ein Kulturlexikon liegt in der seltenen Verbindung von Dichtung, Musik, Theologie und Ritual. Der Große Kanon ist kein Gedicht im modernen privatliterarischen Sinn, aber auch kein bloßer Gebrauchstext. Er ist eine liturgische Großform, in der der Mensch vor Gott, vor der Schrift und vor sich selbst steht. Diese Form hat eine eigene ästhetische Macht: Sie macht Reue hörbar.

Sekundärliteratur

  • Giannouli, Antonia: Die beiden byzantinischen Kommentare zum Großen Kanon des Andreas von Kreta, Wien 2007. Grundlegende Studie zur Kommentarüberlieferung und Auslegung des Großen Kanons.
  • Leśniewski, Krzysztof: The Great Canon of St. Andrew of Crete. Scriptural, Liturgical and Hesychastic Invitation for an Encounter with God, in: Vox Patrum 38, 2018. Studie zur biblischen, liturgischen und hesychastischen Dimension des Großen Kanons.
  • Migne, Jacques-Paul: Patrologia Graeca, Bd. 97. Ältere Grundausgabe der unter Andreas von Kreta überlieferten Reden, Homilien und Hymnen.
  • Kirchhoff, Kilian: Die Ostkirche betet, Bd. 3, Leipzig 1936. Deutsche Übersetzung und geistliche Vermittlung ostkirchlicher Gebetstexte, darunter der Große Kanon.
  • Maltzew, Aleksej: Andachtsbuch der orthodox-katholischen Kirche des Morgenlandes, Berlin 1895. Ältere deutsch-russische Übersetzungsquelle für ostkirchliche liturgische Texte.
  • Lexikon für Theologie und Kirche: Artikel zu Andreas von Kreta, zur byzantinischen Hymnographie und zur Kanonform.
  • Lexikon der antiken christlichen Literatur: Artikel zu Andreas von Kreta als Hymnograph, Homilet und byzantinischer Kirchenautor.
  • Brill-Handbuchbeiträge zur byzantinischen Hymnographie und zur liturgischen Selbstformung im Großen Kanon.
  • Studien zur byzantinischen Mariologie und Homiletik, besonders zu den Homilien auf die Geburt, Verkündigung und Entschlafung der Gottesmutter.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Byzantinische Hymnographie Dichterisch-musikalische Tradition, in der Andreas von Kreta eine zentrale Rolle als Kanondichter spielt.
  • Byzantinische Liturgie Gottesdienstlicher Rahmen des Großen Kanons und der übrigen Hymnen Andreas’.
  • Byzantinische Musik Musikalische Tradition der Ostkirche, in der Hymnographie, Modus, Choral und liturgische Dichtung zusammenwirken.
  • Damaskus Geburtsort Andreas’ und wichtiger spätantiker beziehungsweise frühbyzantinischer Kulturraum.
  • Fastentriodion Liturgisches Buch der Großen Fastenzeit, in dem der Große Kanon seinen gottesdienstlichen Ort hat.
  • Gortyna Metropolitansitz auf Kreta, mit dem Andreas’ bischöfliche Tätigkeit verbunden ist.
  • Große Fastenzeit Liturgische Bußzeit, in der der Große Kanon des Andreas von Kreta besonders wichtig ist.
  • Großer Kanon Monumentaler Bußkanon Andreas’ und einer der einflussreichsten Texte der byzantinischen Fastenliturgie.
  • Hagia Sophia Große Kirche von Konstantinopel, in deren Umfeld Andreas nach seiner Jerusalemer Sendung wirkte.
  • Heiliger Kirchliche Verehrungsform, durch die Andreas in katholischer, orthodoxer und byzantinischer Tradition erinnert wird.
  • Homiletik Predigtkunst, in der Andreas als byzantinischer Festredner und theologischer Rhetor hervortritt.
  • Hymnendichter Dichter liturgischer Gesänge, zu deren bedeutendsten byzantinischen Vertretern Andreas gehört.
  • Ikonoklasmus Byzantinischer Bilderstreit, in dessen Umfeld die unter Andreas’ Namen überlieferte Bilderverehrungsschrift wichtig ist.
  • Irmoi Metrisch-melodische Anfangsstrophen der Oden eines Kanons, deren Entwicklung mit Andreas’ Hymnographie verbunden ist.
  • Johannes von Damaskus Byzantinischer Theologe und Hymnendichter, der die Kanonform nach Andreas weiter prägte.
  • Kanon Byzantinische Hymnenform aus Oden und Troparien, deren Ausgestaltung wesentlich mit Andreas von Kreta verbunden ist.
  • Kontakion Ältere byzantinische Hymnenform, gegenüber der sich der Kanon als neue Hauptform des Orthros durchsetzte.
  • Kosmas von Majuma Byzantinischer Kanondichter, der zusammen mit Johannes von Damaskus zur klassischen Ausformung der Kanonhymnographie gehört.
  • Kreta Insel und kirchlicher Wirkungsraum Andreas’ als Metropolit von Gortyna.
  • Lesbos Insel, auf der Andreas nach der Tradition auf der Rückreise nach Kreta starb.
  • Maria von Ägypten Heilige der Umkehr, deren Vita in der Liturgie des Großen Kanons eine zentrale Rolle spielt.
  • Melode Byzantinischer Ehrentitel für liturgische Dichter und Sänger, der Andreas’ Rolle als Hymnograph bezeichnet.
  • Monotheletismus Christologische Streitfrage des 7. und frühen 8. Jahrhunderts, die auch Andreas’ kirchenpolitischen Kontext betrifft.
  • Mytilene Stadt auf Lesbos, die in der Überlieferung mit Andreas’ Tod verbunden wird.
  • Orthros Morgengottesdienst der byzantinischen Tradition, in dem Kanones liturgisch verankert sind.
  • Patrologia Graeca Ältere patristische Großedition, deren Band 97 wichtige Texte unter Andreas’ Namen enthält.
  • Romanos der Melode Früher byzantinischer Hymnendichter des Kontakions, dessen Tradition der Kanon später ablöste und weiterführte.
  • Troparion Liturgische Kurzstrophe, aus der die Oden des Kanons aufgebaut sind.
  • Verklärung Christi Festthema einer Andreas zugeschriebenen Homilie und wichtiger Gegenstand byzantinischer Lichttheologie.