John Anderson

* 1737, Datum und Ort unbekannt; † 5. Juni 1808 in Inverness, Schottland. Schottischer Komponist, Musiker, Musikhändler, Musikverleger und Herausgeber von Tanzmusiksammlungen.

Überblick

John Anderson war ein schottischer Komponist, Musiker, Musikverleger, Musikhändler und Herausgeber von gedruckten Tanzmusiksammlungen des späten 18. Jahrhunderts. Er gehört nicht zu den großen europäischen Konzertkomponisten seiner Zeit, ist aber für die Geschichte der schottischen Musik, der Tanzmusik, der Strathspey- und Reel-Überlieferung sowie der bürgerlichen Musikdruckkultur von erheblichem Interesse. Sein Name ist besonders mit Sammlungen von Highland Strathspeys, Country Dances, English Dances und French Dances verbunden.

Anderson wurde 1737 geboren; Ort und genaues Datum sind nicht gesichert. Er starb am 5. Juni 1808 in Inverness. Die Quellen beschreiben ihn als Musiker und Musikhändler, der im Lauf seiner Karriere an verschiedenen Orten Schottlands tätig war, namentlich in Perth, Edinburgh und Inverness. Gerade diese Beweglichkeit ist typisch für Musiker der schottischen Druck- und Tanzmusikkultur um 1790: Sie arbeiteten nicht nur als Komponisten im engen Sinn, sondern zugleich als Sammler, Herausgeber, Verleger, Verkäufer, Kopisten, Bearbeiter und Vermittler von Gebrauchsmusik.

Besonders gesichert sind drei Druckkomplexe: A Selection of the most Approved Highland Strathspeys, Country Dances, English & French Dances, erschienen in Edinburgh um 1789; A Second Selection of the most approved Highland Strathspeys, erschienen in Edinburgh um 1791; und Anderson’s Pocket Companion of the most approved Highland Strathspeys, Country Dances &c., erschienen in Perth 1795. Hinzu kommt eine Collection of New Highland Strathspey Reels, die in der bibliographischen Überlieferung ebenfalls mit John Anderson verbunden wird. Spätere Drucke unter dem Titel Anderson’s Budget sind quellenkritisch problematisch, weil sie nach Andersons Tod erschienen und wahrscheinlich auf einen späteren gleichnamigen Herausgeber oder Verleger zu beziehen sind.

Für ein Kulturlexikon ist Anderson vor allem deshalb wichtig, weil er an einer Schnittstelle steht: zwischen mündlicher Tanztradition und gedruckter Sammlung, zwischen Highland-Repertoire und städtischer Musiköffentlichkeit, zwischen Geige, German Flute, Fife, Hautboy, Cembalo und Violoncello, zwischen Unterhaltung und musikalischer Gedächtnisbildung. Seine Drucke zeigen, wie schottische Tanzmusik um 1800 gesammelt, geordnet, verkauft, gespielt und über regionale Grenzen hinaus verbreitet wurde.

Kurzdaten

Name John Anderson; in Druck- und Katalogzusammenhängen auch J. Anderson.
Geburtsjahr 1737.
Geburtsdatum Unbekannt.
Geburtsort Unbekannt; die Quellen nennen keinen gesicherten Geburtsort.
Sterbedatum 5. Juni 1808.
Sterbeort Inverness, Schottland.
Beruf Komponist, Musiker, Musikhändler, Musikverleger, Herausgeber, Sammler und Bearbeiter schottischer Tanzmusik.
Wirkungsorte Perth, Edinburgh und Inverness; daneben durch Drucke und Sammlungen überregionaler Wirkungsraum in Schottland.
Werkbereiche Highland Strathspeys, Reels, Country Dances, English Dances, French Dances, Jigs, Sammlungen für Violine, German Flute, Fife, Hautboy, Cembalo, Harpsichord-Bass und Violoncello-Bass.
Gesicherte Hauptdrucke A Selection of the most Approved Highland Strathspeys, A Second Selection of the most approved Highland Strathspeys und Anderson’s Pocket Companion.
Quellenproblem Mehrere Drucke werden unter dem Namen John Anderson geführt; spätere Budget-Sammlungen nach 1808 sind wahrscheinlich nicht mit dem 1737 geborenen und 1808 gestorbenen John Anderson gleichzusetzen.
Kulturgeschichtlicher Rang Vertreter der schottischen Tanzmusik- und Musikdruckkultur um 1790; wichtig für die Überlieferung von Strathspeys, Reels und Country Dances im Übergang von mündlicher Praxis zu gedrucktem Repertoire.

Name und Quellenlage

Der Name John Anderson ist quellenkritisch schwierig, weil er im schottischen Musik- und Druckwesen mehrfach vorkommt. Für den hier behandelten Musiker sind das Geburtsjahr 1737 und der Tod am 5. Juni 1808 in Inverness maßgeblich. Zugleich warnen die einschlägigen bibliographischen Quellen davor, alle unter J. Anderson oder John Anderson erschienenen Drucke unbesehen derselben Person zuzuschreiben. Besonders die nach 1808 publizierten Budget-Sammlungen können nicht sicher dem 1808 verstorbenen Anderson gehören.

Die Person ist daher am sichersten über den Kernbestand der späten 1780er und 1790er Jahre zu fassen. Dazu gehören die Edinburgher Sammlung A Selection of the most Approved Highland Strathspeys, Country Dances, English & French Dances, die zweite Auswahl A Second Selection of the most approved Highland Strathspeys und das in Perth erschienene Anderson’s Pocket Companion. Diese Drucke zeigen Anderson als Herausgeber, Komponisten, Musikverleger und Händler in einer schottischen Musiklandschaft, in der der Begriff „Komponist“ noch eng mit Sammeln, Bearbeiten, Verlegen und funktionaler Tanzpraxis verbunden war.

Die Quellenlage ist zugleich reich und unsicher. Reich ist sie, weil die Drucke selbst, Bibliographien, Kataloge, Faksimile- und Datenbanknachweise sowie Tune-Index-Projekte zahlreiche Titel und Fundstellen verzeichnen. Unsicher ist sie, weil Drucke des 18. Jahrhunderts nicht immer klar zwischen eigener Komposition, übernommener Melodie, regionaler Variante, Arrangement und editorischer Zusammenstellung unterscheiden. Diese Seite behandelt Anderson deshalb nicht als Werkkomponisten im späteren romantischen Sinn, sondern als Akteur einer schottischen Gebrauchsmusikkultur.

Leben

Über John Andersons frühes Leben ist wenig Sicheres bekannt. Er wurde 1737 geboren, doch Geburtsdatum, Familie, Ausbildung und Herkunftsort sind nicht eindeutig überliefert. Diese Lücke ist für viele Musiker der schottischen Tanzmusiktradition des 18. Jahrhunderts typisch. Nicht alle waren höfisch oder akademisch eingebunden; viele wirkten als praktische Musiker, Tanzmusiker, Lehrer, Händler, Verleger und Herausgeber. Ihre Biographien sind häufig stärker durch Drucke, Titelblätter, Widmungen, Verkaufsadressen und Katalogspuren als durch geschlossene Lebensbeschreibungen greifbar.

Andersons berufliche Tätigkeit führte ihn offenbar durch mehrere schottische Musikzentren. Die Quellen nennen Perth, Edinburgh und Inverness. Diese Orte stehen für unterschiedliche Funktionen. Edinburgh war das wichtigste städtische Druck-, Verlags- und Konzertzentrum Schottlands. Perth besaß eine lebendige regionale Musikkultur und war für Tanzmusikdrucke und Musikalienhandel relevant. Inverness verweist auf den nördlichen Wirkungsraum, auf Highland-Bezüge und auf die spätere Lebensphase, denn dort starb Anderson 1808.

Die erste sichere Werkspur führt in die späten 1780er Jahre. Anderson veröffentlichte in Edinburgh eine Sammlung von Highland Strathspeys, Country Dances, English Dances und French Dances mit Harpsichord- und Violoncello-Bass. Die Widmung an die Gentlemen der Musical Society of Greenock zeigt, dass diese Musik nicht nur im dörflichen oder rein mündlichen Bereich stand, sondern in die bürgerliche Geselligkeits- und Vereinsmusikkultur eingebunden war. Tanzmusik wurde gesammelt, gedruckt, gekauft und in gebildeten Kreisen gespielt.

Um 1791 erschien eine zweite Auswahl ähnlichen Zuschnitts. 1795 folgte in Perth das Pocket Companion, diesmal ausdrücklich für German Flute, Fife, Hautboy und Violin. Dieses Format ist kulturgeschichtlich aufschlussreich. Es richtet sich nicht an ein großes Konzertpublikum, sondern an Spieler, die Melodien für häusliche, gesellige oder tänzerische Praxis benötigten. Die Instrumente zeigen die Flexibilität der Überlieferung: Eine Melodie konnte auf der Geige, der Flöte, der Pfeife oder der Oboe beziehungsweise dem Hautboy gespielt werden.

Anderson starb am 5. Juni 1808 in Inverness. Sein Tod markiert jedoch nicht das Ende des Namens in der schottischen Musikdruckgeschichte. Spätere Drucke mit dem Namen Anderson erschienen weiterhin, darunter Budget-Sammlungen. Gerade diese Nachgeschichte macht die quellenkritische Unterscheidung notwendig. Der Name John Anderson steht einerseits für eine reale historische Person, andererseits für ein bibliographisches Feld, in dem mehrere Personen, Drucke und Zuschreibungen ineinandergreifen.

Kulturüberblick

John Andersons Bedeutung erschließt sich vor allem aus der schottischen Tanz- und Druckkultur um 1800. Diese Zeit war eine Hochphase gedruckter Sammlungen von Reels, Strathspeys, Jigs und Country Dances. Namen wie Niel Gow, Nathaniel Gow, William Marshall, James Aird, Robert Bremner, Angus Cumming, Patrick MacDonald und andere stehen für eine lebendige Sammlungspraxis, in der regionale Melodien, neue Kompositionen, Tanzformen und Verlagsinteressen zusammenkamen.

Der Strathspey ist dabei besonders wichtig. Er bezeichnet sowohl einen Tanz als auch einen charakteristischen Melodietypus im Vierertakt, der durch punktierte Rhythmen, den sogenannten Scotch snap, markante Akzente und eine besondere Mischung aus Würde und rhythmischer Spannung geprägt ist. In gedruckten Sammlungen des späten 18. Jahrhunderts wurde der Strathspey zu einem musikalischen Zeichen schottischer Identität. Andersons Sammlungen gehören in diese Entwicklung.

Gleichzeitig zeigen seine Drucke, dass schottische Musik nicht isoliert national gedacht wurde. Die Titel nennen Highland Strathspeys, Country Dances, English Dances und French Dances nebeneinander. Eine Sammlung konnte also schottische, englische und französische Tanzformen verbinden. Das entspricht der gesellschaftlichen Realität: Tanzabende und musikalische Gesellschaften verlangten ein gemischtes Repertoire, das regionale Farbe, internationale Mode und praktische Brauchbarkeit vereinte.

Die Instrumentationsangaben sind ebenfalls aufschlussreich. Die Sammlungen sind für Violine, German Flute, Fife, Hautboy, Harpsichord und Violoncello gedacht. Damit bewegen sie sich zwischen Volksinstrument, bürgerlicher Hausmusik und professioneller Begleitpraxis. Die Violine war das Hauptinstrument der schottischen Tanzmusik; die German Flute und die Fife öffneten das Repertoire für Bläser; der Harpsichord- und Violoncello-Bass machte die Melodien für eine häusliche oder gesellschaftliche Ensemblepraxis verwendbar.

Andersons Musikdrucke gehören damit zur Geschichte einer schriftlich werdenden Gebrauchsmusik. Die Melodie wird aus der lokalen Aufführungssituation herausgelöst und in eine käufliche, transportable, wiederholbare Form gebracht. Der Druck verändert die Musik: Er fixiert Varianten, ordnet Reihenfolgen, schafft Sammlungen, setzt Basslinien hinzu, verknüpft Namen mit Melodien und macht regionale Tänze für ein breiteres Publikum verfügbar.

Schottische Tanzmusik, Strathspey und Druckkultur

Die schottische Tanzmusik des 18. Jahrhunderts ist nicht einfach „Volksmusik“ im modernen romantischen Sinn. Sie ist eine Mischform aus mündlicher Tradition, professionellem Fiddling, Tanzmeisterpraxis, aristokratischer und bürgerlicher Geselligkeit, regionaler Mode und Verlagsgeschäft. Andersons Drucke zeigen diese Mischform sehr deutlich. Sie liefern Melodien, aber auch soziale Gebrauchsanweisungen: Welche Tänze sind anerkannt? Welche Stücke gelten als „approved“? Welche regionalen oder nationalen Bezüge sind verkaufswirksam?

Das Wort approved in den Titeln ist kulturgeschichtlich wichtig. Es bedeutet nicht nur, dass die Stücke beliebt oder brauchbar sind. Es signalisiert Auswahl, Geschmack und soziale Legitimation. Eine Sammlung von „most approved“ Strathspeys und Tänzen richtet sich an Spielerinnen und Spieler, die nicht jede lokale Variante kennen, sondern gedruckte, als zuverlässig präsentierte Musik benötigen. Der Verleger und Herausgeber wird dadurch zu einer Instanz der Ordnung.

Die Basslinien in den Sammlungen zeigen den Übergang von einstimmiger Tanzmelodie zu begleiteten häuslichen Aufführungsformen. Ein Harpsichord- und Violoncello-Bass ermöglicht eine stärker harmonisierte Wiedergabe. Dadurch werden Reels und Strathspeys nicht nur als Tanzmelodien, sondern auch als Hausmusikstücke spielbar. Die schottische Tanzmelodie tritt damit in den Raum bürgerlicher Musikbildung ein.

Die Pocket Companion-Form verweist auf ein anderes Gebrauchsfeld. Ein kleinerer Druck für German Flute, Fife, Hautboy und Violin ist mobil, praktisch und für Einzelspieler oder kleine Gruppen geeignet. Solche Sammlungen halfen, ein gemeinsames Repertoire unter Musikern zu verbreiten. Sie waren nicht luxuriöse Repräsentationsdrucke, sondern Arbeitsbücher für die Praxis.

Die spätere Verwirrung um Anderson’s Budget ist gerade deshalb interessant. Sie zeigt, dass der Name Anderson offenbar verlegerisch weiterwirkte und dass die Nachfrage nach Strathspey-, Reel- und Country-Dance-Sammlungen nach 1808 anhielt. Auch wenn diese späteren Drucke wahrscheinlich einem anderen John Anderson oder einem späteren Verlagszusammenhang gehören, dokumentieren sie die Dauerhaftigkeit des Marktes, den der frühere Anderson mitgeprägt hatte.

Werkverzeichnis

Das Werkverzeichnis John Andersons muss quellenkritisch geführt werden, weil mehrere Drucke unter demselben Namen oder in späteren Verlagszusammenhängen erscheinen. Die folgende Übersicht unterscheidet zwischen sicher beziehungsweise stark belegten Drucken, mit Anderson verbundenen Sammlungen und nach 1808 erschienenen problematischen Zuschreibungen. Als „Werk“ gilt hier nicht nur eine einzelne Komposition, sondern vor allem die gedruckte Sammlung als musikalisches, editorisches und verlegerisches Objekt.

A Selection of the most Approved Highland Strathspeys, Country Dances, English & French Dances Gedruckte Sammlung, Edinburgh, Corri & Sutherland, um 1789. Volltitel: A Selection of the most Approved Highland Strathspeys, Country Dances, English & French Dances, with a Harpsichord & Violoncello Bass. Dedicated to the Gentlemen of the Musical Society of Greenock by John Anderson. Die Sammlung enthält Strathspeys, Country Dances, englische und französische Tänze mit Bass für Cembalo und Violoncello und ist der Musical Society of Greenock gewidmet.
A Second Selection of the most approved Highland Strathspeys Zweite gedruckte Auswahl, Edinburgh, John Anderson, um 1791. Volltitel: A Second Selection of the most approved Highland Strathspeys: Country Dances, English & French Dances; with a harpsichord & violoncello bass. Sie setzt die erste Sammlung fort und zeigt Anderson als Herausgeber, Verleger und Vermittler eines gemischten Tanzrepertoires.
Anderson’s Pocket Companion Gedruckte Sammlung, Perth, John Anderson, 1795. Volltitel: Anderson’s Pocket Companion of the most approved Highland Strathspeys, Country Dances &c., for the German Flute, Fife, Hautboy & Violin. Printed and sold by J. A., Music Seller, Perth. Die Sammlung richtet sich an Spieler von German Flute, Fife, Hautboy und Violine und zeigt Anderson ausdrücklich als Musikhändler in Perth.
A Collection of New Highland Strathspey Reels Mit John Anderson verbundene Sammlung, Edinburgh, nach der ersten Selection, wohl in den 1790er Jahren. Volltitel: A Collection of New Highland Strathspey Reels For the Violin or German Flute With an Harpsichord & Violoncello Bass Composed by John Anderson. Die Sammlung ist für Violine oder German Flute mit Cembalo- und Violoncello-Bass bestimmt und enthält Reels, Strathspeys und Jigs.
Highland Strathspeys Werkgruppe innerhalb der Sammlungen. Strathspeys bilden den zentralen schottischen Repertoirekern und verbinden regionale Tanzpraxis mit gedruckter städtischer Musikkultur.
Country Dances Werkgruppe innerhalb der Sammlungen. Country Dances verweisen auf gesellige Tanzpraxis, in der lokale, britische und internationale Formen zusammenkamen.
English Dances Werkgruppe innerhalb der Sammlungen. Die englischen Tänze zeigen, dass Andersons Drucke nicht ausschließlich national-schottisch ausgerichtet waren, sondern ein gemischtes gesellschaftliches Tanzrepertoire boten.
French Dances Werkgruppe innerhalb der Sammlungen. Französische Tanzformen waren im 18. Jahrhundert Teil der europäischen höfischen und bürgerlichen Mode und wurden in schottischen Sammlungen neben regionalen Tänzen geführt.
Reels Werkgruppe innerhalb der Sammlungen und besonders in der Collection of New Highland Strathspey Reels. Reels gehören zu den beweglichsten und verbreitetsten Formen schottischer Tanzmusik.
Jigs Werkgruppe, die in den Sammlungszusammenhängen genannt wird. Jigs ergänzen Strathspeys und Reels durch eine andere metrische und tänzerische Energie.
Melodien für Violine Die Violine war ein Hauptinstrument der schottischen Tanzmusik. Andersons Sammlungen richten sich ausdrücklich auch an Violinspieler und stehen damit in der Fiddle-Tradition des 18. Jahrhunderts.
Melodien für German Flute Die German Flute, also die Querflöte, erscheint mehrfach als Zielinstrument. Das zeigt die Einbindung schottischer Tanzmelodien in bürgerliche Bläser- und Hausmusikpraxis.
Melodien für Fife Die Fife wird im Pocket Companion genannt und verweist auf militärische, volkstümliche und praktische Bläsertraditionen.
Melodien für Hautboy Der Hautboy, also die Oboe beziehungsweise historische Oboenform, erweitert den instrumentalen Gebrauchskreis der Sammlung.
Harpsichord- und Violoncello-Bass Begleitstimmen, die in den größeren Sammlungen genannt werden. Sie ermöglichen eine harmonisierte Aufführung der Tanzmelodien im häuslichen, gesellschaftlichen oder halbprofessionellen Ensemble.
Anderson’s Budget of Strathspeys, Reels & Country Dances Quellenkritisch problematischer Druckkomplex. Spätere Budget-Ausgaben erschienen nach Andersons Tod, etwa um 1810, 1820 oder 1821, und sind daher wahrscheinlich nicht dem 1737 geborenen und 1808 verstorbenen John Anderson zuzuschreiben. Sie werden hier nicht als gesicherte Werke, sondern als mit dem Namen Anderson verbundene Nachgeschichte der Strathspey-Druckkultur geführt.
Einzeltitel innerhalb der Sammlungen Die Sammlungen enthalten zahlreiche Einzeltänze, darunter Stücke mit regionalen, gesellschaftlichen und personengebundenen Titeln. Eine vollständige Einzelmelodienliste müsste aus den erhaltenen Drucken selbst erstellt werden; für die kulturlexikalische Ebene ist die Sammlung als Druck- und Repertoireeinheit maßgeblich.

Stil, Funktion und Bedeutung

John Andersons Musik ist in erster Linie funktionale Tanzmusik. Ihr Wert liegt nicht in großformatiger motivischer Durchführung, sondern in rhythmischer Prägnanz, Spielbarkeit, Wiedererkennbarkeit und sozialer Gebrauchsfähigkeit. Strathspeys verlangen ein charakteristisches Verhältnis von punktiertem Rhythmus, Akzent, Schwung und Würde; Reels verlangen Beweglichkeit, Kreisenergie und klare Phrasierung; Country Dances verlangen eine Form, die mit gesellschaftlichen Tanzfiguren kompatibel bleibt.

Die Sammlungen zeigen eine Musik, die zwischen Melodie und Begleitung vermittelt. Viele Tänze besitzen einfache Basslinien für Harpsichord und Violoncello. Diese Basslinien sind nicht symphonisch ausgearbeitet, aber sie verändern die Funktion der Stücke. Sie machen aus einstimmigen Melodien kleine Ensemblewerke. Dadurch können sie im häuslichen Musizieren, in musikalischen Gesellschaften oder bei kleineren Tanzveranstaltungen differenzierter aufgeführt werden.

Stilistisch steht Anderson in einer schottischen Sammlungskultur, die eigene Melodien, ältere regionale Tänze, Varianten, modische Stücke und internationale Formen nebeneinanderstellt. Die Frage, was „komponiert“ und was „gesammelt“ ist, lässt sich nicht immer modern trennen. Im 18. Jahrhundert konnte ein Herausgeber eine Melodie übernehmen, verändern, mit Bass versehen, in eine Sammlung einordnen, neu betiteln oder durch Widmung und Druck sozial aufwerten. Genau diese editorische Arbeit ist Teil seiner musikalischen Leistung.

Besonders wichtig ist die Verbindung von Highland-Bezug und bürgerlicher Drucköffentlichkeit. Das Wort „Highland“ verleiht den Sammlungen regionale Farbe und kulturelle Autorität. Zugleich erscheinen die Drucke in Edinburgh und Perth und wenden sich an musikalische Gesellschaften, Käufer und Spieler. Das Highland-Repertoire wird also nicht nur in seiner Herkunft, sondern in seiner städtischen Verbreitung sichtbar.

Andersons Bedeutung liegt deshalb in der kulturellen Vermittlung. Er steht nicht für den einsamen Komponisten, sondern für den musikalischen Unternehmer des späten 18. Jahrhunderts: jemand, der Repertoire findet, formt, druckt, verkauft und damit dauerhaft verfügbar macht. Ohne solche Figuren wäre ein großer Teil der schottischen Tanzmusikgeschichte schwerer rekonstruierbar.

Rezeption und Überlieferung

John Andersons heutige Rezeption ist vor allem bibliographisch, archivalisch und traditionsgeschichtlich. Er gehört nicht zu den Komponisten, deren Werke regelmäßig im Konzertsaal erscheinen, aber sein Name ist in Notenarchiven, Tune-Indizes, schottischen Musikbibliographien und historischen Sammlungen präsent. Für Spielerinnen und Spieler schottischer Musik sind die gedruckten Sammlungen des 18. Jahrhunderts wichtige Quellen, weil sie Melodien in frühen Fassungen und mit zeitgenössischer Gebrauchsgestalt überliefern.

Die Überlieferung ist durch erhaltene Exemplare in Bibliotheken wie der British Library, der National Library of Scotland, der University of Glasgow Library, der Bodleian Library, der Royal Academy of Music, der A K Bell Library in Perth und weiteren Sammlungen belegt. Diese breite Streuung zeigt, dass Andersons Drucke keine bloßen Lokalprodukte waren, sondern Teil eines größeren britisch-irischen Musikbibliotheks- und Sammlungsbestandes wurden.

Ein besonderer Rezeptionspunkt ist die Verwechslung mit späteren Anderson-Drucken. Die Budget-Sammlungen wurden lange in der Nähe John Andersons geführt, obwohl sie nach seinem Tod erschienen. Moderne Bibliographien und Projekte zur schottischen Musik weisen deshalb ausdrücklich auf die Möglichkeit mehrerer gleichnamiger Personen hin. Diese Korrektur ist nicht nur pedantisch. Sie verändert die Sicht auf Andersons Werkumfang und verhindert, dass ihm ein nachträgliches, historisch unsicheres Œuvre zugeschrieben wird.

Für die heutige Kulturgeschichte ist Anderson gerade durch diese quellenkritische Lage interessant. Er zeigt, wie Musikgeschichte aus Drucken, Katalogen, Widmungen, Datierungen und Besitzspuren rekonstruiert wird. Sein Name führt in die praktische Welt der Musiker, Verleger und Käufer um 1790, also in eine Musikkultur, die zwischen Markt, Tanzsaal, Hausmusik und regionaler Identität stand.

Sekundärliteratur

  • Alburger, Mary Anne: Scottish Fiddlers and Their Music, Edinburgh 1983, einschlägige Abschnitte zur schottischen Fiddle- und Druckkultur des 18. Jahrhunderts.
  • Baptie, David: Musical Scotland, Past and Present, Paisley 1894, einschlägige ältere Nachweise zu John Anderson und schottischen Musikern.
  • Glen, John: The Glen Collection of Scottish Dance Music, Edinburgh 1891 und weitere bibliographische Arbeiten zur schottischen Tanzmusik.
  • Gore, Charles: Bibliographische Klassifikation schottischer Musikdrucke, herangezogen in den Nachweisen von Historical Music of Scotland.
  • Johnson, David: Music and Society in Lowland Scotland in the Eighteenth Century, Oxford 1972, als grundlegender Kontext zu Musikleben, Tanz, Verlagen und Gesellschaftskultur in Schottland.
  • McAulay, Karen E.: Our Ancient National Airs: Scottish Song Collecting c. 1760–1888, Dissertation, University of Glasgow 2009, als weiterführender Kontext zu Sammel-, Druck- und Nationalisierungsprozessen schottischer Musik.
  • Scottish Music Index: Bibliographische Artikel zu John Anderson, James Aird, Robert Bremner, Niel Gow und verwandten Herausgebern schottischer Tanzmusik.
  • Historical Music of Scotland: Werk- und Druckbeschreibungen zu John Andersons Sammlungen, mit Bibliotheksstandorten, Datierungshinweisen und quellenkritischen Anmerkungen.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • James Aird Schottischer Musikverleger und Herausgeber von Airs, Tänzen und populären Melodien, wichtiger Vergleichspunkt zu Andersons Sammlungen.
  • Cembalo Tasteninstrument, dessen Bassfunktion in Andersons Sammlungen die Tanzmelodien für häusliche Ensemblepraxis öffnet.
  • Country Dance Gesellschaftliche Tanzform, die in Andersons Sammlungen neben Strathspeys, Reels und französischen Tänzen erscheint.
  • Angus Cumming Früher Herausgeber schottischer Strathspey-Sammlungen und wichtiger Bezugspunkt für die Druckgeschichte der Tanzmusik.
  • Edinburgh Zentrales schottisches Druck-, Verlags- und Musikzentrum, in dem Andersons wichtigste frühe Sammlungen erschienen.
  • Fife Kleine Querflöte beziehungsweise Pfeife, die im Pocket Companion als Zielinstrument genannt wird.
  • Fiddle Geige im Kontext schottischer Tanzmusik, zentral für Reels, Strathspeys und regionale Spieltraditionen.
  • German Flute Historische Bezeichnung der Querflöte, die in Andersons Sammlungen als Instrument für schottische Tanzmelodien erscheint.
  • Nathaniel Gow Schottischer Fiddler, Komponist und Verleger, der die Tanzmusik- und Druckkultur nach Niel Gow fortführte.
  • Niel Gow Berühmter schottischer Fiddler und Komponist, dessen Strathspey- und Reel-Kultur Andersons Umfeld grundlegend rahmt.
  • Greenock Stadt und musikalischer Bezugspunkt, weil Anderson seine erste Auswahl der Musical Society of Greenock widmete.
  • Highland-Musik Regional und kulturell aufgeladener Musikbegriff, den Andersons Sammlungen im Titel ausdrücklich nutzen.
  • Historical Music of Scotland Quellen- und Datenbankprojekt, das Andersons Drucke bibliographisch erschließt und quellenkritisch kommentiert.
  • Inverness Sterbeort John Andersons und wichtiger nördlicher Bezugspunkt der schottischen Musikkultur.
  • Jig Tanz- und Melodieform, die neben Strathspey und Reel in schottischen Sammlungen des 18. Jahrhunderts erscheint.
  • Patrick MacDonald Sammler und Herausgeber schottischer Highland-Melodien, wichtiger Vergleichspunkt zur schottischen Druck- und Sammlungskultur.
  • William Marshall Schottischer Fiddler und Komponist von Strathspeys, dessen Werk in der Tanzmusiktradition um 1800 zentral ist.
  • Musical Society Bürgerliche Musikgesellschaft, deren kulturelle Funktion Andersons Widmung an die Greenocker Gesellschaft verständlich macht.
  • Musikdruck Medienform, durch die Anderson schottische Tanzmusik fixierte, ordnete und überregional verbreitete.
  • Musikhändler Berufsrolle, die bei Anderson mit Verlegen, Verkaufen, Sammeln und Herausgeben von Tanzmusik verbunden ist.
  • Musikverleger Beruflicher und wirtschaftlicher Kontext von Andersons gedruckten Strathspey- und Country-Dance-Sammlungen.
  • Perth Schottischer Wirkungsort Andersons und Erscheinungsort seines Pocket Companion von 1795.
  • Reel Schnelle schottische Tanzform, die in Andersons Sammlungen neben Strathspeys und Country Dances erscheint.
  • Robert Bremner Schottischer Musikverleger und Sammler, wichtiger Vorläufer der späteren Tanzmusikdrucke.
  • Schottische Musik Nationaler und regionaler Kontext von Andersons Strathspey-, Reel- und Country-Dance-Sammlungen.
  • Scotch snap Charakteristische rhythmische Figur, die für viele Strathspeys und schottische Tanzmelodien prägend ist.
  • Strathspey Zentrale schottische Tanz- und Melodieform, die den Kern von Andersons Sammlungen bildet.
  • Tanzmusik Funktionaler Hauptbereich von Andersons Werk zwischen Gesellschaftstanz, Hausmusik und regionaler Identität.
  • Violoncello Bassinstrument, das in Andersons Sammlungen zusammen mit dem Cembalo die Begleitgrundlage bildet.
  • Violine Hauptinstrument der schottischen Fiddle- und Tanzmusiktradition, für die Andersons Sammlungen besonders wichtig sind.