Rosette Anday

* 22. Dezember 1899 in Budapest; † 18. September 1977 in Wien; in älteren Nachweisen auch mit dem Geburtsjahr 1903 geführt. Altistin, Mezzosopranistin, Opernsängerin und Kammersängerin.

Überblick

Rosette Anday, eigentlich Piroska Andauer, später auch als Piroska Anday geführt, war eine der prägenden Altistinnen und Mezzosopranistinnen der Wiener Staatsoper im 20. Jahrhundert. Ihr Name ist mit der Wiener Opernkultur der Zwischenkriegszeit, mit den frühen Jahren der Salzburger Festspiele, mit Rollen wie Carmen, Amneris, Brangäne, Dalila, Azucena, Ulrica, Fricka, Erda, Mrs. Quickly und Klytämnestra sowie mit der Geschichte jüdischer Künstlerinnen in Österreich verbunden.

Die Sängerin wurde in Budapest geboren und zunächst musikalisch umfassend ausgebildet. Sie studierte Violine, unter anderem im Umfeld von Jenő Hubay, und wechselte dann zur Gesangslaufbahn. Dieser instrumental geprägte Hintergrund ist für ihre spätere Kunst bedeutsam: Anday galt nicht nur als Sängerin mit dunklem, tragfähigem Timbre, sondern auch als musikalisch besonders sichere Gestalterin, deren Rollenverständnis von Phrasierung, Linie und dramatischem Bewusstsein bestimmt war.

Ihr Durchbruch erfolgte am 23. September 1921 an der Wiener Staatsoper als Carmen. Dass eine sehr junge Sängerin mit einer der anspruchsvollsten Partien des französischen Repertoires sofort an einem führenden Haus erschien, machte Anday binnen kurzer Zeit zu einer Ausnahmeerscheinung. Franz Schalk hatte sie in Budapest gehört und holte sie nach Wien. Bereits in den frühen 1920er Jahren sang sie neben der Carmen auch Mozart-Partien wie Cherubino und Dorabella, italienische Rollen wie Amneris und Azucena sowie Wagner-Partien wie Brangäne, Waltraute, Fricka und Erda.

Der Einschnitt von 1938 zerstörte diese Karriere. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde Anday nach dem nationalsozialistischen Machtantritt in Österreich von der Wiener Staatsoper ausgeschlossen und später entlassen. Obwohl sie in einer sogenannten „privilegierten Mischehe“ lebte, musste sie sich vor der Deportation schützen und war künstlerisch weitgehend zum Schweigen gebracht. Nach 1945 kehrte sie auf die Bühne zurück, zunächst im Theater an der Wien, später wieder im Staatsopernbetrieb. Ihre Nachkriegskarriere verschob sich zunehmend in Richtung Charakterfach, Altersrollen und markante dramatische Partien.

Rosette Anday starb am 18. September 1977 in Wien. Ihr Grab befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof. Ihre Bedeutung liegt nicht nur in einzelnen Glanzrollen, sondern in der Verbindung von vokaler Tiefe, dramatischer Intelligenz, außergewöhnlicher Rollenspannweite, Wiener Operntradition, Salzburger Festspielgeschichte und der biographischen Zäsur der NS-Verfolgung.

Kurzdaten

Name Rosette Anday; eigentlich Piroska Andauer; auch Piroska Anday, Anday Piroska, Rosette Bündsdorf, Rosette Bünsdorf und Rosette von Ketschendorf.
Geburtsdatum 22. Dezember 1899; ältere und teilweise noch weitergeführte Nachweise nennen 1903.
Geburtsort Budapest.
Sterbedatum 18. September 1977; die Angabe 28. September 1977 ist nach neuerer musiklexikalischer Korrektur nicht maßgeblich.
Sterbeort Wien; einzelne Nachweise nennen Pressbaum als Lebensort oder Sterbeumfeld.
Beruf Altistin, Mezzosopranistin, Opernsängerin, Kammersängerin, Konzertsängerin und Gesangspädagogin.
Stimmfach Alt und Mezzosopran, mit Entwicklung vom lyrisch beweglichen Mezzo- und Hosenrollenfach zu dramatischen Alt- und Charakterpartien.
Herkunft Ungarisch-jüdische Herkunft; später zentrale Zugehörigkeit zur Wiener und österreichischen Opernkultur.
Ausbildung Violin- und Musikstudien in Budapest, Gesangsausbildung unter anderem bei Georg Anthes, Gino Tessari und Mme Charles Cahier.
Wichtigstes Haus Wiener Staatsoper, mit Debüt 1921 als Carmen und langjähriger Zugehörigkeit bis 1961.
Salzburger Festspiele Auftritte unter anderem als Dorabella, Cherubino, Annina, Adelaide, Frau Simon und als Alt-Solistin in Konzertprogrammen.
Zentrale Rollen Carmen, Amneris, Brangäne, Dalila, Azucena, Ulrica, Fricka, Erda, Mrs. Quickly, Klytämnestra, Marcellina, Annina, Dorabella und Cherubino.
NS-Verfolgung 1938 Auftrittsverbot beziehungsweise Ausschluss aus dem Staatsopernbetrieb aufgrund jüdischer Herkunft; Entlassung zum 31. Januar 1940; Überleben in Wien beziehungsweise im österreichischen Raum unter den Bedingungen einer sogenannten privilegierten Mischehe.
Ehrungen Österreichische Kammersängerin, Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper, Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich 1955, Andayweg in Wien-Penzing 1980.

Name und Quellenlage

Der Bühnenname Rosette Anday überlagert mehrere biographische Namensformen. Die Sängerin wurde als Piroska Andauer geboren; in ungarischen und internationalen Nachweisen erscheint auch Piroska Anday beziehungsweise in ungarischer Namensstellung Anday Piroska. Durch ihre Ehen begegnen weitere Namensformen wie Rosette von Ketschendorf, Rosette Bündsdorf oder Rosette Bünsdorf. Für das Kulturlexikon ist die eingeführte Bühnenform Rosette Anday maßgeblich; der Dateiname folgt der vereinbarten Personenregel als anday-rosette.shtml.

Die Datierung der Sängerin ist quellenkritisch besonders zu beachten. Viele ältere Nachweise, Gedenklisten und Bildunterschriften führen den 22. Dezember 1903 als Geburtsdatum. Neuere musiklexikalische und erinnerungskulturelle Forschungen korrigieren dies auf den 22. Dezember 1899 und erklären 1903 als später verwendetes beziehungsweise fiktives Geburtsjahr. Ebenso wird in älteren oder sekundären Angaben gelegentlich der 28. September 1977 genannt; die maßgebliche neuere Datierung nennt den 18. September 1977. Diese Seite verwendet deshalb im Lemma und in den strukturierten Daten den 22. Dezember 1899 und den 18. September 1977, hält aber die abweichenden Daten im Text fest, damit ältere Registereinträge und Bibliotheksdaten nachvollziehbar bleiben.

Die Quellenlage ist reich, aber nicht homogen. Das Österreichische Musiklexikon bietet eine korrigierende biographische Grundlage; das Spielplanarchiv der Wiener Staatsoper dokumentiert die Rollen und Aufführungszeiträume; die Salzburger Festspielarchive und die Stolpersteine Salzburg erschließen Festspielauftritte und NS-Verfolgung; bibliographische Datenbanken wie BMLO, GND und Deutsche Nationalbibliothek führen Namensvarianten, Tonträger und Sekundärnachweise. Für diese Seite werden die Angaben zusammengeführt und dort, wo die Überlieferung auseinandergeht, im Text transparent gemacht.

Leben

Rosette Anday wurde als Piroska Andauer in Budapest geboren. Sie entstammte einer jüdischen Familie. Ihr Vater Lajos beziehungsweise Ludwig Andauer starb bereits früh; ihre Mutter Ella, geborene Holländer, gehört zur familiären Überlieferung, die in neueren biographischen Forschungen stärker berücksichtigt wird als in älteren Sängerlexika. Die spätere Künstlerin erhielt früh eine musikalische Ausbildung und begann zunächst nicht ausschließlich als Sängerin. Sie studierte Violine und bewegte sich damit in einem Budapester Umfeld, das durch die ungarische Instrumentaltradition und die Ausbildungskultur der Franz-Liszt-Akademie geprägt war.

Die Violinausbildung ist mehr als eine biographische Nebensache. Sie erklärt einen Teil ihrer musikalischen Genauigkeit und ihres Gespürs für Linie. In der Operngeschichte erscheinen Sängerinnen häufig nur über Stimme und Rollenfach; bei Anday muss jedoch die instrumentale Vorbildung mitgedacht werden. Sie konnte melodische Gesten nicht nur vokal, sondern auch musikalisch-strukturell auffassen. Später wurde wiederholt hervorgehoben, dass sie auf der Bühne nicht bloß mit Stimme, sondern mit einer sorgfältig gebildeten musikalischen Intelligenz wirkte.

Zur Gesangsausbildung gehörten Lehrer wie Georg Anthes, Gino Tessari und Mme Charles Cahier. Besonders Mme Charles Cahier ist für Andays Karriere symbolisch bedeutsam, weil Cahier selbst eine bedeutende Altistin und Mezzosopranistin war und an der Wiener Hofoper unter anderem die Carmen gesungen hatte. Über Cahier ist Anday mit einer Traditionslinie verbunden, in der das dunkle Frauenfach nicht als Nebenfach, sondern als dramatisch, erotisch, psychologisch und musikalisch eigenständige Sphäre verstanden wurde.

Der entscheidende Schritt erfolgte 1921. Franz Schalk, der Direktor der Wiener Staatsoper, hörte die junge Sängerin in Budapest und verpflichtete sie für Wien. Am 23. September 1921 sang sie an der Wiener Staatsoper die Titelpartie in Bizets Carmen. Dieses Debüt ist in der Operngeschichte bemerkenswert: Die Partie verlangt nicht nur stimmliche Tiefe, Flexibilität und dramatische Präsenz, sondern auch Bühnensicherheit, rhythmische Schärfe und eine kontrollierte Darstellung von Verführung, Freiheit und Gefahr. Andays sofortiger Erfolg machte sie rasch zu einer der profilierten Sängerinnen des Hauses.

In den folgenden Jahren erweiterte sie ihr Repertoire außerordentlich schnell. Sie sang Mozart-Partien wie Cherubino und Dorabella, italienische Rollen wie Amneris in Aida, Azucena in Il trovatore und Ulrica in Un ballo in maschera, französische Partien wie Dalila und Carmen sowie Wagner-Rollen wie Brangäne, Waltraute, Fricka und Erda. Diese Rollenspannweite zeigt eine Stimme, die sich vom lyrisch beweglichen Mezzo zur dramatisch fundierten Alt- und Charakterstimme entwickelte.

Auch die Salzburger Festspiele wurden früh ein wichtiger Ort ihrer Karriere. 1922 trat sie in Mozarts Così fan tutte als Dorabella auf und sang im selben Festspieljahr auch Cherubino in Le nozze di Figaro. Später folgten weitere Salzburger Auftritte, darunter Partien in Strauss-Opern und Konzertprogramme. Salzburg war für Anday kein bloßer Nebenort der Wiener Staatsoper, sondern ein international sichtbares Forum, auf dem sich Wiener Ensemblekultur, Mozartpflege, Festspielidee und europäisches Publikum verbanden.

Nach 1938 wurde Andays Laufbahn durch die nationalsozialistische Verfolgung unterbrochen. Ihre jüdische Herkunft führte zum Auftrittsverbot und schließlich zur Entfernung aus dem Ensemblezusammenhang der Wiener Staatsoper. Die Sängerin lebte in einer sogenannten privilegierten Mischehe, doch diese rechtliche Sonderstellung bedeutete keine Sicherheit im menschlichen Sinn. Sie musste sich vor Deportation und weiterer Verfolgung schützen. Damit wurde eine der großen Stimmen der Wiener Opernkultur gewaltsam zum Schweigen gebracht.

Nach 1945 kehrte Anday auf die Bühne zurück. Die Wiener Staatsoper spielte zunächst in Ausweichspielstätten wie dem Theater an der Wien und dem Redoutensaal. Anday nahm ihre Karriere wieder auf, nun häufig in Rollen des reiferen Charakterfachs: Marcellina, Annina, Mrs. Quickly, Schenkenwirtin, Gräfin in Pique Dame, Mutter in Der Konsul und zuletzt besonders Klytämnestra in Strauss’ Elektra. Sie blieb dem Haus bis 1961 verbunden und verabschiedete sich mit jener Klytämnestra, die zu ihren eindrucksvollsten späten Rollen gehörte.

Rosette Anday starb am 18. September 1977 in Wien. Ihr Andenken wird durch Tonaufnahmen, Archivnachweise, die Widmung eines Ehrengrabes, den Andayweg in Wien-Penzing und den Stolperstein in Salzburg bewahrt. Ihre Biographie steht exemplarisch für Glanz, Zerstörung und Wiederaufnahme österreichischer Opernkultur im 20. Jahrhundert.

Kulturüberblick

Rosette Andays Laufbahn führt durch zentrale Schichten der europäischen Opernkultur des 20. Jahrhunderts. Ihre Anfänge in Budapest verweisen auf die Bedeutung der ungarischen Musikbildung, die nicht nur Komponisten und Instrumentalisten, sondern auch Sängerinnen von internationalem Rang hervorbrachte. Der Wechsel nach Wien steht für die Anziehungskraft der Wiener Staatsoper als eines der führenden Opernhäuser Europas. Anday gelangte nicht über eine langwierige Randposition, sondern mit einem spektakulären Carmen-Debüt unmittelbar ins Zentrum des Betriebs.

Die Wiener Staatsoper der 1920er Jahre war ein Ort höchster Ensemblekultur. Sie verband italienisches, französisches, deutsches, slawisches und österreichisches Repertoire. Andays Rollen zeigen diese Vielfalt in exemplarischer Weise. Mit Carmen, Dalila und Mignon berührte sie das französische Fach, mit Amneris, Azucena, Ulrica, Suzuki und Quickly das italienische, mit Brangäne, Fricka, Erda, Magdalene und Mary das deutsche und wagnerische Fach, mit Olga, Gräfin und Polina das russische, mit Dorabella, Cherubino und der Dritten Dame den Mozart-Bereich. Diese Breite macht sie zu einer Sängerin des europäischen Repertoires, nicht nur einer einzelnen nationalen Schule.

Besonders auffällig ist die Entwicklung ihrer Stimme und ihrer Rollen. In den frühen Jahren erscheinen Hosenrollen, lyrische Mezzo-Partien und jugendlich bewegliche Rollen: Cherubino, Dorabella, Hänsel, Niklaus oder Prinz Orlofsky. Später treten dramatische Frauenfiguren und dunkle Autoritätsrollen hervor: Amneris, Dalila, Azucena, Ulrica, Fricka, Erda, Brangäne, Mrs. Quickly, Klytämnestra. Diese Entwicklung ist stimmgeschichtlich bedeutsam, weil sie zeigt, wie ein Mezzosopran sich in Richtung dramatischer Altfarbe und Charakterfach erweitern kann, ohne seine musikalische Beweglichkeit vollständig zu verlieren.

Andays Karriere ist zugleich eine Geschichte der Wiener Moderne und ihrer Verletzung. Sie sang in Werken von Richard Strauss, Erich Wolfgang Korngold, Franz Schreker, Franz Schmidt, Ernst Krenek-nahen Umfeldern und zeitgenössischen beziehungsweise damals modernen Opern. Dass sie 1927 in Korngolds Das Wunder der Heliane als Botin auftrat und 1936 sowie 1961 die Klytämnestra in Strauss’ Elektra sang, zeigt ihre Einbindung in eine Opernkultur, die sich nicht auf das klassische Repertoire beschränkte.

Die NS-Zeit bildet den schwersten kulturgeschichtlichen Einschnitt. Andays Ausschluss ist kein isolierter persönlicher Vorgang, sondern Teil der antisemitischen Säuberung des Wiener Musiklebens. Jüdische und als jüdisch verfolgte Sängerinnen, Sänger, Dirigenten, Musikerinnen, Musiker, Regisseure und Mitarbeiter wurden aus Institutionen entfernt, deren Ruhm sie zuvor mitgetragen hatten. Anday gehört deshalb nicht nur in eine Sänger- und Rollenchronik, sondern auch in die Erinnerungsgeschichte verfolgter Musikerinnen.

Die Nachkriegszeit brachte keine einfache Rückkehr zum Früheren. Anday nahm ihre Tätigkeit wieder auf, doch die Biographie der Verfolgung blieb in ihre Karriere eingeschrieben. Ihre späten Rollen, besonders Charakter- und Altersfiguren, wirken vor diesem Hintergrund nicht nur als Fachwechsel, sondern als Zeugnisse einer Künstlerin, die eine zerstörte Laufbahn unter veränderten Bedingungen fortsetzte. Die Operngeschichte des 20. Jahrhunderts wird an Anday als eine Geschichte von Stimme, Institution, Exil im Inneren, Überleben und Erinnerung lesbar.

Stimmprofil und Bühnenfach

Rosette Andays Stimme wird im Allgemeinen als Alt beziehungsweise Mezzosopran beschrieben. Diese Doppelbezeichnung ist angemessen, weil ihre Karriere mehrere Register des dunklen Frauenfachs durchläuft. In jungen Jahren besaß sie offenbar genügend Beweglichkeit und Frische für Hosenrollen und Mozart-Partien. Zugleich war bereits früh eine dunkle, tragende Grundfarbe vorhanden, die sie für Carmen, Amneris, Dalila und später Klytämnestra prädestinierte.

Das Besondere ihres Stimmprofils liegt in der Verbindung von Sonorität und Rollenintelligenz. Eine Altistin kann auf der Bühne leicht auf Autorität, Farbe oder Schwere reduziert werden. Anday hingegen verband dunkle Klangsubstanz mit prägnanter Artikulation und darstellerischer Differenzierung. Ihre Carmen war nicht bloß exotische Verführerin, ihre Dalila nicht bloß süße Klangfläche, ihre Brangäne nicht bloß warnende Begleiterin und ihre Klytämnestra nicht bloß dämonische Alte. In allen diesen Rollen geht es um psychologische Spannung, um Macht, Verletzlichkeit, Kontrolle und klangliche Charakterisierung.

Ihre Ausbildung als Geigerin dürfte zur musikalischen Präzision beigetragen haben. Die Fähigkeit, Phrasen zu tragen, Linien aufzubauen und rhythmische Binnenbewegung zu kontrollieren, gehört zu den Eigenschaften, die bei einer Sängerin aus instrumentaler Vorbildung besonders plausibel sind. Die Stimme wurde bei Anday nicht nur als Naturorgan, sondern als musikalisches Instrument behandelt.

Auf der Bühne bewegte sie sich zwischen zentralen Rollen und kleineren Charakterpartien. Gerade diese Spannung ist für die Ensemblekultur der Wiener Staatsoper wichtig. Eine Künstlerin ihres Ranges konnte nicht nur die großen Partien tragen, sondern auch Nebenrollen so profilieren, dass sie dem Abend Gewicht gaben. Das Rollenverzeichnis zeigt deshalb nicht nur Glanzrollen, sondern auch eine lange institutionelle Arbeit im Ensemble.

Rollen-, Repertoire- und Tonträgerverzeichnis

Rosette Anday war keine Komponistin; ein Werkverzeichnis im kompositorischen Sinn liegt daher nicht vor. Für eine Sängerin ist das maßgebliche Werkverzeichnis ein Rollen-, Repertoire- und Aufnahmenverzeichnis. Die folgende Übersicht verbindet die dokumentierten Rollen an der Wiener Staatsoper mit wichtigen Salzburger Auftritten, Konzerten und Tonträgern. Die Staatsopernrollen werden nach dem Spielplanarchiv der Wiener Staatsoper zusammengefasst; die Rollenliste zeigt gerade in ihrer Breite, dass Anday nicht nur Starpartien, sondern über Jahrzehnte ein außerordentlich weites Ensemble- und Charakterfach betreute.

Aida Amneris; 67 Vorstellungen an der Wiener Staatsoper zwischen 18. Dezember 1923 und 28. Juni 1950.
Andrea Chénier Bersi; 5 Vorstellungen zwischen 2. Februar 1926 und 18. April 1926.
Andrea Chénier Gräfin di Coigny; 4 Vorstellungen zwischen 26. März 1955 und 20. Mai 1955.
Boccaccio Peronella; 8 Vorstellungen zwischen 8. September 1951 und 5. Dezember 1953.
Boris Godunow Fjodor; 8 Vorstellungen zwischen 27. Oktober 1925 und 9. Mai 1927.
Boris Godunow Schenkenwirtin; 28 Vorstellungen zwischen 7. November 1945 und 17. Juni 1954.
Carmen Carmen; 82 Vorstellungen zwischen 23. September 1921 und 15. Februar 1951. Diese Rolle war ihr Wiener Debüt und blieb ein zentrales Rollenbild ihrer Karriere.
Cavalleria rusticana Lola; 13 Vorstellungen zwischen 17. Oktober 1921 und 28. April 1925.
Cavalleria rusticana Lucia; 12 Vorstellungen zwischen 16. März 1954 und 21. April 1962.
Così fan tutte Dorabella; 18 Vorstellungen zwischen 9. September 1922 und 25. Februar 1930; außerdem Festspielrolle in Salzburg 1922.
Daphne Gaea; 2 Vorstellungen zwischen 2. April 1954 und 11. Juni 1954.
Das höllisch Gold Die Frau; 10 Vorstellungen zwischen 4. Dezember 1925 und 7. Juni 1930.
Das Medium Madame Flora, genannt Baba; 13 Vorstellungen zwischen 27. Februar 1953 und 30. November 1953.
Das Rheingold Erda; 5 Vorstellungen zwischen 16. Oktober 1926 und 21. November 1935.
Das Rosengärtlein Fatima; 3 Vorstellungen zwischen 27. Juni 1924 und 23. September 1924.
Das Werbekleid Die alte Muhm; 13 Vorstellungen zwischen 29. Mai 1946 und 28. Juni 1955.
Das Wunder der Heliane Die Botin; 13 Vorstellungen zwischen 29. Oktober 1927 und 14. Juni 1930.
Der Barbier von Bagdad Bostana; 22 Vorstellungen zwischen 6. Januar 1922 und 7. März 1949.
Der Bettelstudent Palmatica, Gräfin Nowalska; 48 Vorstellungen zwischen 12. Februar 1950 und 30. April 1955.
Der Corregidor Frasquita, Gattin des Müllers; 6 Vorstellungen zwischen 26. Juni 1926 und 1. Dezember 1928.
Der Evangelimann Magdalena, Marthas Freundin; 25 Vorstellungen zwischen 23. Dezember 1933 und 3. November 1952.
Der fliegende Holländer Mary; 8 Vorstellungen zwischen 28. März 1953 und 19. Juni 1955.
Der Graf von Luxemburg Gräfin Stasa Kokozow; 31 Vorstellungen zwischen 28. Februar 1954 und 15. September 1955.
Der Jahrmarkt von Sorótschintzi Chiwria beziehungsweise Charwronja Nikiforowna; 5 Vorstellungen zwischen 13. Februar 1935 und 6. Mai 1952.
Der Konsul Die Mutter; 4 Vorstellungen zwischen 30. Dezember 1953 und 3. Februar 1955.
Der Kuhreigen Cléo; 6 Vorstellungen zwischen 18. Oktober 1921 und 3. Dezember 1921.
Der Rosenkavalier Annina; 74 Vorstellungen zwischen 2. April 1923 und 28. Dezember 1957.
Der Rosenkavalier Annina bei Gastspielen in Wiesbaden und Brüssel; 3 Vorstellungen zwischen 2. Mai 1953 und 8. Mai 1953.
Der Wildschütz Die Gräfin; 10 Vorstellungen zwischen 8. Mai 1951 und 6. Juni 1952.
Der Zigeunerbaron Czipra; 76 Vorstellungen zwischen 14. März 1948 und 27. Mai 1954.
Dialogues des Carmélites Mère Jeanne; 18 Vorstellungen zwischen 14. Februar 1959 und 24. Mai 1962.
Dido and Aeneas Zauberin; 2 Vorstellungen zwischen 27. März 1927 und 29. März 1927.
Die Flamme / La fiamma Eudossia; 4 Vorstellungen zwischen 14. Juni 1937 und 2. November 1937.
Die Fledermaus Prinz Orlofsky; 39 Vorstellungen zwischen 20. Oktober 1924 und 31. Dezember 1948.
Die Frau ohne Schatten Die Stimme des Falken; 1 Vorstellung am 18. November 1925.
Die Hochzeit im Fasching Die Gräfin; 4 Vorstellungen zwischen 22. Februar 1926 und 4. März 1926.
Die Königin von Saba Astaroth, Sklavin der Königin; 21 Vorstellungen zwischen 26. Januar 1922 und 21. Dezember 1928.
Die lustigen Weiber von Windsor Frau Reich; 18 Vorstellungen zwischen 29. September 1935 und 19. Oktober 1954.
Die Meistersinger von Nürnberg Magdalene; 44 Vorstellungen zwischen 26. Dezember 1923 und 19. März 1956.
Die Rose vom Liebesgarten Rothelse, Waldweibchen und Dienerin der Elfe Minneleide; 3 Vorstellungen zwischen 25. März 1926 und 22. April 1926.
Die toten Augen Maria von Magdala; 7 Vorstellungen zwischen 10. April 1950 und 2. Oktober 1950.
Die verkaufte Braut Háta beziehungsweise Agnes; 7 Vorstellungen zwischen 10. März 1922 und 11. November 1960.
Die verkaufte Braut Ludmila; 86 Vorstellungen zwischen 1. Januar 1925 und 1. März 1955.
Die vier Grobiane / I quattro rusteghi Margarita; 18 Vorstellungen zwischen 25. Februar 1934 und 12. Mai 1937.
Die Walküre Fricka; 14 Vorstellungen zwischen 6. Dezember 1946 und 5. Januar 1955.
Die Walküre Waltraute; 4 Vorstellungen zwischen 6. Dezember 1946 und 18. November 1950.
Die Walküre Roßweiße; 31 Vorstellungen zwischen 2. April 1957 und 11. Mai 1962.
Die Zauberflöte Drei Knaben; 19 Vorstellungen zwischen 14. September 1921 und 15. Februar 1924.
Die Zauberflöte Dritte Dame; 33 Vorstellungen zwischen 17. Mai 1949 und 14. März 1960; zusätzlich eine Gastspielvorstellung in Wiesbaden am 13. Mai 1951.
Don Gil von den grünen Hosen Donna Clara, Base der Donna Ines; 4 Vorstellungen zwischen 7. Mai 1925 und 10. September 1925.
Elektra Fünf Mägde; 11 Vorstellungen zwischen 23. November 1921 und 17. Februar 1927.
Elektra Klytämnestra; 12 Vorstellungen zwischen 30. September 1936 und 22. Oktober 1961. Diese Partie wurde zu einer ihrer bedeutendsten späten Charakterrollen.
Eugen Onegin Olga; 7 Vorstellungen zwischen 13. September 1934 und 11. März 1938.
Falstaff Mrs. Quickly; 25 Vorstellungen zwischen 7. November 1934 und 21. April 1955.
Faust / Margarethe Marthe; 9 Vorstellungen zwischen 21. Februar 1950 und 6. September 1955.
Fedora Dimitri, groom; 3 Vorstellungen zwischen 27. Mai 1924 und 3. Juni 1924.
Feuersnot Wigelis; 8 Vorstellungen zwischen 18. März 1922 und 29. Mai 1922.
Freund Fritz / L’amico Fritz Josef beziehungsweise Beppe, der Zigeuner; 2 Vorstellungen zwischen 19. Januar 1925 und 24. Januar 1925.
Gianni Schicchi Zita; 4 Vorstellungen zwischen 20. September 1949 und 11. Mai 1950.
Götterdämmerung Waltraute; 25 Vorstellungen zwischen 5. März 1922 und 28. März 1938.
Götterdämmerung Rheintochter; 17 Vorstellungen zwischen 14. Mai 1922 und 25. März 1928.
Götterdämmerung Norn; 22 Vorstellungen zwischen 28. Oktober 1923 und 16. September 1937.
Hänsel und Gretel Hänsel; 24 Vorstellungen zwischen 23. Dezember 1922 und 25. Dezember 1932.
Il trovatore Azucena; 30 Vorstellungen zwischen 16. Dezember 1922 und 12. Dezember 1951.
Jeanne d’Arc au bûcher Heilige Katharina; 10 Vorstellungen zwischen 2. November 1952 und 24. Januar 1957.
Konzert Mitwirkende in drei Konzerten zwischen 15. Juli 1945 und 19. Juli 1945.
La forza del destino Preziosilla; 1 Vorstellung am 27. November 1926.
La Gioconda Laura Adorno; 14 Vorstellungen zwischen 29. Mai 1934 und 28. Januar 1937.
Lakmé Mallika; 3 Vorstellungen zwischen 5. Juni 1922 und 2. Januar 1924.
Le nozze di Figaro Cherubino; 37 Vorstellungen zwischen 4. Januar 1922 und 13. April 1929; außerdem Cherubino bei den Salzburger Festspielen 1922.
Le nozze di Figaro Marcellina; 97 Vorstellungen zwischen 22. Februar 1922 und 12. Februar 1961, zusätzlich 7 Gastspielvorstellungen zwischen 1949 und 1953.
Lenau-Gedächtnisfeier Sängerin; 1 Vorstellung beziehungsweise Sonderveranstaltung am 17. September 1950.
Les Contes d’Hoffmann Eine Stimme; 2 Vorstellungen zwischen 15. Oktober 1921 und 19. Dezember 1923.
Les Contes d’Hoffmann Niklaus; 8 Vorstellungen zwischen 20. Dezember 1930 und 16. Oktober 1932.
Les Contes d’Hoffmann Muse beziehungsweise Nicklausse; 57 Vorstellungen zwischen 24. Oktober 1945 und 27. Januar 1954.
Les Contes d’Hoffmann Stimme der Mutter; 11 Vorstellungen zwischen 7. November 1954 und 15. Dezember 1958.
Madama Butterfly Suzuki; 35 Vorstellungen zwischen 20. Juni 1945 und 29. Juni 1955.
Manon Rosette, Manons Freundin; 3 Vorstellungen zwischen 19. Dezember 1921 und 30. Januar 1923.
Martha oder Der Markt zu Richmond Nancy, Vertraute Lady Harriet Durhams; 10 Vorstellungen zwischen 8. Dezember 1945 und 19. September 1946.
Matinée / Beliebte Opernfiguren Kartenarie und Habanera; 1 Sondervorstellung am 22. Juli 1945 im Volksoperngebäude.
Mignon Mignon; 5 Vorstellungen zwischen 16. Dezember 1924 und 23. Februar 1931.
Notre Dame Die alte Falourdel; 3 Vorstellungen zwischen 8. März 1922 und 2. Januar 1923.
Oberon, König der Elfen Fatime; 6 Vorstellungen zwischen 19. Mai 1937 und 17. Februar 1938.
Oedipus Rex Jokaste; 6 Vorstellungen zwischen 23. Februar 1928 und 7. Januar 1929.
Otello Emilia; 15 Vorstellungen zwischen 2. November 1923 und 16. Mai 1954.
Palestrina Silla; 10 Vorstellungen zwischen 13. April 1925 und 17. März 1933.
Palestrina Die Erscheinung der Lukretia; 15 Vorstellungen zwischen 12. Dezember 1953 und 16. April 1960.
Parsifal Klingsors Zaubermädchen; 13 Vorstellungen zwischen 9. Dezember 1922 und 13. Februar 1930.
Parsifal Zweiter Knappe; 4 Vorstellungen zwischen 9. Dezember 1922 und 4. November 1923.
Pique Dame Gräfin; 17 Vorstellungen zwischen 20. Februar 1935 und 24. März 1954.
Pique Dame Daphnis im Zwischenspiel beziehungsweise Schäferspiel; 6 Vorstellungen zwischen 22. März 1946 und 9. Oktober 1946.
Pique Dame Polina; 6 Vorstellungen zwischen 22. März 1946 und 9. Oktober 1946.
Rienzi Adriano; 8 Vorstellungen zwischen 25. März 1933 und 8. Februar 1934.
Rigoletto Maddalena; 2 Vorstellungen zwischen 19. November 1933 und 6. März 1954.
Salome Page der Herodias; 5 Vorstellungen zwischen 5. Mai 1922 und 24. Januar 1924.
Samson et Dalila / Samson und Dalila Dalila; 11 Vorstellungen zwischen 15. Mai 1927 und 4. April 1936.
Siegfried Erda; 11 Vorstellungen zwischen 5. März 1930 und 22. Januar 1937.
Spuk im Schloß / Böse Zeiten für Gespenster Cedrik, Sohn von Mrs. Hollywood; 4 Vorstellungen zwischen 31. Dezember 1932 und 11. März 1933.
Suor Angelica Die Fürstin; 2 Vorstellungen zwischen 16. September 1931 und 25. September 1931.
Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg Ein junger Hirt; 1 Vorstellung am 20. April 1922.
Tosca Ein Hirt; 7 Vorstellungen zwischen 4. Mai 1956 und 2. Dezember 1956.
Tristan und Isolde Brangäne; 42 Vorstellungen zwischen 12. November 1922 und 16. Oktober 1949.
Un ballo in maschera Ulrica; 41 Vorstellungen zwischen 19. Februar 1928 und 15. April 1955.
Verlobung bei Laternenschein / Le mariage aux lanternes Cathérine; 18 Vorstellungen zwischen 27. November 1947 und 22. April 1949.
Violanta Barbara, Violantas Amme; 2 Vorstellungen zwischen 29. Dezember 1923 und 14. Februar 1925.
Salzburger Festspiele 1922 Dorabella in Così fan tutte und Cherubino in Le nozze di Figaro; frühe Festspielauftritte im Kontext der Mozartpflege.
Salzburger Domkonzerte und Konzertauftritte Alt-Partien in geistlichen und symphonischen Programmen, darunter dokumentierte Mitwirkung in historischen Domkonzerten.
Salzburger Festspiele 1946/1947 Nachkriegsauftritte in kleineren Rollen, darunter Annina in Der Rosenkavalier, Adelaide in Arabella und Frau Simon in Gottfried von Einems Dantons Tod.
Lebendige Vergangenheit: Rosette Anday Historische Tonträgerausgabe mit Arien- und Liedaufnahmen, besonders wichtig für die Dokumentation der Stimme außerhalb des reinen Rollenarchivs.
Dreigroschenoper Mitwirkung als Frau Peachum in einer Aufnahme beziehungsweise Rundfunk- und Tonträgerüberlieferung im Umfeld der Wiener Nachkriegskultur.
Österreichische Mediathek Audioüberlieferung mit historischen Aufnahmen und Rundfunkdokumenten, darunter Lied-, Opern- und Zeitdokumente.
Deutsche Nationalbibliothek Tonträgernachweise unter anderem zu Rosette-Anday-Aufnahmen und historischen Wiederveröffentlichungen.

NS-Verfolgung und Nachkriegsrückkehr

Rosette Andays Biographie lässt sich nicht von der Geschichte des Nationalsozialismus trennen. Als Künstlerin jüdischer Herkunft geriet sie nach dem sogenannten Anschluss Österreichs 1938 in unmittelbare Gefahr. Die Wiener Staatsoper, deren Ruhm sie seit 1921 mitgetragen hatte, entfernte unter nationalsozialistischem Druck jüdische und als jüdisch verfolgte Künstlerinnen und Künstler aus dem Betrieb. Anday wurde dadurch nicht nur beruflich beschädigt, sondern existenziell bedroht.

Die Sängerin hatte 1920 den evangelischen Glauben A.B. angenommen, doch die nationalsozialistische Rassenpolitik hob solche biographischen und religiösen Selbstbestimmungen nicht auf. Ihre Ehe mit dem Rechtsanwalt Karl Bündsdorf wurde als sogenannte privilegierte Mischehe eingestuft. Diese Einstufung konnte zeitweilig vor der Deportation schützen, bedeutete aber keine Freiheit und keine Sicherheit. Anday musste sich während der Jahre des Terrors verbergen beziehungsweise äußerst vorsichtig leben.

Der Verlust ihrer Bühne ist kulturgeschichtlich besonders schwerwiegend. Eine Opernsängerin existiert öffentlich durch Stimme, Körper, Szene und Aufführung. Das Auftrittsverbot griff daher in den Kern ihrer künstlerischen Identität ein. Die Verfolgung zerstörte nicht nur Karrieren, sondern auch Klangtraditionen. Mit jeder entfernten Sängerin ging ein Teil des institutionellen Gedächtnisses verloren.

Nach 1945 kehrte Anday auf die Bühne zurück. Diese Rückkehr war jedoch keine einfache Wiederherstellung des Zustands vor 1938. Das Haus war zerstört, die Institution moralisch beschädigt, die Künstlerbiographien verletzt. Andays Nachkriegstätigkeit gehört deshalb zur schwierigen Geschichte österreichischer Kultur nach 1945: Wiederaufnahme, Verdrängung, Ehrung und späte Erinnerung standen nebeneinander. Die Verlegung eines Stolpersteins in Salzburg 2020 zeigt, dass ihre Verfolgungsgeschichte erst spät sichtbar in den öffentlichen Erinnerungsraum eingeschrieben wurde.

Rezeption und Bedeutung

Rosette Anday wurde bereits früh als außergewöhnliche Sängerin wahrgenommen. Die Kombination aus Jugend, dunkler Stimme, Bühneninstinkt und musikalischer Bildung machte ihr Debüt als Carmen zu einem Ereignis. Innerhalb weniger Jahre gehörte sie zum festen Kern der Wiener Staatsoper. Ihre Ernennung zur Kammersängerin und spätere Ehrenmitgliedschaft bezeugen die institutionelle Anerkennung, die sie im Wiener Musikleben genoss.

Die Rezeptionsgeschichte betont vor allem drei Rollenfelder. Das erste ist das französisch-italienische dramatische Mezzofach: Carmen, Dalila, Amneris, Azucena und Ulrica. Hier war Anday als sinnliche, dramatisch tragfähige und zugleich kontrollierte Sängerin gefragt. Das zweite ist das Wagner- und Strauss-Fach: Brangäne, Waltraute, Fricka, Erda, Klytämnestra. Hier kam ihre dunkle Klangfarbe und dramatische Autorität zum Tragen. Das dritte ist das Charakterfach der Nachkriegszeit, in dem sie Rollen wie Marcellina, Annina, Mrs. Quickly, Schenkenwirtin, Gräfin und Mère Jeanne profilierte.

Von besonderer Bedeutung ist Andays Klytämnestra. Diese Partie verlangt nicht einfach eine alte, dämonisierte Königin, sondern eine Figur aus Angst, Schuld, Macht, körperlicher Bedrohung und seelischer Zersetzung. Andays späte Karriere bündelte sich in dieser Rolle, die zugleich als Abschiedspartie an der Wiener Staatsoper überliefert ist. Damit verbindet sich ihre Karriere mit einem der extremsten Frauenporträts der Opernmoderne.

Die jüngere Erinnerungskultur liest Anday zunehmend auch als verfolgte Künstlerin. Diese Perspektive ergänzt die ältere Sängerverehrung. Anday war nicht nur eine große Wiener Stimme, sondern auch eine jüdische Künstlerin, deren Laufbahn durch den Nationalsozialismus beschädigt wurde. Ihre Wiederkehr nach 1945 darf daher nicht als bloße Kontinuität gefeiert werden, sondern muss als Überlebens- und Rückkehrgeschichte verstanden werden.

Im Gesamtbild erscheint Rosette Anday als zentrale Vertreterin des dunklen Frauenfachs in Wien. Ihre Bedeutung liegt in der Breite ihres Repertoires, in der Verbindung von Altfarbe und Mezzobeweglichkeit, in der Einbindung in Mozart-, Wagner-, Verdi-, Bizet-, Strauss- und moderne Operntraditionen sowie in der biographischen Spannung zwischen künstlerischem Glanz und historischer Verfolgung.

Sekundärliteratur

  • Anday, Rosette. In: Großes Sängerlexikon, einschlägige Ausgabe, München beziehungsweise Berlin, S. 493 ff.
  • Fetthauer, Sophie: Rosette Anday, in: Claudia Maurer Zenck und Peter Petersen (Hg.): Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Universität Hamburg, 2006 ff.
  • Harten, Uwe und Kornberger, Monika: Anday, Rosette, in: Österreichisches Musiklexikon online, Österreichische Akademie der Wissenschaften.
  • Kesting, Jürgen: Die großen Sänger, mehrere Ausgaben, Artikel- und Kontextstellen zum Operngesang des 20. Jahrhunderts.
  • Kutsch, Karl-Josef und Riemens, Leo: Großes Sängerlexikon, erweiterte Ausgabe, München, Artikel zu Rosette Anday.
  • Prieberg, Fred K.: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, Kiel, einschlägige Nachweise zu verfolgten und belasteten Musikbiographien.
  • Rosette Anday: Tonträger- und Katalognachweise in der Deutschen Nationalbibliothek und in historischen Operndiskographien.
  • Stolpersteine Salzburg: Gert Kerschbaumer, Rosette Anday, biographische Dokumentation zur Verfolgungsgeschichte und Festspielbiographie.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Altistin Stimmfach, in dem Rosette Andays dunkle Klangfarbe und dramatische Autorität besonders wirksam wurden.
  • Amneris Zentrale Verdi-Partie des dramatischen Mezzofachs und eine der häufig gesungenen Rollen Andays.
  • Georg Anthes Sänger und Pädagoge, der in Andays Ausbildung eine Rolle spielte.
  • Georges Bizet Komponist von Carmen, der Oper, mit der Anday 1921 an der Wiener Staatsoper debütierte.
  • Brangäne Wagner-Partie, die Andays dramatisches Mezzo- und Altprofil im deutschen Repertoire zeigt.
  • Budapest Geburts- und Ausbildungsstadt Andays, verbunden mit ungarischer Musikbildung und Opernkultur.
  • Mme Charles Cahier Altistin und Mezzosopranistin, die für Andays stimmliche und rollenfachliche Prägung wichtig war.
  • Carmen Titelrolle von Bizets Oper und Debütpartie Andays an der Wiener Staatsoper.
  • Dalila Französische Mezzopartie, in der Andays dunkles Timbre und dramatische Sinnlichkeit besonders hervortraten.
  • Elektra Strauss-Oper, in der Anday als Klytämnestra einen späten Rollenmittelpunkt fand.
  • Festspielkultur Kultureller Rahmen für Andays Auftritte bei den Salzburger Festspielen.
  • Franz Schalk Direktor der Wiener Staatsoper, der Anday in Budapest hörte und nach Wien holte.
  • Gesangspädagogik Feld, in dem Andays Ausbildung und spätere pädagogische Wirkung einzuordnen sind.
  • Jenő Hubay Ungarischer Geiger und Pädagoge, dessen Umfeld für Andays frühe Violinausbildung bedeutsam war.
  • Jüdische Musikerinnen Erinnerungs- und Forschungskontext für Andays Biographie und NS-Verfolgung.
  • Kammersängerin Ehrentitel, der Andays institutionelle Anerkennung im österreichischen Musikleben markiert.
  • Klytämnestra Charakterpartie aus Strauss’ Elektra, die Andays späte Bühnenwirkung bündelte.
  • Liszt-Akademie Budapester Ausbildungsinstitution, die für Andays frühe musikalische Bildung wichtig war.
  • Mezzosopran Stimmfach zwischen Sopran und Alt, in dem Andays Hauptpartien von Carmen bis Brangäne liegen.
  • Wolfgang Amadeus Mozart Komponist von Così fan tutte, Le nozze di Figaro und Die Zauberflöte, in denen Anday wichtige Rollen sang.
  • NS-Verfolgung im Musikleben Historischer Kontext für Andays Ausschluss aus der Wiener Staatsoper und ihre erzwungene künstlerische Unterbrechung.
  • Oper Zentrale Kunstform, in der Andays Karriere zwischen französischem, italienischem, deutschem und slawischem Repertoire verlief.
  • Opernsängerin Berufliche Grundform von Andays künstlerischer Existenz als Ensemble- und Rollensängerin.
  • Richard Strauss Komponist von Elektra, Der Rosenkavalier, Arabella und Daphne, in deren Rollen Anday hervortrat.
  • Salzburger Festspiele Festival, bei dem Anday in frühen Mozart-Produktionen und späteren Nachkriegsaufführungen mitwirkte.
  • Theater an der Wien Ausweichspielstätte der Wiener Staatsoper nach 1945 und Ort von Andays Nachkriegsrückkehr.
  • Giuseppe Verdi Komponist wichtiger Anday-Partien wie Amneris, Azucena, Ulrica und Maddalena.
  • Richard Wagner Komponist von Brangäne, Waltraute, Fricka, Erda und weiteren Partien, die Andays deutsches Fach prägten.
  • Wien Zentraler Wirkungs-, Erinnerungs- und Sterbeort Rosette Andays.
  • Wiener Staatsoper Hauptinstitution von Andays Karriere, in deren Spielplanarchiv ihre Rollen über vier Jahrzehnte dokumentiert sind.