Spirito Anagnino
Überblick
Spirito Anagnino ist eine nur schmal dokumentierte, aber für die Geschichte der frühbarocken Kirchenmusik aufschlussreiche Gestalt. Er begegnet in den Quellen als Augustiner, als bischöflicher Sekretär, als Kapellmeister und als Komponist geistlicher Vokalmusik. Für das Jahr 1617 wird er mit Morano in Kalabrien verbunden, wo er in Personalunion als bischöflicher Sekretär und Kapellmeister an der Kathedrale beziehungsweise an der dortigen kirchlichen Hauptmusik wirkte. Weitere Hinweise führen nach Neapel und Orvieto. Seine Lebensdaten sind unbekannt; greifbar ist er vor allem über Drucke von 1617 und 1625.
Anagnino steht für jene geistliche Musikpraxis, in der die ältere Polyphonie und die neue, stärker affektgebundene Monodie nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern nebeneinander bestehen. Seine erhaltenen und bibliographisch nachweisbaren Drucke enthalten Motetten, geistliche Concerti, Psalmen, Magnificat-Vertonungen, Litaneien, Messen, Dialoge, Echos und weitere geistliche Gesänge. Damit gehört er in den kulturellen Zusammenhang des italienischen Seicento, in dem kleinere Besetzungen mit Basso continuo, textnahe Deklamation und liturgische Gebrauchsfunktion eine neue Beweglichkeit erhielten.
Bekannt ist heute vor allem die Motette O quam suavis est Domine spiritus tuus für Sopran und Basso continuo. Sie ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einem größeren, offenbar deutlich reicheren Schaffen. Der Orvietaner Druck Sacro convito celeste op. 6 von 1625 zeigt Anagnino als Komponisten mehrstimmiger geistlicher Musik für zwei bis acht Stimmen mit Orgelcontinuo. Das Werk gehört in eine Druckkultur, in der Ordensmusiker, Kapellmeister, regionale Drucker, kirchliche Auftraggeber und liturgische Praxis eng miteinander verbunden waren.
Kurzdaten
| Name | Spirito Anagnino. |
|---|---|
| Namensformen | Spirito Anagnino, Spirito Anaguino, Spirito Agnanino, F. Spirito Anagnino Agostiniano. |
| Lebensdaten | Unbekannt; nachweisbar vor allem 1617 und 1625. |
| Beruf | Augustiner, bischöflicher Sekretär, Kapellmeister und Komponist geistlicher Vokalmusik. |
| Wirkungsorte | Morano in Kalabrien, Neapel und Orvieto; weitere Aufenthalte sind möglich, aber nicht sicher zu belegen. |
| Gattungen | Motette, geistliches Concerto, Psalm, Magnificat, Messe, Hymnus, Litanei, geistlicher Dialog, Echo und geistlicher Gesang. |
| Epoche | Früher italienischer Barock beziehungsweise frühes Seicento. |
| Hauptquellen | Nova sacra cantica beziehungsweise Sacra cantica, Neapel 1617; Sacro convito celeste op. 6, Orvieto 1625. |
Namensformen und Quellenlage
Die Quellenlage zu Spirito Anagnino ist fragmentarisch. Schon der Name begegnet in mehreren Formen. Neben Anagnino finden sich Anaguino und Agnanino. Die Form Anagnino kann als Familienname verstanden werden, sie kann aber auch einen Herkunftsbezug zu Anagni nahelegen. Für eine biographische Rekonstruktion ist diese Unsicherheit bedeutsam, weil sie zeigt, wie vorsichtig ältere Lexikonangaben, Drucktitel, Katalogisierungen und moderne Datenbankeinträge miteinander abgeglichen werden müssen.
Die ältere Musiklexikographie, besonders François-Joseph Fétis und Robert Eitner, bildet eine wichtige, aber nicht immer völlig eindeutige Grundlage. Moderne Online-Nachweise führen Anagnino häufig nur als Komponistenstichwort oder als Eintrag in Notenportalen. Belastbarer sind die bibliographischen Angaben zu den Drucken von 1617 und 1625. Der Orvietaner Druck Sacro convito celeste ist durch den RISM-Zusammenhang und durch den Katalog von Jeffrey Kurtzman und Anne Schnoebelen besonders gut beschreibbar. Für die eigentliche Lebensgeschichte bleiben dagegen große Lücken.
Gerade diese Lücken sind kulturgeschichtlich aufschlussreich. Anagnino gehört nicht zu den Komponisten, deren Nachruhm durch Hofämter, gedruckte Gesamtausgaben oder eine dichte Briefüberlieferung gesichert wurde. Seine Sichtbarkeit hängt an geistlichen Gebrauchsdrucken, an kirchlichen Funktionsangaben und an späteren Katalogen. Damit steht er exemplarisch für viele Ordensmusiker des 17. Jahrhunderts, deren musikalische Arbeit im liturgischen Alltag bedeutend war, deren Biographien aber nur punktuell dokumentiert sind.
Leben und Wirkungsorte
Über Anagninos Herkunft, Geburtsjahr, familiäre Umgebung und Todesdatum ist nichts Sicheres bekannt. Als Augustiner ist er in eine Ordenswelt einzuordnen, die im frühen 17. Jahrhundert nicht nur theologisch und seelsorgerisch, sondern auch musikalisch wirksam war. Ordensgeistliche komponierten für Liturgie, Andacht, Prozession, Konvent, Kathedrale und kirchliche Festkultur. Sie konnten zugleich Prediger, Lehrer, Organisten, Kapellmeister, Sekretäre und Komponisten sein. Anagninos Profil als Augustiner, bischöflicher Sekretär und Kapellmeister entspricht genau dieser Mehrfachfunktion.
Für 1617 ist Anagnino in Morano in Kalabrien bezeugt. Die Angabe, er habe dort in Personalunion als bischöflicher Sekretär und Kapellmeister an der Kathedrale gewirkt, verweist auf eine Verbindung von Verwaltung, kirchlicher Repräsentation und Musikleitung. Der Kapellmeister war nicht nur ein Komponist, sondern organisierte Sänger, Repertoire, liturgische Aufführungen und häufig auch die Ausbildung der beteiligten Musiker. In kleineren oder mittleren kirchlichen Zentren war diese Funktion besonders verdichtet, weil eine einzelne Person mehrere Aufgabenbereiche tragen konnte.
Mit Neapel verbindet sich die Drucküberlieferung von 1617. Neapel war im frühen 17. Jahrhundert eines der wichtigsten Musikzentren Süditaliens. Die Stadt bot nicht nur Kirchen, Konvente, Adelshäuser und Ausbildungsstätten, sondern auch eine produktive Druck- und Aufführungskultur. Wenn Anagninos geistliche Cantica dort gedruckt wurden, zeigt dies seine Einbindung in einen überregionalen Kommunikationsraum, der die Musik kleinerer Kirchenzentren mit dem urbanen Markt einer großen Metropole verband.
Der Druck Sacro convito celeste von 1625 führt nach Orvieto. Die Widmung an Gasparo da Orvieto, einen Augustinerprovinzial, und die Selbstbezeichnung als F. Spirito Anagnino Agostiniano verankern das Werk deutlich in der Ordenswelt. Zugleich erklärt die Vorrede, dass Anagnino schon in früheren Jahren in Neapel musikalische Werke komponiert und veröffentlicht habe. Damit entsteht ein knappes, aber aussagekräftiges Bewegungsbild: Morano, Neapel und Orvieto markieren Stationen einer kirchlich-italienischen Musikbiographie, die nicht vom höfischen Opernbetrieb, sondern von Ordensnetzwerken, Druckwesen und liturgischer Praxis geprägt ist.
Kulturüberblick: geistliche Musik im frühen Seicento
Anagninos Werk gehört in eine Zeit, in der die geistliche Musik Italiens eine deutliche Umformung erlebte. Die mehrstimmige Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts blieb weiterhin verbindlich, doch seit der Jahrhundertwende gewann das Basso-continuo-Prinzip an Gewicht. Komponisten schrieben geistliche Stücke für eine, zwei, drei oder mehrere Stimmen mit Orgelbegleitung. Dadurch wurde die Musik beweglicher, affektbetonter und besser an unterschiedliche Aufführungsbedingungen anpassbar.
Diese Entwicklung betrifft besonders das geistliche Concerto. Der Begriff bezeichnet im frühen 17. Jahrhundert keine Konzertgattung im späteren instrumentalen Sinn, sondern eine vokal-geistliche Form, in der Stimmen, Text, Raum und Continuo zusammenwirken. Die Musik kann klein besetzt sein, etwa für Sopran und Orgel, sie kann aber auch größere vokale Gruppen einbeziehen. Anagninos Drucke zeigen diese Spannweite: von der solistischen Motette O quam suavis est Domine spiritus tuus bis zu Werken für mehrere Stimmen und Orgelcontinuo.
Der liturgische Hintergrund bleibt dabei entscheidend. Psalmen, Magnificat, Messe, Litanei und Hymnus sind keine bloßen Kunstformen, sondern in Gebets- und Festordnungen eingebettet. Der Komponist arbeitet mit Texten, die theologisch und rituell bereits hoch aufgeladen sind. Die Musik fügt diesen Texten Affekt, Klangraum, rhetorische Zuspitzung und zeremonielle Präsenz hinzu.
Anagnino steht damit auch im Zusammenhang der nachtridentinischen katholischen Musikkultur. Nach dem Konzil von Trient wurde der Anspruch auf Textverständlichkeit, Würde und liturgische Angemessenheit immer wieder betont. Zugleich entwickelte sich im 17. Jahrhundert eine expressive Klangsprache, die nicht einfach nüchtern oder asketisch war, sondern Frömmigkeit als affektive Erfahrung gestaltete. Anagninos Titel wie Sacro convito celeste zeigen diese Verbindung von Eucharistie, Andacht, Klangfülle und geistlicher Sinnlichkeit.
Neapel, Morano und Orvieto als musikalische Räume
Die drei wichtigsten Ortsbezüge Anagninos haben unterschiedliche kulturelle Funktionen. Morano in Kalabrien verweist auf den regionalen Kirchenraum Süditaliens. Hier erscheint Anagnino als Funktionsträger, der Verwaltung und musikalische Leitung verbindet. Solche Zentren waren für die Verbreitung geistlicher Musik wesentlich, weil die in Metropolen entwickelten Formen dort in den liturgischen Alltag übertragen wurden.
Neapel steht für Druck, musikalische Mobilität und urbanes Netzwerk. Der Druck von geistlichen Cantica in Neapel zeigt, dass Anagninos Musik nicht nur lokal erklang, sondern über die Druckkultur verbreitet werden sollte. Gerade die geistlichen Drucke des frühen Seicento fungierten als Repertoireträger für Kapellen, Klöster, Kathedralen und kleinere Kirchen. Sie boten flexible Besetzungen, die je nach vorhandenen Sängern und Instrumentalisten angepasst werden konnten.
Orvieto schließlich ist durch Sacro convito celeste von 1625 verbunden. Dieser Druck ist nicht nur ein musikalisches Dokument, sondern auch ein Ordens- und Widmungsdokument. Die Widmung an einen Augustinerprovinzial zeigt, dass Anagnino seine Musik innerhalb einer hierarchischen und spirituellen Ordnung positionierte. Der Druck trägt damit zugleich liturgische, soziale und institutionelle Bedeutung: Er ist Musik, geistliche Gabe, Selbstpräsentation und ordensinterne Kommunikation.
Stil, Gattungen und Besetzungen
Anagninos Stil lässt sich nur aus den erhaltenen beziehungsweise katalogisch dokumentierten Werken erschließen. Die Motette O quam suavis est Domine spiritus tuus für Sopran und Basso continuo gehört zur kleinbesetzten geistlichen Vokalmusik. Der lateinische Text wird solistisch getragen und durch das Continuo harmonisch gestützt. Diese Besetzung erlaubt eine größere Textnähe als die dichte Polyphonie des 16. Jahrhunderts und entspricht der neuen frühbarocken Vorliebe für affektive Deklamation.
Der größere Druck Sacro convito celeste zeigt eine andere Seite. Er nennt Mottetten, Dialoge, Echos, Messen, Psalmen, Hymnen, Litaneien und weitere geistliche Gesänge für zwei bis acht Stimmen mit Orgelcontinuo. Die Kombination von Dialog und Echo ist typisch für eine Zeit, in der räumliche, rhetorische und klangliche Effekte auch in der Kirchenmusik eine stärkere Rolle spielten. Echo-Kompositionen konnten den sakralen Raum selbst zum musikalischen Medium machen; Dialoge konnten geistliche Inhalte dramatisch oder meditativ entfalten.
Die im Katalog greifbaren Stücke des Orvietaner Drucks zeigen besonders die Dreistimmigkeit mit zwei Tenören und Bass beziehungsweise drei Tenören oder drei Sopranen. Diese Besetzungen verweisen auf praktische Verfügbarkeit und auf institutionelle Aufführungsbedingungen. Nicht jede Kirche verfügte über ein ausgewogenes modernes Chorensemble. Viele Drucke des 17. Jahrhunderts reagierten auf konkrete Sängerbestände, indem sie flexible Stimmenkombinationen anboten. Anagninos Musik gehört also nicht nur in die Geschichte der Komposition, sondern auch in die Geschichte der Aufführungspraxis.
Nachweisbares Werkverzeichnis
Das folgende Werkverzeichnis ist als nachweisbares Werkverzeichnis zu verstehen. Da Anagninos Lebenslauf und Überlieferung lückenhaft sind, werden Drucke, Werkgruppen und Einzelstücke zusammengeführt, soweit sie aus älteren Lexikonangaben, modernen Katalogen, Notenportalen und bibliographischen Nachweisen greifbar sind. Unsichere Titelgestalten werden entsprechend gekennzeichnet.
Drucke und Werkgruppen
- Sacra cantica a 1, 2, 3 e 4 voci. Geistliche Gesänge für eine bis vier Stimmen mit Basso continuo für Orgel; Neapel, 1617. Der Titel erscheint in der älteren Überlieferung auch im Zusammenhang mit Nova sacra cantica; die genaue Titelgestalt ist daher vorsichtig zu behandeln.
- Nova sacra cantica op. 2. Geistliche Cantica für eine bis vier Stimmen mit Basso continuo; Neapel, Constantino Vitali, 1617. Der Druck enthielt nach bibliographischer Überlieferung eine größere Zahl geistlicher Stücke, darunter Magnificat, Nunc dimittis, Cantabo Domino in vita mea und O quam suavis est Domine spiritus tuus.
- Sacro convito celeste adorno di varie armonie sacre. Novi affetti di musica op. 6. Sammlung geistlicher Musik für zwei bis acht Stimmen mit Basso continuo für Orgel; Orvieto, Michel’Angelo Fei und Rinaldo Ruuli, 1625; RISM A1032. Der Titel nennt Mottetten, Dialoge, Echos, Messen, Psalmen, Hymnen, Litaneien und weitere geistliche Gesänge.
Einzelstücke aus Nova sacra cantica beziehungsweise der Neapler Überlieferung von 1617
- Cantabo Domino in vita mea. Motette für zwei Soprane und Basso continuo für Orgel; aus dem Umfeld von Nova sacra cantica, Neapel 1617.
- Magnificat. Geistliche Vertonung; als Bestandteil der Neapler Drucküberlieferung genannt.
- Nunc dimittis. Geistliche Vertonung; als Bestandteil der Neapler Drucküberlieferung genannt.
- O quam suavis est Domine spiritus tuus. Motette für Sopran und Basso continuo; Erstveröffentlichung 1617; heute das am leichtesten zugängliche Einzelwerk Anagninos.
Stücke und Stückgruppen aus Sacro convito celeste op. 6
- Beatus vir, spezzato, achter Ton. Für zwei Tenöre und Bass; Psalmvertonung innerhalb der dreistimmigen Gruppe.
- Confitebor tibi, spezzato, zweiter Ton. Für zwei Tenöre und Bass; Psalmvertonung.
- Dixit Dominus, intiero, sechster Ton. Für zwei Tenöre und Bass; vollständige Psalmvertonung.
- Laudate Dominum, intiero, vierter Ton. Für zwei Tenöre und Bass; vollständige Psalmvertonung.
- Laudate pueri, spezzato, fünfter Ton. Für zwei Tenöre und Bass; Psalmvertonung.
- Magnificat, intiero, erster Ton. Für zwei Tenöre und Bass; vollständige Magnificat-Vertonung.
- Magnificat, spezzato, zweiter Ton. Für zwei Tenöre und Bass; Magnificat-Vertonung in alternierender Anlage.
- Messa allegra. Messe für drei Stimmen, insbesondere zwei Tenöre und Bass beziehungsweise nach praktischer Möglichkeit.
- Patefactae sunt. Für drei Tenöre; geistliches Stück der dreistimmigen Gruppe.
- Responde Virgo. Künstliches Echo mit drei Antworten für drei Soprane; Beispiel einer frühbarocken Echo- und Dialogpraxis.
- Salvator noster. Für zwei Tenöre und Bass; geistliches Stück der dreistimmigen Gruppe.
- Concerti für zwei Stimmen. Der Druck vermerkt, dass die zweistimmigen Concerti im Sopran und Bass liegen.
- Concerti für vier, fünf, sechs und acht Stimmen. Der Druck verweist auf eine zweite Partie; der Gesamttitel nennt mehrstimmige Mottetten, Dialoge, Echos, Messen, Psalmen, Hymnen, Litaneien und weitere geistliche Gesänge.
Rezeption und kulturgeschichtliche Bedeutung
Anagninos heutige Rezeption ist klein, aber nicht bedeutungslos. Sie konzentriert sich auf die Notenüberlieferung von O quam suavis est Domine spiritus tuus und auf bibliographische Nachweise seiner Drucke. Damit ist er weniger als kanonisierter Meister denn als Beispiel einer kirchlich-praktischen Musikkultur wichtig. Seine Werke zeigen, wie geistliche Musik im frühen 17. Jahrhundert zwischen Kloster, Kathedrale, Druckmarkt und regionaler Kapellpraxis zirkulierte.
Für die Geschichte des geistlichen Concertos ist Anagnino besonders interessant, weil seine Drucke unterschiedliche Besetzungsgrößen verbinden. Sie reichen von solistischen Stücken mit Continuo bis zu mehrstimmigen Werken für größere vokale Gruppen. Dieser Befund widerspricht einer zu einfachen Vorstellung, die den frühen Barock nur als Ablösung der Polyphonie durch Monodie versteht. In Wirklichkeit existierten ältere und neue Verfahren gleichzeitig, häufig innerhalb derselben Sammlung.
Kulturgeschichtlich steht Anagnino außerdem für die Bedeutung der Ordensmusiker. Der Augustinerorden war nicht nur ein religiöser, sondern auch ein kultureller Träger. Ordensmusiker verfügten über Bildungswege, Netzwerke, liturgische Aufgaben und Widmungsbeziehungen. Der Orvietaner Druck von 1625 zeigt, wie ein Komponist seine Werke innerhalb dieses Gefüges präsentierte: als geistliche Musik, als Dienst an der Kirche, als Zeichen ordensinterner Verbundenheit und als gedrucktes Zeugnis musikalischer Kompetenz.
Schließlich macht Anagnino sichtbar, wie wichtig die Arbeit der modernen Katalogisierung ist. Ohne RISM, digitale Notenportale, Spezialkataloge und bibliographische Forschung wäre seine Musik heute kaum auffindbar. Sein Fall erinnert daran, dass Musikgeschichte nicht nur aus den großen Namen besteht. Sie umfasst auch jene Komponisten, deren Werk in verstreuten Drucken, Teilbüchern und kleinen Datenbankeinträgen überlebt.
Sekundärliteratur
- David Anthony Blazey: The Litany in Seventeenth-Century Italy. Dissertation, Durham University, 1990. Einschlägige Studie zur Litaneikultur des italienischen 17. Jahrhunderts mit bibliographischem Umfeld zu geistlichen Drucken.
- François-Joseph Fétis: Biographie universelle des musiciens et bibliographie générale de la musique. Zweite Ausgabe, Paris 1860 ff. Ältere lexikographische Grundlage für die Namens- und Werküberlieferung Anagninos.
- Robert Eitner: Biographisch-bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten. Leipzig 1900–1904. Grundlegendes älteres Quellenlexikon mit bibliographischen Hinweisen zu frühneuzeitlichen Komponisten.
- Jeffrey Kurtzman und Anne Schnoebelen: A Catalogue of Mass, Office and Holy Week Music Printed in Italy: 1516–1770. JSCM Instrumenta, Band 2, 2014. Katalogischer Nachweis des Orvietaner Drucks Sacro convito celeste op. 6, RISM A1032.
- Galliano Ciliberti: Libri di musica nelle cattedrale di Orvieto dal XVI al XVII secolo: cinque inventari. Studie zur Musikbibliothek und Drucküberlieferung des Domumfelds von Orvieto mit Nachweis des Anagnino-Drucks.
- Hermann Killermann: Ein Beitrag zur Geschichte der katholischen Kirchenmusik in Italien. Ältere kirchenmusikgeschichtliche Darstellung mit Hinweis auf Anagninos Nova sacra cantica und die katholische Druckkultur des frühen 17. Jahrhunderts.
- RISM A/I. Internationales Quellenrepertorium der Musik mit Nachweisen zu Anagninos Drucken und zur Überlieferung geistlicher Musikdrucke des frühen 17. Jahrhunderts.
Ausgewählte Onlinequellen
- Composers Classical Music: Anaguino, Spirito / Anagnino, Spirito / Agnanino, Spirito Kurzer biographisch-bibliographischer Eintrag mit Namensvarianten, Morano-Bezug, Neapler Druck von 1617 und Orvietaner Druck von 1625.
- Internet Archive: Hermann Killermann, Beitrag zur Geschichte der katholischen Kirchenmusik Digitalisat einer älteren kirchenmusikgeschichtlichen Darstellung mit Hinweis auf Anagnino im Zusammenhang der katholischen Musikdrucke.
- IMSLP: Category Anagnino, Spirito Komponistenkategorie mit Lebensdatenschätzung, Barockeinordnung und derzeit nachgewiesenem Einzelwerk.
- IMSLP: O quam suavis est Domine spiritus tuus Werkseite zur Motette mit Angaben zu Erstveröffentlichung, Sprache, Besetzung und barocker Stilzuordnung.
- Musopen: Spirito Anagnino Notenportal mit kurzem Komponisteneintrag und Zugriff auf O quam suavis est Domine spiritus tuus.
- SSCM/JSCM Instrumenta: Anagnino 1625, RISM A1032 Katalogisat zu Sacro convito celeste op. 6 mit Titeltranskription, Widmung, Register, Besetzungshinweisen und RISM-Nummer.
- SheetMusicEden: O quam suavis est Domine spiritus tuus Online-Nachweis einer frei zugänglichen Notenfassung der Motette.
- Wikimedia Commons: O quam suavis est Domine spiritus tuus Dateinachweis zur digital verbreiteten PDF-Fassung der Motette mit Bezug auf Internet Archive und IMSLP.
- Universität Heidelberg, QUICS: O quam suavis est Domine spiritus tuus Übersicht zu Vertonungen des Textincipits mit Anagnino unter den Komponisten des geistlichen Repertoires.
Weiterführende Einträge
- Anagni Möglicher Herkunftsbezug der Namensform Anagnino und wichtiger Ort in der mittel- und süditalienischen Kirchengeschichte.
- Augustinerorden Ordensgeschichtlicher Rahmen für Anagninos Selbstbezeichnung als Augustiner und seine Widmungspraxis.
- Barock Epochenrahmen der geistlichen Affektmusik, des Basso continuo und der neuen kleinbesetzten Vokalgattungen.
- Basso continuo Zentrale Satz- und Aufführungspraxis in Anagninos geistlichen Concerti und Motetten.
- Fétis, François-Joseph Wichtiger Musiklexikograph für die ältere biographische und bibliographische Überlieferung Anagninos.
- Geistliches Concerto Gattungsrahmen für frühbarocke geistliche Vokalmusik mit Continuo und flexiblen Besetzungen.
- Hymnus Liturgische Text- und Gesangsform, die in Anagninos Sacro convito celeste als Werkgruppe genannt ist.
- Kapellmeister Kirchenmusikalisches Leitungsamt, das Komposition, Aufführung, Personalorganisation und Repertoirepflege verband.
- Kirchenmusik Übergreifender Funktionsbereich von Liturgie, geistlichem Gesang, Messe, Psalm, Motette und Andacht.
- Konzil von Trient Theologisch-liturgischer Hintergrund der katholischen Kirchenmusik im nachtridentinischen Italien.
- Litanei Gebets- und Gesangsform, die in Anagninos Druck von 1625 ausdrücklich genannt wird.
- Magnificat Biblischer Lobgesang, der bei Anagnino mehrfach als geistliche Vertonung erscheint.
- Messe Liturgische Hauptform, die in Sacro convito celeste durch die Messa allegra vertreten ist.
- Monodie Frühbarocke Tendenz zur solistischen, textnahen Vokalführung mit Continuo.
- Morano Calabro Kalabrischer Wirkungsort Anagninos um 1617 und wichtiger Bezugspunkt seiner kirchlichen Funktion.
- Motette Geistliche Vokalgattung, die bei Anagnino sowohl solistisch als auch mehrstimmig begegnet.
- Neapel Druck- und Musikzentrum Süditaliens, in dem Anagninos geistliche Cantica 1617 erschienen.
- Orvieto Druckort von Sacro convito celeste op. 6 und wichtiger kirchlicher Kulturraum des 17. Jahrhunderts.
- Polyphonie Mehrstimmige Satztradition, die im frühen Seicento neben monodischen und concertierenden Formen fortbestand.
- Psalm Biblisch-liturgische Textform, die in Anagninos Werkverzeichnis durch mehrere Vertonungen vertreten ist.
- RISM Internationales Quellenrepertorium, das für die Erschließung von Anagninos Musikdrucken zentral ist.
- Seicento Italienische Kultur- und Musikperiode des 17. Jahrhunderts, in der Anagninos geistliche Drucke entstanden.