Blasius Amon
Überblick
Blasius Amon, auch Blasius Ammon, war ein Tiroler Komponist, Hofkapellsänger, Kantor, Franziskaner, Priester und Kirchenmusiker der späten Renaissance. Er wurde um 1560 in Hall in Tirol geboren; einzelne Fachquellen nennen stattdessen Imst oder lassen beide Orte als Möglichkeit stehen. Er starb zwischen dem 1. und 21. Juni 1590 in Wien. Trotz seines kurzen Lebens hinterließ er ein beträchtliches geistliches Œuvre aus Messen, Motetten, Introitus- und Festmusik, das im katholischen habsburgischen Raum um 1580/1590 eine markante Stellung einnimmt.
Amons Bedeutung liegt in der Verbindung mehrerer musikalischer Kulturräume. Als Sängerknabe der Innsbrucker Hofkapelle Erzherzog Ferdinands II. erhielt er eine gründliche Ausbildung in der franko-flämisch geprägten Vokalpolyphonie. Durch seinen Aufenthalt in Venedig lernte er jene neueren klanglichen Verfahren kennen, die mit venezianischer Mehrchörigkeit, choralem Raumklang, harmonischen Farbkontrasten und stärker flächigem Tonsatz verbunden sind. Als Franziskaner und katholischer Kirchenkomponist übertrug er diese Impulse in liturgisch gebundene Musik für Stifte, Klöster, Hof- und Ordensräume.
Seine wichtigsten Drucke sind Liber sacratissimarum, quas vulgo introitus appellant, cantionum selectissimus von 1582, Missae quatuor, vocibus quaternis von 1588, Sacrae cantiones, quas vulgo moteta vocant von 1590, die postumen Breves et selectae quaedam motetae von 1593 und die ebenfalls postum erschienenen Introitus dominicales per totum annum von 1601. Diese Drucke zeigen einen Komponisten, der liturgische Zweckmäßigkeit, textbezogene Motettenkunst und internationale Stilaufnahme miteinander verbindet.
Amons Musik ist fast ausschließlich geistlich. Von weltlicher Musik ist keine gesicherte eigenständige Überlieferung bekannt. Gerade diese Konzentration macht ihn für ein Kulturlexikon wichtig: Er verkörpert eine katholische, habsburgisch-tirolische und zugleich venezianisch informierte Kirchenmusik um 1600, die sich zwischen älterer Kontrapunkttradition und neuen raumklanglichen Möglichkeiten bewegt. Sein Name gehört daher neben Alexander Utendal, Leonhard Lechner, Jacob Regnart, Orlando di Lasso, Andrea Gabrieli und Giovanni Gabrieli in den größeren Zusammenhang der spätmittel- und südeuropäischen Vokalpolyphonie.
Kurzdaten
| Name | Blasius Amon. |
|---|---|
| Weitere Namensformen | Blasius Ammon, Anton Blasius Amon, Anton Blasius Ammon, Blasio Amon Tyrolensi, F. Blasio Ammon Tyrolensi und Blasius Amon OFM. |
| Dateiname | amon-blasius.shtml. |
| Geburt | Etwa 1560 in Hall in Tirol; Fachquellen nennen auch Imst beziehungsweise „Imst oder Hall/T“. |
| Tod | Zwischen dem 1. und 21. Juni 1590 in Wien. |
| Beruf | Komponist, Hofkapellsänger, Sängerknabe, Kantor, Franziskaner, Priester, Kirchenmusiker, Motettenkomponist und Messkomponist. |
| Orden | Franziskaner; Eintritt in den Orden 1587 in Wien, Priesterweihe vor oder um 1590. |
| Konfessioneller Kontext | Katholische Kirchenmusik im habsburgischen und klösterlichen Raum der späten Renaissance. |
| Ausbildung | Sängerknabe der Innsbrucker Hofkapelle Erzherzog Ferdinands II.; Ausbildung unter Wilhelm Bruneau und Alexander Utendal; späterer Aufenthalt in Venedig. |
| Wirkungsorte | Innsbruck, Brixen, Zwettl, Venedig, Heiligenkreuz und Wien; weitere Verbindungen zu Tiroler und niederösterreichischen Kloster- und Stiftsmilieus. |
| Wichtige Druckorte | Wien und München. |
| Wichtige Drucker | Stephan Creuzer in Wien, Michael Apffel beziehungsweise Apfel in Wien und Adam Berg in München. |
| Hauptwerke | Liber sacratissimarum … cantionum, 1582; Missae quatuor, 1588; Sacrae cantiones, 1590; Breves et selectae quaedam motetae, 1593; Introitus dominicales per totum annum, 1601. |
| Zentrale Gattungen | Messe, Requiem, Motette, Introitus, Hymnus, Passionsmotette, Festmotette und katholische liturgische Gebrauchsmusik. |
| Stilistische Bedeutung | Verbindung franko-flämischer Vokalpolyphonie mit venezianischer Mehrchörigkeit, Klangflächen, harmonischen Farbkontrasten und katholischer Festliturgie. |
| Besondere Stellung | Amon gehört zu den ersten Komponisten nördlich der Alpen, die venezianische Doppelchörigkeit und moderne Klangkontraste in die geistliche Musik des habsburgischen Raums übernahmen. |
Namensformen und Quellenlage
Die Hauptform dieses Eintrags lautet Blasius Amon. Die Variante Ammon ist in älteren Lexika, modernen Katalogen und digitalen Musikportalen weiterhin verbreitet. In lateinischen Titel- und Katalogformen begegnet außerdem Blasio Amon Tyrolensi oder F. Blasio Ammon Tyrolensi, wobei das F. auf den Ordensstatus als Frater beziehungsweise Franziskaner verweist. Die Kombination Anton Blasius Amon beziehungsweise Anton Blasius Ammon erscheint in der Deutschen Biographie und in älterer Lexikographie.
Die Geburtsortfrage bleibt quellenkritisch offen. Der Nutzeransatz „Hall (Tirol)“ wird in diesem Eintrag als sichtbare Hauptform verwendet, weil er in vielen musikalischen Zusammenhängen begegnet und auch in Aufführungs- und Tonträgerkontexten üblich ist. Das Österreichische Musiklexikon formuliert jedoch vorsichtig „Imst oder Hall/T“, während die Deutsche Biographie „Imst (Tirol)“ nennt. Deshalb sollte eine saubere Kulturlexikon-Seite nicht einfach eine der beiden Formen absolut setzen, sondern die Varianten offenlegen.
Auch die frühen Reisedaten sind mit Vorsicht zu behandeln. Ältere Darstellungen setzen einen Venedig-Aufenthalt teilweise früher an; neuere Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Reise wahrscheinlich erst um 1582 begann. Sicher ist, dass Amon durch Venedig nachhaltig geprägt wurde und dass sich in seinen späten Werken venezianische Mehrchörigkeit, farbige Harmonik und klangräumliche Anlage stärker ausprägen.
Das Todesdatum wird als Zeitraum zwischen dem 1. und 21. Juni 1590 angesetzt. Diese Form ist genauer als bloß „Juni 1590“ und vermeidet die falsche Präzision eines einzelnen Todestages. Da mehrere Werke postum erschienen, darf das Druckjahr 1593 oder 1601 nicht als Hinweis auf ein späteres Leben missverstanden werden. Die Breves et selectae quaedam motetae und die Introitus dominicales gehören zur Nachgeschichte des Œuvres.
Leben und Laufbahn
Blasius Amon wurde um 1560 in Tirol geboren, nach verbreiteter Überlieferung in Hall in Tirol, nach anderen Nachweisen in Imst. Die Region gehörte im 16. Jahrhundert zu einem habsburgischen Kulturraum, in dem Hof, Kloster, Orden, katholische Liturgie, Humanismus und italienische Musikbeziehungen eng miteinander verbunden waren. Der junge Amon kam um 1568 als Sängerknabe an die Innsbrucker Hofkapelle Erzherzog Ferdinands II. Diese Hofkapelle war einer der wichtigsten musikalischen Ausbildungsorte im Alpenraum.
In Innsbruck wurde Amon unter Wilhelm Bruneau und Alexander Utendal musikalisch ausgebildet. Besonders Alexander Utendal, selbst ein bedeutender franko-flämisch geschulter Komponist, vermittelte den Chorknaben offenbar täglichen Unterricht im Komponieren und in der Musik. Für Amon bedeutete dies eine solide Grundlage in Kontrapunkt, Textvertonung, Imitation, Cantus-firmus-Denken, liturgischem Singen und Hofkapellenpraxis.
Nach dem Stimmbruch endete die Tätigkeit als Sängerknabe. Amon erhielt eine Abfertigung, die seine weitere musikalische Ausbildung ermöglichen sollte. Kontakte zu den Franziskanern führten ihn in kirchliche und ordensnahe Bildungskontexte; 1577 empfing er in Brixen niedere Weihen. Bis etwa 1580 hielt er sich vermutlich in Innsbruck im Umfeld der Franziskaner auf, von 1580 bis 1582 im Zisterzienserstift Zwettl in Niederösterreich.
Von etwa 1582 bis 1585 lebte Amon in Venedig, nach der Überlieferung im Dienst des Senators Pietro Antonio Diedo. Venedig war in dieser Zeit ein europäisches Zentrum neuer geistlicher Klangpracht. San Marco, die Gabrieli, die Druckkultur, die Mehrchörigkeit und die räumlich gedachte Kirchenmusik prägten das musikalische Klima der Stadt. Amon nahm dort nicht nur einzelne Effekte auf, sondern integrierte venezianische Klangvorstellungen in seine spätere geistliche Musik.
Von 1585 bis 1587 war Amon Kantor im Zisterzienserstift Heiligenkreuz in Niederösterreich. 1587 trat er in Wien dem Franziskanerorden bei. Er lebte vermutlich seitdem als Franziskanermönch und wurde vor seinem Tod noch zum Priester geweiht. 1590 starb er in Wien, erst etwa dreißig Jahre alt. Die Kürze seines Lebens steht in auffälligem Kontrast zur Dichte seines erhaltenen geistlichen Werks.
Ausführlicher Kulturüberblick
Blasius Amon gehört in eine Übergangszeit der europäischen Kirchenmusik. Die ältere, streng kontrapunktische Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts war noch lebendig; zugleich entstanden neue Klangideale, die stärker auf Raum, Klangfarbe, Akkordflächen, Chorkontrast und liturgische Pracht zielten. Amon steht genau an dieser Schwelle. Seine Musik ist nicht frühbarock im späteren Sinn, aber sie zeigt bereits jene Öffnung, aus der um 1600 die Generalbasszeit, die Mehrchörigkeit und die katholische Festmusik des 17. Jahrhunderts hervorgehen.
Der habsburgische Raum war für diesen Übergang besonders aufnahmefähig. Tirol, Innsbruck, Wien, Niederösterreich und die Klöster lagen nicht am Rand der europäischen Musikgeschichte, sondern bildeten ein Netzwerk zwischen deutscher, franko-flämischer und italienischer Tradition. Hofkapellen bezogen Sänger und Komponisten aus mehreren Regionen; Klöster pflegten anspruchsvolle Liturgie; Drucker in Wien und München verbreiteten geistliche Werke; und Venedig blieb der wichtigste südliche Bezugspunkt für moderne Klangtechnik.
Amons Werk ist fast ausschließlich geistlich. Es folgt dem Kirchenjahr, den Heiligenfesten, der Marienverehrung, der Passion, der Osterzeit, Pfingsten, Fronleichnam, Allerheiligen, Kirchweih und den liturgischen Proprien. Gerade diese liturgische Bindung ist keine Einschränkung, sondern der eigentliche Rahmen seines Schaffens. Die Motette ist bei ihm nicht nur Kunststück, sondern Gebrauchsmusik für eine konkrete katholische Feierkultur.
Die katholische Reformkultur nach dem Trienter Konzil verlangte eine Musik, die zugleich würdig, textbezogen, festlich und liturgisch brauchbar war. Amon erfüllt diese Anforderungen, ohne in bloße Schlichtheit zu verfallen. Er verbindet Textverständlichkeit und kontrapunktische Kunst, festliche Klangfülle und Satzdisziplin, römisch-katholische Liturgie und venezianische Farbharmonik. Dadurch entsteht eine Musik, die in Stiften, Kirchen, Ordenshäusern und Hofkapellen gleichermaßen anschlussfähig war.
Der kurze Lebenslauf erklärt auch die postume Wirkung. Ein Teil seines Werks erschien erst nach seinem Tod. Das zeigt, dass die Musik nicht nur privater Besitz war, sondern als brauchbares Repertoire weitergeführt wurde. Die postumen Drucke von 1593 und 1601 belegen, dass Amon in kirchenmusikalischen Kreisen über seinen Tod hinaus geschätzt wurde.
Innsbruck, Hofkapelle und musikalische Ausbildung
Die Innsbrucker Hofkapelle Erzherzog Ferdinands II. war für Amons Entwicklung entscheidend. Hofkapellen waren im 16. Jahrhundert nicht nur Aufführungsapparate, sondern Ausbildungsinstitutionen. Sängerknaben lernten täglich Singen, Notenlesen, liturgische Ordnung, Latein, musikalische Disziplin und elementare Komposition. Besonders begabte Knaben konnten von dieser Ausbildung erheblich profitieren.
Amon wurde als Knabe wegen seiner schönen Diskantstimme aufgenommen. Die Quellen betonen die Qualität seiner Stimme, doch wichtiger ist die umfassende musikalische Schulung, die er dort erhielt. Unter Alexander Utendal wurde die franko-flämische Polyphonie mit ihren Imitationen, klaren Stimmführungen und dichten kontrapunktischen Geflechten vermittelt. Dieses Fundament bleibt auch in Amons späteren, venezianisch beeinflussten Werken spürbar.
Innsbruck war zugleich ein Ort intensiver italienischer Beziehungen. Der Hof Ferdinands II. pflegte Kunst, Musik, Sammlungen und internationale Kontakte. Für einen jungen Musiker aus Tirol konnte die Hofkapelle daher zur Brücke nach Venedig werden. Amons spätere Fähigkeit, nordalpinen Kontrapunkt und venezianischen Klang zu verbinden, hat ihre Voraussetzung in dieser Innsbrucker Ausbildung.
Venedig, Mehrchörigkeit und katholischer Klangraum
Venedig war im späten 16. Jahrhundert ein Laboratorium neuer geistlicher Klangwirkungen. Die Architektur von San Marco, die räumlich getrennten Sänger- und Instrumentengruppen, die Werke Andrea Gabrielis und Giovanni Gabrielis sowie die leistungsfähige venezianische Druckkultur schufen eine Musik, die nicht nur linear, sondern räumlich und farblich gedacht war. Für Amon war dieser Eindruck prägend.
Die Doppelchörigkeit oder Mehrchörigkeit bedeutete nicht einfach mehr Stimmen. Sie veränderte das Verhältnis von Klangkörpern. Chorgruppen konnten einander antworten, sich überlagern, kontrastieren und zu großen Tutti-Flächen zusammenfinden. Harmonische Farbkontraste gewannen an Bedeutung. Der Satz wurde stellenweise akkordischer, der Klang unmittelbar festlicher, und die liturgische Aussage erhielt eine räumliche Dimension.
Amon übernahm diese Verfahren nicht mechanisch. Seine Musik bleibt in vielen Stücken kontrapunktisch kontrolliert und textnah. Doch besonders in den mehrstimmigen und doppelchörigen Motetten der späten Drucke tritt ein neues Klangbewusstsein hervor. Stücke wie Cantate Domino canticum novum, Confitemini Domino, Domine, quid multiplicati sunt, Exultate justi oder Laudate pueri Dominum zeigen, wie sich festliche Vielstimmigkeit und liturgische Textanlage verbinden.
Franziskaner, Klöster und liturgische Gebrauchsmusik
Amons kirchliche Laufbahn führt durch mehrere Ordens- und Stiftsmilieus. Kontakte zu den Franziskanern, niedere Weihen in Brixen, Aufenthalte in Zwettl und Heiligenkreuz sowie der Eintritt in den Franziskanerorden in Wien zeigen, dass sein Werk aus einer konkreten kirchlichen Praxis hervorgeht. Diese Praxis war zugleich lokal und überregional: Jedes Kloster hatte seine eigene Liturgie, war aber in größere katholische Ordens-, Stifts- und Reformzusammenhänge eingebunden.
Die Liber sacratissimarum … cantionum von 1582 sind nach Festen des Kirchenjahrs geordnet und ausdrücklich auf die katholische Liturgie bezogen. Der Druck bietet Musik für Advent, Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Trinitatis, Fronleichnam, Heiligenfeste, Marienfeste und Kirchweih. Diese Ordnung macht deutlich, dass Amon nicht bloß einzelne Motetten komponierte, sondern ein liturgisch nutzbares Repertoire bereitstellte.
Auch die postumen Introitus dominicales von 1601 zeigen diesen Gebrauchszusammenhang. Introiten gehören zum Proprium der Messe und sind liturgisch stärker gebunden als frei wählbare Motetten. Amons Repertoire steht daher nicht nur im Bereich kunstvoller Vokalpolyphonie, sondern auch in einer konkreten katholischen Fest- und Messpraxis.
Stil, Satztechnik und historische Stellung
Amons Stil lässt sich als Vermittlung zwischen franko-flämischer Polyphonie und venezianischer Klangmoderne beschreiben. Die ältere Grundlage zeigt sich in der kontrollierten Imitation, der sauberen Stimmführung, der Beachtung des Textverlaufs und der kontrapunktischen Dichte. Die venezianische Seite zeigt sich in mehrchörigen Anlagen, kräftigen Klangflächen, harmonischen Farbwirkungen und festlicher Deklamation.
Die Messen von 1588 stehen noch stark im Bereich der Parodiemesse und des vierstimmigen Satzes. Die Missa super Ut, re, mi, fa, sol, la, die Missa super Pour ung plaisir, die Missa super Surge propera und die Missa super Dixit Dominus mulieri Chananeae zeigen, wie vorhandene melodische oder polyphone Modelle zur Grundlage eines Messzyklus werden konnten. Die Missa pro defunctis besitzt als Requiem eine besondere klangliche und liturgische Würde.
Die Motetten von 1590 und 1593 erweitern den Ausdrucksbereich. Passionsstücke wie Tenebrae factae sunt und O vos omnes qui transitis per viam arbeiten mit konzentrierter Affektrhetorik; Festmotetten wie Parvulus filius, Magi videntes stellam oder Pascha nostrum immolatus est setzen liturgische Freude und theologische Aussage in mehrstimmige Bewegung um. Die großen Psalm- und Lobmotetten führen Amon nahe an die venezianisch geprägte Klangpracht heran.
Historisch steht Amon nicht isoliert. Er ist mit der Innsbrucker Hofkapelle, mit Alexander Utendal, mit den Tiroler und niederösterreichischen Stiften, mit der venezianischen Schule und mit dem katholischen Druckwesen verbunden. Sein früher Tod verhinderte eine längere Entwicklung. Dennoch reicht sein Werk aus, um ihn als einen der wichtigsten Tiroler Komponisten des späten 16. Jahrhunderts zu bezeichnen.
Werk- und Druckverzeichnis
Das folgende Werkverzeichnis ordnet die sicher belegten Drucke und wichtigsten erhaltenen Werkgruppen Blasius Amons. Bei den Sammlungen wird zwischen den Hauptdrucken, den jeweiligen Einzelstücken, modernen Editionen und späteren Sammeldruck-Nachweisen unterschieden. Da Amons Werk fast ausschließlich geistlich ist, stehen Messen, Motetten, Introiten und liturgische Feststücke im Zentrum.
Hauptdrucke
- Liber sacratissimarum, quas vulgo introitus appellant, cantionum selectissimus, singulis diebus festivis, pro ecclesiae catholicae utilitate, cultusque divini honore non minus accommodatus, quam necessarius, quinque vocibus, Wien: Stephan Creuzer, 1582, RISM A/I A 940. Sammlung von 41 fünfstimmigen liturgisch geordneten Motetten beziehungsweise Introitus-ähnlichen Cantiones für die Feste des katholischen Kirchenjahrs.
- Missae quatuor, vocibus quaternis in divino Dei cultu decantandae, quibus unica quatuor etiam vocum pro fidelibus defunctis est adiecta, Wien: Michael Apffel beziehungsweise Apfel, 1588, RISM A/I A 941. Sammlung von vier vierstimmigen Messen und einer vierstimmigen Totenmesse.
- Sacrae cantiones, quas vulgo moteta vocant, quatuor quinque et sex vocum, quibus adiuncti sunt Ecclesiastici Hymni de Nativitate, Resurrectione et Ascensione Domini, München: Adam Berg, 1590, RISM A/I A 943. Postum beziehungsweise im Todesjahr erschienene Motettensammlung mit 30 Stücken zu vier bis acht Stimmen, darunter Passions-, Oster-, Weihnachts-, Himmelfahrts-, Pfingst- und Psalmvertonungen.
- Breves et selectae quaedam motetae, quatuor quinque et sex vocum, pro certis quibusdam sanctorum festis concinnatae, et tam viva voce, quam omni instrumentorum genere decantandae, München: Adam Berg, 1593, RISM A/I A 944. Postume Sammlung von 28 Motetten für bestimmte Heiligenfeste und liturgische Anlässe, ausdrücklich sowohl für Stimmen als auch für instrumentale Mitwirkung geeignet.
- Introitus dominicales per totum annum, secundum ritum ecclesiae catholicae, suavitate et brevitate quatuor vocibus exculti, tam utiles quam necessarii, Wien, 1601. Postume Sammlung von vierstimmigen Sonntagsintroiten für das Kirchenjahr.
Liber sacratissimarum … cantionum, Wien 1582
- Veni sancte spiritus reple tuorum corda fidelium, Motette.
- Asperges me, Motette.
- Vidi quam, Motette.
- Kyrie, Kyrie paschale, Kyrie zur Osterzeit.
- Rorate coeli desuper, Motette zur Adventszeit.
- Dominus dixit ad me, Motette in galli cantu, also für die Frühmesse am Weihnachtstag.
- Puer natus in Betlehem, Motette zum Weihnachtsfest.
- Et enim sederunt principes, Motette zum Fest des heiligen Erzmärtyrers Stephanus.
- In medio ecclesiae, Motette zum Fest des heiligen Apostels und Evangelisten Johannes.
- Ecce advenit dominator Dominus, Motette zum Fest der Erscheinung des Herrn.
- Scio cui credidi, Motette zum Fest der Bekehrung des heiligen Paulus.
- Suscepimus Deus misericordiam tuam, Motette zum Fest Mariä Reinigung.
- Resurrexi et adhuc tecum sum, Motette zum Osterfest.
- Introduxit vos Dominus, Motette zum Ostermontag.
- Aqua sapientiae, Motette zum Osterdienstag.
- Exclamaverunt ad te, Motette zum Fest der Apostel Philippus und Jakobus.
- Viri Galilei quid admiramini, Motette zum Fest Christi Himmelfahrt.
- Spiritus Domini replevit orbem, Motette zum Pfingstfest.
- Accipite jucunditatem, Motette zum Pfingstdienstag.
- Benedicta sit sancta trinitas, Motette zum Fest der heiligen Dreifaltigkeit.
- Cibavit eos ex adipe frumenti, Motette zum Fronleichnamsfest.
- De ventre matris meae, Motette zum Fest des heiligen Johannes des Täufers.
- Nunc scio vere quia misit, Motette zum Fest der Apostel Petrus und Paulus.
- Confessio et pulchritudo, Motette zum Fest des heiligen Laurentius.
- Nos autem gloriari oportet, Motette vom heiligen Kreuz.
- Benedicite Dominum, Motette zum Fest des Erzengels Michael.
- Gaudeamus omnes in Domino, Motette zum Fest Allerheiligen.
- Mihi autem nimis honorati sunt, Motette für Apostelfeste, erste Fassung.
- Mihi autem nimis honorati sunt, Motette für Apostelfeste, zweite Fassung.
- Laetabitur justus in Domino, Motette für das Fest eines Märtyrers.
- Protexisti me Deus, Motette für Märtyrerfeste in der Osterzeit.
- Intret in conspectu tuo Domine, Motette für Feste mehrerer Märtyrer.
- Statuit ei Dominus, Motette für das Fest eines Bekenners und Bischofs.
- Os justi meditabitur, Motette für das Fest eines Bekenners.
- Gaudeamus omnes in Domino, Motette für Feste heiliger Jungfrauen.
- Vultum tuum deprecabitur, Motette für Feste heiliger Jungfrauen.
- Loquebar de testimoniis tuis, Motette für Feste heiliger Jungfrauen.
- Me expectaverunt peccatores, Motette für Feste heiliger Jungfrauen.
- Dilexisti justitiam, Motette für Feste heiliger Jungfrauen.
- Salve sancta parens, Motette zu Ehren der seligen Jungfrau Maria.
- Terribilis est locus iste, Motette zum Kirchweihfest.
Missae quatuor, Wien 1588
- Missa super Ut, re, mi, fa, sol, la, vierstimmige Messe auf Grundlage des Hexachordmodells.
- Missa super Pour ung plaisir, vierstimmige Parodiemesse beziehungsweise Messe über ein französisches Modell.
- Missa super Surge propera, vierstimmige Messe über ein geistliches beziehungsweise motettisches Modell.
- Missa super Dixit Dominus mulieri Chananeae, vierstimmige Messe über ein Evangelien- beziehungsweise Motettenmodell.
- Missa pro defunctis, vierstimmige Totenmesse beziehungsweise Requiem.
Sacrae cantiones, München 1590
- Grates nunc omnes reddamus, Motette zum Weihnachtsfest, vierstimmig.
- Parvulus filius, Motette zum Weihnachtsfest, sechsstimmig.
- Patefactae sunt ianuae caeli, Motette zum Fest des heiligen Erzmärtyrers Stephanus, fünfstimmig.
- Ego Joannes fui in insula Patmos, Motette zum Fest des heiligen Apostels und Evangelisten Johannes, fünfstimmig.
- Infans fudit sanguinem, Motette zum Fest der Beschneidung des Herrn, fünfstimmig.
- Magi videntes stellam, Motette zum Fest der Erscheinung des Herrn, fünfstimmig.
- Vade Anania et quaere Saulum, Motette zum Fest der Bekehrung des heiligen Paulus, fünfstimmig.
- Postquam impleti sunt dies, Motette zum Fest Mariä Reinigung, fünfstimmig.
- In caritate perpetua, Motette zum Fest Mariä Verkündigung, fünfstimmig.
- Tenebrae factae sunt, Passionsmotette für die Karwoche, vierstimmig.
- O vos omnes qui transitis per viam, Passionsmotette, fünfstimmig.
- Vidi aquam, Motette zum Ostersonntag, vierstimmig.
- Kyrie, Kyrie für das Osterfest, vierstimmig.
- Pascha nostrum immolatus est Christus, Motette zum Ostersonntag, fünfstimmig.
- O Georgi Martyr, Motette zum Fest des heiligen Georg, fünfstimmig.
- Praesta quaesumus omnipotens Deus, Motette zum Fest des heiligen Vitalis, fünfstimmig.
- Ascendo ad Patrem, Motette zum Fest Christi Himmelfahrt, fünfstimmig.
- Canite tuba in Sion, Motette zum Pfingstfest, sechsstimmig.
- Recordare Domine, Motette, vierstimmig.
- Da pacem Domine, Motette, fünfstimmig.
- Miserere mei Deus, Motette über Psalm 51, fünfstimmig.
- Dies mei transierunt, Motette, sechsstimmig.
- Opus manuum tuarum, Motette, sechsstimmig.
- Sacrificate sacrificium, Motette für Primizfeiern, sechsstimmig.
- Mundus insanus valeat, Motette, sechsstimmig.
- Laudate pueri Dominum, Motette, siebenstimmig.
- Domine, quid multiplicati sunt qui tribulant me, Motette über Psalm 3, siebenstimmig.
- Exultate justi, Motette, achtstimmig.
- Cantate Domino canticum novum, achtstimmige Motette in doppelchöriger Anlage.
- Confitemini Domino, achtstimmige Motette in doppelchöriger Anlage.
Breves et selectae quaedam motetae, München 1593
- Asperges me, Motette.
- In fervore diei, Motette zum Fest der heiligen Dreifaltigkeit.
- Caro mea vere est cibus, Motette zum Fronleichnamsfest.
- O sacrum convivium, Motette zum Fronleichnamsfest.
- Inter natos mulierum, Motette zum Fest des heiligen Johannes des Täufers.
- Petrus et Paulus apostoli, Motette zum Fest der Apostel Petrus und Paulus.
- Maria abiit in civitatem Juda, Motette zum Fest Mariä Heimsuchung.
- Subversum est cor meum, Motette zum Fest der heiligen Maria Magdalena.
- Beatus Laurentius orabat, Motette zum Fest des heiligen Laurentius.
- Quae est ista quae ascendit, Motette zum Fest Mariä Himmelfahrt.
- Omnipotens sempiterne Deus, Motette zum Fest des heiligen Apostels Bartholomäus.
- Hodie nata est beata virgo, Motette zum Fest Mariä Geburt.
- O crux benedicta, Motette zum Fest des heiligen Kreuzes.
- Tu es Michael, Motette zum Fest des heiligen Erzengels Michael.
- Coelorum candor splenduit, Motette zum Gedenken an den heiligen Franziskus.
- Vos sancti Dei, Motette zum Gedenken an die Heiligen des Franziskanerordens.
- Laudem dicite Deo, Motette zum Fest Allerheiligen.
- Deus veniae largitor, Motette zum Fest Allerseelen.
- Quam pulchra est casta generatio, Motette zum Fest des heiligen Leopold, Markgraf von Österreich.
- Ave Catharina martyr et regina, Motette zum Fest der heiligen Jungfrau Katharina.
- Andreas ad Christi vocem sua retia linquit, Motette zum Fest des heiligen Apostels Andreas.
- Gaude Barbara divina, Motette zum Fest der heiligen Jungfrau Barbara.
- Quia vidisti me Thoma, Motette zum Fest des heiligen Apostels Thomas.
- Ecce Dominus veniet, Motette zur Adventszeit.
- Iam non estis hospites et advenae, Motette für Apostelfeste.
- Beatus vir qui suffert tentationem, Motette für Märtyrerfeste.
- Ecce sacerdos magnus, Motette für Bekennerfeste.
- O quam speciosa facta es, Motette zu Ehren der seligen Jungfrau Maria.
Introitus dominicales per totum annum, Wien 1601
- Introitus dominicales per totum annum, vierstimmige Introiten für die Sonntage des Kirchenjahres nach katholischem Ritus. Der Druck erschien postum in Wien und zeigt die anhaltende liturgische Brauchbarkeit von Amons Musik.
Überlieferung in Sammeldrucken und späteren Quellen
- Stücke Amons erscheinen in späteren Sammeldrucken und kirchenmusikalischen Anthologien, darunter in Zusammenhängen wie Florilegium Portense, Florilegium selectissimarum cantionum, Promptuarium musicum und weiteren Motetten- beziehungsweise liturgischen Sammlungen.
- Johannes Donfrid nahm Werke Amons in Bearbeitungen beziehungsweise Zusammenhänge mit Chor und Orgelbegleitung auf, wodurch Amons Musik in die frühe Generalbass- und Orgelbegleitpraxis hineinwirkte.
- Einzelne Werke wie Tenebrae factae sunt, Miserere mei Deus, Domine, quid multiplicati sunt, Vidi aquam, Cantate Domino und Confitemini Domino sind durch moderne Editionen, Digitalisate oder Aufführungsfassungen besonders gut greifbar.
Moderne Editionen und Aufnahmen
- Caecilianus Huigens: Blasius Amon: Kirchenwerke, Denkmäler der Tonkunst in Österreich, Band 73, Wien 1931. Grundlegende moderne Edition ausgewählter Kirchenwerke.
- Thomas Engel, Herausgeber: moderne Ausgaben von Missae quatuor, Liber sacratissimarum und Breves et selectae quaedam motetae im Auftrag des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum beziehungsweise im Rahmen der Musikedition Tirol.
- Michael Steiner-Schweissgut, Herausgeber: moderne Auswahl aus den Sacrae cantiones von 1590 im Rahmen des Instituts für Tiroler Musikforschung.
- Blasius Amon Tyrolensis, Aufnahme- und Editionsprojekt aus dem Tiroler Kontext, das unter anderem die Missa pro defunctis und ausgewählte Motetten bekannt machte.
- Blasius Amon: Sacred Works, Huelgas Ensemble unter Paul Van Nevel, mit Missa quatuor vocum pro defunctis und Motetten aus den Sacrae cantiones.
- Sacrae Cantiones (1590) – Blasius Amon, Cantvs München, Spektral Records/BR-Klassik, angekündigt beziehungsweise veröffentlicht im Umfeld von 2026, mit umfassender Einspielung der Motetten von 1590.
- Hans Potuzak: Die Sacrae cantiones (1590) von Blasius Amon, Masterarbeit, Universität Wien, 2020. Moderne musikwissenschaftliche Spezialstudie zur Motettensammlung von 1590.
Chronologische Übersicht
| um 1560 | Geburt in Hall in Tirol; nach anderen Fachnachweisen in Imst beziehungsweise Imst oder Hall/T. |
|---|---|
| um 1568–1575 | Sängerknabe der Hofkapelle Erzherzog Ferdinands II. in Innsbruck. |
| 1577 | Nach dem Stimmbruch Abfertigung aus der Hofkapelle; niedere Weihen in Brixen im Zusammenhang franziskanischer Kontakte. |
| 1578–1580 | Vermutlicher Aufenthalt im Umfeld der Franziskaner in Innsbruck. |
| 1580–1582 | Aufenthalt im Zisterzienserstift Zwettl in Niederösterreich. |
| 1582 | Druck des Liber sacratissimarum … cantionum in Wien bei Stephan Creuzer. |
| 1582–1585 | Aufenthalt in Venedig im Dienst des Senators Pietro Antonio Diedo; Aufnahme venezianischer Stilimpulse. |
| 1585–1587 | Kantor im Zisterzienserstift Heiligenkreuz in Niederösterreich. |
| 1587 | Eintritt in den Franziskanerorden in Wien. |
| 1588 | Druck der Missae quatuor in Wien bei Michael Apffel beziehungsweise Apfel. |
| 1590 | Priesterweihe spätestens in diesem Jahr; Tod zwischen dem 1. und 21. Juni in Wien; Druck der Sacrae cantiones in München bei Adam Berg. |
| 1593 | Postumer Druck der Breves et selectae quaedam motetae in München bei Adam Berg. |
| 1601 | Postumer Druck der Introitus dominicales per totum annum in Wien. |
| 1931 | Caecilianus Huigens ediert Amons Kirchenwerke in den Denkmälern der Tonkunst in Österreich. |
| 2000er Jahre | Musikedition Tirol erschließt zentrale Drucke und Einzelausgaben, darunter Messen, Motetten und Auswahlen aus den Sacrae cantiones. |
| 2020 | Hans Potuzak legt an der Universität Wien eine Masterarbeit zu den Sacrae cantiones von 1590 vor. |
| 2024/2026 | Neue Aufnahmen durch Huelgas Ensemble beziehungsweise Cantvs München stärken die moderne Wiederentdeckung Amons. |
Rezeption und Nachwirkung
Amons Nachwirkung verlief lange eher im Bereich der Kirchenarchive, Spezialeditionen und musikgeschichtlichen Fachliteratur als im allgemeinen Konzertrepertoire. Das hängt mit der Gattungslage zusammen: Messen, Introiten und lateinische Motetten des späten 16. Jahrhunderts verlangen spezialisierte Chöre, liturgisches Verständnis, Kenntnis historischer Vokalbesetzung und ein Gespür für katholische Festpraxis. Sie sind weniger leicht populär zu machen als Madrigale, Opern oder Instrumentalwerke.
Dennoch war Amons Musik nicht wirkungslos. Die postumen Drucke von 1593 und 1601 zeigen, dass sein Werk nach seinem Tod weiterverwendet wurde. Spätere Sammeldrucke und Bearbeitungen mit Orgelbegleitung belegen außerdem, dass seine Musik in der kirchlichen Praxis des frühen 17. Jahrhunderts anschlussfähig blieb. Gerade diese Anschlussfähigkeit an die Generalbasszeit macht ihn stilhistorisch interessant.
Die moderne Wiederentdeckung begann mit der wissenschaftlichen Edition durch Caecilianus Huigens und wurde durch die Musikedition Tirol, durch Tiroler Musikforschung, durch Einspielungen des Huelgas Ensemble und durch neuere Studien zu den Sacrae cantiones erheblich erweitert. In jüngerer Zeit wird Amon nicht mehr nur als Randfigur der österreichischen Renaissance betrachtet, sondern als eigenständiger Vermittler zwischen Tiroler Hofmusik, Ordensmusik, venezianischem Stil und katholischer Festliturgie.
Für die heutige Aufführungspraxis sind besonders die Motetten von 1590 und die Missa pro defunctis wichtig. Sie zeigen einerseits die dunkle, gravitätische Seite der katholischen Totenliturgie, andererseits die festliche Farbigkeit der Weihnachts-, Oster-, Pfingst- und Psalmvertonungen. Dadurch eignet sich Amons Werk sowohl für liturgische Rekonstruktion als auch für konzertante Vokalprogramme zur Renaissance um 1600.
Forschung, Quellen und editorische Hinweise
Die Forschung zu Blasius Amon muss vor allem drei Probleme beachten: den unsicheren Geburtsort, die Datierung des Venedig-Aufenthalts und den Unterschied zwischen zu Lebzeiten erschienenen und postumen Drucken. Eine saubere Darstellung sollte nicht ältere Lexikonangaben ungeprüft glätten, sondern die Varianten sichtbar machen. Für den sichtbaren Seitentitel ist Blasius Amon am geeignetsten, während Ammon als Such- und Nebenform unbedingt aufgenommen werden sollte.
Das Werkverzeichnis sollte die Drucke als Haupteinheiten behandeln. Gerade bei Amons Motetten ist die Druckordnung liturgisch aussagekräftig. Eine bloße alphabetische Liste der Einzeltitel würde den Charakter der Sammlungen verdecken. Deshalb wird in diesem Eintrag zunächst nach Drucken und anschließend nach Einzelstücken geordnet.
Die moderne Editionstradition ist ein weiterer Schlüssel. Die Denkmäler der Tonkunst in Österreich, die Musikedition Tirol und neuere Studien wie Hans Potuzaks Arbeit zu den Sacrae cantiones bilden die Brücke zwischen alten Drucken und heutiger Aufführungspraxis. Für die Website sollten diese Hilfen nicht nur als Literaturangaben erscheinen, sondern auch im Werkverzeichnis sichtbar werden.
Stilistisch ist Amon nicht schlicht als „venezianischer“ Komponist zu bezeichnen. Präziser ist die Formulierung, dass er eine franko-flämisch und innsbruckisch geschulte Vokalpolyphonie mit venezianischen Klang- und Mehrchörigkeitsimpulsen verbindet. Diese Unterscheidung bewahrt seine Eigenständigkeit: Er ist kein bloßer Nachahmer Gabrielis, sondern ein katholischer Tiroler Kirchenkomponist im habsburgischen Netzwerk.
Sekundärliteratur
- Arnold Geering: Amon, Anton Blasius. In: Neue Deutsche Biographie, Band 1, Berlin 1953, S. 255 f. Grundlegender biographischer Artikel mit Werkliste, Angaben zu Innsbruck, Venedig, Zwettl, Heiligenkreuz, Franziskanerorden und venezianischer Doppelchortechnik.
- Caecilianus Huigens OFM: Blasius Amon, ca. 1560–1590. Dissertation Wien 1914, ungedruckt; teilweise publiziert in Studien zur Musikwissenschaft, Band 18, 1931, S. 3–22. Zentrale ältere Spezialarbeit.
- Caecilianus Huigens, Hrsg.: Blasius Amon: Kirchenwerke. In: Denkmäler der Tonkunst in Österreich, Band 73, Wien 1931. Grundlegende moderne Edition ausgewählter Kirchenwerke.
- Kurt Drexel und Monika Fink, Hrsg.: Musikgeschichte Tirols, Band 1: Von den Anfängen bis zur frühen Neuzeit. Innsbruck: Wagner 2001. Wichtiger Rahmen für Amons Tiroler Herkunft, Hofkapellenumfeld und regionale Musikgeschichte.
- Walter Senn: Studien zu Blasius Amon und zur Tiroler Musikgeschichte, besonders in den Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum. Wichtig für Quellenfragen und Datierung des Venedig-Aufenthalts.
- Hans Potuzak: Die Sacrae cantiones (1590) von Blasius Amon. Masterarbeit, Universität Wien, 2020. Neuere Spezialstudie zu Amons wichtigster Motettensammlung und zu ihrer liturgischen, satztechnischen und stilgeschichtlichen Struktur.
- Thomas Engel, Hrsg.: Editionen von Amons Liber sacratissimarum, Missae quatuor und Breves et selectae quaedam motetae im Rahmen der Musikedition Tirol. Praktisch wichtige moderne Aufführungsgrundlagen.
- Michael Steiner-Schweissgut, Hrsg.: Auswahl aus den Sacrae cantiones von 1590, Institut für Tiroler Musikforschung. Wichtige moderne Edition einzelner Motetten.
- Österreichisches Musiklexikon: Artikel Amon (Ammon), Blasius OFM. Kompakter Fachartikel mit Lebensstationen, stilgeschichtlicher Einordnung und Literaturhinweisen.
- MGG Online beziehungsweise Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Artikel zu Blasius Amon beziehungsweise Ammon. Fachlexikalische Referenz für Werk- und Stilfragen.
Ausgewählte Onlinequellen
- bavarikon: Amon, Blasius, Artikel aus der Allgemeinen Deutschen Biographie Freier Zugang zum älteren ADB-Artikel, der zugleich die problematische ältere Fétis-Tradition und die Korrektur durch frühere Quellen sichtbar macht.
- Deutsche Biographie: Amon, Anton Blasius Grundlegender biographischer Fachartikel mit Lebensdaten, Innsbrucker Ausbildung, Venedig, Zwettl, Heiligenkreuz, Franziskanerorden, Werkliste und stilgeschichtlicher Einordnung.
- Huelgas Ensemble: Blasius Amon – Sacred Works Albumseite mit moderner stilistischer Einschätzung zwischen franko-flämischer Polyphonie und venezianischen Innovationen sowie Trackliste zu Requiem und Motetten.
- IMSLP: Category Ammon, Blasius Komponistenseite mit Einzeltiteln, Sammlungen, Normdaten und frei zugänglichen Partiturhinweisen.
- IMSLP: Liber sacratissimarum Werkseite zur Sammlung von 1582 mit Besetzung, Sprache, Edition in den Denkmälern der Tonkunst in Österreich und Downloadmöglichkeit.
- IMSLP: Sacrae Cantiones Werkseite zur Motettensammlung von 1590 mit moderner Edition, Sprach-, Stil- und Besetzungshinweisen.
- Klangraum Tirol: Blasius Amon Tyrolensis Tiroler Musikseite mit Überblick zur Wiederentdeckung Amons im Kontext der Renaissance-Musik aus Tirol.
- Musica Dei Donum: CD review zu Blasius Amon Rezension und Kontextinformation zu Amons Ausbildung, Venedig-Aufenthalt, geistlichem Werk und moderner Einspielung.
- Musikedition Tirol: Amon, Blasius Ausführliche Werkseite mit den Drucken von 1582, 1588, 1590 und 1593, RISM-Nummern, modernen Editionen und vollständigen Indices der enthaltenen Stücke.
- Österreichisches Musiklexikon: Amon (Ammon), Blasius OFM Fachlexikalischer Artikel mit Lebensstationen, Franziskanerbezug, Heiligenkreuz, Wien und stilgeschichtlicher Einordnung der venezianischen Elemente.
- RISM Online: Amon, Blasius Internationaler Quellen- und Personendatensatz für musikalische Drucke und Handschriften.
- Spektral Records: Sacrae Cantiones (1590) – Blasius Amon Albumseite zur modernen Einspielung der Sacrae cantiones durch Cantvs München mit vollständiger Trackliste und aktueller Rezeption.
- Universität Wien: Die Sacrae cantiones (1590) von Blasius Amon Masterarbeit von Hans Potuzak mit Abstract zu Amons Innsbrucker Ausbildung, franko-flämischem Stil, Venedigfrage und Analyse der Motettensammlung von 1590.
Weiterführende Einträge
- Alexander Utendal Kapellmeister und Komponist der Innsbrucker Hofkapelle, unter dessen Leitung Amon als Sängerknabe musikalisch geprägt wurde.
- Adam Berg Münchner Drucker, der Amons Sacrae cantiones von 1590 und die Breves et selectae quaedam motetae von 1593 veröffentlichte.
- Brixen Kirchlicher Ort, an dem Amon 1577 niedere Weihen empfing.
- Doppelchörigkeit Mehrchörige Satztechnik, die Amon aus der venezianischen Kirchenmusik in den habsburgischen Raum übernahm.
- Franziskaner Orden, dem Amon 1587 in Wien beitrat und dessen Heiligenfeste in seinen Motetten eine besondere Rolle spielen.
- Fugger Nicht unmittelbar mit Amon verbunden, aber für die süddeutsche katholische Musik- und Patronagekultur des 16. Jahrhunderts ein wichtiger Vergleichshorizont.
- Andrea Gabrieli Venezianischer Komponist, in dessen stilistischem Umfeld Amons Venedig-Erfahrung häufig verortet wird.
- Giovanni Gabrieli Zentrale Figur der venezianischen Mehrchörigkeit, deren Klangwelt den Hintergrund von Amons späten Motetten bildet.
- Generalbass Frühbarocke Begleitpraxis, zu deren Schwelle Amons Werke durch spätere Chor- und Orgelbearbeitungen hinführen.
- Heiligenkreuz Zisterzienserstift in Niederösterreich, in dem Amon 1585 bis 1587 als Kantor wirkte.
- Hofkapelle Institution höfischer Musikpflege und musikalischer Ausbildung, in der Amon als Sängerknabe in Innsbruck begann.
- Innsbruck Hof- und Ausbildungsort Amons im Umfeld Erzherzog Ferdinands II.
- Introitus Liturgischer Eingangsgesang der Messe, den Amon in mehreren Sammlungen für katholische Feste und Sonntage vertonte.
- Katholische Kirchenmusik Konfessioneller und liturgischer Rahmen von Amons Messen, Motetten und Introitusvertonungen.
- Kirchenjahr Liturgische Ordnung von Advent, Weihnachten, Passion, Ostern, Pfingsten und Heiligenfesten, nach der Amons Sammlungen strukturiert sind.
- Orlando di Lasso Europäisch prägender Komponist der Vokalpolyphonie, dessen süddeutsch-münchner Wirkung Amons Umfeld mitbestimmt.
- Leonhard Lechner Tiroler beziehungsweise süddeutscher Komponist und wichtiger Vergleichspunkt für Amons Generation.
- Messe Zentrale liturgische Gattung, die Amon 1588 in vier Parodie- beziehungsweise Modellmessen und einer Totenmesse veröffentlichte.
- Motette Wichtigste Gattung in Amons Œuvre, von Festmotette über Passionsmotette bis zu doppelchöriger Psalmvertonung.
- München Druckort der Sacrae cantiones von 1590 und der Breves et selectae quaedam motetae von 1593.
- Ordo Fratrum Minorum Lateinische Bezeichnung des Franziskanerordens, dem Amon angehörte.
- Passionsmotette Geistliche Motettengattung, in der Amons Tenebrae factae sunt und O vos omnes besonders wichtig sind.
- Requiem Totenmesse, die Amon in seiner Missa pro defunctis vierstimmig vertonte.
- Renaissance Epoche der Vokalpolyphonie, in der Amons Kirchenmusik zwischen älterem Kontrapunkt und neuer Klangräumlichkeit steht.
- RISM Internationales Quellenverzeichnis, dessen Amon-Datensätze für die Identifikation der Drucke wichtig sind.
- Tirol Herkunftsregion Amons und wichtiger Kulturraum zwischen Innsbrucker Hof, Klöstern und italienischen Musikbeziehungen.
- Venedig Musikzentrum, dessen Mehrchörigkeit und Klangstil Amons späte Kirchenmusik wesentlich prägten.
- Venezianische Mehrchörigkeit Raumklangliche Satztechnik, die Amon als einer der frühen nördlich der Alpen wirkenden Komponisten rezipierte.
- Vokalpolyphonie Mehrstimmige Vokalkunst, auf deren franko-flämischer Grundlage Amons geistliche Werke beruhen.
- Wien Sterbeort Amons, Ort seines Franziskanereintritts und wichtiger Druckort seiner Werke von 1582 und 1588.
- Zwettl Zisterzienserstift, in dem Amon 1580 bis 1582 wirkte und dessen Abt er seinen ersten Druck widmete.