Wolfgang Ammon

Auch Wolfgang Ammonius, Ammonius und Ammonius Verus; * 26. Januar 1540 in Elsa bei Coburg, heute Elsa bei Bad Rodach; † 26. Januar 1589 in Marktbreit. Evangelisch-lutherischer Pfarrer, Prediger, geistlicher Schriftsteller, Liederdichter, Lyriker, Komponist und Bearbeiter lutherischer Kirchenlieder.

Überblick

Wolfgang Ammon war ein evangelisch-lutherischer Pfarrer, Prediger, geistlicher Dichter, Liederdichter und Komponist des 16. Jahrhunderts. Er wurde am 26. Januar 1540 in Elsa bei Coburg geboren und starb am 26. Januar 1589 in Marktbreit. In den Quellen erscheint er auch unter der gelehrten Namensform Ammonius beziehungsweise Ammonius Verus. Sein Rang liegt vor allem in der Verbindung von lutherischer Kirchenmusik, humanistischer lateinischer Bildung, geistlicher Dichtung und Gesangbucharbeit.

Ammon war kein Komponist im späteren, romantischen Sinn einer autonomen Werkproduktion. Sein musikalisch-literarischer Beitrag liegt in der Bearbeitung, Übersetzung, metrischen Umformung und Vermittlung bereits gebräuchlicher Kirchenlieder. Er übertrug deutsche Gesänge der Kirchen der Augsburger Konfession in lateinische, metrisch gebundene Formen und stellte sie so einem gelehrten, schulischen, überregionalen und fremdsprachigen Publikum zur Verfügung. Gerade dieser Vermittlungscharakter macht ihn für die Kulturgeschichte der Reformationszeit wichtig.

Sein Hauptwerk ist die Psalmodia nova Germanica et Latina, auf Deutsch Neues Gesangbuch Teutsch und Lateinisch, zuerst 1581 in Frankfurt am Main erschienen und 1606 erneut gedruckt. Das Werk beruht auf den früheren Libri tres odarum ecclesiasticarum, die nach älteren Nachweisen 1578, nach einem erhaltenen Leipziger Druck 1579 überliefert sind. In der Psalmodia nova werden deutsche und lateinische Fassungen mit gleichen Reimen, gleichen Versmaßen und denselben Melodien beziehungsweise melodischen Zuordnungen verbunden. Dadurch entsteht ein Gesangbuch, das zugleich Gottesdienst-, Schul-, Übersetzungs-, Dichtungs- und Musikbuch ist.

Ammon gehört damit in eine besondere Schicht lutherischer Musikkultur: zwischen Martin Luther, Paul Eber, Ambrosius Lobwasser, lutherischem Gesangbuch, humanistischer Odenpoetik und konfessioneller Bildungsarbeit. Sein Werk zeigt, dass Kirchenliedgeschichte nicht nur aus Melodien und Gemeindegesang besteht, sondern auch aus Übersetzung, Reimtechnik, Schulgebrauch, Latein, Druckkultur und konfessioneller Repräsentation.

Kurzdaten

Name Wolfgang Ammon.
Weitere Namensformen Wolfgang Ammonius, Ammonius, Ammonius Verus, M. Wolfgang Ammon, M. Wolfgangus Ammonius und Wolfgang Ammonius Franco.
Dateiname ammon-wolfgang.shtml.
Geburt 26. Januar 1540 in Elsa bei Coburg, heute Elsa bei Bad Rodach.
Tod 26. Januar 1589 in Marktbreit.
Beruf Evangelisch-lutherischer Pfarrer, Prediger, geistlicher Schriftsteller, Liederdichter, Lyriker, Komponist, Gesangbuchbearbeiter und Übersetzer lutherischer Kirchenlieder.
Konfession Evangelisch-lutherisch; sein Werk steht ausdrücklich im Umfeld der Kirchen der Augsburger Konfession.
Akademischer Titel Magister; ältere Lexika nennen ihn als Pfarrer und Magister.
Wirkungsorte Elsa bei Coburg, Dinkelsbühl und Marktbreit; in der Drucküberlieferung außerdem Frankfurt am Main und Leipzig.
Pfarramt Pfarrer in Dinkelsbühl, später ab 1579 Pfarrer in Marktbreit.
Pseudonym Ammonius Verus.
Hauptwerke Libri tres odarum ecclesiasticarum, 1578 beziehungsweise 1579 in der nachweisbaren Drucküberlieferung; Psalmodia nova Germanica et Latina beziehungsweise Neues Gesangbuch Teutsch und Lateinisch, Frankfurt am Main 1581, zweite beziehungsweise spätere Ausgabe 1606.
Werkcharakter Lateinisch-deutsche Kirchenliedbearbeitung, geistliche Oden, gereimte Übersetzung, Melodiebindung, Schul- und Gemeindegesang, konfessionelle Gesangbuchkultur.
Umfang der Psalmodia Die Druckübersichten nennen 89 Lieder mit Melodien; das Werk ist in vier Bücher gegliedert.
Besondere Bedeutung Ammon machte lutherische Kirchenlieder in lateinischer, metrisch und melodisch korrespondierender Form zugänglich und verband dadurch deutschsprachigen Gemeindegesang mit humanistischer Schul- und Gelehrtenkultur.
Normdaten GND 118911619, VIAF 54946750; in der Deutschen Digitalen Bibliothek als Pfarrer, Schriftsteller, Liederdichter, Lyriker und Prediger geführt.

Namensformen und Quellenlage

Die Hauptform dieser Seite lautet Wolfgang Ammon. Die gelehrte lateinische Form Ammonius ist in der älteren Lexikographie und in der Drucküberlieferung besonders wichtig. In Katalogen erscheint außerdem das Pseudonym Ammonius Verus. Die Titelblätter und bibliographischen Beschreibungen führen ihn auch als M. Wolfgangus Ammonius Franco, also als Magister Wolfgang Ammonius, Franke. Diese Namensform verweist zugleich auf seine gelehrte Stellung und auf seine regionale Herkunft.

Die biographischen Grunddaten sind stabil: Geburt am 26. Januar 1540 in Elsa bei Coburg und Tod am 26. Januar 1589 in Marktbreit. Schwieriger ist die exakte Druck- und Editionsgeschichte. Die Allgemeine Deutsche Biographie nennt die Libri tres odarum ecclesiasticarum für 1578; ein erhaltenes und digital erschlossenes Exemplar weist eine Leipziger Ausgabe von 1579 nach. Für die Psalmodia nova Germanica et Latina ist die Frankfurter Ausgabe von 1581 als Hauptdruck anzusetzen, während eine zweite beziehungsweise erneute Ausgabe von 1606 ebenfalls gut belegt ist.

Die Bezeichnung „Komponist“ ist quellenkritisch zu verstehen. Ammon ist musikalisch bedeutsam, aber nicht primär als Erfinder neuer Melodien. Sein Werk beruht vor allem auf der metrischen, lateinischen und deutsch-lateinischen Bearbeitung vorhandener lutherischer Gesänge. Er verbindet Textdichtung, Übersetzung, Reim, Melodiezuordnung und konfessionelle Gebrauchsfunktion. Deshalb ist er zugleich als Liederdichter, geistlicher Schriftsteller, Gesangbuchbearbeiter und Komponist im weiteren frühneuzeitlichen Sinn zu behandeln.

Leben und geistliches Amt

Wolfgang Ammon wurde am 26. Januar 1540 in Elsa bei Coburg geboren. Der Ort gehört heute zu Bad Rodach und lag im 16. Jahrhundert in einem mitteldeutsch-fränkischen Kulturraum, der von Reformation, territorialer Herrschaft, Pfarrkirche, Lateinschule und humanistischer Bildung geprägt war. Diese Herkunft erklärt die Verbindung von lutherischer Frömmigkeit, deutscher Liedkultur und lateinischer Gelehrsamkeit, die Ammons Werk auszeichnet.

Über seine frühe Ausbildung sind nur indirekte Schlüsse möglich. Der Magistertitel und die gelehrte lateinische Form seines Namens zeigen, dass er eine akademische Bildung besaß. In der älteren biographischen Überlieferung erscheint er als Pfarrer und Magister. Seine Fähigkeit, deutsche Kirchenlieder in lateinische, metrisch geordnete Odenformen zu übertragen, setzt eine solide humanistische Schulung voraus: Grammatik, Metrik, Rhetorik, lateinische Dichtung, Theologie und musikalische Grundkenntnisse greifen bei ihm ineinander.

Als Pfarrer ist Ammon zunächst in Dinkelsbühl greifbar. Dinkelsbühl war eine Reichsstadt und damit ein Ort, an dem konfessionelle Ordnung, städtische Verwaltung, Predigt, Schule und Kirchenmusik eng miteinander verbunden waren. Die Bezeichnung als Pfarrer und Magister zu Dinkelsbühl in älteren Musiklexika belegt, dass Ammon dort nicht nur seelsorgerlich, sondern auch als gebildeter geistlicher Schriftsteller wahrgenommen wurde.

Ab 1579 war Ammon Pfarrer in Marktbreit. Marktbreit gehörte in den fränkischen Raum und war konfessionell und territorial in die lutherische Kirchenlandschaft der Zeit eingebunden. Dort starb Ammon am 26. Januar 1589, also an seinem Geburtstag. Der Todestag ist in den Nachweisen stabil überliefert und wurde später auch in genealogischen und lokalhistorischen Zusammenhängen mit der Pfarrerfamilie Ammon weitergeführt.

Ammons Werk entstand also nicht aus einem höfischen Musikbetrieb, sondern aus dem Amt des Pfarrers. Der Pfarrer der Reformationszeit predigte, unterrichtete, ordnete, übersetzte, dichtete, vermittelte Katechismuswissen und nahm an der Gestaltung des Gemeindegesangs teil. In dieser Hinsicht ist Ammon ein typischer, aber zugleich besonders profilierter Vertreter der lutherischen Pfarrerpoesie und Gesangbucharbeit.

Ausführlicher Kulturüberblick

Wolfgang Ammon gehört in eine Epoche, in der das Kirchenlied zu einem der wichtigsten Medien der Reformation geworden war. Seit Martin Luther war das deutschsprachige geistliche Lied nicht nur Schmuck des Gottesdienstes, sondern ein Mittel der Lehre, der Gemeindeaktivierung, der Frömmigkeit und der konfessionellen Identität. Gesangbücher verbreiteten Theologie in memorierbarer Form. Melodien machten Lehre singbar; Reim und Strophe machten sie lernbar.

Ammons besondere Leistung liegt darin, diesen deutschsprachigen Liedbestand lateinisch und metrisch zugänglich zu machen. Das wirkt auf den ersten Blick paradox, weil die Reformation gerade die deutsche Volkssprache gestärkt hatte. Doch Latein blieb im 16. Jahrhundert die Sprache der Schule, der Universität, der Gelehrsamkeit und der internationalen Kommunikation. Eine lateinische Fassung lutherischer Kirchenlieder konnte also zeigen, was in den Kirchen der Augsburger Konfession gesungen wurde, und zugleich Schülern, Gelehrten und auswärtigen Beobachtern den Inhalt verständlich machen.

Die Psalmodia nova Germanica et Latina ist deshalb mehr als ein Gesangbuch. Sie ist ein konfessionelles Übersetzungsprojekt. Deutsche und lateinische Sprache werden aufeinander bezogen, Reime und Metren einander angepasst, Melodien beibehalten und theologischer Inhalt bewahrt. Das Buch sagt damit: Der lutherische Gemeindegesang ist nicht nur volkssprachliche Frömmigkeit, sondern besitzt auch gelehrte, lateinisch vermittelbare Form.

Diese Verbindung ist für die Schulgeschichte bedeutsam. Lateinschulen nutzten geistliche Lieder, um Sprache, Frömmigkeit, Metrik und Musik miteinander zu verbinden. Ein Schüler konnte an einem deutschen Liedinhalt lateinische Verse lernen; umgekehrt konnte die lateinische Fassung den deutschen Gemeindegesang in eine gelehrte Form heben. Ammons Werk steht damit an der Schnittstelle von Gottesdienst, Schule, Hausandacht, Druckkultur und humanistischer Poesie.

In der Musikgeschichte des 16. Jahrhunderts steht Ammon neben Autoren und Bearbeitern wie Paul Eber, Ambrosius Lobwasser, Nikolaus Herman, Bartholomäus Ringwaldt, später Sethus Calvisius, Bartholomäus Gesius, Melchior Vulpius und Michael Praetorius. Anders als die großen mehrstimmigen Satzsammlungen der Zeit zielt Ammon jedoch nicht primär auf kunstvolle polyphone Komposition, sondern auf die poetisch-musikalische Parallelführung von deutschem Kirchenlied und lateinischer Odenform.

Kirchenlied, Odenform und lateinisch-deutsche Vermittlung

Das Wort Ode in Ammons Werk ist nicht zufällig. Es verweist auf die humanistische Auseinandersetzung mit antiken Versmaßen, geordneter Strophik und gelehrter Dichtung. Wenn Ammon Kirchenlieder als odae ecclesiasticae behandelt, übersetzt er sie nicht nur in eine andere Sprache, sondern auch in eine andere kulturelle Würdeform. Das lutherische Lied wird zur kirchlichen Ode.

Diese Umformung muss sehr genau arbeiten. Ein Kirchenlied ist an Melodie, Strophenbau, Akzent, Reim und Gemeindepraxis gebunden. Wer es lateinisch nachbildet, darf nicht nur den Sinn übertragen. Er muss denselben musikalischen Ablauf ermöglichen. Ammons Titel betont daher gleiche Zahlen, gleiche Rhythmen, gleiche Reime beziehungsweise gleiche melodische Beziehungen in beiden Sprachen. Das Ziel ist nicht freie Paraphrase, sondern funktionale Entsprechung.

Die Psalmodia nova zeigt damit eine spezifische Kunst des 16. Jahrhunderts: die Kunst, theologische Aussage, poetische Form und musikalische Brauchbarkeit zugleich zu sichern. Ein modernes Verständnis von „Übersetzung“ greift hier zu kurz. Ammon schafft eine parallele Gebrauchsfassung, die singbar, lehrbar und konfessionell eindeutig sein soll.

Der Zweck wird in der älteren biographischen Überlieferung deutlich: Ammon habe die üblichen Kirchenlieder übersetzt, weil viele Fürsten wünschten, den deutschen Kirchengesang durch lateinische Übertragungen auch Fremden zugänglich zu machen. Diese Bemerkung ist kulturgeschichtlich wichtig. Das Gesangbuch wird nicht nur von unten, aus der Gemeinde, gedacht, sondern auch von oben, aus der Perspektive von Obrigkeit, Schulwesen und konfessioneller Außendarstellung.

Musikalische und poetische Arbeitsweise

Ammons musikalische Leistung liegt vor allem in der Bindung von Text und Melodie. Er verwendet die gebräuchlichen Melodien der lutherischen Kirchenlieder und sucht für die lateinische Fassung eine Form, die zu diesen Melodien passt. Dadurch bleibt die musikalische Identität des Liedes erhalten, auch wenn die Sprache wechselt. Der Hörer oder Sänger erkennt den Choral, während der Text in eine gelehrte lateinische Form tritt.

Die Psalmodia nova enthält nach bibliographischen Übersichten 89 Lieder mit Melodien. Die innere Ordnung in vier Bücher deutet auf eine systematische Gliederung. Solche Gesangbücher ordnen Lieder nicht beliebig, sondern nach Festkreis, Psalmen, Katechismus, Hauptartikeln des Glaubens, Trostliedern, Bußliedern, Abendmahlsliedern, Gebetsliedern oder anderen liturgisch-didaktischen Gesichtspunkten. Für Ammon ist besonders wichtig, dass der deutsch-lateinische Parallelismus die Ordnung der Melodien nicht zerstört.

Poetisch bewegt sich Ammon zwischen Übersetzung, Nachdichtung und theologischer Verdichtung. Die lateinischen Texte sollen den Inhalt der deutschen Lieder wiedergeben, aber zugleich in einer formbewussten, metrisch kontrollierten Sprache stehen. Dies setzt eine intensive Arbeit an Silbenzahl, Betonung, Reim und Melodieführung voraus. Ammons Komposition im weiteren Sinn ist daher eine Komposition der Entsprechungen.

Die Musik ist in diesem Zusammenhang nicht autonom, sondern dienend und ordnend. Sie dient dem Glauben, dem Gedächtnis, der Schule, dem Gottesdienst und der Übersetzung. Das mindert den künstlerischen Rang nicht; es beschreibt nur eine andere Kunstauffassung als die spätere Idee des selbständigen Kunstwerks. In Ammons Welt entsteht musikalischer Sinn aus Gebrauch, Lehre, Wiederholung, Gemeinde und konfessioneller Ordnung.

Werk- und Druckverzeichnis

Das folgende Werkverzeichnis erfasst die sicher belegten Werkkomplexe und Drucke Wolfgang Ammons. Da seine Leistung vor allem in Gesangbuch-, Oden- und Übersetzungsarbeit besteht, sind die Werkgrenzen an Drucke, Ausgaben, Fassungen und Erweiterungen gebunden. Einzelne Lieder der Psalmodia nova sind im Rahmen einer Spezialedition vollständig nach Incipits zu erschließen; für die Kulturlexikon-Seite werden hier die belegten Druckwerke und ihre werkgeschichtliche Funktion vollständig zusammengeführt.

Hauptwerke und Drucke

  • Libri tres odarum ecclesiasticarum, de sacris cantionibus in ecclesiis Germanicis, nach älterer biographischer Überlieferung Frankfurt am Main 1578. Das Werk enthält drei Bücher kirchlicher Oden über geistliche Gesänge der deutschen Kirchen, besonders im Bereich der Augsburger Konfession. Es bildet die Grundlage für die spätere erweiterte Psalmodia nova.
  • Libri tres odarum ecclesiasticarum, de sacris cantionibus in ecclesiis Germanicis, Augustanam confessionem amplectentibus, ad similes numeros, modos et concentus musicos, carmine conversis, Leipzig, Bervaldus, 1579. Diese nach VD16 A 2315 nachgewiesene und digitalisierte Ausgabe zeigt die konkrete Drucküberlieferung des Werkes. Sie umfasst nach dem Digitalisat [15], 125, [27] Blätter und ist lateinisch.
  • Psalmodia nova Germanica et Latina, deutsch Neues Gesangbuch Teutsch und Lateinisch, Frankfurt am Main 1581. Der vollständige Titel beschreibt ein Gesangbuch, in dem die vornehmsten Psalmen und Gesänge der Kirchen der Augsburger Konfession mit gleichen Melodien, gleichen Reimen und entsprechenden Versmaßen in Deutsch und Latein gefasst sind. Das Werk ist in vier Bücher gegliedert und enthält nach bibliographischer Überlieferung 89 Lieder mit Melodien.
  • Neuw Gesangbuch Teutsch und Lateinisch beziehungsweise Psalmodia nova Germanica et Latina, Frankfurt am Main, Johann Saur, auf Kosten Vincentius Steinmeyers, 1606. Diese spätere Ausgabe überliefert das Werk nach Ammons Tod erneut, ebenfalls mit 89 Liedern. Sie fügt am Ende weitere Oden ähnlicher Art von M. Johannes Trostius hinzu und zeigt die anhaltende Brauchbarkeit des deutsch-lateinischen Gesangbuchprojekts.

Werkcharakter und innere Werkgruppen

  • Lateinische Übertragungen deutscher Kirchenlieder. Diese bilden den Kern von Ammons Leistung. Deutsche Choräle werden so in lateinische Verse übertragen, dass die melodische und metrische Gebrauchsfähigkeit erhalten bleibt.
  • Deutsch-lateinische Parallelgesänge. Die Psalmodia nova verbindet deutsche und lateinische Fassungen nicht nur inhaltlich, sondern musikalisch. Die Fassungen sollen mit denselben Melodien und gleichen Versordnungen verwendbar sein.
  • Odae ecclesiasticae. Die geistlichen Oden knüpfen an humanistische lateinische Dichtung an und übertragen lutherische Gesangstradition in eine gelehrte Form.
  • Psalmen und Gesänge der Augsburger Konfession. Das Repertoire ist konfessionell markiert und steht ausdrücklich im Dienst der lutherischen Kirchen.
  • Alte gebräuchliche Hymnen und geistliche Lieder. Neben neu geformten Übersetzungen enthält die Psalmodia nova auch ältere und gebräuchliche Gesänge, die in den lutherischen Gemeinden bekannt waren.
  • Melodiegebundene Liedbearbeitungen. Ammons Bearbeitungen sind nicht als freie lateinische Gedichte zu verstehen, sondern als sangbare Texte mit musikalischer Bindung.

Nachweisbare Druck- und Editionsdaten

1578 Libri tres odarum ecclesiasticarum, in der älteren biographischen Überlieferung als erster Druck genannt; Frankfurt am Main wird in mehreren Nachweisen als Druckort des Werkkomplexes geführt.
1579 Libri tres odarum ecclesiasticarum, Leipzig, Bervaldus; digital nachgewiesener Druck mit VD16 A 2315, Standort Bayerische Staatsbibliothek München.
1581 Psalmodia nova Germanica et Latina beziehungsweise Neues Gesangbuch Teutsch und Lateinisch, Frankfurt am Main; vier Bücher, deutsch-lateinische Parallelfassung, 89 Lieder mit Melodien.
1606 New Gesangbuch Teutsch und Lateinisch beziehungsweise Psalmodia nova Germanica et Latina, Frankfurt am Main bei Johann Saur, auf Kosten Vincentius Steinmeyers; spätere Ausgabe mit 89 Liedern und zusätzlichen Oden von Johannes Trostius.

Chronologische Übersicht von Leben und Werk

1540 Geburt am 26. Januar in Elsa bei Coburg.
1560er Jahre Akademische und theologische Ausbildung; Ammon erscheint später als Magister und geistlich gebildeter Pfarrer.
1567 Beginn beziehungsweise Nachweis einer Tätigkeit als Pfarrer in Dinkelsbühl nach jüngerer biographischer Zusammenstellung.
1578 Älterer Nachweis der Libri tres odarum ecclesiasticarum.
1579 Überlieferter Leipziger Druck der Libri tres odarum ecclesiasticarum; außerdem Beginn beziehungsweise gesicherter Nachweis als Pfarrer in Marktbreit.
1581 Erstdruck der Psalmodia nova Germanica et Latina, des deutsch-lateinischen Gesangbuchs mit 89 Liedern.
1589 Tod am 26. Januar in Marktbreit.
1606 Postume Ausgabe des Neuw Gesangbuch Teutsch und Lateinisch beziehungsweise der Psalmodia nova Germanica et Latina.

Rezeption und Nachwirkung

Ammons Nachwirkung liegt zunächst in der Gesangbuchgeschichte. Die Psalmodia nova wurde 1606 erneut gedruckt, also nach seinem Tod weiterverwendet. Diese postume Ausgabe zeigt, dass sein deutsch-lateinisches Konzept nicht bloß eine lokale Gelegenheitsarbeit war, sondern weiterhin als brauchbar galt. Die Ergänzung durch Oden von Johannes Trostius in der Ausgabe von 1606 belegt zugleich, dass Ammons Modell fortsetzbar erschien.

In der älteren Musiklexikographie wird Ammon knapp, aber regelmäßig genannt. Die Allgemeine Deutsche Biographie hebt ihn als geistlichen Dichter hervor, während musikbibliographische Werke den Gesangbuchdruck, die Melodien und die deutsch-lateinische Anlage betonen. Diese doppelte Wahrnehmung ist sachlich richtig: Ammon gehört gleichermaßen in die Literatur-, Theologie- und Musikgeschichte.

Für die Kirchenliedforschung ist Ammon interessant, weil sein Werk zeigt, wie stark das lutherische Lied in Bildungszusammenhänge eingebunden war. Der Gemeindegesang wurde nicht nur gesungen, sondern übersetzt, metrisch geordnet, gedruckt, kommentiert, schulisch verwendet und über konfessionelle Grenzen hinaus vorzeigbar gemacht. Die Psalmodia nova ist damit ein Dokument konfessioneller Selbstrepräsentation.

In der heutigen Aufführungspraxis spielt Ammon keine vergleichbare Rolle wie große Komponisten mehrstimmiger Kirchenmusik. Sein Werk ist eher eine Quelle für Hymnologie, Reformationsgeschichte, lateinische Schulpoesie, Gesangbuchgeschichte und musikalische Gebrauchskultur. Gerade darin liegt sein Wert für ein Kulturlexikon: Er macht eine Schicht sichtbar, ohne die die Musik der Reformationszeit unvollständig verstanden würde.

Forschung, Quellen und editorische Hinweise

Die Forschung zu Wolfgang Ammon muss die Kategorien sauber trennen. Ammon ist Pfarrer, geistlicher Schriftsteller, Liederdichter und Komponist im weiteren Sinn. Seine erhaltene Bedeutung beruht nicht auf eigenständigen mehrstimmigen Tonsätzen, sondern auf der poetisch-musikalischen Bearbeitung lutherischer Kirchenlieder. Deshalb sollte das Werkverzeichnis nicht wie ein Opern- oder Instrumentalwerkverzeichnis aufgebaut werden, sondern als Druck-, Gesangbuch- und Bearbeitungsverzeichnis.

Besonders wichtig ist die Editionsgeschichte der Libri tres odarum ecclesiasticarum. Der ältere Nachweis 1578 und der erhaltene Leipziger Druck von 1579 sollten nebeneinander genannt werden. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Druck- oder Überlieferungssituation, die in Spezialkatalogen genauer zu klären ist. Für die Website genügt es, beide Daten transparent zu vermerken und nicht künstlich zu vereinheitlichen.

Auch die Bezeichnung „Komponist“ muss erläutert werden. In frühneuzeitlichen Zusammenhängen kann Komponieren, Bearbeiten, Übersetzen, Melodien zuordnen und singbare Verse herstellen enger zusammenliegen als in späteren Werkbegriffen. Wer Ammon nur als Pfarrer bezeichnet, unterschätzt seinen musikgeschichtlichen Beitrag; wer ihn als Komponisten im modernen Sinn behandelt, verschiebt den Akzent. Treffend ist die kombinierte Bezeichnung als Pfarrer, geistlicher Dichter, Liederdichter, Gesangbuchbearbeiter und Komponist.

Für die interne Verlinkung einer Kulturlexikon-Seite sind besonders die Begriffe Kirchenlied, Gesangbuch, lutherische Kirchenmusik, Augsburger Konfession, Humanismus, Lateinschule, Reformation, Hymnologie, Psalmodie und Odenpoetik sinnvoll.

Sekundärliteratur

  • Adelung, Johann Christoph: Beiträge zur älteren deutschen Gelehrten- und Schriftstellerlexikographie; in der ADB-Literatur zu Ammon als älterer Nachweis genannt.
  • Allgemeine Deutsche Biographie: Ammon, Wolfgang. In: ADB, Band 1, Leipzig 1875, S. 407; kurzer, aber grundlegender biographischer und werkgeschichtlicher Artikel.
  • Becker, Carl Ferdinand: Die Tonwerke des XVI. und XVII. Jahrhunderts oder systematisch-chronologische Zusammenstellung der in diesen zwei Jahrhunderten gedruckten Musikalien. Leipzig 1855; wichtig für Drucknachweise der Psalmodia nova von 1581 und 1606.
  • Gerber, Ernst Ludwig: Historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler beziehungsweise spätere Tonkünstlerlexika; älterer musikhistorischer Nachweis zu Ammon und seinen Gesangbuchdrucken.
  • Mendel, Hermann; Reißmann, August: Musikalisches Conversations-Lexikon, Band 1, Berlin 1870; Artikel zu Wolfgang Ammon mit Hinweis auf das deutsch-lateinische Gesangbuch und die vorgedruckten Melodien.
  • Wackernagel, Philipp: Das deutsche Kirchenlied von der ältesten Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts, besonders Band 1; grundlegendes Werk zur Kirchenliedgeschichte, in der ADB als Bezugspunkt für Ammons Libri tres genannt.
  • Wetzel, Johann Caspar: Hymnopoeographia oder Historische Lebensbeschreibung der berühmtesten Lieder-Dichter beziehungsweise Liederhistorie; ältere hymnologische Quelle, in der ADB-Literatur zu Ammon angeführt.
  • Deutsche Digitale Bibliothek: Objekt- und Personendaten zu Wolfgang Ammon, besonders zu den Digitalisaten der Libri tres odarum ecclesiasticarum und der Ausgabe der Psalmodia nova von 1606.
  • Bayerisches Musiker-Lexikon Online: Artikel- und Quellenumfeld zu Wolfgang Ammon sowie Einbindung in die bayerisch-fränkische Musikgeschichte.
  • MGG Online: Artikel Ammon, Wolfgang; fachlexikalische Einordnung im Kontext der Musikgeschichte des 16. Jahrhunderts.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Ambrosius Lobwasser Dichter des deutschen Psalters und wichtige Vergleichsfigur für die konfessionelle Psalm- und Lieddichtung des 16. Jahrhunderts.
  • Augsburger Konfession Bekenntnisschrift, deren Kirchen Ammons Psalmodia nova ausdrücklich als konfessionellen Gesangshorizont nennt.
  • Dinkelsbühl Reichsstädtischer Wirkungsort Ammons, in dem er als Pfarrer und Magister nachgewiesen ist.
  • Elsa bei Bad Rodach Geburtsort Wolfgang Ammons im Coburgischen beziehungsweise oberfränkischen Raum.
  • Frankfurt am Main Druckort der Psalmodia nova Germanica et Latina von 1581 und der Ausgabe von 1606.
  • Geistliche Ode Humanistisch geprägte Form geistlicher Dichtung, in die Ammon lutherische Kirchenlieder übertrug.
  • Gesangbuch Buchform des kirchlichen und häuslichen Singens, in der Ammons deutsch-lateinische Psalmodia nova steht.
  • Humanismus Bildungskultureller Hintergrund von Ammons lateinischer Vers-, Übersetzungs- und Schulpoetik.
  • Hymnologie Forschung zum Kirchenlied, für die Ammons Drucke als Zeugnisse lutherischer Liedübersetzung wichtig sind.
  • Kirchenlied Zentrale Gattung der Reformation, deren deutsche Texte Ammon lateinisch und metrisch nachbildete.
  • Lateinschule Schulischer Gebrauchskontext, in dem lateinische Fassungen deutscher Kirchenlieder besonders sinnvoll waren.
  • Leipzig Druckort der nachweisbaren Ausgabe der Libri tres odarum ecclesiasticarum von 1579.
  • Martin Luther Begründer und Leitfigur der evangelischen Kirchenliedtradition, in deren Nachgeschichte Ammons Werk steht.
  • Lutherische Kirchenmusik Konfessioneller und liturgischer Rahmen von Ammons Gesangbuch-, Übersetzungs- und Lieddichtung.
  • Lutherisches Gesangbuch Tradition gedruckter evangelischer Liedsammlungen, zu der Ammons Psalmodia nova gehört.
  • Marktbreit Späterer Pfarr- und Sterbeort Wolfgang Ammons.
  • Melodie Musikalische Grundlage von Ammons deutsch-lateinischer Parallelfassung der Kirchenlieder.
  • Odenpoetik Poetischer Formhorizont, in dem Ammons odae ecclesiasticae als geistliche Oden zu verstehen sind.
  • Paul Eber Lutherischer Theologe und Liederdichter, dessen Frömmigkeits- und Kirchenliedkontext für Ammons Werk wichtig ist.
  • Pfarrer Geistliches Amt, aus dem Ammons Predigt-, Dichtungs- und Gesangbucharbeit hervorging.
  • Psalmodia nova Germanica et Latina Hauptwerk Wolfgang Ammons, ein deutsch-lateinisches Gesangbuch mit lutherischen Kirchenliedern, gleichen Melodien und parallelen Versformen.
  • Psalmodie Begriff für gesungene Psalm- und Liedpraxis, den Ammons Titel programmatisch aufgreift.
  • Reformation Religiöser und kultureller Umbruch, aus dem Ammons lutherisches Kirchenlied- und Übersetzungsprojekt hervorgeht.
  • Reim Poetisches Formmittel, das bei Ammon deutsch und lateinisch parallel organisiert wird.
  • Schulgesang Bildungspraktischer Kontext, in dem lateinisch-deutsche Kirchenlieder besonders wirksam sein konnten.
  • Theologie und Musik Grundverhältnis der lutherischen Liedkultur, in der Ammons Gesangbucharbeit steht.
  • Übersetzung Zentrales Verfahren Ammons, der deutsche Kirchenlieder in metrisch passende lateinische Fassungen übertrug.