Dieter Ammann

* 17. Mai 1962 in Aarau, Schweiz. Schweizer Komponist und Musiker, Bassist, Trompeter, Kornettist, Keyboarder, Jazz- und Improvisationsmusiker, Professor für Komposition und Theorie sowie international aufgeführter Vertreter der Neuen Musik.

Überblick

Dieter Ammann ist ein Schweizer Komponist und Musiker, dessen künstlerisches Profil aus einer ungewöhnlich engen Verbindung von Jazz, improvisierter Musik, instrumentaler Bühnenpraxis, akribisch ausgearbeiteter Neuer Musik, orchestraler Hochenergie und kammermusikalischer Detailarbeit hervorgeht. Er wurde am 17. Mai 1962 in Aarau geboren, wuchs in einem musikalischen Elternhaus auf und ist seit den 1990er Jahren vor allem als Komponist hervorgetreten.

Ammann gehört zu den international auffälligsten Schweizer Komponisten seiner Generation. Seine Werke werden von bedeutenden Orchestern, Ensembles und Solistinnen beziehungsweise Solisten aufgeführt, darunter Schweizer Klangkörper wie Tonhalle-Orchester Zürich, Philharmonia Zürich, Luzerner Sinfonieorchester, Basel Sinfonietta, Berner Symphonieorchester und Orchestre de la Suisse Romande sowie internationale Institutionen wie BBC Symphony Orchestra, Boston Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic Orchestra, Philharmonia Orchestra London, Mariinsky Symphony Orchestra, Münchner Philharmoniker, Wiener Symphoniker, Ensemble intercontemporain, Klangforum Wien, Ensemble Modern Orchestra, Quatuor Diotima, Mondrian Ensemble und ensemble recherche.

Sein Werk ist verhältnismäßig schmal, aber außerordentlich verdichtet. Diese Konzentration hängt mit einer langsam tastenden, streng prüfenden und stark intuitionsgebundenen Arbeitsweise zusammen. Ammann selbst betont immer wieder, dass seine Musik nicht als Programmmusik verstanden werden soll. Der Klang soll nicht ein außermusikalisches Thema illustrieren, sondern selbst die Information sein. Gerade deshalb wirken seine Stücke zugleich körperlich, nervös, virtuos, überraschend und formal exakt.

Zu seinen zentralen Werken gehören The Freedom of Speech, Gehörte Form – Hommages, Violation, Boost, Core, Geborstener Satz, Après le silence, pRESTO sOSTINATO, TURN, unbalanced instability, Le réseau des reprises, glut, The Piano Concerto («Gran Toccata») und Viola Concerto «no templates». Diese Werke zeigen eine Musik, die an der Grenze von Präzision und Risiko arbeitet: hochgradig notiert, aber in ihrer Energie häufig von improvisatorischem Denken, Groove, plötzlichem Formumschlag und instrumentaler Körperlichkeit durchzogen.

Kurzdaten

Name Dieter Ammann.
Dateiname ammann-dieter.shtml.
Geburt 17. Mai 1962 in Aarau, Schweiz.
Lebens- und Wirkungsraum Aarau, Zofingen, Luzern, Bern, Basel, San Francisco Bay Area nur im Rezeptionsfeld, Schweiz und internationales Neue-Musik-Netzwerk.
Beruf Komponist, Musiker, Bassist, Trompeter, Kornettist, Keyboarder, Jazz- und Improvisationsmusiker, Professor für Komposition und Theorie sowie Dozent für Komposition.
Instrumente Klavier, Trompete, Bass, E-Bass, Kornett, Keyboard und weitere im Jazz- beziehungsweise Improvisationskontext verwendete Instrumente.
Ausbildung Schulmusik und Dirigieren in Luzern; Swiss Jazz School Bern; Theorie und Komposition an der Musikakademie Basel bei Roland Moser und Detlev Müller-Siemens; Kurse und Meisterkurse unter anderem bei Witold Lutosławski, Wolfgang Rihm, Dieter Schnebel und Niccolò Castiglioni.
Lehrtätigkeit Professor beziehungsweise Leiter einer Kompositionsklasse an der Hochschule Luzern – Musik; Lehr- und Meisterkurstätigkeit unter anderem an der Hochschule der Künste Bern, bei der Lucerne Festival Academy und bei internationalen Akademien.
Verlage Bärenreiter Verlag und Swiss Music Edition SME/musinfo.
Frühe Musikpraxis Jazz, Improvisation, Free Funk, Studio- und Konzerttätigkeit, unter anderem mit Donkey Kong’s Multi Scream, Steven’s Nude Club, Marco Käppeli und weiteren Formationen; Zusammenarbeit und Aufnahmen mit Künstlern wie Eddie Harris und Udo Lindenberg.
Zentrale Werkfelder Orchesterwerke, Solokonzerte, große Ensemblewerke, Streichquartette, Klaviertrio, Streichtrio, Bläser- und Schlagzeugwerke, Solowerke und Chor- beziehungsweise Vokalstücke.
Zentrale Orchesterwerke Boost, Core, TURN, glut, The Piano Concerto («Gran Toccata») und Viola Concerto «no templates».
Zentrale Kammer- und Ensemblewerke The Freedom of Speech, Gehörte Form – Hommages, Violation, Geborstener Satz, Après le silence, pRESTO sOSTINATO, STELLEN, unbalanced instability und Le réseau des reprises.
Auszeichnungen Werkbeiträge und Preise des Aargauer Kuratoriums, des Kantons Luzern, des Wettbewerbs „Young composers in Europe“, der IBLA Foundation New York, des Symposiums NRW für Neue Musik, Franz-Liszt-Stipendium Weimar, Ernst-von-Siemens-Förderpreis für Komposition, AZ-Medienpreis für Kultur und Schweizer Musikpreis.
Besondere Bedeutung Ammann verbindet improvisatorische Energie, Jazz- und Groove-Erfahrung, präzise Notation, extreme klangliche Verdichtung und international wirksame Orchesterdramaturgie zu einem eigenständigen Schweizer Beitrag zur Neuen Musik des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts.

Namensform und Quellenlage

Die maßgebliche Namensform lautet Dieter Ammann. In Katalogen und Diskographien erscheint gelegentlich die sachlich identische Form Ammann, Dieter. Weitere abweichende Namensformen spielen keine erhebliche Rolle. Für die Dateibezeichnung wird nach dem Kulturlexikon-Muster die Form ammann-dieter.shtml verwendet.

Die Quellenlage ist im Vergleich zu älteren Komponisten sehr gut, aber für ein vollständiges Werkverzeichnis dennoch sorgfältig zu behandeln. Die offizielle Website des Komponisten bietet Biographie, Werkverzeichnis, Diskographie, Werkkommentare, Radio- und Videomaterialien. Bärenreiter, Hochschule Luzern, musinfo, Lucerne Festival, die Ernst von Siemens Musikstiftung, Naxos und verschiedene Konzertinstitutionen ergänzen die Informationen durch Verlagsprofile, Lehrbiographien, Aufnahmedaten, Konzertprogramme und Rezeptionstexte.

Da Ammanns Œuvre fortlaufend wächst und einzelne Werke nach längeren Arbeitsphasen entstehen, muss eine Kulturlexikon-Seite offen für Aktualisierung bleiben. Besonders das Viola Concerto «no templates», dessen Entstehung in die Jahre 2020–2021 und 2023–2024 fällt, zeigt, dass die Werkgeschichte nicht abgeschlossen ist. Der vorliegende Eintrag folgt daher dem Stand der aktuellen offiziellen Werklisten und kennzeichnet Fassungen beziehungsweise Entstehungszeiträume, soweit sie in den Quellen greifbar sind.

Leben und Laufbahn

Dieter Ammann wurde am 17. Mai 1962 in Aarau geboren und wuchs in einem musikalischen Elternhaus auf. Hausmusik mit Vater und Bruder spielte früh eine wichtige Rolle. Bereits im Kindesalter erhielt er Klavierunterricht; später eignete er sich Trompete und Bass autodidaktisch an. Diese frühe instrumentale Breite ist für sein späteres Komponieren wesentlich. Seine Musik denkt nicht abstrakt von Papier aus, sondern aus körperlicher Nähe zu Klang, Geste, Rhythmus und instrumentaler Reaktion.

Nach der Matura studierte Ammann Schulmusik und Dirigieren in Luzern. Parallel dazu absolvierte er eine Ausbildung an der Swiss Jazz School Bern. In den 1980er und frühen 1990er Jahren stand zunächst die Tätigkeit als Musiker im Vordergrund. Er spielte Trompete, Keyboard, E-Bass, Bass und Kornett, wirkte in improvisatorischen und jazznahen Zusammenhängen, trat europaweit auf und war an Studioaufnahmen beteiligt. Die Tätigkeit mit Free-Funk-, Jazz-, Rock- und Improvisationsformationen bildete einen Erfahrungsraum, der später in seine komponierte Musik als Energie, Impuls, Überraschung und strukturelle Beweglichkeit zurückkehrte.

Von 1988 bis 1992 studierte Ammann Theorie und Komposition an der Musikakademie Basel bei Roland Moser und Detlev Müller-Siemens. Hinzu kamen Kurse und Meisterkurse bei Witold Lutosławski, Wolfgang Rihm, Dieter Schnebel und Niccolò Castiglioni. In dieser Phase verschob sich der Schwerpunkt von der improvisatorischen Bühnenpraxis zur schriftlich fixierten Komposition. Um das dreißigste Lebensjahr vollzog Ammann seine entschiedene Hinwendung zum Komponieren.

Frühe Werke wie Developments, piece for cello beziehungsweise Imagination against numbers, Regard sur les traditions und The Freedom of Speech zeigen den Übergang von seriell beziehungsweise materialbewusst geprägtem Denken zu einem freieren, stärker intuitiven, energiegeladenen und kontrastreichen Formverständnis. Mit Gehörte Form – Hommages, Violation, Boost, Core und später TURN entstand ein Werkkomplex, der Ammanns internationale Position festigte.

Seither arbeitet Ammann als freischaffender Komponist und Lehrer. Er leitet eine Kompositionsklasse an der Hochschule Luzern – Musik, war und ist in Meisterkursen, Seminaren und Akademien tätig und wurde als Composer-in-Residence zu wichtigen Festivals eingeladen, darunter Davos, Les Muséiques Basel, Lucerne Festival, Wittener Tage für neue Kammermusik, Sommerliche Musiktage Hitzacker, ReMusica St. Petersburg, Tongyeong International Music Festival und Weiwuying beziehungsweise Kaohsiung. Sein Werk wird von Bärenreiter und Swiss Music Edition SME/musinfo verlegt.

Ausführlicher Kulturüberblick

Dieter Ammann steht in einer spezifisch schweizerischen und zugleich internationalen Konstellation der Neuen Musik. Die Schweiz verfügt seit dem 20. Jahrhundert über eine vielschichtige Musiklandschaft, die zwischen Musikhochschulen, Rundfunk, Festivals, privaten Stiftungen, spezialisierten Ensembles, Schweizer Kulturförderung, internationalen Dirigenten und Verlagsnetzwerken vermittelt. Ammanns Werk ist in diese Struktur eingebunden, aber nicht aus ihr allein erklärbar. Seine Musik besitzt eine persönliche Energie, die aus der Verbindung von improvisierter Praxis, genauer Notation und extrem verdichteter Klangvorstellung entsteht.

Ein zentraler kulturgeschichtlicher Punkt liegt in der Durchlässigkeit zwischen Jazz und Neuer Musik. In vielen europäischen Komponistenbiographien erscheinen Jazz, Rock, Improvisation oder Studioarbeit als Vorstufe, die später verlassen wird. Bei Ammann bleibt diese Vorgeschichte hörbar, ohne dass seine Werke deshalb Jazzstücke wären. Groove, rhythmische Spannung, plötzliche Formumschläge, instrumentale Schlagkraft, dichte Ereignisfelder und eine fast körperliche Lust an Energiezuständen verweisen auf seine Erfahrung als Musiker.

Gleichzeitig ist Ammanns Musik hochgradig notiert. Sie entsteht in langen Arbeitsprozessen, in denen Klangideen geprüft, verdichtet, verworfen und neu zusammengesetzt werden. Zwischen Improvisationsimpuls und Partiturpräzision entsteht ein produktiver Widerspruch. Was spontan wirkt, ist oft extrem genau gebaut; was konstruiert ist, soll nicht trocken, sondern unmittelbar wirkend erscheinen. Gerade diese Spannung macht seine Musik kulturgeschichtlich interessant.

Die Schweizer Neue Musik war seit den späten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts stark von internationalen Netzwerken geprägt. Komponisten wie Heinz Holliger, Klaus Huber, Beat Furrer, Hanspeter Kyburz, Jürg Wyttenbach, Michael Jarrell, Mischa Käser, Roland Moser, Nadir Vassena und andere stehen für unterschiedliche Ausprägungen dieses Feldes. Ammann nimmt darin eine besondere Stellung ein, weil er nicht aus einer primär akademischen Kompositionsbiographie kommt, sondern eine professionelle Musikerlaufbahn im Jazz- und Improvisationsbereich hinter sich hat.

Seine internationale Rezeption wurde durch bedeutende Dirigenten und Solisten verstärkt. Pierre Boulez, George Benjamin, Jonathan Nott, Susanna Mälkki, Sakari Oramo, Matthias Pintscher, Peter Rundel, Emilio Pomarico, Baldur Brönnimann, Sylvain Cambreling, Pablo Heras-Casado, James Gaffigan, Mario Venzago und andere setzten sich für seine Orchester- und Ensemblewerke ein. Solistinnen und Solisten wie Carolin Widmann, Andreas Haefliger, Michael Barenboim, Tabea Zimmermann, Nils Mönkemeyer und Maximilian Hornung trugen zur Verbreitung seiner Konzert- und Kammermusik bei.

Jazz, Improvisation und instrumentale Praxis

Die frühe Musikerlaufbahn Ammanns ist für das Verständnis seiner späteren Kompositionen unverzichtbar. Als Trompeter, Keyboarder, Bassist, Kornettist und Improvisationsmusiker bewegte er sich in Ensembles, in denen Reaktion, Timing, Körperenergie, kollektive Verdichtung und spontane Formbildung zentral waren. Diese Praxis unterscheidet sich grundlegend von einer ausschließlich akademischen Kompositionsausbildung.

Mit Donkey Kong’s Multi Scream, Steven’s Nude Club, Marco Käppeli und anderen Formationen trat Ammann in Jazz-, Free-Funk-, Rock- und Improvisationskontexten auf. Tonträger und Diskographien dokumentieren ihn als Musiker auf Trompete, Keyboards, Bass, Fretless Bass, Es-Kornett und Synthesizer. Die Zusammenarbeit mit Eddie Harris und Udo Lindenberg zeigt die stilistische Breite seines frühen musikalischen Feldes.

Diese Vorgeschichte kehrt in seinen komponierten Werken nicht als Zitat zurück, sondern als Energieprinzip. Ammanns Partituren können abrupt, druckvoll, rhythmisch aufgeladen und gestisch explosiv sein. Sie besitzen oft eine Art komponierten Groove, der sich nicht auf regelmäßige Popularmusikpatterns reduzieren lässt. Vielmehr wird die Erfahrung von Drive, Spannung und synkopischer Bewegung in ein komplexes Notationssystem übertragen.

Kompositionsweise, Klangdenken und Formdramaturgie

Ammanns Kompositionsweise ist durch Langsamkeit der Entstehung und hohe Energie des Ergebnisses gekennzeichnet. Viele seiner Werke benötigen lange Arbeitsphasen, weil die Klangvorstellungen nicht schematisch aus einem System abgeleitet werden, sondern in einem tastenden Prozess entstehen. Der Komponist prüft unzählige Möglichkeiten, verdichtet Material, stellt Ereignisse gegeneinander, entwickelt Spannungsfelder und lässt Form aus klanglichen Situationen hervorgehen.

In Gesprächen betont Ammann, dass er keine außermusikalischen Programme brauche. Musik sei für ihn ein Medium, das keine Inhalte außerhalb seiner selbst vermitteln müsse. Das heißt nicht, dass seine Werke abstrakt im Sinne emotionaler Neutralität wären. Im Gegenteil: Sie sind oft hochdramatisch, sinnlich, nervös, dicht, explosiv oder kontemplativ. Aber die Dramatik entsteht aus Klang, Gestus, Dichte, Kontrast, Zeit und instrumentaler Bewegung.

Ein wichtiges Merkmal ist die Arbeit mit extremen Kontrasten. Energetisch überbordende, rasch wechselnde Passagen können auf stille, fast statische Klangfelder treffen. Mikroskopische Detailarbeit und großformaler Bogen stehen nebeneinander. In manchen Werken entsteht eine Art musikalischer Topographie: Klangflächen, Zäsuren, Ausbrüche, Schichtungen, Verdichtungen und Entladungen bilden einen Raum, durch den die Hörer geführt werden.

Besonders in den Orchesterwerken ist die Instrumentation nicht bloße Farbe, sondern Formkraft. Das Orchester erscheint als vielgestaltiger Klangkörper, der einzelne Impulse aufgreift, weiterleitet, bricht, verstärkt oder verschluckt. Im Klavierkonzert wird das Klavier zeitweise wie ein Schlagzeug, zeitweise wie ein Orchester im Orchester behandelt. Im Violakonzert wird das Soloinstrument nicht nur exponiert, sondern in wechselnden Nähe- und Distanzverhältnissen zum Orchester befragt.

Orchesterwerke und konzertante Großform

Die Orchesterwerke bilden einen zentralen Teil von Ammanns internationaler Wirkung. Boost, Core und TURN können als zusammenhängender Orchesterkomplex verstanden werden. Sie untersuchen Energie, Verdichtung, Formumschlag und klangliche Dramaturgie in großen Besetzungen. TURN wurde beim Lucerne Festival 2010 im Zusammenhang von Ammanns Composer-in-Residence-Position besonders sichtbar und gehört zu den Schlüsselwerken seiner Orchesterphase.

glut führt die orchestrale Dichte noch weiter. Der Titel verweist nicht nur auf Hitze oder Leidenschaft, sondern auf ein inneres Brennen des Klangmaterials. Das Werk entfaltet eine wechselnde Topographie klanglicher Erscheinungen, die durch Rückbezüge, stehende harmonische Felder und hochgradige Materialdiversität zusammengehalten wird. Das Orchester wird hier als ein Raum permanenter Umformung behandelt.

The Piano Concerto («Gran Toccata») entstand zwischen 2016 und 2019 und ist eng mit dem Pianisten Andreas Haefliger verbunden. Das Werk macht das Klavier nicht zum bloß dominierenden Soloinstrument, sondern zum Partner und zeitweise zum Bestandteil einer komplexen Orchesterdramaturgie. Perkussive, virtuose, mikrotonale, spektralharmonische und klanglich irisierende Elemente treten nebeneinander. Der Untertitel Gran Toccata verweist auf die motorische, schlagzeughafte und rhythmisch extrem fordernde Seite des Klaviers.

Das Viola Concerto «no templates» aus den Jahren 2020–2021 und 2023–2024 setzt die konzertante Werkreihe fort. Es befragt die Viola nicht über die naheliegende Brillanz hoher Register, sondern erkundet über weite Strecken ihre tieferen Lagen. Damit entsteht eine andere Solodramaturgie: Das Instrument tritt nicht nur virtuos hervor, sondern wird mit seinem spezifischen Klangkörper, seiner Nähe zur menschlichen Stimme und seinen Grenzen konfrontiert.

Kammermusik, Ensemblewerke und Solowerke

Ammanns Kammermusik ist für sein Werk ebenso wichtig wie die Orchesterstücke. In ihr tritt die Genauigkeit der Gesten, die Verdichtung der Texturen und die Differenzierung instrumentaler Beziehungen besonders klar hervor. The Freedom of Speech gehört zu den frühen Schlüsselwerken. Es verbindet Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello, Klavier und Perkussion zu einem Ensemble, in dem Freiheit nicht als Beliebigkeit, sondern als riskant hergestellte Form erscheint.

Gehörte Form – Hommages für Violine, Viola und Violoncello ist eines jener Werke, in denen Ammann die Beziehung zwischen Zeit, Wahrnehmung und formaler Gestalt besonders differenziert behandelt. Die Hommage-Geste ist nicht dekorativ. Vielmehr wird Form hörbar gemacht, indem unterschiedliche Zustände, Spannungen und klangliche Beziehungen im Streichtrio ausgelotet werden.

Violation für Violoncello und Ensemble ist ein weiteres zentrales Werk. Hier wird die Beziehung zwischen Soloinstrument und Ensemble nicht als klassischer Gegensatz von Individuum und Gruppe verstanden, sondern als ein Feld von Nähe, Druck, Widerstand, Verschmelzung und Verletzung. Das Violoncello kann hervorbrechen, sich verbinden, bedrängt werden oder selbst Impulse setzen.

Die Streichquartette Geborstener Satz und Streichquartett Nr. 2 (Distanzenquartett) zeigen Ammanns Arbeit an einer traditionsreichen Gattung. Der Titel Geborstener Satz deutet bereits an, dass Satztechnik hier nicht als glatte Kontinuität, sondern als spannungsvolle, gebrochene, verdichtete Struktur erscheint. Das Distanzenquartett arbeitet stärker mit Abständen, Beziehungen, Raum- und Näheverhältnissen innerhalb des Quartetts.

Après le silence für Violine, Violoncello und Klavier gehört zu den bedeutenden Klaviertrios der neueren Schweizer Musik. Das Werk ist nicht eine romantische Fortsetzung der Gattung, sondern eine Verdichtung von Nachklang, Ausbruch, Stille, Energie und kammermusikalischer Interaktion. pRESTO sOSTINATO, STELLEN, Le réseau des reprises und unbalanced instability erweitern diese Kammermusiklogik in größere Ensemble- beziehungsweise Konzertformate.

Lehre, Meisterkurse und Institutionen

Dieter Ammann ist nicht nur Komponist, sondern auch ein wichtiger Lehrer. An der Hochschule Luzern – Musik leitet er eine Kompositionsklasse und unterrichtet Komposition, Theorie sowie in verwandten Feldern auch Jazz-Arrangement beziehungsweise kompositorische Praxis. Seine pädagogische Rolle ist besonders interessant, weil er Studierenden nicht nur handwerkliche Technik, sondern eine Haltung zur eigenen inneren Klangvorstellung vermittelt.

In der internationalen Ausbildungsszene ist Ammann durch Meisterkurse und Seminare präsent. Er wirkte unter anderem beim Composer Seminar der Lucerne Festival Academy, bei der Internationalen Impuls Academy Graz und an Hochschulen in Köln, Weimar, Karlsruhe, St. Petersburg, New York, Rosario und La Plata. Damit steht seine Lehre in einem internationalen Austauschraum, der junge Komponistinnen und Komponisten zwischen europäischer Neuer Musik, Orchesterpraxis, Ensemblearbeit und individueller Klangsuche verbindet.

Seine Lehrtätigkeit ist auch deshalb bedeutsam, weil sie an die Schnittstelle von institutioneller Kompositionsausbildung und künstlerischer Unverfügbarkeit führt. Ammanns eigene Arbeitsweise ist langsam, tastend und stark von Intuition geprägt. Pädagogisch stellt sich damit die Frage, wie man etwas lehrt, das nicht einfach als Methode übertragbar ist. Gerade diese Spannung macht seine Rolle als Kompositionslehrer produktiv.

Werkverzeichnis

Das folgende Werkverzeichnis folgt im Kern der offiziellen Werkübersicht und gliedert die Werke nach Gattungen. Es berücksichtigt die genannten Entstehungsjahre, Besetzungen und Auftragskontexte, soweit sie in den maßgeblichen Quellen greifbar sind. Da Ammanns Werkverzeichnis fortgeschrieben wird, ist der Abschnitt als aktualisierbares Arbeitsverzeichnis zu verstehen.

Orchesterwerke und konzertante Werke

  • BOOST, 2000/2001, für Orchester; Auftragswerk von Jonathan Nott und dem Luzerner Sinfonieorchester mit Unterstützung von Pro Helvetia. Das Werk gehört mit Core und TURN zu den zentralen Orchesterstücken Ammanns.
  • CORE, 2002, für Orchester; Auftragswerk des Lucerne Festivals und der Pro Helvetia mit Unterstützung der Suisa-Stiftung für Musik. Das Werk führt die energetische Orchesterlogik von Boost weiter.
  • TURN, 2010, für Orchester; Auftragswerk des Lucerne Festivals und der Pro Helvetia. Das Stück wurde besonders im Zusammenhang von Ammanns Composer-in-Residence-Position beim Lucerne Festival wahrgenommen.
  • glut, 2014–2016, für Orchester. Das Werk entfaltet eine außergewöhnlich hohe Dichte von Ereignissen, Texturen und klanglichen Zuständen und ist eines der großen Orchesterstücke Ammanns.
  • THE PIANO CONCERTO («Gran Toccata»), 2016–2019, für Klavier und Orchester; eng verbunden mit dem Pianisten Andreas Haefliger und international unter anderem durch Aufführung und Aufnahme mit Susanna Mälkki und dem Helsinki Philharmonic Orchestra bekannt.
  • VIOLA CONCERTO «no templates», 2020–2021 / 2023–2024, für Viola und Orchester; Auftragswerk des Sinfonieorchesters Basel, unterstützt durch die Ernst von Siemens Musikstiftung, sowie weiterer Partner wie Münchner Kammerorchester, Lucerne Festival, Tongyeong International Music Festival und Esprit Orchestra Toronto.
  • UNDER PRESSURE, 1996/1997, für Tenorsaxophon und Orchester; Auftragswerk des Jubiläumsfonds der Musikhochschule Luzern für das Luzerner Sinfonieorchester.
  • unbalanced instability, 2012–2013, Konzertsatz für Violine und Kammerorchester; Werk aus dem Bereich der konzertanten Solisten-Orchester-Beziehung, in der Balance und Instabilität ausdrücklich im Titel thematisiert sind.

Große Ensemblewerke

  • THE FREEDOM OF SPEECH, 1995/1996, für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello, Klavier und Perkussion; Auftragswerk des Ensemble für Neue Musik Zürich mit Unterstützung von Pro Helvetia und eines der frühen Schlüsselwerke Ammanns.
  • VIOLATION, 1998/1999, für Violoncello und Ensemble; Auftragswerk des Ensemble für Neue Musik Zürich und David Rinikers mit Unterstützung von Pro Helvetia, Migros-Kulturprozent, Aargauer Kuratorium, Stadt und Kanton Zürich.
  • pRESTO sOSTINATO, 2006, für großes Ensemble; Auftragswerk des Ensemble Phoenix Basel und der Ernst von Siemens Musikstiftung zum 100. Geburtstag von Paul Sacher.
  • Le réseau des reprises, 2013–2014, für großes Ensemble; Werk, das in internationalen Ensemblekontexten, unter anderem mit dem Ensemble intercontemporain, aufgeführt wurde.
  • GROOVES – FITTING ONE, 2000, für Kammerorchester; Auftragswerk des Europäischen Musikmonats 2001 mit Unterstützung von Suisa-Stiftung, STV und Pro Patria.
  • STELLEN, 2007/2008, für 14 Streicher in der Besetzung 4/4/3/2/1; Auftragswerk der Ernst von Siemens Musikstiftung.

Kammermusik für Streicher und gemischte Besetzung

  • PIECE FOR CELLO, 1994, revidiert 1998, auch unter dem Titel Imagination against numbers bekannt; Solowerk für Violoncello, Auftragswerk für David Riniker.
  • REGARD SUR LES TRADITIONS, 1995, für Klavier zu vier Händen; Auftragswerk des Klavierduos Adrienne Soós und Ivo Haag mit Unterstützung von Pro Helvetia.
  • Gehörte Form – Hommages, 1998, für Violine, Viola und Violoncello; Auftragswerk des Berliner Philharmonischen Streichtrios und des Mondrian Ensemble Basel mit Unterstützung von Pro Helvetia.
  • MUSICA EMPIRICA, 1997/1998, für Sopransaxophon und Gitarre; Kammermusikwerk an der Grenze von instrumentaler Präzision, Klangfarbe und verdichteter Geste.
  • GEBORSTENER SATZ, 2003, Streichquartett; Auftragswerk des Festivals Boswiler Sommer 2003 für das Jubiläumskonzert 200 Jahre Kanton Aargau und 50 Jahre Künstlerhaus Boswil.
  • APRÈS LE SILENCE, 2004/2005, für Violine, Violoncello und Klavier; Auftragswerk des Trio Animae und des Tecchler Trios.
  • STREICHQUARTETT Nr. 2 (Distanzenquartett), 2009, für zwei Violinen, Viola und Violoncello; Auftragswerk des Amar Quartetts.

Bläser-, Schlagzeug- und kleinere Ensemblewerke

  • DEVELOPMENTS, 1993, für zwei Trompeten, Horn, Posaune und Tuba; Auftragswerk des Jubiläumsfonds der Musikhochschule Luzern und eines der frühesten Werke des offiziellen Verzeichnisses.
  • SHORT VARIATION, 1996, für sieben Klarinetten und Bassklarinette; Auftragswerk der Musikhochschule Luzern.
  • A(TENIR)TENSION, 2002/2003, für Flöte und Perkussionsduo; Auftragswerk von Pro Helvetia.
  • D’ACCORD(S), 2004, für zwei Altsaxophone; Auftragswerk der Schweizer Saxophontage 2004.
  • EINE MINUTE FÜR ZWEI FANFAREN, 2004, für Horn in F; Auftragswerk der Weltmusiktage beziehungsweise WNMD 2004.
  • CUTE, 2011, für Flöte und Klarinette; Duo-Werk mit kammermusikalischer Verdichtung und pointierter Instrumentalbeziehung.

Chor-, Vokal- und musiktheatrale Randwerke

  • MORCEAU EN FORME D’IMPROVISATION, 1995, für 36-stimmigen Chor, Klavier zu vier Händen und improvisierendes Ensemble; Auftragswerk der Akademie für Schul- und Kirchenmusik Luzern im Rahmen der Produktion Szenenwechsel.
  • VENITE A DIRE RAUMMUSIK, 2000, zwei Stücke für zwölf Stimmen zu Emilio de’ Cavalieris Rappresentatione di anima e di corpo; Auftragswerk der Königsfelder Festspiele 2000, besetzt für drei Soprane, drei Alte, drei Tenöre und drei Bässe.

Chronologische Übersicht

1962 Geburt am 17. Mai in Aarau.
1982 Beginn des Studiums an der Akademie für Schul- und Kirchenmusik in Luzern beziehungsweise Schulmusik/Dirigieren.
1983–1984 Ausbildung an der Swiss Jazz School Bern im allgemeinen Bereich.
1986 Aufenthalt in Berlin als freischaffender Musiker, besonders im Bereich improvisierter Musik.
1988–1992 Studium in Theorie und Komposition an der Musikakademie Basel bei Roland Moser und Detlev Müller-Siemens.
1991 Beginn der stärkeren kompositorischen Arbeit; Kurse und Impulse durch Wolfgang Rihm, Witold Lutosławski, Dieter Schnebel und Niccolò Castiglioni.
1993 Developments für Blechbläserquintett; frühes offizielles Werk.
1994/1998 piece for cello beziehungsweise Imagination against numbers, Solowerk für Violoncello.
1995 Regard sur les traditions und Morceau en forme d’improvisation; erster Preis für die Schweiz beim Wettbewerb „Young composers in Europe“ in Leipzig.
1995/1996 The Freedom of Speech, eines der frühen Schlüsselwerke.
1996 Hauptpreis der IBLA Foundation New York beim International Competition for Composers in honor of Luciano Berio.
1996/1997 Under Pressure für Tenorsaxophon und Orchester.
1997/1998 Musica empirica für Sopransaxophon und Gitarre.
1998 Gehörte Form – Hommages für Streichtrio; Franz-Liszt-Stipendium Weimar.
1998/1999 Violation für Violoncello und Ensemble.
2000 Grooves – Fitting One und Venite a dire Raummusik.
2000/2001 Boost für Orchester.
2002 Core für Orchester.
2002/2003 A(tenir)tension für Flöte und Perkussionsduo.
2003 Geborstener Satz, Streichquartett; Composer-in-Residence beim Davos Festival Young Artists in Concert.
2004 Eine Minute für zwei Fanfaren und D’accord(s).
2004/2005 Après le silence für Violine, Violoncello und Klavier.
2006 pRESTO sOSTINATO für großes Ensemble.
2007/2008 STELLEN für 14 Streicher.
2008 Förderpreis Komposition der Ernst von Siemens Musikstiftung.
2009 Streichquartett Nr. 2 (Distanzenquartett); Composer-in-Residence bei Les Muséiques Basel.
2010 TURN für Orchester; Composer-in-Residence beim Lucerne Festival.
2011 CUTE für Flöte und Klarinette.
2012/2013 unbalanced instability, Konzertsatz für Violine und Kammerorchester.
2013/2014 Le réseau des reprises für großes Ensemble.
2014–2016 glut für Orchester.
2016–2019 The Piano Concerto («Gran Toccata») für Klavier und Orchester.
2018 Schweizer Musikpreis.
2020–2021 / 2023–2024 Viola Concerto «no templates» für Viola und Orchester.

Diskographie und Tonträger

Ammanns Diskographie dokumentiert sowohl seine Rolle als Komponist als auch seine frühere Tätigkeit als Musiker. Besonders wichtig sind Tonträger mit Orchesterwerken, Ensemblewerken und Kammermusik, weil sie den internationalen Rang seines Werks hörbar machen und zugleich die interpretatorischen Anforderungen seiner Partituren erkennen lassen.

Tonträger mit Kompositionen Dieter Ammanns

  • glut – music for orchestra von Dieter Ammann, mit Orchestre de la Suisse Romande und Jonathan Nott; zentrale Aufnahme des Orchesterwerks glut.
  • Core – Turn – Boost & unbalanced instability, mit Simone Zgraggen, Basel Sinfonietta und Baldur Brönnimann; wichtige Zusammenstellung der Orchesterwerke und des Violinkonzertsatzes.
  • Ammann, Ravel and Bartók: Piano Concertos, mit The Piano Concerto («Gran Toccata»), Andreas Haefliger, Helsinki Philharmonic Orchestra und Susanna Mälkki.
  • Ammann Giger: Piano Concertos, mit Verstimmung, Après le silence, Caprice, Cute, Piece for Cello (Imagination Against Numbers), Karolina und Accelerated.
  • Dieter Ammann – Komponisten-Portrait, mit Geborstener Satz, Gehörte Form – Hommages, Après le silence und Streichquartett Nr. 2 (Distanzenquartett).
  • Grammont Selection 8, mit Le réseau des reprises, Ensemble intercontemporain und Matthias Pintscher.
  • Grammont Selection 7, mit unbalanced instability, Carolin Widmann, Cologne Radio Symphony Orchestra und Emilio Pomàrico.
  • Ensemble für Neue Musik Zürich – The Freedom of Speech, mit Violation, Imagination against numbers, Gehörte Form – Hommages und The Freedom of Speech.
  • Klavierduo Adrienne Soós / Ivo Haag – Werke für Klavierduo, mit regard sur les traditions.
  • Mondrian Ensemble – Interpreten-Portrait, mit Gehörte Form – Hommages.
  • Trio Contexto – Werke für Flöte und Schlagzeug, mit A(tenir)tension.
  • CasalQuartett – Intenso, mit Geborstener Satz.
  • Musik in Luzern – Klaviermusik Duo, mit regards sur les traditions.

Tonträger mit Dieter Ammann als Musiker

  • Donkey Kong’s Multi Scream – It’s alive!, mit Dieter Ammann an Trompete und Keyboards.
  • Donkey Kong’s Multi Scream – Omerta, mit Dieter Ammann an Trompete und Fretless Bass.
  • Donkey Kong’s Multi Scream – Live in Willisau, mit Dieter Ammann an Bass, Trompete, Es-Kornett und Synthesizer.
  • Felix Knüsel – Timelines And Cycles, mit Dieter Ammann an Trompete, Synthesizer, Piano und Flügelhorn.
  • Felix Knüsel – Hit And Run, mit Dieter Ammann im improvisatorischen Ensemblekontext.
  • Steven’s Nude Club – Nervöus, aktueller Tonträger mit Bezug auf Ammanns frühere Musikerrolle.
  • Steven’s Nude Club – An Overdose Of Gloux, frühe Veröffentlichung im Umfeld von Ska, Punk, Rock und experimenteller Popenergie.
  • Eddie Harris – Yeah You Right, Tonträger, der Ammanns Beteiligung an internationalen Jazz- und Studiozusammenhängen dokumentiert.
  • Marco Käppeli Connection – Lavabowle, Aufnahme aus dem Umfeld Schweizer Jazz- und Improvisationsmusik.

Rezeption, Preise und internationale Aufführungspraxis

Ammanns Rezeption ist zunächst von der Spannung zwischen begrenztem Werkumfang und hoher Aufführungsdichte geprägt. Gerade weil seine Werke langsam entstehen, besitzt jedes neue Stück erhebliches Gewicht. Konzertveranstalter, Festivals, Stiftungen und Ensembles nehmen ein neues Ammann-Werk nicht als routinemäßige Ergänzung des Repertoires wahr, sondern als Ereignis, das erhebliche Probenarbeit, interpretatorische Präzision und technische Virtuosität verlangt.

Die internationalen Aufführungen durch Dirigenten wie Pierre Boulez, George Benjamin, Jonathan Nott, Susanna Mälkki, Sakari Oramo, Peter Rundel, Matthias Pintscher, Emilio Pomarico, Sylvain Cambreling und weitere zeigen, dass Ammanns Musik im Zentrum des professionellen Neue-Musik-Betriebs angekommen ist. Seine Werke werden nicht nur von Spezialensembles, sondern auch von großen Sinfonieorchestern gespielt. Damit überschreitet er die Grenze zwischen Ensembleavantgarde und orchestraler Öffentlichkeit.

Zu den wichtigsten Auszeichnungen zählen der Wettbewerb „Young composers in Europe“ in Leipzig, der Hauptpreis der IBLA Foundation New York, der Erste Preis beim Symposium NRW für Neue Musik, das Franz-Liszt-Stipendium Weimar, der Förderpreis Komposition der Ernst von Siemens Musikstiftung, der AZ-Medienpreis für Kultur und der Schweizer Musikpreis. Diese Preise markieren keine bloße äußere Anerkennung, sondern begleiten Stationen einer Werkentwicklung, in der Ammann sich von kammermusikalischen Experimenten zu international wahrgenommenen Orchester- und Konzertformen bewegt hat.

Besonders die neueren Werke glut, The Piano Concerto («Gran Toccata») und Viola Concerto «no templates» zeigen, dass Ammann weiterhin an der Erweiterung seiner Klangsprache arbeitet. Spektralharmonik, Mikrotonalität, tonale Restfelder, rhythmische Motorik, extreme Verdichtung, große Virtuosität und intime Klangzonen stehen nebeneinander. Die Musik wirkt dadurch zugleich zeitgenössisch, körperlich, traditionsbewusst und eigenwillig.

Forschung, Quellen und editorische Hinweise

Die Forschung zu Dieter Ammann sollte seine Werke nicht nur nach Gattung oder Chronologie ordnen, sondern nach den inneren Spannungen seines Komponierens fragen: Improvisation und Notation, Energie und Konstruktion, Jazzpraxis und Neue Musik, intuitives Klangfinden und rationaler Prüfprozess, großer orchestraler Apparat und kammermusikalische Dichte. Diese Gegensätze sind keine zufälligen biographischen Begleiterscheinungen, sondern bilden den Kern seiner Ästhetik.

Editorisch ist zu beachten, dass einzelne Werktitel in unterschiedlichen Schreibweisen erscheinen. Ammann verwendet häufig Groß- und Kleinschreibung, Parenthesen, fremdsprachige Titel, Wortspiele und typographische Markierungen, die bei der Übernahme in Webseiten respektiert werden sollten. Beispiele sind pRESTO sOSTINATO, A(TENIR)TENSION, D’ACCORD(S), THE PIANO CONCERTO («Gran Toccata») und VIOLA CONCERTO «no templates». Für die interne Verlinkung sollte eine suchfreundliche Slug-Form gewählt werden, während im sichtbaren Text die Originaltitel erhalten bleiben.

Für eine wissenschaftlich tragfähige Seite sind die offizielle Werkseite, Bärenreiter, Swiss Music Edition SME/musinfo, Hochschule Luzern, Lucerne Festival, Ernst von Siemens Musikstiftung, Naxos und Tonträgernachweise heranzuziehen. Rezensionen, Interviews und Werkkommentare sind besonders wichtig, weil Ammanns Musik aus der bloßen Werkauflistung nicht ausreichend verständlich wird. Entscheidend ist die Beschreibung des Arbeitsprozesses, der Dichte, der Klangdramaturgie und der Beziehung zur eigenen Musikerbiographie.

Sekundärliteratur

  • Allemann, Martin: Beiträge und Programmtexte zu Dieter Ammanns Orchester- und Ensemblewerken, insbesondere im Umfeld Schweizer Neue-Musik-Kontexte.
  • Bärenreiter Verlag: Verlagsprofile, Werkkommentare und Magazinbeiträge zu Dieter Ammann, seiner Ästhetik, seiner Werkentwicklung und seinem Wechsel zu Bärenreiter.
  • Gann, Kyle und weitere Autoren zur internationalen Neuen Musik nach 1970; nützlich als Kontext für die Verbindung von Energie, Komplexität, Improvisationserfahrung und institutioneller Aufführungspraxis.
  • Maintz, Marie Luise: Gespräch mit Dieter Ammann in [t]akte, Bärenreiter-Magazin, 2008; wichtig für Ammanns Aussagen zu Stil, Freiheit, Klangwahrnehmung, Form und kompositorischen Wendepunkten.
  • Mattenberger, Urs: Beiträge zu Dieter Ammanns Klavierkonzert Gran Toccata und zur Schweizer Rezeption seiner späten Orchesterwerke.
  • Schweizer Musikpreis / Bundesamt für Kultur: Materialien zur Auszeichnung Ammanns und zur schweizerischen kulturpolitischen Einordnung seines Werks.
  • SRF: Sternstunde Musik: Dieter Ammann – Gran Toccata; dokumentarischer Zugang zur Entstehung des Klavierkonzerts, zur Zusammenarbeit mit Andreas Haefliger und zur Aufführung mit Susanna Mälkki.
  • Tonträger-Booklets von BIS, Musiques Suisses, Naxos, Schweizer Fonogramm, Hat Hut Records und A Tree in a Field Records; wichtig für Besetzung, Aufführende, Entstehungskontext und Rezeption.
  • Werkkommentare Dieter Ammanns auf seiner offiziellen Website; Primärquelle für Selbstdeutung, Entstehungsgeschichte, klangliche Zielsetzungen und ästhetische Begriffe.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Aarau Geburtsstadt Dieter Ammanns und wichtiger Bezugspunkt seiner Schweizer Herkunft.
  • Andreas Haefliger Pianist, für den Ammanns The Piano Concerto («Gran Toccata») entstand.
  • Bärenreiter Verlag, bei dem ein wesentlicher Teil von Ammanns Werken veröffentlicht wird.
  • Basel Sinfonietta Schweizer Orchester, das Ammanns Orchesterwerke auf Tonträgern und in Konzerten vertreten hat.
  • Pierre Boulez Dirigent und Komponist, der Ammanns Musik aufführte und seine frühe kammermusikalische Arbeit wahrnahm.
  • John Cage Vergleichsfigur für die Öffnung des Musikbegriffs, auch wenn Ammanns Ästhetik deutlich stärker an Energie, Dichte und dramatischer Form orientiert ist.
  • Carolin Widmann Violinistin und Interpretin von Ammanns konzertantem Werk unbalanced instability.
  • Donkey Kong’s Multi Scream Free-Funk-Formation, in der Ammanns frühe Musikerpraxis als Trompeter, Keyboarder und Bassist greifbar wird.
  • Ernst von Siemens Musikstiftung Stiftung, die Ammann 2008 mit dem Förderpreis Komposition auszeichnete und mehrere Werkaufträge unterstützte.
  • Beat Furrer Schweizer Komponist und Vergleichspunkt für die internationale Neue-Musik-Szene der Schweiz.
  • Gran Toccata Untertitel von Ammanns Klavierkonzert, der dessen perkussive, virtuose und hochenergetische Klavierbehandlung bezeichnet.
  • Hochschule Luzern – Musik Institution, an der Dieter Ammann Komposition und Theorie lehrt.
  • Improvisierte Musik Musikpraxis, die Ammanns frühe Laufbahn prägte und in seine spätere kompositorische Energie hineinwirkt.
  • Jazz Musikalischer Erfahrungsraum, aus dem Ammanns instrumentale Praxis, Groove-Sensibilität und improvisatorische Körperlichkeit hervorgehen.
  • Lucerne Festival Festival, bei dem Ammann Composer-in-Residence war und dessen Academy mit seinem Kompositionsunterricht verbunden ist.
  • Lucerne Festival Academy Akademie und Ausbildungsformat, in dem Ammann im Composer Seminar als Dozent wirkt.
  • Witold Lutosławski Komponist, dessen Kurse zu den prägenden Fortbildungsstationen Ammanns gehörten.
  • Mikrotonalität Klang- und Tonsystemerweiterung, die in Ammanns späteren Orchester- und Konzertwerken eine Rolle spielt.
  • Neue Musik Übergreifender Kontext von Ammanns komponiertem Werk seit den 1990er Jahren.
  • Orchesterdramaturgie Kompositorisches Verfahren, das in Ammanns Boost, Core, TURN, glut und Gran Toccata zentral ist.
  • Rhythmus Strukturbereich, der bei Ammann aus Jazzpraxis, Groove, Beschleunigung, Druck und präziser Notation entsteht.
  • Wolfgang Rihm Komponist und wichtiger Lehrer beziehungsweise Mentor, mit dem Ammann auch in der Lucerne Festival Academy verbunden war.
  • Dieter Schnebel Komponist, dessen Kurse zu Ammanns prägenden Weiterbildungsstationen gehörten.
  • Schweizer Musikpreis Auszeichnung, mit der Ammann 2018 geehrt wurde.
  • Schweizer Neue Musik Musikgeschichtlicher Kontext, in dem Ammann als international aufgeführter Komponist der mittleren Generation steht.
  • Spektralharmonik Klangharmonisches Verfahren, das in Ammanns späteren Werken, besonders im Umfeld von glut und Gran Toccata, eine Rolle spielt.
  • Susanna Mälkki Dirigentin, die Ammanns Klavierkonzert mit Andreas Haefliger und dem Helsinki Philharmonic Orchestra aufführte und aufnahm.
  • Swiss Music Edition Schweizer Notenverlag beziehungsweise Editionsplattform, bei der Werke Ammanns neben Bärenreiter verlegt sind.
  • Zofingen Schweizer Lebens- und Wohnort Dieter Ammanns sowie kultureller Bezugspunkt seiner Biographie.