Amerus

Auch Aluredus, Annuerus, Aimerus und Aumerus; englischer Priester und Musiktheoretiker des 13. Jahrhunderts, tätig in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Italien. Sicher greifbar ist er durch den Prolog seines Traktats Practica artis musice, den er im August 1271 verfasste.

Überblick

Amerus ist ein englischer Musiktheoretiker und Priester des 13. Jahrhunderts, der in Italien wirkte und durch einen einzigen sicher zuweisbaren Traktat bekannt ist: die Practica artis musice. Nach dem Prolog wurde diese Schrift im August 1271 abgefasst. Die biographische Überlieferung ist äußerst knapp. Sicher ist im Wesentlichen, dass Amerus ein englischer Kleriker war, dass er in Italien tätig war, dass er sich in einem hochrangigen kirchlichen Umfeld bewegte und dass seine Schrift für den musikalischen Unterricht bestimmt war.

Die Bedeutung Amerus’ liegt nicht in einem umfangreichen Œuvre, sondern in der Stellung seiner Practica innerhalb der mittelalterlichen Musiktheorie. Der Traktat verbindet Elemente der Gregorianik, der Tonarlehre, der Notationskunde, der Solmisation, der Moduslehre und der frühen Lehre von Polyphonie. Er ist damit ein Zeugnis jener Phase, in der die mündlich-praktische Ausbildung von Sängern zunehmend durch schriftliche, systematische und didaktisch geordnete Musiktraktate unterstützt wurde.

Besonders wichtig ist die Überlieferung im Bamberger Codex, Bamberg, Staatsbibliothek, Msc.Lit.115. Dieser Codex enthält nicht nur einen großen Bestand französischer und lateinischer Motetten des 13. Jahrhunderts, sondern auch theoretische Texte, darunter Amerus’ Practica artis musice. Dadurch steht Amerus an einer Schnittstelle von Theorie und Repertoire: Seine Schrift ist nicht abstrakt von der musikalischen Praxis getrennt, sondern in einem Handschriftenkontext überliefert, der unmittelbar mit Motette, Ars antiqua, Mensuralnotation und mehrstimmiger Kunstmusik verbunden ist.

Kurzdaten

Name Amerus.
Weitere Namensformen Aluredus, Annuerus, Aimerus, Aumerus, Alvredus, Ameri, Amerus Anglicus und Aluredus Anglicus.
Dateiname amerus.shtml.
Lebensdaten Unbekannt; tätig in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts.
Herkunft Englisch; in der Forschung gewöhnlich als englischer Priester beziehungsweise englischer Kleriker bezeichnet.
Wirkungsraum Italien, wahrscheinlich im Umfeld des päpstlichen und kardinalizischen Hofes; der Traktat wird mit dem Jahr 1271 und dem italienischen Kontext verbunden.
Beruf Musiktheoretiker, Priester, Kleriker, Lehrer der Musik und Autor eines lateinischen Musiktraktats.
Sicher datiertes Werk Practica artis musice, August 1271.
Gattung Lateinischer musiktheoretischer Lehrtraktat für die musikalische Praxis und den Unterricht.
Themen Musica plana, Solmisation, Tonar, Kirchentöne, Notation, mensurale Werte, Longa, Brevis, Semibrevis, Polyphonie, Discantus und Unterrichtspraxis.
Zentrale Handschrift Bamberg, Staatsbibliothek, Msc.Lit.115, sogenannter Bamberger Codex, mit der Practica artis musicae auf fol. 65–80 beziehungsweise fol. 65–79 nach verschiedenen Beschreibungen.
Edition Ameri Practica artis musice (1271), herausgegeben von Cesarino Ruini, Corpus Scriptorum de Musica 25, American Institute of Musicology, 1977.
Besondere Bedeutung Amerus ist ein wichtiger Zeuge für die Verbindung von englischer, italienischer und französisch geprägter Musiklehre im 13. Jahrhundert und für den Übergang von praktischer Sängerunterweisung zu schriftlich fixierter Theorie der Notation und Mehrstimmigkeit.

Namensformen und Quellenlage

Die Namensüberlieferung ist unsicher und variantenreich. Neben Amerus begegnen Aluredus, Annuerus, Aimerus, Aumerus und Alvredus. Diese Formen können aus paläographischen Leseschwierigkeiten, regionalen Schreibweisen, Abschreibergewohnheiten und späterer Katalogisierung entstanden sein. Für die vorliegende Seite wird Amerus als Hauptlemma verwendet, weil diese Form in modernen musiklexikalischen und editorischen Nachweisen besonders verbreitet ist. Die anderen Formen bleiben als Alternativnamen unverzichtbar, weil sie in Handschriften- und Forschungstraditionen begegnen.

Die biographische Quellenlage ist extrem knapp. Über Amerus’ Geburt, Tod, Ausbildung, genaue Herkunftsstadt und späteres Leben ist nichts Sicheres bekannt. Die einzigen wirklich belastbaren Angaben ergeben sich aus dem Prolog der Practica artis musice und aus ihrer späteren Handschriftenüberlieferung. Der Prolog macht Amerus als Autor fassbar und datiert den Traktat in den August 1271. Die Forschung ergänzt daraus vorsichtig, dass er als englischer Priester in Italien tätig war und im kirchlichen Umfeld Kardinal Ottobono Fieschis, des späteren Papstes Hadrian V., stand.

Für ein Kulturlexikon bedeutet diese Quellenlage, dass Amerus nicht biographisch ausgeschmückt werden darf. Er ist weniger als Person mit reicher Lebensgeschichte denn als Autor eines einzigen, aber sehr aufschlussreichen Lehrtraktats wichtig. Die Seite muss deshalb die Schrift, ihre Themen, ihre Überlieferung und ihren musikgeschichtlichen Ort stärker ausarbeiten als eine nur vermutete Lebensgeschichte.

Leben und historischer Ort

Amerus war ein englischer Priester beziehungsweise Kleriker, der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Italien wirkte. Die Verbindung eines englischen Geistlichen mit Italien ist für diese Zeit keineswegs ungewöhnlich. Kleriker, Studenten, Schreiber, Juristen, Theologen, Sänger und Lehrer bewegten sich über Ländergrenzen hinweg. Die römische Kurie, Kardinalshöfe, Universitäten und kirchliche Institutionen bildeten ein internationales Milieu, in dem Latein als gemeinsame Bildungs- und Verwaltungssprache diente.

Der wichtigste historische Kontext ist das Umfeld Kardinal Ottobono Fieschis. Ottobono Fieschi war Kardinaldiakon von Sant’Adriano und wurde 1276 als Hadrian V. kurzzeitig Papst. Wenn Amerus im Umfeld dieses Kardinals tätig war, dann befand er sich in einem kirchlichen Hochmilieu, in dem Kapellen, Kleriker, Schreiber, Sänger und Lehrer zusammenwirkten. Musik war dort nicht bloß Andacht, sondern Teil der liturgischen, repräsentativen und administrativen Kultur.

Der August 1271 ist als Datierung der Practica artis musice besonders wichtig. In diesem Jahr befand sich die lateinische Kirche in einer komplexen politischen und kirchlichen Lage. Das lange Papstwahlverfahren von Viterbo dauerte von 1268 bis 1271; die kirchlichen und kardinalizischen Netzwerke waren stark in Bewegung. Für Amerus ist nicht entscheidend, ob jede Einzelheit seines Aufenthaltsortes sicher rekonstruiert werden kann, sondern dass seine Schrift in einem italienisch-kurialen, lateinischen und internationalen Bildungsraum entstand.

Dass Amerus als Engländer in Italien über französisch, englisch und italienisch geprägte kirchliche Musikpraxis schreibt, macht ihn zu einer transregionalen Figur. Seine Practica sammelt und ordnet musikalisches Wissen nicht nur für eine lokale Tradition, sondern für eine Praxis, in der verschiedene Kirchen, Schulen und Sängergewohnheiten miteinander vergleichbar wurden. Gerade darin liegt sein Wert für die Musikgeschichte des Mittelalters.

Ausführlicher Kulturüberblick

Amerus gehört in die musikalische Welt des 13. Jahrhunderts, also in jene Zeit, in der sich die Ars antiqua, die Notre-Dame-Tradition, die frühe Motette, die Lehre vom Discantus und die Entwicklung der Mensuralnotation überschneiden. Musik wurde weiterhin stark durch die liturgische Einstimmigkeit geprägt, doch mehrstimmige Formen gewannen an technischer Komplexität und theoretischem Gewicht. Diese Komplexität verlangte nach neuen Formen der Erklärung.

Die ältere Musiklehre hatte sich stark an Boethius, Guido von Arezzo, Hexachordlehre, Kirchentönen, Solmisation und liturgischem Gesang orientiert. Im 13. Jahrhundert mussten Theoretiker zusätzlich erklären, wie mehrstimmige Musik rhythmisch geordnet, notiert, gelesen und unterrichtet werden konnte. Genau an dieser Schwelle steht Amerus. Seine Practica behandelt nicht nur Grundlagen des Gesangs, sondern auch Formen der Mehrstimmigkeit und Notation, die für die zeitgenössische Musikpraxis entscheidend wurden.

Der Begriff Practica ist dabei programmatisch. Amerus schreibt keine rein spekulative Abhandlung über Zahlen, Proportionen und kosmische Ordnung, sondern einen auf Unterricht und Ausübung bezogenen Traktat. Er steht damit in einer Tradition praktischer Musiklehre, die Sängern, Schülern und Klerikern helfen sollte, Musik zu lesen, zu verstehen und korrekt auszuführen. Die Schrift verbindet Regelwissen und Gebrauchswissen.

Die Überlieferung im Bamberger Codex macht diese Funktion besonders sichtbar. Der Codex enthält eine große Sammlung von Motetten und theoretische Texte. Er ist kein bloßes Theoriebuch und keine bloße Repertoiresammlung, sondern ein komplexes Zeugnis musikalischer Bildung. Die Verbindung von Motettenrepertoire und Traktat zeigt, dass Theorie und Praxis im 13. Jahrhundert eng miteinander verbunden waren. Wer polyphone Musik aufführen oder verstehen wollte, benötigte ein Regelwissen über Töne, Stimmen, Rhythmen, Modi und Notation.

Amerus ist außerdem kulturgeschichtlich wichtig, weil seine Schrift in Italien entsteht, aber englische, französische und italienische Zusammenhänge berührt. Das zeigt, dass die mittelalterliche Musiktheorie nicht in modernen Nationalkategorien verstanden werden darf. Ein englischer Priester konnte in Italien schreiben, ein französisch geprägtes Motettenrepertoire konnte in Bamberg überliefert werden, und die lateinische Fachsprache machte das Wissen überregional anschlussfähig.

Die Practica artis musice

Die Practica artis musice ist Amerus’ einzig sicher bekanntes Werk. Sie wurde im August 1271 abgefasst und ist als lateinischer Lehrtraktat konzipiert. Der Titel bedeutet sinngemäß „Praxis der Kunst der Musik“ und verweist auf eine praktische Zielrichtung: Es geht um erlernbare Regeln, um korrekte Ausführung, um die Orientierung der Sänger und um die Systematisierung musikalischen Wissens.

Der Traktat behandelt die Grundlagen der Musik, die Ordnung der Töne, die kirchlichen Modi, die Solmisation, die Tonarlehre, die Notation und die Mehrstimmigkeit. Sein Umfang und seine Gewichtung zeigen, dass Amerus nicht bloß eine abstrakte Musiklehre wiederholt, sondern ein Unterrichtswerk für konkrete kirchliche und schulische Praxis entwirft. Die Musik erscheint als geordnete Kunst, die durch Zeichen, Regeln und Hörpraxis zugleich vermittelt wird.

Die Practica ist besonders wegen ihrer Stellung innerhalb der Notationsgeschichte wichtig. Sie gehört zu den frühen theoretischen Zeugnissen, in denen rhythmische Notation, mensurale Werte und mehrstimmige Satzpraxis in einem italienischen Kontext besprochen werden. Amerus’ Behandlung von Longa, Brevis und Semibrevis zeigt, dass die rhythmische Differenzierung der Notenschrift bereits ein zentrales Problem des Unterrichts geworden war.

Gleichzeitig bleibt der Traktat stark mit der traditionellen Kirchenmusik verbunden. Die Tonartenlehre, die Ordnung liturgischer Gesänge und die Beziehung von Modus und Repertoire nehmen breiten Raum ein. Amerus steht daher nicht gegen die ältere Gregorianik, sondern erweitert ihre Unterrichtslogik in Richtung polyphoner und notationsbezogener Praxis.

Notation, Mensurallehre und Polyphonie

Im 13. Jahrhundert wurde die Frage der Notation grundlegend neu gestellt. Einstimmiger liturgischer Gesang konnte über Neumen, Linien, Schlüssel und modale Erinnerungssysteme vermittelt werden. Polyphone Musik verlangte jedoch eine genauere Regelung zeitlicher Verhältnisse. Wenn mehrere Stimmen zugleich erklingen, müssen nicht nur Tonhöhen, sondern auch Dauern, Zusammenklänge, Einsätze und rhythmische Proportionen kontrollierbar sein.

Amerus gehört zu jenen Autoren, die diesen Übergang theoretisch fassbar machen. Er spricht über Notenwerte wie Longa, Brevis und Semibrevis. Diese Werte sind nicht nur grafische Zeichen, sondern Ausdruck einer neuen rhythmischen Denkweise. Musik wird zunehmend als messbare Zeitordnung verstanden. Die Notation wird dadurch zu einem technischen und theoretischen Medium.

Für die Polyphonie ist das entscheidend. Mehrstimmigkeit kann zwar improvisatorisch oder nach mündlicher Gewohnheit entstehen, aber komplexe Motetten, Discantus-Sätze und rhythmisch differenzierte Formen verlangen schriftliche Fixierung. Amerus erklärt daher nicht nur, was Musik ist, sondern wie man sie im praktischen Vollzug liest und ordnet. Seine Theorie ist eine Gebrauchsanweisung für eine musikalische Kultur, deren Schriftlichkeit zunimmt.

In der Forschung wird Amerus deshalb häufig im Zusammenhang mit Franco von Köln, Anonymus IV, Johannes de Garlandia, Lambertus, Hieronymus de Moravia und anderen Theoretikern des 13. Jahrhunderts gesehen. Er gehört nicht zu den meistzitierten Namen der Musikgeschichte, aber seine Schrift ist ein wichtiges Glied im Netz der spätmittelalterlichen Notations- und Unterrichtslehre.

Tonar, Modi und Unterrichtspraxis

Ein großer Teil von Amerus’ Bedeutung liegt in der Verbindung von praktischer Musiklehre und Tonar. Ein Tonar ordnet liturgische Gesänge nach Modi, Finaltönen, Rezitationstönen, Anfangsformeln und melodischen Verwandtschaften. Für Sänger war ein solcher Ordnungsrahmen unverzichtbar, weil er half, Antiphonen, Responsorien, Psalmodie und andere liturgische Gesänge korrekt zu klassifizieren und auszuführen.

Amerus behandelt die Tonarten nicht als bloß spekulative Kategorien. Sie stehen im Zusammenhang mit konkretem Repertoire und kirchlicher Praxis. Dabei wird sichtbar, dass die Moduslehre im 13. Jahrhundert nicht nur für einstimmigen Choral, sondern zunehmend auch für mehrstimmige Musik relevant wurde. Die Frage, ob und wie Polyphonie modal bestimmt werden kann, gehört zu den wichtigen Themen der mittelalterlichen Theoriegeschichte.

Für den Unterricht ist diese Verbindung zentral. Ein Schüler musste nicht nur wissen, wie einzelne Töne heißen, sondern wie sie im System der Kirchentöne, der Hexachorde, der Solmisationssilben und der liturgischen Gattungen funktionieren. Die Practica bietet daher ein Modell musikalischer Bildung: Musik wird als geordnetes Feld von Zeichen, Tönen, Modi, Regeln und praktischen Anwendungen vermittelt.

Bamberger Codex und Handschriftenüberlieferung

Die wichtigste erhaltene Quelle für Amerus ist der Bamberger Codex, Bamberg, Staatsbibliothek, Msc.Lit.115. Der Codex ist vor allem als eine der bedeutenden Motettenhandschriften des 13. Jahrhunderts bekannt. Er enthält zahlreiche mehrstimmige Motetten, darunter lateinische, französische und makaronische Texte, sowie theoretische Abschnitte. Die Practica artis musicae von Amerus steht in diesem Kontext nicht zufällig: Sie gehört zu einer Handschrift, in der praktisches Repertoire und theoretische Reflexion nebeneinanderstehen.

Die Beschreibung der Handschrift zeigt, dass Amerus’ Traktat auf fol. 65–80 beziehungsweise nach anderen Zählungen auf fol. 65–79 überliefert ist. Anschließend folgen ein anonymer Traktat beziehungsweise weitere theoretische und musikalische Zusätze. Der Bamberger Codex ist daher ein vielschichtiger Überlieferungsträger, in dem Repertoire, Theorie, spätere Ergänzungen und unterschiedliche Schreiberhände zusammenkommen.

Neben Bamberg werden weitere Handschriften genannt, darunter Trier, Seminarbibliothek Hs. 44, Oxford, Bodleian Library, Bodley 77, und Rom, Biblioteca Vaticana, lat. 5318. Diese Überlieferung zeigt, dass Amerus’ Text nicht nur in einem einzigen lokalen Exemplar existierte, sondern in verschiedenen mittelalterlichen und spätmittelalterlichen Abschriften weitergegeben wurde. Die Handschriften sind für Textkritik, Namensformen, Datierung und Überlieferungsgeschichte entscheidend.

Werk-, Quellen- und Editionsverzeichnis

Das Werkverzeichnis zu Amerus ist kurz, weil nur ein sicher zuweisbarer Traktat bekannt ist. Es wird deshalb als Werk-, Quellen-, Handschriften- und Editionsverzeichnis angelegt. Die Unterscheidung ist wichtig: Das Werk ist die Practica artis musice; die Quellen sind die Handschriften, in denen der Text überliefert ist; die Editionen und Studien erschließen diesen Text für die moderne Forschung.

Sicheres Werk

  • Practica artis musice, lateinischer musiktheoretischer Traktat, verfasst im August 1271. Die Schrift behandelt Gesangspraxis, Tonar, Modi, Solmisation, Notation, Mensuralwerte, Polyphonie und musikalischen Unterricht. Sie ist das einzige sicher bekannte Werk Amerus’.

Hauptquellen und Handschriften

  • Bamberg, Staatsbibliothek, Msc.Lit.115, sogenannter Bamberger Codex; wichtigste Handschrift der Practica artis musicae, mit Amerus’ Traktat auf fol. 65–80 beziehungsweise fol. 65–79 nach unterschiedlichen Beschreibungen. Die Handschrift enthält außerdem einen bedeutenden Bestand dreistimmiger Motetten der Ars antiqua.
  • Trier, Seminarbibliothek, Hs. 44; spätmittelalterliche Überlieferung der Practica artis musice, in älteren und neueren Quellenlisten als wichtiger Textzeuge genannt.
  • Oxford, Bodleian Library, Bodley 77; Handschrift englischer Herkunft, in der Amerus beziehungsweise ein Amerus-Ausschnitt überliefert wird.
  • Rom, Biblioteca Vaticana, lat. 5318; in Quellenlisten als weiterer Textzeuge beziehungsweise Amerus-bezogener Überlieferungskontext genannt.

Editionen und moderne Textzugänge

  • Joseph Kromolicki: Die Practica artis musicae des Amerus und ihre Stellung in der Musiktheorie des Mittelalters. Berlin 1909. Frühe wissenschaftliche Studie und Teiledition, die Amerus in die Forschung zur mittelalterlichen Musiktheorie einführte.
  • Cesarino Ruini (Hrsg.): Ameri Practica artis musice (1271). Corpus Scriptorum de Musica 25, American Institute of Musicology, 1977. Maßgebliche moderne Edition des Traktats.
  • Digitale und bibliographische Nachweise im Umfeld des Thesaurus Musicarum Latinarum, des Corpus Scriptorum de Musica, von RISM-bezogenen Autorenindizes und digitalen mittelalterlichen Musikbibliotheken.

Inhaltliche Hauptbereiche der Practica

  • Grundlagen der Musiklehre und Bestimmung der Musik als erlernbare Kunst.
  • Ordnung der Töne, Buchstaben, Solmisationssilben und Hexachordbezüge.
  • Moduslehre und Tonar, besonders in Bezug auf liturgische Gesänge.
  • Notation und Schriftzeichen der Musik, einschließlich Fragen der Linien, Schlüssel und Zeichenordnung.
  • Mensurale Werte, darunter Longa, Brevis und Semibrevis.
  • Regeln und Grundbegriffe der Polyphonie, insbesondere im Zusammenhang von Discantus und mehrstimmigem Satz.
  • Didaktische Struktur für die Ausbildung von Knaben, Sängern beziehungsweise kirchlichen Musikschülern.

Chronologische Übersicht

1265–1268 Möglicher Zeitraum, in dem Amerus im Umfeld Kardinal Ottobono Fieschis beziehungsweise in dessen italienischer Begleitung tätig gewesen sein könnte; diese Angabe ist aus späterer Forschung erschlossen und nicht als vollständige Biographie zu verstehen.
August 1271 Abfassung der Practica artis musice, nach dem Prolog des Traktats die einzige wirklich sichere Datierung in Amerus’ Leben.
Ende 13. Jahrhundert Überlieferung der Practica im Bamberger Codex beziehungsweise in einem frühen Handschriftenkontext, der mit Motettenrepertoire und theoretischer Schriftlichkeit verbunden ist.
15. Jahrhundert Weitere Abschriften und Rezeptionsspuren in spätmittelalterlichen Handschriften, darunter Trier und Oxford.
1909 Joseph Kromolickis Studie Die Practica artis musicae des Amerus und ihre Stellung in der Musiktheorie des Mittelalters.
1977 Cesarino Ruinis Edition Ameri Practica artis musice (1271) in Corpus Scriptorum de Musica 25.

Rezeption und Nachwirkung

Amerus wurde nicht durch eine breite mittelalterliche Autorrezeption berühmt. Seine Nachwirkung ist vor allem eine moderne wissenschaftliche Nachwirkung. Seit dem 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde sein Traktat im Rahmen der Forschung zur mittelalterlichen Musiktheorie, zur Motettenüberlieferung, zur Notationsgeschichte und zur Ars antiqua neu erschlossen. Die Edition von Cesarino Ruini machte den Text für die musikwissenschaftliche Arbeit zuverlässig zugänglich.

Seine Bedeutung liegt darin, dass er einen Übergang dokumentiert. Die ältere liturgische Musiklehre wird bei ihm nicht aufgegeben, aber in Richtung einer differenzierteren Theorie von Notation und Mehrstimmigkeit erweitert. Deshalb ist Amerus besonders für die Geschichte der Mensuralnotation, der Polyphonie und der Unterrichtspraxis wichtig. Er gehört zu den Autoren, an denen man sehen kann, wie die theoretische Sprache der Musik auf neue kompositorische und aufführungspraktische Anforderungen reagierte.

Auch der Handschriftenkontext verstärkt seine Nachwirkung. Weil die Practica im Bamberger Codex überliefert ist, wird Amerus häufig gemeinsam mit dem Repertoire der französischen und lateinischen Motette des 13. Jahrhunderts betrachtet. Dadurch erscheint er nicht nur als Theoretiker, sondern als Zeuge einer ganzen Musikkultur, in der Schrift, Schule, Repertoire und Aufführung miteinander verbunden waren.

Forschung, Quellen und editorische Hinweise

Die Forschung zu Amerus muss mit sehr wenigen biographischen Daten auskommen. Deshalb ist methodische Vorsicht besonders wichtig. Angaben zu Herkunft, Stand, Dienstverhältnis und Aufenthaltsort dürfen nicht stärker formuliert werden, als die Quellen sie tragen. Sicher ist die Practica von 1271; wahrscheinlich ist die englische Herkunft und der italienische Wirkungsraum; plausibel ist die Verbindung mit dem Umfeld Kardinal Ottobono Fieschis. Alles Weitere bleibt hypothetisch.

Textkritisch ist die Namensform ein eigenes Problem. Die Formen Amerus, Aluredus, Annuerus, Aimerus und Aumerus können in Handschriften und Katalogen unterschiedlich erscheinen. Eine kritische Edition muss daher nicht nur den Wortlaut des Traktats, sondern auch die Autorbezeichnung, Incipits, Rubriken, Prologformeln, Handschriftenzusammenhänge und spätere Katalogisierungen berücksichtigen.

Inhaltlich bleibt zu prüfen, wie Amerus zu anderen Theoretikern des 13. Jahrhunderts steht. Seine Aussagen zu Tonar, Modus, Notation, Longa, Brevis, Semibrevis und Polyphonie müssen mit Franco von Köln, Johannes de Garlandia, Anonymus IV, Lambertus, Hieronymus de Moravia und weiteren Traktaten verglichen werden. Gerade aus solchen Vergleichen ergibt sich sein eigentlicher Rang: Amerus ist weniger ein isolierter Autor als ein Knotenpunkt zwischen verschiedenen Lehrtraditionen der Ars antiqua.

Sekundärliteratur

  • Apel, Willi: The Notation of Polyphonic Music, 900–1600. Cambridge, Massachusetts 1953; grundlegend für die Einordnung mittelalterlicher Notationssysteme.
  • Busse Berger, Anna Maria: Medieval Music and the Art of Memory. University of California Press, Berkeley 2005; wichtig für die Verbindung von Unterricht, Gedächtnis, Theorie und Praxis im Mittelalter.
  • Eggebrecht, Hans Heinrich; Gallo, F. Alberto; Haas, Max; Sachs, Klaus-Jürgen: Die mittelalterliche Lehre von der Mehrstimmigkeit. Geschichte der Musiktheorie, Band 5, Darmstadt 1984; zentral für den theoretischen Kontext der Polyphonie.
  • Gallo, F. Alberto: La teoria della notazione in Italia dalla fine del XIII all’inizio del XV secolo. Bologna 1966; wichtig für Amerus im Kontext italienischer Notationsgeschichte.
  • Gallo, F. Alberto: Alcune osservazioni sulla Practica artis musice di Amerus. In: L’Ars Nova Italiana del Trecento 5, Certaldo 1985, S. 219–225.
  • Gallo, F. Alberto: Amerus. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians; maßgeblicher lexikalischer Artikel zu Person, Traktat und Forschungskontext.
  • Kromolicki, Joseph: Die Practica artis musicae des Amerus und ihre Stellung in der Musiktheorie des Mittelalters. Berlin 1909.
  • Norwood, Patricia P.: Evidence concerning the Provenance of the Bamberg Codex. In: The Journal of Musicology 8, 1990, S. 491–504; wichtig für die Handschriften- und Provenienzfrage des Bamberger Codex.
  • Ruini, Cesarino (Hrsg.): Ameri Practica artis musice (1271). Corpus Scriptorum de Musica 25, American Institute of Musicology, 1977.
  • Yudkin, Jeremy: Arbeiten zur mittelalterlichen Musiktheorie und Notation, besonders zu Traktaten des 13. Jahrhunderts und ihrem Unterrichtskontext.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Anonymus IV Musiktheoretiker beziehungsweise Traktatkomplex des 13. Jahrhunderts, wichtig für die Notre-Dame-Tradition und den Vergleich mit Amerus.
  • Ars antiqua Musikalische Epoche und Stilwelt des 13. Jahrhunderts, in deren theoretischem Umfeld Amerus’ Practica steht.
  • Bamberger Codex Zentrale Motettenhandschrift des 13. Jahrhunderts und wichtigste Überlieferung von Amerus’ Practica artis musice.
  • Boethius Spätantiker Musiktheoretiker, dessen spekulative Musiklehre den Hintergrund mittelalterlicher Musiktheorie bildet.
  • Brevis Mensuraler Notenwert, der in Amerus’ Notationslehre mit Longa und Semibrevis verbunden ist.
  • Discantus Mehrstimmige Satz- und Lehrpraxis, die im 13. Jahrhundert theoretisch neu gefasst wurde.
  • Franco von Köln Musiktheoretiker der Mensuralnotation, dessen Lehre für den Vergleich mit Amerus grundlegend ist.
  • Gregorianik Einstimmiger liturgischer Gesang, dessen Tonar-, Modus- und Unterrichtstradition in Amerus’ Traktat weiterwirkt.
  • Guido von Arezzo Mittelalterlicher Musiktheoretiker, dessen Liniennotation, Solmisation und Unterrichtslehre für Amerus’ Hintergrund wesentlich sind.
  • Hexachord Tonordnung der mittelalterlichen Solmisationslehre, die für die Ausbildung von Sängern grundlegend war.
  • Hieronymus de Moravia Musiktheoretiker des 13. Jahrhunderts, dessen Schriften mit Amerus’ praktischer Musiklehre vergleichbar sind.
  • Johannes de Garlandia Theoretiker der rhythmischen Modi und wichtiger Vergleichspunkt für die Notationsgeschichte der Ars antiqua.
  • Lambertus Mittelalterlicher Musiktheoretiker, dessen Traktat in denselben Problemkreis von Gesang, Notation und Polyphonie gehört.
  • Longa Mensuraler Notenwert, der in Amerus’ Lehre zur rhythmischen Ordnung der Mehrstimmigkeit erscheint.
  • Mensuralnotation Notation messbarer Tondauern, deren Entwicklung Amerus’ Traktat im 13. Jahrhundert dokumentiert.
  • Mittelalterliche Musiktheorie Theoretisches Feld von Tonlehre, Modus, Solmisation, Notation und Polyphonie, in dem Amerus’ Practica steht.
  • Modalität Lehre von Modi und Tonarten, die Amerus im Zusammenhang liturgischer und polyphoner Musik berührt.
  • Motette Mehrstimmige Gattung des 13. Jahrhunderts, deren Repertoire im Bamberger Codex neben Amerus’ Theorie überliefert ist.
  • Notenschrift Schriftliche Fixierung musikalischer Tonhöhen und Dauern, die Amerus als praktisches Unterrichtsproblem behandelt.
  • Ottobono Fieschi Kardinal und späterer Papst Hadrian V., in dessen Umfeld Amerus nach der Forschung tätig gewesen sein dürfte.
  • Polyphonie Mehrstimmigkeit, deren Notation und Unterricht im 13. Jahrhundert neue theoretische Anforderungen stellten.
  • Practica Begriff für praxisbezogene Lehrschriften, der Amerus’ Musiktraktat als Unterrichtswerk charakterisiert.
  • Semibrevis Mensuraler Notenwert, der in Amerus’ Notationslehre zusammen mit Longa und Brevis erscheint.
  • Solmisation Mittelalterliche Silbenlehre zum Erlernen und Singen von Tonbeziehungen.
  • Tonar Ordnung liturgischer Gesänge nach Modi, die in Amerus’ Practica einen wichtigen Anteil hat.
  • Viterbo Italienischer Ort des langen Papstwahlkontextes um 1271, mit dem die Entstehung der Practica in der Forschung verbunden wird.