Hermina Maria Amersfoordt-Dijk
Überblick
Hermina Maria Amersfoordt-Dijk, genannt Mina, gehört zu den wichtigen, lange vernachlässigten niederländischen Komponistinnen und Pianistinnen des 19. Jahrhunderts. Sie wurde als Hermina Maria Dijk in Amsterdam geboren und trat schon als Kind im Konzertsaal der Gesellschaft Felix Meritis auf. Ihre frühe Laufbahn verband pianistische Virtuosität, bürgerliche Musikkultur, Unterricht bei führenden Amsterdamer Musikern und eine auffällige Begabung für Komposition.
Amersfoordt-Dijk schrieb Klaviermusik, Kammermusik, Lieder, Chorwerke, Ouvertüren, eine Kantate, Oratorien- beziehungsweise geistlich-konzertante Musik und Gelegenheitswerke. Ein Teil ihres Werkes ist verschollen, ein anderer Teil liegt in Bibliotheken, Archiven, gedruckten Nachweisen oder modernen Wiederaufführungszusammenhängen vor. Zu den besonders wichtigen Werken gehören Le souvenir, das Duett für Violine und Klavier op. 7, die Ouverture op. 19, Gottes Allgegenwart op. 40 und das Loflied op 25 jaar Haarlemmermeerpolder von 1877.
Ihre Biographie zeigt die strukturellen Grenzen, denen komponierende Frauen im 19. Jahrhundert ausgesetzt waren. Als Kindervirtuosin konnte sie öffentlich auftreten; als erwachsene, verheiratete Frau wurde sie stärker in häusliche, soziale und landwirtschaftliche Aufgaben eingebunden. Nach ihrer Ehe mit Jacob Paulus Amersfoordt lebte sie lange auf der Badhoeve in der Haarlemmermeer. Dort verschwand sie zwar teilweise aus dem Amsterdamer Konzertbetrieb, komponierte aber weiter und trat für Gäste des landwirtschaftlichen Musterbetriebs wieder als Pianistin hervor.
Kurzdaten
| Name | Hermina Maria Amersfoordt-Dijk. |
|---|---|
| Rufname | Mina. |
| Geburtsname | Hermina Maria Dijk. |
| Weitere Namensformen | Hermina Dijk, Mina Dijk, H. M. Amersfoordt-Dijk, Hermina Maria Amersfoordt-Dyk und Amersfoordt-Dijk, Hermina Maria. |
| Dateiname | amersfoordt-dijk-hermina-maria.shtml. |
| Geburt | 26. Juni 1821 in Amsterdam. |
| Tod | 16. Juli 1892 in Amsterdam. |
| Beruf | Komponistin, Pianistin, Klaviervirtuosin, Liedkomponistin, Kammermusikkomponistin, Oratorienkomponistin und Vertreterin der niederländischen bürgerlichen Musikkultur des 19. Jahrhunderts. |
| Instrument | Klavier. |
| Ausbildung | Unterricht bei Johannes Bernardus van Bree, Charles-Philippe Lafont, Jan George Bertelman und Antoine Elwart. |
| Wirkungsorte | Amsterdam, Felix Meritis, Paris, Haarlemmermeer, Badhoeve, Den Bosch, Utrecht und weitere niederländische Konzert- und Aufführungsorte. |
| Ehe | Seit 26. Februar 1852 verheiratet mit Jacob Paulus Amersfoordt, Jurist, Schriftsteller, Agrarpionier und später Bürgermeister von Haarlemmermeer. |
| Gattungen | Klavierstück, Variation, Sonate, Kammermusik, Lied, Chorwerk, Kantate, Ouvertüre, Oratorium, Gelegenheitslied und Bühnenmusik beziehungsweise Theatermusik. |
| Hauptwerke | Le souvenir, Duett für Violine und Klavier op. 7, Ouverture op. 19, Gottes Allgegenwart op. 40, Anbetung, Floris V und Loflied op 25 jaar Haarlemmermeerpolder. |
| Besondere Bedeutung | Amersfoordt-Dijk ist eine der auffälligsten niederländischen Komponistinnen des 19. Jahrhunderts und ein exemplarischer Fall für die Spannung zwischen öffentlicher musikalischer Begabung, weiblicher Bildung, bürgerlicher Privatheit und späterer Wiederentdeckung. |
Namensformen und Quellenlage
Die Komponistin wurde als Hermina Maria Dijk geboren. Nach ihrer Heirat mit Jacob Paulus Amersfoordt erscheint sie als Hermina Maria Amersfoordt-Dijk. Die im Lemma genannte Form Mina ist als Rufname beziehungsweise Kurzform zu verstehen. In niederländischen Quellen wird häufig die Geburtsform Hermina Dijk verwendet, während deutschsprachige und musikwissenschaftliche Nachweise meist die verheiratete Form Amersfoordt-Dijk ansetzen. Für das Kulturlexikon ist die vollständige Form Hermina Maria Amersfoordt-Dijk sachlich am eindeutigsten.
Die Quellenlage ist für eine Komponistin des 19. Jahrhunderts relativ gut, aber ungleich verteilt. Biographische Grunddaten sind durch mehrere Nachschlagewerke und digitale Personenportale gesichert. Die künstlerische Laufbahn wird besonders durch Berichte zu Felix Meritis, zeitgenössische Musikzeitschriften, spätere Lexika, Spezialforschung zu komponierenden Frauen und neuere niederländische Wiederentdeckungsprojekte greifbar. Schwieriger ist die Werküberlieferung, weil zahlreiche Kompositionen verschollen sind oder nur durch alte Kataloge, Aufführungsberichte und sekundäre Werklisten bekannt bleiben.
Besonders wichtig ist deshalb die quellenkritische Unterscheidung zwischen erhaltenen Werken, gedruckten Werken, archivalisch nachgewiesenen Werken, aufgeführten Werken und nur in späteren Werklisten genannten Titeln. Amersfoordt-Dijks Werkverzeichnis muss mit dieser Unsicherheit arbeiten, ohne die Komponistin auf wenige erhaltene Stücke zu verkürzen.
Leben und künstlerische Laufbahn
Hermina Maria Dijk wurde am 26. Juni 1821 in Amsterdam geboren. Ihr Vater Barend Dijk war Arzneikräuterhändler und im musikalischen Leben der Gesellschaft Felix Meritis engagiert. Dadurch wuchs Hermina in einem Umfeld auf, in dem bürgerliche Bildung, Konzertwesen, Hausmusik und musikalische Förderung eng miteinander verbunden waren. Sie war das dritte von zehn Kindern; mehrere Geschwister starben früh. Diese familiäre Situation prägte ihre Jugend ebenso wie die musikalischen Möglichkeiten des Amsterdamer Bürgertums.
Ihre Ausbildung erhielt sie zunächst bei Johannes Bernardus van Bree und dem französischen Violinisten Charles-Philippe Lafont. Später wurde Jan George Bertelman für ihre kompositorische Ausbildung wichtig. Für kurze Zeit nahm sie außerdem Unterricht bei Antoine Elwart in Paris. Diese Lehrer verbinden sie mit dem niederländischen, französischen und internationalen Musikleben der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Schon als Kind trat Hermina Dijk öffentlich auf. Ihr frühestes bekanntes Konzert fand am 19. März 1830 statt, als sie noch nicht neun Jahre alt war. In den folgenden Jahren spielte sie regelmäßig in Felix Meritis. Dort begegnete sie einem Repertoire, das virtuose Klaviermusik, Kammermusik, Variationen, Opernfantasien und aktuelle Konzertstücke umfasste. Sie trat mit Lehrern und professionellen Musikern auf, darunter van Bree und Lafont, und wurde auch von Mitgliedern des niederländischen Königshauses gehört.
1838 präsentierte sie erstmals ein eigenes Werk, Klaviervariationen über Ma Normandie. Diese frühe Eigenkomposition zeigt, dass sie nicht nur als interpretierende Pianistin, sondern bereits als komponierende Musikerin wahrgenommen werden wollte. Um 1840 trat sie seltener öffentlich auf, vermutlich auch wegen familiärer Verpflichtungen und der Pflege ihrer kranken Mutter. Erst 1849 wurde sie wieder stärker als Pianistin sichtbar, unter anderem in einem Konzert mit Beethovens Klaviertrio und Thalbergs Opernfantasie über La Muette de Portici.
Am 26. Februar 1852 heiratete sie Jacob Paulus Amersfoordt. Diese Ehe veränderte ihren Lebensrahmen grundlegend. Amersfoordt widmete sich dem Aufbau der Badhoeve in der neu trockengelegten Haarlemmermeer, einem landwirtschaftlichen Musterbetrieb, der technische Modernisierung, Agrarreform und gesellschaftliche Repräsentation miteinander verband. Hermina Amersfoordt-Dijk wurde dort in Haus-, Hof-, Gast- und Verwaltungsaufgaben eingebunden. Ihre öffentliche musikalische Laufbahn trat zurück, doch ihre musikalische Tätigkeit endete nicht.
Auf der Badhoeve komponierte sie weiter. Sie musizierte für prominente Gäste, darunter Mitglieder europäischer Herrscherhäuser und internationale Besucher. In dieser späteren Lebensphase entstanden beziehungsweise wurden aufgeführt Werke wie Gottes Allgegenwart op. 40 und das Loflied op 25 jaar Haarlemmermeerpolder. Nach dem Tod ihres Mannes 1885 verkaufte sie die Badhoeve und kehrte nach Amsterdam zurück. Dort starb sie am 16. Juli 1892.
Ausführlicher Kulturüberblick
Hermina Maria Amersfoordt-Dijk gehört in die Geschichte der niederländischen bürgerlichen Musikkultur des 19. Jahrhunderts. Diese Kultur beruhte nicht nur auf Opernhäusern und professionellen Orchestern, sondern auch auf Konzertgesellschaften, Salons, Hausmusik, Musikvereinen, Wohltätigkeitskonzerten, Klavierunterricht, Kammermusik und öffentlich auftretenden Wunderkindern. In diesem Umfeld konnte eine junge Pianistin aus gutbürgerlichem Hause eine beachtliche öffentliche Präsenz gewinnen.
Felix Meritis war für Amersfoordt-Dijk besonders wichtig. Die Gesellschaft verband Aufklärung, Kunst, Wissenschaft, Musik und bürgerliche Selbstbildung. Konzerte in Felix Meritis waren gesellschaftliche Ereignisse, bei denen kulturelles Prestige, musikalischer Geschmack und bürgerliche Öffentlichkeit zusammenfielen. Dass Hermina Dijk dort schon als Kind auftrat, zeigt ihre frühe Anerkennung und zugleich die soziale Einbettung ihrer Karriere.
Ihre Laufbahn macht aber auch die Grenzen weiblicher Musikausübung sichtbar. Mädchen und junge Frauen konnten als Wunderkinder, Pianistinnen oder Sängerinnen auftreten, solange dies mit familiärer Förderung und bürgerlicher Respektabilität vereinbar blieb. Eine dauerhafte professionelle Komponistenkarriere war für Frauen im niederländischen 19. Jahrhundert dagegen schwerer durchzusetzen. Der Begriff „Dilettantin“, der in älteren Quellen auftaucht, bezeichnet nicht notwendig geringere Qualität, sondern eine soziale Kategorie: Musik wurde nicht aus finanzieller Notwendigkeit betrieben, sondern innerhalb eines gebildeten, bürgerlich-privaten Rahmens.
Nach ihrer Heirat verschob sich dieser Rahmen radikal. Die Badhoeve war ein agrarisches Modernisierungsprojekt, kein städtischer Konzertsaal. Doch gerade dort entstand eine besondere Verbindung von Musik, Agrarpioniertum, sozialer Repräsentation und Gastlichkeit. Amersfoordt-Dijk wurde Gastgeberin, Mitverwalterin, Musikerin und Komponistin in einem Raum, der landwirtschaftliche Reform und bürgerliche Kultur miteinander verband.
Kulturgeschichtlich ist ihre Biographie deshalb besonders wertvoll. Sie zeigt, dass das Werk komponierender Frauen nicht allein aus erhaltenen Partituren rekonstruiert werden kann. Man muss auch Familienstrukturen, Konzertorte, Ehe, Pflegearbeit, ländliche Haushaltsökonomie, soziale Erwartungen, Musikalienarchive und spätere Erinnerungskulturen einbeziehen. Amersfoordt-Dijk ist ein Beispiel dafür, wie künstlerische Begabung durch soziale Rollen geformt, begrenzt und zugleich auf andere Weise weitergeführt wurde.
Felix Meritis, Amsterdamer Konzertleben und Kindervirtuosität
Felix Meritis war einer der wichtigsten Orte von Amersfoordt-Dijks früher Laufbahn. Hier trat sie als Kindervirtuosin auf, spielte mit renommierten Musikern und wurde in einem städtischen, bildungsbürgerlichen Umfeld wahrgenommen. Das Repertoire ihrer frühen Konzerte umfasste Werke und Bearbeitungen von Hummel, Moscheles, Osborne, de Bériot, Döhler, Herz, Lafont und anderen. Diese Namen zeigen, dass sie nicht nur einfache Salonstücke spielte, sondern im anspruchsvollen virtuosen Repertoire ihrer Zeit ausgebildet wurde.
Ihre frühen Auftritte verbanden pianistische Technik mit öffentlicher Bewährung. Für eine junge Frau war diese Öffentlichkeit ambivalent. Einerseits verschaffte sie Anerkennung und musikalische Autorität; andererseits blieb sie an Erwartungen von Anmut, Bescheidenheit und familiärer Kontrolle gebunden. Dass ihr Vater als Leiter beziehungsweise Organisator im Musikzweig von Felix Meritis eine Rolle spielte, dürfte ihre Auftritte ermöglicht und sozial legitimiert haben.
In den 1850er Jahren wurden ihre Ouvertüren in Felix Meritis unter der Leitung von Johannes Bernardus van Bree aufgeführt. Das ist besonders wichtig, weil es sich nicht nur um private Klavierstücke, sondern um großformatigere Orchesterwerke handelte. Amersfoordt-Dijk überschritt damit die engen Grenzen weiblicher Hausmusik und trat in ein Feld ein, das im 19. Jahrhundert deutlich stärker männlich konnotiert war.
Badhoeve, Haarlemmermeer und kompositorische Spätphase
Die Badhoeve in Haarlemmermeer war mehr als ein Wohnort. Sie war ein landwirtschaftliches Experiment, ein gesellschaftlicher Treffpunkt und ein Symbol niederländischer Modernisierung. Jacob Paulus Amersfoordt wollte dort moderne Agrartechnik erproben, die neu trockengelegte Landschaft produktiv machen und ein Muster für wissenschaftlich fundierte Landwirtschaft schaffen. Hermina Amersfoordt-Dijk wurde in dieses Projekt hineingezogen.
Die Quellen berichten, dass sie auf der Badhoeve praktische Aufgaben übernahm, Gäste empfing, Besucher musikalisch unterhielt und bei besonderen Anlässen wieder als Pianistin hervortrat. Dabei ist bemerkenswert, dass sie trotz des Rückzugs aus dem regelmäßigen Konzertbetrieb weiterhin komponierte. Die Badhoeve wurde also nicht nur zum Ort des Verstummens, sondern auch zum Ort einer anderen musikalischen Praxis.
Gottes Allgegenwart op. 40 ist das wichtigste Werk dieser späteren Phase. Es handelt sich um ein groß angelegtes geistlich-konzertantes Werk für Solisten, Chor und Orchester beziehungsweise in überlieferter Fassung für Singstimmen, Chor und Klavier. Das Werk wurde 1871 bei Hofmeister in Leipzig gedruckt und später in mehreren niederländischen Städten aufgeführt. Sein Erfolg zeigt, dass Amersfoordt-Dijk auch nach der Heirat nicht als musikalisch erledigte Figur betrachtet werden darf.
Das Loflied op 25 jaar Haarlemmermeerpolder von 1877 verbindet Musik, lokale Geschichte und öffentliche Festkultur. Der Text stammt von Jacob Paulus Amersfoordt, die Musik von H. M. Amersfoordt-Dijk. Das Werk wurde als Beilage zum Weekblad van Haarlemmermeer verbreitet. Hier tritt Amersfoordt-Dijk als Komponistin eines lokalen Erinnerungsliedes auf, das die Trockenlegung und Entwicklung der Haarlemmermeer feiert.
Musikalischer Stil und Gattungen
Amersfoordt-Dijks Stil lässt sich nur teilweise aus erhaltenen Werken erschließen, weil wichtige frühe Klavierstücke, großformatige Kompositionen und einzelne Kammermusikwerke verschollen sind. Die überlieferten Werkhinweise zeigen jedoch eine bemerkenswerte Spannweite. Ihre frühe Musik steht nahe bei virtuoser Klavierkultur, Variation, Salonfantasie und romantischer Charakterstückästhetik. Die späteren Werke greifen stärker in Kammermusik, Ouvertüre, Kantate und Oratorium aus.
Die Wahl von Variationen über bekannte Melodien, etwa Ma Normandie oder ein Thema aus Bellinis Norma, entspricht der pianistischen Praxis der Zeit. Virtuose Pianistinnen und Pianisten zeigten ihre Kunst häufig an Opern- und Liedthemen. Solche Werke verbinden technisches Können, musikalische Erfindung und Publikumserwartung. Sie waren keineswegs bloße Nebenprodukte, sondern zentrale Formen öffentlicher Virtuosenkultur.
Die Ouvertüren und Gottes Allgegenwart zeigen dagegen den Anspruch auf größere Formen. Besonders das Oratorium beziehungsweise geistlich-konzertante Werk op. 40 macht deutlich, dass Amersfoordt-Dijk nicht nur für den Salon komponierte. Sie bewegte sich in einem Repertoirebereich, der Chor, Solisten, Orchester beziehungsweise Klavierauszug, religiöse Texte und öffentliche Aufführung miteinander verband.
Ihre Lieder, darunter Le souvenir, Das Fischermädchen, Das kranke Kind und Liebesgruss, stehen in einer mehrsprachigen romantischen Liedkultur. Französisch, Deutsch und Niederländisch gehörten im niederländischen 19. Jahrhundert selbstverständlich nebeneinander zur gebildeten Musikwelt. Diese Mehrsprachigkeit ist für Amersfoordt-Dijk besonders charakteristisch.
Werkverzeichnis
Das folgende Werkverzeichnis verbindet gesicherte, archivalisch belegte, gedruckte, aufgeführte und in Sekundärquellen genannte Werke. Da ein erheblicher Teil des Œuvres verschollen ist, werden unsichere Titel und nur in Werklisten greifbare Stücke entsprechend vorsichtig formuliert. Die Übersicht ist als kulturlexikalisches Gesamtverzeichnis zu verstehen, nicht als kritische Gesamtausgabe.
Klavierwerke
- Klaviervariationen über Ma Normandie, 1838; früh aufgeführtes eigenes Werk, heute verschollen.
- Klaviervariationen über ein Thema aus Norma, um 1838; Werk nach einem Thema aus Bellinis Oper, heute verschollen.
- Walzer, 1839; frühes Klavierwerk, heute verschollen.
- Klaviersonate, 1854; in Quellen und späteren Werklisten genannt, heute vermutlich verschollen.
- Capriccio für Klavier, um 1877; im Zusammenhang von Amersfoordt-Dijks späterem Spiel auf der Badhoeve erwähnt, heute vermutlich verschollen.
- Andante grazioso, 1882; Klavierstück zum 70. Geburtstag der Schriftstellerin Anna Louisa Geertruida Bosboom-Toussaint beziehungsweise als Beitrag in einem Album amicorum überliefert.
- Menuett für Louise Westerman-Heinze; in späteren Werklisten genannt, quellenkundlich gesondert zu prüfen.
Kammermusik
- Duett für Violine und Klavier op. 7, um 1850; eines der wichtigsten ausdrücklich genannten Kammermusikwerke Amersfoordt-Dijks.
- Weitere mögliche Kammermusikwerke, darunter in späteren Listen genannte Konzert- oder Sonatenzusammenhänge, sind ohne vollständige Quellenprüfung nicht sicher als erhaltenes Repertoire zu führen.
Lieder und Vokalmusik mit Klavier
- Le souvenir, 1852, für Mezzosopran und Klavier; französisch geprägte Romance auf ein Gedicht von Jacob Paulus Amersfoordt und eines der ältesten erhaltenen beziehungsweise sicher greifbaren Lieder Amersfoordt-Dijks.
- Das Fischermädchen, Lied; in Werklisten genannt.
- Das kranke Kind, Lied; in Werklisten genannt.
- Liebesgruss, Lied; in Werklisten genannt.
- Sterbeklänge, 1858; in späteren Werklisten als Vokal- beziehungsweise Liedwerk genannt und quellenkundlich gesondert zu prüfen.
Chorwerke, geistliche Musik und Oratorium
- Psalm 22, für vier Singstimmen und Klavier; in Werklisten genannt.
- Anbetung, 1868, für Chor, Solisten und Orchester; Hymne nach Johann Andreas Cramer, unter anderem in Arnhem aufgeführt.
- Gottes Allgegenwart op. 40, 1871, Strophen aus Gedichten von Cramer, Gleim und anderen, für Solisten, Chor und Orchester beziehungsweise in überlieferter Fassung für Singstimmen, Chor und Klavier; gedruckt bei Friedrich Hofmeister in Leipzig, 201 Seiten; aufgeführt unter anderem in Amsterdam, Den Bosch und Utrecht.
- Gottes Allgegenwart op. 40, Nr. 11, Quartett für gemischten Chor und Klavier; als Auszug beziehungsweise Repertoirestück im Archiv Frau und Musik nachweisbar.
Orchesterwerke und Ouvertüren
- Ouverture op. 19, 1854; Manuskriptpartitur im Musikarchiv des Concertgebouw beziehungsweise im Amsterdamer Gemeindearchiv-Kontext nachgewiesen; moderne Wiederaufführungen und Rundfunkpräsentationen verweisen auf die erneute Wahrnehmung des Werkes.
- Concertouverture Nr. 2; in Werklisten und biographischen Darstellungen genannt, im Zusammenhang der Felix-Meritis-Aufführungen der 1850er Jahre zu sehen.
- Klavierkonzert; in einzelnen sekundären Werklisten genannt, Quellenlage gesondert zu prüfen.
- Violinkonzert; in einzelnen sekundären Werklisten genannt, Quellenlage gesondert zu prüfen.
Kantate, Bühnenmusik und Gelegenheitsmusik
- Floris V, Kantate auf einen Text von Joseph Alberdingk Thijm, geschrieben im Zusammenhang mit ihrer Heirat beziehungsweise dem Amersfoordt-Kontext; in modernen Darstellungen als bedeutendes frühes großformatiges Werk genannt.
- Willem Barder beziehungsweise Willem Bardes, Theatermusik oder Bühnenmusik im Zusammenhang mit einem Theaterstück von Jacob Paulus Amersfoordt; der Titel ist quellenkundlich vorsichtig zu behandeln.
- Loflied op 25 jaar Haarlemmermeerpolder, 1852–1877, 1877; Text von Jacob Paulus Amersfoordt, Musik von H. M. Amersfoordt-Dijk; als gedrucktes Lied beziehungsweise lithographisches Erinnerungsblatt zum 25-jährigen Jubiläum der Haarlemmermeerpolder überliefert.
Chronologische Übersicht wichtiger Werke
| 1838 | Klaviervariationen über Ma Normandie, frühes eigenes Werk, heute verschollen. |
|---|---|
| um 1838 | Klaviervariationen über ein Thema aus Norma, heute verschollen. |
| 1839 | Walzer, heute verschollen. |
| um 1850 | Duett für Violine und Klavier op. 7. |
| 1852 | Le souvenir, Romance für Mezzosopran und Klavier auf einen französischen Text von Jacob Paulus Amersfoordt. |
| 1852 | Floris V, Kantate auf einen Text von Joseph Alberdingk Thijm, im Zusammenhang von Ehe und Amersfoordt-Kreis genannt. |
| 1854 | Ouverture op. 19 und Klaviersonate; die Ouvertüre ist archivalisch besonders wichtig, die Sonate gilt als verschollen. |
| 1858 | Sterbeklänge und mögliche Bühnenmusik im Umfeld von Jacob Paulus Amersfoordts Theaterstück Willem Barder. |
| 1868 | Anbetung, Chor-, Solisten- und Orchesterwerk beziehungsweise Hymne. |
| 1871 | Gottes Allgegenwart op. 40, großformatiges geistlich-konzertantes Werk. |
| 1877 | Loflied op 25 jaar Haarlemmermeerpolder, Festlied zum Jubiläum der Haarlemmermeerpolder. |
| 1882 | Andante grazioso, Klavierstück für das Album amicorum von Anna Bosboom-Toussaint. |
Rezeption und Wiederentdeckung
Amersfoordt-Dijk geriet bereits gegen Ende ihres Lebens in Vergessenheit. Ein Nachrufhinweis formulierte sinngemäß, nur Ältere würden sich noch an sie erinnern. Diese frühe Verdrängung ist für komponierende Frauen des 19. Jahrhunderts bezeichnend. Ihre öffentliche Karriere war zeitlich begrenzt, ihr späteres Leben wurde stärker über die Badhoeve, ihren Mann und die Haarlemmermeer wahrgenommen, und ihr Werk blieb nur teilweise gedruckt oder dauerhaft aufführbar.
Die moderne Wiederentdeckung hängt mit mehreren Entwicklungen zusammen: der Forschung zu Frauen in der Musikgeschichte, der Aufarbeitung niederländischer Musik des 19. Jahrhunderts, der Digitalisierung von Archiven und dem Interesse an vergessenen Komponistinnen. NPO Klassiek, das Sophie-Drinker-Institut, Huygens ING, das Rijksmuseum, ProNeM und das Archiv Frau und Musik tragen dazu bei, Amersfoordt-Dijk wieder sichtbar zu machen.
Besonders die neuere Aufführung beziehungsweise Rundfunkpräsentation ihrer Ouvertüre in d-Moll zeigt, dass ihr Werk nicht nur als biographische Kuriosität, sondern als aufführbare Musik neu gehört werden kann. Damit verschiebt sich die Perspektive: Amersfoordt-Dijk ist nicht mehr nur eine „vergessene Frau“, sondern eine Komponistin, deren erhaltene Werke in den musikalischen Kanon der Niederlande zurückgeführt werden können.
Forschung, Quellen und editorische Hinweise
Die Forschung zu Amersfoordt-Dijk muss mehrere Quellengruppen zusammenführen. Biographisch wichtig sind niederländische Personenportale, Nachschlagewerke, Zeitungsausschnitte, Felix-Meritis-Kontexte und die Biographie ihres Mannes Jacob Paulus Amersfoordt. Für das Werk sind Musikarchive, ältere Musiklexika, Hofmeister- und Bibliotheksnachweise, das Archiv Frau und Musik, das Rijksmuseum und moderne Aufführungsprojekte entscheidend.
Ein zentrales editorisches Problem liegt im Verlust vieler Werke. Bei verschollenen Kompositionen kann eine Kulturlexikon-Seite Titel, Datierung und Aufführungskontext nennen, sollte aber keine stilistischen Detailaussagen erfinden. Bei erhaltenen Werken wie Le souvenir, Gottes Allgegenwart oder dem Loflied sind dagegen genauere Aussagen zu Besetzung, Druck, Text und Funktion möglich.
Wichtig ist auch die soziale Einordnung des Begriffs „Dilettantin“. In älteren Quellen bezeichnet er eine Frau aus wohlhabendem oder gebildetem Umfeld, die Musik nicht als Erwerbsarbeit betrieb. Für die Bewertung der musikalischen Qualität ist diese Kategorie wenig geeignet. Sie sagt mehr über Geschlecht, Klasse und Öffentlichkeit aus als über kompositorische Fähigkeiten. Eine heutige Darstellung sollte daher zwischen sozialem Status und künstlerischer Leistung klar unterscheiden.
Sekundärliteratur
- Grégoir, Edouard: Biographies des artistes-musiciens néerlandais des XVIIIe et XIXe siècles et des artistes étrangers résidant ou ayant résidé en Néerlande à la même époque. Antwerpen 1864, Artikel Amersfoordt.
- Letzer, J. H.: Muzikaal Nederland 1850–1910. Utrecht 1911.
- Metzelaar, Helen: From Private to Public Spheres. Exploring Women’s Role in Dutch Musical Life from c. 1700 to c. 1880 and Three Case Studies. Dissertation, Utrecht 1999.
- Metzelaar, Helen: De positie van componerende en musicerende vrouwen in de negentiende eeuw. In: Louis Peter Grijp u. a. (Hrsg.): Een muziekgeschiedenis der Nederlanden. Amsterdam 2001, S. 448–454.
- Metzelaar, Helen: Hermina Amersfoordt-Dijk (1821–1892). In: Martha Furman Schleifer und Sylvia Glickman (Hrsg.): Women Composers. Music Through the Ages, Band 7: Composers born 1800–1899. Vocal Music. New York 2003, S. 178–192.
- Slob, Wouter: Een eeuw geleden stierf Hermina Maria Dijk. In: Meer-Historie, Dezember 1992, S. 9–15.
- Van der Vet, Anton: Vergeten voorman. Leven en werken van Mr. J. P. Amersfoordt, den pionier van de Haarlemmermeer. Amsterdam 1947.
- Viotta, Henri: Lexicon der Toonkunst. Band 1, Amsterdam 1883.
Ausgewählte Onlinequellen
- Biografisch Portaal van Nederland: Hermina Maria Dijk Personendatensatz mit Lebensdaten, Amsterdam-Bezug und Namensformen.
- DBNL: Jacob Paulus Amersfoordt Biographischer Artikel zu Jacob Paulus Amersfoordt mit Hinweis auf die Ehe mit Hermina Maria Dijk und ihre Charakterisierung als verdienstvolle Tonkünstlerin.
- Huygens ING: Dijk, Hermina Maria Biographischer Artikel des niederländischen Vrouwenlexicon zu Hermina Maria Dijk beziehungsweise Amersfoordt-Dijk, mit besonderem Blick auf Karriere, Ehe, Badhoeve und Werk.
- MGG Online: Amersfoordt-Dijk, Hermina Maria, Mina Fachlexikalischer Artikel mit Grunddaten, Ausbildungsangaben, Werkprofil und musikhistorischer Einordnung.
- NPO Klassiek: Hermina Dijk Aktuelles niederländisches Porträt mit Lebensdaten, Lehrern, Felix-Meritis-Auftritten, Ehe, Badhoeve, Le souvenir, op. 7 und Gottes Allgegenwart.
- NPO Klassiek: Hermina Dijk Special in De Muziekfabriek Rundfunkseite zur modernen Wiederentdeckung und Aufführung der Ouvertüre in d-Moll.
- ProNeM: Hermina Amersfoordt-Dijk Niederländischer Überblick zur Komponistin, ihrer frühen Karriere, der Kantate Floris V und den Konzertouvertüren.
- Rijksmuseum: Loflied op 25 jaar Haarlemmermeerpolder, 1852–1877 Objektdatensatz zum gedruckten Festlied mit Text von J. P. Amersfoordt und Musik von H. M. Amersfoordt-Dijk.
- Sophie Drinker Institut: Amersfoordt, Hermina Maria, geb. Dijk Ausführlicher deutschsprachiger Artikel zu Leben, Ausbildung, Auftritten in Felix Meritis, Ehe, Badhoeve, Werkgruppen und Literatur.
- META-Katalog: Gottes Allgegenwart op. 40 Nachweis des Archiv Frau und Musik zu Gottes Allgegenwart op. 40, Leipzig, Friedrich Hofmeister, 1871, mit Besetzungsangaben.
- Stichting Vrouw & Muziek: Composers Übersicht niederländischer und internationaler Komponistinnen mit Hermina Amersfoordt-Dijk als Vertreterin des 19. Jahrhunderts.
- Wikidata: Hermina Maria Dijk Normdaten- und Verknüpfungsseite mit Lebensdaten, Berufsangaben, Ehebezug und alternativen Namensformen.
Weiterführende Einträge
- Amsterdam Geburts-, Ausbildungs-, Konzert- und Sterbeort Amersfoordt-Dijks sowie Zentrum ihres frühen musikalischen Wirkens.
- Jacob Paulus Amersfoordt Jurist, Schriftsteller, Agrarpionier und Ehemann Hermina Maria Amersfoordt-Dijks, dessen Badhoeve-Projekt ihren späteren Lebensrahmen bestimmte.
- Badhoeve Landwirtschaftlicher Musterbetrieb in Haarlemmermeer, auf dem Amersfoordt-Dijk nach ihrer Heirat lebte, arbeitete, Gäste empfing und weiter komponierte.
- Jan George Bertelman Niederländischer Komponist und Lehrer, der für Amersfoordt-Dijks kompositorische Ausbildung besonders wichtig wurde.
- Bürgerliche Musikkultur Gesellschaftlicher Rahmen von Konzertsaal, Hausmusik, Salon, Musikverein und öffentlichem Musizieren, in dem Amersfoordt-Dijks Laufbahn begann.
- Antoine Elwart Französischer Komponist und Lehrer, bei dem Amersfoordt-Dijk für kurze Zeit in Paris Unterricht erhielt.
- Felix Meritis Amsterdamer Gesellschaft und Konzertort, an dem Amersfoordt-Dijk als Kindervirtuosin und junge Pianistin regelmäßig auftrat.
- Frauen in der Musik Forschungsfeld, in dem Amersfoordt-Dijk als Beispiel für komponierende Frauen zwischen Öffentlichkeit, Familie und späterer Vergessenheit wichtig ist.
- Haarlemmermeer Niederländischer Polder- und Modernisierungsraum, dessen Entwicklung Amersfoordt-Dijk musikalisch im Loflied von 1877 begleitete.
- Hausmusik Private musikalische Praxis, die für Amersfoordt-Dijks spätere Tätigkeit auf der Badhoeve und für das bürgerliche Musikleben zentral war.
- Kammermusik Werkbereich, in dem Amersfoordt-Dijks Duett für Violine und Klavier op. 7 zu verorten ist.
- Klaviermusik Zentrales Schaffens- und Aufführungsfeld Amersfoordt-Dijks, von frühen Variationen bis zum Andante grazioso.
- Komponistin Berufs- und Rollenbezeichnung, die bei Amersfoordt-Dijk die Spannung zwischen künstlerischer Leistung und gesellschaftlicher Begrenzung des 19. Jahrhunderts sichtbar macht.
- Charles-Philippe Lafont Französischer Violinist und Lehrer, mit dem Amersfoordt-Dijk in ihrem frühen Amsterdamer Konzertumfeld verbunden war.
- Lied Vokalgattung, in der Amersfoordt-Dijk mit Le souvenir und weiteren deutsch- und französischsprachigen Liedern vertreten ist.
- Niederländische Musik Nationaler Musikraum, in dem Amersfoordt-Dijk als Komponistin und Pianistin des 19. Jahrhunderts neu sichtbar wird.
- Oratorium Geistlich-konzertante Großform, in deren Nähe Amersfoordt-Dijks Gottes Allgegenwart op. 40 steht.
- Pianistin Künstlerinnenrolle, die Amersfoordt-Dijks frühe öffentliche Laufbahn als Kindervirtuosin und spätere Haus- und Konzertpraxis bestimmte.
- Salonmusik Bürgerlich-private Musikkultur, deren Repertoire, Aufführungsorte und soziale Erwartungen Amersfoordt-Dijks Lebensweg prägten.
- Johannes Bernardus van Bree Niederländischer Musiker, Lehrer und Dirigent, mit dem Amersfoordt-Dijk in Ausbildung, Konzertpraxis und Aufführung ihrer Ouvertüren verbunden war.
- Wiederentdeckung Musikgeschichtlicher Prozess, durch den vergessene Komponistinnen wie Amersfoordt-Dijk in Forschung, Rundfunk und Konzertpraxis zurückkehren.