Bernhard Amenreich
Überblick
Bernhard Amenreich gehört zu den nur fragmentarisch überlieferten, aber kulturgeschichtlich aufschlussreichen Musikern der deutschen Renaissance. Er war Komponist, Kantor, Organist, Kapellmeister, Chorleiter und Lehrer. Seine Lebensstationen führen von Heilbronn über die Universitäten Heidelberg und Tübingen nach Mergentheim, Feuchtwangen, Windsheim, Ansbach, Schloss Rheinfels und St. Goar. Damit steht seine Biographie exemplarisch für die Mobilität protestantischer Musiker des 16. Jahrhunderts, die zwischen Universität, Schule, Kirche, Hof und städtischer Musikpraxis wechselten.
Die Quellenlage ist schmal, aber ungewöhnlich lebendig. Amenreich erscheint nicht nur in trockenen Ämterlisten, sondern auch in Bewerbungen, Empfehlungen, einem Hochzeitslied, einem Orgelwerk, einem klagenden Carmen und einem Tenorlied auf einen Text des pfälzischen Kurfürsten Friedrich III. Dadurch wird er als Musiker sichtbar, der zugleich gelehrt, praktisch, höfisch, kirchlich und persönlich betroffen agierte. Sein Carmen germanicum Biss in den Himmel clage ich über Tyrannei ist besonders eindrucksvoll, weil es biographische Klage, politische Anklage und musikalische Selbstdarstellung miteinander verbindet.
Amenreich ist kein kanonischer Großmeister wie Ludwig Senfl, Johann Walter oder Leonhard Lechner. Seine Bedeutung liegt vielmehr im mittleren Feld der protestantischen Kirchenmusik, der Schulmusik, der Hofkantorei und der Organistenpraxis. Gerade solche Musiker trugen die reformatorische und nachreformatorische Musikkultur im Alltag. Sie unterrichteten, leiteten Chöre, versahen Orgeldienst, komponierten Gelegenheitswerke, organisierten Hofmusik und bewegten sich zwischen regionalen Macht- und Bildungssystemen.
Kurzdaten
| Name | Bernhard Amenreich. |
|---|---|
| Weitere Namensformen | Ammenreich, Ammeinreich, Armenreich, Ammenmacher, Bernard Amenreich, Bernhard Amenreich von Heilbronn, Bernhard Amenreich von Heltprunn. |
| Dateiname | amenreich-bernhard.shtml. |
| Geburt | Zwischen 1535 und 1538 in Heilbronn beziehungsweise Heilbronn wahrscheinlich; einzelne Nachweise geben nur „nach 1535“ oder „um 1535“. |
| Tod | 1576 oder später; sicher beziehungsweise wahrscheinlich zuletzt 1576 erwähnt. |
| Beruf | Komponist, Kantor, Organist, Kapellmeister, Chorleiter, Musikpädagoge, Musiker und Lehrer. |
| Konfession | Protestantisch; seine Karriere ist wesentlich in reformatorisch und nachreformatorisch geprägten Bildungs-, Kirchen- und Hofmilieus verankert. |
| Wirkungsorte | Heidelberg, Tübingen, Mergentheim, Hilpoltstein, Feuchtwangen, Bad Windsheim, Ansbach, Nürnberg, Stuttgart, Schloss Rheinfels, St. Goar und Heilbronn. |
| Ausbildung | 1553 Immatrikulation an der Universität Heidelberg, 1554 an der Universität Tübingen, 1555 Baccalaureus Artium. |
| Ämter | Kantor in Mergentheim, Organist in Feuchtwangen, wahrscheinlich Hofmusiker in Ansbach, Hofkapellmeister auf Schloss Rheinfels und Organist der ehemaligen Stiftskirche in St. Goar. |
| Werkprofil | Orgel-Magnificat, Hochzeitslied, deutsches Klagelied beziehungsweise Carmen germanicum und geistliches Tenorlied beziehungsweise Motette. |
| Besondere Bedeutung | Amenreich ist ein wichtiger Quellenfall für protestantische Musikerbiographik, Orgel- und Kantorenpraxis, Hofmusik am Mittelrhein sowie die Verbindung von musikalischer Gelehrsamkeit, Schulamt, Kirchenamt und persönlicher Klagedichtung im 16. Jahrhundert. |
| Normdaten | GND 120235838, VIAF 13133221, ISNI 015594631. |
Namensformen und Quellenlage
Die Quellen überliefern den Namen in mehreren Formen: Amenreich, Ammenreich, Ammeinreich, Armenreich und Ammenmacher. Solche Schwankungen sind für das 16. Jahrhundert nicht ungewöhnlich. Sie ergeben sich aus regionaler Schreibpraxis, lateinischer und deutscher Kanzleisprache, Universitätsmatrikeln, musikalischen Handschriften, späteren Katalogen und der Tatsache, dass Familiennamen noch nicht in moderner Orthographie stabilisiert waren. Für diesen Kulturlexikon-Eintrag wird die heute im musikwissenschaftlichen Kontext gebräuchliche Form Bernhard Amenreich verwendet; die Varianten werden aber vollständig mitgeführt.
Besonders wichtig ist die Herkunftsbezeichnung Heltprunnensis beziehungsweise von Heltprunn, die als Bezug auf Heilbronn zu lesen ist. Sie zeigt, wie stark Herkunftsorte in frühneuzeitlichen Bildungs- und Musikerbiographien zur Identifikation dienten. Ein Musiker konnte in verschiedenen Territorien tätig sein, wurde aber weiterhin über seinen Geburts- oder Herkunftsort bezeichnet.
Die Quellenlage ist nicht gleichmäßig. Für die Studienjahre sind Universitätsmatrikeln und spätere biographische Nachweise maßgeblich; für Feuchtwangen und die Orgelpraxis besonders die lokale Forschung; für Rheinfels und St. Goar die Hof- und Territorialgeschichte; für die Werke handschriftliche Kataloge, Musikhandschriften und moderne Datenbanken. Deshalb ist bei Amenreich zwischen gesicherten Daten, wahrscheinlichen Stationen und hypothetischen Verknüpfungen zu unterscheiden. Die Formulierung „1576 oder später“ ist angemessen, weil nach 1576 keine sichere biographische Fortsetzung greifbar ist, sein Tod aber nicht für dieses Jahr belegt ist.
Leben und Stationen
Bernhard Amenreich wurde zwischen 1535 und 1538 in Heilbronn geboren. Heilbronn war im 16. Jahrhundert eine protestantisch geprägte Reichsstadt, deren Bildungs- und Kirchenwesen durch die Reformation neu geordnet wurde. Für einen musikalisch begabten jungen Mann eröffnete ein solcher Hintergrund den Weg in die Verbindung von Lateinschule, Universität, Kantorat und kirchlicher Musikpraxis.
1553 immatrikulierte sich Amenreich an der Universität Heidelberg, 1554 an der Universität Tübingen. 1555 wurde er zum Baccalaureus Artium promoviert. Diese akademische Bildung ist für sein späteres Musikerprofil wichtig. Der protestantische Kantor und Organist des 16. Jahrhunderts war nicht nur praktischer Musiker, sondern häufig auch Lehrer, Lateinschulmann, humanistisch gebildeter Textkenner und musikalischer Vermittler.
1555 wurde Amenreich Kantor in Mergentheim in Franken. Bereits 1557 bewarb er sich auf das Schulkantorat in Hilpoltstein. Um 1560 bis 1564 war er Organist beziehungsweise Stiftsorganist in Feuchtwangen. In dieser Zeit ist sein Name besonders mit der Orgelpraxis verbunden. Ein ihm angebotener Dienst als Organist und Schuldiener in Windsheim scheint 1563 zwar verhandelt, aber wahrscheinlich nicht endgültig angetreten worden zu sein. In der älteren biographischen Tradition wurde diese Station teilweise stärker als gesicherter Wechsel formuliert; die neuere Forschung ist vorsichtiger.
Für die Jahre 1565 bis 1568 wird Amenreich mit Ansbach verbunden. Möglicherweise gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der dortigen Hofkantorei. 1568 ist er erneut in Heidelberg greifbar. Vielleicht hoffte er auf eine Stelle am neu errichteten Pädagogium. Noch im selben Jahr bewarb er sich von Nürnberg aus als Tenorist bei der württembergischen Hofkantorei in Stuttgart. Diese Bewerbungen zeigen die berufliche Beweglichkeit und Unsicherheit eines Musikers, der auf Hof-, Schul- und Kirchenstellen angewiesen war.
Ein wichtiger Einschnitt erfolgte 1569. Im Januar empfahl sich Amenreich mit einem Hochzeitslied zur Vermählung von Landgraf Philipp dem Jüngeren von Hessen-Rheinfels und Anna Elisabeth von der Pfalz. Im Sommer desselben Jahres übertrug ihm der Landgraf die Leitung der Hofmusik auf Schloss Rheinfels in St. Goar. Zugleich war Amenreich dort Organist der ehemaligen Stiftskirche. Damit erreichte er eine gehobene höfische Position, in der Hofmusik, Kirchenmusik und organistische Praxis zusammenfielen.
1570 heiratete Amenreich eine Bürgerstochter aus St. Goar und erhielt dadurch ein Hausgrundstück. Dieses Grundstück wurde später zum Ausgangspunkt eines schweren Konflikts. 1575 sperrte er den Zugang über sein Grundstück zu einem Weinberg. Die gewaltsame Öffnung des Weges führte zu seiner Gefangennahme, Flucht, einer Körperverletzung und erneuten Gefangennahme. Anschließend wurde er nacheinander in den Spitälern Kloster Gronau und Kloster Haina festgehalten. Nach einem Vergleich verlor er seine Stelle und sein noch ausstehendes Gehalt. Sein Klagelied Biss in den Himmel clage ich über Tyrannei lässt diese Erfahrung als persönliches und politisches Unrecht erscheinen.
Nach dem Ende der Rheinfelser Tätigkeit ist Amenreich wieder mit Heilbronn und Württemberg verbunden. 1576 bewarb er sich erneut, offenbar erfolglos, bei der württembergischen Hofkantorei. Ein Werk aus demselben Jahr bezieht sich wahrscheinlich auf die schwere Krankheit oder den Tod des Pfalzgrafen Friedrich III., der am 26. Oktober 1576 starb. Danach verliert sich seine Spur.
Ausführlicher Kulturüberblick
Bernhard Amenreich steht in der musikalischen Welt der deutschen Reformation und Nachreformation. Diese Welt war nicht allein durch große Komponisten bestimmt, sondern vor allem durch ein dichtes Netz von Schulen, Kantoreien, Kirchen, Höfen, Universitäten und städtischen Musikämtern. Der Kantor war Lehrer und Musiker zugleich; der Organist versah den Gottesdienst, spielte, improvisierte und komponierte; der Kapellmeister organisierte Hofmusik, Chor, Instrumentalisten und festliche Anlässe.
In dieser Ordnung war Musik ein Bildungsmedium. Die protestantische Kirchen- und Schulmusik legte großen Wert auf Textverständnis, mehrstimmigen Satz, Psalm- und Kirchenliedpflege, lateinische und deutsche Vokalmusik sowie auf die Ausbildung der Jugend. Amenreichs akademischer Weg über Heidelberg und Tübingen passt genau in diese Kultur. Er war nicht nur ein Handwerker des Klanges, sondern ein gebildeter Musiker in einem humanistisch-protestantischen Milieu.
Besonders aufschlussreich ist die Verbindung von Universität, Lateinschule und Kirchenmusik. Ein Kantor musste singen lassen, unterrichten, Texte verstehen, Schüler disziplinieren, Feste vorbereiten und die musikalische Ordnung des Gottesdienstes stützen. Deshalb war die Grenze zwischen Musikpädagogik und Kirchenamt fließend. Amenreichs Bewerbungen auf Kantorats- und Schuldienerstellen zeigen diese strukturelle Einheit.
Die Station Rheinfels eröffnet einen weiteren Kulturraum. Schloss Rheinfels bei St. Goar war ein höfischer Ort am Mittelrhein, an dem Musik der Repräsentation, der Frömmigkeit und der dynastischen Selbstdarstellung diente. Amenreichs Hochzeitslied für Landgraf Philipp den Jüngeren von Hessen-Rheinfels gehört in diese höfische Festkultur. Sein späterer Konflikt mit der Bürgerschaft zeigt zugleich, dass ein Hofmusiker sozial nicht unangreifbar war. Besitz, Bürgerrecht, Herrschaft, lokale Rechte und Dienstverhältnisse konnten in scharfe Konflikte geraten.
Musikgeschichtlich ist Amenreich besonders deshalb interessant, weil die erhaltenen Werke sehr verschiedene Funktionen abdecken. Das Orgel-Magnificat verweist auf liturgische und instrumentale Praxis; das Hochzeitslied auf dynastische Festmusik; das Klagelied auf persönliche und politische Selbstaussage; das Tenorlied zu Friedrich III. auf reformierte Frömmigkeit, Fürstenmemoria und geistliche Liedkunst. In einem sehr kleinen Œuvre spiegelt sich dadurch ein breites Spektrum frühneuzeitlicher Musikkultur.
Universitäten, Kantorat und protestantische Bildungskultur
Amenreichs Studien in Heidelberg und Tübingen zeigen die enge Beziehung zwischen musikalischer und akademischer Bildung. Die Universitäten waren im 16. Jahrhundert nicht nur Orte theologischer und juristischer Ausbildung, sondern auch Zentren humanistischer Sprachkultur. Musik gehörte zum Bildungskanon, besonders im Umfeld des Quadriviums, der Rhetorik, der Poetik und der schulischen Praxis.
Der Abschluss als Baccalaureus Artium war für einen Kantor von praktischem Nutzen. Er belegte eine akademische Grundbildung und konnte die Eignung für schulische und kirchliche Ämter stützen. Ein Kantor musste Schüler in Gesang, Latein, manchmal auch Grammatik und Elementarfächern unterrichten. Die musikalische Kompetenz war daher in eine umfassendere Lehrfunktion eingebettet.
Die wiederholten Bewerbungen Amenreichs machen zugleich die prekäre Seite dieser Bildung sichtbar. Universitäre Ausbildung garantierte keine dauerhafte Stellung. Musiker mussten sich empfehlen, Werke vorlegen, Zeugnisse nutzen, Netzwerke pflegen und auf frei werdende Ämter reagieren. Amenreichs Biographie zeigt diese berufliche Unsicherheit mit besonderer Deutlichkeit.
Organist, Kantor und Kapellmeister
Als Organist ist Amenreich besonders in Feuchtwangen, St. Goar und möglicherweise Heilbronn greifbar. Die Orgel war im 16. Jahrhundert ein liturgisches und repräsentatives Instrument. Sie begleitete nicht einfach Gemeindegesang im modernen Sinn, sondern stand in Beziehung zu Alternatim-Praxis, liturgischen Versetten, Magnificat-Tönen, Präludien und improvisatorischen Aufgaben.
Das erwähnte Octo tonus de Magnificat für Orgel passt in diesen Zusammenhang. Der Titel verweist auf die acht Kirchentöne und auf das Magnificat, einen zentralen Text der Vesper- und Stundengebetstradition. Ein solches Werk beziehungsweise Werkkomplex zeigt Amenreich als Musiker, der modales Denken, liturgische Ordnung und Orgelpraxis miteinander verband.
Als Kapellmeister auf Schloss Rheinfels übernahm Amenreich eine umfassendere Leitungsfunktion. Er musste nicht nur spielen und komponieren, sondern musikalische Abläufe organisieren. Hofmusik verlangte Feststücke, geistliche Musik, vielleicht auch mehrstimmige Tafel- und Repräsentationsmusik. Zugleich war Amenreich Organist der ehemaligen Stiftskirche in St. Goar. Die höfische und kirchliche Tätigkeit waren daher miteinander verschränkt.
Rheinfels, St. Goar und der Konflikt von 1575
Der Konflikt von 1575 ist einer der auffälligsten Züge in Amenreichs Biographie. Er zeigt, dass frühneuzeitliche Musiker nicht nur in ästhetischen, sondern auch in sozialen, rechtlichen und territorialen Spannungen lebten. Amenreichs Hausgrundstück in St. Goar wurde zum Anlass eines Streits um einen Weg zu einem Weinberg. Die Eskalation führte zu Gewalt, Haft, Flucht, erneuter Gefangennahme und schließlich zum Verlust der Stellung.
Das Carmen germanicum contra landgravium et marchionem Brandenburgensem, dessen Incipit mit Biss in den Himmel clage ich über Tyrannei überliefert ist, lässt Amenreichs eigenes Erleben in musikalischer Form sichtbar werden. Der Titel richtet die Klage gegen landgräfliche und markgräfliche Herrschaft. Damit ist das Stück nicht nur ein privates Lied, sondern ein musikalisch gefasster Protest gegen erfahrene Gewalt und Rechtsverletzung.
Gerade diese Verbindung von Biographie, Musik und Rechtskonflikt macht Amenreich für die Kulturgeschichte wertvoll. Das Werk steht an der Grenze zwischen Lied, Beschwerdeschrift, politischer Klage und Selbstzeugnis. Es zeigt, dass Musik im 16. Jahrhundert nicht nur Gottesdienst und Fest, sondern auch persönliche Artikulation von Not und Unrecht sein konnte.
Musikalisches Profil und Gattungen
Aufgrund der geringen Zahl erhaltener Werke kann Amenreichs Stil nur vorsichtig beschrieben werden. Die überlieferten Titel zeigen jedoch eine deutliche Nähe zu den musikalischen Kernformen des protestantischen und höfischen 16. Jahrhunderts: Magnificat-Bearbeitung, Hochzeitslied, deutsches geistliches beziehungsweise politisches Lied und Tenorlied. Damit steht Amenreich in einer Kultur, in der Kontrapunkt, modale Ordnung, Textdeklamation und Gebrauchsfunktion eng miteinander verbunden waren.
Das Tenorlied Herr Gott, du lieber Vater mein gehört in eine Tradition, in der ein geistlicher Text mehrstimmig gesetzt und der Tenor als tragende Stimme hervorgehoben wird. Die Handschriftenüberlieferung im Cod. Pal. lat. 1878 der Biblioteca Apostolica Vaticana macht deutlich, dass Amenreichs Musik nicht nur lokal zirkulierte, sondern in überregionale Sammelzusammenhänge einging.
Das Orgel-Magnificat verweist dagegen auf instrumentale Satz- und Improvisationskunst. Hier geht es weniger um strophische Liedform als um die musikalische Ausarbeitung kirchentonaler Ordnung. Das Hochzeitslied von 1569 ist als Gelegenheitswerk zu verstehen, das dynastische Repräsentation, Festkultur und musikalische Empfehlung miteinander verband. Das Carmen germanicum schließlich ist eine seltene Quelle für musikalisch artikulierte persönliche Klage in einem politischen Konfliktzusammenhang.
Werkverzeichnis
Das Werkverzeichnis umfasst das derzeit sicher oder wahrscheinlich greifbare Œuvre Bernhard Amenreichs. Da die Überlieferung fragmentarisch ist, werden die Werke quellenkritisch nach Funktionsgruppen geordnet. Nicht jede Datierung ist gleich gesichert; besonders beim Carmen germanicum weichen ältere Katalogangaben und neuere biographische Einordnungen voneinander ab.
Orgel- und liturgische Instrumentalmusik
- Octo tonus de Magnificat, für Orgel, spätestens 1561 beziehungsweise im Feuchtwanger Kontext nachweisbar. Das Werk beziehungsweise der Werkkomplex ist als Orgelbearbeitung der acht Magnificat-Töne zu verstehen und verweist auf liturgische, modale und organistische Praxis.
Höfische Gelegenheitsmusik
- Hochzeitslied für Landgraf Philipp den Jüngeren von Hessen-Rheinfels und Anna Elisabeth von der Pfalz, 1569. Amenreich empfahl sich mit diesem Werk beim Landgrafen; im selben Jahr wurde ihm die Leitung der Hofmusik auf Schloss Rheinfels übertragen.
Deutsches Klagelied und politisch-biographisches Carmen
- Carmen germanicum contra landgravium et marchionem Brandenburgensem, Incipit Biss in den Himmel clage ich über Tyrannei. Das Werk ist einstimmig überliefert und wird in der neueren biographischen Einordnung mit Amenreichs Konflikt von 1575 verbunden; ältere Katalogangaben führen eine Datierung beziehungsweise Archivnotiz von 1564. Die Quelle wird mit der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien verbunden und ist durch Eitner sowie durch spätere Forschung bezeugt.
Geistliches Tenorlied und Motettenüberlieferung
- Pfaltzgraffs Friedrichs Churfürsten reim in Gesang gesetzt, Incipit Herr Gott, du lieber Vatter mein beziehungsweise Herr GOtt du lieber Vater mein, 1576. Das Werk ist als vierstimmiges Tenorlied beziehungsweise in der Handschriftenbeschreibung als Motette überliefert und steht im Zusammenhang mit Pfalzgraf Friedrich III. beziehungsweise dessen Krankheit oder Tod.
Werk- und Quellenübersicht in chronologischer Ordnung
| Spätestens 1561 | Octo tonus de Magnificat, Orgelwerk beziehungsweise Magnificat-Komplex in den acht Kirchentönen, mit Feuchtwangen beziehungsweise der Organistenpraxis Amenreichs verbunden. |
|---|---|
| 1569 | Hochzeitslied für Landgraf Philipp den Jüngeren von Hessen-Rheinfels und Anna Elisabeth von der Pfalz; zugleich ein musikalisches Empfehlungsschreiben für Amenreichs spätere Rheinfelser Stellung. |
| 1564 oder 1575? | Biss in den Himmel clage ich über Tyrannei, Carmen germanicum gegen Landgraf und Markgraf; ältere Kataloge nennen 1564, neuere Darstellungen verbinden das Werk mit dem St. Goarer Konflikt von 1575. |
| 1576 | Herr Gott, du lieber Vatter mein, Tenorlied beziehungsweise Motette auf einen Reim des pfälzischen Kurfürsten Friedrich III.; in der vatikanischen Palatina-Überlieferung bezeugt. |
Rezeption und Nachwirkung
Amenreichs Nachwirkung ist nicht die eines kontinuierlich aufgeführten Komponisten. Vielmehr wurde er vor allem durch Quellenforscher, regionale Musikgeschichtsschreibung, Organistenforschung und moderne Datenbanken wieder sichtbar. Sein Name erscheint in Eitners Quellen-Lexikon, in Studien zur Orgel- und Organistengeschichte, in der Feuchtwanger Heimatgeschichte, in MGG, Grove, BMLO und modernen Onlinekatalogen.
Diese Form der Rezeption ist für viele Komponisten des 16. Jahrhunderts typisch. Ein Musiker konnte zu Lebzeiten wichtige lokale und höfische Funktionen erfüllen, ohne später in den Kanon der großen Namen einzugehen. Die moderne Forschung interessiert sich dennoch für solche Figuren, weil sie die tatsächliche Breite des Musiklebens zeigen. Amenreich macht sichtbar, wie protestantische Kirchenmusik, Schulmusik, Hofmusik, Orgelpraxis und persönliche Konfliktgeschichte zusammenwirkten.
Die moderne Zugänglichkeit einzelner Werke, etwa Herr Gott, du lieber Vater mein, eröffnet zudem eine praktische Wiederentdeckung. Chöre, Vokalensembles und Forschungseinrichtungen können Amenreich heute als Vertreter einer mittleren, aber keineswegs bedeutungslosen Schicht der deutschen Renaissancepolyphonie wahrnehmen.
Forschung, Quellen und editorische Hinweise
Für die Forschung ist Amenreich ein Fall, in dem biographische und musikalische Quellen eng zusammengeführt werden müssen. Universitätsmatrikeln, städtische und höfische Akten, Bewerbungen, Handschriftenkataloge, Werkincipits, regionale Studien und moderne Normdaten ergänzen einander. Keine einzelne Quelle reicht aus, um die Biographie vollständig zu rekonstruieren.
Besonders heikel ist die Datierung des Carmen germanicum. Eitner beschreibt eine Wiener Handschrift mit der Angabe eines Jahres 1564 und dem Incipit Biss in den Himmel clage. Die neuere biographische Darstellung verbindet das Werk mit dem Konflikt von 1575. Eine kritische Edition müsste daher genau prüfen, ob die Jahresangabe der Handschrift, die spätere historische Interpretation und der biographische Anlass eindeutig zusammengehören oder ob verschiedene Schichten der Überlieferung vorliegen.
Auch die Bezeichnung von Herr Gott, du lieber Vater mein ist sorgfältig zu behandeln. In einem modernen Notenportal erscheint es als geistliches Lied für gemischten Chor, im Handschriftencensus als Motette in einer lateinisch-deutschen Liederhandschrift. Für die editorische Praxis bedeutet das: Gattung, Textgestalt, Stimmenzahl, Tenorlage, Handschrift, moderne Transkription und Aufführbarkeit müssen unterschieden werden.
Sekundärliteratur
- Brusniak, Friedhelm: Bernhard Amenreich, Stiftsorganist zu Feuchtwangen 1560–1564. In: Feuchtwanger Heimatgeschichte 5, Feuchtwangen 1997, S. 36–54.
- Demandt, Karl E.: Landgraf Philipp der Jüngere von Hessen-Rheinfels. Ein fürstliches Kultur- und Lebensbild aus der rheinischen Renaissance. In: Nassauische Annalen 71, 1960, S. 56–112.
- Eitner, Robert: Biographisch-Bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten. Band 1, Leipzig 1900, einschlägig zum Quellenhinweis auf Amenreich.
- Hohe, Hans: Kulturgeschichtliches aus den Ochsenfurter Bürgermeisterrechnungen des 16. und 17. Jahrhunderts. In: Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 78, 1955, S. 171–188.
- Janz, Bernhard: Amenreich, Bernhard. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, zweite Ausgabe, Personenteil, Band 1, Kassel u. a. 1999, Sp. 596–597.
- Laube, Matthew Alan: Music and Confession in Heidelberg, 1556–1618. Dissertation, Royal Holloway, University of London 2014, besonders S. 214–217.
- Pietzsch, Gerhard: Orgelbauer, Organisten und Orgelspiel in Deutschland bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. In: Die Musikforschung 11, 1958, S. 307–315.
- Pietzsch, Gerhard: Quellen und Forschungen zur Geschichte der Musik am kurpfälzischen Hof zu Heidelberg bis 1622. Wiesbaden 1963, besonders S. 170–171.
- Roche, Jerome; Brusniak, Friedhelm: Amenreich [Ammenreich, Armenreich], Bernhard. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, zweite Ausgabe, Band 1, London 2001.
Ausgewählte Onlinequellen
- Bayerisches Musiker-Lexikon Online: Amenreich, Bernhard Umfangreicher Normdaten- und Personenartikel mit Namensvarianten, Lebensangaben, Konfession, Berufen, Wirkungsorten, Lexikonnachweisen, GND, VIAF und ISNI.
- Composers Classical Music: Amenreich, Bernhard Kurzer Komponistennachweis mit Lebensdatierung, Heilbronn-Bezug, Berufsangaben und Hinweis auf Herr Gott du lieber Vater mein.
- Deutsche Biographie: Amenreich, Bernhard Normdatenorientierter Indexeintrag mit Lebensdaten, GND, VIAF und Namensvarianten.
- Feuchtwanger Heimatgeschichte, Band 5 Bandübersicht mit dem Beitrag von Friedhelm Brusniak zu Bernhard Amenreich als Stiftsorganist zu Feuchtwangen 1560–1564.
- Feuchtwanger Heimatgeschichte: Quellen und Literatur Quellen- und Literaturseite zum Feuchtwanger Amenreich-Beitrag, unter anderem mit Hinweis auf Zeugnisse Sebald Heydens und Heilbronner Archivbezüge.
- Handschriftencensus: Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Cod. Pal. lat. 1878 Handschriftenbeschreibung mit Nachweis von Bernhard Amenreichs Herr GOtt du lieber Vater mein auf Bl. 174r–177v.
- MGG Online: Amenreich, Bernhard Fachlexikalischer MGG-Artikel zu Leben, Ämtern, Werküberlieferung und musikhistorischer Einordnung Amenreichs.
- Musik und Musiker am Mittelrhein 2: Bernhard Amenreich Aktueller frei zugänglicher Artikel mit ausführlicher Rekonstruktion der Lebensstationen, Rheinfelser Konfliktgeschichte, Werkübersicht und Literaturangaben.
- Musica International: Amenreich, Bernhard Internationaler Chordatenbank-Eintrag mit Lebensdatierung, Herkunft, Jahrhundertzuordnung und Verweis auf Chorwerke.
- Musicalion: Herr Gott, du lieber Vater mein Moderner Noten- und Repertoireeintrag zu Amenreichs geistlichem Satz für gemischten Chor a cappella.
- Robert Eitner: Biographisch-Bibliographisches Quellen-Lexikon, Band 1 Digitalisat mit Quellenhinweis auf Bernhard Amenreich von Heilbronn und das Incipit Biss in den Himmel clage.
- Repertorium Alborum Amicorum: Bernhard Amenreich Stammbuchbezogener Nachweis mit Identifikation Amenreichs aus Heilbronn, Heidelberger Immatrikulation und Feuchtwanger Organistenbezug.
- Universität Würzburg: Schriftenverzeichnis Friedhelm Brusniak Bibliographischer Nachweis des Aufsatzes Bernhard Amenreich, Stiftsorganist zu Feuchtwangen 1560–1564.
- VIAF: Bernhard Amenreich Internationaler Normdatencluster zu Bernhard Amenreich mit bibliothekarischen Verknüpfungen.
Weiterführende Einträge
- Ansbach Höfischer Wirkungsort, mit dessen Hofkantorei Amenreich möglicherweise in den Jahren 1565 bis 1568 verbunden war.
- Baccalaureus Artium Akademischer Grad, den Amenreich 1555 in Tübingen erwarb und der seine Stellung als gebildeter Kantor und Lehrer stützte.
- Carmen Lateinisch-humanistische und frühneuzeitliche Bezeichnung für ein dichterisch-musikalisches Stück, bei Amenreich besonders als Klagelied wichtig.
- Feuchtwangen Wirkungsort Amenreichs als Stiftsorganist von etwa 1560 bis 1564 und zentraler Bezug der neueren Regionalforschung.
- Handschrift Überlieferungsform, durch die Amenreichs Werke in Wien und im Vatikan greifbar werden.
- Heidelberg Universitäts- und kurpfälzischer Musikort, an dem Amenreich 1553 und erneut 1568 nachweisbar ist.
- Heilbronn Geburts- beziehungsweise Herkunftsort Amenreichs und möglicher späterer Wirkungsort im Jahr 1576.
- Hilpoltstein Fränkischer Ort, an dessen Schulkantorat sich Amenreich 1557 bewarb.
- Hofkantorei Höfisches Vokalensemble, dessen Strukturen für Amenreichs Ansbacher, Rheinfelser und württembergische Bewerbungszusammenhänge wichtig sind.
- Hofkapellmeister Leitungsamt, das Amenreich auf Schloss Rheinfels im Dienst Landgraf Philipps des Jüngeren ausübte.
- Hofmusik Musikalische Repräsentations- und Gebrauchspraxis fürstlicher Höfe, in der Amenreichs Hochzeitslied und Rheinfelser Amt stehen.
- Kantor Schul- und Kirchenmusiker, dessen Amt im 16. Jahrhundert Unterricht, Chorgesang, Liturgie und musikalische Organisation verband.
- Kirchenmusik Geistliche Musikpraxis, die Amenreich als Organist, Kantor und Komponist in Feuchtwangen, St. Goar und weiteren Orten vertrat.
- Kontrapunkt Mehrstimmige Satztechnik, die für geistliche Lieder, Motetten und Renaissancepolyphonie des 16. Jahrhunderts grundlegend ist.
- Lateinschule Bildungsinstitution, in der Kantoren wie Amenreich Gesang, Sprache, Disziplin und humanistische Grundbildung vermittelten.
- Magnificat Biblischer Lobgesang, dessen acht Kirchentöne in Amenreichs Orgelwerk Octo tonus de Magnificat berührt werden.
- Mergentheim Fränkischer Wirkungsort, an dem Amenreich 1555 als Kantor greifbar wird.
- Motette Mehrstimmige geistliche Vokalgattung, in deren Umfeld Amenreichs Herr GOtt du lieber Vater mein überliefert ist.
- Organist Kirchenmusikalischer Beruf, den Amenreich in Feuchtwangen, St. Goar und möglicherweise Heilbronn ausübte.
- Orgel Zentrales Kircheninstrument, mit dem Amenreichs Feuchtwanger Tätigkeit und sein Magnificat-Werk verbunden sind.
- Protestantische Kirchenmusik Reformatorisch geprägtes Musikfeld, in dem Amenreichs Kantoren-, Organisten- und Liedpraxis steht.
- Reformation Religiöser und kultureller Umbruch, der die Schul-, Kirchen- und Liedkultur von Amenreichs Generation prägte.
- Renaissance Kulturepoche, deren deutsche Musikpraxis bei Amenreich durch Universitätsbildung, Hofdienst, Kirchenmusik und Polyphonie sichtbar wird.
- Schloss Rheinfels Höfischer Hauptwirkungsort Amenreichs von 1569 bis 1575 im Dienst Landgraf Philipps des Jüngeren von Hessen-Rheinfels.
- St. Goar Stadt am Mittelrhein, in der Amenreich als Hofkapellmeister, Organist und Konfliktfigur besonders gut greifbar wird.
- Tenorlied Mehrstimmige Liedform, in der Amenreichs Herr Gott, du lieber Vater mein als geistliches Beispiel zu verorten ist.
- Tübingen Universitätsort, an dem Amenreich 1554 studierte und 1555 den Baccalaureus Artium erwarb.
- Bad Windsheim Ort einer angebotenen beziehungsweise verhandelten Organisten- und Schuldienerstelle Amenreichs um 1563.