Amadeus Quartet

Englisches Streichquartett; 1947 gegründet, 1948 erstmals unter dem Namen Amadeus Quartet in der Londoner Wigmore Hall aufgetreten, 1987 nach dem Tod des Bratschisten Peter Schidlof aufgelöst.

Überblick

Amadeus Quartet, deutsch auch Amadeus-Quartett, war ein englisches Streichquartett, das 1947 gegründet wurde und 1948 erstmals unter diesem Namen in der Londoner Wigmore Hall konzertierte. Die Besetzung blieb während der gesamten Laufbahn unverändert: Norbert Brainin spielte die erste Violine, Siegmund Nissel die zweite Violine, Peter Schidlof die Viola und Martin Lovett das Violoncello.

Das Ensemble gehört zu den prägenden Streichquartetten des 20. Jahrhunderts. Seine Geschichte verbindet die österreichisch-jüdische Emigration nach 1938, die Londoner Kammermusikkultur der Nachkriegszeit, die Pflege der Wiener Klassik, der deutschen Romantik und der britischen Moderne sowie die Schallplattengeschichte der Nachkriegsjahrzehnte. Gerade die jahrzehntelange personelle Kontinuität gab dem Quartett ein unverwechselbares Profil.

Berühmt wurde das Amadeus Quartet vor allem durch seine Aufnahmen von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert und Brahms. Hinzu kamen Werke von Bruckner, Dvořák, Smetana, Tschaikowsky, Britten, Bridge, Fricker, Rainier und MacMillan. Das Repertoire blieb im Kern klassisch-romantisch, war aber nicht museal abgeschlossen. Besonders wichtig ist die Verbindung zu Benjamin Britten, dessen drittes Streichquartett das Ensemble nach dem Tod des Komponisten uraufführte.

Kurzdaten

Name Amadeus Quartet.
Deutsche Namensform Amadeus-Quartett oder Amadeus Quartett.
Frühe Bezeichnung Brainin Quartet beziehungsweise Brainin-Quartett im Umfeld der ersten gemeinsamen Auftritte.
Gegründet 1947 in England.
Erster Auftritt unter dem Namen Amadeus Quartet Anfang 1948 in der Londoner Wigmore Hall.
Aufgelöst 1987 nach dem Tod des Bratschisten Peter Schidlof.
Beruf Streichquartett, Kammermusikensemble, Aufnahmeensemble, Konzertensemble, Lehr- und Meisterkursensemble sowie international prägende Formation der klassischen Quartettkultur des 20. Jahrhunderts.
Besetzung Norbert Brainin, erste Violine; Siegmund Nissel, zweite Violine; Peter Schidlof, Viola; Martin Lovett, Violoncello.
Prägende Lehrfigur Max Rostal, bei dem Brainin, Nissel und Schidlof im Londoner Exil studierten.
Hauptwirkungsorte London, Wigmore Hall, Dartington, Europa, Nordamerika, internationale Konzertpodien und die Studios der Deutschen Grammophon.
Hauptrepertoire Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms, Dvořák, Smetana, Tschaikowsky, Bruckner, Britten und ausgewählte Werke des 20. Jahrhunderts.
Aufnahmeprofil Langjährige Verbindung mit Deutsche Grammophon; umfangreiche Gesamteinspielungen und Repertoireaufnahmen, 2017 in einer 70-CD-Edition zusammengeführt.
Ehrungen Ehrendoktorate der University of London für alle Quartettmitglieder 1983; Goldenes Grammophon der Deutschen Grammophon.
Dateiname amadeus-quartet.shtml

Quellenlage, Namensformen und Datierung

Die Quellenlage zum Amadeus Quartet ist im Vergleich zu vielen älteren Ensembles gut, aber terminologisch genau zu behandeln. Die Gründung wird allgemein mit 1947 angesetzt. Der erste Auftritt unter dem Namen Amadeus Quartet wird auf Anfang 1948 in der Londoner Wigmore Hall datiert. Daneben ist für die Frühzeit die Bezeichnung Brainin Quartet wichtig, weil Norbert Brainin als Primarius zunächst namensgebend erscheinen konnte.

Die deutsche Form Amadeus-Quartett ist gebräuchlich, aber auf der Seite wird die international etablierte englische Namensform Amadeus Quartet als Lemma verwendet. Für die Dateibezeichnung ist die sachgerechte Ensembleform amadeus-quartet.shtml sinnvoller als eine Personenregel, weil es sich nicht um eine Einzelperson handelt.

Die Besetzung ist ungewöhnlich gut gesichert, weil das Quartett seine gesamte Laufbahn in unveränderter Zusammensetzung absolvierte. Nach Peter Schidlofs Tod 1987 wurde das Quartett nicht mit einem neuen Bratschisten fortgeführt. Diese Entscheidung gehört zur Identität des Ensembles: Das Amadeus Quartet war nicht nur ein Name, sondern eine konkrete soziale und klangliche Viererformation.

Gründung und erste Auftritte

Das Amadeus Quartet entstand aus der Begegnung dreier österreichisch-jüdischer Emigranten mit dem englischen Cellisten Martin Lovett. Norbert Brainin, Siegmund Nissel und Peter Schidlof waren vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Großbritannien gekommen. Dort trafen sie in einer Situation, die von Exil, Internierung, künstlerischer Unsicherheit und zugleich intensiver musikalischer Neuorientierung geprägt war.

1947 formierte sich das Ensemble zunächst im Umfeld gemeinsamer Studien, Proben und erster Auftritte. 1948 trat es erstmals unter dem Namen Amadeus Quartet in der Wigmore Hall auf. Dieser Name war programmatisch, denn er verwies auf Wolfgang Amadeus Mozart und damit auf eine Wiener und klassisch-humanistische Traditionslinie, die für die drei aus dem österreichischen Kulturraum kommenden Mitglieder biographisch und ästhetisch zentral war.

Die Gründung kurz nach dem Zweiten Weltkrieg macht das Quartett zu einer Nachkriegsgestalt im wörtlichen Sinn. Es verkörperte nicht nur die Fortsetzung einer europäischen Kammermusiktradition, sondern auch deren Rettung, Verpflanzung und Neuformierung im britischen Exil.

Mitglieder und Besetzung

Norbert Brainin Erste Violine und Primarius; geboren am 12. März 1923 in Wien, gestorben am 10. April 2005 in London. Brainin prägte die melodische Führung, den vibratoreichen Ton und die rhetorische Beweglichkeit des Quartetts.
Siegmund Nissel Zweite Violine; geboren am 3. Januar 1922 in München beziehungsweise in österreichischem Familienkontext, gestorben am 21. Mai 2008 in London. Nissel war für die innere Stabilität, die organisatorische Kontinuität und die zweite violinistische Stimme des Ensembles entscheidend.
Peter Schidlof Viola; geboren am 9. Juli 1922 in Österreich, in verschiedenen Quellen mit Mödling, Göllersdorf oder verwandten Ortsangaben verbunden, gestorben im August 1987 im Vereinigten Königreich. Schidlof war ursprünglich Violinist und wurde im Quartett zum Bratschisten; sein warmer, dunkler Mittelstimmenklang war für das Ensembleprofil wesentlich.
Martin Lovett Violoncello; geboren am 3. März 1927 in London, gestorben am 29. April 2020 in London. Lovett war das einzige in Großbritannien geborene Mitglied und gab dem Quartett mit seinem Cello eine tragende, elastische Bassgrundlage.

Die unveränderte Besetzung war eine der Besonderheiten des Amadeus Quartet. Viele große Quartette des 20. Jahrhunderts wechselten im Laufe ihrer Geschichte einzelne Mitglieder; beim Amadeus Quartet blieb die personelle Einheit erhalten. Dadurch wurde ein Ensembleklang möglich, der über Jahrzehnte wachsen und sich verfestigen konnte.

Exil, Migration und Londoner Ausbildung

Die Geschichte des Amadeus Quartet ist ohne die europäische Exilgeschichte nach 1938 nicht zu verstehen. Brainin, Nissel und Schidlof kamen aus dem österreichischen beziehungsweise Wiener Musikraum und mussten nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland emigrieren. In Großbritannien wurden einige der geflüchteten Musiker zunächst als sogenannte enemy aliens interniert. Diese bittere historische Erfahrung gehört zum Hintergrund des späteren Ensembles.

In London studierten Brainin, Nissel und Schidlof bei Max Rostal. Rostal war eine zentrale Lehrerfigur für die aus Mitteleuropa kommende Streichertradition im britischen Exil. Er vermittelte nicht nur technische Grundlagen, sondern auch ein Ideal des kammermusikalischen Hörens, der Phrasierung und der disziplinierten Ensemblearbeit. Die Begegnung mit Martin Lovett ergänzte diese mitteleuropäische Tradition um eine englische Komponente.

Das Amadeus Quartet wurde dadurch zu einem hybriden Ensemble: englisch im institutionellen und karrieremäßigen Sinn, stark wienerisch beziehungsweise mitteleuropäisch im Klangideal, in der Repertoireprägung und in der biographischen Herkunft dreier Mitglieder. Diese Doppelprägung erklärt viel von seinem Rang.

Wigmore Hall, Dartington und britisches Konzertleben

Die Wigmore Hall war für das Amadeus Quartet ein symbolisch wichtiger Ort. Der erste Auftritt unter dem Namen Amadeus Quartet 1948 in diesem Saal bedeutete den Eintritt in das Londoner Kammermusikleben. Die Wigmore Hall war und ist einer der wichtigsten Räume für Lied, Kammermusik und Streichquartettkultur. Ein Debüt dort hatte künstlerisches Gewicht.

Dartington spielte in der Frühgeschichte ebenfalls eine wichtige Rolle. Das dortige Musik- und Bildungsklima verband Nachkriegserneuerung, Internationalität, pädagogische Offenheit und Kammermusikpflege. Für junge Ensembles war Dartington ein Ort, an dem künstlerische Identität erprobt und ein gebildetes Publikum erreicht werden konnte.

Seit den 1950er Jahren wurde das Quartett international aktiv. Es konzertierte in Europa, später in den Vereinigten Staaten und in vielen weiteren Ländern. Dabei vertrat es eine spezifisch britisch-mitteleuropäische Quartettkultur: diszipliniert, kultiviert, klangschön, texttreu, aber nicht trocken.

Repertoire und Interpretationsprofil

Das Kernrepertoire des Amadeus Quartet lag in der Wiener Klassik und der deutschen Romantik. Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert und Brahms bildeten das Zentrum. Hinzu kamen wichtige romantische und spätromantische Werke von Dvořák, Smetana, Tschaikowsky und Bruckner. Dieses Repertoire entsprach nicht nur den Erwartungen des Konzertmarktes, sondern auch dem Selbstverständnis des Ensembles als Träger einer großen europäischen Kammermusiktradition.

Mozart war mehr als Namenspatron. Die Mozart-Aufnahmen und die Auseinandersetzung mit den Haydn-Quartetten, den späten Quartetten und Quintetten machten das Quartett zu einem wichtigen Mozart-Interpreten des 20. Jahrhunderts. Bei Beethoven verband das Ensemble strukturelle Klarheit mit lyrischer Kantabilität. Bei Schubert trat besonders die Fähigkeit hervor, gesangliche Melancholie, dramatische Spannungen und große Zeiträume zu gestalten.

Brahms war ein weiterer Schwerpunkt. Besonders die Zusammenarbeit mit Gastmusikern in Quintetten, Sextetten und Klavierkammermusik zeigte, dass das Amadeus Quartet nicht nur als reines Viererensemble, sondern auch als Kern größerer Kammermusikformationen wirkte. Mit Cecil Aronowitz, William Pleeth, Clifford Curzon, Emil Gilels und anderen Partnern entstanden wichtige Aufnahmen.

Aufnahmen, Deutsche Grammophon und Diskographie

Die Schallplattengeschichte ist für das Amadeus Quartet konstitutiv. Bereits ab 1950 begann das Ensemble mit Aufnahmen; über Jahrzehnte blieb es eng mit der Deutschen Grammophon verbunden. Die Studioarbeit machte den Quartettklang international verfügbar und prägte die Wahrnehmung ganzer Werkgruppen. Für viele Hörerinnen und Hörer wurden die Aufnahmen des Amadeus Quartet zu Referenzeinspielungen klassisch-romantischer Kammermusik.

Die 70-CD-Edition der vollständigen Aufnahmen auf Deutsche Grammophon, ergänzt durch Decca- und Westminster-Aufnahmen, zeigt den Umfang dieser Dokumentation. Sie enthält zentrale Werke von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert und Brahms, außerdem Repertoire von Bruckner, Dvořák, Smetana, Tschaikowsky, Bridge, Britten, Fricker, Rainier und MacMillan. Einige Aufnahmen wurden im Rahmen dieser Edition erstmals veröffentlicht oder erstmals auf CD zugänglich.

Die Bedeutung dieser Diskographie liegt nicht nur in der Menge der Aufnahmen. Sie dokumentiert ein Interpretationsideal, das über vier Jahrzehnte relativ stabil blieb. Gleichzeitig zeigen die frühen, mittleren und späten Aufnahmen auch Veränderungen in Tempo, Tongebung, Studioästhetik und interpretatorischer Reife.

Benjamin Britten und das dritte Streichquartett

Eine besondere Stellung nimmt die Verbindung zu Benjamin Britten ein. Britten schrieb sein drittes Streichquartett op. 94 in den letzten Lebensjahren und arbeitete 1976 mit dem Amadeus Quartet an dem Werk. Die Uraufführung fand am 19. Dezember 1976 in Snape Maltings statt, wenige Wochen nach Brittens Tod. Diese Uraufführung ist eines der bewegendsten Ereignisse in der späteren Geschichte des Ensembles.

Das dritte Streichquartett steht in engem Zusammenhang mit Brittens Oper Death in Venice. Das Finale trägt den Titel La Serenissima und greift musikalische Erinnerungen an Venedig und an die späte Todesnähe des Komponisten auf. Dass Britten dieses Werk mit dem Amadeus Quartet erarbeitete, zeigt den Rang, den das Ensemble in der britischen und internationalen Kammermusik besaß.

Das Verhältnis zu Britten erweitert das Bild des Quartetts. Es war nicht nur ein Ensemble für den klassischen Kanon, sondern auch ein Partner zeitgenössischer Komponisten. Gerade weil sein Klangstil oft mit Mozart, Beethoven und Schubert verbunden wird, ist die Britten-Verbindung kulturgeschichtlich wichtig.

Klangstil, Ensembleästhetik und Kritik

Das Amadeus Quartet war für einen warmen, kantablen und vibratoreichen Klang bekannt. Dieser Klang wurde oft als kultiviert, ausgeglichen und gesanglich beschrieben. Die vier Stimmen traten nicht im Sinne scharfer analytischer Durchleuchtung gegeneinander hervor, sondern verbanden sich zu einem homogenen Ensemblekörper. Gerade diese Homogenität wurde von Bewunderern als große Stärke empfunden.

Die Kritik am Amadeus Quartet setzte gelegentlich an derselben Stelle an. Spätere Interpretationsideale, besonders historisch informierte Aufführungspraxis und analytisch transparentere Quartettästhetiken, empfanden den Amadeus-Klang mitunter als zu weich, zu vibratoreich oder zu stark romantisiert. Diese Kritik gehört zur Rezeptionsgeschichte, mindert aber nicht den historischen Rang des Ensembles. Sie zeigt vielmehr, wie sehr sich Streichquartettideale im späten 20. Jahrhundert verändert haben.

Das Ensemble steht für eine Tradition, in der Tonkultur, Phrasierung, Legato, expressive Wärme und organisches Zusammenspiel zentrale Werte waren. In dieser Hinsicht bildet es einen Gegenpol zu späteren, stärker textkritisch, schlank oder strukturell akzentuiert spielenden Quartetten.

Pädagogik, Meisterkurse und Nachwirkung der Mitglieder

Die Mitglieder des Amadeus Quartet wirkten nicht nur durch Konzerte und Aufnahmen, sondern auch durch Unterricht, Meisterkurse und persönliche Vermittlung. Besonders Siegmund Nissel und Martin Lovett wurden in der späteren Erinnerung als wichtige Gesprächspartner und Vermittler der Amadeus-Tradition wahrgenommen. Das Ensemble lehrte nicht nur einzelne technische Lösungen, sondern eine Haltung zur Kammermusik: Hören, Reagieren, Atmen, gemeinsames Phrasieren und langfristige Ensemblebindung.

Nach 1987 gab es kein Amadeus Quartet in neuer Besetzung. Diese Entscheidung machte das Ensemble zu einem abgeschlossenen historischen Körper. Zugleich lebte seine Praxis in Schülern, Meisterkursen, Aufnahmen, Interviews und Dokumentationen weiter. Der Name wurde nicht als Marke verlängert, sondern als historisch einmalige Formation bewahrt.

Ausführlicher Kulturüberblick

Das Amadeus Quartet gehört in die große Geschichte des Streichquartetts als europäischer Leitgattung. Seit Haydn und Mozart gilt das Quartett als besonders anspruchsvolle Form des musikalischen Gesprächs. Vier gleichartige Instrumente, vier selbständige Stimmen und ein hoher Anspruch an strukturelle Konzentration machten das Streichquartett seit dem späten 18. Jahrhundert zu einem Prüfstein der Komposition und der Interpretation. Das Amadeus Quartet wurde nach 1945 zu einem der wichtigsten Träger dieser Tradition.

Seine kulturelle Bedeutung entsteht aus einer besonderen historischen Konstellation. Drei Mitglieder kamen aus dem österreichischen beziehungsweise Wiener Musikraum und waren durch die nationalsozialistische Verfolgung ins Exil gezwungen worden. In Großbritannien fanden sie nicht nur Schutz, sondern auch einen neuen kulturellen Raum. Das Ensemble ist daher Teil der Exilgeschichte, der britischen Musikgeschichte und der europäischen Wiederaneignung einer zerstörten Kulturtradition.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Pflege der deutschen und österreichischen Kammermusik eine neue Bedeutung. Beethoven, Schubert und Brahms konnten nicht mehr naiv als ungebrochene deutsche Tradition gespielt werden. Für ein Ensemble aus jüdischen Emigranten und einem englischen Cellisten bedeutete diese Musik vielmehr eine komplexe Form von Rettung, Erinnerung und neuer Heimatbildung. Das Amadeus Quartet machte europäische Kultur im Exil wieder hörbar, ohne die historischen Brüche auszulöschen.

London wurde dabei zu einem Zentrum internationaler Kammermusik. Die Wigmore Hall, die BBC, Plattenlabels, Festivals und Musikhochschulen bildeten ein Netzwerk, in dem das Quartett wachsen konnte. Anders als manche stark national markierten Ensembles war das Amadeus Quartet von Anfang an transnational: österreichisch geprägt, englisch institutionalisiert, europäisch im Repertoire und weltweit in der Wirkung.

Die Schallplatte veränderte die Rolle des Streichquartetts grundlegend. Vor 1900 war Quartettspiel vor allem Konzert- und Hausmusikkultur. Im 20. Jahrhundert wurde es durch Rundfunk und Tonträger global verfügbar. Das Amadeus Quartet war eines jener Ensembles, deren Autorität durch Aufnahmen dauerhaft wurde. Seine Beethoven-, Mozart-, Schubert- und Brahms-Aufnahmen waren nicht nur Dokumente, sondern prägten Hörnormen für Generationen.

Gleichzeitig steht das Ensemble für einen bestimmten historischen Klanggeschmack. Der warme, vibratoreiche, gesangliche Ton gehört zu einer Ästhetik, die heute nicht mehr selbstverständlich ist. In der Rückschau macht gerade dieser Klangstil das Quartett unverwechselbar. Er zeigt, wie Interpretationsgeschichte funktioniert: Jede Generation hört alte Werke neu, aber große Ensembles hinterlassen Spuren, an denen spätere Generationen sich orientieren, reiben oder korrigieren.

Die Verbindung zu Britten öffnet das Quartett in die Gegenwart seiner Zeit. Das Ensemble war kein bloßes Museum der Klassik. Es konnte auch einem späten, existenziell verdichteten Werk der britischen Moderne gerecht werden. Brittens drittes Streichquartett steht als Vermächtniswerk des Komponisten und als späte Bestätigung des Amadeus Quartet: Ein Ensemble, das Mozart im Namen trug, wurde zum ersten Träger eines der wichtigsten britischen Quartette des 20. Jahrhunderts.

Wirkung, Ehrungen und Nachleben

Die Wirkung des Amadeus Quartet beruht auf drei Säulen: der internationalen Konzerttätigkeit, der umfangreichen Diskographie und der symbolischen Besetzungsgeschichte. Das Ensemble konzertierte vierzig Jahre lang in derselben Formation. Diese Kontinuität erzeugte eine Autorität, die im Kammermusikleben selten ist. Der Tod Peter Schidlofs 1987 beendete die Geschichte des Quartetts, weil die übrigen Mitglieder den Namen nicht mit einem Ersatzbratschisten fortführen wollten.

Zu den wichtigen Ehrungen gehören die Ehrendoktorate der University of London für alle vier Quartettmitglieder im Jahr 1983 und das Goldene Grammophon der Deutschen Grammophon. Solche Auszeichnungen bestätigen nicht nur künstlerische Qualität, sondern auch institutionellen Rang. Das Quartett wurde als Repräsentant britischer Kammermusik und zugleich als Hüter mitteleuropäischer Tradition wahrgenommen.

Das Nachleben des Ensembles ist vor allem diskographisch. Die großen CD-Editionen, Wiederveröffentlichungen und Streaming-Kataloge halten das Quartett präsent. Daneben sind Interviews, Erinnerungen, Nachrufe und dokumentarische Ressourcen wichtig, besonders weil sie die Exilerfahrung und die Entstehungsgeschichte des Quartetts erschließen. Das Amadeus Quartet bleibt damit nicht nur ein Ensemble der Aufnahmekultur, sondern auch ein Zeugnis europäischer Musikgeschichte im 20. Jahrhundert.

Repertoire-, Aufnahme- und Quellenverzeichnis

Ein klassisches Werkverzeichnis im Sinne eigener Kompositionen ist bei einem Streichquartett nicht möglich. Für das Amadeus Quartet ist stattdessen ein Repertoire-, Aufnahme- und Quellenverzeichnis angemessen. Es erfasst die zentralen Werkgruppen, die das Ensemble aufführte und aufnahm, sowie die wichtigsten dokumentierten Aufnahme- und Aufführungskomplexe.

Ensemblegeschichte und Grunddaten

Gründung 1947 in England; zunächst im Umfeld gemeinsamer Studien und früher Auftritte als Brainin Quartet beziehungsweise als noch nicht endgültig etablierte Formation.
Erster Auftritt unter dem Namen Amadeus Quartet Anfang 1948 in der Londoner Wigmore Hall. Dieser Auftritt markiert die öffentliche Etablierung des später weltberühmten Namens.
Dauer 1947 bis 1987. Das Quartett bestand vierzig Jahre in derselben Besetzung.
Auflösung 1987 nach dem Tod des Bratschisten Peter Schidlof. Das Ensemble wurde nicht mit neuer Viola fortgesetzt.
Nachgeschichte Nach Schidlofs Tod traten einzelne Mitglieder in Trio-, Unterrichts- und Erinnerungszusammenhängen auf; das Quartett als solches blieb historisch abgeschlossen.

Klassisch-romantisches Kernrepertoire

Joseph Haydn Das Haydn-Repertoire gehörte zum klassischen Fundament des Ensembles. Die Aufnahmen umfassen wichtige Quartettgruppen, darunter Werke aus Opus 20, 33, 51, 54, 55, 64, 71, 74, 76 und 77 beziehungsweise verwandte Repertoirebereiche der DG-Edition.
Wolfgang Amadeus Mozart Mozart war Namenspatron und Repertoirezentrum. Besonders wichtig sind die Haydn-Quartette, die späten Quartette, das Hoffmeister-Quartett, die preußischen Quartette sowie die Streichquintette mit Cecil Aronowitz.
Ludwig van Beethoven Das Beethoven-Repertoire war ein Kern der internationalen Reputation. Das Quartett spielte und nahm die frühen, mittleren und späten Streichquartette auf und prägte damit eine breit rezipierte Beethoven-Tradition des 20. Jahrhunderts.
Franz Schubert Schubert war eine besondere Stärke des Ensembles. Zu den zentralen Werken gehören Der Tod und das Mädchen, das G-Dur-Quartett, das Quartett D 804, der Quartettsatz und größere Kammermusik wie das Forellenquintett in Zusammenarbeit mit Gastmusikern.
Johannes Brahms Das Quartett nahm die Brahms-Streichquartette sowie wichtige Kammermusik mit zusätzlicher Viola, Cello oder Klavier auf. Gerade die Brahms-Quintette und -Sextette gehören zu den bekannten Repertoirefeldern des Ensembles.

Erweitertes romantisches und national geprägtes Repertoire

Anton Bruckner Bruckners Streichquintett gehört zum erweiterten spätromantischen Repertoire, das das Amadeus Quartet mit zusätzlichem Gastspieler pflegte.
Antonín Dvořák Dvořáks Kammermusik, insbesondere Streichquartette und größere Besetzungen, war Teil des romantischen Repertoires jenseits des deutsch-österreichischen Kerns.
Bedřich Smetana Smetanas Streichquartett Aus meinem Leben gehört zum Repertoirebereich nationalromantischer Quartettmusik, den das Ensemble in seine Aufnahmepraxis einbezog.
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky Tschaikowskys Quartettmusik und verwandte Kammermusik erschienen in den Aufnahmen des Ensembles als Teil des erweiterten romantischen Kanons.
Robert Schumann Schumanns Quartett- und Klavierkammermusik gehört zum Umfeld der klassischen und romantischen Quartettpflege, auch wenn sie im Amadeus-Profil weniger dominant ist als Beethoven, Schubert oder Brahms.

Britische und moderne Werke

Benjamin Britten, String Quartet No. 3, Op. 94 Britten arbeitete 1976 mit dem Amadeus Quartet an diesem späten Werk. Die Uraufführung fand am 19. Dezember 1976 in Snape Maltings statt, wenige Wochen nach Brittens Tod. Das Werk ist der wichtigste zeitgenössische Uraufführungskomplex des Ensembles.
Frank Bridge Bridge gehört zum britischen modernen beziehungsweise spätromantisch-modernen Repertoirebereich, der in der DG-Gesamtedition vertreten ist.
Peter Racine Fricker Fricker steht für die britische Moderne nach 1945 und zeigt, dass das Amadeus Quartet nicht ausschließlich klassisch-romantisch programmiert war.
Priaulx Rainier Rainiers Quartettmusik gehört zu den moderneren Werken, die das Ensemble dokumentierte und damit in seinen Kanonrand aufnahm.
James MacMillan MacMillan erscheint in späteren beziehungsweise ergänzenden Aufnahmekontexten der DG-Edition und verweist auf die Nachgeschichte der Amadeus-Rezeption.

Aufnahmen und Editionen

Frühe Aufnahmen ab 1950 Das Quartett begann bereits kurz nach seiner öffentlichen Etablierung mit Studioaufnahmen. Diese frühe Tonträgerpräsenz war für seine internationale Wirkung entscheidend.
Deutsche Grammophon Hauptlabel der diskographischen Wirkung. Die DG-Aufnahmen machten das Ensemble für ein internationales Publikum dauerhaft präsent.
Decca und Westminster Weitere Labelkontexte, die in späteren Gesamteditionen berücksichtigt wurden.
The Complete Recordings on Deutsche Grammophon 70-CD-Edition aus dem Jahr 2017 mit den vollständigen DG-Aufnahmen sowie ergänzenden Decca- und Westminster-Aufnahmen. Die Edition erschien zum siebzigsten Gründungsjubiläum des Quartetts.
Mozart: The 1950s Mozart Recordings Wichtiger Teil der frühen Mozart-Diskographie, darunter Streichquartette und Streichquintette mit Cecil Aronowitz.
Beethoven-Gesamteinspielungen Die Beethoven-Quartette gehören zu den zentralen Dokumenten des Ensembles und prägten die Beethoven-Rezeption in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Schubert-Aufnahmen Besonders wichtig sind Der Tod und das Mädchen, das G-Dur-Quartett und größere Kammermusik mit Gastmusikern.
Brahms-Aufnahmen Die Brahms-Quartette, -Quintette und -Sextette bilden einen Hauptbereich der romantischen Amadeus-Diskographie.

Gastmusiker und erweiterte Kammermusik

Cecil Aronowitz Bratschist und häufiger Partner in Mozart- und Brahms-Quintetten. Seine Zusammenarbeit mit dem Quartett ist für das erweiterte klassische und romantische Repertoire besonders wichtig.
William Pleeth Cellist und Partner in größeren Kammermusikbesetzungen, besonders im romantischen Repertoire.
Clifford Curzon Pianist, der mit Mitgliedern des Amadeus Quartet in wichtigen Kammermusikaufnahmen zusammenwirkte.
Emil Gilels Pianist und Partner in Schubert- und Brahms-Kontexten; seine Zusammenarbeit mit dem Quartett dokumentiert dessen Rang in der internationalen Kammermusik.
Christoph Eschenbach Pianist, der mit Mitgliedern des Quartetts in Beethoven-Kammermusik aufnahm.

Quellen und Dokumentationsorte

Österreichisches Musiklexikon Wichtige deutschsprachige Quelle zu Gründung, Wigmore-Hall-Auftritt, Besetzung, Emigration, Repertoire und Ehrungen.
Royal College of Music Ressource zur Exilgeschichte, zu den einzelnen Mitgliedern und zur Bedeutung des Quartetts im 20. Jahrhundert.
Deutsche Grammophon Zentrale Labelquelle zu den Aufnahmen, zur 70-CD-Edition und zum Repertoireprofil.
Britten Pears Arts Wichtige Quelle zur Entstehung, Zusammenarbeit und Uraufführung von Benjamin Brittens drittem Streichquartett.
Interviews und Erinnerungen Daniel Snowmans Arbeiten, Interviews mit Mitgliedern und späteren Erinnerungsquellen sind für die Rekonstruktion von Arbeitsweise, Klangideal und Exilerfahrung wichtig.

Sekundärliteratur

  • Snowman, Daniel: The Amadeus Quartet: The Men and the Music. London: Robson Books, 1981. Grundlegende Darstellung zur Geschichte, Persönlichkeit, Arbeitsweise und Repertoirekultur des Quartetts.
  • Rózsa-Lovett, Suzanne: The Amadeus. London: Robson Books, 1988. Erinnerungs- und Dokumentationsband aus unmittelbarer Nähe zum Ensemble, besonders wichtig für die Lebens- und Arbeitsgeschichte der vier Mitglieder.
  • Österreichisches Musiklexikon: Artikel „Amadeus Quartett“. Fachlexikalischer Kurzartikel zu Gründung, Wigmore-Hall-Debüt, Besetzung, Emigration, Tourneen, Stil und Ehrungen.
  • Royal College of Music: Materialien zu „Music, Migration and Mobility“. Ressource zur Exilgeschichte, zu Brainin, Nissel, Schidlof, Lovett und zur Bedeutung des Ensembles im britischen Musikleben.
  • Deutsche Grammophon: Booklet- und Editionstexte zu The Complete Recordings on Deutsche Grammophon. Diskographisch zentrale Quelle zu Repertoire, Aufnahmen, Studioarbeit und Aufnahmegeschichte.
  • Britten Pears Arts: Materialien zu Benjamin Brittens drittem Streichquartett. Wichtige Quelle zur Zusammenarbeit Brittens mit dem Amadeus Quartet und zur posthumen Uraufführung.
  • Rostal, Max: Erinnerungen und pädagogische Quellen. Kontextliteratur zur Ausbildung von Brainin, Nissel und Schidlof im britischen Exil.
  • Potter, Tully: Essays und historische Beiträge zur Streichquartettgeschichte des 20. Jahrhunderts. Hilfreich für die Einordnung des Amadeus Quartet im Vergleich zu Busch Quartet, Budapest Quartet, Borodin Quartet, Juilliard Quartet und Quartetto Italiano.
  • Keller, Hans: Schriften zur Kammermusik und zum Streichquartett. Theoretischer und kritischer Kontext, besonders wegen Kellers Nähe zu Britten und zur britischen Kammermusikkultur.
  • Philip, Robert: Performing Music in the Age of Recording. New Haven/London: Yale University Press, 2004. Grundlegender Kontext zur Aufführungs- und Aufnahmegeschichte des 20. Jahrhunderts, wichtig für die Deutung der Amadeus-Diskographie.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Ludwig van Beethoven Zentraler Komponist des Amadeus-Repertoires und Prüfstein der Quartettinterpretation.
  • Norbert Brainin Primarius und prägende erste Violine des Amadeus Quartet.
  • Johannes Brahms Kernkomponist des romantischen Repertoires des Ensembles.
  • Benjamin Britten Komponist des dritten Streichquartetts, das mit dem Amadeus Quartet erarbeitet und von diesem uraufgeführt wurde.
  • Britten: Streichquartett Nr. 3 Spätes Vermächtniswerk Benjamin Brittens und bedeutende Uraufführung des Amadeus Quartet.
  • Cellist Instrumentalrolle Martin Lovetts im klanglichen Fundament des Quartetts.
  • Deutsche Grammophon Hauptlabel der Amadeus-Diskographie und Träger der großen Gesamtedition.
  • Antonín Dvořák Komponist des erweiterten romantischen Repertoires des Ensembles.
  • Exil und Musik Historischer Rahmen der Emigration von Brainin, Nissel und Schidlof nach Großbritannien.
  • Joseph Haydn Gründerfigur der Gattung Streichquartett und zentraler Bestandteil der Amadeus-Aufnahmen.
  • Kammermusik Übergreifender Gattungsrahmen des Amadeus Quartet.
  • Martin Lovett Cellist des Amadeus Quartet und einziges in Großbritannien geborenes Gründungsmitglied.
  • Max Rostal Violinpädagoge und prägende Lehrerfigur für die emigrierten Mitglieder des Quartetts.
  • Wolfgang Amadeus Mozart Namenspatron und Zentrum des klassischen Repertoires des Amadeus Quartet.
  • Siegmund Nissel Zweiter Geiger und organisatorisch wichtiger Stabilitätsfaktor des Ensembles.
  • Romantik in der Musik Stil- und Repertoirebereich von Schubert, Brahms, Dvořák, Smetana und Tschaikowsky im Amadeus-Profil.
  • Peter Schidlof Bratschist des Amadeus Quartet, dessen Tod 1987 zur Auflösung des Ensembles führte.
  • Franz Schubert Kernkomponist des Ensembles, besonders durch späte Quartette und große Kammermusikwerke.
  • Streichquartett Gattung, die das Amadeus Quartet als Ensembleform und Repertoirezentrum verkörperte.
  • Streichquartett als Ensemble Besetzungs- und Interpretationsform aus zwei Violinen, Viola und Violoncello.
  • Wiener Klassik Repertoirekern des Quartetts mit Haydn, Mozart und Beethoven.
  • Wigmore Hall Londoner Kammermusiksaal, in dem das Amadeus Quartet 1948 unter diesem Namen auftrat.