Michelangelo Amadei

Italienischer Komponist, Kapellmeister, Organist und Kanoniker; geboren am 11. Dezember 1586 in Cortona, gestorben am 12. März 1642 ebenda.

Überblick

Michelangelo Amadei, auch Michele Angelo Amadei oder latinisiert Michael Angelus Amadeus, war ein italienischer Komponist, Kapellmeister, Organist und Kanoniker aus Cortona. Er wurde am 11. Dezember 1586 in Cortona geboren und starb dort am 12. März 1642. Seine Bedeutung liegt vor allem in zwei venezianischen Motettendrucken, die den Übergang von der vokalpolyphonen Tradition der Spätrenaissance zur geistlichen Musik des frühen Frühbarock sichtbar machen.

Amadei wirkte seit 1606 als Musikleiter an der Kathedrale seiner Heimatstadt und zugleich als Kanoniker beziehungsweise Organist im Umfeld von Santa Maria Nuova in Cortona. Seine erhaltene Musik ist fast ausschließlich geistliche Vokalmusik: der Motecta Liber Primus von 1614 und der Motecta Liber Secundus von 1615. Beide Drucke erschienen in Venedig im Umfeld der traditionsreichen Gardano-Offizin unter Bartolomeo Magni.

Amadei ist kein kanonischer Großname des italienischen Frühbarock, aber gerade deshalb kulturgeschichtlich aufschlussreich. Er zeigt, wie ein lokaler Kirchenmusiker einer toskanischen Stadt an überregionale Druck-, Ausbildungs- und Stilnetzwerke angeschlossen war. Seine Musik verbindet lateinische Liturgie, mehrstimmige Motettenpraxis, Basso-continuo-Denken, römische Ausbildungsspuren und die venezianische Musikalienpublikation des frühen 17. Jahrhunderts.

Kurzdaten

Name Michelangelo Amadei.
Weitere Namensformen Michele Angelo Amadei, Michael Angelus Amadeus, Michael Angelus Amadeus Cortonensis.
Geboren 11. Dezember 1586 in Cortona.
Gestorben 12. März 1642 in Cortona.
Beruf Komponist, Kapellmeister, Organist, Kirchenmusiker, Kanoniker und Autor geistlicher Motetten.
Herkunft Cortona in der Toskana, an der Grenze zum umbrischen Kulturraum.
Wichtige Wirkungsorte Cortona, Kathedrale von Cortona, Collegiata di Santa Maria Nuova, Venedig als Druckort seiner Motetten.
Amt Maestro di cappella beziehungsweise Musikleiter an der Kathedrale von Cortona seit 1606; zugleich Kanoniker und Organist im Umfeld von Santa Maria Nuova.
Akademische Zugehörigkeit In der Überlieferung als Mitglied der Accademia degli Uniti bezeichnet.
Lehrer Giovanni Bernardino Nanino wird in der Widmung des ersten Motettenbuchs als Lehrer genannt; die genaue archivalische Bestätigung dieser Schülerschaft bleibt quellenkritisch zu behandeln.
Hauptgattungen Motette, geistliche Vokalmusik, liturgische und paraliturgische Kirchenmusik, mehrstimmige Vokalkomposition mit Bassus ad organum.
Erhaltene Hauptwerke Motecta Liber Primus, Venedig 1614, und Motecta Liber Secundus, Venedig 1615.
Stilistische Stellung Übergang zwischen spätrenaissancehafter Vokalpolyphonie und frühbarocker, basso-continuo-gestützter Kirchenmusik.
Dateiname amadei-michelangelo.shtml

Quellenlage, Namensformen und Datierung

Die Quellenlage zu Michelangelo Amadei ist zugleich knapp und prägnant. Die Lebensdaten 11. Dezember 1586 und 12. März 1642 sind in der neueren fachlexikalischen Überlieferung für Cortona angesetzt. Einzelne italienische Sekundärtexte und lokale Publikationen nennen auch 1584 als Geburtsjahr. Für diese Seite wird die vom Nutzer vorgegebene und in MGG geführte Datierung 1586 verwendet; die abweichende 1584-Angabe bleibt als lokale beziehungsweise ältere Nebenüberlieferung zu berücksichtigen.

Die Namensformen ergeben sich aus italienischer und lateinischer Druckpraxis. Der heutige Lemmaname lautet Michelangelo Amadei; in lateinischen Titelformen erscheint er als Michael Angelus Amadeus. Die Bezeichnung Cortonensis ist mehr als eine Herkunftsangabe, denn sie bindet den Komponisten ausdrücklich an Cortona und an seine kirchliche Funktion in der Stadt.

Als erhaltene Werke gelten im Kern zwei Motettendrucke. Der erste Band von 1614 ist vollständig greifbar und wurde 2013 modern ediert. Der zweite Band von 1615 ist nur unvollständig überliefert, weil ein wichtiger Stimmbuchteil fehlt. Gerade diese Überlieferungslage ist für die Forschung wichtig: Amadeis Werk zeigt exemplarisch, wie Musikdrucke des frühen 17. Jahrhunderts durch Stimmbuchverlust, unvollständige Sammlungen und verstreute Archivlagen aus dem Repertoire verschwinden konnten.

Biographie

Michelangelo Amadei wurde in Cortona geboren und blieb dieser Stadt lebenslang verbunden. Über seine familiäre Herkunft ist wenig Sicheres bekannt. Die älteren und neueren Hinweise konzentrieren sich vor allem auf seine kirchlichen Ämter, seine gedruckten Werke und die Selbstaussagen in den Vorreden seiner Motettenbücher. Daraus entsteht das Bild eines gebildeten, institutionell eingebundenen Kirchenmusikers, der zugleich an überregionale musikalische Traditionen angeschlossen war.

Bereits 1606 wurde Amadei als Musikleiter an die Kathedrale von Cortona berufen. Diese frühe Berufung zeigt, dass er schon als junger Mann eine tragfähige musikalische Ausbildung besaß. Die Kathedrale verlangte liturgische Zuverlässigkeit, vokale Leitung, Umgang mit Sängern, Fähigkeit zur mehrstimmigen Aufführung und vermutlich auch organistische Kompetenz. Parallel war Amadei mit Santa Maria Nuova verbunden, wo er als Kanoniker und Organist erscheint.

In der Widmungsvorrede des ersten Motettenbuchs nennt Amadei Giovanni Bernardino Nanino als Lehrer. Diese Angabe ist bedeutsam, weil Nanino zur römischen Palestrina-Nachfolge und zur römischen Kirchenmusiktradition gehörte. Auch wenn eine archivalisch lückenlose Ausbildungslinie nicht immer zu sichern ist, verweist Amadeis Selbstaussage auf einen römischen Bildungshorizont. Seine Musik ist daher nicht nur lokal-cortonesisch, sondern durch überregionale kontrapunktische und liturgische Standards geprägt.

1614 und 1615 veröffentlichte Amadei in Venedig zwei Motettensammlungen. Dieser Schritt war für einen Cortoneser Kirchenmusiker erheblich. Venedig war eines der wichtigsten europäischen Zentren des Musikdrucks. Wer dort drucken ließ, suchte nicht nur lokale Aufführung, sondern überregionale Sichtbarkeit. Beide Sammlungen zeigen Amadei als Komponisten geistlicher Musik mit Basso-continuo-Stütze und flexibler Besetzung von einer bis sechs beziehungsweise einer bis fünf Stimmen.

Nach 1615 tritt Amadei vor allem als Amtsinhaber in Cortona hervor. Die archivalischen Nachrichten zeigen eher Kontinuität als spektakuläre Karrierebewegung. Er blieb mit der Kathedrale, Santa Maria Nuova und der örtlichen Kirchenmusik verbunden. 1642 starb er in Cortona. Seine Musik geriet danach weitgehend in Vergessenheit und wurde erst durch lokale Forschung, Editionen und Einspielungen des 20. und 21. Jahrhunderts wieder sichtbarer.

Cortona, Kathedrale und Santa Maria Nuova

Cortona war im frühen 17. Jahrhundert keine Metropole wie Rom, Venedig oder Florenz, aber eine Stadt mit eigener kirchlicher, akademischer und musikalischer Kultur. Die Lage zwischen Toskana und Umbrien, die Nähe zu Arezzo und die Verbindung zu mediceischen Strukturen gaben der Stadt ein eigenes kulturelles Profil. Für die Musik bedeutete dies vor allem: Kirchen, Kollegiatstifte, Orgeln, lokale Akademien und liturgische Dienste bildeten den institutionellen Rahmen.

Amadeis Stellung an der Kathedrale von Cortona war deshalb zentral. Als Musikleiter hatte er die Aufgabe, die liturgische Musik zu organisieren, Sänger zu leiten, passende Musik bereitzustellen und die Aufführungspraxis an kirchliche Anlässe anzupassen. Die erhaltenen Motetten zeigen genau eine solche Gebrauchsnähe: Sie sind nicht als abstrakte Kunststücke, sondern als liturgisch und devotional einsetzbare Vokalmusik zu verstehen.

Santa Maria Nuova ist für Amadei besonders wichtig. Die moderne Cortoneser Wiederentdeckung verbindet ihn ausdrücklich mit der Collegiata di Santa Maria Nuova und mit dem dortigen historischen Orgelbestand. Der Bezug zur Orgel ist auch in seinen Drucken sichtbar, denn beide Motettensammlungen arbeiten mit einem Bassus ad organum, also mit einer für die Orgel bestimmten Bass- beziehungsweise Continuo-Stütze.

Giovanni Bernardino Nanino und römische Ausbildungsspuren

Amadeis Verweis auf Giovanni Bernardino Nanino ist quellenkundlich bedeutsam. Nanino war eine zentrale Figur der römischen Kirchenmusik um 1600 und steht in enger Verbindung mit der Nachwirkung Palestrinas. Eine solche Lehrerverbindung erklärt, warum Amadeis Motetten trotz ihrer frühbarocken Continuo-Anlage noch deutlich im kontrapunktischen Denken der spätrenaissancehaften Kirchenmusik stehen.

Die Forschung weist zugleich darauf hin, dass Amadei nicht ohne weiteres in allen überlieferten Schülerlisten Naninos erscheint. Das schwächt die Bedeutung der Selbstaussage nicht vollständig, verlangt aber Vorsicht. Man sollte daher nicht eine biographisch ausgeschmückte römische Ausbildung konstruieren, sondern von einer durch Amadei selbst bezeugten Nanino-Schülerschaft sprechen, deren äußere Dokumentation begrenzt ist.

Stilistisch ist die Nanino-Spur plausibel. Amadeis Motetten zeigen Sinn für vokale Führung, Imitation, klare Textgliederung und liturgische Angemessenheit. Zugleich öffnet sich die Musik dem neuen Basso-continuo-Denken, das im frühen 17. Jahrhundert die Kirchenmusik grundlegend veränderte. Gerade in dieser Verbindung von alter vokaler Disziplin und neuer Generalbasspraxis liegt Amadeis historisches Interesse.

Venedig, Gardano und die Motettendrucke von 1614 und 1615

Die beiden Motettendrucke erschienen in Venedig bei Gardano beziehungsweise unter Bartolomeo Magni. Die Gardano-Tradition war für den italienischen Musikdruck von überragender Bedeutung. Dass Amadei seine geistlichen Werke dort veröffentlichte, zeigt einen Anspruch auf überregionale Verbreitung. Cortona war sein Wirkungsort, aber Venedig war der Ort, an dem seine Musik in die gedruckte Öffentlichkeit trat.

Der Motecta Liber Primus von 1614 umfasst nach der neueren Forschung 24 Kompositionen von einer bis sechs Stimmen mit Basso continuo. Die Sammlung ist vollständig erhalten und wurde 2013 in einer modernen Edition von Armando Carideo und Gian Carlo Ristori neu zugänglich gemacht. Sie ist damit das zentrale Zeugnis für Amadeis vollständig rekonstruierbare geistliche Musik.

Der Motecta Liber Secundus von 1615 umfasst 21 Motetten von einer bis fünf Stimmen mit Bassus ad organum. Die Überlieferung ist unvollständig, weil das Stimmbuch Cantus secundus fehlt. Die vorhandenen Teile, besonders der Bassus ad organum und die erhaltenen Cantus-Stimmbücher, erlauben dennoch eine genaue Rekonstruktion der Titel, Besetzungsgruppen und liturgischen Textbezüge. Aspice Domine ist die einzige Motette dieses zweiten Bandes, die vollständig überliefert ist.

Stil, Liturgie und Basso continuo

Amadeis Musik gehört in den Übergang von der Renaissance zum Frühbarock. Sie ist noch stark vokal und liturgisch geprägt, arbeitet aber bereits mit einem Basso-continuo-Fundament, das die Mehrstimmigkeit harmonisch stützt. Der Ausdruck Bassus ad organum macht deutlich, dass die Orgel nicht nur colla parte mitlief, sondern als tragendes Element der Aufführung gedacht war.

Die Motetten sind für wechselnde Besetzungen konzipiert. Der zweite Band reicht von einer einzelnen Tenorstimme mit Orgel bis zu fünfstimmigen Kombinationen. Diese Flexibilität war praktisch bedeutsam, weil sie unterschiedliche liturgische Situationen, verfügbare Sänger und Kirchenräume berücksichtigte. Amadeis Musik ist daher auch als Gebrauchsmusik im positiven Sinn zu verstehen: Sie ist für reale kirchliche Aufführungspraxis geschrieben.

Die Textauswahl zeigt ein breites liturgisches und biblisches Spektrum. Psalmen, Evangelien, prophetische Bücher, marianische Texte, eucharistische Bezüge und Heiligenfeste treten nebeneinander. Besonders deutlich wird die Verbindung von Text, Anlass und Ort im zweiten Motettenbuch, wo etwa O Pastor Optime mit dem Fest des heiligen Karl Borromäus verbunden ist und mehrere marianische Motetten auf die Verehrung der Gottesmutter verweisen.

Ausführlicher Kulturüberblick

Michelangelo Amadei gehört in eine kirchenmusikalische Kultur, die lange Zeit zwischen zwei großen Erzählungen eingeklemmt blieb: auf der einen Seite die klassische römische Vokalpolyphonie Palestrinas und seiner Nachfolger, auf der anderen Seite der spektakuläre Frühbarock Monteverdis, der venezianischen Mehrchörigkeit und der neuen Oper. Amadei steht nicht im Zentrum dieser großen Namen, aber gerade seine Musik zeigt, wie der stilistische Wandel in kleineren kirchlichen Institutionen konkret aussah.

Cortona war ein regionaler, aber kulturell aktiver Ort. Die Stadt verfügte über bedeutende Kirchen, historische Orgeln, eine lokale Gelehrten- und Akademiekultur und ein liturgisches Leben, das musikalische Kompetenz verlangte. Ein Kapellmeister wie Amadei musste nicht nur komponieren, sondern auch Dienste organisieren, Sänger einsetzen, Orgelpraxis beherrschen und Musik an Feste und liturgische Erfordernisse anpassen.

Die Venedig-Drucke zeigen, dass lokale Kirchenmusik nicht notwendig provinziell war. Durch den Musikdruck konnten Werke aus Cortona in größere Umläufe gelangen. Der Name Gardano hatte in Europa Gewicht. Wer bei Gardano beziehungsweise Bartolomeo Magni drucken ließ, trat in einen Markt ein, in dem geistliche Musik für Kapellen, Kollegiatkirchen, Klöster und private Andachtsräume zirkulierte.

Der Basso continuo ist der entscheidende musikalische Marker dieser Epoche. In Amadeis Motetten wird die ältere vokale Satzkunst nicht aufgegeben, aber durch einen organalen Bass stabilisiert und modernisiert. Das erlaubt kleinere Besetzungen, stärkere harmonische Profilierung und größere Flexibilität. Gerade ein ein- oder zweistimmiges geistliches Stück mit Orgelbass zeigt den Wandel deutlicher als ein prachtvolles großbesetztes Werk.

Der zweite Band von 1615 ist auch ein Dokument der Überlieferungsgeschichte. Dass nur drei der ursprünglich wohl vier Stimmbücher erhalten sind, ist kein Einzelfall, sondern typisch für den Musikdruck des frühen 17. Jahrhunderts. Musik wurde in einzelnen Stimmbüchern publiziert; wenn ein Teil verloren ging, war die Aufführung ganzer Werke erschwert oder unmöglich. Amadeis heutige Randstellung hängt daher nicht nur mit künstlerischer Bewertung, sondern auch mit Materialverlust zusammen.

Die moderne Wiederentdeckung Amadeis durch lokale Forschung, Editionen und Einspielungen ist kulturgeschichtlich bedeutsam. Sie zeigt, dass der musikalische Frühbarock nicht nur aus bekannten Zentren und berühmten Komponisten besteht. Er umfasst auch regionale Kapellmeister, deren Musik über Jahrhunderte nur in Einzelstücken oder Stimmbüchern erhalten blieb und erst durch archivalische, editorische und aufführungspraktische Arbeit wieder hörbar wird.

Wirkung, Wiederentdeckung und heutige Rezeption

Amadeis unmittelbare Nachwirkung lässt sich nur begrenzt verfolgen. Seine Motettendrucke belegen zwar einen überregionalen Publikationsanspruch, doch scheint sein Werk nicht in eine breite dauerhafte Repertoiretradition eingegangen zu sein. Nach seinem Tod blieb er vor allem in lokalen Cortoneser Zusammenhängen erinnerbar, während die allgemeine Musikgeschichtsschreibung ihn kaum berücksichtigte.

Die Wiederentdeckung erfolgte durch eine Verbindung von lokaler Geschichtsforschung, Orgelrestaurierung, Edition und Einspielung. Besonders wichtig ist die moderne Ausgabe des Motecta Liber Primus von 2013, die auf der erhaltenen Florentiner Quelle beruht. Hinzu kommen Tonaufnahmen in Cortona, insbesondere im Zusammenhang mit historischen Orgeln und Ensembles für Alte Musik.

Für die heutige Forschung ist Amadei ein Beispiel dafür, wie viele frühbarocke Kirchenmusiker erst dann angemessen sichtbar werden, wenn lokale Archive, Musikdrucke, historische Orgeln und moderne Editionen gemeinsam betrachtet werden. Sein Rang liegt nicht in einer kanonischen Revolution, sondern in der dichten Verbindung von liturgischer Praxis, regionaler Musikkultur und stilistischem Übergang.

Werk- und Quellenverzeichnis

Das erhaltene Werk Michelangelo Amadeis ist nach heutigem Kenntnisstand sehr schmal, aber klar umrissen. Sicher greifbar sind zwei venezianische Motettendrucke. Der erste Band von 1614 ist vollständig erhalten und umfasst 24 Motetten von einer bis sechs Stimmen mit Orgelbass. Der zweite Band von 1615 umfasst 21 Motetten von einer bis fünf Stimmen mit Bassus ad organum, ist aber durch den Verlust des Cantus-secundus-Stimmbuchs nur teilweise vollständig aufführbar. Ein vollständiges Werkverzeichnis muss deshalb die Sammlungsebene, die Überlieferungslage und die Einzelincipits des zweiten Bandes getrennt ausweisen.

Erhaltene Drucke und Werkträger

Motecta Liber Primus Venedig: Gardano / Bartolomeo Magni, 1614. Vollständiger Druck mit 24 geistlichen Motetten für eine bis sechs Stimmen und Bassus ad organum beziehungsweise Orgelbasso. Die Sammlung ist dem Bischof von Cortona, Filippo Bardi, gewidmet und enthält die wichtige Selbstaussage Amadeis zu Giovanni Bernardino Nanino als Lehrer.
Motecta Liber Secundus Venedig: Gardano / Bartolomeo Magni, 1615. Druck mit 21 Motetten für eine bis fünf Stimmen und Bassus ad organum. Die Sammlung ist Scipione Guerreri gewidmet. Erhalten sind nach der neueren Forschung nur drei Stimmbücher, während der Cantus secundus fehlt; dadurch ist nur Aspice Domine vollständig überliefert.
Moderne Edition des Liber Primus Michelangelo Amadei (1584-1642). Motecta Liber Primus (Venezia, 1614), herausgegeben von Armando Carideo und Gian Carlo Ristori, Latina: Il Levante Libreria Editrice, 2013. Die Edition erschließt die vollständig erhaltene Sammlung neu für Forschung und Aufführungspraxis.
Moderne Einzelstudie zu Aspice Domine Lucia Iijima: Il mottetto Aspice Domine dalla raccolta Motecta liber secundus di Michelangelo Amadei (1615): edizione critica e analisi, Università degli Studi di Padova, 2024/2025. Die Arbeit untersucht den zweiten Band und ediert die vollständig erhaltene Motette Aspice Domine.

Motecta Liber Primus, Venedig 1614

Sammlungstitel Motecta singulis, binis, ternis, quaternis, quinis senisque vocibus una cum gravi voce ad organi sonitum accommodata, Liber Primus.
Druckort und Drucker Venedig, Gardano, unter Bartolomeo Magni, 1614.
Umfang 24 Motetten für eine bis sechs Stimmen mit Bassus ad organum beziehungsweise Orgelbass.
Überlieferung Der Druck ist vollständig erhalten; die bekannten Exemplare werden im Zusammenhang der Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze und der modernen Edition von 2013 ausgewertet.
Widmung Filippo Bardi, Bischof von Cortona. Die Widmung ist für Amadeis Selbstverständnis und für den Hinweis auf Giovanni Bernardino Nanino als Lehrer besonders wichtig.
Funktion Geistliche Motetten für die kirchliche Praxis, vermutlich für liturgische und paraliturgische Aufführungen mit Orgelbasso.
Moderne Rezeption Der Band wurde 2013 durch Armando Carideo und Gian Carlo Ristori ediert und bildet die wichtigste Grundlage für heutige Aufführungen und Einspielungen Amadeis.

Motecta Liber Secundus, Venedig 1615: Einzelincipits

Aspice Domine Motette für eine Tenorstimme und Bassus ad organum. Sie ist die einzige im zweiten Band vollständig überlieferte Komposition und wurde in neuerer Forschung kritisch ediert und analysiert.
Ego autem sicut oliva Motette für zwei Cantus-Stimmen und Bassus ad organum. Der Textbezug liegt im Psalmenbereich und zeigt die liturgisch-biblische Textauswahl der Sammlung.
Audi filia et vide Motette für zwei Cantus-Stimmen und Bassus ad organum. Der Text stammt aus dem Psalmenbereich und gehört zu den zweistimmigen Stücken des Bandes.
Ego sum panis vivus Motette für zwei Cantus-Stimmen und Bassus ad organum. Der Text verweist auf das Johannesevangelium und den eucharistischen Diskurs.
Meditatio cordis mei Motette für zwei Tenorstimmen und Bassus ad organum. Der Text geht auf den Psalmenbereich zurück.
Exaudi Deus Motette für zwei Tenorstimmen und Bassus ad organum. Sie gehört zur Gruppe der zweistimmigen Psalmvertonungen.
Iustus germinabit Motette für zwei Tenorstimmen und Bassus ad organum. Der Text kombiniert beziehungsweise berührt Psalm- und Prophetenstellen.
O Pastor Optime Motette für Cantus und Bassus mit Bassus ad organum. Die Quelle enthält die Angabe In Festo S. Caroli, womit das Stück wahrscheinlich auf die Verehrung des heiligen Karl Borromäus bezogen ist.
Euge serve bone Motette für Cantus und Bassus mit Bassus ad organum. Der Text steht im Zusammenhang des Matthäusevangeliums.
Vos qui reliquistis omnia Motette für Bassus und Tenor mit Bassus ad organum. Der Text beruht auf evangelischen Nachfolge- und Verheißungsmotiven.
Intonuit de caelo Dominus Motette für zwei Bassstimmen mit Bassus ad organum. Der Text verweist auf den Psalmenbereich.
Iste cognovit iustitiam Motette für zwei Bassstimmen mit Bassus ad organum. Sie gehört zu den tiefer disponierten zweistimmigen Stücken des zweiten Bandes.
Virgo Singularis Marianische Motette für drei Cantus-Stimmen und Bassus ad organum. Sie eröffnet die dreistimmige Gruppe mit deutlichem Marienbezug.
Virgo Prudentissima Marianische Motette für drei Cantus-Stimmen und Bassus ad organum. Sie gehört mit Virgo Singularis und Gaude Maria Virgo zu den marianischen Stücken des Bandes.
Gaude Maria Virgo Marianische Motette für drei gleiche Stimmen, in der Quelle als Besetzung mit drei Alt- oder drei Tenorstimmen auswertbar. Sie verstärkt den Marienakzent des zweiten Bandes.
Praeparate corda vestra Motette für drei Tenorstimmen und Bassus ad organum. Der Text steht im Zusammenhang alttestamentlicher beziehungsweise prophetischer Mahnung.
Estote fortes in bello Motette für zwei Tenorstimmen und Bassus mit Bassus ad organum. Die gemischte tiefere Besetzung verleiht dem martialisch klingenden Incipit besondere Klangschwere.
Caro mea vere est cibus Motette für zwei Altstimmen und Bassus mit Bassus ad organum. Der Text stammt aus dem eucharistischen Kontext des Johannesevangeliums.
Simile est Regnum Caelorum Vierstimmige Motette, in der die Quelle eine Besetzung mit vier Cantus- oder vier Tenorstimmen nahelegt. Der Text bezieht sich auf das Matthäusevangelium und die Reich-Gottes-Bildrede.
Iesu Rex admirabilis Vierstimmige Motette für zwei Cantus-Stimmen, Altus und Bassus mit Bassus ad organum. Sie gehört zu den dichter besetzten Stücken des Bandes.
Iesu Decus Angelicum Fünfstimmige Schlussmotette für zwei Cantus-Stimmen, Altus, Tenor und Bassus mit Bassus ad organum. Sie bildet den kontrapunktisch und klanglich reichsten Abschluss des zweiten Bandes.

Überlieferungs- und Forschungskontexte

Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze Zentraler Aufbewahrungsort der bekannten erhaltenen Exemplare beziehungsweise Stimmbücher der Motettendrucke. Für den zweiten Band ist die unvollständige Stimmbuchüberlieferung entscheidend.
Associazione Organi Storici Cortona Lokaler Träger der Wiederentdeckung, Edition und Einspielung Amadeis im Zusammenhang der historischen Orgeln Cortonas.
Orgel Cesare Romani, 1613 Historisches Instrument in Santa Maria Nuova, auf das die moderne Cortoneser Amadei-Rezeption besonders verweist. Es macht den organalen Aufführungskontext von Amadeis Bassus-ad-organum-Praxis anschaulich.
Ensemble Sacri Concenti Ensemble, das im Cortoneser Kontext eine Aufnahme der Motetten von 1614 realisierte und damit Amadeis Musik wieder hörbar machte.
Padua-Studie zu Aspice Domine Neuere wissenschaftliche Arbeit, die den zweiten Band, die Erhaltungslage, die Besetzungen, die Textquellen und die einzige vollständig erhaltene Motette Aspice Domine untersucht.

Sekundärliteratur

  • Carideo, Armando, und Gian Carlo Ristori, Hrsg.: Michelangelo Amadei (1584-1642). Motecta Liber Primus (Venezia, 1614). Latina: Il Levante Libreria Editrice, 2013. Moderne Edition des ersten Motettenbuchs und wichtigste Grundlage für die Wiederaufführung des vollständig erhaltenen Werkkomplexes.
  • Iijima, Lucia: Il mottetto Aspice Domine dalla raccolta Motecta liber secundus di Michelangelo Amadei (1615): edizione critica e analisi. Università degli Studi di Padova, Dipartimento dei Beni Culturali, 2024/2025. Aktuelle wissenschaftliche Arbeit zum zweiten Motettenbuch, zur Überlieferungslage und zur einzigen vollständig erhaltenen Motette Aspice Domine.
  • Lindner, Thomas: Artikel „Amadei, Michelangelo“ in: MGG Online. Fachlexikalische Grundlage zu Lebensdaten, Cortona, Nanino-Hinweis, Amt und Werküberlieferung.
  • Ristori, Gian Carlo: Beiträge zur Musikgeschichte Cortonas und zur Wiederentdeckung Michelangelo Amadeis. Lokale Forschung, die Amadei wieder in den Zusammenhang von Cortona, Santa Maria Nuova, Kathedralmusik und historischen Orgeln stellt.
  • Ristori, Gian Carlo, und Francesco Tasini: Antichi Organi della città di Cortona (XV-XIX secolo). Camucia di Cortona: Tiphys, 2011. Kontextliteratur zu den historischen Orgeln Cortonas und damit zum instrumentalen Umfeld von Amadeis Kirchenmusik.
  • Sartori, Claudio: Studien zum italienischen Musikdruck und zu Bartolomeo Magni. Hilfreich für die Einordnung der venezianischen Gardano-Drucke von 1614 und 1615.
  • Toffetti, Marina, und Mariateresa Storino: Con molta espressione: la scrittura musicale dal Seicento all’Ottocento. Lucca: Libreria Musicale Italiana, 2024. Kontext für die Analyse frühneuzeitlicher Notation, Schriftlichkeit und musikalischer Ausdruckspraxis.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Accademia degli Uniti Cortoneser Akademiekontext, in dem Amadei in der Überlieferung als Mitglied erscheint.
  • Motecta Liber Primus Erster Motettendruck Michelangelo Amadeis, 1614 in Venedig erschienen und vollständig erhalten.
  • Motecta Liber Secundus Zweiter Motettendruck Amadeis von 1615, quellenkundlich wichtig wegen der unvollständigen Stimmbuchüberlieferung.
  • Aspice Domine Einzige im zweiten Motettenbuch vollständig überlieferte Motette Amadeis für Tenor und Bassus ad organum.
  • Filippo Bardi Bischof von Cortona und Widmungsträger des ersten Motettenbuchs Amadeis.
  • Bartolomeo Magni Venezianischer Musikdrucker im Gardano-Umfeld, bei dem Amadeis Motettensammlungen erschienen.
  • Basso continuo Frühbarocke Begleit- und Satzpraxis, die Amadeis Motetten durch den Bassus ad organum prägt.
  • Cantus Hohe Vokalstimme und Stimmbuchbezeichnung, wichtig für die Überlieferung der Amadei-Drucke.
  • Cortona Geburts-, Wirkungs- und Sterbeort Michelangelo Amadeis sowie Zentrum seiner kirchenmusikalischen Tätigkeit.
  • Frühbarock Stilepoche, in der Amadeis Motetten zwischen alter Polyphonie und neuer Generalbasspraxis stehen.
  • Gardano Venezianische Musikdruckertradition, in deren Umfeld Amadeis Motettendrucke von 1614 und 1615 erschienen.
  • Geistliche Musik Übergreifender Gattungsbereich von Amadeis erhaltenem Werk.
  • Giovanni Bernardino Nanino Römischer Komponist und von Amadei selbst genannter Lehrer.
  • Italienischer Musikdruck Publikations- und Verbreitungsform, ohne die Amadeis Werk kaum überregional greifbar geworden wäre.
  • Kapellmeister Amtliche Rolle, die Amadei an der Kathedrale von Cortona ausübte.
  • Kirchenmusik Institutioneller und liturgischer Rahmen von Amadeis Kompositionen.
  • Motette Geistliche Vokalgattung, in der Amadeis gesamtes erhaltenes Werk steht.
  • Giovanni Bernardino Nanino Alternative Linkform für den Lehrer Amadeis in der römischen Kirchenmusiktradition.
  • Orgel Instrumentaler Kern des Bassus-ad-organum-Satzes in Amadeis Motetten.
  • Palestrina-Stil Römisch-kontrapunktischer Stilkontext, der über Nanino für Amadeis Ausbildungshorizont wichtig ist.
  • Santa Maria Nuova in Cortona Kirche, mit der Amadei als Kanoniker und Organist verbunden war.
  • Scipione Guerreri Widmungsträger des zweiten Motettenbuchs von 1615.
  • Venedig Druckort der beiden erhaltenen Amadei-Sammlungen und Zentrum des italienischen Musikdrucks.
  • Vokalpolyphonie Satztradition, auf deren Grundlage Amadeis Motetten komponiert sind.