Filippo Amadei

Italienischer Komponist und Cellist; auch Amadio, genannt Pippo, identisch mit Filippo Mattei; geboren um 1675 in Reggio Emilia, gestorben nach 1729, vermutlich in Rom.

Überblick

Filippo Amadei, auch Filippo Amadio, genannt Pippo, Pippo del Violoncello oder Pippo del Violone, ist mit dem in älterer Überlieferung als Filippo Mattei bezeichneten Musiker zu identifizieren. Er war ein italienischer Komponist und Cellist, der im römischen Musikleben um 1700 und in der Londoner Oper der frühen 1720er Jahre hervortrat. Als Hauptansatz dieser Seite gilt die vom Lemma vorgegebene Datierung: geboren um 1675 in Reggio Emilia, gestorben nach 1729, vermutlich in Rom.

Amadeis Bedeutung liegt an einer Schnittstelle von italienischer Oper, Oratorium, Serenata, römischer Kardinalspatronage und professioneller Instrumentalpraxis. Er war nicht nur Komponist, sondern vor allem ein bedeutender Violoncellist beziehungsweise Violonespieler. Seine Beinamen zeigen, dass er als Instrumentalist weithin bekannt war. Der Name Pippo del Violoncello bezeichnet nicht ein beiläufiges Attribut, sondern eine musikalische Identität: Amadei wurde über sein Instrument wahrgenommen.

Zu seinen wichtigsten Werken gehören das Oratorium L’Abelle, die Serenata Amor vince ogni core, das dramma per musica Teodosio il giovane, die Londoner Bearbeitungsbeteiligung an Arsace und der erste Akt von Il Muzio Scevola, jenem berühmten Londoner Gemeinschaftswerk, dessen zweiter Akt von Giovanni Bononcini und dessen dritter Akt von Georg Friedrich Händel stammt. Damit steht Amadei in unmittelbarer Nähe zur Royal Academy of Music und zur frühen italienischen Oper in London.

Kurzdaten

Name Filippo Amadei.
Weitere Namensformen Filippo Amadio, Filippo Mattei, F. Mattei, Pippo, Pippo del Violoncello, Pippo del Violone, Pippo d’Ottoboni, Sigr Pippo.
Identität Filippo Amadei, Filippo Amadio und Filippo Mattei bezeichnen nach heutiger Forschung denselben Musiker; die ältere Trennung in mehrere Personen beruht auf missverstandenen Namensformen und zeitgenössischen Überlieferungsvarianten.
Geboren Um 1675 in Reggio Emilia; einzelne Quellen nennen abweichend Rom und setzen die Geburt früher, etwa um 1665 oder um 1670.
Gestorben Nach 1729, vermutlich in Rom; ältere und moderne Nachschlagewerke nennen auch um 1730 beziehungsweise in Corago-Klammern 1725.
Beruf Komponist, Cellist, Violoncellist, Violonespieler, Opernkomponist, Oratorienkomponist, Kantatenkomponist und Musiker im Dienst römischer Kardinäle sowie der Londoner Royal Academy of Music.
Hauptwirkungsorte Rom, Reggio Emilia, Perugia, Foligno, London, Hamburg und vermutlich wieder Rom.
Wichtige Dienst- und Patronagekontexte Kardinal Benedetto Pamphilj, Kardinal Pietro Ottoboni, Principe Francesco Maria Ruspoli, Royal Academy of Music und King’s Theatre in the Haymarket.
Instrument Violoncello beziehungsweise Violone; Amadei war als Pippo del Violoncello oder Pippo del Violone berühmt.
Wichtige Gattungen Oratorium, dramma per musica, Serenata, Oper, Pasticcio, Kantate, Arie und Basso-continuo-Praxis.
Zentrale Werke Amans delusus, L’Abelle, Amor vince ogni core, Teodosio il giovane, Arsace in Londoner Bearbeitung und Il Muzio Scevola, erster Akt.
Londoner Rang Principal cellist beziehungsweise führender Cellist der Royal Academy of Music und Komponist im Londoner Opernbetrieb der Spielzeit 1720/1721.
Dateiname amadei-filippo.shtml

Quellenlage, Namensformen und Datierung

Die Quellenlage zu Filippo Amadei ist in mehrfacher Hinsicht schwierig. Erstens schwankt die Namensform. In italienischen, deutschen und englischen Quellen begegnen Amadei, Amadio, Mattei und die Beinamen Pippo, Pippo del Violoncello und Pippo del Violone. Die ältere Forschung nahm deshalb zeitweise verschiedene Musiker an. Die heutige quellenkritische Sicht identifiziert diese Formen überwiegend als Varianten einer Person.

Zweitens ist die Datierung nicht einheitlich. Das Lemma setzt Amadei um 1675 in Reggio Emilia geboren und nach 1729 vermutlich in Rom gestorben an. Encyclopedia.com nennt Reggio und eine frühe 1670er Datierung; Corago arbeitet häufig mit der Klammerangabe 1665–1725; Treccani nennt Rom in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Diese Seite folgt im Haupttext der vorgegebenen Reggio-Emilia-Ansatzung, dokumentiert aber die Varianten, weil sie für Bibliotheks-, Archiv- und Normdatensuche relevant bleiben.

Drittens ist das Werkverzeichnis nur teilweise über erhaltene Musik, teilweise über Libretti, Aufführungsdaten, Kataloge und spätere Forschung greifbar. Die römischen Oratorien und Serenaten sind vor allem durch Textdrucke und Aufführungsnachweise belegt. Die Londoner Opernzusammenhänge sind besser dokumentiert, weil die Royal Academy of Music, Händel-Forschung, Librettoüberlieferung und Aufführungsgeschichte eng untersucht wurden. Dennoch bleibt Amadei weniger als eigenständiger Opernkanonist denn als Musiker in Netzwerken sichtbar.

Biographie

Filippo Amadei wurde nach der hier maßgeblichen Ansatzung um 1675 in Reggio Emilia geboren. Über seine Jugend und Ausbildung ist wenig Sicheres bekannt. Seine spätere Stellung als hochgeschätzter Cellist spricht jedoch für eine gründliche instrumentale Ausbildung. Das Violoncello war um 1700 im Begriff, sich aus dem größeren Feld der Bassinstrumente deutlicher als solistisches und continuo-prägendes Instrument herauszubilden. Amadeis Beinamen zeigen, dass er in diesem Prozess eine prominente Rolle spielte.

In Rom trat Amadei im Umfeld großer kirchlicher und aristokratischer Musikzentren hervor. Die Namen Benedetto Pamphilj, Pietro Ottoboni und Francesco Maria Ruspoli sind für seine Laufbahn entscheidend. Diese römischen Mäzene unterhielten nicht nur private Kapellen, sondern prägten Oper, Oratorium, Kantate, Akademie und Instrumentalmusik. Amadei war als Instrumentalist und Komponist Teil dieser Kultur.

Zu den frühen gesicherten Kompositionszeugnissen gehört Amans delusus, ein Oratorium von 1699 für das Oratorium der Arciconfraternita del Santissimo Crocifisso in San Marcello in Rom. Es folgten L’Abelle, 1708 im Palazzo della Cancelleria aufgeführt, Amor vince ogni core, 1710 in Perugia, und Teodosio il giovane, 1711 wiederum im Palazzo della Cancelleria. Diese Werke zeigen Amadei im römisch-mittelitalienischen Bereich als Komponisten geistlicher, moralischer und dramatisch-höfischer Vokalmusik.

Spätestens 1719 war Amadei in London. Er gab dort Konzerte unter dem Namen Sigr Pippo und wurde 1720 Mitglied des Orchesters der neu gegründeten Royal Academy of Music. In diesem Zusammenhang wurde er als Cellist und Komponist wichtig. Die Royal Academy war die wichtigste Institution der italienischen Oper in London und brachte Händel, Bononcini, Senesino, Margherita Durastanti, Anastasia Robinson, Giuseppe Maria Boschi und andere Sänger- und Komponistenfiguren zusammen.

1721 war Amadei an zwei Londoner Opernereignissen beteiligt. Bei Arsace, einer Londoner Revision von Giuseppe Maria Orlandinis Amore e maestà, erscheint er als weiterer Komponist. Bei Il Muzio Scevola schrieb er den ersten Akt; Bononcini komponierte den zweiten, Händel den dritten. Danach kehrte Amadei um 1724 beziehungsweise in den 1720er Jahren nach Rom zurück und ist dort wieder im Umfeld Ottobonis bis 1729 greifbar. Sein genauer Tod bleibt ungesichert.

Rom, Kardinalshöfe und Violoncello-Praxis

Rom war um 1700 eines der wichtigsten europäischen Zentren für Musikpatronage. Da öffentliche Opernaufführungen in Rom wiederholt kirchenpolitischen Einschränkungen unterlagen, entwickelten sich Oratorium, Serenata, Akademie, Palastaufführung und halbprivate Musikpflege besonders stark. Für einen Musiker wie Amadei bedeutete dies: Karriere entstand nicht primär über ein öffentliches Stadttheater, sondern über adelige und kirchliche Patronagehäuser.

Als Cellist gehörte Amadei in eine römische Bassinstrumententradition, die für die Entwicklung des Violoncellos entscheidend war. Die Bezeichnung Pippo del Violoncello beziehungsweise Pippo del Violone weist auf einen Musiker hin, dessen instrumentale Identität so ausgeprägt war, dass sie seinen Namen überlagerte. In der römischen Praxis war das Bassinstrument nicht nur Fundament des Basso continuo, sondern konnte auch virtuose und solistische Bedeutung gewinnen.

Die Nähe zu Arcangelo Corelli, zur römischen Kirchen- und Palastmusik und zu den Kardinalshöfen ordnet Amadei in eine musikalische Kultur ein, in der Instrumentalisten, Sänger, Komponisten, Librettisten und Mäzene eng verflochten waren. Seine Laufbahn ist daher nicht isoliert als Komponistenbiographie zu lesen, sondern als Beispiel für die Mehrfachrolle des barocken Berufsmusikers.

Ottoboni, Pamphilj, Ruspoli und römische Musikpatronage

Die römischen Kardinalshöfe waren für Amadei entscheidend. Kardinal Benedetto Pamphilj, Kardinal Pietro Ottoboni und Principe Francesco Maria Ruspoli gehörten zu den bedeutendsten Förderern der Musik um 1700. Sie ermöglichten Oratorien, Kantaten, Akademien, geistliche Aufführungen und instrumental besetzte Festmusiken. In ihren Kreisen begegneten Komponisten und Musiker wie Alessandro Scarlatti, Arcangelo Corelli, Georg Friedrich Händel, Bernardo Pasquini, Giovanni Lorenzo Lulier, Francesco Gasparini und andere.

Amadei war in diesen Kontexten als Cellist und Komponist präsent. Die Quellen nennen ihn im Umfeld Pamphiljs, Ottobonis und Ruspolis; besonders der Beiname Pippo d’Ottoboni zeigt die enge Wahrnehmung seines Namens in Verbindung mit dem römischen Kardinal. Amadeis römische Werke sind daher nicht nur musikalische Einzelleistungen, sondern Teil eines Patronagesystems, in dem Auftrag, Widmung, Aufführung, Druck und soziale Stellung ineinandergreifen.

Das Oratorium Teodosio il giovane von 1711 ist hier besonders aussagekräftig, weil es im Palazzo della Cancelleria aufgeführt wurde und mit Pietro Ottoboni als Librettisten verbunden ist. Amadei erscheint nicht nur als Handwerker der Vertonung, sondern als musikalischer Partner einer aristokratisch-geistlichen Kultur, in der historische und moralische Stoffe im Palasttheater dramatisch ausgestaltet wurden.

London, Royal Academy of Music und King’s Theatre

Amadeis Londoner Phase gehört zu den wichtigsten Abschnitten seiner Laufbahn. Die Royal Academy of Music, 1719/1720 als Opernunternehmen gegründet, sollte die italienische Oper in London institutionell festigen. Händel war musikalischer Direktor beziehungsweise zentrale Komponistenfigur, Bononcini wurde als italienischer Gegenpol hoch geschätzt, und Sänger wie Senesino bestimmten die öffentliche Wahrnehmung. In diesem Betrieb war Amadei als Cellist und Komponist tätig.

Die Bezeichnung Sigr Pippo in Londoner Konzertkontexten verweist auf seine Bekanntheit als Virtuose. Sein Rang als Cellist erklärt auch, warum er für die Royal Academy nicht nur als Orchestermusiker, sondern auch als Komponist in Frage kam. Er gehörte nicht zu den Hauptkomponisten des Londoner Opernkanons, aber er besaß genug Ansehen, um in einer zentralen Spielzeit mit Arsace und Muzio Scevola hervorzutreten.

Arsace war eine Londoner Revision von Orlandinis Amore e maestà. Corago weist Orlandini als Hauptkomponisten und Amadei als weiteren Komponisten aus. Die Rolle des berühmten Kastraten Senesino war dabei zentral. Amadeis Beteiligung zeigt, wie Opernpraxis um 1720 funktionierte: Werke wurden angepasst, erweitert, neu instrumentiert, mit neuen Arien versehen und auf konkrete Sänger zugeschnitten.

Il Muzio Scevola und das Komponistenpasticcio von 1721

Il Muzio Scevola ist Amadeis bekanntester musikhistorischer Berührungspunkt. Das Werk wurde am King’s Theatre in the Haymarket in London 1721 uraufgeführt. Paolo Antonio Rolli verfasste das Libretto nach einem Stoff um den römischen Helden Mucius Scaevola. Die Besonderheit liegt in der Aufteilung der Komposition: Amadei schrieb den ersten Akt, Giovanni Bononcini den zweiten und Georg Friedrich Händel den dritten.

Diese Arbeitsteilung wirkt aus heutiger Sicht ungewöhnlich, war aber im europäischen Opernbetrieb nicht grundsätzlich fremd. In London erhielt sie besondere Brisanz, weil Händel und Bononcini von Publikum und Parteigängern als rivalisierende Komponisten wahrgenommen wurden. Amadei stand dabei nicht einfach am Rand, sondern eröffnete das Werk mit dem ersten Akt. Seine Musik musste die dramatische Welt, die Rollen und die vokale Situation des Werkes etablieren.

Für die Bewertung ist wichtig, dass Muzio Scevola nicht nur als Händel-Werk gelesen werden darf. Händels dritter Akt ist berühmt, aber die Gesamtanlage ist ein Gemeinschaftswerk. Amadeis Anteil dokumentiert den Beitrag eines römisch ausgebildeten, instrumentalkundigen Komponisten zur Londoner Opera seria. Sein erster Akt mag im späteren Kanon weniger präsent sein, gehört aber zum historischen Ereignis des Werkes selbst.

Pippo del Violoncello: Instrumentalist und Continuo-Spezialist

Amadeis Beiname Pippo del Violoncello ist für seine Einordnung entscheidend. Während viele Komponisten des Barock über Kirchenämter, Opernerfolge oder Drucke bekannt sind, erscheint Amadei in den Quellen häufig durch sein Instrument. Das deutet auf eine herausgehobene Stellung als Violoncellist hin. Um 1700 war das Violoncello im Wandel: Es löste sich zunehmend aus älteren Bassinstrumentenfamilien und gewann in italienischen Zentren an technischer und klanglicher Eigenständigkeit.

Als Continuo-Spieler war ein Cellist im Opern- und Oratorienbetrieb zentral. Er stützte Rezitative, begleitete Arien, stabilisierte Ensembles und gab der Musik dramatischen Puls. In der Royal Academy of Music muss Amadeis Rolle als principal cellist nicht unterschätzt werden. Wer im Continuo saß, war nicht bloß Begleiter; er war an der lebendigen Realisierung des dramatischen Tons beteiligt.

Sein kompositorisches Profil dürfte von dieser Praxis geprägt sein. Amadeis Sinn für Gesangslinie, Bassfundament, Affekt, Instrumentalfarbe und bühnentaugliche Dramaturgie lässt sich aus seiner Doppelfunktion erklären. Er war ein Komponist, der den Theaterapparat aus der Perspektive des praktischen Musikers kannte.

Stil, Gattungen und kompositorisches Profil

Amadeis Werk bewegt sich zwischen römischem Oratorium, geistlich-moralischer Allegorie, Serenata, Oper und Londoner Pasticcio-Praxis. Seine Musik steht nicht für eine radikale stilistische Erneuerung, sondern für professionelle Beherrschung der Vokalformen um 1700. Der Affekt wird in Arien, Rezitativen, Continuo-Satz und instrumentaler Rahmung geordnet; die Gattung bestimmt jeweils das Verhältnis von Erzählung, Moral, höfischer Repräsentation und dramatischer Wirkung.

Die römischen Werke zeigen die Nähe zu geistlichen, moralischen und palasttheatralischen Stoffen. L’Abelle ist ein Oratorium über die biblische Abel-Figur; Teodosio il giovane verbindet historische und moralische Dimensionen; Amor vince ogni core führt in die höfische Serenata und die allegorische Liebesdramaturgie. Die Londoner Werke zeigen Amadei dagegen im kommerziell und gesellschaftlich stark aufgeladenen Opernbetrieb.

Als Cellist dürfte er besonders sorgfältig mit Basslinie und Instrumentalfundament gearbeitet haben. Seine Bedeutung liegt daher nicht allein in erhaltenen Partituren, sondern in einer Praxis, in der Komponieren, Begleiten, Anpassen, Bearbeiten und Aufführen ineinandergreifen. Amadei ist ein Beispiel für jenen Typus des barocken Musikers, der nicht streng zwischen Werkurheber und ausführendem Spezialisten getrennt werden kann.

Ausführlicher Kulturüberblick

Filippo Amadei gehört in die europäische Musikkultur um 1700, eine Zeit, in der italienische Vokalmusik international dominierte. Rom, Venedig, Neapel, Florenz, London, Dresden, Hamburg und Wien waren durch Sänger, Instrumentalisten, Libretti, Partituren, Reisende und Mäzene eng miteinander verbunden. Musik war dabei nicht nur Kunst, sondern auch soziale Währung, politisches Prestige, höfische Repräsentation und religiös-moralische Kommunikation.

Rom war für Amadei der wichtigste Ausgangsraum. Die Stadt besaß eine besondere musikalische Struktur. Wegen wechselnder Opernverbote und kirchlicher Regulierung verlagerte sich viel dramatische Musik in Paläste, Oratorien, Akademien und halbprivate Aufführungsräume. Kardinäle wie Ottoboni und Pamphilj waren nicht nur Auftraggeber, sondern kulturelle Strategen. Sie versammelten Musiker, Dichter, Sänger, Instrumentalisten und Maler um sich und machten ihre Häuser zu Zentren barocker Repräsentation.

In diesem Milieu hatte das Oratorium eine besondere Stellung. Es erlaubte dramatische Musik ohne öffentliche Opernbühne und verband religiöse oder moralische Stoffe mit theatralischer Wirkung. Amadeis L’Abelle und Teodosio il giovane sind aus dieser Welt zu verstehen. Sie sind nicht bloß fromme Musik, sondern dramatische, affektgeladene und gesellschaftlich repräsentative Werke für ein gebildetes Publikum.

Die Serenata Amor vince ogni core zeigt eine andere Seite derselben Kultur. Serenaten waren höfische Gelegenheitswerke, in denen Allegorie, Liebe, Mythologie und musikalischer Glanz zusammentrafen. Sie konnten politisch, festlich, dynastisch oder gesellschaftlich aufgeladen sein. Amadei erscheint hier als Komponist, der die Sprache der höfischen Affektdramaturgie beherrschte.

London veränderte den Rahmen. Die Royal Academy of Music war kein römischer Kardinalspalast, sondern ein aristokratisch finanziertes, öffentlich sichtbares Opernunternehmen. Italienische Oper wurde hier zum Gegenstand gesellschaftlicher Mode, politischer Parteibildung, ökonomischen Risikos und künstlerischer Konkurrenz. Sänger wie Senesino wurden zu Stars; Komponisten wie Händel und Bononcini wurden von Anhängern gegeneinander ausgespielt. Amadei trat in diesem Betrieb als Fachmusiker auf, dessen römische Herkunft und instrumentale Autorität nutzbar wurden.

Il Muzio Scevola bündelt diese Situation. Das Werk ist ein Pasticcio besonderer Art, weil nicht nur Arien verschiedener Komponisten zusammengestellt wurden, sondern drei Komponisten je einen Akt neu oder eigens gestalteten. Der Stoff aus der römischen Frühgeschichte, die Londoner Bühne, Rollis Libretto, Senesinos Stimme, Amadeis erster Akt, Bononcinis zweiter Akt und Händels dritter Akt erzeugen eine Oper, die zugleich Kunstwerk, Wettbewerb, Prestigeprojekt und Sängervehikel ist.

Amadeis Karriere zeigt schließlich die Bedeutung des Violoncellos um 1700. Die Geschichte der Oper wird oft über Komponisten und Sänger erzählt; Amadei erinnert daran, dass Instrumentalisten, besonders Continuo-Spieler, den Klang der Aufführung wesentlich prägten. Als Pippo del Violoncello war er nicht nur ein Musiker im Hintergrund, sondern eine bekannte Persönlichkeit. Sein Name steht für die wachsende Virtuosität und Sichtbarkeit des Cellos im römischen und Londoner Musikleben.

Wirkung, Nachruhm und Forschungsstand

Amadeis Nachruhm blieb lange durch Händel überlagert. Wo sein Name heute einem breiteren Publikum begegnet, geschieht dies meist über Muzio Scevola. Dabei wird er oft als der Komponist des ersten Aktes neben Bononcini und Händel genannt. Diese Perspektive ist zwar korrekt, aber verkürzt. Amadei war nicht nur ein Nebenmann Händels, sondern ein römisch geprägter Cellist und Komponist mit eigener Oratorien-, Serenaten- und Opernpraxis.

Die neuere Forschung hat seinen Rang vor allem durch Archivarbeit, Librettoforschung und Studien zur römischen Bassinstrumentenpraxis deutlicher gemacht. Quellen zu Pamphilj, Ottoboni, Ruspoli, Corelli und den römischen Kapellen zeigen, dass Amadei in einem dichten professionellen Netzwerk stand. Die Identifikation mit Amadio und Mattei beseitigt zugleich eine ältere Verwirrung und erlaubt eine geschlossenere Rekonstruktion.

Für das Kulturlexikon ist Amadei besonders wichtig, weil er mehrere historische Felder miteinander verbindet: römische Kardinalskultur, Violoncello-Geschichte, italienisches Oratorium, Londoner Opera seria, Royal Academy of Music, Händel-Rezeption und Pasticcio-Praxis. Sein Werk ist teilweise schmal überliefert, aber seine Position ist kulturgeschichtlich ergiebig.

Werk- und Quellenverzeichnis

Das folgende Werkverzeichnis unterscheidet gesicherte Werke, Bearbeitungs- und Beteiligungswerke, Aufführungs- und Librettozeugnisse sowie unsichere beziehungsweise nur älter überlieferte Zuschreibungen. Da Amadei häufig über Libretti, Aufführungsdaten und Katalogeinträge greifbar ist, werden nicht nur erhaltene Partituren, sondern auch nachweisbare Aufführungsereignisse als Werkzeugnisse geführt.

Gesicherte geistliche, moralische und dramatische Werke

Amans delusus Oratorium, Rom 1699, für das Oratorium der Arciconfraternita del Santissimo Crocifisso in der Kirche San Marcello. Der Textdruck erschien in Rom bei Giovanni Francesco Buagni. Das Werk gehört zu den frühesten bekannten Kompositionen Amadeis.
L’Abelle beziehungsweise L’Abele Oratorium, Rom, Palazzo della Cancelleria, vermutlich 23. Januar 1708. Der Textdruck erschien 1708 in Rom bei Antonio de’ Rossi. Eine spätere Aufführung beziehungsweise Rezeption ist für Foligno am 14. Mai 1713 nachgewiesen.
Amor vince ogni core Serenata beziehungsweise azione drammatica con musica, Perugia, 7. September 1710. Das Libretto stammt von Carlo Doni; die Figuren sind Amore, Venere und Marte. Der Druck erschien 1710 in Perugia bei Costantini.
Teodosio il giovane Dramma per musica, Rom, Palazzo della Cancelleria, 9. Januar 1711. Das Libretto stammt von Pietro Ottoboni. Die genannten Figuren sind Teodosio, Pulcheria, Marciano, Atenaide, Acrisia, Varane, Ariene und Eridione; das Werk enthielt außerdem Balli.

Londoner Opern und Bearbeitungsbeteiligungen

Arsace Tragedia per musica, London, King’s Theatre in the Haymarket, 1. Februar 1721. Hauptkomponist war Giuseppe Maria Orlandini; Amadei erscheint als weiterer Komponist. Die Londoner Fassung geht auf Orlandinis Amore e maestà zurück und wurde für die Royal-Academy-Situation und Senesino angepasst.
Il Muzio Scevola Dramma per musica, London, King’s Theatre in the Haymarket, 15. April 1721. Amadei komponierte den ersten Akt, Giovanni Bononcini den zweiten und Georg Friedrich Händel den dritten. Das Libretto stammt von Paolo Antonio Rolli nach Silvio Stampiglia und dem römischen Mucius-Scaevola-Stoff.
Muzio Scevola, Hamburger Fassung Hamburger Libretto- und Aufführungstradition von 1723, gedruckt bei Caspar Jakhel. Die Hamburger Überlieferung dokumentiert die weitere Zirkulation des Londoner Gemeinschaftswerks im deutschen Opernraum.

Kantaten, Arien und kleinere Vokalwerke

Kantaten Mehrere Kantaten werden in älteren und modernen Nachschlagewerken Amadei zugeschrieben beziehungsweise als Werkgruppe genannt. Ein vollständiger, quellenkritisch gesicherter Katalog der einzelnen Kantatentitel ist nur durch Abgleich von RISM, Bibliothekskatalogen und römischen Handschriftenbeständen zu erstellen.
Arien für Londoner Bearbeitungen Im Zusammenhang von Arsace und der Londoner Opernpraxis sind neu eingefügte oder angepasste Arien wahrscheinlich beziehungsweise in der Forschung diskutiert. Sie gehören weniger zu einem autonomen Druckwerk als zur flexiblen Pasticcio- und Revisionstechnik der Royal Academy of Music.
Continuo- und Instrumentalpraxis Als führender Cellist wirkte Amadei auch an der klanglichen Realisierung zahlreicher Opern- und Oratorienaufführungen mit. Diese Tätigkeit ist werkgeschichtlich nicht als Komposition im engeren Sinn, aber als wesentliche musikalische Praxis zu werten.

Werke mit unsicherer, indirekter oder älterer Überlieferung

Weitere Oratorien Ältere Lexika und Nachweise nennen Amadei als Oratorienkomponisten über die gesicherten Titel hinaus. Ohne eindeutigen Libretto-, Partitur- oder Aufführungsnachweis sollten solche Angaben nur als Werkgruppe, nicht als abgeschlossene Titelliste geführt werden.
Weitere Opern- oder Bühnenbeiträge Amadeis Londoner Stellung macht weitere kleinere Bearbeitungsanteile möglich, doch sind sie nur dann in ein Werkverzeichnis aufzunehmen, wenn Libretto, Partitur oder Royal-Academy-Dokumente eine konkrete Beteiligung nennen.
Filippo Mattei zugeschriebene Werke Da Mattei als Namensvariante Amadeis zu verstehen ist, müssen ältere Mattei-Zuschreibungen einzeln geprüft werden. Nicht jede Mattei-Nennung ist automatisch ein sicherer Werkbeleg, aber die Namensgleichung ist für die Quellenkritik grundlegend.

Wichtige Aufführungsorte und Quellenkontexte

Rom, San Marcello Kontext von Amans delusus und der Arciconfraternita del Santissimo Crocifisso. Der Ort ist für römische Oratorienaufführungen um 1700 wichtig.
Rom, Palazzo della Cancelleria Aufführungsort von L’Abelle 1708 und Teodosio il giovane 1711. Der Palazzo ist eng mit Kardinal Pietro Ottoboni und römischer Palastmusik verbunden.
Perugia Aufführungsort von Amor vince ogni core am 7. September 1710.
Foligno Ort einer späteren Aufführung beziehungsweise Rezeption von L’Abelle am 14. Mai 1713.
London, King’s Theatre in the Haymarket Zentraler Ort von Arsace und Il Muzio Scevola 1721 sowie Bühne der Royal Academy of Music.
Hamburg, Theater am Gänsemarkt Aufführungsort der Hamburger Rezeption von Il Muzio Scevola 1723.
Corago, Universität Bologna Wichtige digitale Datenbank zu Opern, Libretti und Aufführungsereignissen, besonders für L’Abelle, Amor vince ogni core, Teodosio il giovane, Arsace und Il Muzio Scevola.
RISM und Bibliothekskataloge Für die weitere Werkprüfung, Handschriftenrecherche und Zuordnung von Amadei-, Amadio- und Mattei-Quellen unverzichtbar.

Sekundärliteratur

  • Bianconi, Lorenzo, und Giuseppina La Face Bianconi, Hrsg.: I libretti italiani di Georg Friedrich Händel e le loro fonti. Florenz: Olschki, 1996. Grundlegend für Rollis Muzio Scevola-Libretto und seine Quellen.
  • Bucciarelli, Melania: Studien zu Senesino, Royal Academy of Music und Londoner Opernpraxis. Wichtig für die Einordnung von Arsace, Muzio Scevola und Sängerpolitik um 1720.
  • Burrows, Donald: Handel und weitere Arbeiten zur Royal Academy of Music. Kontextliteratur zu Händel, London, Royal Academy und dem Opernbetrieb, in dem Amadei wirkte.
  • Chirico, Teresa: Studien zu Bassinstrumenten und römischer Musikpraxis um Corelli und Ottoboni. Wichtig für Amadei als Pippo del Violoncello und für die römische Violoncello-Geschichte.
  • Dean, Winton, und J. Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. Oxford: Clarendon Press, 1995. Standardwerk zur frühen Opernproduktion Händels, einschließlich Muzio Scevola.
  • Ford, Anthony: „Music and Drama in the Operas of Giovanni Bononcini“, in: Proceedings of the Royal Musical Association 101, 1974/1975. Wichtig für Bononcini, Londoner Oper und den Vergleich der Komponistenanteile in Muzio Scevola.
  • Freeman, Daniel E.: Studien zu Opera seria, Pasticcio und Londoner Operninstitutionen. Kontextliteratur zur Praxis gemeinschaftlicher und bearbeiteter Opern.
  • Harris, Ellen T.: Arbeiten zu Händel, Patronage und italienischer Oper in London. Für die soziale und institutionelle Einordnung der Royal Academy of Music relevant.
  • La Via, Stefano: Studien zu Kardinal Ottoboni und römischer Musikpatronage. Grundlegend für den römischen Mäzenatenkontext, in dem Amadei als Cellist und Komponist wirkte.
  • Lindgren, Lowell: Artikel „Amadei, Filippo“ in internationalen Musiklexika. Fachlexikalische Grundlage zu Biographie, Namensidentität, römischer Tätigkeit und Londoner Oper.
  • Marx, Hans Joachim, und Dorothea Schröder: Die Hamburger Gänsemarkt-Oper. Katalog der Textbücher 1678–1748. Laaber: Laaber, 1995. Wichtig für die Hamburger Libretto- und Aufführungstradition von Muzio Scevola.
  • Nestola, Barbara: „Il Muzio Scevola by Amadei, Bononcini and Händel (London, 1721): a Tribute to a Senesino“. Spezialstudie zur Kompositionsaufteilung, zu Senesino und zu Amadeis erstem Akt.
  • Sartori, Claudio: I libretti italiani a stampa dalle origini al 1800. Cuneo: Bertola & Locatelli, 1990–1994. Zentrales Nachschlagewerk für die Librettoüberlieferung zu Amadeis Bühnenwerken.
  • Strohm, Reinhard: Arbeiten zur italienischen Oper und zum europäischen Musiktheater des frühen 18. Jahrhunderts. Übergreifender Kontext für Pasticcio, Opera seria und transnationale Sänger- und Komponistenmobilität.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Filippo Amadio Namensvariante Filippo Amadeis und wichtiger Suchbegriff für ältere Lexika und Kataloge.
  • Amor vince ogni core Serenata Amadeis von 1710, aufgeführt in Perugia mit Libretto von Carlo Doni.
  • Arsace Londoner Opernrevision von 1721 mit Musik Giuseppe Maria Orlandinis und Beteiligung Filippo Amadeis.
  • Giovanni Bononcini Komponist des zweiten Aktes von Il Muzio Scevola und Rivale Händels im Londoner Opernbetrieb.
  • Carlo Doni Librettist von Amadeis Amor vince ogni core.
  • Pietro Castrucci Violinist im Londoner und italienischen Musikleben, dessen Umfeld mit Amadeis Londoner Weg verbunden ist.
  • Cellist Berufs- und Instrumentalrolle, die für Amadeis Identität als Pippo del Violoncello zentral ist.
  • Arcangelo Corelli Römischer Violinist und Komponist, dessen Umfeld für Amadeis Instrumentalpraxis wichtig ist.
  • Georg Friedrich Händel Komponist des dritten Aktes von Il Muzio Scevola und zentrale Figur der Royal Academy of Music.
  • Il Muzio Scevola Londoner dramma per musica von 1721 mit je einem Akt von Amadei, Bononcini und Händel.
  • Italienische Oper Gattungs- und Kulturrahmen von Amadeis Londoner und römischen Bühnenwerken.
  • King’s Theatre in the Haymarket Londoner Opernbühne, an der Arsace und Il Muzio Scevola 1721 aufgeführt wurden.
  • L’Abelle Oratorium Amadeis, 1708 im Palazzo della Cancelleria in Rom aufgeführt.
  • Londoner Oper Kulturgeschichtlicher Rahmen von Amadeis Tätigkeit an der Royal Academy of Music.
  • Filippo Mattei Ältere Namensform beziehungsweise missverstandene Identität Filippo Amadeis.
  • Mucius Scaevola Römischer Sagenstoff, der dem Libretto von Il Muzio Scevola zugrunde liegt.
  • Opera seria Italienische ernste Opernform, in deren Londoner Entwicklung Amadei mitwirkte.
  • Oratorium Geistlich-dramatische Gattung, in der Amadei mit Amans delusus und L’Abelle hervortrat.
  • Pietro Ottoboni Kardinal, Mäzen, Librettist und zentrale Patronagefigur für Amadeis römische Laufbahn.
  • Benedetto Pamphilj Römischer Kardinal und Musikmäzen, dessen Umfeld für Amadeis frühe Tätigkeit wichtig ist.
  • Pasticcio Opernform beziehungsweise Aufführungspraxis, die für Arsace und Il Muzio Scevola entscheidend ist.
  • Paolo Antonio Rolli Librettist von Il Muzio Scevola und wichtige Figur der italienischen Oper in London.
  • Perugia Aufführungsort von Amadeis Serenata Amor vince ogni core.
  • Pippo del Violoncello Beiname Amadeis und Schlüssel zu seiner Wahrnehmung als berühmter Cellist.
  • Reggio Emilia Nach der Hauptansetzung Geburtsort Filippo Amadeis.
  • Rom Zentraler Wirkungsort Amadeis im Umfeld von Oratorium, Kardinalspatronage und Violoncello-Praxis.
  • Royal Academy of Music, London Operninstitution, in deren Orchester Amadei 1720 als Cellist tätig wurde.
  • Francesco Maria Ruspoli Römischer Fürst und Musikmäzen, dessen Umfeld mit Amadeis Tätigkeit verbunden ist.
  • Senesino Berühmter Kastrat und zentrale Sängerfigur der Londoner Opern, an denen Amadei beteiligt war.
  • Serenata Höfisch-dramatische Vokalgattung, zu der Amadeis Amor vince ogni core gehört.
  • Teodosio il giovane Dramma per musica Amadeis von 1711 auf ein Libretto Pietro Ottobonis.
  • Violoncello Instrument, das Amadeis Ruhm als Pippo del Violoncello begründete.