Kulturlexikon · Sprachform / Italienisch, Pronomen-/Genitivform („eines anderen“, „der anderen“, „fremd-“), Relation und Ethik, Verantwortung und Fremdheit, Dante, Divina Commedia
Altrui
Altrui ist bei Dante ein kleines Wort mit großer ethischer Reichweite. Es bezeichnet „eines anderen“ oder „der anderen“ und tritt oft in prägnanten Fügungen auf (d’altrui, l’altrui, per altrui, in altrui). Gerade dadurch wird in der Commedia sichtbar, dass das Jenseits keine privatistische Innerlichkeit erzählt, sondern eine Ordnung von Beziehungen: Schaden trifft altrui, Worte stammen von altrui, Wohl und Ruin werden am Maßstab altrui gewichtet, und selbst Erkenntnis kann über den „fremden Strahl“ vermittelt sein. Altrui ist das Grammatiksignal dafür, dass das Andere nicht Rand, sondern Prüfstein ist.
1. Grammatikalische Erklärung
Altrui gehört zum Wortfeld von altro („anderer“) und funktioniert im Italienischen häufig als unflektierbare Form, die in der Regel einen Genitiv- oder Possessivwert trägt: „eines anderen“, „der anderen“, „fremd-“. Anders als ein normales Adjektiv passt sich altrui dabei nicht an Numerus und Genus an, sondern bleibt formal stabil und wird durch Artikel und Präpositionen eingebunden: l’altrui („das der anderen / das fremde“), d’altrui („von anderen / eines anderen“), per altrui („für/ durch andere“), in altrui („an/ in einem anderen“).
Gerade diese Stabilität macht das Wort in der Dichtung extrem beweglich. Dante kann altrui sowohl als klaren Besitz-/Zugehörigkeitsmarker setzen („altrui memoria“, „altrui scale“), als auch als ethischen Zielpunkt („fare altrui male“, „satisfare altrui“). Das Wort ist grammatisch klein, aber semantisch ein Relais: Es schaltet Handlungen vom Selbst auf das Gegenüber um.
2. Bedeutungsfelder: Fremdheit, Verantwortung, Maßstab, Vermittlung
Ein erstes Bedeutungsfeld ist Fremdheit. Altrui markiert das, was nicht „mein“ ist: fremde Glieder, fremde Gestalt, fremde Worte, fremde Scham. Bei Dante ist diese Fremdheit nie rein sozialpsychologisch, sondern in eine Ordnungslogik eingebettet: Das Fremde konfrontiert, begrenzt, korrigiert, entlarvt.
Ein zweites Feld ist Verantwortung beziehungsweise Wirkung. Viele Belege drehen sich um Schaden und Leid, die einem anderen zugefügt werden, oder um das Gut, das anderen zugutekommt. Hier wird altrui zum moralischen Prüfstein: Nicht das Selbstgespräch entscheidet, sondern die Relation, das Verletzen, das Genügen-tun, das Trösten, das Heilen.
Ein drittes Feld ist Maßstab und Urteil. Die Commedia arbeitet ständig mit Vergleichen, Zurechnungen und Zuschreibungen. Altrui zeigt, wo Schuld fälschlich zugeschrieben wird, wo jemand andere schilt oder einschließt, wo es „einem anderen gefällt“ und damit die eigene Bewegung fremdbestimmt ist. Das Wort markiert also auch die Zone, in der das Selbst nicht autonom ist, sondern von anderen abhängig oder von anderen bestimmt.
Ein viertes Feld ist Vermittlung, besonders im Purgatorio und Paradiso. Wenn ein „fremder Strahl“ sich in einem Wesen spiegelt und zurückströmt, dann wird Erkenntnis als Beziehung gedacht: Licht ist nicht nur Ursprung, sondern Zirkulation; das Eigene leuchtet im Fremden und durch das Fremde.
3. Altrui als Erzähltechnik: Ethik wird Grammatik
Dante braucht keine langen moralphilosophischen Ausführungen, um die Relation als Kern seiner Ordnung zu markieren. Er setzt altrui, und die Szene kippt sofort vom isolierten Subjekt in ein Feld von Wirkungen: Wer „altrui contrista“, macht nicht abstrakt „Böses“, sondern trifft konkret ein Gegenüber; wer „mostri altrui“ einen Weg zeigt, öffnet Weitergabe und Verantwortung; wer „per altrui raggio“ sieht, erlebt Vermittlung statt Selbstgenügsamkeit.
Gerade im Inferno wird diese Grammatik scharf: Gewalt und Betrug werden als Handlungen definiert, die altrui treffen, und das Strafsystem spiegelt diese Relationen in Körperbildern (fremde Glieder, fremde Formen, fremde Zuschreibungen). Im Purgatorio verschiebt sich der Akzent: Das Andere wird zum Ort von Mitleid, Heilung, Beobachtung und moralischer Rekalibrierung. Im Paradiso schließlich kann altrui sogar die Struktur des Lichts und der Erkenntnis markieren, wenn das Eigene im fremden Strahl reflektiert und zurückgeführt wird.
4. Fundstellen in der Divina Commedia
che mena dritto altrui per ogne calle. 1-01-018
der andere auf jedem Weg gerade führt.
non lascia altrui passar per la sua via, 1-01-095
lässt niemanden auf ihrem Weg vorüber,
c’hanno potenza di fare altrui male; 1-02-089
die die Macht haben, einem anderen Schaden zuzufügen;
o per altrui, che poi fosse beato?». 1-04-050
oder durch das Verdienst eines anderen, sodass er selig wurde?
priegoti ch' a la mente altrui mi rechi : 1-06-089
bitte ich dich, dass du mich ins Gedächtnis der anderen bringst;
de l'acqua piú che non suol con altrui. 1-08-030
durch das Wasser mehr, als es sonst bei anderen geschieht.
o con forza o con frode altrui contrista. 1-11-024
macht durch Gewalt oder durch Betrug einen anderen unglücklich.
qual che per violenza in altrui noccia. » 1-12-048
jeder, der durch Gewalt einem anderen schadete.
rispuoser tutti, « il satisfare altrui, 1-16-080
antworteten sie alle: ‚anderen Genüge zu tun,‘
ch' io mostri altrui questo cammin silvestro. » 1-21-084
damit ich einem anderen diesen wilden Weg zeige.
e falsamente già fu apposto altrui. 1-24-139
und die Schuld wurde einst fälschlich einem anderen zugeschrieben.
per l'altrui membra avviticchiò le sue. 1-25-060
ihre eigenen Glieder um die fremden Glieder schlang.
e la prora ire in giù, com' altrui piacque, 1-26-141
und den Bug nach unten sinken, wie es einem anderen gefiel,
e va rabbioso altrui così conciando. » 1-30-033
und er geht wütend umher und richtet andere so zugrunde.
falsificando sé in altrui forma, 1-30-041
indem sie sich selbst in fremder Gestalt verfälschte,
come 'l suo ad altrui, ch' a nullo è noto. » 1-31-081
wie seine für die anderen, die niemand kennt.“‹
Qual se' tu che così rampogni altrui?. 1-32-087
‚Wer bist du, der du andere so schiltst?‘
percotendo», rispuose, « altrui le gote, 1-32-089
und dabei anderen ins Gesicht schlägst“, antwortete er,
e che conviene ancor ch' altrui si chiuda, 1-33-024
und der noch immer andere einschließen muss.
Quivi mi cinse sí com' altrui piacque : 2-01-133
„Dort umgürtete er mich, so wie es einem anderen gefiel;“
che suole a riguardar giovare altrui. 2-04-054
„was gewöhnlich dem Betrachten gut tut.“
d'altrui, o non sarria ché non potesse?. » 2-07-051
„durch jemand anderen, oder weil er es nicht vermöchte?“
e che non move bocca a li altrui canti, 2-07-093
„und der den Mund nicht bewegt zu den Gesängen der anderen,“
con maggior chiovi che d'altrui sermone, 2-08-138
„mit stärkeren Nägeln als durch fremde Worte,“
la ti farà» ; ed ella : « L'altrui bene 2-10-089
„‚der wird sie dir verschaffen‘; und sie: ‚Was bedeutet dir das Wohl der anderen‘“
se non che ' cenni altrui sospecciar fanno ; 2-12-129
„außer dass die Zeichen anderer sie misstrauisch machen.“
lo monte che salendo altrui dismala. 2-13-003
„der Berg, der, indem man ihn besteigt, andere von ihrem Übel heilt.“
perché 'n altrui pietà tosto si pogna, 2-13-064
„damit sich im Anderen rasch das Mitleid entzünde,“
veggendo altrui, non essendo veduto : 2-13-074
„indem ich andere sah, ohne selbst gesehen zu werden:“
fossi chiamata, e fui de li altrui danni 2-13-110
„so genannt wurde ich, und ich freute mich an den Schäden der anderen“
quando di gran dispetto in altrui nacque, 2-15-096
„wenn aus großem Unrecht an einem anderen er entstanden ist,“
sì ch' io la veggia e ch' io la mostri altrui ; 2-16-062
„damit ich sie selbst erkenne und sie anderen zeigen kann;“
madre, a la tua pria ch' a l'altrui ruina. » 2-17-039
„Mutter, über deinen Untergang mehr als über den der anderen.“
e tal convien che 'l male altrui impronti. 2-17-123
„und ein solcher muss dem anderen Schaden zufügen.“
che non farebbe, per altrui cagione. 2-24-009
als sie es täte – aus einem Grund, der von einem anderen herrührt.
sovr' altrui sangue in natural vasello. 2-25-045
auf anderes Blut in einem natürlichen Gefäß.
per l'altrui raggio che 'n sé si reflette, 2-25-092
durch den fremden Strahl, der sich in ihr widerspiegelt,
con l'affermar che fa credere altrui. 2-26-105
mit einer Bekräftigung, die andere überzeugt.
Poi, forse per dar luogo altrui secondo 2-26-133
Dann, vielleicht um einem anderen den Platz zu überlassen,
che toglie altrui memoria del peccato ; 2-28-128
die dem Menschen die Erinnerung an die Sünde nimmt;
questi si tolse a me, e diessi altrui. 2-30-126
ma fa sua voglia de la voglia altrui 2-33-131
fan di Cain favoleggiare altrui?. » 3-02-051
e indi l'altrui raggio si rifonde 3-02-088
la violenza altrui per qual ragione 3-04-020
che si vela a' mortai con altrui raggi. » 3-05-129
qual si fa danno del ben fare altrui. 3-06-132
per lui, o per altrui, sí ch' a sua barca 3-08-080
le nozze süe per li altrui conforti ! 3-16-141
lo pane altrui, e come è duro calle 3-17-059
lo scendere e 'l salir per l'altrui scale. 3-17-060
o de la propria o de l'altrui vergogna 3-17-125
Ma rivolgiti omai inverso altrui ; 3-22-019
in te e in altrui di ciò conforte, 3-25-045
e in altrui vostra pioggia repluo. » 3-25-078
di sé sicura, e per l'altrui fallanza, 3-27-032
d'altrui lume fregiati e di suo riso, 3-31-050
ma per l'altrui, con certe condizioni : 3-32-043
Die Fundstellen zeigen, wie konsequent Dante mit altrui eine Ethik der Beziehung in die Syntax einbaut. Im Inferno steht das Wort häufig dort, wo Schaden, Gewalt, Betrug und Zurechnung verhandelt werden: Man tut altrui weh, man macht altrui unglücklich, man schreibt Schuld fälschlich altrui zu, man schilt altrui oder schlägt altrui ins Gesicht. Das Gegenüber ist hier der Ort, an dem die Sünde konkret wird. Zugleich gibt es schon dort eine Gegenbewegung: „satisfare altrui“ oder „mostri altrui“ weisen darauf hin, dass das Jenseits nicht nur Strafe, sondern auch Ordnung der Verantwortung ist.
Im Purgatorio verschiebt sich das Profil: altrui wird zum Medium der Läuterung, des Mitgefühls und der Heilung („salendo altrui dismala“), aber auch zum Ort von Neid und Misstrauen („cenni altrui“). Besonders dicht sind die Belege, in denen das Fremde als Vermittlung erscheint: der „fremde Strahl“ (altrui raggio) und das Licht der anderen (d’altrui lume) machen sichtbar, dass Erkenntnis nicht als isolierte Besitzform, sondern als Relation gedacht wird. Im Paradiso kann das Wort schließlich in eine nahezu reine Form der Beziehungslogik übergehen: Das Eigene und das Fremde werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern ineinander reflektiert und zurückgeführt. So zeigt altrui quer durch die drei Cantiche, dass Dantes Ordnung immer dort greift, wo das Selbst am Anderen gemessen wird.
Fazit
Altrui ist in der Divina Commedia ein Schlüsselwort der Relation. Als Genitiv-/Possessivform („eines anderen“, „der anderen“, „fremd-“), oft in d’altrui und l’altrui, markiert es das Gegenüber als Ort von Verantwortung, Maß und Wirkung. In der Hölle zeigt es die konkrete Schadensrelation, im Fegefeuer tritt es als Medium von Mitleid, Heilung und Selbstkorrektur hervor, und im Paradies kann es sogar die Licht- und Erkenntnisvermittlung anzeigen. Wer Dante liest, liest mit altrui die Grammatik einer Ethik: Das Eigene wird am Anderen sichtbar.