Johann Ernst Altenburg

Trompeter, Organist, Komponist und Musiktheoretiker; geboren am 15. Juni 1734 in Weißenfels, gestorben am 14. Mai 1801 in Bitterfeld.

Überblick

Johann Ernst Altenburg war ein deutscher Trompeter, Organist, Komponist und Musiktheoretiker des 18. Jahrhunderts. Er wurde am 15. Juni 1734 in Weißenfels geboren und starb am 14. Mai 1801 in Bitterfeld. Seine musikhistorische Bedeutung beruht vor allem auf der 1795 in Halle erschienenen Schrift Versuch einer Anleitung zur heroisch-musikalischen Trompeter- und Pauker-Kunst, die Geschichte, Standesordnung, Spielpraxis, Theorie, technische Regeln und musikalische Beispiele der alten Trompeterkunst zusammenführt.

Altenburg steht an einer Übergangsstelle. Einerseits gehört er noch zur Welt der privilegierten Hoftrompeter, Feldtrompeter und Heerpauker, deren Kunst seit der Frühen Neuzeit mit Hof, Militär, Zeremoniell, Rang und Repräsentation verbunden war. Andererseits lebte er in einer Zeit, in der diese alte ständische Ordnung bereits verfiel. Die Clarinblaskunst, also das hohe, virtuose Spiel auf der Naturtrompete, hatte ihren institutionellen Glanz verloren, und die Musikpraxis bewegte sich auf neue Formen von Konzert, bürgerlicher Öffentlichkeit, Militärmusik und später chromatisch flexibleren Blechblasinstrumenten zu.

Sein Lebensweg macht diese Spannung deutlich. Obwohl er aus einer angesehenen Trompeterfamilie stammte und von seinem Vater Johann Kaspar Altenburg ausgebildet wurde, fand er offenbar keine dauerhaft gesicherte Anstellung als Trompeter. Nach Wanderjahren, Kriegsdienst und weiterer musikalischer Ausbildung wurde er Organist, zunächst in Landsberg bei Halle und später in Bitterfeld. Der große Trompetertraktat entstand daher nicht aus der Position eines erfolgreichen höfischen Virtuosen, sondern aus einer rückblickenden, bewahrenden und zugleich persönlich betroffenen Perspektive. Altenburg schrieb als letzter großer Zeuge einer Kunst, deren sozialer Rahmen bereits zerfiel.

Kurzdaten

Name Johann Ernst Altenburg.
Geboren 15. Juni 1734 in Weißenfels.
Gestorben 14. Mai 1801 in Bitterfeld.
Beruf Trompeter, Organist, Komponist, Musiktheoretiker und Autor eines grundlegenden Traktats zur heroisch-musikalischen Trompeter- und Paukerkunst.
Konfession Evangelisch.
Vater Johann Kaspar Altenburg, Konzerttrompeter beziehungsweise Hoftrompeter in Weißenfels.
Familientradition Altenburg entstammte einer Musiker- und Theologenfamilie; als Urgroßvater wird der Theologe und Komponist Michael Altenburg genannt.
Ausbildung Frühe Trompeterlehre beim Vater; später Orgelunterricht beziehungsweise musikalische Weiterbildung unter anderem im Umfeld von Johann Theoderich Römhild und Johann Christoph Altnikol.
Wirkungsorte Weißenfels, Landsberg bei Halle und Bitterfeld; darüber hinaus Wanderjahre und Kriegsdienst.
Hauptwerk Versuch einer Anleitung zur heroisch-musikalischen Trompeter- und Pauker-Kunst, Halle 1795.
Weitere Werke Sei sonate per il cembalo solo; Concerto a VII clarini con tymp.; Marsch; Minuetto; verschiedene musikalische Beispiele innerhalb des Trompeter- und Paukertraktats.
Musikhistorischer Rang Altenburg gilt als einer der wichtigsten Überlieferer der alten Trompeter- und Paukerkunst und als zentrale Quelle für Naturtrompete, Clarinblasen, Trompeterprivilegien und frühneuzeitliche Bläserpraxis.
Normdaten GND 108138054; VIAF 5116762.
Dateiname altenburg-johann-ernst.shtml

Quellenlage und Geburtsdatierung

Die Quellenlage zu Johann Ernst Altenburg ist in einem Punkt besonders erklärungsbedürftig. Altenburg selbst gab in einer eigenen Lebensbeschreibung sein Geburtsjahr irrtümlich mit 1736 an. Aufgrund der Eintragung im Weißenfelser Taufbuch besteht nach der neueren Forschung jedoch kein Zweifel daran, dass er am 15. Juni 1734 geboren wurde. Bernhard Kitzig hat diesen Sachverhalt 1935 quellenkritisch hervorgehoben. Für den Kulturlexikon-Eintrag ist deshalb das Jahr 1734 maßgeblich, während die ältere oder autobiographische Angabe 1736 nur als Irrtum der Selbstüberlieferung zu nennen ist.

Auch die Bewertung Altenburgs hängt stark von der Art der Quellen ab. Sein Hauptwerk ist zugleich Lehrbuch, Geschichtswerk, Standesschrift, Rechtfertigung der alten Trompeterkunst und persönliches Dokument. Es bewahrt wertvolle Informationen, ist aber nicht neutral im modernen Sinn. Altenburg schreibt aus der Perspektive eines Mannes, der den sozialen Niedergang der Kunst, aus der er stammt, als Verlust erfährt. Die Schrift ist daher Quelle und Deutung zugleich.

Die biographischen Grunddaten werden durch mehrere moderne Nachweissysteme bestätigt: Deutsche Biographie, Sächsische Biografie, Kalliope und internationale Normdaten führen Johann Ernst Altenburg als 1734 in Weißenfels geborenen und 1801 in Bitterfeld gestorbenen Musiker, Organisten und Trompeter. Für das Werk sind Digitalisate, bibliographische Kataloge und moderne Editionen wichtig, besonders der Originaldruck von 1795, der Neudruck von 1911 und die englische Übersetzung durch Edward H. Tarr.

Biographie

Johann Ernst Altenburg wurde am 15. Juni 1734 in Weißenfels geboren. Die Stadt war im frühen 18. Jahrhundert durch die Hofhaltung Sachsen-Weißenfels geprägt. Diese Umgebung war für Altenburgs Herkunft entscheidend, denn sein Vater Johann Kaspar Altenburg stand als Trompeter in höfisch-militärischen Diensten. Schon sehr früh wurde Johann Ernst formell in die Trompeterlehre des Vaters aufgenommen. Dass dies bereits im Kindesalter geschah, verweist weniger auf eine moderne Vorstellung musikalischer Früherziehung als auf die ständisch-handwerkliche Ordnung der Trompeterkunst, in der Lehrverhältnisse, Privilegien und Berufserwartungen institutionell festgelegt waren.

Nach der langen Ausbildung wurde Altenburg als Trompeter freigesprochen. Eine gesicherte Anstellung als Trompeter konnte er jedoch offenbar nicht dauerhaft gewinnen. Diese Tatsache ist biographisch und kulturgeschichtlich bedeutsam. Altenburg war in eine Kunst hineingeboren worden, deren alte soziale Voraussetzungen schwanden. Die Trompeterprivilegien bestanden noch, doch ihre praktische Tragfähigkeit nahm ab. Der Weg, den sein Vater innerhalb der Hof- und Militärmusik hatte gehen können, stand dem Sohn nicht mehr im gleichen Maß offen.

Altenburg wandte sich deshalb zunehmend anderen musikalischen Tätigkeiten zu. Er bildete sich als Organist weiter, unter anderem bei Johann Theoderich Römhild, dem Merseburger Domorganisten, und bei Johann Christoph Altnikol, dem Naumburger Stadtorganisten und Bach-Schüler. Diese Ausbildung verbindet Altenburg mit der mitteldeutschen Orgel- und Kirchenmusiktradition. Aus dem Trompeter wurde damit kein bloßer Nebenorganist, sondern ein Musiker, der höfische Bläserkunst, militärische Signalkultur, Kirchenmusik und Tasteninstrumentenpraxis in einer Person verband.

Nach Jahren der Wanderschaft und des Kriegsdienstes erhielt Altenburg 1767 eine Organistenstelle in Landsberg bei Halle. Um 1769 kam er nach Bitterfeld, wo er als Organist wirkte und bis zu seinem Tod blieb. Die Bitterfelder Stellung war finanziell offenbar bescheiden. Mehrere biographische Darstellungen betonen, dass Altenburg zunehmend in Armut geriet. Diese soziale Lage verschärft den Kontrast zwischen dem heroischen Anspruch seines Hauptwerks und der tatsächlichen Lebenswirklichkeit seines Autors.

1795 erschien in Halle bei Johann Christian Hendel Altenburgs Versuch einer Anleitung zur heroisch-musikalischen Trompeter- und Pauker-Kunst. Das Buch war nicht plötzlich aus dem Nichts entstanden. Frühere Hinweise zeigen, dass das Manuskript beziehungsweise der Plan schon deutlich vor dem Druck existierte. Die Publikation von 1795 steht daher am Ende eines langen Sammel-, Ordnungs- und Rechtfertigungsprozesses. Altenburg starb am 14. Mai 1801 in Bitterfeld.

Familie, Weißenfels und Trompetertradition

Altenburgs Herkunft aus Weißenfels ist für seine Biographie zentral. Weißenfels war im 17. und frühen 18. Jahrhundert ein wichtiger Residenzort. Die dortige Hofhaltung benötigte Trompeter, Pauker, Sänger, Instrumentalisten, Organisten und Kapellmusiker. Der Vater Johann Kaspar Altenburg wirkte in diesem Umfeld als Konzert- und Hoftrompeter. Dadurch kam Johann Ernst Altenburg von Anfang an mit einer hoch regulierten musikalischen Berufswelt in Berührung.

Die Trompeterkunst war in der Frühen Neuzeit keine frei zugängliche musikalische Fertigkeit. Trompeter und Pauker besaßen besondere Privilegien, unterstanden besonderen Ordnungen und waren eng mit Hof, Militär, Reichsständen und zeremoniellem Rang verbunden. Sie spielten bei Aufzügen, Feldlagern, höfischen Festen, Tafelmusiken, Empfängen, Krönungen, Huldigungen und militärischen Situationen. Ihre Kunst war daher zugleich musikalisch, sozial und politisch codiert.

Dass Altenburg diese Welt so ausführlich beschreibt, hängt mit seiner Familiengeschichte zusammen. Er war nicht nur ein Theoretiker, der über ein fremdes Fachgebiet schrieb, sondern ein Erbe dieser Tradition. Gerade weil er die alte Kunst nicht mehr in ihrer vollen sozialen Stabilität ausüben konnte, wurde er zu ihrem Chronisten. Sein Buch ist in diesem Sinn eine Form des kulturellen Gedächtnisses.

Der Versuch einer Anleitung zur heroisch-musikalischen Trompeter- und Pauker-Kunst

Altenburgs Hauptwerk trägt den vollständigen Titel Versuch einer Anleitung zur heroisch-musikalischen Trompeter- und Pauker-Kunst, zu mehrerer Aufnahme derselben historisch, theoretisch und praktisch beschrieben und mit Exempeln erläutert. Es erschien 1795 in Halle. Der Titel ist programmatisch. Altenburg will die Trompeter- und Paukerkunst nicht nur praktisch erklären, sondern sie historisch begründen, theoretisch ordnen und durch Beispiele anschaulich machen.

Der erste Teil behandelt Geschichte, Ursprung, Gebrauch, Würde, Privilegien, berühmte Trompeter und den von Altenburg beklagten Verfall der Kunst. Hier zeigt sich die Schrift als Standes- und Erinnerungsdokument. Altenburg beschreibt nicht nur, wie Trompeter spielten, sondern warum ihre Kunst gesellschaftlich ausgezeichnet war und weshalb ihr Verlust als kultureller Niedergang erscheint.

Der zweite Teil ist praktischer ausgerichtet. Er behandelt Trompetenklänge, Intervalle, Mundstücke, Setzstücke, Krummbögen, Dämpfung, Feldstücke, Principal- und Tafelblasen, Zunge, Haue, Clarinblasen, Vortrag, Trompetenstücke, Manieren und Pauken. Dieser Teil ist für die historische Aufführungspraxis besonders wichtig, weil er technische Details, Terminologie und musikalische Beispiele bietet, die sonst nur verstreut oder indirekt überliefert wären.

Dem Druck ist ein musikalischer Anhang beigegeben. Besonders bekannt ist das Concerto a VII clarini con tymp., also ein Konzert für sieben Clarini beziehungsweise Naturtrompeten und Pauken. Hinzu kommen ein Marsch und ein Minuetto. Diese Stücke sind weniger als Konzertliteratur im romantischen Sinn zu verstehen als als Beispiele einer repräsentativen, standesbezogenen und klanglich machtvollen Trompetenpraxis.

Clarinblaskunst, Trompeterzunft und Paukerkunst

Die Clarinblaskunst bezeichnet das hohe Spiel auf der Naturtrompete. Da die Naturtrompete keine Ventile besitzt, ist sie auf die Naturtonreihe angewiesen. In der tiefen Lage sind die Töne weit voneinander entfernt; in der hohen Clarinlage liegen sie enger zusammen und ermöglichen melodisch bewegliches Spiel. Die Kunst des Clarinblasens bestand darin, diese hohe Lage sicher, klangschön, artikuliert und musikalisch sinnvoll zu beherrschen.

Altenburgs Schrift ist eine der wichtigsten Quellen für diese Praxis. Sie beschreibt nicht nur Intervalle und Tonverhältnisse, sondern auch Vortragsfragen, Artikulationen, Klangideale und die Einrichtung von Trompetenstücken. Für moderne Spieler historischer Naturtrompeten ist das Werk deshalb mehr als ein historisches Kuriosum. Es bietet Hinweise auf eine Spielweise, die in der späteren Ventiltrompetentradition nur teilweise fortlebte.

Gleichzeitig darf die Clarinblaskunst nicht vom sozialen System der Trompeter getrennt werden. Trompeter waren in der Frühen Neuzeit privilegierte Kunstverwandte. Ihre Rechte, ihre Ausbildung, ihre Freisprechung, ihre Dienste und ihre Abgrenzung gegen nicht privilegierte Spieler gehörten zum Beruf. Altenburg verteidigt dieses System, auch dort, wo es bereits seine normative Kraft verloren hatte. Sein Buch ist daher ein Dokument des Übergangs von einer ständisch geregelten Kunst zu einer stärker offenen, bürgerlichen und militärisch reorganisierten Musikwelt.

Die Paukerkunst gehört bei Altenburg ausdrücklich dazu. Trompeter und Pauker bildeten in vielen Kontexten eine zusammengehörige repräsentative Klanggruppe. Pauken verstärkten den militärischen, höfischen und heroischen Charakter der Trompetenmusik. Die Verbindung von Trompete und Pauke steht für Macht, Öffentlichkeit, Rang und feierliche Erhebung. Dass Altenburg beide Künste zusammen behandelt, entspricht dieser historischen Funktionsgemeinschaft.

Organist, Komponist und Lehrer in Bitterfeld

Obwohl Altenburgs Nachruhm vor allem auf seiner Trompetenschrift beruht, darf seine Tätigkeit als Organist nicht unterschätzt werden. Als Organist in Landsberg und später Bitterfeld gehörte er zur alltäglichen protestantischen Kirchenmusik. Er spielte Gottesdienste, begleitete Choräle, wirkte im lokalen musikalischen Unterricht und stand damit in einem anderen sozialen Raum als dem der höfischen Trompeterkunst.

Diese Doppelstellung erklärt einen Teil seiner musikalischen Sprache. Altenburg kannte die Signalkultur und Repräsentationsmusik der Trompeter ebenso wie die Tasteninstrumenten- und Kirchenmusikpraxis. Seine Sei sonate per il cembalo solo zeigen ihn als Komponisten für Tasteninstrument. Die Sonaten stehen im Übergang vom späten barocken Idiom zu klassischer Empfindsamkeit und sind für Cembalo beziehungsweise Tasteninstrument gedacht, wobei Hinweise auf Bebung auch den Zusammenhang mit dem Clavichord erkennen lassen.

Altenburgs Bitterfelder Lebenswirklichkeit war jedoch bescheiden. Die Diskrepanz zwischen der großen historischen Würde, die er der Trompeterkunst zuschreibt, und seiner eigenen prekären Stellung als kleiner Organist ist ein wesentlicher Deutungsschlüssel. Der Versuch ist nicht nur Lehrbuch, sondern auch das Zeugnis eines Musikers, der einer verlorenen sozialen Ordnung nachschreibt.

Ausführlicher Kulturüberblick

Johann Ernst Altenburg gehört in die Kulturgeschichte der mitteldeutschen Musik des 18. Jahrhunderts. Diese Region war durch kleine und mittlere Residenzen, protestantische Kirchenmusik, Orgeltradition, Militärmusik, höfische Trompeter, Kantoren, Stadtmusiker und eine dichte Ausbildungslandschaft geprägt. Weißenfels, Merseburg, Naumburg, Halle, Leipzig und Bitterfeld bilden einen Raum, in dem Hof, Kirche, Universität, Stadt und Militär musikalisch miteinander verbunden waren.

Die Trompeterkunst, die Altenburg beschreibt, war im 18. Jahrhundert bereits historisch geworden. Im 17. Jahrhundert hatte die Naturtrompete an europäischen Höfen und im Militär eine herausragende Stellung. Trompeter waren nicht einfach Bläser, sondern Träger von Rang und öffentlicher Klangmacht. Ihre Musik konnte Herrschaft ankündigen, Armeen ordnen, Feste eröffnen, Tafeln begleiten und den Auftritt von Fürsten akustisch auszeichnen. Die Pauke verstärkte diesen Charakter des Heroischen.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts veränderte sich diese Welt. Höfische Repräsentation blieb zwar wichtig, doch die musikalische Öffentlichkeit differenzierte sich. Bürgerliche Konzertformen, neue Orchesterfarben, Oper, Kirchenkonzert, Militärmusikreformen und später technische Instrumentenentwicklungen verschoben die Rolle der Trompete. Die alte privilegierte Trompeterzunft verlor an exklusiver Bedeutung. Altenburgs Klage über den Verfall der Kunst ist daher nicht bloß persönlicher Pessimismus, sondern Ausdruck eines realen Strukturwandels.

Der Begriff „heroisch-musikalisch“ ist in diesem Zusammenhang entscheidend. Er verweist auf eine Klangwelt, in der Trompeten und Pauken als Zeichen von Macht, Krieg, Fest, Adel, Ehre und öffentlicher Ordnung verstanden wurden. Moderne Ohren hören in der Barocktrompete oft vor allem Brillanz und Festlichkeit. Altenburgs Werk zeigt jedoch, dass diese Klanglichkeit sozial codiert war: Wer Trompete spielte, wer sie spielen durfte, wann sie erklang und welche Stücke sie ausführte, war Teil einer historischen Ordnung.

Altenburg steht zugleich für die Verwissenschaftlichung und Verschriftlichung einer zuvor stark praktischen Berufskunst. Viele Kenntnisse der Trompeter wurden über Lehre, Nachahmung, Dienstordnung und mündliche Weitergabe vermittelt. Altenburg macht daraus ein gedrucktes Buch. Dadurch rettet er Wissen, verändert es aber auch. Eine lebendige Standeskunst wird zur schriftlichen Quelle, zur Geschichte, zur Theorie und später zum Objekt der Musikwissenschaft.

Für die heutige historische Aufführungspraxis ist Altenburg daher unersetzlich. Wer Naturtrompete, Barocktrompete, Clarinblasen, Paukenpraxis, höfische Feldstücke oder Tafelblasen verstehen will, kommt an seinem Werk nicht vorbei. Zugleich muss das Werk quellenkritisch gelesen werden. Altenburg idealisiert die alte Kunst, verteidigt ihre Privilegien und schreibt aus eigener Betroffenheit. Gerade dadurch ist der Text kulturgeschichtlich reich: Er zeigt, wie ein Musiker den Untergang einer beruflichen Klangordnung erlebt und in eine Schrift verwandelt.

Wirkung und Rezeption

Altenburgs unmittelbare Wirkung zu Lebzeiten war vermutlich begrenzt. Er lebte nicht als weithin gefeierter Hofmusiker, sondern als Organist in einer kleineren Stadt. Sein Nachruhm entstand vor allem durch das spätere Interesse an der Geschichte der Trompete. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde sein Werk als seltene Quelle der alten Trompeterkunst wiederentdeckt. Der Neudruck von 1911 trug dazu bei, den Text für Forschung und Praxis erneut zugänglich zu machen.

Im 20. Jahrhundert wurde Altenburg besonders durch die historische Instrumentenforschung, die Wiederentdeckung der Barocktrompete und die historisch informierte Aufführungspraxis wichtig. Edward H. Tarrs englische Übersetzung machte das Werk international zugänglich. Forschungen von Don L. Smithers, Reine Dahlqvist, Edward H. Tarr, Anthony Baines und anderen stellten Altenburg in den größeren Zusammenhang der europäischen Trompeten- und Blechbläsergeschichte.

Heute ist Altenburg vor allem als Quellenautor bekannt. Das Concerto a VII clarini con tymp. wird gelegentlich aufgeführt oder ediert, die Cembalosonaten sind zugänglich, doch sein eigentlicher Rang liegt in der Vermittlung einer verlorenen Praxis. Er ist kein Komponist mit großem Œuvre, sondern ein Schlüsselzeuge der Trompeter- und Paukerkunst. Seine Bedeutung liegt daher in einer Verbindung von Werk, Traktat, sozialer Erinnerung und Aufführungspraxis.

Werkverzeichnis

Das Werkverzeichnis Johann Ernst Altenburgs ist im Umfang überschaubar. Sicher greifbar sind das große Trompeter- und Paukertraktat, die darin enthaltenen musikalischen Beispiele und Anhänge sowie die sechs Sonaten für Cembalo beziehungsweise Tasteninstrument. Weitere Einzelwerke werden in modernen Verzeichnissen und Bearbeitungen teilweise unter seinem Namen geführt, sind aber nicht immer als selbständige zeitgenössische Drucke nachweisbar. Das folgende Verzeichnis trennt deshalb gesicherte Drucke, musikalische Anhänge, Tastenwerke und spätere Editions- beziehungsweise Rezeptionsformen.

Selbständige Schrift

Versuch einer Anleitung zur heroisch-musikalischen Trompeter- und Pauker-Kunst Halle: Johann Christian Hendel, 1795. Vollständiger Titel: Versuch einer Anleitung zur heroisch-musikalischen Trompeter- und Pauker-Kunst, zu mehrerer Aufnahme derselben historisch, theoretisch und praktisch beschrieben und mit Exempeln erläutert; zwey Theile. Das Werk umfasst einen historischen und theoretischen Teil sowie einen praktischen Teil mit Regeln und Beispielen. Es gilt als Altenburgs Hauptwerk und als eines der wichtigsten Quellenwerke zur Naturtrompete, Clarinblaskunst und Paukerkunst.
Neudruck des Versuchs Dresden: R. Bertling, 1911. Neuausgabe beziehungsweise Faksimile-Neudruck des Drucks von 1795; für die Wiederverbreitung des Werks im 20. Jahrhundert wichtig.
Essay on an Introduction to the Heroic and Musical Trumpeters’ and Kettledrummers’ Art Englische Übersetzung von Edward H. Tarr nach der Hallenser Ausgabe von 1795; Nashville: The Brass Press, 1974. Die Übersetzung machte Altenburgs Schrift für die internationale Blechbläser- und Aufführungspraxisforschung besonders zugänglich.

Musikalische Anhänge und Beispiele im Trompeter- und Paukertraktat

Concerto a VII clarini con tymp. Im Anhang des Versuchs einer Anleitung zur heroisch-musikalischen Trompeter- und Pauker-Kunst gedrucktes Konzert für sieben Clarini beziehungsweise Naturtrompeten und Pauken. Das Stück ist das bekannteste musikalische Beispiel Altenburgs und dokumentiert die repräsentative Klangwelt der alten Trompeterkunst.
Marsch Im musikalischen Anhang des Trompeter- und Paukertraktats gedrucktes Stück. Der Marsch gehört in den Zusammenhang von Feldstück, öffentlichem Signal, militärischer Ordnung und repräsentativer Trompetenmusik.
Minuetto Im musikalischen Anhang des Traktats gedrucktes Stück. Das Menuett zeigt die Verbindung der Trompetenpraxis mit höfischer Tanz- und Festkultur.
Musikalische Exempel zum historischen und praktischen Unterricht Im Verlauf des Traktats eingestreute Beispiele zu Trompetenklängen, Intervallen, Stücken, Artikulationen, Manieren, Principal-, Tafel- und Clarinblasen. Diese Beispiele sind nicht alle als selbständige Werke zu verstehen, sondern als didaktische und quellenkundliche Materialien.
Feldstücke und Signalmuster Im praktischen Teil besprochene beziehungsweise beispielhaft dokumentierte Formen der Trompeterpraxis. Sie gehören in den Zusammenhang von Militär-, Hof- und Zeremonialmusik.
Principal- und Tafelblasen Im Traktat behandelte Funktionsbereiche der Trompetenmusik; keine abgeschlossene Werkgruppe im modernen Sinn, sondern historisch-praktische Spiel- und Dienstformen.
Paukenbeispiele Im praktischen Zusammenhang des Traktats behandelte Beispiele und Regeln zur Paukerkunst, verbunden mit der repräsentativen Funktion von Trompete und Pauke.

Tastenwerke

Sei sonate per il cembalo solo Sechs Sonaten für Cembalo beziehungsweise Tasteninstrument; in modernen Nachweisen als 6 Harpsichord Sonatas beziehungsweise 6 Keyboard Sonatas geführt. Die Sonaten zeigen Altenburg als Komponisten jenseits der Trompeterkunst und gehören in die Tastenmusik des späteren 18. Jahrhunderts.
Sonata I Erste Sonate aus den Sei sonate per il cembalo solo; für Tasteninstrument bestimmt.
Sonata II Zweite Sonate aus den Sei sonate per il cembalo solo; Teil der sechsteiligen Sammlung.
Sonata III Dritte Sonate aus den Sei sonate per il cembalo solo; im Kontext des klassischen Tastenstils zu verorten.
Sonata IV Vierte Sonate aus den Sei sonate per il cembalo solo; die Sammlung enthält Hinweise, die auch die Nähe zum Clavichord erkennen lassen.
Sonata V Fünfte Sonate aus den Sei sonate per il cembalo solo; Bestandteil der gesicherten Tastenwerkgruppe Altenburgs.
Sonata VI Sechste Sonate aus den Sei sonate per il cembalo solo; Abschluss der Sammlung.

Autobiographische und briefliche Quellen

Eigene Lebensbeschreibung Autobiographische Quelle, in der Altenburg sein Geburtsjahr irrtümlich mit 1736 angab. Der Text ist biographisch wichtig, muss aber quellenkritisch gegen das Weißenfelser Taufbuch und die Forschung von Bernhard Kitzig gelesen werden.
Briefliche Zeugnisse In Kalliope und bibliographischen Nachweisen sind handschriftliche beziehungsweise archivalische Zeugnisse zu Altenburg fassbar. Besonders wichtig sind Hinweise darauf, dass das Manuskript des Trompetertraktats bereits vor dem Druck von 1795 existierte.

Spätere Editionen, Bearbeitungen und Aufführungsausgaben

Concerto a VII Clarini con Tymp., moderne Ausgabe Moderne Ausgabe beziehungsweise Bearbeitung für sieben Naturtrompeten und Pauken, unter anderem durch Barry Bauguess beziehungsweise im Umfeld historischer Naturtrompetenpraxis ediert. Solche Ausgaben dienen der heutigen Aufführungspraxis.
Concerto for clarini and timpani, Robert King Edition Ausgabe von Robert King, 1956, nach dem Anhang des Hallenser Drucks von 1795. Wichtig für die Wiederaufnahme des Stücks in der modernen Blechbläserliteratur.
Trumpeters’ and Kettledrummers’ Art, moderne englische Rezeption Internationale Rezeptionsform von Altenburgs Traktat durch Übersetzung, Faksimile, Forschungsliteratur und Aufführungspraxis der historischen Trompete.

Sekundärliteratur

  • Baines, Anthony: Brass Instruments. Their History and Development. London: Faber and Faber, 1976. Grundlegende Instrumentengeschichte der Blechblasinstrumente mit wichtigem Kontext zu Naturtrompete, Barocktrompete und historischer Spielpraxis.
  • Dahlqvist, Reine: The Keyed Trumpet and Its Greatest Virtuoso, Anton Weidinger. Nashville: The Brass Press, 1975. Kontextliteratur zur Entwicklung nach der alten Naturtrompeten- und Clarintradition.
  • Dadelsen, Georg von: „Altenburg, Johann Ernst“, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 1. Berlin 1953, S. 214. Klassischer biographischer Lexikonartikel mit knapper Einordnung des Hauptwerks.
  • Ehmann, Wilhelm: Tibilustrium. Kassel 1949. Ältere Fachliteratur zur Trompeten- und Bläsergeschichte mit Bezug auf Altenburgs Quellenwert.
  • Kitzig, Bernhard: Studien zu Johann Ernst Altenburg und zur Weißenfelser Taufbuchüberlieferung, 1935. Wichtig für die Klärung des Geburtsjahrs 1734 gegenüber Altenburgs eigener irrtümlicher Angabe 1736.
  • Laubhold, Lars E.: Magie der Macht. Eine quellenkritische Studie zu Johann Ernst Altenburgs Versuch einer Anleitung zur heroisch-musikalischen Trompeter- und Pauker-Kunst (Halle 1795). Würzburg 2009. Neuere quellenkritische Spezialstudie zum Traktat, seiner sozialen Semantik und seiner Darstellung der Trompeterkunst.
  • Ottenberg, Hans-Günter: „Johann Ernst Altenburg“, in: Sächsische Biografie. Moderner biographischer Onlineartikel mit Lebensdaten, Beruf, Vater und weiteren Bezugspersonen.
  • Schnoor, Hans: Beiträge zur Geschichte der Trompeter- und Paukerkunst. Kontextliteratur zur deutschen Trompetertradition und zur Rezeption Altenburgs.
  • Smithers, Don L.: The Music and History of the Baroque Trumpet before 1721. London: Dent, 1973. Grundlegende Studie zur barocken Trompete und ihrem historischen Kontext; Altenburg bleibt für diese Forschung eine zentrale Quelle.
  • Smithers, Don L.: Rezension der englischen Tarr-Übersetzung von Altenburgs Traktat, in: Journal of the American Musicological Society, 1975. Frühe internationale Würdigung der englischen Übersetzung im musikwissenschaftlichen Fachkontext.
  • Tarr, Edward H.: The Trumpet. Portland, Oregon: Amadeus Press, 1988. Wichtige moderne Darstellung der Trompetengeschichte; Tarr war zugleich Übersetzer von Altenburgs Traktat.
  • Tarr, Edward H., Übers.: Essay on an Introduction to the Heroic and Musical Trumpeters’ and Kettledrummers’ Art. Nashville: The Brass Press, 1974. Vollständige englische Übersetzung des Altenburg-Traktats und zentrale Quelle der internationalen Rezeption.
  • Werner, Arno: Musikpflege in Stadt und Kreis Bitterfeld. Bitterfeld 1931. Regionale Musikgeschichte mit Altenburgs Selbstbiographie und Bitterfelder Kontext.
  • Werner, Arno: „Johann Ernst Altenburg, der letzte Vertreter der heroischen Trompeter- und Paukerkunst“, in: Zeitschrift für Musikwissenschaft 15, 1933. Einflussreicher älterer Aufsatz, der Altenburg als letzten Vertreter einer untergehenden Kunst deutet.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Johann Christoph Altnikol Bach-Schüler und Naumburger Organist, bei dem Altenburg musikalische Weiterbildung erhielt.
  • Barocktrompete Naturtrompete der Barockzeit, deren hohe Clarinlage bei Altenburg ausführlich behandelt wird.
  • Bitterfeld Wirkungs- und Sterbeort Johann Ernst Altenburgs als Organist.
  • Clarinblaskunst Virtuose Hochlagenkunst der Naturtrompete und zentrales Thema von Altenburgs Traktat.
  • Cembalosonate Tastenmusikgattung, zu der Altenburgs Sei sonate per il cembalo solo gehören.
  • Feldtrompeter Militärisch-höfischer Trompetertyp, der für Altenburgs Familien- und Standestradition grundlegend ist.
  • Hofmusik Musik an fürstlichen Höfen, deren Zeremonialklang wesentlich durch Trompeten und Pauken geprägt wurde.
  • Hoftrompeter Privilegierter Trompeter in höfischem Dienst; der Vater Johann Kaspar Altenburg gehörte zu diesem Berufsfeld.
  • Historische Aufführungspraxis Moderne Rekonstruktion historischer Spielweisen, für die Altenburgs Traktat eine Schlüsselquelle ist.
  • Instrumentenkunde Forschungsfeld, das Altenburgs Angaben zu Trompete, Mundstück, Krummbogen, Sordun und Pauken auswertet.
  • Kirchenmusik Musikalischer Bereich, in dem Altenburg als Organist in Landsberg und Bitterfeld wirkte.
  • Landsberg bei Halle Früher Organistenort Altenburgs vor seiner Bitterfelder Tätigkeit.
  • Michael Altenburg Theologe und Komponist, der in der Altenburg-Familientradition als Urgroßvater Johann Ernst Altenburgs genannt wird.
  • Militärmusik Funktionsfeld der Trompeter- und Paukerkunst, besonders bei Feldstücken, Signalen und militärischem Zeremoniell.
  • Naturtrompete Ventillose Trompete, deren Tonvorrat und Clarinlage Altenburg theoretisch und praktisch beschreibt.
  • Orgel Instrument von Altenburgs späterer Berufspraxis als Organist in Landsberg und Bitterfeld.
  • Organist Beruf, der Altenburgs späteres Erwerbsleben bestimmte und ihn mit mitteldeutscher Kirchenmusik verband.
  • Pauke Repräsentatives Schlaginstrument, das bei Altenburg untrennbar mit der Trompeterkunst verbunden ist.
  • Paukerkunst Historische Kunst der Heerpauker, die Altenburg gemeinsam mit der Trompeterkunst behandelt.
  • Principalblasen Historische Funktionsform der Trompetenpraxis, die Altenburg im praktischen Teil seines Traktats beschreibt.
  • Johann Theoderich Römhild Merseburger Domorganist und wichtiger Bezugspunkt in Altenburgs musikalischer Weiterbildung.
  • Sachsen-Weißenfels Residenz- und Hofkontext von Altenburgs Herkunft und väterlicher Trompetertradition.
  • Signalmusik Funktionale Musik für militärische und zeremonielle Zeichen, eng mit Trompeter- und Paukerpraxis verbunden.
  • Tafelmusik Musik bei höfischen Mahlzeiten; bei Altenburg im Zusammenhang des Tafelblasens wichtig.
  • Trompete Zentrales Instrument von Altenburgs Herkunft, Theorie und Nachruhm.
  • Trompeterkunst Historische Berufskunst der privilegierten Trompeter, die Altenburg umfassend dokumentierte.
  • Trompeterzunft Sozial- und Rechtsordnung der privilegierten Trompeter und Pauker in der Frühen Neuzeit.
  • Weißenfels Geburtsort Johann Ernst Altenburgs und wichtiger Residenzort der mitteldeutschen Hofmusik.