Julius Alsleben

* 24. März 1832 in Berlin, † 8. Dezember 1894 ebenda; deutscher Musikwissenschaftler, Musikschriftsteller, Musikpädagoge, Komponist, Organist, Pianist, Professor, Redakteur und Lehrer für Theorie und Chorgesang.

Überblick

Julius Alsleben gehört zu jenen Berliner Musikerpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, deren Bedeutung weniger in einem kanonisch gewordenen kompositorischen Hauptwerk liegt als in der Verbindung von Musikpädagogik, Musikwissenschaft, Musikkritik, Klavierpädagogik, Chorgesang, Kirchenmusik und musikberuflicher Organisation. Er war Komponist, Organist und Pianist, wirkte aber vor allem als Lehrer, Musikschriftsteller, Redakteur, Professor und Funktionär des Berliner Musiklebens.

Alsleben wurde am 24. März 1832 in Berlin geboren und starb dort am 8. Dezember 1894. Zunächst studierte er klassische und orientalische Sprachen und promovierte in Kiel. Danach wandte er sich endgültig der Musik zu, studierte Komposition bei Siegfried Wilhelm Dehn und begann in Berlin eine Lehr- und Schriftstellertätigkeit. Diese Verbindung von philologischer Bildung, historischer Perspektive und musikpraktischer Erfahrung prägte sein ganzes Wirken.

In der deutschen Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts steht Alsleben an einer Übergangsstelle. Er gehört nicht mehr zur älteren Generation der romantischen Komponisten, aber auch noch nicht zur akademisch institutionalisierten Musikwissenschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sein Tätigkeitsfeld liegt dazwischen: Musikgeschichte für Musiker und Dilettanten, Klavierspielgeschichte, Reform des Musiklehrerstandes, Diskussion über Konservatorien und Hochschulen, journalistische Kritik, Vereinsarbeit und kirchenmusikalische Ausbildung.

Kulturgeschichtlich besonders wichtig ist seine Rolle im Berliner Tonkünstler-Verein. 1865 wurde er dessen Vorsitzender; 1867 wurde das Echo. Berliner Musik-Zeitung unter seiner Schriftleitung zum langjährigen Publikationsorgan des Vereins. Damit steht Alsleben für die Selbstorganisation der Musiker in der Zeit zwischen romantischer Künstleridee, bürgerlichem Vereinswesen, beginnender Professionalisierung des Musiklehrerberufs und wachsendem Bedarf an musikpädagogischen Reformen.

Kurzdaten

Name Julius Alsleben.
Weitere Namensformen Dr. Julius Alsleben, Professor Dr. Julius Alsleben und Alsleben, Julius.
Geburt 24. März 1832 in Berlin.
Tod 8. Dezember 1894 in Berlin.
Beruf Musikwissenschaftler, Musikschriftsteller, Musikpädagoge, Komponist, Organist, Pianist, Professor, Redakteur und Lehrer für Theorie und Chorgesang.
Ausbildung Studium klassischer und orientalischer Sprachen in Berlin, Promotion an der Universität Kiel, Klavierunterricht bei Leuchtenberg und Zech sowie Kompositions- und Theorieunterricht bei Siegfried Wilhelm Dehn.
Wirkungsort Berlin; außerdem Kiel als Promotionsort und Offenbach am Main im Zusammenhang mit der Zeitschrift Harmonie.
Institutionen Berliner Tonkünstler-Verein, Verband deutscher Tonkünstler-Vereine, Königliches Institut für Kirchenmusik Berlin, Königliches Akademisches Institut für Kirchenmusik Berlin, Echo. Berliner Musik-Zeitung und Harmonie. Zeitschrift für die musikalische Welt.
Ämter und Funktionen Vorsitzender des Berliner Tonkünstler-Vereins ab 1865, Schriftleiter beziehungsweise verantwortlicher Redakteur im Umfeld des Echo und der Harmonie, 1872 königlicher Professor, 1884 Lehrer für Theorie und Chorgesang am Königlichen Institut für Kirchenmusik.
Hauptschriften Abriss der Geschichte der Musik für Musiker und Dilettanten, Ueber die Entwicklung des Klavierspieles und die verschiedenen Schulen auf dem Gebiete desselben, Das musikalische Lehramt und „Was soll eine ‚Hochschule für Kunst‘ bedeuten?“.
Kompositorische Werke Nachweisbar sind vor allem Lieder, Märsche, patriotische Klavier- beziehungsweise Marschstücke und kirchenmusikalische beziehungsweise liturgische Chorwerke; darunter Drei Lieder op. 16, Zum 2. September 1870. Marsch von Sedan op. 22, Großer Siegesmarsch op. 22, Drei Märsche. Erinnerungsblätter an die Schlacht bei Gravelotte op. 24 und eine Liturgie für Chor.
Kulturgeschichtliche Bedeutung Alsleben steht für die Professionalisierung des Musiklehrerstandes, für Berliner Musikvereinswesen, für Musikjournalismus, für die Verbindung von Musikgeschichte und Pädagogik sowie für die Reformdiskussion um Konservatorium, Hochschule, Schulgesang und kirchenmusikalische Ausbildung im 19. Jahrhundert.

Name, Datierung und editorische Einordnung

Die Hauptform dieses Eintrags lautet Julius Alsleben. In zeitgenössischen und späteren Quellen begegnen zusätzlich die Formen Dr. Julius Alsleben und Professor Dr. Julius Alsleben. Diese Titel sind sachlich bedeutsam, weil sie seine Doppelstellung als akademisch gebildeter Musikschriftsteller und staatlich beziehungsweise institutionell anerkannter Musikpädagoge anzeigen. Für die Dateibezeichnung gilt die vorgegebene Regel Familienname vor Vorname: alsleben-julius.shtml.

Die Lebensdaten sind einheitlich überliefert: geboren am 24. März 1832 in Berlin, gestorben am 8. Dezember 1894 ebenda. Einzelne Kurzartikel nennen ihn vor allem als Komponisten, Organisten oder Musiklehrer; andere stellen den Musikschriftsteller und Pädagogen in den Vordergrund. Für die Kulturlexikon-Seite ist eine kombinierte Berufsbezeichnung am genauesten, weil Alslebens Bedeutung gerade aus der Verbindung dieser Rollen entsteht.

Alsleben ist nicht mit dem Ortsnamen Alsleben an der Saale oder mit anderen Trägern des Familiennamens zu verwechseln. Das Lemma betrifft ausschließlich den Berliner Musiker, Musikschriftsteller und Pädagogen Julius Alsleben. Da er zwar komponierte, sein eigentliches kulturgeschichtliches Gewicht aber in Schrift, Unterricht und Vereinsarbeit liegt, wird sein Werkverzeichnis nicht nur als Kompositionsverzeichnis, sondern als Verzeichnis von Schriften, Aufsätzen, Redaktionen, musikalischen Werken und nachweisbaren Quellen angelegt.

Bildung, Sprachstudien und musikalische Ausbildung

Julius Alsleben begann nicht mit einem ausschließlich musikalischen Bildungsweg. Von 1850 bis 1853 studierte er in Berlin klassische und orientalische Sprachen. Diese philologisch-historische Grundlage ist für seine spätere Musikschriftstellerei wichtig. Anders als viele reine Praktiker des Musikunterrichts verfügte Alsleben über eine akademische Bildung, die ihn zu historischer Darstellung, begrifflicher Ordnung und reformpädagogischer Argumentation befähigte.

Die Promotion an der Universität Kiel machte ihn zum Dr. phil. Danach wandte er sich zunehmend der Musik zu. Klavierunterricht erhielt er nach lexikalischen Angaben bei Leuchtenberg und Zech; Komposition und Theorie studierte er bei Siegfried Wilhelm Dehn. Dehn war in Berlin eine zentrale Gestalt der kontrapunktischen und historischen Musiktheorie. Über ihn führt Alslebens Ausbildung in eine Linie, die Kompositionshandwerk, alte Musik, Kontrapunkt und historisch gelehrtes Musikdenken miteinander verbindet.

Diese Herkunft erklärt Alslebens spätere Schwerpunkte. Er dachte Musik nicht nur vom Konzert oder von der Komposition her, sondern von Bildung, Unterricht, Geschichte, Analyse, Technik und institutioneller Ordnung. Seine Schrift Abriss der Geschichte der Musik für Musiker und Dilettanten wendet sich ausdrücklich nicht nur an Fachmusiker, sondern auch an gebildete Liebhaber. Damit steht Alsleben in der bürgerlichen Vermittlungskultur des 19. Jahrhunderts, die Musikgeschichte als Allgemeinbildung verstand.

Berlin, Musikunterricht und bürgerliches Musikleben

Berlin war im 19. Jahrhundert ein vielschichtiges Musikzentrum: Oper, Hofmusik, Kirchenmusik, Singakademie, private Musikschulen, Konservatorien, bürgerliche Vereine, Musikverlage, Salons, Kritik und Journalismus standen nebeneinander. Alsleben wirkte in dieser Stadt vor allem als Lehrer, Schriftsteller, Pianist, Organist und Musikfunktionär. Er gehörte zu jener Schicht von Musikern, die nicht allein durch Virtuosität oder große Kompositionen, sondern durch Unterricht und Organisation das Musikleben prägten.

Das bürgerliche Musikleben benötigte im 19. Jahrhundert immer mehr ausgebildete Lehrer. Klavierunterricht, Gesangunterricht, Chorgesang, musikalische Elementarbildung und Theorie wurden zu Bereichen eines wachsenden Bildungsmarktes. Zugleich entstanden Probleme: unzureichend ausgebildete Privatlehrer, unklare Berufsstandards, konservatorische Massenproduktion, schlechte Bezahlung, mangelnde staatliche Anerkennung und eine unsichere Trennung zwischen Kunstberuf und bloßem Erwerbsunterricht.

Alsleben reagierte auf diese Lage mit Schriften und Vereinsarbeit. Seine pädagogische Bedeutung liegt nicht darin, eine einzelne heute noch verwendete Methode begründet zu haben. Wichtiger ist, dass er die soziale und institutionelle Stellung des Musiklehrers thematisierte. Er fragte, welche Bildung ein Musiklehrer brauche, welche Verantwortung der Unterricht habe und wie das Musikleben durch bessere Ausbildung gehoben werden könne.

Tonkünstler-Verein, Musiklehrerstand und Verbandspolitik

Der Berliner Tonkünstler-Verein war ein wichtiger Ort der beruflichen Selbstorganisation. Alsleben wurde 1865 Vorsitzender dieses Vereins. Dass der Verein damals über mehr als hundert Mitglieder verfügte, zeigt die wachsende Bedeutung musikalischer Berufsverbände. Es ging nicht nur um Kunst, sondern auch um Standesfragen, Honorare, Unterrichtsqualität, öffentliche Anerkennung und kulturpolitischen Einfluss.

Der Verein stand in Verbindung mit überregionalen Bewegungen, insbesondere mit dem Allgemeinen Deutschen Musikverein und mit dem Verband deutscher Tonkünstler-Vereine. Diese Verbände verbanden künstlerische Programmatik, Konzertwesen, Publizistik und Berufsinteressen. In dieser Umgebung konnte Alsleben als Vermittler zwischen Theorie, Kritik, Unterricht und Musikpolitik auftreten.

Seine verbandspolitische Bedeutung wird besonders im Zusammenhang mit dem Musiklehrerstand sichtbar. Der Musiklehrer war im 19. Jahrhundert keine klar abgesicherte Berufsfigur. Zwischen häuslichem Unterricht, Konservatorium, Schule, Kirche, Privatakademie und öffentlichem Konzert lag ein breites, oft unsicheres Berufsfeld. Alsleben gehörte zu den Autoren, die diesem Feld eine Stimme gaben und seine Reformbedürftigkeit benannten.

Das macht ihn kulturgeschichtlich anschlussfähig an spätere musikpädagogische Reformen. Von der Debatte über Musiklehrerbildung, Schulgesang und Konservatoriumsreform führt eine Linie zu späteren Autoren und Institutionen des 20. Jahrhunderts. Alsleben steht am Anfang einer Entwicklung, in der Musikpädagogik nicht mehr nur private Meisterlehre, sondern öffentlich diskutierte Bildungsaufgabe wurde.

Musikzeitschriften, Redaktion und Kritik

Alsleben war in hohem Maße Musikschriftsteller. Er arbeitete an verschiedenen Musikzeitungen mit und übernahm redaktionelle Funktionen. Besonders wichtig ist das Echo. Berliner Musik-Zeitung, das 1867 unter seiner Schriftleitung zum langjährigen Publikationsorgan des Berliner Tonkünstler-Vereins wurde. Dadurch verbanden sich Kritik, Vereinsleben, Berufspolitik und musikalische Öffentlichkeit.

Das 19. Jahrhundert war eine Blütezeit der Musikpresse. Zeitschriften waren nicht bloß Informationsmedien, sondern Orte der ästhetischen Auseinandersetzung, der Rezension, der Vereinskommunikation, der Verlagswerbung, der Konzertchronik und der musikpädagogischen Debatte. Eine Figur wie Alsleben konnte dort zugleich Kritiker, Lehrer, Reformautor und Verbandsvertreter sein.

Auch die Zeitschrift Harmonie. Zeitschrift für die musikalische Welt und Organ für den Verband der deutschen Tonkünstler-Vereine ist für Alsleben wichtig. Sie erschien in Offenbach am Main bei Johann André; ab dem zweiten Jahrgang wird Alsleben als verantwortlicher Redakteur genannt. Der Titel Harmonie ist dabei programmatisch: Die Zeitschrift verstand sich als Organ einer musikalischen Welt, in der künstlerische Praxis, Theorie, Unterricht, Verbandswesen und Öffentlichkeit zusammengehörten.

Alslebens publizistische Arbeit ist heute schwerer zu fassen als ein geschlossenes Buchwerk. Viele Beiträge liegen verstreut in Musikzeitschriften. Gerade deshalb sollte die Kulturlexikon-Seite seine Zeitschriftenarbeit nicht nur als Nebentätigkeit behandeln. Sie gehört zum Kern seiner Wirkung.

Musikpädagogik, Schulgesang und Konservatoriumsreform

Alslebens Schrift Das musikalische Lehramt gehört zu den wichtigen Quellen der musikpädagogischen Reformdiskussion des 19. Jahrhunderts. Meyers Konversations-Lexikon hebt hervor, dass er darin gegen die Mängel im damaligen Musikunterricht kämpfte und für die Hebung des Schulgesangs eintrat. Diese Formulierung zeigt den Kern seines Anliegens: Musikunterricht sollte nicht beliebiger Privatunterricht bleiben, sondern Teil einer verantwortlichen Bildungsordnung werden.

Der Schulgesang war im 19. Jahrhundert ein Schlüsselthema. Er berührte Fragen religiöser Erziehung, nationaler Bildung, bürgerlicher Kultur, Chordisziplin und musikalischer Elementarbildung. Wer den Schulgesang reformieren wollte, griff in ein zentrales Feld öffentlicher Bildung ein. Alsleben verstand musikalische Bildung daher nicht nur als Ausbildung künftiger Virtuosen, sondern als allgemeine Kulturaufgabe.

Sein Aufsatz „Was soll eine ‚Hochschule für Kunst‘ bedeuten?“ gehört in die Debatte um Konservatorien, Akademien und staatliche Kunsthochschulen. In der Zeit um 1870 wurde heftig diskutiert, ob musikalische Ausbildung nur praktische Fertigkeit vermitteln oder auch wissenschaftlich, historisch, pädagogisch und künstlerisch umfassend begründet sein müsse. Alsleben gehört zu den Autoren, die eine höhere, systematischere und verantwortungsvollere Organisation musikalischer Ausbildung forderten.

Damit ist er ein wichtiger Bezugspunkt für die Geschichte der Musikhochschule. Zwar war er nicht alleiniger Urheber dieser Entwicklung, doch seine Schriften dokumentieren, dass der Musikunterricht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht mehr nur als private Kunstfertigkeit, sondern als öffentliches Bildungsproblem verstanden wurde.

Kirchenmusik, Theorie und Chorgesang

1884 wurde Alsleben als Lehrer für Theorie und Chorgesang am Königlichen Institut für Kirchenmusik in Berlin angestellt. Diese Stellung verbindet ihn mit der Geschichte der preußischen Kirchenmusik, der Ausbildung von Organisten, Kantoren, Chorleitern und kirchenmusikalischen Lehrkräften. Das Institut war ein wichtiger Ort, an dem liturgische Praxis, Orgelspiel, Chorgesang, Kontrapunkt, Theorie und Musikgeschichte zusammengeführt wurden.

Alslebens Unterrichtsfächer Theorie und Chorgesang passen gut zu seinem Profil. Er war kein reiner Virtuosenlehrer, sondern ein Musiker, der das Singen, die historische Bildung, die Satzlehre und die pädagogische Vermittlung zusammendachte. Chorgesang bedeutete im 19. Jahrhundert nicht nur künstlerische Aufführung, sondern auch Disziplin, Gemeinschaft, kirchliche Praxis und nationale Bildung.

Die Verbindung von Musiktheorie und Chorgesang ist auch für seine Kompositionen relevant. Nachweisbar ist eine Liturgie für Chor beziehungsweise ein liturgisches Chorwerk. Solche Werke stehen in einem praktischen Gebrauchszusammenhang. Sie sollten nicht primär als autonome Konzertmusik bewertet werden, sondern als Teil einer kirchlichen, pädagogischen und institutionellen Musikkultur.

Stil, Denkweise und kulturgeschichtliche Stellung

Alslebens kompositorischer Stil ist heute nur punktuell greifbar. Die bekannten Lied- und Marschtitel zeigen einen Komponisten, der im bürgerlichen und zeitgeschichtlichen Gebrauchsfeld arbeitete. Die patriotischen Märsche von 1870/1871 stehen im Kontext des Deutsch-Französischen Krieges und der nationalen Festkultur. Die Lieder zeigen die Nähe zum salonfähigen Kunstlied und zur gedruckten Hausmusik. Die liturgischen Werke weisen in Richtung Kirchenmusik und Chorunterricht.

Seine eigentliche Bedeutung liegt jedoch in seiner Denkweise. Alsleben vertrat eine historisch und pädagogisch orientierte Musikkultur. Er sah Musik nicht nur als Ausdruck individueller Genialität, sondern als Lehrgegenstand, Berufsfeld, gesellschaftliche Aufgabe und institutionell zu ordnendes Bildungsgebiet. Das verbindet ihn mit Autoren wie Adolf Bernhard Marx, Franz Brendel, Hermann Kretzschmar und später Leo Kestenberg, auch wenn seine eigene Wirkung bescheidener blieb.

Alsleben ist deshalb weniger als großer Komponist denn als Repräsentant einer musikalischen Infrastruktur zu verstehen. Er steht für Lehrerbildung, Musikpresse, Vereinswesen, Schulgesang, Kirchenmusikinstitut, historische Darstellung und die Frage, wie musikalische Kultur im bürgerlichen 19. Jahrhundert organisiert werden sollte.

Werkverzeichnis

Das folgende Werkverzeichnis ist quellenkritisch als Arbeitsverzeichnis angelegt. Bei Julius Alsleben sind die Schriften und Zeitschriftenfunktionen besser greifbar als ein vollständig geschlossenes Kompositionsverzeichnis. Einige musikalische Werke sind über Lieddatenbanken, Autographen- und Kataloghinweise sowie Spezialverzeichnisse nachweisbar; weitere Kompositionen können in Bibliotheks-, Verlags- und Archivbeständen liegen. Die Übersicht trennt daher Schriften, Aufsätze, Redaktionen, musikalische Werke und Quellenzeugnisse.

Bücher und selbständige Schriften

  • Abriss der Geschichte der Musik für Musiker und Dilettanten. Berlin, 1862. Musikgeschichtliche Darstellung für Fachmusiker und gebildete Liebhaber; wichtig als Beispiel bürgerlicher Musikgeschichtsvermittlung.
  • Ueber die Entwicklung des Klavierspieles und die verschiedenen Schulen auf dem Gebiete desselben. Berlin: Verlag der Schlesinger’schen Buch- und Musikhandlung, 1870. Klaviergeschichtliche und klavierpädagogische Schrift zur Entwicklung des Spiels und der pianistischen Schulen.
  • Das musikalische Lehramt. Selbständige beziehungsweise größere musikpädagogische Schrift zur Reform des Musikunterrichts, zur Stellung des Musiklehrers und zur Hebung des Schulgesangs.

Aufsätze und musikpädagogische Beiträge

  • „Was soll eine ‚Hochschule für Kunst‘ bedeuten?“. In: Musikalisches Wochenblatt, 1870, S. 145–147, 243–246 und 257–260. Beitrag zur Reformdiskussion über Konservatorium, Hochschule und künstlerische Ausbildung.
  • „Das sechszehnte Jahrhundert in seiner Bedeutung für die Tonkunst“. In: Neue Zeitschrift für Musik, 1879, S. 109–111 und 121–123. Musikgeschichtlicher Aufsatz zur Bedeutung des 16. Jahrhunderts für die Tonkunst.
  • Beiträge in verschiedenen Musikzeitungen. Dazu gehören Rezensionen, musikpädagogische Artikel, verbandsbezogene Texte und musikgeschichtliche beziehungsweise musiktheoretische Aufsätze.
  • Beiträge zur Diskussion des Musiklehrerstandes. Einzelne Texte sind in Musikzeitschriften des 19. Jahrhunderts nachzuweisen und gehören in den Kontext der Professionalisierung des musikalischen Lehramts.
  • Beiträge zur Konservatoriums- und Hochschulfrage. Alsleben steht hier in einer Debatte mit Autoren wie Franz Brendel, Johann Christian Lobe, Gustav Stoewe, Otto Tiersch und anderen Reformautoren.

Redaktionelle und publizistische Arbeiten

  • Echo. Berliner Musik-Zeitung. Ab 1867 langjähriges Publikationsorgan des Berliner Tonkünstler-Vereins unter der Schriftleitung Julius Alslebens. Die Zeitschrift ist für seine Kritik-, Vereins- und Verbandstätigkeit besonders wichtig.
  • Harmonie. Zeitschrift für die musikalische Welt und Organ für den Verband der deutschen Tonkünstler-Vereine. Offenbach am Main: Johann André, ab 1874/1875; ab dem zweiten Jahrgang wird Alsleben als verantwortlicher Redakteur genannt.
  • Mitarbeit an weiteren Musikzeitschriften. Alsleben wird in zeitgenössischen Verzeichnissen und Zeitschriftenkontexten als Mitarbeiter beziehungsweise Professor Dr. Julius Alsleben in Berlin geführt.
  • Referate und Anzeigen im Umfeld des Musikverlagswesens. Autographen- und Briefzeugnisse belegen seine Kontakte zu Musikverlegern und seine Beteiligung an Rezensionen, Referaten und Anzeigen.

Lieder und Vokalmusik

  • Drei Lieder op. 16. Liedgruppe für Singstimme und Klavier; nachweisbar ist insbesondere Nr. 2.
  • Im wunderschönen Monat Mai, op. 16 Nr. 2, Text von Heinrich Heine. Liedvertonung des berühmten Heine-Textes, der durch zahlreiche Komponisten des 19. Jahrhunderts vertont wurde.
  • Ich schlag’ mir ein Schnippchen, Text von Albert Graf von Schlippenbach. Lied beziehungsweise Vokalstück, in Lieddatenbanken unter Alsleben nachweisbar.
  • Weitere Lieder und Gesänge. Die genaue Zahl und Überlieferung ist nach Bibliothekskatalogen, Verlagsverzeichnissen und Notendrucken zu prüfen.

Märsche, patriotische Stücke und Klaviermusik

  • Zum 2. September 1870. Marsch von Sedan op. 22. Berlin: Schlesinger, 1871. Patriotischer Marsch im Zusammenhang des Deutsch-Französischen Krieges und der Sedan-Erinnerung.
  • Großer Siegesmarsch op. 22. Berlin: Schlesinger, 1871. Patriotischer Marsch; die gleiche Opuszahl wie beim Marsch von Sedan ist quellenkritisch zu vermerken und nach Originaldruck zu prüfen.
  • Drei Märsche. Erinnerungsblätter an die Schlacht bei Gravelotte op. 24. Magdeburg: A. Heinrichshofen. Zyklus patriotischer Marschstücke.
  • Aufmarsch zur Schlacht, op. 24 Nr. 1. Erster Marsch aus den Erinnerungsblättern an die Schlacht bei Gravelotte.
  • Sturmmarsch, op. 24 Nr. 2. Zweiter Marsch aus den Erinnerungsblättern an die Schlacht bei Gravelotte.
  • Lob- und Danklied nach der Schlacht, op. 24 Nr. 3. Dritter Teil der Gravelotte-Folge; der Titel verbindet Marsch- und Dankliedcharakter.
  • Weitere Klavierstücke und Gelegenheitskompositionen. Autographen- und Verlagshinweise legen weitere Kompositionen nahe; eine vollständige Klavierwerkliste erfordert Autopsie der Drucke.

Kirchenmusikalische und liturgische Werke

  • Liturgie für Chor. Nach Spezialverzeichnissen als Chorwerk nachweisbar; genaue Besetzung, Druckort und Gebrauchszusammenhang sind nach Quellen zu prüfen.
  • Weitere mögliche Chor- und kirchenmusikalische Arbeiten. Aufgrund seiner Tätigkeit am Königlichen Institut für Kirchenmusik ist mit praktischen Unterrichts- und Gebrauchswerken zu rechnen; gesicherte Einzeltitel müssen quellenkritisch aus Katalogen und Archiven ergänzt werden.

Unterricht, Theorie und nicht selbständig gedruckte Materialien

  • Lehrmaterialien für Theorie und Chorgesang am Königlichen Institut für Kirchenmusik. Solche Materialien sind nicht notwendig als veröffentlichte Werke überliefert, gehören aber zum institutionellen Wirken Alslebens.
  • Vorträge im Rahmen musikalischer Vereine. Als Vereinsfunktionär und Redakteur dürfte Alsleben wiederholt Vorträge, Referate und programmatische Stellungnahmen geliefert haben; einzelne Nachweise sind in Musikzeitungen und Vereinsakten zu suchen.
  • Rezensionen und kritische Artikel. Alslebens Tätigkeit im Echo und in der Harmonie umfasst vermutlich zahlreiche unselbständige Texte, die nur über Zeitschriftenjahrgänge vollständig zu erfassen sind.

Autographen, Briefe und Quellenzeugnisse

  • Brief beziehungsweise Postkarte an den Musikverleger Robert Seitz, Berlin, 9. Dezember 1880. Belegt Alslebens Kontakt zu Verlags- und Rezensionskreisen.
  • Albumblatt mit eigenhändiger musikalisch-ästhetischer Sentenz, Berlin, 5. März 1885. Quellenzeugnis zu Alslebens Musikauffassung.
  • Verlagsscheine und Vertrag mit der Schlesinger’schen Buch- und Musikalienhandlung, Berlin, 1861, 1866 und 1870. Wichtig für die Verlagsgeschichte seiner Kompositionen, darunter Sedaner Marsch und Großer Siegesmarsch.
  • Brief an Friedrich Wilhelm Jähns, Berlin, 1. März 1871. In der Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe nachgewiesenes Korrespondenzstück.
  • Kalliope-Nachweise in Nachlass- und Findbuchkontexten. Diese betreffen einzelne Briefe beziehungsweise archivalische Erwähnungen und sind für eine vollständige Quellenübersicht gesondert auszuwerten.

Rezeption und editorische Hinweise

Julius Alsleben gehört nicht zu den Komponisten, deren Name im heutigen Konzertleben regelmäßig begegnet. Seine Musik ist nur punktuell über Lieddatenbanken, Kataloge, Autographen und einzelne Spezialverzeichnisse sichtbar. Diese geringe Präsenz sollte jedoch nicht als Bedeutungslosigkeit missverstanden werden. Viele Musiker des 19. Jahrhunderts wirkten vor allem in Unterricht, Kritik, Verein, Kirche, Verlag und Zeitschrift; gerade dort wurde die musikalische Öffentlichkeit des Jahrhunderts geprägt.

Alslebens Rezeptionsproblem liegt darin, dass seine wichtigsten Leistungen institutionell und publizistisch waren. Musikpädagogische Reformschriften, Redaktionsarbeit, Vereinsvorsitz und Schulgesangsdiskussion erzeugen keine leicht aufführbaren Hauptwerke. Sie sind aber für die Geschichte der Musikberufe, der Musikhochschule, des Musiklehrerstandes und des Berliner Musiklebens wesentlich.

Für die editorische Arbeit ist daher Vorsicht geboten. Ein „komplettes Werkverzeichnis“ kann bei Alsleben nicht allein aus Opuszahlen bestehen. Es muss Schriften, Zeitschriften, Aufsätze, redaktionelle Arbeit, Kompositionen und archivalische Quellen zusammenführen. Bei einzelnen Kompositionstiteln sind Opuszahl, Druckort und genaue Besetzung anhand der Originaldrucke zu prüfen. Besonders die patriotischen Märsche von 1870/1871 können in verschiedenen Fassungen oder mit abweichenden Titelformen überliefert sein.

Für interne Verlinkungen auf wilgoe.de sind besonders die Schlagworte Musikpädagogik, Musikschriftsteller, Musikkritik, Berliner Tonkünstler-Verein, Kirchenmusik, Klavierpädagogik, Schulgesang, Konservatorium und Musikzeitschrift wichtig.

Sekundärliteratur

  • Alsleben, Julius: Abriss der Geschichte der Musik für Musiker und Dilettanten. Berlin, 1862. Primärquelle und zugleich Hauptschrift zur musikgeschichtlichen Vermittlung.
  • Alsleben, Julius: Ueber die Entwicklung des Klavierspieles und die verschiedenen Schulen auf dem Gebiete desselben. Berlin: Schlesinger’sche Buch- und Musikhandlung, 1870. Primärquelle zur Klaviergeschichte und Klavierpädagogik.
  • Alsleben, Julius: Das musikalische Lehramt. Musikpädagogische Reformschrift zur Stellung des Musiklehrers und zur Hebung des Schulgesangs.
  • Alsleben, Julius: „Was soll eine ‚Hochschule für Kunst‘ bedeuten?“. In: Musikalisches Wochenblatt, 1870, S. 145–147, 243–246 und 257–260. Beitrag zur Konservatoriums- und Hochschulreform.
  • Alsleben, Julius: „Das sechszehnte Jahrhundert in seiner Bedeutung für die Tonkunst“. In: Neue Zeitschrift für Musik, 1879, S. 109–111 und 121–123. Musikgeschichtlicher Aufsatz zur älteren Musik.
  • Behne, Klaus-Ernst, Hg.: Musikpädagogische Forschung, Bd. 1. Laaber, 1980. Enthält Kontexte zur Geschichte musikpädagogischer Reflexion, in denen Alsleben als Autor der Musikunterrichtsdebatte genannt wird.
  • Brzoska, Matthias: Der Allgemeine Deutsche Musikverein in der Fachpresse von 1859 bis 1900. Studie zur Musikpresse und Vereinsöffentlichkeit, in deren Umfeld Alslebens Tätigkeit im Echo und in der Harmonie steht.
  • Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Leipzig: Bibliographisches Institut, 1885–1890, Bd. 1, S. 410. Artikel „Alsleben, Julius“.
  • Schenk, Dietmar, und weitere Autoren: Vor der UdK. Geschichte der musikalischen Ausbildung in Berlin. Berlin. Wichtig für die institutionelle Vorgeschichte der Universität der Künste und die Lehrkräfte des Königlichen Instituts für Kirchenmusik.
  • Sophie Drinker Institut: Bibliographische Materialien zur Konservatoriums- und Hochschulreform im 19. Jahrhundert. Nützlich für die Einordnung von Alslebens Aufsatz „Was soll eine Hochschule für Kunst bedeuten?“.
  • Tappert, Wilhelm: Die musikalischen Zeitschriften seit ihrer Entstehung bis zur Gegenwart. Bibliographisches Standardwerk zur Musikpresse des 18. und 19. Jahrhunderts; wichtig für Echo und Harmonie.
  • Tadday, Ulrich: Das schöne Unendliche. Ästhetik, Kritik, Geschichte der romantischen Musikanschauung. Stuttgart/Weimar: Metzler, 1999. Kontext zu Musikästhetik und romantischer Musikgeschichtsschreibung, in der Alslebens musikgeschichtliche Texte zu verorten sind.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Allgemeiner Deutscher Musikverein Überregionaler Musikverein des 19. Jahrhunderts und wichtiger Bezugspunkt der Tonkünstlervereinsbewegung.
  • Berlin Geburts-, Wirkungs- und Sterbeort Alslebens sowie zentrales Musikzentrum des 19. Jahrhunderts.
  • Berliner Tonkünstler-Verein Berufs- und Kulturverein, dessen Vorsitz Alsleben 1865 übernahm.
  • Franz Brendel Musikschriftsteller und Vereinsorganisator, dessen Umfeld für die Tonkünstlerbewegung des 19. Jahrhunderts wichtig ist.
  • Chorgesang Lehr- und Praxisfeld Alslebens am Königlichen Institut für Kirchenmusik.
  • Siegfried Wilhelm Dehn Berliner Musiktheoretiker und Kompositionslehrer Alslebens.
  • Echo. Berliner Musik-Zeitung Musikzeitung und Publikationsorgan des Berliner Tonkünstler-Vereins unter Alslebens Schriftleitung.
  • Harmonie. Zeitschrift für die musikalische Welt Offenbacher Musikzeitschrift und Organ des Verbandes deutscher Tonkünstler-Vereine mit Alsleben als verantwortlichem Redakteur.
  • Kirchenmusik Institutioneller und praktischer Rahmen von Alslebens Tätigkeit am Königlichen Institut für Kirchenmusik.
  • Klavierpädagogik Fachgebiet, zu dem Alsleben mit seiner Schrift über die Entwicklung des Klavierspieles beitrug.
  • Konservatorium Ausbildungsinstitution, deren Reform im 19. Jahrhundert von Alsleben und anderen Autoren diskutiert wurde.
  • Königliches Institut für Kirchenmusik Berlin Institution, an der Alsleben ab 1884 Theorie und Chorgesang lehrte.
  • Adolf Bernhard Marx Berliner Musiktheoretiker und Reformautor, dessen Umfeld für die Musikbildungsdebatte des 19. Jahrhunderts wichtig ist.
  • Musikgeschichte Wissensfeld, das Alsleben mit seinem Abriss der Geschichte der Musik für Musiker und Dilettanten vermittelte.
  • Musikhochschule Institutioneller Reformbegriff, den Alsleben in seinem Aufsatz zur Hochschule für Kunst thematisierte.
  • Musikkritik Publizistische Praxis, die Alslebens Arbeit in Musikzeitungen und Vereinsorganen prägte.
  • Musiklehrerstand Berufliches Reformfeld, dem Alsleben mit Das musikalische Lehramt besondere Aufmerksamkeit widmete.
  • Musikpädagogik Zentrales Arbeitsfeld Alslebens und wichtiger Kontext seiner Reformschriften.
  • Musikschriftsteller Berufs- und Rollenbezeichnung, die Alslebens Wirkung genauer trifft als ein rein kompositorisches Profil.
  • Musiktheorie Lehrgebiet Alslebens und Grundlage seiner Ausbildung bei Siegfried Wilhelm Dehn.
  • Musikzeitschrift Medium, über das Alsleben Kritik, Pädagogik und Vereinskommunikation betrieb.
  • Professionalisierung des Musikerberufs Sozialgeschichtlicher Rahmen von Alslebens Vereins- und Reformarbeit.
  • Schulgesang Bildungspolitisches Feld, dessen Hebung Alsleben in Das musikalische Lehramt forderte.
  • Verband deutscher Tonkünstler-Vereine Überregionaler Zusammenschluss, für den die Harmonie als Organ erschien.