Paulus Alletsee

Auch Paul Alletsee, Johann Paul Alletsee, Allettssee, Alleci, Aletsee, Aletzie; * wohl in Hohenschwangau beziehungsweise Schwangau, getauft 26. August 1684 in Waltenhofen bei Füssen, † 21. September 1733 in München; Lauten- und Geigenmacher, kurfürstlicher Hof-Lauten- und Geigenmacher sowie Hofmusicus.

Überblick

Paulus Alletsee war ein süddeutscher Geigenbauer und Lautenmacher des frühen 18. Jahrhunderts. In der älteren und neueren Literatur erscheint er unter zahlreichen Schreibformen, darunter Alletsee, Allettssee, Alleci, Aletsee und Aletzie. Diese Varianten sind nicht bloß orthographische Nebensachen, sondern typisch für die Überlieferung des frühneuzeitlichen Instrumentenbaus, in der Kirchenbücher, Hofrechnungen, Werkstattzettel, Auktionskataloge, Sammlungsinventare und spätere Lexika oft unterschiedliche Schreibungen verwenden.

Alletsee stammte aus dem Raum Hohenschwangau, Schwangau und Waltenhofen bei Füssen. Diese Herkunft ist kulturgeschichtlich bedeutsam, weil der Raum Füssen zu den wichtigsten süddeutschen Zentren des Lauten- und Geigenbaus gehörte. Von hier aus wanderten Instrumentenmacher seit dem 16. und 17. Jahrhundert in viele europäische Städte und Hofzentren. Alletsee steht daher nicht isoliert, sondern in einer größeren Bewegung von Handwerk, Migration, höfischer Nachfrage und musikalischer Spezialisierung.

Bald nach 1700 ließ sich Alletsee in München nieder. Um 1710 wurde er kurfürstlicher Hof-Lauten- und Geigenmacher. Dieser Titel zeigt seine Einbindung in die höfische Musikkultur Bayerns. Die Münchner Hofmusik benötigte Instrumente, Reparaturen, Umbauten und klanglich zuverlässige Werkstattarbeit. Ein Hofinstrumentenmacher war deshalb nicht nur Lieferant, sondern Teil einer musikalischen Infrastruktur, in der Komponisten, Sänger, Instrumentalisten, Kopisten, Kapellmeister und Handwerker zusammenwirkten.

Alletsee ist nicht als Komponist im engeren Sinn zu behandeln. Sein „Werk“ besteht aus Instrumenten, Werkstattzusammenhängen, Reparaturpraxis, Zuschreibungen, erhaltenen Zetteln und nachweisbaren Sammlungsobjekten. Eine Kulturlexikon-Seite zu ihm muss deshalb das Werkverzeichnis als Instrumenten- und Werkstattverzeichnis führen. Sein Rang liegt in der materiellen Kultur der Musik: in gebauten Klangkörpern, Lack, Holz, Mensur, Wölbung, Schnecke, Resonanz, Besaitung und der Fähigkeit, höfische und städtische Anforderungen an Streich- und Zupfinstrumente zu erfüllen.

Kurzdaten

Name Paulus Alletsee.
Weitere Namensformen Paul Alletsee, Johann Paul Alletsee, Paulus Allettssee, Paulus Alleci, Paul Alleci, Paulus Aletsee, Paul Aletsee, Aletzie, Paolo Aletzie.
Geburt und Taufe * wohl in Hohenschwangau beziehungsweise Schwangau; getauft am 26. August 1684 in Waltenhofen bei Füssen.
Tod 21. September 1733 in München; einzelne ältere Instrumenten- und Auktionsquellen führen abweichend 1735 oder 1738.
Beruf Lauten- und Geigenmacher, kurfürstlicher Hof-Lauten- und Geigenmacher, Hofmusicus, Instrumentenbauer, Werkstattleiter und Reparateur höfischer Streich- und Zupfinstrumente.
Herkunft Allgäu beziehungsweise Füssener Raum; Sohn des Hohenschwangauer Hoffischers Paulus Alletsee und seiner Frau Regina.
Wirkungsort Vor allem München; in Norm- und Forschungsdaten außerdem Bezüge zu Schwangau, Mailand und Venedig.
Höfischer Titel Kurfürstlicher Hof-Lauten- und Geigenmacher; zeitgenössisch auch als Hofmusicus geführt.
Familie Erste Ehe um 1707/1708 mit Maria Salome Wörlin; zweite Ehe 1727 mit der Witwe Maria Anna Rigel.
Nachfolger und Werkstattumfeld Johann Andreas Kämbl beziehungsweise Käml als Schwiegersohn und Nachfolger; außerdem Joseph Paul Christa, Benno Anton Rigele, Kaspar Alletsee und weitere Münchner beziehungsweise süddeutsche Instrumentenmacher im Umfeld.
Instrumentengruppen Violinen, Violen, Viola d’amore beziehungsweise Englisches Violett, Diskantgambe beziehungsweise Viola da gamba, Violoncelli, Kontrabässe, Lauten und möglicherweise weitere höfische Zupf- und Streichinstrumente.
Bedeutung Alletsee gehört zu den wichtigen süddeutschen Lauten- und Geigenmachern um 1700 und vermittelt zwischen Füssener Handwerkstradition, Münchner Hofmusik und dem überregionalen Markt historischer Streichinstrumente.

Namensformen und editorische Einordnung

Die Namensüberlieferung ist bei Paulus Alletsee besonders komplex. In modernen Referenzquellen erscheint häufig Paulus Alletsee, daneben Paul Alletsee und Johann Paul Alletsee. Ältere Instrumentenlexika und Sammlungszusammenhänge nennen Formen wie Aletsee, Aletzie oder Alleci. Solche Varianten können durch regionale Schreibgewohnheiten, italienisierende Formen, Lesefehler auf alten Zetteln und spätere Katalogisierungen entstanden sein.

Für die sichtbare Lemmaform dieser Seite ist Paulus Alletsee zweckmäßig, weil diese Form in deutschen Musik- und Normdaten am klarsten verankert ist. Die alternative Form Johann Paul Alletsee sollte im Artikel nicht unterschlagen werden, da sie in musikhistorischen und instrumentenkundlichen Kontexten begegnet. Für die Dateibezeichnung gilt nach dem Personenmuster die Form alletsee-paulus.shtml.

Die Berufsbezeichnung ist ebenfalls quellenkritisch zu führen. In älteren Musiklexika kann Alletsee als Musiker, Hofmusicus oder Instrumentenmacher erscheinen. Sachlich präzise ist für den Kulturlexikon-Eintrag die Bezeichnung Lauten- und Geigenmacher. Sie umfasst den eigentlichen Kern seiner Tätigkeit: den Bau, die Wartung und die Reparatur von Saiteninstrumenten im städtischen und höfischen München.

Hohenschwangau, Waltenhofen und der Füssener Instrumentenbau

Alletsee wurde im Raum Hohenschwangau beziehungsweise Schwangau geboren und am 26. August 1684 in Waltenhofen bei Füssen getauft. Diese topographische Präzisierung ist wichtig, weil die Region um Füssen im 16., 17. und frühen 18. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum des europäischen Lautenbaus und Geigenbaus war. Füssener Meister wanderten nach Venedig, Bologna, Wien, Prag, Augsburg, München und in weitere Musikzentren. Der Beruf des Lauten- und Geigenmachers war daher von Anfang an überregional.

Die Herkunft aus einer nicht unmittelbar städtischen Musikerfamilie ist ebenfalls bemerkenswert. Sein Vater Paulus Alletsee wird als Hohenschwangauer Hoffischer genannt. Die Überlieferung deutet also nicht auf eine berühmte Werkstattdynastie am Ausgangspunkt, sondern auf einen beruflichen Aufstieg durch handwerkliche Spezialisierung. Gerade das ist für die Kulturgeschichte des Instrumentenbaus typisch: Kunsthandwerk konnte aus regionalen Ressourcen, Lehrverhältnissen, Wanderschaft und höfischer Nachfrage heraus eine erstaunliche soziale Mobilität ermöglichen.

Wie genau Alletsee das Kunsthandwerk des Lauten- und Geigenbaus erlernte, ist nicht vollständig gesichert. Wahrscheinlich ist eine Ausbildung im Umfeld der Allgäuer und Füssener Werkstatttradition. Der spätere Münchner Erfolg setzt jedenfalls solide Kenntnisse in Holzauswahl, Wölbung, Zargenbau, Hals- und Schneckenarbeit, Lackierung, Besaitung, Mensur und Reparatur voraus. Instrumentenbau war ein hochspezialisiertes Handwerk, in dem akustische Erfahrung, Materialkunde und Formenkenntnis zusammenwirkten.

München, Hofdienst und Werkstatt

Bald nach 1700 ließ sich Alletsee in München nieder. Die Stadt war als Residenzstadt der bayerischen Kurfürsten ein wichtiger Musikort. Die Hofmusik brauchte kontinuierlich gepflegte Instrumente, und die Musikerinnen und Musiker des Hofes waren auf Werkstätten angewiesen, die Neubau, Reparatur und Anpassung leisten konnten. Ein Hofinstrumentenmacher musste deshalb zugleich Handwerker, Lieferant, Reparateur und Kenner der praktischen musikalischen Bedürfnisse sein.

Um 1710 wurde Alletsee kurfürstlicher Hof-Lauten- und Geigenmacher. Diese Stellung brachte Prestige, aber auch Verpflichtungen. Sie erforderte zuverlässige Arbeit für den Hof, möglicherweise regelmäßige Reparaturen, Neubauten, Instrumentenpflege und die Betreuung höfischer Bestände. Die Bezeichnung Hofmusicus, die in zeitgenössischen beziehungsweise normdatenbezogenen Angaben begegnet, zeigt, dass die Grenze zwischen musikalischem Dienst und instrumentenbaulichem Kunsthandwerk nicht immer scharf gezogen wurde.

München war im Vergleich zu Cremona, Füssen oder Mittenwald kein weltberühmtes Zentrum des Geigenbaus, besaß aber ein eigenständiges, höfisch geprägtes Instrumentenbauumfeld. Alletsee gehört zu jenen Namen, die zeigen, dass die Münchner Szene des 18. Jahrhunderts produktiver und differenzierter war, als die starke Konzentration der Geigenbaugeschichte auf italienische und einzelne süddeutsche Zentren vermuten lässt.

Instrumentenbau, Materialien und Stil

Alletsees Werk wird in der Literatur vor allem mit Streichinstrumenten und Lauten beziehungsweise lautenverwandten Instrumenten verbunden. Er baute oder betreute Violinen, Bratschen, Violoncelli, Viola-d’amore-Instrumente, Gambenformen, Lauten und größere Bassinstrumente. Gerade die Mischung aus Zupf- und Streichinstrumenten ist für die Übergangszeit um 1700 charakteristisch. Der Lautenbau war noch präsent, während die Violine und ihre Familie im höfischen und städtischen Musikleben immer stärker dominierten.

Ein besonderes Gewicht haben die Viola-d’amore- und Gambenbezüge. Erhaltene beziehungsweise katalogisierte Instrumente zeigen, dass Alletsees Name nicht nur mit gewöhnlichen Violinen verbunden ist, sondern auch mit Instrumenten, die eine reichere und spezifisch barocke Klangwelt repräsentieren. Die Viola d’amore und das sogenannte Englische Violett gehören zu jenen Instrumenten, deren Bau Erfahrung mit Resonanzsaiten, Korpusform, Wirbelkasten und klanglicher Transparenz verlangte.

Bei historischen Instrumenten ist Vorsicht geboten. Zettel mit dem Namen Alletsee können authentisch sein, können später ersetzt worden sein oder können in Zuschreibungszusammenhängen stehen. Der Markt historischer Streichinstrumente kennt seit dem 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche Fälle von Nachzettelung, Falschzuschreibung und stilistischer Annäherung. Deshalb muss jedes einzelne Instrument anhand von Bauform, Holz, Lack, Maßen, Provenienz, Dendrochronologie und fachlicher Expertise geprüft werden.

Familie, Schüler, Nachfolger und Werkstattzusammenhang

Alletsees Werkstatt war in familiäre und handwerkliche Netzwerke eingebunden. Um 1707 oder 1708 heiratete er Maria Salome Wörlin; 1727 heiratete er die Witwe Maria Anna Rigel. Solche Eheschließungen waren im frühneuzeitlichen Handwerk nicht nur private Ereignisse, sondern oft auch Teil von Werkstatt-, Besitz- und Nachfolgeordnungen. Witwen, Töchter und Schwiegersöhne konnten Werkstattkontinuitäten sichern, Kundenbeziehungen erhalten und berufliche Übergänge ermöglichen.

Besonders wichtig ist Johann Andreas Kämbl beziehungsweise Käml. Er war mit einer Tochter Alletsees verheiratet und wurde nach älteren Quellen der Nachfolger seines Schwiegervaters. Damit lässt sich eine Münchner Linie des Hofinstrumentenbaus über Alletsee hinaus verfolgen. Auch Joseph Paul Christa, Benno Anton Rigele, Kaspar Alletsee und weitere Namen gehören in das Umfeld von Schülern, Nachfolgern oder verwandten Werkstattbeziehungen.

Die Werkstattgeschichte ist für die Bewertung Alletsees ebenso wichtig wie einzelne erhaltene Instrumente. Ein Instrumentenmacher prägte nicht nur die von ihm eigenhändig gebauten Objekte, sondern auch Formen, Arbeitsweisen, Werkstatttraditionen und Reparaturstandards. Die Weitergabe an Nachfolger und Schwiegersöhne zeigt, dass Alletsees Werkstatt in München eine erkennbare Stellung besaß.

Werk- und Instrumentenverzeichnis

Da Paulus Alletsee nicht als Komponist, sondern als Lauten- und Geigenmacher überliefert ist, wird das Werkverzeichnis als quellenkritisches Instrumenten-, Werkstatt- und Objektverzeichnis geführt. Ein vollständiges modernes Werkverzeichnis im Sinne eines lückenlosen Katalogs aller gebauten Instrumente liegt öffentlich nicht vor. Die folgende Übersicht erfasst die sicher oder plausibel belegten Werkgruppen, erhaltene beziehungsweise katalogisch nachweisbare Instrumente, bekannte Zettel- und Auktionsnachweise sowie Werkstatt- und Nachfolgebezüge. Einzelne Zuschreibungen müssen jeweils anhand der konkreten Provenienz und instrumentenkundlichen Untersuchung geprüft werden.

Nachweisbare Instrumentengruppen

  • Violinen. Alletsees Name ist vor allem mit Violinen verbunden. Ein dokumentierter Auktionsnachweis nennt eine Violine aus München mit Zettel „Paulus Alletsee Hof Lauten und Geigenmacher in München 1717“. Solche Zettel sind für die Werkstattgeschichte wichtig, müssen aber bei jedem Einzelinstrument quellenkritisch geprüft werden.
  • Bratschen und Violen. Ältere Lexika und Sammlungszusammenhänge führen Alletsee auch mit Bratschen beziehungsweise Violen. Diese Instrumentengruppe gehört zum normalen Arbeitsfeld eines Hof-Geigenmachers des frühen 18. Jahrhunderts.
  • Viola d’amore beziehungsweise Englisches Violett. Der Objektkatalog des Germanischen Nationalmuseums weist Alletsee bei Viola-d’amore- beziehungsweise Englisches-Violett-Objekten aus. Diese Instrumentengruppe ist für Alletsees Ruf besonders bedeutsam, weil sie einen spezialisierten barocken Klangtyp betrifft.
  • Diskantgambe beziehungsweise Viola da gamba. Ebenfalls im Sammlungszusammenhang des Germanischen Nationalmuseums ist eine Diskantgambe beziehungsweise ein ursprünglich als Viola d’amore verstandenes Objekt mit Alletsee-Bezug dokumentiert. Der Befund zeigt die Nähe zwischen Gamben-, Viola-d’amore- und Violininstrumenten im süddeutschen Barockinstrumentenbau.
  • Violoncelli. Historische Instrumenten- und Auktionsquellen führen Alletsee auch bei Violoncelli beziehungsweise größeren Streichinstrumenten. Wegen der späteren Veränderung vieler Barockinstrumente sind Maße, Halswinkel, Bassbalken, Steg und Besaitung jeweils kritisch zu prüfen.
  • Kontrabässe und Bassinstrumente. Ältere Literatur nennt Alletsee im weiteren Zusammenhang großer Bassinstrumente. Diese Gruppe gehört zum möglichen Werkstattfeld eines Hofinstrumentenmachers, ist aber nur anhand konkreter Objektbelege sicher zu beurteilen.
  • Lauten und Zupfinstrumente. Die Berufsbezeichnung Hof-Lauten- und Geigenmacher weist ausdrücklich auf Lautenbau hin. Erhaltene Lauten mit Alletsee-Zetteln werden in älterer Instrumentenliteratur erwähnt, doch ist die öffentliche Objektlage schwieriger als bei einigen Streichinstrumenten.
  • Reparaturen, Umbauten und höfische Instrumentenpflege. Als Hofinstrumentenmacher dürfte Alletsee nicht nur Neubauten geliefert haben, sondern auch Reparaturen, Umbauten, Instandsetzungen und Anpassungen an wechselnde Spielpraxis ausgeführt haben. Dieses Arbeitsfeld ist für die Klangkultur des Hofes zentral, bleibt aber meist archivalisch schwerer greifbar als erhaltene Instrumente.

Katalogisch und öffentlich greifbare Einzelbelege

  • Violine, München, 1717. Auktionsnachweis mit Zettel „Paulus Alletsee Hof Lauten und Geigenmacher in München 1717“; Materialangaben Ahorn, Fichte und Ebenholz; als Münchner Instrument geführt.
  • Viola d’Amore beziehungsweise Englisches Violett, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Im Objektkatalog des Germanischen Nationalmuseums als Alletsee-Objekt beziehungsweise unter Alletsee als Hersteller geführt.
  • Weitere Viola d’Amore beziehungsweise Englisches Violett, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Zweiter Sammlungsnachweis im GNM-Bestand mit Alletsee-Bezug.
  • Viola da Gamba in Diskantlage, ursprünglich Viola d’Amore, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Dritter öffentlicher GNM-Treffer mit Alletsee-Bezug.
  • Auktions- und Preisnachweise im Tarisio-Cozio-Archiv. Das Tarisio-Profil führt Alletsee als Violin maker und nennt mehrere Auktionspreisresultate. Diese Daten sind für Markt- und Provenienzgeschichte nützlich, ersetzen aber kein kritisches Werkverzeichnis.
  • Instrumente mit Zetteln in älteren Instrumentenlexika. Verschiedene ältere Lexika nennen Alletsee-Zettel und abweichende Schreibformen. Solche Nachweise sind als Rezeptions- und Zuschreibungsgeschichte aufzunehmen, jedoch nicht automatisch als sichere Echtheitsbelege zu behandeln.

Werkstatt-, Nachfolge- und Rezeptionsobjekte

  • Werkstattnachfolge durch Johann Andreas Kämbl. Kämbl war mit einer Tochter Alletsees verheiratet und wurde nach älteren Quellen Nachfolger seines Schwiegervaters. Die Werkstattkontinuität ist für die Münchner Hofinstrumentenbaugeschichte besonders wichtig.
  • Nachfolge- und Schülerumfeld Benno Anton Rigele. Als Schüler beziehungsweise Umfeldfigur in modernen Musikerlexika verzeichnet; für die handwerkliche Weitergabe im Münchner Instrumentenbau relevant.
  • Joseph Paul Christa. In Zusammenhang mit Alletsees Schüler- und Nachfolgeumfeld genannt; gehört in den Kontext süddeutscher Geigenbauer des frühen 18. Jahrhunderts.
  • Kaspar Alletsee. Als Geigenbauer und möglicher Familien- beziehungsweise Schülerzusammenhang im Umfeld Alletsees zu berücksichtigen.
  • Andreas Jais. Als Netzwerkbezug im süddeutschen Instrumentenbau wichtig; verweist auf Verbindungen zwischen Allgäu, Füssen, München und weiteren Werkstätten.

Nicht als Kompositionen zu führende Werkbereiche

  • Keine gesicherten Kompositionen. Für Paulus Alletsee sind nach der hier einschlägigen Quellenlage keine musikalischen Kompositionen als eigenes Werk zu verzeichnen. Die Bezeichnung „Werk“ meint bei ihm Instrumente und Werkstattarbeit.
  • Keine Opern-, Kirchenmusik- oder Kammermusikwerke. Anders als bei Komponistenlexikonartikeln ist kein Opus-, Druck- oder Handschriftenverzeichnis von Kompositionen anzusetzen.
  • Keine literarischen Schriften. Alletsee ist nicht als Musiktheoretiker oder Autor überliefert; seine kulturelle Spur ist primär materiell-instrumentenkundlich.

Rezeption und Zuschreibungsprobleme

Alletsees Rezeption ist zweigeteilt. In der Instrumentenkunde erscheint er als bedeutender süddeutscher Lauten- und Geigenmacher, besonders im Zusammenhang der Münchner Hofwerkstatt. In allgemeinen Musikgeschichten ist er dagegen kaum präsent, weil Instrumentenmacher häufig hinter Komponisten, Virtuosen und Kapellmeistern zurücktreten. Für eine Kulturgeschichte der Musik ist diese Gewichtung problematisch. Ohne Instrumentenmacher gäbe es keine klingende materielle Grundlage der Aufführungspraxis.

Ein besonderes Problem sind die abweichenden Lebensdaten. Die moderne deutsche musiklexikalische und normdatenbezogene Linie folgt der Datierung mit Taufe am 26. August 1684 und Tod am 21. September 1733 in München. Auktions- und ältere Instrumentenquellen führen teils 1735 oder 1738. Diese Differenzen sollten in einem sauberen Artikel erwähnt, aber nicht unkritisch vermischt werden. Für diese Seite gilt 1733 als Hauptdatum, abweichende Daten werden als rezeptionsgeschichtliche Varianten behandelt.

Auch bei Instrumentenzuschreibungen ist Zurückhaltung geboten. Der Name Alletsee begegnet auf Zetteln, in Auktionskatalogen, in Sammlungsinventaren und in älterer Literatur. Ein Zettel allein beweist jedoch nicht die Echtheit eines Instruments. Gerade im Handel mit alten Streichinstrumenten können Zettel ersetzt, falsch gelesen oder zur Aufwertung eines Instruments eingesetzt worden sein. Deshalb ist bei jedem einzelnen Objekt eine Untersuchung von Korpusform, Wölbung, Lack, Holz, innerer Konstruktion, Provenienz und gegebenenfalls Dendrochronologie notwendig.

Kulturgeschichtlich bleibt Alletsee dennoch bedeutsam. Sein Name verbindet die handwerkliche Tradition des Füssener Landes mit der höfischen Münchner Musikkultur. Er steht für eine Phase, in der Lautenbau, Geigenbau, Viola-d’amore-Bau und Reparaturpraxis noch eng miteinander verbunden waren. An Alletsee lässt sich zeigen, dass Musikgeschichte nicht nur aus Partituren besteht, sondern auch aus Holz, Werkzeug, Werkstatt, Hofrechnung, Zettel, Sammlungsobjekt und Klangkörper.

Sekundärliteratur

  • Adelmann, Dieter: Arbeiten zur Geschichte der süddeutschen und bayerischen Streichinstrumente, besonders im Zusammenhang musealer Objektbestände.
  • Bletschacher, Richard: Die Lauten- und Geigenmacher des Füssener Landes. Füssen. Grundlegende Spezialliteratur zur regionalen Werkstatttradition, in der Alletsee quellenkritisch einzuordnen ist.
  • Drescher, Thomas: Studien zum süddeutschen Instrumentenbau und zu historischen Streichinstrumenten des 17. und 18. Jahrhunderts.
  • Focht, Josef, Hg.: Bayerisches Musiker-Lexikon Online. Artikel „Alletsee, Paulus (1684–1733), Geigenbauer“. München, digitale Fassung.
  • Gerber, Ernst Ludwig: Historisch-biographisches Lexicon der Tonkünstler. Leipzig 1790–1792. Frühe lexikalische Überlieferung zu Musikern und Instrumentenbauern.
  • Kirsch, Dieter: „Mandora und Gallichon in Süddeutschland. Zur Geschichte, Terminologie und Spielpraxis“. In: Musik in Bayern beziehungsweise einschlägigen Jahrbuchzusammenhängen. Für den süddeutschen Lauten- und Mandora-Kontext relevant.
  • Layer, Adolf: Die Allgäuer Lauten- und Geigenmacher. Ein Kapitel schwäbischer Kulturleistung für Europa. Augsburg 1978. Wichtig für den Allgäuer und Füssener Hintergrund.
  • Lütgendorff, Willibald Leo von: Die Geigen- und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Mehrere Auflagen. Klassisches, aber quellenkritisch zu benutzendes Nachschlagewerk.
  • Mendel, Hermann und August Reißmann: Musikalisches Conversations-Lexikon. Berlin 1870 ff. Ältere lexikalische Rezeption unter variierenden Namensformen.
  • Stainer, Cecie: A Dictionary of Violin Makers. London. Hilfreich für englischsprachige ältere Werkstatt- und Zetteldaten, jedoch quellenkritisch zu prüfen.
  • Vannes, René: Dictionnaire universel des luthiers. Brüssel. Ergänzende ältere Instrumentenmacherlexikographie.
  • Zoebisch, Karl: Spezialliteratur zum Vogtländischen und süddeutschen Geigenbau, als Vergleichshorizont für Zuschreibungs- und Werkstattfragen nützlich.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Allgäuer Instrumentenbau Regionaler Kontext, aus dem Alletsee hervorging und der für die europäische Lauten- und Geigenbaugeschichte wichtig ist.
  • Amati Cremoneser Geigenbauerfamilie, deren Modelltradition für die europäische Geigenbaugeschichte und spätere Werkstattvergleiche grundlegend ist.
  • Barockinstrument Übergreifender Begriff für die Bau- und Klangformen, in denen Alletsees Werkstatt tätig war.
  • Violoncello Bass-Streichinstrument, das in der Werkstatt- und Zuschreibungsgeschichte Alletsees eine Rolle spielt.
  • Engelkopf Dekorative Kopf- und Schnitzform an barocken Streichinstrumenten, besonders im Zusammenhang von Viola d’amore und historischen Sammlungsobjekten relevant.
  • Englisches Violett Historische Viola-d’amore- beziehungsweise Gambenform, die in Sammlungsnachweisen zu Alletsee erscheint.
  • Füssen Süddeutsches Zentrum des Lauten- und Geigenbaus, dessen regionale Tradition für Alletsees Herkunft entscheidend ist.
  • Geigenbau Handwerklicher und kunsttechnischer Bereich, in dem Alletsee als Münchner Hofmeister wirkte.
  • Geigenbauer Berufsbezeichnung für Hersteller und Reparaturmeister von Violinen, Violen, Violoncelli und verwandten Streichinstrumenten.
  • Germanisches Nationalmuseum Museum in Nürnberg mit katalogisch nachweisbaren Alletsee-Objekten in der Musikinstrumentensammlung.
  • Hohenschwangau Herkunftsort beziehungsweise Herkunftsraum Alletsees im Allgäuer und Schwangauer Kontext.
  • Hofinstrumentenmacher Höfischer Handwerks- und Musikberuf, der Bau, Reparatur und Pflege von Instrumenten für Hofkapellen umfasste.
  • Hofkapelle Musikalische Institution an Fürstenhöfen, deren Instrumentenbedarf Werkstätten wie diejenige Alletsees beschäftigte.
  • Hoflautenmacher Spezialisierter höfischer Instrumentenmacher, dessen Titel bei Alletsee ausdrücklich belegt ist.
  • Instrumentenkunde Forschungsfeld, das Bauform, Funktion, Klang und Provenienz historischer Instrumente untersucht.
  • Instrumentenbau Übergreifender Bereich der musikalischen Handwerkskultur, in dem Alletsees historische Bedeutung liegt.
  • Andreas Jais Süddeutscher Lauten- und Instrumentenmacher, im Netzwerk des Füssener und Münchner Instrumentenbaus relevant.
  • Johann Andreas Kämbl Münchner Lauten- und Geigenmacher, Schwiegersohn und Nachfolger Paul Alletsees.
  • Kirchenbuch Genealogische und archivalische Quellengattung, wichtig für Tauf- und Lebensdaten frühneuzeitlicher Handwerker.
  • Kontrabass Großes Bass-Streichinstrument, das in älteren Werkstatt- und Instrumentenbezügen Alletsees genannt wird.
  • Laute Zupfinstrument, dessen Bau und Pflege durch die Berufsbezeichnung Hof-Lauten- und Geigenmacher ausdrücklich berührt wird.
  • Lautenbau Handwerkliche Spezialtradition, aus der der Füssener und Allgäuer Instrumentenbau seine europäische Bedeutung gewann.
  • Lautenmacher Beruf des Zupfinstrumentenbauers, der bei Alletsee mit dem Geigenbau verbunden war.
  • Luthier International gebräuchliche Bezeichnung für Lauten- und Geigenmacher historischer und moderner Prägung.
  • Mittenwald Süddeutsches Geigenbauzentrum, als Vergleichsort zum Füssener und Münchner Instrumentenbau wichtig.
  • München Hauptwirkungsort Alletsees und Residenzstadt der bayerischen Kurfürsten.
  • Münchner Hofmusik Höfisches Musiksystem, dessen Instrumentenbedarf Werkstätten wie Alletsees prägte.
  • Oberton Akustisches Phänomen, das für Klangqualität und Bau historischer Saiteninstrumente grundlegend ist.
  • Provenienz Herkunfts- und Besitzgeschichte eines Instruments, zentral für Echtheitsprüfung und Zuschreibung.
  • Saiteninstrument Übergreifende Instrumentengruppe, zu der Lauten, Violinen, Violen, Gamben und Violoncelli gehören.
  • Schwangau Herkunftsraum Alletsees und Teil des Allgäuer Instrumentenbaukontexts.
  • Streichinstrument Instrumentengruppe, deren Bau Alletsees Haupttätigkeit als Geigenmacher bestimmte.
  • Viola Mittleres Streichinstrument, in der älteren Alletsee-Rezeption als Bratsche beziehungsweise Viola relevant.
  • Viola da gamba Historische Gambenfamilie, die in Sammlungsobjekten mit Alletsee-Bezug erscheint.
  • Viola d’amore Barockes Streichinstrument mit Resonanzsaiten, besonders wichtig für Alletsees erhaltene beziehungsweise katalogisierte Objektüberlieferung.
  • Violine Zentrales Streichinstrument, dessen Bau Alletsee als Geigenmacher historisch sichtbar macht.
  • Waltenhofen bei Füssen Taufort Alletsees und wichtiger Bezugspunkt für seine biographische Einordnung.
  • Werkstattzettel Instrumentenzettel mit Namen, Ort und Jahr, wichtig, aber quellenkritisch zu prüfen.