Richard Allen
Überblick
Richard Allen gehört zu den zentralen Gestalten der afroamerikanischen Religions-, Kirchen- und Gesangskultur des frühen 19. Jahrhunderts. Im engeren musiklexikalischen Sinn ist er als Gesangbuch-Bearbeiter bedeutsam; im weiteren kulturgeschichtlichen Sinn war er Prediger, Autor, Gemeindeleiter, Kirchenorganisator, Herausgeber, Bischof und einer der wichtigsten frühen Vertreter schwarzer religiöser Selbstorganisation in den Vereinigten Staaten. Sein Name ist untrennbar mit Philadelphia, Mother Bethel A.M.E. Church, der African Methodist Episcopal Church und der frühen afroamerikanischen Hymnologie verbunden.
Allens kulturgeschichtliche Bedeutung liegt nicht darin, dass er ein umfangreiches komponiertes Œuvre hinterlassen hätte. Seine Leistung besteht vielmehr darin, dass er Gesang, Predigt, Druck, Gemeindeaufbau, soziale Selbsthilfe und kirchliche Unabhängigkeit miteinander verband. Die 1801 in Philadelphia erschienenen Sammlungen A Collection of Spiritual Songs and Hymns beziehungsweise A Collection of Hymns and Spiritual Songs gehören zu den frühesten Gesangbuchpublikationen, die ausdrücklich für eine afroamerikanische Gemeinde zusammengestellt wurden. Sie waren wortgebundene Sammlungen, enthielten keine Noten und keine Autorenzuschreibungen, aber sie machten sichtbar, dass eine schwarze Gemeinde ihre eigene liturgische Stimme in gedruckter Form organisierte.
Allen übernahm viele Texte aus dem englischsprachigen protestantischen Repertoire, besonders aus methodistischen, baptistischen und evangelikalen Quellen. Gleichzeitig wurden die Hymnen im Gebrauch der Gemeinde verändert, kombiniert, wiederholt, refrainsartig erweitert und in eine Praxis eingegliedert, die von Call and Response, gemeinschaftlicher Beteiligung und afroamerikanischer Frömmigkeit geprägt war. Deshalb ist seine Gesangbucharbeit nicht nur als redaktionelle Auswahlleistung zu verstehen, sondern als Teil einer kulturellen Transformation: Aus vorhandenen englischen Hymnentexten wurde ein Repertoire für eine eigene schwarze Gemeindeöffentlichkeit.
Richard Allen steht damit an einer Schnittstelle zwischen Methodismus, afroamerikanischer Kirchenmusik, Abolitionismus, schwarzer Druckkultur, Gemeindegesang, Liturgiegeschichte und politischer Selbstbehauptung. Sein Werk zeigt, dass Gesangbücher nicht nur fromme Textsammlungen sind. Sie können kirchenbildend, identitätsstiftend und politisch wirksam sein.
Kurzdaten
| Name | Richard Allen. |
|---|---|
| Weitere Bezeichnungen | Bishop Richard Allen, Rt. Rev. Richard Allen, Richard Allen, African Minister. |
| Geburt | 14. Februar 1760 in Philadelphia, Pennsylvania; geboren in Versklavung im Besitz Benjamin Chews. |
| Tod | 26. März 1831 in Philadelphia, Pennsylvania. |
| Beruf | Gesangbuch-Bearbeiter, Methodistenprediger, Bischof, Autor, Herausgeber, Gemeindeleiter, Kirchenorganisator und Vertreter afroamerikanischer religiöser Selbstorganisation. |
| Konfessioneller Kontext | Methodismus, später African Methodist Episcopal Church. |
| Zentrale Gemeinde | Mother Bethel A.M.E. Church in Philadelphia. |
| Zentrale Organisation | African Methodist Episcopal Church, 1816 als eigenständige schwarze methodistische Denomination organisiert; Allen wurde ihr erster Bischof. |
| Wichtigste Gesangbucharbeit | A Collection of Spiritual Songs and Hymns, Philadelphia 1801; A Collection of Hymns and Spiritual Songs, Philadelphia 1801; Mitwirkung am African Methodist Pocket Hymn Book, 1818. |
| Publizistische Bedeutung | Mit Absalom Jones Verfasser der Gelbfieber-Verteidigungsschrift von 1794; autobiographische Überlieferung in The Life, Experience, and Gospel Labours of the Rt. Rev. Richard Allen, 1833. |
| Kulturelle Bedeutung | Allen verbindet afroamerikanischen Gemeindegesang, methodistische Hymnentradition, schwarze Kirchenbildung, Druckkultur, soziale Selbsthilfe und Abolitionismus. |
Herkunft, Versklavung, Freikauf und methodistische Prägung
Richard Allen wurde am 14. Februar 1760 in Philadelphia in Versklavung geboren. Seine frühen Lebensjahre waren durch die Gewalt der Sklaverei, durch Verkauf, Trennung und ökonomische Abhängigkeit bestimmt. Als Kind wurde er mit Familienangehörigen nach Delaware verkauft. Dort lernte er lesen und schreiben, kam mit methodistischen Predigern in Berührung und wurde in jungen Jahren religiös geprägt. Diese Verbindung von Selbstbildung, Bibellektüre, methodistischer Erweckungsfrömmigkeit und Freiheitsstreben wurde für sein späteres Leben bestimmend.
Allen kaufte seine Freiheit in den frühen 1780er Jahren. Der Freikauf war nicht nur ein biographischer Einschnitt, sondern auch ein geistlicher und sozialer Wendepunkt. Aus dem versklavten „Negro Richard“, wie er in frühen Zusammenhängen genannt wurde, wurde Richard Allen, ein freier schwarzer Prediger und Organisator. Seine spätere Arbeit kann nur vor diesem Hintergrund verstanden werden: Für Allen war religiöse Freiheit nie nur eine innere Glaubensangelegenheit, sondern immer auch mit sozialer Würde, körperlicher Freiheit, Bildung und gemeinschaftlicher Selbstverwaltung verbunden.
Der Methodismus bot ihm zunächst einen Raum, in dem Bekehrung, Predigt, Gesang und Laienaktivität stark betont wurden. Gerade die methodistische Hymnentradition mit Texten von Isaac Watts, Charles Wesley und John Wesley wurde für Allens Gesangbucharbeit wichtig. Zugleich erfuhr Allen innerhalb weiß dominierter methodistischer Strukturen rassistische Begrenzung, Segregation und Demütigung. Daraus erwuchs sein Drang zu eigener schwarzer Gemeindebildung.
Philadelphia, Free African Society und Mother Bethel
Philadelphia war für Richard Allen mehr als ein Wohnort. Die Stadt war im späten 18. Jahrhundert ein politisches, religiöses und druckkulturelles Zentrum. Hier kreuzten sich Revolutionserinnerung, Quäkertradition, Abolitionismus, freie schwarze Selbsthilfe, Gelbfieberkrise, methodistische Erweckung und frühe amerikanische Öffentlichkeit. Allen bewegte sich in diesem dichten urbanen Raum als Prediger, Arbeiter, Organisator und später als kirchlicher Leiter.
1787 gründeten Richard Allen und Absalom Jones die Free African Society, eine wichtige Selbsthilfeorganisation freier Schwarzer in Philadelphia. Diese Gesellschaft verband gegenseitige Unterstützung, moralische Ordnung, religiöse Praxis, Begräbnishilfe, soziale Verantwortung und gemeinschaftliche Selbstbehauptung. Sie war keine Kirche im engeren Sinn, bereitete aber die spätere kirchliche Selbstorganisation entscheidend vor.
Der Konflikt an der St. George’s Methodist Episcopal Church wurde zum Symbol. Schwarze Gemeindemitglieder wurden dort durch rassistische Sitzordnung und Ausgrenzung gedemütigt. Allen und Jones führten einen Teil der schwarzen Gemeinde in eine eigene Organisationsform. Aus dieser Bewegung entstand unter anderem Mother Bethel, die 1794 als eigene schwarze methodistische Gemeinde in Philadelphia sichtbar wurde. Diese Gemeinde wurde später zum Ursprung und Zentrum der African Methodist Episcopal Church.
Der Gemeindegesang spielte dabei eine tragende Rolle. Eine unabhängige Gemeinde brauchte nicht nur einen Prediger, ein Gebäude und rechtliche Struktur, sondern auch ein Repertoire. Hymnen stiften Gedächtnis, ordnen den Gottesdienst, geben Leid und Hoffnung Sprache und ermöglichen gemeinsame Beteiligung. Allens Gesangbucharbeit gehört deshalb unmittelbar zur Geschichte von Mother Bethel.
Gesangbucharbeit und afroamerikanische Hymnologie
1801 veröffentlichte Allen in Philadelphia A Collection of Spiritual Songs and Hymns Selected from Various Authors by Richard Allen, African Minister. Im selben Jahr erschien eine erweiterte beziehungsweise abweichend betitelte Ausgabe, A Collection of Hymns and Spiritual Songs. Die erste Fassung enthielt 54 Hymnen, die zweite 64. Beide Ausgaben waren wortgebundene Sammlungen ohne Noten. Sie enthielten auch keine Autorenzuschreibungen. Das erschwert die heutige Zuordnung einzelner Texte, zeigt aber zugleich den praktischen Zweck: Das Buch sollte nicht primär literarische Autorschaft dokumentieren, sondern der singenden Gemeinde dienen.
Die Bedeutung dieser Sammlungen liegt darin, dass sie zu den frühesten bekannten Gesangbüchern gehören, die von einem Afroamerikaner für eine afroamerikanische Gemeinde zusammengestellt wurden. Sie greifen auf ältere englischsprachige Hymnentraditionen zurück, besonders auf Isaac Watts, John und Charles Wesley, John Newton, baptistische und methodistische Quellen sowie amerikanische geistliche Texte. Allen war also kein isolierter Neuschöpfer aus dem Nichts. Seine redaktionelle Arbeit bestand darin, ein überliefertes protestantisches Textrepertoire für die Bedürfnisse einer schwarzen Gemeinde auszuwählen, neu zu ordnen und liturgisch verfügbar zu machen.
Besonders wichtig ist die Refrain- und Chorpraxis. Die Forschung hebt hervor, dass Allens Sammlung frei verwendbare Refrains oder Chorusse enthält, die nicht immer fest an einzelne Hymnen gebunden sind. Dadurch wird ein flexibler Gebrauch im Gottesdienst möglich. Diese Praxis weist auf eine Gemeindekultur, in der Texte nicht nur linear abgelesen, sondern wiederholt, beantwortet, erweitert und emotional intensiviert werden konnten. Sie verbindet gedruckte Hymnologie mit lebendiger mündlicher Ausführung.
Für die Musikgeschichte der USA ist Allens Gesangbucharbeit daher ein Schlüsselereignis. Sie steht zwischen europäisch-methodistischer Hymnentradition und afroamerikanischer Kirchenmusik. Sie zeigt eine Übergangsform vor den späteren Spirituals, Gospeltraditionen und denominationalen Gesangbüchern. Allens Sammlungen sind keine Notenbücher, aber sie sind musikalische Quellen ersten Ranges, weil sie die Texte und liturgischen Strukturen dokumentieren, aus denen Gemeindegesang entstand.
Liturgie, Call and Response und Gemeindegesang
Allens Hymnologie ist ohne den Gottesdienst nicht zu verstehen. Der Gemeindegesang war Teil einer liturgischen Handlung, in der Predigt, Gebet, Bekehrung, Zeugnis, Ermahnung, Trost und soziale Gemeinschaft ineinandergriffen. Besonders der methodistische Erweckungskontext legte Wert auf eine emotionale, unmittelbare und beteiligende Frömmigkeit. In afroamerikanischen Gemeinden erhielt diese Frömmigkeit zusätzliche Bedeutung, weil sie Würde, Stimme und Zusammenhalt in einer rassistisch geprägten Gesellschaft ermöglichte.
Der Ausdruck Call and Response bezeichnet nicht nur eine musikalische Technik, sondern eine soziale Form. Eine Stimme ruft, andere antworten; ein Prediger setzt an, die Gemeinde bekräftigt; eine Zeile wird gesungen, ein Refrain wiederholt; ein Text wird im Vollzug gemeinschaftlich angeeignet. Allens Gesangbücher sind gedruckte Zeugnisse einer solchen Praxis, auch wenn die genaue musikalische Ausführung nicht notiert ist.
Gerade weil die Bücher keine Melodien enthalten, muss man sie als Text- und Gebrauchsbücher lesen. Die Melodien konnten aus mündlicher Tradition, aus bekannten methodistischen Tunes, aus Gemeindepraxis oder aus improvisierten beziehungsweise angepassten Singweisen stammen. Das Fehlen der Noten ist kein Mangel im modernen Sinn, sondern Ausdruck einer Praxis, in der gemeinschaftliche Kenntnis und flexible Aufführung wichtiger waren als vollständige musikalische Fixierung.
In der späteren afroamerikanischen Kirchenmusik wird diese Verbindung von gedrucktem Text und lebendiger Ausführung weiterwirken. Spiritual, Lining-out, Hymn, Shout, Gospel und Predigtgesang stehen nicht einfach in gerader Linie von Allen her, aber seine Arbeit gehört zu den frühen Druckzeugen jener Kultur, in der schwarze Gemeinden ihre Stimme liturgisch und musikalisch selbst organisierten.
African Methodist Episcopal Church und kirchliche Selbstorganisation
1816 wurde die African Methodist Episcopal Church als eigenständige schwarze methodistische Denomination organisiert, und Richard Allen wurde ihr erster Bischof. Damit erreichte ein Prozess seinen institutionellen Ausdruck, der schon in der Free African Society, in Mother Bethel und in den Konflikten mit weißen methodistischen Strukturen angelegt war. Die AME Church war nicht nur eine neue Kirche, sondern ein Akt religiöser Selbstbestimmung.
Für die Kulturgeschichte des Gesangs ist diese Denominationsbildung entscheidend. Eine Kirche braucht Ordnungen, Prediger, Versammlungsorte, Schulen, Disziplinartexte und Gesangbücher. Allen wirkte an dieser gesamten Infrastruktur mit. Die 1817 erschienene Kirchenordnung und das 1818 erschienene African Methodist Pocket Hymn Book zeigen, dass Lehre, Disziplin und Gesang zusammen gedacht wurden. Kirchenbildung war daher auch Buchbildung.
Das African Methodist Pocket Hymn Book von 1818, zusammengestellt von Richard Allen, Daniel Coker und James Champion, enthielt 314 Hymnen und war das erste offizielle Gesangbuch der AME Church. Es orientierte sich am methodistischen Vorbild, wurde aber für die neue schwarze Denomination angepasst. Dadurch wurde der Gemeindegesang zu einem Instrument konfessioneller Identität. Wer aus diesem Buch sang, sang nicht nur allgemeine protestantische Frömmigkeit, sondern auch die Zugehörigkeit zu einer selbständigen schwarzen Kirche.
Publizistik, Gelbfieber-Schrift und autobiographische Überlieferung
Richard Allen war nicht nur Gesangbuch-Bearbeiter, sondern auch Autor und öffentlicher Verteidiger der schwarzen Gemeinde Philadelphias. Während der Gelbfieberepidemie von 1793 halfen Allen, Absalom Jones und zahlreiche schwarze Einwohnerinnen und Einwohner bei Pflege, Versorgung und Begräbnissen. Zugleich wurden sie in zeitgenössischen weißen Publikationen verleumdet. Darauf reagierten Allen und Jones 1794 mit der Schrift A Narrative of the Proceedings of the Black People, During the Late Awful Calamity in Philadelphia, in the Year 1793.
Diese Schrift ist kulturgeschichtlich bedeutsam, weil sie frühe afroamerikanische Selbstverteidigung, Krisenbericht, politische Argumentation und moralische Zeugenschaft verbindet. Allen und Jones widersprachen der Behauptung, schwarze Helfer hätten die Krise ausgenutzt, und stellten die Arbeit der schwarzen Gemeinde als verantwortlichen Dienst an der ganzen Stadt dar. Damit gehört der Text zu den frühen gedruckten Zeugnissen schwarzer öffentlicher Rede in den USA.
1833 erschien postum The Life, Experience, and Gospel Labours of the Rt. Rev. Richard Allen. Das Buch wurde nach Allens Wunsch veröffentlicht und enthält neben der Lebensdarstellung auch Texte zur Geschichte der African Methodist Episcopal Church, zur Gelbfieberkrise und zu einem Appell an die People of Colour in the United States. Für die Forschung ist dieser Band besonders wichtig, weil er autobiographische Erinnerung, Kirchenhistoriographie und politische Adresse miteinander verbindet.
Werkverzeichnis
Richard Allen war kein Komponist im engeren europäischen Sinn. Sein Werk besteht aus Gesangbuchbearbeitung, Herausgabe, kirchlicher Ordnungsarbeit, politisch-religiöser Publizistik, autobiographischer Überlieferung und institutioneller Gründung. Das folgende Werkverzeichnis erfasst die gesicherten beziehungsweise gut nachweisbaren Drucke und Werkzusammenhänge. Wo Allen nur mit anderen Autoren oder Herausgebern zusammenwirkte, wird dies ausdrücklich genannt.
Gesangbücher und hymnologische Arbeiten
- A Collection of Spiritual Songs and Hymns Selected from Various Authors by Richard Allen, African Minister. Philadelphia: John Ormrod, 1801. Wortgebundene Sammlung mit 54 Hymnen, zusammengestellt für die Bethel African Methodist Episcopal Church beziehungsweise Allens afroamerikanische Gemeinde in Philadelphia. Die Sammlung enthält keine Noten und keine Autorenzuschreibungen; sie ist als frühe afroamerikanische Gesangbuchpublikation von besonderer Bedeutung.
- A Collection of Hymns and Spiritual Songs from Various Authors. Philadelphia: Plowman, 1801. Erweiterte beziehungsweise zweite Fassung der 1801er Sammlung mit 64 Hymnen. Diese Ausgabe ergänzt die frühere Sammlung um weitere Texte und zeigt, dass Allens Gesangbucharbeit unmittelbar auf den praktischen Bedarf seiner Gemeinde reagierte.
- African Methodist Pocket Hymn Book. Philadelphia, 1818. Zusammengestellt von Richard Allen, Daniel Coker und James Champion. Erstes offizielles Gesangbuch der African Methodist Episcopal Church mit 314 Hymnen, wortgebunden und in methodistischer Tradition, aber für die neue schwarze Denomination geordnet.
- Refrain- und Chorus-Material in den Gesangbüchern von 1801. Kein eigenes Werk im bibliographischen Sinn, aber ein wichtiger aufführungspraktischer Bestandteil von Allens Hymnologie. Die frei verwendbaren Chorusse zeigen die Verbindung von gedrucktem Text, Wiederholung, Gemeindebeteiligung und afroamerikanischer Singpraxis.
- Mögliche eigene Hymnentexte Richard Allens. Die Forschung nimmt an, dass einzelne Texte aus Allens Umfeld oder von Allen selbst stammen können. Da die Gesangbücher keine Autorenzuschreibungen enthalten, ist eine sichere Einzelzuweisung nur mit Vorsicht möglich. In einem Werkverzeichnis sind diese Texte daher nicht als gesicherte Einzelwerke auszuweisen.
Kirchenordnungen, Denominationsbildung und Herausgeberschaft
- The Doctrines and Discipline of the African Methodist Episcopal Church. Philadelphia, 1817. Richard Allen wirkte an der frühen Kirchenordnung der AME Church mit; der Druck gehört zum institutionellen Grundbestand der neuen Denomination. Er verbindet Lehrordnung, kirchliche Disziplin, Gemeindestruktur und Selbstorganisation.
- Prefatorische und kirchengeschichtliche Texte zur frühen AME Church. In mehreren Drucken des frühen 19. Jahrhunderts erscheint Allen nicht nur als kirchliche Autorität, sondern als Unterzeichner, Herausgeber oder Mitverantwortlicher einer neuen denominationalen Öffentlichkeit.
- Organisation der Mother Bethel A.M.E. Church. Kein Druckwerk im engeren Sinn, aber ein dauerhaftes institutionelles Werk Allens. Die Gemeinde wurde zum Zentrum der AME-Tradition und zum historischen Ort seiner Gesangbucharbeit.
- Organisation der African Methodist Episcopal Church, 1816. Ebenfalls kein literarisches Werk, aber eine zentrale kulturgeschichtliche Leistung. Die Gründung der Denomination bildet den Rahmen, in dem die Gesangbuch- und Kirchenordnungspublikationen ihre volle Bedeutung erhalten.
Publizistische und autobiographische Werke
- A Narrative of the Proceedings of the Black People, During the Late Awful Calamity in Philadelphia, in the Year 1793: and a Refutation of Some Censures, Thrown Upon Them in Some Late Publications. Philadelphia: William W. Woodward, 1794. Verfasst von Absalom Jones und Richard Allen. Die Schrift verteidigt die schwarze Gemeinde Philadelphias gegen Vorwürfe im Zusammenhang der Gelbfieberepidemie von 1793 und dokumentiert frühe afroamerikanische öffentliche Selbstbehauptung.
- The Life, Experience, and Gospel Labours of the Rt. Rev. Richard Allen. To Which Is Annexed the Rise and Progress of the African Methodist Episcopal Church in the United States of America. Philadelphia: Martin & Boden, 1833. Postum veröffentlichte autobiographische und kirchengeschichtliche Schrift, „written by himself“ und nach Allens Wunsch publiziert. Der Band enthält die Lebensdarstellung, die Geschichte der AME Church, eine Darstellung der Gelbfieberkrise und eine Adresse an die People of Colour in the United States.
- Address to the People of Colour in the United States. In der 1833 erschienenen autobiographischen Überlieferung enthalten. Der Text gehört in den Kontext von Allens politisch-religiöser Ermahnung und schwarzer Selbstorganisation.
- Berichte und Briefe im Umfeld der frühen AME Church. Einzelne archivalische oder kirchenhistorisch überlieferte Dokumente sind nicht immer als eigenständige Werke Allens zu behandeln, gehören aber zum weiteren Corpus seiner kirchlichen Autorität und Organisationsarbeit.
Predigt, Liturgie und mündliche Überlieferung
- Predigten Richard Allens. Allens Predigtstil war wesentlich mündlich, erwecklich und handlungsorientiert. Ein großer Teil dieser Tätigkeit ist nicht als gedrucktes Einzelwerk erhalten, war aber für seine Wirkung grundlegender als manche Publikation.
- Liturgische Praxis in Mother Bethel. Die Verbindung von Predigt, Gebet, Gemeindegesang, Refrain und methodistischer Erweckungspraxis bildet ein nicht vollständig schriftlich fixiertes, aber kulturgeschichtlich entscheidendes Werkfeld.
- Gemeindegesang der Bethel-Gemeinde. Die gedruckten Gesangbücher dokumentieren nur die Texte; die tatsächliche musikalische Praxis, Melodienwahl, Wiederholung und vokale Gestaltung waren Teil einer mündlich-liturgischen Kultur.
Rezeptions- und Nachdruckgeschichte
- Spätere Nachdrucke und Editionen der autobiographischen Schrift. The Life, Experience, and Gospel Labours wurde mehrfach neu aufgelegt und in digitalen Editionen verfügbar gemacht. Dadurch wurde Allen für afroamerikanische Literatur-, Kirchen- und Bürgerrechtsgeschichte weiterhin zugänglich.
- Digitalisierte Fassungen der Gesangbücher von 1801. Moderne Faksimiles und Datenbankeinträge machen Allens Hymnologie heute für Forschung, Kirchenmusik und afroamerikanische Musikgeschichte wieder greifbar.
- Hymnologische Datenbankerschließung bei Hymnary und Hymnology Archive. Diese digitalen Ressourcen ordnen Allen als Herausgeber, Gesangbuchbearbeiter und Schlüsselfigur afroamerikanischer Hymnentradition ein.
Rezeption und editorische Hinweise
Richard Allen wird in unterschiedlichen Disziplinen verschieden wahrgenommen. In der Kirchen- und Religionsgeschichte erscheint er vor allem als Gründer und erster Bischof der African Methodist Episcopal Church. In der afroamerikanischen Geschichte steht er als Abolitionist, Gemeindeleiter und Organisator schwarzer Selbsthilfe. In der Hymnologie und Musikgeschichte ist er besonders als Gesangbuch-Bearbeiter wichtig. Eine Kulturlexikon-Seite sollte diese Bereiche nicht trennen, weil Allens musikalische Bedeutung unmittelbar aus seiner kirchlichen und sozialen Arbeit hervorgeht.
Editorisch ist zu beachten, dass Allens Gesangbücher keine Noten enthalten. Daher sollte man sie nicht als Melodienbücher oder Choralbücher im engeren Sinn bezeichnen, sondern als wortgebundene Hymnensammlungen. Die musikalische Praxis muss aus dem Gebrauch, der methodistischen Hymnentradition, der Refrainstruktur und der afroamerikanischen Gemeindekultur erschlossen werden. Das macht die Quellen nicht weniger musikalisch; es verschiebt nur den Blick von der Partitur zur Aufführungspraxis.
Ein weiterer Punkt betrifft die Autorschaft. Da die Hymnen der 1801er Sammlungen ohne Verfasserangaben gedruckt wurden, ist nicht immer sicher zu entscheiden, welche Texte von Allen selbst stammen, welche aus seiner Gemeinde kamen und welche aus älteren englischen oder amerikanischen Quellen übernommen wurden. Deshalb ist „Gesangbuch-Bearbeiter“ präziser als „Komponist“ oder pauschal „Hymnendichter“. Allen war Sammler, Herausgeber, Redaktor, liturgischer Praktiker und kirchlicher Organisator.
Auch die Ortsangabe der Geburt muss sorgfältig behandelt werden. Die musiklexikalische und biographische Haupttradition nennt Philadelphia, Pennsylvania. Gleichzeitig berichten mehrere Lebensdarstellungen, dass Allen als Kind nach Delaware verkauft wurde und dort wesentliche Teile seiner Jugend verbrachte. Für die vorliegende Seite bleibt Philadelphia der Geburtsort, während Delaware für seine frühe Versklavungs-, Bekehrungs- und Freikaufgeschichte wichtig bleibt.
Sekundärliteratur
- Andrews, Dee E.: The Methodists and Revolutionary America, 1760–1800. The Shaping of an Evangelical Culture. Princeton 2000.
- Brooks, Joanna: Arbeiten zur frühen afroamerikanischen religiösen Literatur und zur Publizistik von Richard Allen und Absalom Jones.
- Frey, Sylvia R. und Betty Wood: Come Shouting to Zion. African American Protestantism in the American South and British Caribbean to 1830. Chapel Hill 1998.
- George, Carol V. R.: Segregated Sabbaths. Richard Allen and the Emergence of Independent Black Churches, 1760–1840. New York 1973.
- Glaude, Eddie S. Jr.: Exodus! Religion, Race, and Nation in Early Nineteenth-Century Black America. Chicago 2000.
- Hodges, Graham Russell Gao: Root and Branch. African Americans in New York and East Jersey, 1613–1863. Chapel Hill 1999.
- Raboteau, Albert J.: Slave Religion. The Invisible Institution in the Antebellum South. New York 1978.
- Southern, Eileen: „Musical Practices in Black Churches of Philadelphia and New York, ca. 1800–1844“. In: The Musical Quarterly 63, 1977.
- Waters, Kenneth L.: „Liturgy, Spirituality, and Polemic in the Hymnals of Richard Allen“. In: The North Star, Bd. 2.
- Wesley, Charles H.: Richard Allen. Apostle of Freedom. Washington, D.C. 1935.
- Williams, Peter W.: America’s Religions. From Their Origins to the Twenty-first Century. Urbana/Chicago.
Ausgewählte Onlinequellen
- AME Church: Founder’s Day 2018 Offizielle kirchliche Würdigung Richard Allens mit Angaben zu Versklavung, Freikauf, Predigtzulassung, St. George’s und der Entstehung der AME Church.
- Britannica: Richard Allen Lexikalischer Überblick zu Lebensdaten, Philadelphia, African Methodist Episcopal Church und Allens Bedeutung als Gründerfigur.
- Documenting the American South: The Life, Experience, and Gospel Labours of Richard Allen Volltext der 1833 erschienenen autobiographischen und kirchengeschichtlichen Schrift Richard Allens.
- Hymnary: A Collection of Spiritual Songs and Hymns Datenbankeintrag zur 1801 in Philadelphia erschienenen Hymnensammlung mit Richard Allen als Herausgeber.
- Hymnary: Richard Allen Personeneintrag mit Einordnung Allens als Herausgeber des ersten Gesangbuchs für schwarze Gemeinden und mit Hinweisen zur Refrainpraxis.
- Hymnology Archive / Canterbury Dictionary of Hymnology: A Collection of Spiritual Songs and Hymns Fachlicher Überblick zu Allens 1801er Hymnensammlung, ihrer zweiten Ausgabe und ihrer Bedeutung für afroamerikanische Gemeindegesangskultur.
- Hymnology Archive: Richard Allen Ausführlicher hymnologiegeschichtlicher Artikel zu Allen, den Gesangbüchern von 1801, dem AME-Gesangbuch von 1818 und den Problemen der Textzuweisung.
- MGG Online: Allen, Richard Musiklexikalischer Fachartikel mit den Kerndaten und der Einordnung Allens als Gesangbuch-Bearbeiter.
- National Park Service: A Narrative of the Proceedings of the Black People Historische Einordnung der 1794 von Absalom Jones und Richard Allen veröffentlichten Gelbfieber-Verteidigungsschrift.
- Pennsylvania Center for the Book: Richard Allen Biographischer Artikel mit Angaben zu Philadelphia, Versklavung, Freikauf, Gemeindearbeit und Gesangbuchveröffentlichung von 1801.
- PBS Africans in America: Rt. Rev. Richard Allen Einführung zu Allen als Gründer der AME Church und zur autobiographischen Überlieferung von 1833.
- Rediscovering Black History: Richard Allen and the Origins of the AME Church National-Archives-Blogbeitrag zu Geburt, Versklavung, Freikauf, methodistischer Prägung, Mother Bethel und AME-Entstehung.
Weiterführende Einträge
- Abolitionismus Bewegung gegen Sklaverei, deren religiöse und soziale Argumente Allens Arbeit als Prediger und Autor prägten.
- African Methodist Episcopal Church Von Richard Allen mitbegründete schwarze methodistische Denomination, deren erster Bischof er 1816 wurde.
- Afroamerikanische Kirchenmusik Musikalisch-liturgischer Zusammenhang von Hymn, Spiritual, Call and Response, Gospel und Gemeindegesang.
- Afroamerikanische Literatur Publizistisches Feld, zu dem Allens autobiographische und politische Schriften gehören.
- Afroamerikanische Religionsgeschichte Historischer Rahmen für Allens Gemeindebildung, Hymnologie und Kirchenorganisation.
- Sarah Allen Ehefrau Richard Allens und wichtige Mitgestalterin der frühen AME-Gemeindearbeit.
- Bethel A.M.E. Church Gemeinde Richard Allens in Philadelphia und Zentrum seiner Gesangbucharbeit.
- Call and Response Wechselstruktur von Ruf und Antwort, wichtig für afroamerikanischen Gemeindegesang und Predigtkultur.
- Daniel Coker AME-Geistlicher und Mitbearbeiter des African Methodist Pocket Hymn Book von 1818.
- Free African Society 1787 von Richard Allen und Absalom Jones gegründete Selbsthilfeorganisation freier Schwarzer in Philadelphia.
- Gemeindegesang Zentrale liturgische Praxis, für die Allens Gesangbücher von 1801 und 1818 bestimmt waren.
- Gesangbuch Buchform des kirchlichen Singens, bei Allen zugleich Medium afroamerikanischer Selbstorganisation.
- Gospel Spätere afroamerikanische Kirchenmusikform, deren historische Vorgeschichte auch in früher Hymnologie und Gemeindegesang liegt.
- Hallel Biblische Lobgesangstradition, als allgemeiner Hintergrund religiöser Gesangskultur relevant.
- Hymnologie Forschungsfeld zu Kirchenlied, Hymne, Gesangbuch und geistlicher Singpraxis.
- Absalom Jones Mitgründer der Free African Society und Mitautor der Gelbfieber-Verteidigungsschrift von 1794.
- Methodismus Protestantische Erweckungsbewegung, deren Predigt- und Hymnentradition Allens Arbeit prägte.
- Mother Bethel A.M.E. Church Historische Muttergemeinde der AME Church und zentraler Wirkungsort Richard Allens.
- John Newton Englischer Hymnendichter, dessen Texte zu den Quellen protestantischer Gesangbuchtradition gehören.
- Philadelphia Geburts-, Wirkungs- und Sterbeort Allens sowie Zentrum früher schwarzer Kirchen- und Druckkultur.
- Predigt Mündliche religiöse Redeform, die bei Allen mit Gemeindegesang und sozialer Selbstorganisation verbunden war.
- Schwarze Druckkultur Publikationsfeld früher afroamerikanischer Selbstzeugnisse, zu dem Allens Gesangbücher und Schriften gehören.
- Sklaverei Historisches Gewalt- und Unrechtssystem, aus dem Allen sich freikaufte und gegen dessen Folgen seine Gemeindearbeit gerichtet war.
- Spiritual Afroamerikanisches geistliches Liedgenre, dessen spätere Entwicklung mit früher schwarzer Gemeindegesangskultur verbunden ist.
- Isaac Watts Englischer Hymnendichter, aus dessen Tradition Allen zahlreiche Texte oder Vorlagen übernahm.
- Charles Wesley Methodistischer Hymnendichter, dessen Lieder für Allens Gesangbuchtradition wichtig wurden.
- John Wesley Begründerfigur des Methodismus und Herausgebertradition, auf die Allens AME-Gesangbücher zurückgriffen.