Geri Antoinette Allen

Auch Geri Allen; * 12. Juni 1957 in Pontiac, Michigan, † 27. Juni 2017 in Philadelphia, Pennsylvania; Jazz-Pianistin, Komponistin, Musikethnologin, Hochschullehrerin und Bandleaderin.

Überblick

Geri Antoinette Allen war eine der bedeutendsten Jazz-Pianistinnen, Komponistinnen und Musikdenkerinnen der amerikanischen Musik nach 1980. Sie verband die Detroit-Jazz-Tradition, Postbop, Free Jazz, Gospel, Motown, Avantgarde-Jazz, afroamerikanische Musikgeschichte, akademische Musikethnologie und eine ausgeprägt persönliche Klavierpoetik. Ihre Kunst lässt sich nicht auf eine einzelne Schule reduzieren. Sie konnte in einem Moment perkussiv, dicht und rhythmisch verschoben spielen, im nächsten lyrisch, transparent, gesanglich oder fast ritualhaft gesammelt.

Allen gehörte zu jener Generation afroamerikanischer Musikerinnen und Musiker, die nach der historischen Hochphase von Bebop, Hardbop, Free Jazz und Fusion nicht einfach eine Stilrichtung fortsetzten, sondern verschiedene Traditionslinien neu zusammenführten. In ihrer Musik stehen Thelonious Monk, Bud Powell, Herbie Hancock, McCoy Tyner, Cecil Taylor, Mary Lou Williams, Ornette Coleman und die Detroit-Schule nicht als starre Vorbilder nebeneinander. Sie werden vielmehr in eine eigene Sprache übersetzt, in der Komposition und Improvisation, Linie und Schlag, Erinnerung und Experiment miteinander arbeiten.

Ihre Laufbahn führte von Pontiac und Detroit über die Howard University, die University of Pittsburgh und New York bis zu internationalen Festivals, Schallplattenlabels, Universitäten und interdisziplinären Projekten. Sie arbeitete mit Musikerinnen und Musikern wie Charlie Haden, Paul Motian, Steve Coleman, Oliver Lake, Betty Carter, Ron Carter, Tony Williams, Wallace Roney, Terri Lyne Carrington, David Murray, Esperanza Spalding und Kurt Rosenwinkel.

Kulturgeschichtlich ist Allen besonders wichtig, weil sie das moderne Jazzpiano nicht als bloßes Virtuosenfach, sondern als Erinnerungs-, Forschungs- und Vermittlungsinstrument verstand. Ihre Musik bezieht sich auf Familie, Stadt, Geschichte, Spiritualität, Bürgerrechtskultur, afroamerikanische Frauen im Jazz, Mary Lou Williams, Erroll Garner, Motown, Detroit und die offene Gegenwart des improvisierten Spiels. Sie war nicht nur Pianistin und Komponistin, sondern auch Hochschullehrerin, Programmdirektorin, Mentorin, Archivdenkerin und eine Schlüsselfigur für die Sichtbarkeit von Frauen im modernen Jazz.

Kurzdaten

Name Geri Antoinette Allen.
Kurzform Geri Allen.
Geburt 12. Juni 1957 in Pontiac, Michigan.
Tod 27. Juni 2017 in Philadelphia, Pennsylvania.
Beruf Jazz-Pianistin, Komponistin, Musikethnologin, Hochschullehrerin, Bandleaderin, Improvisatorin, Arrangeurin und Musikpädagogin.
Instrument Klavier, außerdem elektrische Tasteninstrumente in einzelnen Projekten.
Herkunft und Prägung Aufgewachsen in Detroit; musikalisch geprägt durch Cass Technical High School, Marcus Belgrave, Detroit Jazz Development Workshop, afroamerikanische Musiktraditionen, Motown und die moderne Jazzszene.
Studium Bachelor in Jazz Studies an der Howard University, 1979; Master in Ethnomusicology an der University of Pittsburgh, 1982.
Wichtige Lehrer und Mentoren Marcus Belgrave, Kenny Barron, Nathan Davis sowie die größere Detroit- und New-York-Jazzgemeinschaft.
Stilfelder Modern Jazz, Postbop, Avantgarde-Jazz, Free Jazz, M-Base, Gospel, Motown, Spirituals, afroamerikanische Kompositions- und Improvisationsgeschichte.
Akademische Tätigkeit Associate Professor an der University of Michigan; später Associate Professor und Director of Jazz Studies an der University of Pittsburgh.
Zentrale Auszeichnungen Soul Train Lady of Soul Award für Twenty One 1995, Jazzpar Prize 1996, Guggenheim Fellowship 2008, Ehrendoktorat des Berklee College of Music 2014.
Kulturgeschichtliche Bedeutung Geri Allen steht für eine moderne, traditionsbewusste und zugleich experimentelle Form des Jazzpianos, in der afroamerikanische Musikgeschichte, Improvisation, Komposition, Wissenschaft und Pädagogik ineinandergreifen.

Pontiac, Detroit und musikalische Herkunft

Geri Allen wurde in Pontiac, Michigan, geboren und wuchs in Detroit auf. Diese Herkunft ist für ihr musikalisches Profil grundlegend. Detroit war nicht nur eine Industriestadt und Zentrum von Motown, sondern auch ein außergewöhnlich produktiver Jazzraum. Musiker wie Ron Carter, Marcus Belgrave, Kenny Burrell, Barry Harris, Tommy Flanagan, Hank Jones, Thad Jones und viele andere stehen für eine lokale Kultur, in der musikalische Strenge, Gemeinschaft, Mentoring und afroamerikanische Bildungsarbeit eng verbunden waren.

Allen begann im Alter von sieben Jahren mit dem Klavier. An der Cass Technical High School erhielt sie eine solide musikalische Ausbildung und wurde durch Marcus Belgrave gefördert. Belgrave war für die Detroit-Jazzszene nicht nur Trompeter, sondern Lehrer, Mentor und Vermittler. Seine Bedeutung liegt in einer Pädagogik, die junge Musikerinnen und Musiker nicht allein technisch ausbildete, sondern in eine lebendige Traditionsgemeinschaft einführte. Allen nahm diese Idee der Weitergabe später selbst in ihre akademische und künstlerische Arbeit auf.

Detroit blieb für sie auch nach dem internationalen Erfolg ein innerer Bezugspunkt. Das Album Grand River Crossings: Motown & Motor City Inspirations ist nicht bloß ein nostalgisches Erinnerungsprojekt, sondern eine musikalische Rückkehr zu einem städtischen Klanggedächtnis. Motown, Gospel, Blues, Jazz, Familiengeschichte und urbane Erfahrung werden darin zu Material einer reflektierten pianistischen Übersetzung.

Ausbildung, Howard University und Musikethnologie

Nach der Detroiter Schulzeit studierte Allen an der Howard University in Washington, D.C. und schloss 1979 im Bereich Jazz Studies ab. Diese Studienphase ist für ihre Biographie wichtig, weil Howard als historisch schwarze Universität nicht nur musikalische Ausbildung, sondern auch afroamerikanische Kulturgeschichte, intellektuelle Selbstbehauptung und institutionelle Gemeinschaft vermittelte. Allen gehörte zu den frühen Absolventinnen und Absolventen dieses Jazz-Studienprogramms.

Nach Howard studierte sie in New York bei Kenny Barron. Barron verkörperte eine Linie des modernen Jazzpianos, die Bebop, lyrische Klarheit, harmonische Eleganz und improvisatorische Disziplin verband. Für Allen war diese Begegnung kein Gegensatz zu ihrer späteren Offenheit für Avantgarde und freie Formen. Vielmehr ist gerade diese Verbindung charakteristisch: Sie konnte experimentieren, weil sie die Tradition ernst nahm.

An der University of Pittsburgh erwarb sie 1982 einen Masterabschluss in Musikethnologie. Dieser Abschluss unterscheidet sie von vielen Jazzinstrumentalistinnen ihrer Generation. Musikethnologie bedeutete für Allen nicht nur akademische Zusatzqualifikation, sondern ein Denken in kulturellen Zusammenhängen. Ihre späteren Projekte zeigen immer wieder diese Perspektive: Musik ist nicht nur Tonmaterial, sondern Geschichte, Gemeinschaft, Körper, Spiritualität, Geschlecht, Stadt, Erinnerung und soziale Praxis.

New York, M-Base und frühe Aufnahmen

Nach dem Masterstudium ging Allen nach New York. Dort wurde sie Teil einer Szene, in der sich junge Musikerinnen und Musiker mit Postbop, freier Improvisation, Funk, afrikanischen und afro-diasporischen Rhythmen, komplexen Strukturen und neuen Kompositionskonzepten beschäftigten. Besonders wichtig wurde das Umfeld von M-Base um Steve Coleman. Allen spielte auf frühen Aufnahmen Colemans und entwickelte zugleich eigene Projekte, die ihre kompositorische Eigenständigkeit dokumentierten.

Ihr Debütalbum The Printmakers entstand 1984 mit Anthony Cox und Andrew Cyrille. Schon diese Besetzung ist programmatisch: Cox brachte eine moderne Basssprache ein, Cyrille verband Free-Jazz-Erfahrung, Klangbewusstsein und rhythmische Beweglichkeit. Allen zeigte sich hier als Komponistin und Pianistin, die nicht auf konventionellen Begleit- und Solorollen beharrte. Das Klavier wurde zu einem offenen, formbildenden Instrument.

In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren arbeitete sie mit Charlie Haden und Paul Motian. Die Aufnahmen In the Year of the Dragon, Segments und Live at the Village Vanguard gehören zu den wichtigen Triozeugnissen dieser Phase. Haden und Motian waren nicht bloß Begleiter, sondern Musiker mit starker melodischer und struktureller Eigenständigkeit. In dieser Triokonstellation konnte Allen ihre Fähigkeit entfalten, offene Formen, Standards, freie Bewegung und lyrische Konzentration miteinander zu verbinden.

Pianistischer Stil, Komposition und Improvisation

Geri Allens Klavierstil ist von einer besonderen Spannung zwischen Dichte und Raum geprägt. Sie konnte kompakte rhythmische Zellen, widerständige Akzente, verschobene Phrasen und harte Attacken einsetzen, aber ebenso lange melodische Linien, transparente Harmonien und rubatoartige Offenheit. Ihr Spiel wirkt häufig, als würde es mehrere Zeitschichten zugleich aktivieren: ältere Stride- und Bebop-Gesten, moderne Quartalharmonik, freie Klangflächen, gospelhafte Kadenzbewegungen und abstrakte Motivarbeit.

Ihre Kompositionen sind selten bloße Themen als Ausgangspunkt für Soli. Häufig besitzen sie eine eigene architektonische Logik, in der Form, Erinnerung, Widmung und improvisatorische Freiheit verbunden sind. Titel wie The Nurturer, Maroons, Timeless Portraits and Dreams, Flying Toward the Sound oder Grand River Crossings zeigen, dass Allen Musik als poetischen und kulturellen Raum auffasste. Ein Album war für sie oft ein Konzept, kein loses Programm.

In Flying Toward the Sound entwickelte sie eine Solopiano-Suite, die sich auf Cecil Taylor, McCoy Tyner und Herbie Hancock bezieht. Entscheidend ist dabei nicht Nachahmung, sondern Brechung. Allen lässt Vorbilder durch ihre eigene musikalische Vorstellung hindurchgehen. Genau darin liegt ein Kern ihrer Ästhetik: Tradition wird nicht konserviert, sondern durch improvisatorische Gegenwart neu gebrochen.

Tradition, Avantgarde, Gender und afroamerikanische Musikgeschichte

Allen war eine Musikerin, die große historische Spannungen produktiv machte. Sie konnte mit Ornette Coleman arbeiten und zugleich Ron Carter und Tony Williams in ein Trio integrieren; sie konnte Mary Lou Williams ehren und zugleich M-Base-Erfahrungen verarbeiten; sie konnte Motown-Melodien aufgreifen und sie in einen modernen pianistischen Kontext überführen. Dadurch widersetzte sie sich einfachen Kategorien wie Mainstream, Avantgarde, Tradition oder Fusion.

Eine besondere Rolle spielte Mary Lou Williams. Allen setzte sich mit Williams nicht nur musikalisch, sondern kulturhistorisch auseinander. Sie spielte Williams im Film Kansas City, wirkte an Projekten zur Wiederbelebung ihrer Musik mit und nahm die Geschichte von Frauen im Jazz als künstlerische und pädagogische Aufgabe ernst. Damit gehört Allen zu den Musikerinnen, die nicht nur selbst durch Leistung sichtbar wurden, sondern aktiv an einer veränderten Erinnerungskultur arbeiteten.

Auch Gender ist bei Allen nicht als äußerlicher Zusatz zu behandeln. Als Pianistin, Bandleaderin, Komponistin, Wissenschaftlerin und Professorin bewegte sie sich in einem Feld, das lange männlich dominiert war. Ihr Erfolg mit Twenty One, ihr Jazzpar Prize und ihre akademische Leitungstätigkeit sind deshalb auch kulturgeschichtlich zu lesen. Sie steht für eine Jazzmoderne, in der Frauen nicht nur Sängerinnen oder Randfiguren sind, sondern zentrale schöpferische Autoritäten.

Hochschullehre, Pittsburgh und Vermittlung

Geri Allen war über viele Jahre als Hochschullehrerin tätig. Sie lehrte an der University of Michigan und wurde später Associate Professor und Director of Jazz Studies an der University of Pittsburgh. Diese Rückkehr nach Pittsburgh hatte biographische und symbolische Bedeutung, weil sie dort selbst Musikethnologie studiert hatte. Als Leiterin des Jazz-Programms trat sie in die Nachfolge von Nathan Davis, der für die institutionelle Jazzarbeit in Pittsburgh prägend gewesen war.

Ihre pädagogische Arbeit war nicht auf Unterricht im engen Sinn beschränkt. Sie engagierte sich für Archive, Ressourcen, Kooperationen, Diversitätsinitiativen, Nachwuchsförderung und die Verbindung von Universität und Jazzgemeinde. Besonders wichtig war ihre Rolle bei der Sicherung und Vermittlung des Erroll Garner Archive an der University of Pittsburgh. Darin zeigt sich ihr umfassender Begriff von Jazzkultur: Musik muss gespielt, gelehrt, dokumentiert, archiviert und historisch ernst genommen werden.

Allen war auch als Mentorin jüngerer Musikerinnen und Musiker einflussreich. Ihre Arbeit mit Terri Lyne Carrington, Esperanza Spalding und anderen in späteren Projekten zeigt, dass sie generationenübergreifend dachte. Jazz war für sie keine abgeschlossene Epoche, sondern eine lebende Sprache, die durch Weitergabe und kritische Erneuerung erhalten bleibt.

Werkverzeichnis

Das folgende Werkverzeichnis führt Geri Allens Albumveröffentlichungen als Leaderin oder Co-Leaderin vollständig nach der heute gut greifbaren Diskographie auf. Ergänzend werden wichtige Kompositions-, Film-, Produktions- und Mitwirkungsfelder genannt. Da Allen zugleich Pianistin, Komponistin, Bandleaderin, Interpretin, Kuratorin und Hochschullehrerin war, ist ihr „Werk“ nicht allein als Liste von Studioalben zu verstehen. Es umfasst auch Suiten, interdisziplinäre Projekte, Hommagen, Archivarbeit und prägende Kollaborationen.

Alben als Leaderin oder Co-Leaderin

  • The Printmakers. Geri Allen Trio mit Anthony Cox und Andrew Cyrille, aufgenommen 1984, Minor Music 1984/1985. Debüt als Leaderin und frühes Dokument ihrer offenen, rhythmisch beweglichen und kompositorisch eigenständigen Trioästhetik.
  • Home Grown. Soloalbum, aufgenommen 1985, Minor Music 1985. Frühes Zeugnis ihres Solopianos zwischen Detroit-Prägung, Standards, Eigenkomposition und persönlicher Klangforschung.
  • Open on All Sides in the Middle. Ensemblealbum, aufgenommen 1986, Minor Music 1987. Großformatiges Projekt mit Steve Coleman, Robin Eubanks, David McMurray, Jaribu Shahid, Tani Tabbal, Shahita Nurallah, Marcus Belgrave und weiteren Beteiligten.
  • In the Year of the Dragon. Geri Allen, Charlie Haden und Paul Motian, aufgenommen 1989, JMT 1989. Erstes zentrales Trioalbum mit Haden und Motian.
  • Segments. Geri Allen, Charlie Haden und Paul Motian, aufgenommen 1989, DIW 1989. Fortsetzung der Trioarbeit mit einem Repertoire aus Standards, Coleman-/Haden-Bezügen und offenen Formkonzepten.
  • Twylight. Geri Allen mit Jaribu Shahid, Tani Tabbal und Gästen, veröffentlicht 1989. Album zwischen Trio, Percussion, Stimme, Synthesizer und Detroit-/M-Base-Erfahrung.
  • The Nurturer. Geri Allen Sextet mit Marcus Belgrave, Kenny Garrett, Robert Hurst, Jeff Watts und Eli Fountain, aufgenommen 1990, Blue Note/Somethin’ Else 1991. Wichtiger Schritt in Allens Blue-Note-Phase.
  • Maroons. Geri Allen, aufgenommen 1992, Blue Note/Somethin’ Else 1992. Album mit Wallace Roney, Marcus Belgrave, Anthony Cox, Dwayne Dolphin, Tani Tabbal, Pheeroan akLaff und weiteren Beteiligten.
  • Twenty One. Geri Allen Trio mit Ron Carter und Tony Williams, aufgenommen 1994, Blue Note/Somethin’ Else 1994. Preisgekröntes Trioalbum und wichtiges Dokument ihres Dialogs mit der Miles-Davis-Nachfolgegeneration.
  • Eyes... In the Back of Your Head. Geri Allen, aufgenommen 1995/1996, Blue Note/Somethin’ Else 1996/1997. Trio-, Duo- und Soloalbum mit Ornette Coleman, Wallace Roney und Cyro Baptista.
  • Some Aspects of Water. Geri Allen Trio und Jazzpar 1996 Nonet, aufgenommen 1996 in Dänemark, Storyville 1997. Livealbum im Zusammenhang mit dem Jazzpar Prize.
  • The Gathering. Geri Allen, aufgenommen 1998, Verve 1998. Großformatiges Projekt mit Wallace Roney, Robin Eubanks, Buster Williams, Lenny White, Mino Cinelu, Vernon Reid und weiteren Mitwirkenden.
  • Live at the Village Vanguard. Geri Allen, Charlie Haden und Paul Motian, aufgenommen 1990, DIW 2000. Livezeugnis der Trioarbeit im Village Vanguard.
  • Live at the Village Vanguard: Unissued Tracks. Geri Allen, Charlie Haden und Paul Motian, aus demselben Livekontext, später veröffentlicht. Ergänzendes Dokument der Haden-Motian-Trioarbeit.
  • The Life of a Song. Geri Allen, Dave Holland und Jack DeJohnette, Telarc 2004. Trioalbum mit Gästen Marcus Belgrave, Clifton Anderson und Dwight Andrews auf einem erweiterten Stück.
  • Timeless Portraits and Dreams. Geri Allen mit Ron Carter, Jimmy Cobb und Gästen, Telarc 2006. Album mit Spirituals, Gospel, Bebop-Bezügen, Bürgerrechts- und Erinnerungsthemen.
  • Zodiac Suite: Revisited. Mary Lou Williams Collective, 2006. Projekt zur Wiederbelebung und Neubefragung von Mary Lou Williams’ Zodiac Suite; für Allens Williams-Rezeption zentral.
  • Flying Toward the Sound. Soloalbum, aufgenommen 2008, Motéma 2010. Solopiano-Suite, entstanden im Zusammenhang mit dem Guggenheim Fellowship und inspiriert durch Cecil Taylor, McCoy Tyner und Herbie Hancock.
  • Geri Allen & Timeline Live. Geri Allen, Kenny Davis, Kassa Overall und Maurice Chestnut, Motéma 2010. Liveprojekt mit Tap-Percussion, das Rhythmus, Tanz, Jazz und Körperklang verbindet.
  • A Child Is Born. Geri Allen, Motéma 2011. Weihnachts- und Spiritualalbum mit Klavier, Tasteninstrumenten und vokalen Gästen.
  • Grand River Crossings: Motown & Motor City Inspirations. Geri Allen mit Marcus Belgrave und David McMurray auf einzelnen Stücken, Motéma 2013. Detroit- und Motown-Hommage.
  • Perfection. David Murray, Geri Allen und Terri Lyne Carrington, Motéma 2016. Spätes Co-Leader-Trioalbum mit zusätzlicher Erweiterung durch Wallace Roney, Craig Harris und Charnett Moffett auf einem Stück.
  • A Lovesome Thing. Geri Allen und Kurt Rosenwinkel, live aufgenommen 2012 in der Philharmonie de Paris, posthum veröffentlicht 2023 bei Motéma/Heartcore. Einzig dokumentierte Duoaufnahme mit Rosenwinkel.

Kompositions-, Suiten- und Konzeptwerke

  • For the Healing of the Nations. Suite von 2006 als Tribut an Opfer und Überlebende der Anschläge vom 11. September 2001. Das Werk verbindet Erinnerung, Heilung, afroamerikanische Klangtradition und zeitgenössische Jazzkomposition.
  • Refractions: Flying Toward the Sound. Solopiano-Werk beziehungsweise Suite aus dem Guggenheim-Kontext, uraufgeführt bei Berklee und später im Album Flying Toward the Sound dokumentiert.
  • Timeless Portraits and Dreams. Album- und Konzeptprojekt mit Spirituals, Gospel, Lift Every Voice and Sing, Martin-Luther-King-Bezügen, Billie-Holiday-Widmung und afroamerikanischer Erinnerungskultur.
  • Grand River Crossings. Konzept einer pianistischen Detroit- und Motown-Reflexion, in der Populärmusik, Stadtgeschichte und Jazzimprovisation miteinander verbunden werden.
  • Zodiac Suite: Revisited. Kuratorisch-interpretatorisches Williams-Projekt, in dem Allen die Geschichte afroamerikanischer Komponistinnen im Jazz sichtbar macht.
  • Open on All Sides. Großformatiges Ensemblekonzept aus der frühen Phase, in dem Stimme, Bläser, Rhythmusgruppe, Tap und Detroit-Bezüge zu einem offenen Gruppenklang verbunden werden.

Wichtige Mitwirkungen und Kollaborationen

  • Steve Coleman: Motherland Pulse, 1985, sowie weitere Five-Elements-Aufnahmen. Wichtig für Allens Verbindung zur M-Base-Bewegung.
  • Oliver Lake: Aufnahmen und Auftritte im Umfeld der New Yorker Avantgarde- und Black-Arts-Nachfolge.
  • Betty Carter: Live- und Bandzusammenhänge, unter anderem Droppin’ Things und Feed the Fire. Wichtig für Allens vokal-rhythmisches und performancebezogenes Denken.
  • Ornette Coleman: Sound Museum: Hidden Man und Sound Museum: Three Women, 1996. Bedeutende Zusammenarbeit mit einem Schlüsselmusiker des Free Jazz.
  • Charlie Haden: Trio- und Projektarbeit, besonders mit Paul Motian; außerdem größere Kontexte um Haden und Liberation-Music-Orchestra-Tradition.
  • Paul Motian: Trioarbeit mit Haden und Allen; zentrale Bedeutung für Allens Umgang mit Zeit, Form und Raum.
  • Ron Carter und Tony Williams: Twenty One. Trio mit zwei prägenden Musikern aus dem Umfeld des Miles-Davis-Quintetts.
  • Dave Holland und Jack DeJohnette: The Life of a Song. Trioalbum mit zwei bedeutenden Musikern des modernen Jazz.
  • Wallace Roney: Gemeinsame Projekte, Familien- und Ensemblebezüge sowie zahlreiche Aufnahmen.
  • Terri Lyne Carrington und Esperanza Spalding: ACS Trio beziehungsweise spätere generationenübergreifende Projekte im Zeichen weiblicher Jazzautorität.
  • David Murray und Terri Lyne Carrington: Perfection. Spätes Projekt, das Avantgarde-Tradition und zeitgenössisches Trio-Spiel verbindet.
  • Kurt Rosenwinkel: A Lovesome Thing. Posthum veröffentlichte Duoaufnahme, die Allens melodische Freiheit und Rosenwinkels Gitarrensprache verbindet.

Film, Bühne, Produktion und Archivarbeit

  • Kansas City. Film von Robert Altman, 1996. Geri Allen verkörperte Mary Lou Williams und spielte im Filmzusammenhang mit einer Jazzband; das Projekt ist für ihre Williams-Rezeption besonders wichtig.
  • Beah: A Black Woman Speaks. Dokumentarfilm von Lisa Gay Hamilton; Allen war musikalisch beteiligt und bewegte sich damit im Feld afroamerikanischer Film-, Theater- und Erinnerungskultur.
  • The Complete Concert by the Sea. Geri Allen war an der Wiederveröffentlichung und Aufarbeitung des Erroll-Garner-Materials beteiligt; das Projekt wurde 2016 für einen Grammy in der Kategorie Best Historical Album nominiert.
  • Erroll Garner Archive. Allen war eine treibende Kraft bei der Verbindung des Garner-Nachlasses mit der University of Pittsburgh und damit auch als Archivdenkerin und Kulturvermittlerin wirksam.
  • NJPAC All-Female Jazz Residency. Allen war mit Programmarbeit und Mentoring im Bereich weiblicher Jazzförderung verbunden; die Fortführung solcher Initiativen gehört zu ihrer institutionellen Nachwirkung.

Auszeichnungen und Ehrungen

  • Soul Train Lady of Soul Award, 1995, für Twenty One als Jazzalbum des Jahres.
  • Jazzpar Prize, 1996. Allen war die erste Frau und zugleich eine der jüngsten Preisträgerinnen dieses dänischen Jazzpreises.
  • Distinguished Alumni Award der Howard University, 1996.
  • Benny Golson Jazz Master Award, 2005.
  • African American Classical Music Award des Spelman College, 2007.
  • John Simon Guggenheim Fellowship für Musikkomposition, 2008.
  • NAACP Image Award Nomination im Umfeld von Flying Toward the Sound beziehungsweise ihrer späten Aufnahme- und Kompositionsarbeit.
  • Honorary Doctorate of Music des Berklee College of Music, 2014.
  • Posthume Würdigungen durch Universitäten, Festivals, Jazzmedien und Musikerinnen der nachfolgenden Generation.

Rezeption und editorische Hinweise

Geri Allen wurde in Nachrufen, Fachzeitschriften und Hochschultexten wiederholt als Pianistin beschrieben, die weit auseinanderliegende Jazzsprachen miteinander versöhnen konnte. Diese Formulierung trifft einen wichtigen Punkt, darf aber nicht zu glatt verstanden werden. Allen versöhnte nicht, indem sie Gegensätze abschwächte. Sie hielt vielmehr mehrere Spannungen gleichzeitig aus: Bebop und Free Jazz, Detroit und New York, Universität und Club, Familie und Tourleben, Komposition und spontane Improvisation, afroamerikanische Tradition und postmoderne Offenheit.

Für die editorische Arbeit ist zu beachten, dass ihr Geburtsort in einzelnen Kurzquellen vereinfacht als Detroit erscheint, während die genauere Angabe Pontiac, Michigan lautet. Da Allen in Detroit aufwuchs und musikalisch dort geprägt wurde, ist die Formulierung „geboren in Pontiac, aufgewachsen in Detroit“ am präzisesten. Der Tod am 27. Juni 2017 in Philadelphia und die Ursache Krebs sind in Nachrufen und Hochschulmeldungen stabil belegt.

Das Werkverzeichnis sollte zwischen Leader-/Co-Leader-Alben, wichtigen Mitwirkungen, Kompositionsprojekten, Film- und Archivarbeit unterscheiden. Eine vollständige Liste sämtlicher Sideman-Aufnahmen würde den Rahmen eines Kulturlexikon-Artikels sprengen. Für die Hauptseite ist ein vollständiges Leader-/Co-Leader-Verzeichnis sinnvoll; die Mitwirkungen werden als repräsentative, kulturgeschichtlich gewichtete Auswahl genannt.

Für die Binnenverlinkung ist Allen ein besonders starkes Knotenlemma. Sie verbindet Jazzpiano, Detroit Jazz, M-Base, Free Jazz, Musikethnologie, Mary Lou Williams, Ornette Coleman, Charlie Haden, Terri Lyne Carrington, Motown und Frauen im Jazz.

Sekundärliteratur

  • Adler, David R.: Nachrufe und Essays zu Geri Allen, besonders im Umfeld von WBGO und NPR Music.
  • Cook, Richard: Richard Cook’s Jazz Encyclopedia. London 2005. Artikel zu Geri Allen und modernem Jazzpiano.
  • Fordham, John: „Geri Allen obituary“. In: The Guardian, 3. Juli 2017.
  • Giddins, Gary und Scott DeVeaux: Jazz. New York/London. Grundkontext zu moderner Jazzgeschichte und Postbop.
  • Gridley, Mark C.: Jazz Styles. Für allgemeinen Überblick zu Jazzentwicklung, nicht speziell zu Allen.
  • Monson, Ingrid: Saying Something: Jazz Improvisation and Interaction. Chicago 1996. Grundlegend für Interaktion, Improvisation und Ensemblekommunikation im Jazz.
  • Russonello, Giovanni: „Geri Allen, Pianist Who Reconciled Jazz’s Far-Flung Styles, Dies at 60“. In: The New York Times, 27. Juni 2017.
  • Schudel, Matt: „Geri Allen, versatile jazz pianist, composer and educator, dies at 60“. In: The Washington Post, 28. Juni 2017.
  • Shipton, Alyn: On Jazz: A Personal Journey. Cambridge 2012. Kontext zu Jazzpar Prize und moderner Jazzrezeption.
  • Tamarkin, Jeff: „Geri Allen Dies at 60“. In: JazzTimes. Nachruf und Karrierezusammenfassung.
  • Vaillant, Derek: Arbeiten zur Geschichte Detroits und zur afroamerikanischen Musikkultur, als Kontext für Detroit-Jazz und Motown hilfreich.
  • Walser, Robert, Hg.: Keeping Time: Readings in Jazz History. Oxford 1999. Kontextband zur Jazzgeschichtsschreibung.

Ausgewählte Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • ACS Trio Trio mit Geri Allen, Terri Lyne Carrington und Esperanza Spalding, wichtig für Allens spätes generationen- und genderbewusstes Projektprofil.
  • Avantgarde-Jazz Stilfeld, in dem Allen frühe und späte Formen offener Improvisation mit lyrischer und kompositorischer Kontrolle verband.
  • Kenny Barron Pianist und Lehrer, bei dem Allen nach Howard in New York studierte.
  • Marcus Belgrave Detroiter Trompeter und Mentor, der Allens frühe musikalische Ausbildung entscheidend prägte.
  • Betty Carter Sängerin und Bandleaderin, mit der Allen arbeitete und deren performative Jazzsprache für die moderne Vokal- und Ensemblekultur zentral ist.
  • Bud Powell Bebop-Pianist, dessen Linien- und Energieverständnis zum historischen Hintergrund moderner Jazzpianistik gehört.
  • Ron Carter Bassist aus der Detroit-Tradition, Mitspieler auf Allens Twenty One und Timeless Portraits and Dreams.
  • Terri Lyne Carrington Schlagzeugerin, Komponistin und Bandleaderin, Allens Partnerin im ACS Trio und auf Perfection.
  • Cecil Taylor Pianist der freien Avantgarde, eine der Bezugsgestalten von Allens Flying Toward the Sound.
  • Charlie Haden Bassist und wichtiger Triopartner Allens in den Aufnahmen mit Paul Motian.
  • Detroit Stadt, in der Allen aufwuchs und deren Jazz-, Motown- und Gemeindekultur ihr Werk prägte.
  • Detroit Jazz Regionale Jazztradition, aus der Allen musikalisch und pädagogisch hervorging.
  • Erroll Garner Pittsburgher Pianist, dessen Archiv Allen an der University of Pittsburgh sichern half.
  • Esperanza Spalding Bassistin und Sängerin, mit der Allen im ACS Trio generationenübergreifend zusammenarbeitete.
  • Frauen im Jazz Forschungs- und Kulturfeld, in dem Allen als Pianistin, Komponistin, Lehrerin und Mentorin eine Schlüsselrolle besitzt.
  • Free Jazz Stil- und Haltungshorizont, den Allen in Zusammenarbeit mit Ornette Coleman und anderen eigenständig integrierte.
  • Gospel Afroamerikanische geistliche Musiktradition, die in Allens Erinnerungs- und Klangwelt wiederholt präsent ist.
  • Herbie Hancock Pianist und Komponist, eine Bezugsgestalt von Allens Flying Toward the Sound.
  • Howard University Historisch schwarze Universität, an der Allen 1979 Jazz Studies abschloss.
  • Improvisation Zentrale musikalische Praxis, in der Allen Komposition, Geschichte, Körperrhythmus und spontanes Denken verband.
  • Jazzpiano Instrumental- und Stilfeld, das Allen durch ihre Verbindung von Tradition, Avantgarde und akademischer Reflexion erweiterte.
  • Kurt Rosenwinkel Gitarrist und Duopartner Allens auf der posthum veröffentlichten Aufnahme A Lovesome Thing.
  • M-Base New Yorker Musikerbewegung um Steve Coleman, mit der Allen in ihrer frühen Karriere verbunden war.
  • Marcus Belgrave Detroiter Mentor und Trompeter, dessen pädagogische Wirkung für Allen zentral war.
  • Mary Lou Williams Pianistin und Komponistin, deren Werk Allen interpretierte, erforschte und im Film verkörperte.
  • McCoy Tyner Pianist, dessen harmonische Kraft und spirituelle Energie zu den Bezugspunkten von Flying Toward the Sound gehören.
  • Paul Motian Schlagzeuger und zentraler Triopartner Allens in den Aufnahmen mit Charlie Haden.
  • Motown Detroiter Pop- und Soultradition, die Allen auf Grand River Crossings pianistisch reflektierte.
  • David Murray Saxophonist und Co-Leader des späten Albums Perfection mit Allen und Terri Lyne Carrington.
  • Musikethnologie Akademisches Fach, in dem Allen an der University of Pittsburgh einen Master erwarb und das ihr kulturbezogenes Musikdenken prägte.
  • Ornette Coleman Free-Jazz-Pionier, mit dem Allen auf den Sound Museum-Aufnahmen zusammenarbeitete.
  • Pittsburgh Jazz Regionaler Jazzraum, in dem Allen studierte, lehrte, leitete und Archivarbeit betrieb.
  • Postbop Stilfeld des modernen Jazz, das Allen mit Avantgarde, Detroit-Tradition und freier Improvisation verband.
  • Wallace Roney Trompeter, musikalischer Partner Allens und Beteiligter an mehreren ihrer Projekte.
  • Steve Coleman Saxophonist und M-Base-Leitfigur, mit dessen frühen Projekten Allen verbunden war.
  • Thelonious Monk Pianist und Komponist, dessen kantige Logik und rhythmische Eigenheit zum Hintergrund von Allens Klavierdenken gehören.
  • University of Pittsburgh Universität, an der Allen den Master in Musikethnologie erwarb und später Jazz Studies leitete.
  • Mary Lou Williams Alternative Linkform für die Pianistin und Komponistin, deren Werk für Allen ein wichtiges Erinnerungsprojekt war.