Simon Alard

Geburtsdatum unbekannt; wohl in Péronne geboren; nach 1515 bezeugt; vermutlich in den 1530er Jahren in Saint-Quentin gestorben; auch Simon Alart; Sänger, Kanoniker und quellenkritisch unsicher überlieferter Komponist.

Überblick

Simon Alard, auch Simon Alart geschrieben, gehört zu jenen Musikern des frühen 16. Jahrhunderts, deren biographische Kontur fast vollständig aus wenigen institutionellen Spuren, späteren lokalen Erinnerungen und verstreuten Quellenangaben rekonstruiert werden muss. Sicher beziehungsweise gut bezeugt ist nur ein sehr enger Kern: Er war 1515 Sänger in der Kapelle des französischen Königs, stand später mit der Kirche von Saint-Quentin in Verbindung und wurde dort als Kanoniker und Sänger erinnert. Ältere Musiklexika nennen Péronne als Herkunftsort und überliefern eine Grabinschrift, nach der er in Saint-Quentin bestattet wurde.

Seine Bedeutung liegt weniger in einem umfangreichen, sicher greifbaren Werkbestand als in seiner Stellung innerhalb einer hochrangigen Sänger- und Kapellenkultur. Die französische Hofkapelle um 1500 war ein zentraler Sammelpunkt franko-flämischer und französischer Vokalkunst. Sänger bewegten sich zwischen Hof, Kollegiatkirchen, Kathedralen, Kapellen, Benefizien und gedruckten beziehungsweise handschriftlichen Musikquellen. Simon Alard steht exemplarisch für diese Musikergruppe: Er erscheint als Sänger des Königs, als Kleriker an Saint-Quentin und als Name in der späteren Überlieferung polyphoner Motetten.

Quellenkritisch ist der Artikel besonders vorsichtig zu lesen. Die Motette Dum transisset sabbatum wird in älteren Nachschlagewerken Simon Alard zugeschrieben, und DIAMM führt den entsprechenden Werkkomplex unter Simon Alart. MGG weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass Simon Alard kein einziges Musikstück mit völliger Sicherheit zugeschrieben werden könne. Das Werkverzeichnis trennt deshalb zwischen sicherer biographischer Bezeugung, zugeschriebenen Kompositionen, Druck- und Handschriftennachweisen sowie problematischen Namensvarianten wie Alardino oder möglichen Verwechslungen mit anderen Alard- beziehungsweise Alart-Namen.

Kurzdaten

Name Simon Alard.
Namensvarianten Simon Alart, Alart, Alard; in digitalen Quellen und Werkverzeichnissen auch mit der Variante Alardino verbunden, deren genaue Identität quellenkritisch zu prüfen ist.
Geburt Unbekannt; ältere Überlieferung nennt Péronne als Herkunftsort. Eine genaue Geburtszeit ist nicht gesichert; meist ist nur eine Geburt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts plausibel.
Tod Nach 1515; wahrscheinlich in den 1530er Jahren in Saint-Quentin. Ältere und neuere Hinweise nennen seinen Tod als Kanoniker und Sänger an Saint-Quentin; genaue Tages- und Jahresdaten bleiben unsicher.
Beruf Sänger, Kanoniker und möglicherweise Komponist.
Herkunftsort Péronne in der Picardie beziehungsweise im Vermandois-Raum, nach älterer biographischer Tradition.
Wirkungsorte Französische Königskapelle; Saint-Quentin; wahrscheinlich der weitere nordfranzösische und höfische Kapellenraum.
Bezeugung 1515 In der Forschung wird er für 1515 als Sänger in der Kapelle des französischen Königs genannt. Diese Angabe verbindet ihn mit dem Übergang von der Hofmusik Ludwigs XII. zur Kapelle Franz’ I.
Kirchliches Amt Kanoniker und Sänger an der Kirche von Saint-Quentin, nach älterer lokaler Überlieferung und späteren Musiklexika.
Werkzuschreibung Kein Werk ist völlig sicher. Am stärksten mit seinem Namen verbunden ist die Motette Dum transisset sabbatum mit zweitem Teil Et valde mane.
Gattung Mehrstimmige lateinische Motette beziehungsweise Oster-Respond-Motette im franko-flämischen Stil des frühen 16. Jahrhunderts.
Kulturelle Bedeutung Simon Alard ist als Beispiel für die Verbindung von französischer Hofkapelle, Kollegiatkirche Saint-Quentin, Sängerbenefizien, gedruckter Motettenüberlieferung und quellenkritisch unsicherer Komponistenautorschaft wichtig.

Ausführlicher Kulturüberblick

Simon Alard gehört in die musikalische Welt der franko-flämischen Polyphonie um 1500. Diese Welt war nicht durch die moderne Trennung von Komponist, Sänger, Kapellbeamtem und Kleriker bestimmt. Vielmehr waren viele Musiker zugleich Sänger, Geistliche, Benefizienträger, Lehrer, gelegentlich Komponisten und Mitglieder höfischer oder kirchlicher Institutionen. Der musikalische Ruhm einer Person konnte in der Aufführungspraxis liegen, ohne dass ein großes eigenes Werkcorpus überliefert wurde.

Die französische Hofkapelle war im frühen 16. Jahrhundert eine der wichtigsten musikalischen Institutionen Europas. Unter Ludwig XII. und Franz I. wirkten dort oder in ihrem Umfeld Musiker wie Jean Mouton, Antoine de Févin, Jean Richafort, Jean Conseil, Elzéar Genet genannt Carpentras und weitere Vertreter jener polyphonen Kunst, die zwischen Nordfrankreich, den Niederlanden, Italien und dem französischen Hof zirkulierte. Simon Alard ist in diesem Zusammenhang als Sänger zu verstehen, nicht zuerst als moderner Komponistenname.

Saint-Quentin war für diese Musikkultur ein besonders wichtiger Ort. Die dortige Kollegiatkirche besaß eine bedeutende musikalische Tradition, eine angesehene Sänger- und Kanonikerstruktur und enge Verbindungen zu königlichen, kirchlichen und regionalen Netzwerken. Mehrere bedeutende Musiker wurden mit Saint-Quentin verbunden, darunter Jean Mouton und andere Sänger der französischen Hofkapelle. Dass Simon Alard dort als Kanoniker und Sänger erinnert wurde, passt zu einer Praxis, in der Hofsänger durch kirchliche Pfründen abgesichert wurden.

Die Verbindung von Hof und Kollegiatkirche erklärt auch die Quellenarmut. Ein Sänger konnte in Rechnungen, Kapellenlisten, Benefizienakten, Grabinschriften und lokalen Chroniken erscheinen, ohne ein eigenes, geschlossenes Werkverzeichnis zu hinterlassen. Die spätere Musikgeschichtsschreibung versuchte häufig, solche Namen mit Stücken aus gedruckten Sammelwerken zu verbinden. Gerade dabei entstehen Zuschreibungsprobleme: Ein Druck nennt einen Namen, eine Handschrift bietet eine abweichende Form, ein späterer Bibliograph normalisiert sie, und moderne Forschung muss entscheiden, ob es sich um dieselbe Person, eine Namensvariante oder eine Fehlzuschreibung handelt.

Die Motette Dum transisset sabbatum steht in der liturgischen und musikalischen Tradition der Osterzeit. Der Text erzählt vom Besuch der Frauen am Grab nach dem Sabbat und vom frühen Gang zum Grab. Das Thema wurde in der Renaissance mehrfach vertont. In der polyphonen Motettenkultur konnte ein solcher Text liturgische Feier, Andacht, kontrapunktische Kunst und gedruckte Repertoireverbreitung miteinander verbinden. Wenn die Zuschreibung an Simon Alard zutrifft, wäre er ein Vertreter jener nordfranzösischen Motettenkunst, die in italienischen und deutschen Drucken sowie in Handschriften weiterlebte.

Die moderne Einordnung muss jedoch nüchtern bleiben. Der Name Simon Alard ist musikhistorisch nicht deshalb wichtig, weil ein großes, eigenständiges Œuvre sicher vorläge. Wichtig ist er als Fallbeispiel: an ihm lässt sich zeigen, wie dünn die Grenze zwischen Sängerbiographie und Komponistenkatalog sein kann. Er ist zugleich Person der Hofkapelle, Kanoniker von Saint-Quentin, lokales Erinnerungsobjekt und unsicherer Werkname in der Motettenüberlieferung.

Leben und Überlieferung

Über Simon Alards Geburt ist nichts Sicheres bekannt. Die ältere biographische Tradition nennt Péronne als Herkunftsort. Péronne liegt in der Picardie und gehört zum weiteren nordfranzösisch-vlämischen Kulturraum, aus dem zahlreiche Sänger und Musiker des 15. und 16. Jahrhunderts hervorgingen. Eine Geburt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ist wahrscheinlich, weil Alard 1515 bereits als Sänger der königlichen Kapelle begegnet und später als Kanoniker und Sänger von Saint-Quentin erinnert wird.

Die wichtigste biographische Nachricht betrifft das Jahr 1515. Alard war damals Sänger in der Kapelle des französischen Königs. Das Jahr ist kulturgeschichtlich markant: 1515 starb Ludwig XII., Franz I. trat die Regierung an und führte seinen Hof bald in die italienischen Kriegszusammenhänge. Die französische Hofkapelle war in dieser Zeit nicht nur ein musikalisches Ensemble, sondern Teil höfischer Repräsentation, Liturgie, Diplomatie und monarchischer Selbstdarstellung.

Später begegnet Alard in der Überlieferung von Saint-Quentin. Er war dort Kanoniker und Sänger. Die ältere lokale Nachricht berichtet, dass er in Saint-Quentin bestattet wurde und dass seine Grabinschrift ihn als aus Péronne stammenden Kanoniker und Sänger der Kirche von Saint-Quentin bezeichnete. Diese Angabe ist wichtig, aber sie ist nicht unmittelbar als moderne archivalische Vollbiographie zu verstehen. Sie ist Teil einer lokalen Memorialtradition, die von späteren Musiklexikographen übernommen wurde.

Sein Todesjahr bleibt unsicher. Einzelne moderne Hinweise nennen die 1530er Jahre oder ein Todesjahr um 1540. Da die ältere Grabinschrift nur fragmentarisch beziehungsweise durch spätere Abschrift überliefert ist, sollte die Angabe „nach 1515, wohl in den 1530er Jahren“ als vorsichtigste Form gelten. Der Nutzeransatz „nach 1515“ ist daher sachlich berechtigt und wird im Artikel beibehalten.

Saint-Quentin, Hofkapelle und Sängerbenefizien

Saint-Quentin war im frühen 16. Jahrhundert ein wichtiger geistlicher und musikalischer Ort. Die dortige Kirche hatte eine stark ausgeprägte Kollegiatstruktur, eine bedeutende liturgische Praxis und eine musikalische Tradition, die in der Forschung immer wieder mit hochrangigen Sängern und Komponisten verbunden wird. Für Hofmusiker war ein Kanonikat an einer solchen Kirche nicht nur ein geistliches Amt, sondern auch eine Form ökonomischer und sozialer Sicherung.

Die französische Königskapelle und Saint-Quentin standen in einem größeren System von Pfründen und Karrieren. Ein Sänger konnte in der Hofkapelle dienen und zugleich kirchliche Einkünfte an einer Kollegiatkirche besitzen. Diese Verbindung erklärt, warum Musikerbiographien häufig zwischen Hoflisten, Kapitelakten, Grabinschriften und gedruckten Musikquellen verstreut sind. Simon Alard ist ein typischer Vertreter dieses Systems.

Die Funktion „Sänger“ bedeutete im 16. Jahrhundert mehr als bloße Ausführung. Sänger der Hofkapelle waren hochqualifizierte Musiker, die komplexe mensurale Polyphonie lesen, memorieren, intonieren und im Ensemble aufführen konnten. Viele von ihnen komponierten auch, doch Komposition war nicht notwendigerweise der sichtbarste Teil ihrer Tätigkeit. Deshalb darf bei Simon Alard die fehlende sichere Werkfülle nicht als geringe musikalische Bedeutung missverstanden werden.

Werkverzeichnis

Das Werkverzeichnis muss bei Simon Alard besonders vorsichtig angelegt werden. Anders als bei Komponisten mit eigenständigen Drucken, Handschriftenkorpora oder mehreren gesicherten Werken liegt bei ihm kein geschlossenes Œuvre vor. Die moderne Forschung bewegt sich zwischen älteren Lexikonangaben, RISM- und DIAMM-Nachweisen, gedruckten Sammelwerken, Handschriftenbelegen und der kritischen Warnung, dass kein Werk mit letzter Sicherheit zuzuschreiben ist. Die folgende Übersicht unterscheidet daher zwischen biographischem Werk im weiteren Sinn, zugeschriebenen Kompositionen, Quellenbelegen, problematischen Namensvarianten und nicht gesicherten Zuschreibungen.

Gesicherte Tätigkeit

Sänger der französischen Königskapelle Für 1515 wird Simon Alard als Sänger in der Kapelle des französischen Königs genannt. Diese Tätigkeit ist der sicherste Ausgangspunkt seines musikalischen Profils.
Kanoniker und Sänger in Saint-Quentin Nach älterer lokaler und lexikographischer Überlieferung war er Kanoniker und Sänger der Kirche von Saint-Quentin und wurde dort bestattet.
Höfisch-kirchliche Musikerkarriere Seine Laufbahn verbindet Hofdienst und kirchliches Benefiz. Diese Kombination war für professionelle Sänger des frühen 16. Jahrhunderts typisch.
Lokale Memorialüberlieferung Die Grab- beziehungsweise Epitaphtradition nennt ihn als aus Péronne stammende ehrwürdige Person, Kanoniker und Sänger von Saint-Quentin. Diese Nachricht ist für die Biographie wichtig, bleibt aber nur indirekt über spätere Autoren greifbar.

Zugeschriebene Kompositionen

Dum transisset sabbatum Maria Magdalena Erster Teil der Motette beziehungsweise des Motettenkomplexes Dum transisset sabbatum. Der Text gehört zur Osterüberlieferung und berichtet vom Gang Maria Magdalenas und der anderen Frauen zum Grab. DIAMM führt den Satz unter Simon Alart, während MGG die sichere Zuschreibung ausdrücklich problematisiert.
Et valde mane una sabbatorum veniunt Zweiter Teil des Dum transisset-Komplexes. Er gehört textlich zur Fortsetzung des Osterberichts und wird in DIAMM als zweite pars derselben Werkgruppe geführt.
Dum transisset sabbatum Kurzform des gesamten zweiteiligen Motettenkomplexes. Ältere Lexika wie Fétis und Eitner nennen ihn als Alards einzige beziehungsweise zentrale bekannte Komposition; moderne Datenbanken führen Quellenbelege, aber die Zuschreibung bleibt quellenkritisch zu kennzeichnen.
Dum transisset in gedruckten Sammelwerken Ältere Bibliographien verweisen auf Drucküberlieferung in Sammelwerken der Jahre 1539, 1549 und 1562. Damit gehört das Stück in die europäische Motettendruckkultur des 16. Jahrhunderts.
Dum transisset in Handschriften DIAMM nennt unter anderem D-Mbs Mus. MS 91, H-Bn MS Bártfa 22, I-TVd 7 und D-B Sammlung Bohn Mus. MS 5 als Überlieferungszeugen einzelner Teile beziehungsweise des Werkkomplexes.
Stimmenzahl Ältere Bibliographien beschreiben Dum transisset als vierstimmige Motette mit zwei Teilen. Die genaue Quellenlage ist je nach Handschrift und Druck zu prüfen.
Zuschreibungsgrad Unsicher. Für eine Kulturlexikonseite ist die Formulierung „Simon Alard zugeschrieben“ genauer als „von Simon Alard komponiert“.

Quellen- und Drucküberlieferung

Mottetti del frutto, 1539 Italienisches Motettensammelwerk, in älteren Nachweisen mit Alards Dum transisset verbunden. Die Sammlung gehört zur frühen venezianischen beziehungsweise italienischen Motettendruckkultur.
Mottetti del frutto, 1549 Späterer Druck beziehungsweise erneute Sammelwerküberlieferung des Motettenrepertoires. Eitner nennt 1549 als einen der Drucknachweise.
Sammelwerk 1562 In Eitners Quellenlexikon als weiterer Drucknachweis genannt. Der Befund zeigt die fortdauernde Zirkulation des Dum transisset-Repertoires.
Evangelia, Nürnberg 1554–1556 Mehrbändiger Nürnberger Druck mit Evangelienmotetten und Stücken mehrerer Komponisten; ältere Angaben nennen Alards Dum transisset im ersten Band. Der Druck steht für die Rezeption franko-flämischer Motetten im deutschsprachigen Raum.
D-Mbs Mus. MS 91 Handschriftlicher Überlieferungszeuge für Dum transisset sabbatum, bei DIAMM mit fol. 50v–55 für den ersten Teil genannt.
H-Bn MS Bártfa 22 Handschriftlicher Überlieferungszeuge; DIAMM nennt für den ersten Teil die Zuschreibung beziehungsweise Quellenangabe „Alart“.
I-TVd 7 Handschriftlicher Überlieferungszeuge; DIAMM nennt die Zuschreibung „Alart“ und den Ort 2v–4 für den ersten Teil.
D-B Sammlung Bohn Mus. MS 5 DIAMM nennt diese Quelle für den zusammenhängenden Motettenkomplex Dum transisset sabbatum Maria Magdalena mit zweiter pars Et valde mane una sabbatorum veniunt.
Weitere ältere Bibliotheksangaben Eitner nennt zusätzlich Handschriften- und Bibliotheksverweise, darunter München, Brüssel und Wien. Diese Angaben sind für eine Spezialedition gegen die heutigen Signaturen zu prüfen.

Problematische oder nicht sichere Zuschreibungen

Alardino DIAMM führt Alardino als Variantenname bei Simon Alart. Ob alle unter Alardino oder ähnlich überlieferten Stücke mit Simon Alard identisch zu setzen sind, muss quellenkritisch geprüft werden.
Passa la nave mia Ein Madrigal beziehungsweise Stück unter dem Namen Alardino wird in älteren bibliographischen Zusammenhängen erwähnt. Die Identifikation mit Simon Alard ist unsicher und sollte nicht als gesicherter Werkbestand aufgenommen werden.
Jacobus Alard / Alart RISM- und ältere Druckregister nennen auch Jacobus Alard beziehungsweise Jacobus Alart. Eine Gleichsetzung mit Simon Alard ist nicht zulässig, solange die Quellenlage sie nicht eindeutig stützt.
Weitere Motetten Ältere Hinweise sprechen gelegentlich von „einigen Motetten“ oder einer möglichen weiteren Motette. Nach moderner vorsichtiger Sicht ist jedoch nur der Dum transisset-Komplex konkret mit Simon Alard verbunden, und selbst diese Zuschreibung bleibt nicht absolut sicher.
Komponistenstatus Simon Alard sollte in knapper Lexikonform nicht unkritisch als sicherer Komponist mehrerer Werke bezeichnet werden. Präziser ist: Sänger und Kanoniker, dem eine Oster-Motette zugeschrieben wird.

Zusammenfassung des Werkbestands

Sicher Biographische Tätigkeit als Sänger; Verbindung mit der französischen Hofkapelle und Saint-Quentin.
Zugeschrieben Dum transisset sabbatum Maria Magdalena mit Et valde mane una sabbatorum veniunt.
Unsicher Weitere Stücke unter Alardino, mögliche zusätzliche Motetten und ältere bibliographische Hinweise ohne klare Quellenidentität.
Nicht gleichzusetzen Jacobus Alard, Jacobus Alart und andere Träger ähnlicher Namensformen, sofern keine eindeutige Quelle die Identität belegt.
Editionsbedarf Eine moderne kritische Darstellung müsste die Drucke von 1539, 1549 und 1562, die Nürnberger Evangelia, die DIAMM-Handschriften sowie RISM-Nachweise systematisch kollationieren.

Stil, Gattung und musikalischer Kontext

Wenn Dum transisset sabbatum tatsächlich mit Simon Alard verbunden ist, gehört sein kompositorisches Profil in die Welt der lateinischen Motette um 1530 bis 1550. Diese Motettenkunst ist geprägt von klarer Textgliederung, imitatorischer Polyphonie, liturgischer Textgrundlage und einer internationalen Überlieferung, die von Frankreich und den Niederlanden über Italien bis in den deutschsprachigen Raum reichte.

Der Text Dum transisset sabbatum gehört zur Osterzeit. Er berichtet vom Moment nach dem Sabbat, als Maria Magdalena und die anderen Frauen zum Grab kommen. In der Renaissance wurde dieses Thema mehrfach vertont. Der Text eignete sich besonders für mehrteilige Motetten, weil er erzählerische Bewegung, liturgische Würde und die Spannung des Ostermorgens miteinander verbindet.

Die Zuschreibung an einen Sänger der französischen Hofkapelle wäre stilgeschichtlich plausibel, denn die Hofkapelle war ein Zentrum hochentwickelter vokaler Polyphonie. Zugleich ist gerade die Plausibilität kein Beweis. Viele Motetten zirkulierten anonym, unter wechselnden Zuschreibungen oder mit fehlerhaften Namensformen. Deshalb muss die stilistische Einordnung immer von der Quellenkritik begleitet werden.

Quellenkritische Probleme

Der Fall Simon Alard zeigt ein Grundproblem der Musikgeschichte des frühen 16. Jahrhunderts: Die biographische Person und der Komponistenname in musikalischen Quellen sind nicht automatisch deckungsgleich. Ein Epitaph kann einen Sänger und Kanoniker nennen; ein Druck kann einen Namen über ein Stück setzen; eine Handschrift kann denselben Namen abkürzen oder verändern; ein späterer Bibliograph kann aus diesen Elementen eine geschlossene Komponistenbiographie bilden. Moderne Forschung muss diese Ebenen wieder auseinanderlegen.

Bei Simon Alard sind mindestens vier Ebenen zu unterscheiden. Erstens gibt es die Person aus Péronne beziehungsweise Saint-Quentin. Zweitens gibt es den Sänger der französischen Hofkapelle 1515. Drittens gibt es den Namen Alart beziehungsweise Alard in musikalischen Quellen. Viertens gibt es die spätere lexikographische Tradition, die diese Angaben zusammenführt. Diese Ebenen sprechen wahrscheinlich von derselben Person, aber die Gewissheit ist nicht für alle Details gleich hoch.

Die MGG-Warnung, dass kein Stück mit völliger Sicherheit zugeschrieben werden könne, ist deshalb ernst zu nehmen. Für die Website ist es angemessen, Simon Alard als Sänger und Kanoniker zu behandeln und die Motette Dum transisset sabbatum als zugeschriebenes, nicht als absolut gesichertes Werk zu führen.

Rezeption und Nachwirkung

Simon Alard blieb in der Musikgeschichtsschreibung vor allem durch ältere Musiklexika, Quellenkataloge und moderne Datenbanken sichtbar. Fétis bewahrte die lokale Tradition von Péronne und Saint-Quentin sowie den Hinweis auf eine Grabinschrift. Eitner verknüpfte diese biographische Notiz mit dem Nachweis der Motette Dum transisset in Drucken und Handschriften. RISM und DIAMM machen die Quellenlage heute digital recherchierbar.

Die Nachwirkung ist also weniger eine Aufführungstradition eines kanonischen Komponisten als eine quellenbibliographische Präsenz. Simon Alard erscheint dort, wo die Geschichte der franko-flämischen Motette, die französische Hofkapelle, Saint-Quentin und die Überlieferung des Ostertexts Dum transisset sabbatum untersucht werden.

Gerade diese geringe und unsichere Überlieferung macht ihn für ein Kulturlexikon interessant. Er zeigt, dass Kulturgeschichte nicht nur aus großen Namen mit umfangreichen Werkkatalogen besteht. Sie besteht auch aus Sängern, Kanonikern, Kapitelmitgliedern und Hofmusikern, deren Spuren gering sind, aber ein institutionelles Netz sichtbar machen.

Sekundärliteratur

  • François-Joseph Fétis: Biographie universelle des musiciens et bibliographie générale de la musique. Artikel Alart (Simon) ou Alard, mit älterer biographischer Tradition, Péronne, Saint-Quentin, Grabinschrift und Hinweis auf Dum transisset sabbatum.
  • Robert Eitner: Biographisch-bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten. Artikel Alart (Alard), Simon, mit Nachweisen zu Dum transisset in Drucken und Handschriften.
  • MGG Online: Artikel Alard, Simon, mit quellenkritischer Warnung zur unsicheren Werkzuschreibung.
  • RISM Online: Personendatensatz Alard, Simon, Normierung und Quellenverknüpfung.
  • DIAMM: Personendatensatz Alart, Simon und Werkdatensätze zu Dum transisset sabbatum.
  • David Fiala: Studien zur Musik und zur Kollegiatkirche Saint-Quentin sowie zur Rolle der dortigen Sänger, Kanoniker und Hofmusiker im 15. und 16. Jahrhundert.
  • Anne Massoni: Arbeiten zu Kanonikern, Musik und kirchlichen Institutionen in Nordfrankreich, mit Hinweisen auf Simon Alard im Kontext der französischen Hofkapelle.
  • Christelle Cazaux: Forschung zur französischen Hofmusik und zu den Sängern der königlichen Kapelle im 16. Jahrhundert.
  • Rainer Heyink: Studien zu päpstlichen Motu-proprio-Erlassen für Jean Mouton und weitere Mitglieder der französischen Hofkapelle.
  • Forschung zu Jean Mouton, Antoine de Févin, Jean Conseil, Jean Richafort, Elzéar Genet genannt Carpentras, Nicolas Gombert, Pierre Attaingnant, Antonio Gardano, Johann vom Berg und Ulrich Neuber.
  • Literatur zu den Sammeldrucken Mottetti del frutto, zu den Nürnberger Evangelia von 1554–1556 und zur internationalen Verbreitung franko-flämischer Motetten im 16. Jahrhundert.
  • Forschung zur Oster-Motette Dum transisset sabbatum, ihren englischen und kontinentalen Vertonungen sowie ihren Quellen in Handschriften und Drucken.

Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Franko-flämische Polyphonie Musikalischer Hauptkontext der Sänger und Motettenkomponisten um 1500, in dem Simon Alard zu verorten ist.
  • Französische Hofkapelle Institution, in der Simon Alard 1515 als Sänger genannt wird.
  • Chapelle du roi Königliche Kapelle Frankreichs, zentral für Hofliturgie, Repräsentation und Sängerkarrieren im 16. Jahrhundert.
  • Kollegiatkirche Saint-Quentin Kirchlicher und musikalischer Ort, an dem Simon Alard als Kanoniker und Sänger erinnert wurde.
  • Saint-Quentin Stadt und kirchliches Zentrum im Vermandois, wichtig für nordfranzösische Sänger- und Kapellenkultur.
  • Péronne Herkunftsort Simon Alards nach älterer biographischer Überlieferung.
  • Picardie in der Musikgeschichte Regionale Herkunftslandschaft zahlreicher Sänger und Musiker des 15. und 16. Jahrhunderts.
  • Vermandois Historische Region um Saint-Quentin und Péronne, wichtig für lokale Kirchen- und Sängertraditionen.
  • Sängerbenefiz Kirchliche Pfründe als soziale Absicherung professioneller Hof- und Kirchensänger.
  • Kanoniker Geistliches Amt, das bei Simon Alard mit der Sängerfunktion an Saint-Quentin verbunden war.
  • Chantre Französischer Begriff für Sänger beziehungsweise liturgischen Sänger, passend zu Alards Berufsprofil.
  • Motette Mehrstimmige Gattung, in der der Alard zugeschriebene Dum transisset-Komplex steht.
  • Ostermotette Motettengattung mit liturgischen Texten der Osterzeit, zentral für Dum transisset sabbatum.
  • Dum transisset sabbatum Ostertext und Motettenkomplex, der mit Simon Alard verbunden, aber nicht völlig sicher zugeschrieben ist.
  • Responsorium Liturgische Text- und Gesangsform, aus deren Umfeld Dum transisset sabbatum stammt.
  • Maria Magdalena in der Musik Biblische Figur des Ostermorgens, wichtig für den Textbeginn von Dum transisset sabbatum Maria Magdalena.
  • Osterliturgie Liturgischer Zusammenhang des Textes Dum transisset sabbatum.
  • Mensuralnotation Notationssystem der polyphonen Motettenüberlieferung des frühen 16. Jahrhunderts.
  • Renaissance-Motettendruck Druckkultur, in der die Alard zugeschriebene Motette in Sammelwerken zirkulierte.
  • Mottetti del frutto Italienische Motettensammelwerke, die in der älteren Quellenüberlieferung zu Simon Alard wichtig sind.
  • Evangelia Noribergae Nürnberger Sammeldruck von Evangelienmotetten, in dem Alard im älteren Quellenzusammenhang genannt wird.
  • Venezianischer Musikdruck Druck- und Verlagskultur, in der franko-flämische Motetten europaweit verbreitet wurden.
  • Nürnberger Musikdruck Deutschsprachiger Druckkontext der Renaissance-Motette und der Evangelia-Sammlung.
  • Antonio Gardano Venezianischer Musikdrucker, wichtig für Motettensammelwerke des 16. Jahrhunderts.
  • Girolamo Scotto Venezianischer Drucker und Verleger, wichtig für die europäische Motettenüberlieferung.
  • Johann vom Berg Nürnberger Musikdrucker, mit Ulrich Neuber für die Evangelia-Drucke wichtig.
  • Ulrich Neuber Nürnberger Drucker, beteiligt an der Verbreitung mehrstimmiger Evangelienmotetten.
  • Jean Mouton Komponist und Hofmusiker, dessen Umfeld die französische Kapellenmusik der Alard-Zeit prägte.
  • Antoine de Févin Komponist der französischen Hofkapelle und wichtiger Vergleichspunkt zur Sänger- und Motettenkultur um 1515.
  • Jean Richafort Franko-flämischer Komponist, in denselben höfischen und motettischen Repertoirehorizont einzuordnen.
  • Jean Conseil Sänger und Komponist der französischen Hofkapelle, wichtig als Vergleichsfigur zu Simon Alard.
  • Elzéar Genet genannt Carpentras Sänger und Komponist im französisch-päpstlichen Umfeld, wichtig für die höfische Kapellenkultur des frühen 16. Jahrhunderts.
  • Josquin des Prez Zentrale Figur der franko-flämischen Polyphonie, deren Repertoire in denselben Sammeldrucken und Hofkontexten zirkulierte.
  • Nicolas Gombert Komponist dichter Motettenpolyphonie, in den späteren Repertoirehorizont der Alard-Quellen einzuordnen.
  • Clemens non Papa Komponist, der in den Nürnberger Evangelia-Drucken neben Alart genannt wird.
  • Adrian Willaert Komponist zwischen franko-flämischer Tradition, italienischer Karriere und venezianischer Motettenkultur.
  • Ludwig XII. Französischer König, dessen Hofkapelle den unmittelbaren politischen Vorraum von Alards Bezeugung bildet.
  • Franz I. von Frankreich Französischer König ab 1515, dessen Hof die musikalische Karriere vieler Sänger und Komponisten prägte.
  • Hofmusik in Frankreich Übergreifender Kontext von Hofkapelle, Sängerkarrieren, liturgischer Repräsentation und Musikdruck.
  • Quellenkritik der Musikgeschichte Methodisches Feld, das bei Simon Alard wegen unsicherer Werkzuschreibungen besonders wichtig ist.
  • Zuschreibung in Musikquellen Problem von Namensvarianten, Druckzuschreibungen und handschriftlicher Attribution im Fall Simon Alard.
  • RISM Internationales Quellenrepertorium, das Simon Alard und seine Quellenbezüge normiert.
  • DIAMM Digital Image Archive of Medieval Music, zentrale Datenbank für die Alard zugeschriebene Motettenüberlieferung.
  • Robert Eitner Musikbibliograph, dessen Quellenlexikon die ältere Werk- und Quellenlage zu Simon Alard dokumentiert.
  • François-Joseph Fétis Musiklexikograph, dessen biographische Notiz die ältere Alard-Tradition von Péronne und Saint-Quentin bewahrte.