Muḥammad ibn Ḥusain al-ʿAṭṭār

* 1764 in Damaskus; † 1828 ebenda; Mathematiker, Astronom, technischer Autor und Musiktheoretiker, in den Quellen auch als Muḥammad b. Ḥusain ʿAṭṭārzāde beziehungsweise Muḥammad ʿAṭṭārzāde al-Dimašqī bezeichnet.

Überblick

Muḥammad ibn Ḥusain al-ʿAṭṭār, auch ʿAṭṭārzāde oder Muḥammad ʿAṭṭārzāde al-Dimašqī genannt, gehört zu denjenigen Gelehrten des späten osmanischen Syrien, deren Bedeutung nicht in einer breiten Drucküberlieferung, sondern in Handschriften, Schülertraditionen und fachübergreifender Wirkung sichtbar wird. Er war Mathematiker, Astronom, technischer Autor und Musiktheoretiker. Seine Lebensdaten werden in den maßgeblichen Kurzbiographien mit 1764 bis 1828 angegeben; die arabische Jahreszählung entspricht 1177 bis 1243 H.

Seine Familie wird als aleppinischer Herkunft beschrieben, während Geburt, Wirken und Tod mit Damaskus verbunden sind. Damit steht al-ʿAṭṭār in einer Gelehrtenlandschaft, in der Syrien, Ägypten und die osmanische Bildungswelt miteinander verschränkt waren. Er reiste zum Studium an die Azhar-Universität in Kairo, nahm dort Unterricht bei ägyptischen Gelehrten und kehrte als fachlich breit gebildeter Lehrer nach Damaskus zurück. In arabischen Quellen erscheint er auch unter dem Beinamen al-mudarris, also „der Lehrer“.

Für die Musikgeschichte ist al-ʿAṭṭār vor allem deshalb wichtig, weil er als Lehrer Mīḫāʾīl Mušāqas gilt. Mušāqa wurde im 19. Jahrhundert durch seine ar-Risāla aš-šihābiyya fī ṣ-ṣināʿa al-mūsīqiyya zu einer Schlüsselfigur der modernen arabischen Musiktheorie, besonders der Diskussion über die Teilung der Oktave in vierundzwanzig Abschnitte. Al-ʿAṭṭār steht an einer entscheidenden Schwelle vor dieser schriftlich greifbaren Theoriebildung: Er erscheint als Vertreter einer gelehrten, mathematisch orientierten Musiklehre, die in Unterricht, Diskussion und Manuskriptkultur weitergegeben wurde.

Kurzdaten

Name Muḥammad ibn Ḥusain al-ʿAṭṭār.
Weitere Namensformen Muḥammad b. Ḥusain ʿAṭṭārzāde; Muḥammad ʿAṭṭārzāde al-Dimašqī; Muḥammad al-ʿAṭṭār al-Dimašqī; arabisch محمد بن حسين العطار und محمد عطار زاده الدمشقي.
Geburt 1764 in Damaskus; in arabischer Zeitrechnung 1177 H.
Tod 1828 in Damaskus; in arabischer Zeitrechnung 1243 H. Einzelne arabische Angaben verbinden seinen Tod mit einer Pestepidemie.
Herkunft Aleppinische Familie, in Damaskus geboren und gestorben.
Beruf Mathematiker, Astronom, Rechenkundiger, technischer Autor, Lehrer, Musiktheoretiker und Verfasser beziehungsweise Überlieferungsträger mehrerer Handschriften.
Bildung Studium an der Azhar-Universität in Kairo; Unterricht bei Gelehrten Ägyptens; spätere Lehrtätigkeit in Damaskus.
Fächer Mathematik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Zeitmessung, Wasserrechnung, technische Mechanik, Wäge- und Messkunde, Militärtechnik, Anatomie-Kommentar und Musiktheorie.
Musikgeschichtliche Rolle Lehrer Mīḫāʾīl Mušāqas und wichtiger Vorläufer der schriftlich fassbaren modernen arabischen Theorie der Oktavteilung in vierundzwanzig Abschnitte.
Werküberlieferung Überwiegend handschriftlich, verstreut und teilweise nur durch Katalogeinträge, biographische Lexika und spätere Fachliteratur belegt.
Kulturelle Bedeutung Al-ʿAṭṭār verkörpert den spätosmanischen Gelehrtentypus, der mathematische, astronomische, technische und musiktheoretische Wissensformen nicht getrennt, sondern als zusammenhängende Ordnungskünste behandelte.

Ausführlicher Kulturüberblick

Al-ʿAṭṭārs Lebenszeit fällt in eine Phase, in der Damaskus noch deutlich von traditionellen Gelehrtennetzwerken, Handschriftenkultur, Moscheeschulen, privaten Unterrichtskreisen und osmanischen Verwaltungsstrukturen geprägt war, zugleich aber bereits auf die Wissensumbrüche des 19. Jahrhunderts zulief. Die Stadt war kein isolierter Ort. Gelehrte reisten nach Kairo, Istanbul, Aleppo, Beirut oder in andere Zentren des östlichen Mittelmeerraums; Bücher, Instrumente, Tabellen, Kommentare und Lehrtraditionen zirkulierten über Familien, Stiftungen, Bibliotheken und Schülerketten.

Die Verbindung von Damaskus und Kairo ist für al-ʿAṭṭār besonders wichtig. Sein Studium an der Azhar-Universität zeigt, dass die ägyptische Lehrwelt im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert auch für syrische Gelehrte ein maßgeblicher Bezugspunkt war. Die Azhar war nicht nur ein Ort religiöser Bildung, sondern auch ein Raum, in dem Logik, Grammatik, Rechenkunst, Astronomie, Kalenderfragen, Erbrecht, Messwesen und andere praktische Wissenschaften gelehrt werden konnten. Al-ʿAṭṭārs späteres Profil als Mathematiker, Astronom und technischer Autor passt genau in diese Verbindung von religiös-institutioneller Bildung und angewandten Wissenschaften.

Besonders aufschlussreich ist seine fachliche Breite. Wasserrechnung, Wägekunde, Sonnenuhren, Ballistik, Militärtechnik, Anatomiekommentar und Musiktheorie wirken aus moderner Sicht wie getrennte Disziplinen. Im Kontext der vormodernen und frühmodernen arabisch-osmanischen Gelehrtenwelt gehören sie jedoch zusammen. Es handelt sich um Künste der Proportion, des Maßes, der Beobachtung, des Rechnens, der Übertragung von Theorie in Praxis und der Ordnung des sinnlich Wahrnehmbaren. Musiktheorie steht in diesem Zusammenhang nicht außerhalb der mathematischen Wissenschaften, sondern ist Teil derselben Denkfamilie.

Auch die Überlieferungsform ist kulturgeschichtlich bedeutsam. Al-ʿAṭṭār wurde nicht durch eine breit gedruckte Werkserie berühmt, sondern durch Handschriften, Schüler und spätere Erwähnungen. Seine Bedeutung ist daher indirekt zu rekonstruieren. Der Fall zeigt, wie stark die arabische Wissenschafts- und Musikgeschichte des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts noch von Manuskripten, persönlichen Lehrverhältnissen und lokalen Bibliotheken abhängig war. Gerade für die Musiktheorie ist dies entscheidend, weil mündliche Unterweisung, mathematische Berechnung und praktische Aufführung lange nebeneinanderstanden, ohne immer in gedruckten Traktaten zusammenzufallen.

In der Geschichte der arabischen Musiktheorie nimmt al-ʿAṭṭār eine Übergangsstellung ein. Ältere Autoren wie al-Fārābī, Ṣafī ad-Dīn al-Urmawī und ʿAbd al-Qādir al-Marāġī hatten Musik als mathematisch, kosmologisch und modal geordnete Kunst beschrieben. Im 19. Jahrhundert entstand unter neuen Bedingungen eine andere, stärker systematisierende und vergleichende Diskussion über Stimmung, Skala, Maqām und Intervall. Mīḫāʾīl Mušāqa wurde für diese Diskussion berühmt. Al-ʿAṭṭār steht unmittelbar vor ihm und zeigt, dass die Idee einer vierundzwanzigteiligen Oktavgliederung nicht aus dem Nichts entstand, sondern an ältere mathematisch-musikalische Lehrkreise anschloss.

Leben, Ausbildung und Lehrerprofil

Die biographischen Nachrichten zu al-ʿAṭṭār sind knapp, aber aussagekräftig. Er stammte aus einer Familie aleppinischer Herkunft, wurde in Damaskus geboren und starb dort. Diese doppelte Verortung ist für Syrien nicht ungewöhnlich: Aleppo und Damaskus waren zwei große urbane Zentren mit je eigener Gelehrtentradition, Handelsstruktur, Musikpraxis und Manuskriptkultur. Die Herkunft aus einer aleppinischen Familie legt eine Einbindung in nord- und südsyrische Netzwerke nahe, auch wenn die erhaltenen Nachrichten sein konkretes Familienmilieu nur knapp erkennen lassen.

Seine Reise an die Azhar-Universität in Kairo verweist auf eine bewusste Erweiterung des Bildungsraums. Die Azhar war für syrische, ägyptische und nordafrikanische Gelehrte ein Ort des Erwerbs von Autorität, Überlieferung und fachlicher Vielseitigkeit. Al-ʿAṭṭār nahm dort nach den biographischen Angaben Unterricht bei Gelehrten Ägyptens. Daraus erklärt sich, dass er später nicht nur als Spezialist, sondern als mudarris, als Lehrer und Vermittler unterschiedlicher Wissensbereiche, auftrat.

Seine Schülerwirkung ist besonders durch Mīḫāʾīl Mušāqa greifbar. Mušāqa, der später als Arzt, Historiker, Diplomat und Musiktheoretiker wirkte, reiste nach Damaskus und erhielt Unterricht bei al-ʿAṭṭār. Diese Beziehung ist für die Musikgeschichte wichtiger als die geringe Zahl erhalten gebliebener musikalischer Schriften al-ʿAṭṭārs. Sie zeigt, dass sich musikalisches Wissen über Schüler und Gespräche fortpflanzen konnte, auch wenn der Lehrer selbst keine gedruckte Musiktheorie hinterließ.

Musiktheorie und Oktavteilung

Al-ʿAṭṭārs musiktheoretische Bedeutung hängt vor allem mit der Frage zusammen, wie die Oktave in der modernen arabischen Musiktheorie verstanden, gezählt und didaktisch geordnet wurde. In der älteren arabischen Musiktheorie gab es verschiedene Modelle der Intervallberechnung, der Tonvorräte und der modalen Ordnung. Die spätere, im 19. Jahrhundert besonders wirksam werdende Rede von vierundzwanzig Abschnitten der Oktave wurde zu einem wichtigen didaktischen und theoretischen Raster, auch wenn die reale Aufführungspraxis arabischer Musik damit nicht vollständig beschrieben ist.

Mīḫāʾīl Mušāqas ar-Risāla aš-šihābiyya fī ṣ-ṣināʿa al-mūsīqiyya wurde zu einem zentralen Text dieser Entwicklung. Darin tritt Mušāqa als Autor einer Theorie hervor, die die arabische Musik mithilfe einer vierundzwanzigteiligen Oktave systematisiert. Die Forschung weist jedoch darauf hin, dass Mušāqa selbst auf seinen Lehrer al-ʿAṭṭār verweist und damit deutlich macht, dass die einschlägigen Ideen bereits in einem Damaszener gelehrten Milieu bekannt waren.

Für die Einschätzung al-ʿAṭṭārs ist deshalb Vorsicht nötig. Er sollte nicht einfach als „Erfinder“ eines modernen Vierteltonsystems dargestellt werden, denn die historische Entwicklung war komplex, und die tatsächliche Aufführung arabischer Maqām-Musik lässt sich nicht auf gleich große Vierteltöne reduzieren. Präziser ist die Formulierung, dass al-ʿAṭṭār als Lehrer und mathematisch gebildeter Musiktheoretiker an der Vorgeschichte jener Systematisierung beteiligt war, die Mušāqa später schriftlich prominent ausarbeitete.

Sein Beitrag liegt damit weniger in einem erhaltenen Musiktraktat als in einer gelehrten Vermittlungsfunktion. Er verband mathematisches Denken, Intervallrechnung, Maßvorstellungen und Musiklehre so, dass ein Schüler wie Mušāqa daraus eine eigene schriftliche Theorie entwickeln konnte. Diese Stellung macht al-ʿAṭṭār für ein Kulturlexikon wichtig, obwohl sein musikalisches Œuvre im engeren Sinn nicht mit dem eines Komponisten oder Interpreten vergleichbar ist.

Mathematik, Astronomie und technische Wissenschaften

Die erhaltenen Werkhinweise zeigen al-ʿAṭṭār als Gelehrten, der sich mit praktischer Mathematik und technischen Problemen beschäftigte. Besonders aufschlussreich ist die Wasserrechnung. Schriften über fließendes Wasser, dessen Berechnung und Leitung verbinden Geometrie, Hydraulik, Alltagsverwaltung, Landwirtschaft, Stadttechnik und rechtlich-ökonomische Fragen. Wasser musste gemessen, verteilt, geleitet und berechnet werden. Ein Gelehrter, der darüber schrieb, stand nicht nur im Raum abstrakter Zahlen, sondern in der praktischen Organisation städtischer und agrarischer Lebenswelten.

Auch die Beschäftigung mit Waagen und dem qabbān, also einer großen Schnellwaage beziehungsweise Balkenwaage, gehört in dieses Feld. Wägekunde war für Handel, Abgaben, Marktaufsicht und technische Genauigkeit wichtig. Eine Schrift über den qabbān ist deshalb nicht bloß ein Spezialtraktat über ein Instrument, sondern ein Dokument mathematisierter Alltagskultur. Sie zeigt, wie Rechenkunst, Mechanik und ökonomische Praxis ineinandergreifen.

Die astronomische Seite ist durch den Hinweis auf eine Schrift zur Sonnenuhr beziehungsweise mizwala greifbar. Zeitmessung war in islamischen Gesellschaften praktisch, religiös und wissenschaftlich relevant: für Gebetszeiten, Kalender, Unterricht, Beobachtung und die Ordnung des Tages. Astronomie war daher nicht nur Himmelskunde, sondern zugleich eine Disziplin der sozialen Zeitordnung.

Die militärtechnische Schrift über das Werfen von Kanonenkugeln beziehungsweise Geschossen zeigt eine weitere praktische Anwendung mathematischen Denkens. Ballistik, Gewicht, Neigung, Entfernung und Zerstörungskraft konnten als technische Probleme behandelt werden. Dass eine solche Schrift mit Tabellen und einer Abbildung eines Geschützes überliefert ist, unterstreicht den Charakter al-ʿAṭṭārs als Autor angewandter Wissenschaften.

Werkverzeichnis

Das Werkverzeichnis unterscheidet zwischen sicher katalogisierten Handschriften, in biographischen Lexika genannten Schriften, variierenden Titelfassungen und indirekt bezeugten Werkzusammenhängen. Da al-ʿAṭṭārs Schriften überwiegend handschriftlich und in Katalogen unterschiedlich bezeichnet überliefert sind, werden arabische Titel, deutsche Funktionsbeschreibung und Überlieferungsstatus zusammengeführt. Wo Titelvarianten wahrscheinlich dasselbe Werk betreffen, wird dies ausdrücklich kenntlich gemacht.

Kitāb an-nabāh fī ʿilm al-miyāh Schrift zur Wasserrechnung beziehungsweise zur Kenntnis des Wassers. Der Titel wird im Katalog von al-Raqm al-Manšūr als Werk al-ʿAṭṭārs mit Handschriftennachweisen geführt. Inhaltlich gehört das Werk in den Bereich der angewandten Mathematik, Hydraulik und praktischen Geometrie.
Risāla fī ʿilm al-miyāh al-ǧāriya wa-kayfiyyat ḥisābihā wa-īṣālihā ilā maḥallihā „Abhandlung über die Wissenschaft der fließenden Wasser, ihre Berechnung und ihre Leitung an ihren Bestimmungsort“. Diese Titelfassung begegnet in digitalen Handschriftenkatalogen und ist wahrscheinlich eng mit dem Werkkomplex der Wasserrechnung verbunden, möglicherweise als Titelvariante, Auszug oder Einzelschrift.
Ẓarāʾif al-afnān fī maʿrifat mā yaḫuṣṣ al-qabbān Schrift über den qabbān, also über Wägeinstrumente, Gewichtsermittlung und damit verbundene mathematisch-mechanische Fragen. Der Titel ist in al-Raqm al-Manšūr mit mehreren Handschrifteneinträgen verzeichnet und gehört zur Verbindung von Mathematik, Technik und Markt- beziehungsweise Handelspraktik.
Risāla fī fann al-qabbān „Abhandlung über die Kunst des qabbān“. Diese kürzere Titelfassung begegnet in Handschriftenkatalogen und ist sehr wahrscheinlich mit dem Werkkomplex Ẓarāʾif al-afnān verbunden oder bezeichnet eine Fassung beziehungsweise Kurzform desselben Gegenstands.
Nuṣrat al-Islām ʿalā al-kafara al-liʾām fī fann ramy al-ṭūb wa-l-qanbara Militärtechnische Schrift über das Werfen beziehungsweise Schießen mit Geschossen, Kanonenkugeln oder verwandten Wurfkörpern. Die Qatar National Library verzeichnet eine Handschrift unter diesem Titel, nennt Muḥammad b. Ḥusain al-ʿAṭṭār als Autor und ordnet das Werk den Militärwissenschaften zu.
Risāla fī r-ramy bi-l-qanbara wa-ṭ-ṭūb In biographischen Angaben genannte Schrift über Ballistik und Wurftechnik. Der Titel ist wahrscheinlich mit Nuṣrat al-Islām ʿalā al-kafara al-liʾām fī fann ramy al-ṭūb wa-l-qanbara identisch oder bezeichnet denselben Werkkomplex in kürzerer Form.
Risālat al-mizwala Abhandlung zur Sonnenuhr beziehungsweise zum gnomonischen Messinstrument. Das Werk ist in biographischen Angaben als Handschrift genannt und gehört zur angewandten Astronomie, Zeitmessung und mathematischen Instrumentenkunde.
Šarḥ ʿalā manẓūmat aš-Šayḫ Ḥasan al-ʿAṭṭār al-Miṣrī fī t-tašrīḥ Kommentar zu einer anatomischen Lehrdichtung seines Zeitgenossen, des ägyptischen Gelehrten Ḥasan al-ʿAṭṭār. Die Zuschreibung zeigt, dass Muḥammad ibn Ḥusain al-ʿAṭṭār nicht nur mathematisch-technische Themen, sondern auch medizinisch-anatomische Wissensbereiche berührte.
al-Aǧwiba al-wāfida ʿan al-asʾila al-wārida „Die eingehenden Antworten auf die vorgelegten Fragen“. Der Titel ist in digitalen Katalogangaben unter Muḥammad ʿAṭṭārzāde al-Dimašqī verzeichnet. Inhalt und genauer fachlicher Umfang müssen anhand der Handschrift geprüft werden; der Titel weist auf eine responsenartige Sammlung hin.
Awrāq wa-rasāʾil min āṯārih Biographische Katalognotizen verweisen auf Blätter und kleinere Abhandlungen aus seinem Nachlass, unter anderem in der Bibliothek der Familie aš-Šaṭṭī in Damaskus. Diese Notiz ist wichtig, weil sie eine verstreute, nicht vollständig gedruckte Werküberlieferung erkennen lässt.
Musiktheoretische Lehre zur Oktavteilung Ein eigenständiger gedruckter Musiktraktat al-ʿAṭṭārs ist nicht sicher greifbar. Seine musiktheoretische Wirkung ist vor allem über Mīḫāʾīl Mušāqa belegt, der durch al-ʿAṭṭārs Unterricht mit Fragen der Oktavteilung und Intervallordnung verbunden wird.
Kitāb an-naṣr In der Beschreibung der QNL-Handschrift zu Nuṣrat al-Islām erscheint ein interner Rückverweis auf ein Werk beziehungsweise eine Darstellung mit dem Namen an-Naṣr. Ob es sich um eine Kurzform desselben Werkes, eine verlorene Schrift oder eine interne Kapitelbezeichnung handelt, bleibt ohne Handschriftenprüfung offen.
Nicht gesicherte oder nur summarisch genannte Schriften Arabische Kurzbiographien sprechen allgemein von Schriften zu Militärtechnik, Astronomie und Mathematik. Diese summarischen Angaben sind wichtig, dürfen aber nicht ohne Handschriftennachweis in eine erfundene Titelliste erweitert werden.

Analytische Bedeutung

Al-ʿAṭṭār ist keine kanonische Figur im Sinne eines weithin bekannten Komponisten oder Interpreten. Seine Bedeutung liegt in der Wissensgeschichte. Er zeigt, dass Musiktheorie in der arabisch-osmanischen Welt nicht isoliert neben Mathematik, Astronomie und Technik stand, sondern in denselben Formen des Rechnens, Messens und Ordnens gedacht werden konnte. Diese Verbindung ist für die Geschichte der Maqām-Theorie und der Intervalllehre wesentlich.

Die moderne Rede von der vierundzwanzigteiligen Oktave wurde später oft vereinfacht als „Vierteltonsystem“ beschrieben. Al-ʿAṭṭārs Stellung mahnt zu einer genaueren Betrachtung. Die vierundzwanzigteilige Ordnung war ein theoretisches, didaktisches und vergleichendes Raster, nicht zwangsläufig eine exakte Beschreibung aller Aufführungsnuancen. Gerade weil al-ʿAṭṭār aus einer mathematisch-technischen Gelehrtenkultur kommt, wird verständlich, warum die Musiktheorie des 19. Jahrhunderts nach Zahlen, Tabellen und systematischen Ordnungen suchte.

Seine Werküberlieferung macht außerdem deutlich, dass Kulturgeschichte nicht nur an gedruckten Hauptwerken hängt. Viele entscheidende Verbindungen liegen in Handschriften, Unterricht, Kommentaren, kleineren Abhandlungen und bibliographischen Spuren. Al-ʿAṭṭār ist daher eine geeignete Figur, um die Übergänge zwischen gelehrter Wissenschaft, praktischer Technik und musikalischer Theorie im östlichen Mittelmeerraum vor der eigentlichen Medienmoderne des 19. Jahrhunderts zu erklären.

Rezeption und Nachwirkung

Al-ʿAṭṭārs Nachwirkung ist indirekt. Er wurde nicht durch eine große gedruckte Schule bekannt, sondern durch die Erinnerung an seine Lehrtätigkeit und durch die späteren Schriften Mīḫāʾīl Mušāqas. In der Musikwissenschaft erscheint er daher häufig als Vorgänger oder Lehrerfigur, nicht als Autor eines allgemein verbreiteten Musiktraktats. Gerade diese indirekte Stellung macht ihn für die Genealogie der modernen arabischen Musiktheorie bedeutsam.

In arabischen biographischen und handschriftenkundlichen Katalogen wird er vor allem als mathematisch und technisch gebildeter Gelehrter wahrgenommen. Die Nennung seiner Schriften über Wasser, Waage, Sonnenuhr und Ballistik zeigt, dass seine Zeitgenossen und späteren Bibliographen ihn als Vertreter praktischer Wissenschaften sahen. Die Musiktheorie bildet in diesem Profil keinen Fremdkörper, sondern eine weitere Anwendung von Proportion, Maß und Zahl.

Für die heutige Forschung besteht die Aufgabe darin, die verstreuten Handschriften genauer zu beschreiben, mögliche Titelvarianten zu klären und seine Stellung zwischen älterer arabischer Musiktheorie und Mušāqas 19. Jahrhundert präziser zu bestimmen. Al-ʿAṭṭār ist damit weniger ein abgeschlossener Kanonname als ein Forschungslemma, an dem sich die verborgene Gelehrtenkultur Damaskus’ sichtbar machen lässt.

Sekundärliteratur

  • Gabriele Braune: al-ʿAṭṭār, Muḥammad b. Ḥusain ʿAṭṭārzāde. In: MGG Online, Artikel aus Die Musik in Geschichte und Gegenwart, zweite Ausgabe.
  • Ḫair ad-Dīn az-Ziriklī: al-Aʿlām. Biographisches Lexikon, mit Angaben zu Muḥammad ibn Ḥusain al-ʿAṭṭār.
  • ʿUmar Riḍā Kaḥḥāla: Muʿǧam al-muʾallifīn. Biographisches Autorenlexikon, mit einschlägigen Angaben zu arabischen Gelehrten und Handschriftenautoren.
  • Aḥmad Taymūr: Muḏakkirāt Taymūr Bāšā. Als Quelle in arabischen biographischen Katalogen zu al-ʿAṭṭār genannt.
  • Muḥammad Kurd ʿAlī: Dimashq madīnat as-siḥr wa-š-šiʿr. Kulturhistorische Darstellung von Damaskus mit Nennung Muḥammad al-ʿAṭṭārs unter den Gelehrten der Stadt.
  • Shireen Maalouf: Mīkhāʾīl Mishāqā: Virtual Founder of the Twenty-Four Equal Quartertone Scale. In: Journal of the American Oriental Society, 123/4, 2003, S. 835–840.
  • Habib Hassan Touma: The Music of the Arabs. Amadeus Press, Portland 1996.
  • Scott L. Marcus: The Interface between Theory and Practice: Intonation in Arab Music. In: Asian Music, 24/2, 1993, S. 39–58.
  • Ali Jihad Racy: Making Music in the Arab World. The Culture and Artistry of Ṭarab. Cambridge University Press, Cambridge 2003.
  • Amnon Shiloah: The Theory of Music in Arabic Writings. Répertoire international des sources musicales, München 1979 und 2003.
  • Owen Wright: Studien zur arabischen, persischen und osmanischen Musiktheorie, besonders zu Maqām, Intervallordnung und schriftlicher Theorieüberlieferung.
  • Eckhard Neubauer: Studien zur arabischen Musiktheorie, zur mathematischen Musiklehre und zur handschriftlichen Überlieferung musiktheoretischer Texte.
  • Fruma Zachs: Mikhail Mishaqa – The First Historian of Modern Syria. In: British Journal of Middle Eastern Studies, 28/1, 2001, S. 67–87.
  • Leila Tarazi Fawaz: An Occasion for War. Civil Conflict in Lebanon and Damascus in 1860. University of California Press, Berkeley 1994; wichtig für den späteren Damaszener Kontext Mīḫāʾīl Mušāqas.

Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Mīḫāʾīl Mušāqa Schüler al-ʿAṭṭārs und zentrale Figur der modernen arabischen Musiktheorie zur vierundzwanzigteiligen Oktavgliederung.
  • Arabische Musiktheorie Überblick über Maqām, Intervallrechnung, mathematische Musiklehre und die schriftliche Tradition arabischer Musiktraktate.
  • Maqām Modales Ordnungssystem arabischer, türkischer und persischer Musik, dessen theoretische Beschreibung von Intervallmodellen und Praxisnuancen abhängt.
  • Viertelton Musiktheoretischer Begriff zur Teilung des Ganztons beziehungsweise zur modernen didaktischen Beschreibung arabischer Tonvorräte.
  • Oktavteilung Grundproblem mathematischer Musiktheorie, das in der arabischen, persischen, griechischen und europäischen Tradition verschieden gelöst wurde.
  • Mathematische Musiklehre Wissensfeld, in dem Proportion, Zahl, Intervall und Klangordnung miteinander verbunden werden.
  • Ḥasan al-ʿAṭṭār Ägyptischer Gelehrter und späterer Azhar-Scheich; als Zeitgenosse und Bezugspunkt eines anatomischen Kommentars al-ʿAṭṭārs relevant.
  • al-Azhar Kairiner Bildungsinstitution, an der al-ʿAṭṭār studierte und die für syrisch-ägyptische Gelehrtennetzwerke zentral war.
  • Damaskus Historisches Zentrum syrischer Gelehrsamkeit, Musikpraxis, Handschriftenkultur und spätosmanischer Wissensproduktion.
  • Aleppo Syrisches Kultur- und Handelszentrum, aus dessen Familienraum al-ʿAṭṭārs Herkunft überliefert wird.
  • Osmanisches Syrien Historischer Rahmen für die Bildungs-, Verwaltungs- und Wissenskulturen, in denen al-ʿAṭṭār wirkte.
  • Handschriftenkultur Überlieferungsform, die für al-ʿAṭṭārs Werk entscheidend ist, da seine Schriften überwiegend handschriftlich und katalogisch greifbar sind.
  • Wasserrechnung Angewandte mathematische Disziplin zur Berechnung, Leitung und Verteilung von Wasser in vormodernen und frühmodernen Gesellschaften.
  • Qabbān Wägeinstrument und Gegenstand mathematisch-mechanischer Fachliteratur, zu dem al-ʿAṭṭār eine Abhandlung verfasste.
  • Mizwala Sonnenuhr beziehungsweise gnomonisches Messinstrument, das Astronomie, Zeitmessung und religiöse Tagesordnung verbindet.
  • Arabische Astronomie Wissensfeld von Kalenderrechnung, Zeitmessung, Beobachtung, Instrumentenkunde und mathematischer Himmelsbeschreibung.
  • Arabische Mathematik Tradition von Rechenkunst, Geometrie, Algebra, Proportion und angewandter Wissenschaft in arabischsprachigen Gelehrtenkulturen.
  • Ballistik in der vormodernen Wissenschaft Technischer Wissensbereich, in dem Geschossbewegung, Wurfkraft, Gewicht und militärische Praxis mathematisch behandelt wurden.
  • Maqām-Theorie des 19. Jahrhunderts Übergangsfeld zwischen älterer arabischer Musiktheorie, moderner Systematisierung und neuen pädagogischen Tonmodellen.
  • Abū Naṣr al-Fārābī Philosoph und Musiktheoretiker, dessen mathematische Musiklehre den Hintergrund späterer arabischer Theoriedebatten bildet.
  • Ṣafī ad-Dīn al-Urmawī Musiktheoretiker des 13. Jahrhunderts, dessen Ton- und Intervallmodelle für die spätere arabisch-persische Theorie maßgeblich wurden.
  • ʿAbd al-Qādir al-Marāġī Spätmittelalterlicher Musiktheoretiker, dessen Werke arabisch-persisch-türkische Musiktheorie und Maqām-Denken verbinden.
  • ʿūd Arabische Kurzhalslaute, deren Stimmung, Griffordnung und Maqām-Praxis mit Fragen der Intervalltheorie verbunden sind.