Kulturlexikon · Musiknotation · Harmonielehre und Tonsystem
Akzidentien
Akzidentien heißen jene Zeichen der Musiknotation, die einen diatonischen Stammton alterieren, also chromatisch verändern, oder eine bereits geltende Alteration wieder rückgängig machen. Im engeren Sinn gehören dazu Kreuz, Be, Auflösungszeichen, Doppelkreuz und Doppelbe; im weiteren Sinn umfasst der Begriff auch Sonderzeichen für Vierteltöne, Mikrointervalle, historische Notationen und editorische Zusatzzeichen. Akzidentien sind unscheinbare Zeichen, aber sie berühren den Kern musikalischer Schrift: Sie bestimmen, ob ein notierter Ton innerhalb der diatonischen Ordnung bleibt, sie chromatisch überschreitet, enharmonisch umgedeutet wird oder in ein anderes tonales beziehungsweise modales Beziehungsfeld tritt.
Überblick
Akzidentien sind Zeichen der musikalischen Schrift. Sie stehen vor einer Note und verändern deren Tonhöhe bezogen auf den diatonischen Stammton. Das Kreuz erhöht in der üblichen temperierten Notation um einen Halbton, das Be erniedrigt um einen Halbton, das Auflösungszeichen hebt eine vorher geltende Erhöhung oder Erniedrigung auf. Doppelkreuz und Doppelbe verändern den Stammton um zwei Halbtonschritte. Damit bilden Akzidentien die notationsgeschichtliche Schnittstelle zwischen diatonischer Grundordnung und chromatischer Veränderung.
Der Begriff wird im Deutschen nicht immer einheitlich gebraucht. Versetzungszeichen meint streng genommen das vor einer einzelnen Note stehende Zeichen, das diese Note versetzt. Vorzeichen kann dagegen auch die Tonartvorzeichnung am Anfang eines Systems meinen. In didaktischer Alltagssprache werden beide Wörter oft vermischt. Der präzisere Begriff Akzidens bezeichnet das einzelne Vorzeichen, während Akzidentien die Gesamtheit solcher Zeichen meint.
Die praktische Bedeutung der Akzidentien ist groß. Sie ermöglichen Leittöne, chromatische Durchgänge, Alterationen in Akkorden, Modulationen, enharmonische Umdeutungen, melodische Färbungen, Dissonanzbehandlung, Ausdruckschromatik, modale Mischungen und mikrotonale Erweiterungen. Ohne Akzidentien wäre die europäische Notenschrift weitgehend auf die sieben diatonischen Stammtöne beschränkt.
Historisch gehen die wichtigsten Zeichen auf die Unterscheidung zwischen b molle und b durum zurück. Aus dem runden b entwickelte sich das heutige Be, aus dem eckigen b gingen Auflösungszeichen und Kreuz hervor. Diese Herkunft zeigt, dass Akzidentien zunächst nicht als beliebige chromatische Symbole entstanden, sondern aus einem konkreten Problem der mittelalterlichen Tonsystematik: dem Verhältnis von B, H, weichem Hexachord, hartem Hexachord und der Vermeidung problematischer Intervalle.
In moderner Notation sind Akzidentien einerseits normiert, andererseits stilabhängig. Tonale Musik verwendet meist die taktabhängige Geltungsregel: Ein Akzidens gilt für dieselbe Tonstufe in derselben Oktavlage bis zum Ende des Taktes, sofern es nicht vorher aufgehoben wird. In atonaler, serieller, mikrotonaler oder sehr chromatischer Musik können andere Notationssysteme sinnvoll sein, etwa die Wiederholung eines Akzidens vor jeder Note oder besondere Zeichen für Vierteltöne und kleinere Intervallstufen.
Kurzdaten
| Lemma | Akzidentien |
|---|---|
| Singular | Akzidens |
| Deutsche Synonyme | Versetzungszeichen, Vorzeichen, chromatische Vorzeichen, chromatische Zeichen |
| Englisch | accidentals |
| Französisch | accidents; für Einzelzeichen auch dièse, bémol, bécarre |
| Italienisch | accidenti; für Einzelzeichen diesis, bemolle, bequadro |
| Kernfunktion | Chromatische Veränderung eines diatonischen Stammtons oder Aufhebung einer solchen Veränderung |
| Hauptzeichen | Kreuz ♯, Be ♭, Auflösungszeichen ♮, Doppelkreuz 𝄪, Doppelbe 𝄫 |
| Grundwirkung | Erhöhung, Erniedrigung, Rückführung auf den Stammton beziehungsweise doppelte Erhöhung oder doppelte Erniedrigung |
| Geltungsregel in moderner tonaler Notation | Meist bis zum Ende des Taktes für dieselbe Tonstufe in derselben Oktavlage, sofern kein anderes Zeichen folgt; gebundene Noten über den Taktstrich behalten die Alteration für den gebundenen Ton |
| Abgrenzung | Akzidentien im engeren Sinn sind Einzelzeichen vor Noten; Tonartvorzeichnungen am Zeilenanfang sind systematische Vorzeichnungen, werden aber im weiteren Sprachgebrauch oft ebenfalls als Vorzeichen bezeichnet |
| Historische Herkunft | Entwicklung aus b molle, b durum, Hexachordlehre, musica recta und musica ficta |
| Notationsgeschichtliche Bedeutung | Akzidentien machen Chromatik, Alteration, Modulation, Enharmonik, Leittönigkeit und mikrotonale Erweiterungen notierbar |
Begriff, Abgrenzung und Terminologie
Das Wort Akzidens stammt aus einem begrifflichen Umfeld, in dem das Zufällige, Hinzutretende oder Nicht-Wesentliche bezeichnet werden kann. In der Musik meint es aber nicht „zufällig“ im heutigen Sinn. Ein Akzidens ist kein Unfall der Notation, sondern ein Zeichen, das einem Stammton etwas hinzufügt: eine Erhöhung, eine Erniedrigung oder die Rücknahme einer solchen Veränderung. Es ist also ein zusätzliches Zeichen zum diatonischen Tonbestand.
Der deutsche Ausdruck Versetzungszeichen ist funktional besonders klar. Ein Stammton wird „versetzt“, also aus seiner diatonischen Lage herausgehoben. Aus C wird durch Kreuz Cisis beziehungsweise C♯, durch Be Ces beziehungsweise C♭; aus F wird Fis, aus B im deutschen System B oder H je nach Bezeichnungslogik. Das Zeichen verändert nicht den Notenkopf oder die rhythmische Gestalt, sondern die Tonhöhe, die der Notenkopf bezeichnet.
Der Ausdruck Vorzeichen ist dagegen mehrdeutig. Er kann ein einzelnes Akzidens vor einer Note meinen, aber auch die Tonartvorzeichnung am Anfang eines Systems. Diese Vorzeichnung ist kein einzelnes zufälliges Zeichen, sondern eine dauerhafte diatonisch-tonale Setzung für ein ganzes Stück oder einen Abschnitt. Für präzise Darstellung ist deshalb zu unterscheiden: Tonartvorzeichnung oder Generalvorzeichnung steht am Anfang eines Systems; Akzidens steht unmittelbar vor einer Note und wirkt lokal.
Die internationalen Begriffe zeigen ähnliche Mehrdeutigkeiten. Das englische accidental bezeichnet im engeren Sinn ein Einzelzeichen, nicht die Zeichen der Tonartvorzeichnung. Das französische accident und das italienische accidente haben ähnliche Funktionen. Für die Einzelzeichen sind aber eigene Namen üblich: englisch sharp, flat, natural; französisch dièse, bémol, bécarre; italienisch diesis, bemolle, bequadro.
| Begriff | Bedeutung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Akzidens | Ein einzelnes Versetzungszeichen vor einer Note. | Präziser Singular für Kreuz, Be, Auflösungszeichen und verwandte Zeichen. |
| Akzidentien | Gesamtheit solcher Versetzungszeichen. | Geeignet als kulturlexikalisches Lemma. |
| Versetzungszeichen | Zeichen, das eine Note in der Tonhöhe versetzt. | Funktional klare deutsche Bezeichnung. |
| Vorzeichen | Allgemeiner Ausdruck für Zeichen vor Noten oder am Anfang eines Systems. | Mehrdeutig; kann Einzelakzidens oder Tonartvorzeichnung meinen. |
| Tonartvorzeichnung | Vorzeichenbestand am Anfang eines Systems. | Wirkt systematisch für die notierte Tonart, nicht nur punktuell. |
| Generalvorzeichen | Älterer oder allgemeiner Ausdruck für die Vorzeichnung einer Tonart. | Besonders in schulischer und älterer Theorie gebräuchlich. |
| Alteration | Chromatische Veränderung eines Tons. | Das Akzidens ist das Zeichen, die Alteration die musikalische Wirkung. |
| Chromatik | Bewegung oder Struktur in Halbtonschritten beziehungsweise durch alterierte Töne. | Akzidentien sind ein zentrales Mittel chromatischer Notation. |
Zeichen-, Funktions- und Formenverzeichnis
Ein eigentliches Werkverzeichnis gibt es bei einem Notationsbegriff nicht. An seine Stelle tritt ein Zeichen-, Funktions- und Formenverzeichnis. Dieses Verzeichnis erfasst die gebräuchlichen Akzidentien, ihre Wirkung, ihre deutschen und internationalen Bezeichnungen sowie typische Anwendungsbereiche. Es bildet damit das sachliche Äquivalent eines vollständigen Verzeichnisses für diesen Lexikoneintrag.
Hauptzeichen der modernen westlichen Notation
| Zeichen | Deutscher Name | Englisch | Französisch | Italienisch | Wirkung | Beispiel |
|---|---|---|---|---|---|---|
| ♯ | Kreuz | sharp | dièse | diesis | Erhöht den Stammton gewöhnlich um einen Halbton. | F wird zu Fis; C wird zu Cis. |
| ♭ | Be | flat | bémol | bemolle | Erniedrigt den Stammton gewöhnlich um einen Halbton. | H wird zu B; E wird zu Es. |
| ♮ | Auflösungszeichen | natural | bécarre | bequadro | Hebt eine Erhöhung oder Erniedrigung auf und stellt den Stammton her. | Fis wird wieder zu F; B wird wieder zu H. |
| 𝄪 | Doppelkreuz | double sharp | double dièse | doppio diesis | Erhöht den Stammton gewöhnlich um zwei Halbtöne. | F wird zu Fisis, enharmonisch oft G. |
| 𝄫 | Doppelbe | double flat | double bémol | doppio bemolle | Erniedrigt den Stammton gewöhnlich um zwei Halbtöne. | H wird zu Heses, enharmonisch oft A; E wird zu Eses, enharmonisch oft D. |
Funktionsgruppen
| Funktionsgruppe | Beschreibung | Typisches Beispiel | Musikalischer Zweck |
|---|---|---|---|
| Erhöhendes Akzidens | Hebt einen Stammton chromatisch an. | F♯ als Leitton zu G. | Leittonbildung, Modulation, Dominantspannung, melodische Chromatik. |
| Erniedrigendes Akzidens | Senkt einen Stammton chromatisch ab. | B♭ als Erniedrigung von H in F-Dur oder in modaler Färbung. | Tonartbezug, Mollfärbung, Chromatik, Dissonanzbehandlung. |
| Auflösendes Akzidens | Hebt eine vorher geltende Alteration auf. | F♮ nach F♯. | Rückkehr zum Stammton, Klärung nach Tonartwechsel oder Taktakzidens. |
| Doppelte Alteration | Erhöht oder erniedrigt um zwei Halbtonschritte. | F𝄪 als Terz in D♯-Dur oder als chromatisch notwendige Schreibweise. | Harmonische Korrektheit, Akkordschreibung, Stimmführungslogik. |
| Vorsichtsakzidens | Wiederholt oder verdeutlicht eine bereits geltende beziehungsweise nicht mehr geltende Alteration. | Ein in Klammern gesetztes ♮ nach einem Taktwechsel. | Lesesicherheit, Vermeidung von Fehlinterpretationen. |
| Editorisches Akzidens | Vom Herausgeber ergänztes Zeichen, oft oberhalb der Note oder in Klammern. | Ficta-Zeichen in Renaissance-Editionen. | Unterscheidung zwischen Quelle und moderner Ergänzung. |
| Mikrotonales Akzidens | Zeichen für Abweichungen kleiner oder anders als der temperierte Halbton. | Vierteltonkreuz oder Vierteltonbe. | Notierung außereuropäischer, experimenteller oder mikrotonaler Tonsysteme. |
Deutsche Tonnamen bei Alterationen
| Stammton | mit Kreuz | mit Be | mit Doppelkreuz | mit Doppelbe |
|---|---|---|---|---|
| C | Cis | Ces | Cisis | Ceses |
| D | Dis | Des | Disis | Deses |
| E | Eis | Es | Eisis | Eses |
| F | Fis | Fes | Fisis | Feses |
| G | Gis | Ges | Gisis | Geses |
| A | Ais | As | Aisis | Asas / Ases |
| H | His | B | Hisis | Heses |
Geltungsbereich, Taktbindung und Auflösung
In der modernen tonalen Notation gilt ein Akzidens normalerweise für die unmittelbar folgende Note und für weitere Noten derselben Tonstufe in derselben Oktavlage bis zum Ende des Taktes. Diese Regel setzt voraus, dass der Taktstrich eine notationspraktische Grenze bildet. Nach dem Taktstrich endet die Wirkung des Akzidens, sofern die Note nicht übergebunden ist. Eine übergebundene Note behält die Alteration für den gebundenen Ton, aber nicht automatisch für später neu angeschlagene Noten desselben Taktes.
Diese scheinbar einfache Regel enthält mehrere praktische Feinheiten. Ein Kreuz vor F gilt nicht automatisch für jedes F in jeder Oktave, sondern in moderner Praxis nur für dieselbe Notenposition. In älteren Drucken oder Handschriften können abweichende Konventionen vorkommen. Ein Akzidens gilt auch nicht für andere Stimmen, wenn diese auf eigenem System oder eigener Stimme geführt werden. In dichter Klavier- oder Partiturnotation können deshalb zusätzliche Vorsichtszeichen nötig werden.
Das Auflösungszeichen ist kein bloßes „Nichts“, sondern ein positives Zeichen. Es sagt ausdrücklich, dass eine vorher geltende Erhöhung oder Erniedrigung nicht mehr gelten soll. Besonders bei Tonartvorzeichnungen ist dies wichtig: In G-Dur ist F durch die Vorzeichnung Fis; ein F natural muss daher durch ♮ angezeigt werden. In F-Dur ist H durch die Vorzeichnung B; ein H muss durch ♮ notiert werden.
| Situation | Regel | Beispiel | Hinweis |
|---|---|---|---|
| Einzelne Note | Das Akzidens verändert die unmittelbar folgende Note. | ♯ vor F ergibt Fis. | Das Zeichen steht links vor dem Notenkopf. |
| Wiederholung im selben Takt | Das Akzidens gilt für dieselbe Tonstufe in derselben Oktavlage weiter. | F♯, später im selben Takt erneut F ohne Zeichen: weiterhin Fis. | Viele Fehler entstehen, wenn diese Taktgeltung übersehen wird. |
| Taktstrich | Nach dem Taktstrich endet die Wirkung des lokalen Akzidens. | F♯ im ersten Takt, F im nächsten Takt ohne Zeichen: F natural, sofern keine Vorzeichnung anderes verlangt. | Vorsichtszeichen können die Rückkehr verdeutlichen. |
| Überbindung | Die Alteration bleibt für die gebundene Note über den Taktstrich erhalten. | F♯ gebunden in den nächsten Takt bleibt Fis. | Eine neue Note desselben Namens braucht danach wieder eigene Klärung. |
| Andere Oktave | In moderner Notation gilt das Akzidens üblicherweise nicht automatisch für andere Oktaven. | F♯ in kleiner Oktave macht ein F in eingestrichener Oktave nicht automatisch zu Fis. | Zur Vermeidung von Missverständnissen werden oft Vorsichtsakzidentien gesetzt. |
| Andere Stimme | Die Wirkung ist stimm- und systemabhängig zu lesen. | F♯ in der Oberstimme klärt nicht zwingend die Unterstimme. | Partituren verlangen besondere Sorgfalt. |
| Auflösung | Ein ♮ hebt Kreuz, Be, Doppelkreuz oder Doppelbe nach moderner Praxis eindeutig auf. | F♮ nach F♯ oder F𝄪. | Ältere Notationen konnten zur Aufhebung doppelter Zeichen andere Kombinationen verwenden. |
Akzidens, Tonartvorzeichnung und Generalvorzeichen
Die Tonartvorzeichnung ist von den eigentlichen Akzidentien zu unterscheiden. Sie steht am Anfang eines Systems nach dem Schlüssel und setzt dauerhaft fest, welche Tonstufen in der notierten Tonart erhöht oder erniedrigt sind. In D-Dur gehören Fis und Cis zur Vorzeichnung; sie sind keine lokalen Akzidentien, sondern Teil der tonalen Grundordnung dieses Abschnitts. Ein lokales Akzidens tritt hinzu, wenn ein Ton von dieser Ordnung abweicht oder zu ihr zurückgeführt werden muss.
Die Unterscheidung ist für Analyse und Aufführung wesentlich. Ein Fis in D-Dur ist diatonisch innerhalb dieser Tonart; ein F natural in D-Dur ist dagegen eine lokale chromatische Abweichung und muss durch Auflösungszeichen notiert werden. Umgekehrt ist ein B in F-Dur diatonisch, während ein H durch Auflösungszeichen als Veränderung der Vorzeichnung angezeigt wird.
In älterer Theorie und schulischer Praxis kann der Ausdruck Vorzeichen beide Ebenen meinen. Für genaue kulturlexikalische Darstellung ist aber sinnvoll, von Tonartvorzeichnung für den systematischen Zeichenbestand am Anfang und von Akzidens für die lokale chromatische Veränderung zu sprechen.
| Merkmal | Tonartvorzeichnung | Akzidens |
|---|---|---|
| Ort im Notentext | Am Anfang des Systems nach dem Schlüssel, gegebenenfalls nach Taktstrichen bei neuer Zeile wiederholt. | Unmittelbar links vor einer einzelnen Note. |
| Geltung | Für das Stück oder den Abschnitt bis zur Änderung der Vorzeichnung. | In moderner Praxis lokal bis zum Taktende für dieselbe Tonstufe und Oktavlage. |
| Funktion | Setzt die diatonisch-tonale Grundordnung. | Zeigt Abweichung, Rückkehr, Chromatik oder lokale Alteration an. |
| Beispiel | G-Dur mit Fis als Vorzeichnung. | F♮ in G-Dur als Aufhebung des Fis. |
| Analytische Bedeutung | Tonart, Modus, Skalenordnung, Grundfarbe. | Leitton, Alteration, Modulation, Chromatik, Dissonanz, Enharmonik. |
Enharmonik, Intervallfunktion und Schreiblogik
Akzidentien sind nicht nur praktische Hilfsmittel zur Halbtonerhöhung oder Halbtonerniedrigung. Sie bestimmen auch, wie ein Ton musikalisch gedeutet wird. In gleichstufig temperierter Stimmung klingen Cis und Des auf dem Klavier gleich, sie sind aber nicht dasselbe Zeichen und nicht dieselbe Funktion. Cis ist ein erhöhtes C, Des ein erniedrigtes D. Diese Unterscheidung ist harmonisch, melodisch und satztechnisch wichtig.
Die enharmonische Gleichheit des Klangs kann die schriftliche Verschiedenheit nicht aufheben. Ein Leitton nach D wird eher Cis heißen als Des, weil er als erhöhte siebte Stufe nach D drängt. Eine erniedrigte zweite Stufe in C kann Des heißen, nicht Cis, auch wenn beide auf dem gleichstufigen Klavier gleich klingen. Die Schreibweise legt also eine Richtung, Funktion und Analyse nahe.
Doppelkreuze und Doppelbe erklären sich ebenfalls aus dieser Logik. Fisis kann auf dem Klavier wie G klingen, ist aber als erhöhte Form von F zu verstehen. In einem D♯-Dur-Akkord ist die Terz nicht G, sondern Fisis, weil sie die Terz über D♯ bildet. Würde man G schreiben, wäre die Akkordstruktur theoretisch falsch verschleiert.
| Klanglich mögliche Gleichheit | Schreibweise 1 | Schreibweise 2 | Unterschied der Funktion |
|---|---|---|---|
| Cis / Des | C♯ als erhöhtes C | D♭ als erniedrigtes D | Cis wirkt oft leittonisch auf D; Des kann als erniedrigte zweite Stufe oder Teil einer Be-Tonart erscheinen. |
| Fis / Ges | F♯ als erhöhtes F | G♭ als erniedrigtes G | Fis gehört etwa zu G-Dur oder D-Dur; Ges zu Des-Dur oder Ges-Dur. |
| His / C | H♯ als erhöhtes H | C als Stammton | His kann als Leitton zu Cis auftreten, während C eine eigene diatonische Stufe ist. |
| Fisis / G | F𝄪 als doppelt erhöhtes F | G als Stammton | Fisis kann als Terz über D♯ funktional notwendig sein. |
| Eses / D | E𝄫 als doppelt erniedrigtes E | D als Stammton | Eses kann in stark alterierten Akkorden die korrekte Stufenbezeichnung erhalten. |
Doppelkreuz, Doppelbe und doppelte Alteration
Doppelkreuz und Doppelbe wirken zunächst unnötig kompliziert. Wer nur vom Klang auf dem modernen Klavier ausgeht, könnte fragen, warum Fisis nicht einfach als G und Eses nicht einfach als D notiert wird. Die Antwort liegt in der musikalischen Funktion. Die Schreibweise zeigt, von welchem Stammton ein Ton abgeleitet ist und welche Stelle er im Akkord, in der Tonleiter oder in der Stimmführung einnimmt.
Doppelte Alterationen treten besonders in harmonisch komplexen Zusammenhängen auf: in entfernten Tonarten, in chromatischen Modulationen, in alterierten Akkorden, in enharmonischen Übergängen und in spätromantischer oder moderner Harmonik. Sie können außerdem in Moll-Tonarten auftreten, wenn leittönige Erhöhungen mit bereits erhöhten oder erniedrigten Stufen zusammentreffen.
In älterer Notation wurden Doppelalterationen bisweilen anders aufgelöst als in moderner Praxis. Heute genügt normalerweise ein Auflösungszeichen, um zur natürlichen Tonhöhe zurückzukehren. Ältere Drucke konnten zur Rücknahme eines Doppelkreuzes oder Doppelbes Kombinationen wie Auflösungszeichen plus Kreuz oder Be verwenden, wenn von einer doppelten zu einer einfachen Alteration übergegangen wurde.
| Zeichen | Name | Wirkung | Theoretischer Grund | Klangliche Entsprechung in gleichstufiger Stimmung |
|---|---|---|---|---|
| 𝄪 | Doppelkreuz | Erhöht den Stammton um zwei Halbtonschritte. | Bewahrt die richtige Stufen- oder Akkordschreibung. | Fisis klingt wie G; Cisis klingt wie D. |
| 𝄫 | Doppelbe | Erniedrigt den Stammton um zwei Halbtonschritte. | Bewahrt die richtige Stufen- oder Akkordschreibung. | Eses klingt wie D; Heses klingt wie A. |
| ♮ nach Doppelzeichen | Auflösung | Hebt die doppelte Alteration auf. | Stellt den Stammton wieder her. | Fisis wird F; Eses wird E. |
| Einfaches ♯ oder ♭ nach Doppelzeichen | Reduktion der Alteration | Führt von doppelter zu einfacher Alteration. | Kann modern direkt mit einfachem Zeichen notiert werden. | Fisis wird Fis; Eses wird Es. |
Vorsichtsakzidentien und editorische Zeichen
Vorsichtsakzidentien, auch Erinnerungs- oder Sicherheitsvorzeichen genannt, verändern streng genommen nicht immer die Tonhöhe. Sie wiederholen oder klären eine Tonhöhe, die nach der Regel bereits eindeutig wäre oder nach einem Taktstrich wieder gilt. Ihr Zweck ist nicht die systematische Alteration, sondern die Leseökonomie. Sie sollen verhindern, dass eine Musikerin oder ein Musiker irrtümlich eine vorherige Alteration weiterdenkt oder eine neue Situation übersieht.
Solche Zeichen werden häufig in Klammern gesetzt, etwa (♮), (♯) oder (♭). In hochwertigen Editionen wird sorgfältig unterschieden, ob ein Zeichen aus der Quelle stammt, vom Herausgeber ergänzt wurde oder nur der Vorsicht dient. Gerade bei älterer Musik, bei Renaissance-Polyphonie, bei Musica ficta und bei barocken Handschriften ist diese Unterscheidung wichtig.
Editorische Akzidentien können oberhalb der Note, in eckigen Klammern, in runden Klammern oder in einem kritischen Bericht erläutert werden. Sie zeigen an, dass die moderne Ausgabe eine Entscheidung trifft, die in der Quelle nicht oder anders notiert ist. Ein solches Zeichen ist nicht bloß eine praktische Spielhilfe, sondern Teil einer editorischen Argumentation.
| Form | Bedeutung | Typischer Einsatz | Hinweis für die Interpretation |
|---|---|---|---|
| (♮) | Vorsichtige Erinnerung an den natürlichen Ton. | Nach vorheriger Alteration im vorangegangenen Takt. | Das Zeichen klärt, obwohl die Regel meist bereits eindeutig wäre. |
| (♯) | Vorsichtige Erinnerung an eine Erhöhung. | Bei schwer lesbarer chromatischer Stimmführung. | Besonders in dichter Harmonik hilfreich. |
| (♭) | Vorsichtige Erinnerung an eine Erniedrigung. | Nach Tonartwechseln oder in polyphoner Satzstruktur. | Kann Fehlgriffe in Proben und Aufführungen vermeiden. |
| Akzidens über der Note | Häufig editorische Ergänzung in Alter Musik. | Musica-ficta-Entscheidungen in Renaissance-Editionen. | Die Quelle kann das Zeichen ausgelassen haben. |
| Eckige Klammer | Editoriale Markierung einer Ergänzung oder unsicheren Lesart. | Kritische Ausgaben. | Der kritische Bericht ist mitzulesen. |
| Fußnote / Kritischer Bericht | Erklärung einer abweichenden Quelle oder editorischen Entscheidung. | Wissenschaftliche Editionen. | Ermöglicht quellennahe Aufführung und eigene Entscheidung. |
Geschichte: b molle, b durum, musica ficta und moderne Notation
Die Geschichte der Akzidentien beginnt nicht mit einem vollständigen System aus Kreuz, Be und Auflösungszeichen. Sie beginnt mit der Unterscheidung zweier Formen des Tons B. Im mittelalterlichen Tonsystem gab es das weiche b, b molle, und das harte b, b durum. Das runde b bezeichnete die tiefere Form, aus der das heutige Be hervorging. Das eckige b bezeichnete die höhere Form und ist mit der Entwicklung von Auflösungszeichen und Kreuz verbunden.
Diese Zeichen gehören in den Zusammenhang von Hexachordlehre und Solmisation. Die mittelalterliche Lehre unterschied verschiedene Hexachorde, unter anderem das weiche Hexachord mit B und das harte Hexachord mit H. Die Problematik des Tritonus und die Notwendigkeit, bestimmte melodische oder kontrapunktische Situationen zu glätten, führten zur Praxis der musica ficta. Dabei wurden Töne gesungen oder gedacht, die nicht ausdrücklich im regulären System standen oder in der Quelle nicht notiert waren.
In mittelalterlichen und Renaissance-Handschriften sind Akzidentien daher nicht einfach nach modernen Regeln zu lesen. Viele Alterationen wurden von Sängerinnen und Sängern aus der Satzlogik erschlossen. Moderne Herausgeber müssen entscheiden, ob und wie solche impliziten Erhöhungen oder Erniedrigungen sichtbar gemacht werden. Deshalb werden Ficta-Zeichen häufig oberhalb der Note oder in Klammern notiert.
Erst allmählich entwickelte sich das moderne System, in dem Kreuz, Be, Auflösungszeichen, Doppelzeichen und Taktgeltung festere Formen annahmen. Mit dem Dur-Moll-tonalen Denken, der Taktstrichnotation, dem Generalbass, der funktionalen Harmonik und der wachsenden Komplexität der Chromatik wurden Akzidentien zu einem festen Bestandteil der musikalischen Schrift.
| Epoche / Kontext | Zeichen und Praxis | Bedeutung für Akzidentien |
|---|---|---|
| Mittelalterliche Hexachordlehre | Unterscheidung von b molle und b durum. | Grundlage der späteren Zeichenentwicklung aus rundem und eckigem b. |
| Musica recta | Reguläre, systematisch zulässige Tonordnung. | Bildet den diatonischen Rahmen, gegen den Alterationen hervortreten. |
| Musica ficta | Nicht immer notierte, aber aus Satzregeln ergänzte Alterationen. | Zeigt, dass Notenschrift und Aufführungspraxis nicht deckungsgleich waren. |
| Renaissance-Polyphonie | Explizite und implizite Akzidentien neben modaler Satzlogik. | Editorische Entscheidungen sind für heutige Aufführungen besonders wichtig. |
| Barock | Zunehmend stabilere Akzidentienpraxis in Takt, Tonart und Generalbass. | Chromatik und funktionale Harmonik werden notationspraktisch differenzierter. |
| Klassik und Romantik | Normierte Vorzeichnungen, Taktgeltung, Doppelzeichen, enharmonische Modulationen. | Akzidentien werden zum zentralen Mittel tonaler Erweiterung. |
| 20. und 21. Jahrhundert | Note-für-Note-Akzidentien, atonale Systeme, mikrotonale Zeichen, SMuFL- und Unicode-Standardisierung. | Das Zeichenrepertoire erweitert sich über den Halbton hinaus. |
Mikrotonale und erweiterte Akzidentien
Die klassischen Akzidentien setzen in der Regel eine Halbtonordnung voraus. In der mikrotonalen Musik reicht dieses System nicht aus. Komponistinnen und Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts entwickelten deshalb Zeichen für Vierteltöne, Dritteltöne, Sechsteltöne, syntonische Kommata, spektrale Tonhöhen, arabische, türkische, persische oder andere nicht gleichstufige Intervallordnungen. Solche Zeichen gehören im weiteren Sinn ebenfalls zur Familie der Akzidentien.
Die Notation mikrotonaler Akzidentien ist weniger einheitlich als die klassische Kreuz-Be-Notation. Es gibt Systeme mit halbem Kreuz, umgekehrtem Be, Pfeilzeichen, kombinierten Zeichen, Helmholtz-Ellis-Notation, Sagittal-Zeichen und speziellen nationalen oder kompositorischen Konventionen. Moderne Notensatzstandards wie SMuFL und digitale Formate wie MusicXML tragen dazu bei, diese Zeichen technisch eindeutig zu kodieren und austauschbar zu machen.
Mikrotonale Akzidentien verändern auch das Verständnis von Enharmonik. Während Cis und Des im gleichstufig temperierten Klavier gleich klingen können, unterscheiden sich ähnliche Schreibweisen in mikrotonalen Systemen häufig tatsächlich in der Tonhöhe. Das Akzidens wird dann nicht nur analytisches Zeichen, sondern exakter Tonhöhenoperator.
| Zeichentyp | Funktion | Kontext | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Vierteltonkreuz | Erhöht um einen Viertelton. | Moderne und zeitgenössische Musik. | Mehrere grafische Varianten sind gebräuchlich. |
| Vierteltonbe | Erniedrigt um einen Viertelton. | Mikrotonale Komposition und außereuropäische Transkription. | Die genaue Wirkung hängt vom Tonsystem ab. |
| Dreivierteltonzeichen | Verändert um drei Vierteltöne. | Arabische, türkische, persische und experimentelle Notation. | Oft mit modifizierten Kreuz- oder Be-Zeichen notiert. |
| Pfeil-Akzidentien | Zeigen leichte Erhöhung oder Erniedrigung an. | Intonationshinweise, spektrale Musik, moderne Partituren. | Können relativ statt absolut gemeint sein. |
| Sori und Koron | Mikrotonale Erhöhung und Erniedrigung in iranischer beziehungsweise persischer Musiknotation. | Transkulturelle Notationssysteme. | In digitalen Standards als eigene Akzidentienwerte erfassbar. |
| SMuFL-Sonderzeichen | Standardisierte digitale Zeichen für zahlreiche Mikrointervalle. | Moderner Notensatz. | Erleichtert Austausch zwischen Programmen und Fonts. |
Aufführungspraxis, Satztechnik und Leseökonomie
Für Interpretinnen und Interpreten sind Akzidentien zunächst Lesezeichen. Sie bestimmen, welche Taste, Saite, Position oder Intonation zu wählen ist. In der Praxis sind sie aber mehr als bloße Bedienungsanweisungen. Sie geben Hinweise auf Richtung, Spannung, Zielton, harmonische Funktion und stilistische Färbung. Ein Leitton will anders gehört werden als eine bloße enharmonische Schreibvariante.
In der Satztechnik zeigen Akzidentien oft den Gang der Stimmen. Ein chromatischer Durchgang, ein alterierter Dominantseptakkord, ein Neapolitaner, eine verminderte Septime, ein übermäßiger Sextakkord oder eine enharmonische Modulation sind ohne präzise Akzidentien kaum verständlich. Die Zeichen verraten, ob ein Ton steigt, fällt, leitet, ausweicht oder umgedeutet wird.
Für die Leseökonomie ist die richtige Menge an Akzidentien entscheidend. Zu wenige Zeichen führen zu Unsicherheit, zu viele Zeichen können den Notentext überladen. Gute Notation setzt dort Vorsichtsakzidentien, wo Irrtum wahrscheinlich ist, vermeidet aber überflüssige Wiederholungen. In atonaler Musik kann dagegen die Regel „jede Note erhält ihr eigenes Zeichen“ sinnvoll sein, weil keine stabile Tonart mehr vorausgesetzt werden kann.
| Praxisfeld | Bedeutung der Akzidentien | Typischer Fehler | Hilfsmittel |
|---|---|---|---|
| Instrumentalspiel | Bestimmt Griff, Taste, Position, Saite oder Klappenwahl. | Weitergeltung im Takt wird übersehen. | Bewusstes Lesen nach Takt und Oktavlage. |
| Gesang | Bestimmt Intonationsrichtung und chromatische Spannung. | Akzidens wird mechanisch statt funktional intoniert. | Harmonische Einordnung und Solmisation. |
| Klavier | Setzt sichtbare Unterscheidung zwischen enharmonisch gleichen Tasten. | Cis und Des werden theoretisch gleichgesetzt. | Analyse der Harmonik und Stimmführung. |
| Streicher | Erlaubt differenzierte Intonation jenseits gleichstufiger Tastenlogik. | Leitton und enharmonischer Ton werden identisch intoniert. | Funktionales Hören und Ensembleabstimmung. |
| Chor | Akzidentien zeigen Ficta, Leittöne und modale Abweichungen. | Editorische Zeichen werden mit Quellenzeichen verwechselt. | Kritischer Bericht und Stilkenntnis. |
| Notensatz | Akzidentien müssen lesbar, eindeutig und nicht überladen gesetzt sein. | Zu wenig Vorsichtszeichen oder falsche oktavische Geltung. | Moderne Notationsregeln und sorgfältige Korrektur. |
Kulturüberblick: Akzidentien als Zeichen musikalischer Ordnung
Akzidentien sind kleine Zeichen, aber sie greifen tief in die Kulturgeschichte der Musik ein. Sie markieren den Punkt, an dem eine diatonische Ordnung überschritten, verändert oder bestätigt wird. In ihnen wird sichtbar, dass Musikschrift nicht nur Tonhöhen abbildet, sondern musikalische Beziehungen deutet. Ein Kreuz ist nicht nur eine Erhöhung; es kann ein Leitton, eine Modulation, eine Dissonanzspannung, eine chromatische Färbung oder eine entfernte Tonart ankündigen.
Im Mittelalter stehen Akzidentien im Umfeld von Ordnung und Ausnahme. Die reguläre Tonordnung, die musica recta, wird durch musica ficta ergänzt, wenn musikalische Praxis und satztechnische Notwendigkeit dies verlangen. Das Akzidens zeigt daher schon früh eine Spannung zwischen Regel und musikalischer Realität. Nicht alles, was gesungen wurde, stand ausdrücklich in der Quelle. Die Musiker mussten wissen, wann eine Alteration stilistisch geboten war.
In der Tonalität der Neuzeit wurden Akzidentien zu Zeichen funktionaler Bewegung. Sie ermöglichen Dominanten, Zwischendominanten, chromatische Bassgänge, verminderte Akkorde, übermäßige Sextakkorde und enharmonische Modulationen. Die romantische Harmonik wäre ohne fein differenzierte Akzidentien nicht lesbar. Bei Wagner, Liszt, Chopin, Schumann oder Reger kann ein einzelnes Zeichen den Eintritt in einen neuen harmonischen Raum bedeuten.
In der Moderne verändert sich die Funktion erneut. Wenn die Tonart nicht mehr zentral organisiert, werden Akzidentien zu allgemeinen Tonhöhenmarkierungen. In atonaler oder serieller Musik kann jede Note ihr eigenes Zeichen benötigen. In mikrotonaler Musik müssen Akzidentien sogar die Grenzen des Halbtons überschreiten. Damit wird aus dem alten Zeichen der diatonischen Ausnahme ein Instrument der neuen Tonsysteme.
Akzidentien zeigen somit die Geschichte musikalischer Denkweisen: vom Hexachord zur Tonart, von der Tonart zur Chromatik, von der Chromatik zur Atonalität, von der Halbtonordnung zur Mikrotonalität. Sie sind ein Beispiel dafür, wie ein kleines Schriftzeichen ein ganzes Tonsystem sichtbar machen kann.
Quellen-, Norm- und Anwendungsübersicht
Für einen Notationsbegriff ersetzt ein Quellen- und Anwendungsverzeichnis das klassische Werkverzeichnis. Die folgende Übersicht erfasst die wichtigsten Sachfelder, in denen Akzidentien systematisch behandelt werden: Musiktheorie, Notationslehre, historische Notation, digitale Kodierung, Mikrotonalität und Editionspraxis.
| Bereich | Gegenstand | Bedeutung für Akzidentien |
|---|---|---|
| Elementare Musiktheorie | Kreuz, Be, Auflösungszeichen, Doppelzeichen, Halbtonschritte. | Grundlage für Lektüre, Unterricht und praktische Anwendung. |
| Harmonielehre | Alterationen, Leittöne, Zwischendominanten, enharmonische Umdeutungen. | Akzidentien werden als Funktionszeichen der Harmonik verstanden. |
| Kontrapunkt | Musica ficta, Dissonanzbehandlung, melodische Korrektur. | Akzidentien erscheinen als satztechnische Notwendigkeit. |
| Historische Notation | b molle, b durum, Mensuralnotation, Renaissance-Handschriften. | Moderne Regeln dürfen nicht unkritisch auf ältere Quellen übertragen werden. |
| Editionstechnik | Quellenzeichen, Herausgeberzeichen, Klammern, kritischer Bericht. | Akzidentien können Teil editorischer Entscheidung sein. |
| Notensatz | Platzierung, Kollisionen, Vorsichtszeichen, Akkorde, Stimmen. | Akzidentien müssen visuell eindeutig und lesbar gesetzt werden. |
| Digitale Kodierung | Unicode, SMuFL, MusicXML, Notensatzsoftware. | Akzidentien werden als standardisierte digitale Zeichen und Werte erfasst. |
| Mikrotonalität | Vierteltöne, Pfeilzeichen, Sori, Koron, Sagittal, Helmholtz-Ellis. | Der Begriff erweitert sich über das klassische Halbtonsystem hinaus. |
| Standard / Kontext | Relevanz | Beispielhafte Anwendung |
|---|---|---|
| Unicode | Kodiert zentrale musikalische Symbole wie Kreuz, Be, Auflösungszeichen, Doppelkreuz und Doppelbe. | Darstellung in HTML, digitalen Texten und Fonts. |
| SMuFL | Standard Music Font Layout für professionelle Musikfonts. | Erweiterte Akzidentien, Mikrotonalzeichen, historische Zeichen. |
| MusicXML | Austauschformat für Musiknotation. | Akzidentien werden als Werte wie sharp, flat, natural, double-sharp, quarter-sharp oder other erfasst. |
| MEI | Music Encoding Initiative für wissenschaftliche Musikcodierung. | Besonders nützlich für kritische Editionen und historische Quellen. |
| Notensatzprogramme | Sibelius, Finale, Dorico, MuseScore und andere setzen Akzidentien nach Regeln und Stilvorgaben. | Automatische Vorsichtszeichen, Stimmenlogik, Kollisionen, Mikrotonalität. |
Sekundärliteratur
Die Literatur zu Akzidentien verteilt sich auf allgemeine Musiklehre, Harmonielehre, Notationskunde, historische Musiktheorie, Musica-ficta-Forschung, Editionsphilologie, moderne Notationslehre und digitale Notationsstandards. Besonders wichtig sind Werke, die nicht nur die Zeichen erklären, sondern ihre satztechnische, historische und editorische Funktion behandeln.
| Autor / Quelle | Titel / Gegenstand | Nutzen für den Eintrag |
|---|---|---|
| Willi Apel | Harvard Dictionary of Music und Arbeiten zur Notationsgeschichte | Grundlegend für historische Terminologie, b molle, b durum, mittelalterliche und Renaissance-Notation. |
| Willi Apel | The Notation of Polyphonic Music, 900–1600 | Wichtige Quelle zur Mensuralnotation und zur historischen Praxis von Alterationen. |
| Elaine Gould | Behind Bars: The Definitive Guide to Music Notation | Moderne Standardquelle zu Notensatz, Lesbarkeit, Vorsichtsakzidentien und praktischer Notation. |
| Kurt Stone | Music Notation in the Twentieth Century | Wichtig für moderne, atonale und erweiterte Akzidentienpraxis. |
| Gardner Read | Music Notation: A Manual of Modern Practice | Praxisbezogene Darstellung moderner Notationsregeln. |
| Karol Berger | Musica Ficta: Theories of Accidental Inflections in Vocal Polyphony from Marchetto da Padova to Gioseffo Zarlino | Zentrale Studie zur Theorie und Praxis nicht notierter beziehungsweise ergänzter Alterationen. |
| Margaret Bent | Studien zu musica recta und musica ficta | Wichtig für das Verhältnis von Quelle, Theorie und Aufführung in der mittelalterlichen und Renaissance-Polyphonie. |
| Don Michael Randel | The Harvard Dictionary of Music, neuere Auflagen | Lexikalischer Zugang zu Akzidentien, Tonart, Notation und verwandten Begriffen. |
| The New Grove Dictionary of Music and Musicians | Artikel zu accidentals, notation, musica ficta, temperament und microtonality | Fachlexikalischer Rahmen für terminologische und historische Präzision. |
| Music Encoding Initiative und MusicXML-Dokumentation | Digitale Kodierung musikalischer Zeichen | Relevant für moderne digitale Notation, Austauschformate und Sonderakzidentien. |
| Ben Johnston, Alois Hába und mikrotonale Theoretiker | Erweiterte Tonsysteme und Notationsmodelle | Kontext für Viertelton-, Just-Intonation- und mikrotonale Akzidentien. |
Onlinequellen und Recherchewege
Die folgenden Onlinequellen eignen sich zur weiteren Recherche über Akzidentien, Standardnotation, historische Notation, Musica ficta, digitale Kodierung und mikrotonale Zeichen. Für fachliche Recherche sollten die deutschen und internationalen Begriffe kombiniert werden: Akzidentien, Versetzungszeichen, accidentals, musica ficta, b molle, b durum, accidental-value MusicXML und microtonal accidentals.
| Quelle | Adresse | Nutzen |
|---|---|---|
| Encyclopaedia Britannica: Accidental | https://www.britannica.com/art/accidental | Kompakte lexikalische Definition von accidental, sharp, flat, natural, double sharp und double flat. |
| Open Music Theory / University of Puget Sound: Accidentals | https://musictheory.pugetsound.edu/mt21c/Accidentals.html | Didaktisch klare Einführung in die fünf Standardakzidentien und ihre Halbtonwirkung. |
| MusicXML 4.0: accidental-value | https://www.w3.org/2021/06/musicxml40/musicxml-reference/data-types/accidental-value/ | Technische Referenz für digitale Akzidentienwerte, darunter klassische und mikrotonale Zeichen. |
| Music21: pitch.Accidental | https://music21.org/music21docs/moduleReference/modulePitch.html | Programmier- und Analysekontext für Akzidentien, Unicode-Zeichen und digitale Tonhöhenrepräsentation. |
| A-R Editions: A Brief Guide to Musica Ficta | https://www.areditions.com/blog/post/brief-guide-to-musica-ficta | Praxisnaher Einstieg in musica ficta und editorische Alterationszeichen in älterer Musik. |
| Digital Image Archive of Medieval Music | https://www.diamm.ac.uk/ | Rechercheweg zu mittelalterlichen und Renaissance-Handschriften, in denen historische Akzidentien und Ficta-Fragen auftreten. |
| Music Encoding Initiative | https://music-encoding.org/ | Standard für wissenschaftliche Musikcodierung, auch für Akzidentien in historischer und kritischer Edition. |
| SMuFL – Standard Music Font Layout | https://w3c.github.io/smufl/latest/ | Standardisierte Glyphenbereiche für Musikfonts, darunter zahlreiche klassische, historische und mikrotonale Akzidentien. |
| Unicode: Musical Symbols | https://www.unicode.org/charts/PDF/U1D100.pdf | Technische Grundlage für die digitale Darstellung von Doppelkreuz, Doppelbe und weiteren musikalischen Symbolen. |
| Wikipedia: Accidental | https://en.wikipedia.org/wiki/Accidental_(music) | Breiter Einstieg zu Standardgebrauch, Geschichte, Geltungsregeln und mikrotonalen Erweiterungen; quellenkritisch zu verwenden. |
| Wikipedia: Musica ficta | https://en.wikipedia.org/wiki/Musica_ficta | Erster Überblick zu mittelalterlicher und Renaissance-Praxis ergänzter Alterationen; quellenkritisch zu verwenden. |
| Wikisource: A Dictionary of Music and Musicians / Accidentals | https://en.wikisource.org/wiki/A_Dictionary_of_Music_and_Musicians/Accidentals | Historisches lexikalisches Material zu älterer Akzidentienauffassung, b quadratum und b rotundum. |
| Wikisource: A Dictionary of Music and Musicians / Notation | https://en.wikisource.org/wiki/A_Dictionary_of_Music_and_Musicians/Notation | Historisches Material zur Notationsgeschichte und zu frühen Zeichenformen. |
| RILM Abstracts of Music Literature | https://www.rilm.org/ | Fachbibliographischer Rechercheweg zu Akzidentien, Musiknotation, Musica ficta und mikrotonaler Notation. |
| JSTOR | https://www.jstor.org/ | Rechercheweg zu Aufsätzen über Musica ficta, Notationsgeschichte, Alteration und historische Tonsysteme. |
| Oxford Music Online | https://www.oxfordmusiconline.com/ | Fachlicher Rechercheweg zu Grove-Artikeln über accidentals, notation, musica ficta und microtonality. |
| WorldCat | https://search.worldcat.org/ | Internationaler Bibliothekskatalog für Notationslehren, Musiktheorie, Editionen und Forschungsliteratur. |
| Internet Archive | https://archive.org/ | Rechercheweg zu älteren Lexika, Harmonielehren, Notationslehren und Digitalisaten. |
| IMSLP | https://imslp.org/ | Partiturrecherche für praktische Beispiele von Akzidentien, Doppelalterationen, Vorsichtszeichen und historischer Notation. |
Kulturgeschichtliche Einordnung
Akzidentien gehören zu den Zeichen, an denen die Geschichte der europäischen Musiknotation besonders gut ablesbar ist. Sie zeigen, wie eine Schriftkultur mit Tonhöhen umgeht, die nicht selbstverständlich in der diatonischen Grundordnung enthalten sind. Das Be, das Kreuz und das Auflösungszeichen sind daher nicht nur technische Markierungen, sondern Zeichen einer musikalischen Denkbewegung: Ein Ton wird verändert, gerichtet, zurückgenommen oder umgedeutet.
Im Mittelalter waren solche Veränderungen eng mit der Frage verbunden, welche Töne im System legitim waren und welche aus der Praxis ergänzt werden mussten. In der Renaissance wurden Akzidentien zu einem Problem der Edition und Aufführung, weil nicht jede notwendige Alteration notiert war. In der Dur-Moll-Tonalität wurden sie zu Trägern harmonischer Funktion. In der Romantik eröffneten sie entfernte Tonräume und enharmonische Übergänge. In der Moderne wurden sie zu allgemeinen Tonhöhenoperatoren, die auch außerhalb tonaler Zentren bestehen können.
Ihre kulturelle Bedeutung liegt also darin, dass sie Regel und Abweichung gleichzeitig sichtbar machen. Ein Akzidens markiert nicht nur eine Note, sondern ein Verhältnis: zwischen Diatonik und Chromatik, zwischen Schrift und Klang, zwischen System und Ausdruck, zwischen historischer Quelle und moderner Lesart. Gerade deshalb sind Akzidentien für Analyse, Aufführung, Edition, Komposition und digitale Musikcodierung gleichermaßen wichtig.
Die kleine grafische Form hat große Folgen. Ein einzelnes Kreuz kann einen Leitton erzeugen; ein Be kann eine modale Farbe öffnen; ein Auflösungszeichen kann eine Tonartvorzeichnung suspendieren; ein Doppelkreuz kann die korrekte Struktur eines entlegenen Akkords sichern; ein mikrotonales Zeichen kann ein ganz neues Tonsystem betreten. Akzidentien sind daher elementare Zeichen musikalischer Kultur.
Weiterführende Einträge
- Alteration erklärt die chromatische Veränderung eines Tons, die durch Akzidentien sichtbar gemacht wird.
- Auflösungszeichen führt zum Zeichen, das Erhöhungen und Erniedrigungen zurücknimmt.
- b durum erschließt das harte b als historischen Ursprung von Auflösungszeichen und Kreuz.
- b molle stellt das weiche b dar, aus dem das heutige Be hervorging.
- Be erklärt das erniedrigende Akzidens und seine historische Herkunft aus dem runden b.
- Chromatik ordnet Akzidentien in die Bewegung außerhalb der diatonischen Grundordnung ein.
- Doppelbe führt zur doppelten Erniedrigung und ihrer harmonischen Schreiblogik.
- Doppelkreuz erklärt die doppelte Erhöhung und ihre Funktion in entfernten Tonarten und alterierten Akkorden.
- Enharmonik zeigt, warum gleich klingende Töne unterschiedlich geschrieben und gedeutet werden können.
- Falsche Beziehung verweist auf chromatische Stimmführungsprobleme, bei denen Akzidentien satztechnisch bedeutsam sind.
- Generalvorzeichen stellt die Tonartvorzeichnung als systematischen Gegensatz zum lokalen Akzidens dar.
- Halbton erklärt die intervallische Grundgröße der meisten klassischen Akzidentien.
- Harmonielehre ordnet Akzidentien in Tonart, Modulation, Akkordalteration und Funktionsanalyse ein.
- Hexachord führt zum mittelalterlichen Tonsystem, in dem b molle und b durum historisch verankert sind.
- Intonation zeigt, dass Akzidentien nicht nur schriftliche, sondern auch klangliche und stimmliche Bedeutung haben.
- Kreuz stellt das erhöhende Akzidens und seine Funktion in Chromatik und Tonalität dar.
- Leitton erklärt eine der wichtigsten Funktionen erhöhender Akzidentien.
- Mensuralnotation erschließt historische Notationsformen, in denen Akzidentien anders wirkten als in moderner Notation.
- Mikrotonalität führt zu erweiterten Akzidentien jenseits des Halbtons.
- Modulation zeigt, wie Akzidentien den Übergang in neue Tonarten vorbereiten oder anzeigen.
- Musica ficta erklärt die historische Praxis ergänzter oder nicht notierter Alterationen.
- Musica recta stellt die reguläre Tonordnung dar, von der ficta und Akzidentien abweichen können.
- Notation ordnet Akzidentien in das Gesamtsystem musikalischer Schrift ein.
- Notensatz führt zu den Regeln der grafischen Platzierung, Lesbarkeit und Vorsichtszeichen.
- Viertelton verweist auf mikrotonale Akzidentien und erweiterte Tonsysteme.
- Solmisation verbindet Akzidentien mit Hexachordlehre und mittelalterlicher Tonsystematik.
- Taktstrich erklärt die Grenze, an der lokale Akzidentien in moderner Notation meist enden.
- Temperierung zeigt, warum enharmonische Gleichheit vom Tonsystem abhängt.
- Tonart ordnet Akzidentien in Dur-Moll-Tonalität und Vorzeichnungssysteme ein.
- Tonartvorzeichnung stellt die dauerhafte Vorzeichnung einer Tonart dem lokalen Akzidens gegenüber.
- Versetzungszeichen führt zum deutschen Funktionsbegriff für Akzidentien.
- Vorzeichen klärt die mehrdeutige Verwendung zwischen Einzelakzidens und Tonartvorzeichnung.
- Vorsichtsakzidens erklärt erinnernde und klarstellende Zusatzzeichen im Notentext.