Kulturlexikon

Air

Air bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch des 17. Jahrhunderts, ähnlich wie Aria, ein unterhaltendes oder ernstes Vokalstück für eine oder mehrere Vokalstimmen. Der Begriff umfasst einfache singbare Melodien, höfische Sololieder, mehrstimmige Vokalstücke, Lieder mit Lauten- oder Generalbassbegleitung, Theaterlieder und später auch instrumental verstandene, liedhafte Sätze. Besonders wichtig sind das französische air de cour, das englische ayre oder lute song und der italienische Begriff aria, der im Verlauf des 17. Jahrhunderts immer stärker zu einer opern- und kantatenbezogenen Form wurde.

Kurzdaten

Lemma Air.
Weitere Formen Aria, ayre, ayr, air de cour, air sérieux, air à boire, air de ballet, air d’opéra.
Grundbedeutung Singbare Melodie, vokales oder instrumentales Stück, besonders ein Vokalstück für eine oder mehrere Stimmen.
Zeitlicher Schwerpunkt Spätes 16. Jahrhundert, 17. Jahrhundert und frühes 18. Jahrhundert; als allgemeiner Melodiebegriff bleibt air darüber hinaus in Gebrauch.
Zentrale Kulturregionen Frankreich, England, Italien und die von diesen Musiksprachen beeinflussten europäischen Hof-, Theater- und Liedkulturen.
Besonders wichtige Gattung Air de cour, also das französische höfische Lied der späten Renaissance und des frühen Barock, häufig für Solostimme mit Lautenbegleitung oder für mehrere Stimmen.
Besetzung Eine Singstimme mit Lauten-, Theorben-, Cembalo- oder Generalbassbegleitung; mehrere Vokalstimmen; gelegentlich instrumentale Ausführung oder rein instrumentaler Satz.
Sozialer Ort Hof, Salon, häusliche Musizierpraxis, Theater, Ballett, Oper, gedruckte Liedsammlung und musikalische Unterhaltungskultur.
Kulturgeschichtliche Bedeutung Das Air verbindet Melodie, Textverständlichkeit, höfische Geselligkeit, Affektausdruck und die Entwicklung des begleiteten Sologesangs im 17. Jahrhundert.

Begriff und Definition

Im engeren Sinn bezeichnet Air im 17. Jahrhundert ein singbares Vokalstück, das entweder ernst, galant, höfisch, unterhaltend, theatralisch oder geistlich gefärbt sein kann. Es kann für eine einzelne Singstimme, für mehrere Stimmen oder für Stimme mit Instrumentalbegleitung bestimmt sein. Der Begriff ist weiter als der spätere opernhistorische Begriff Arie. Während die Arie im 18. Jahrhundert häufig eine stärker ausgeformte, solistische Nummer innerhalb von Oper, Kantate oder Oratorium bezeichnet, kann Air im 17. Jahrhundert noch allgemein „Melodie“, „Lied“, „Weise“ oder „singbares Stück“ bedeuten.

Die französische Sprache bewahrt diese Weite besonders deutlich. Ein air ist eine Melodie, die gesungen werden kann; ein air d’opéra ist eine Opernnummer; ein air de cour ist ein höfisches Lied; ein air à boire ist ein Trinklied; ein air sérieux ist ein ernstes oder empfindsames Sololied. Im Englischen erscheint die verwandte Schreibung ayre vor allem in Lautenliedern der Zeit John Dowlands und Thomas Campions. Im Italienischen entwickelt sich aria stärker zu einem Begriff für eine melodisch selbständige Vokalnummer, zunächst noch flexibel, später zunehmend formalisiert.

Für das Kulturlexikon ist der Begriff deshalb nicht nur als musikalische Form, sondern als Knotenpunkt der europäischen Gesangskultur zu verstehen. Das Air zeigt, wie sich höfische Unterhaltung, Poesie, Affektausdruck, häusliche Musizierpraxis, Theater und frühe Oper miteinander verschränken.

Ausführlicher Kulturüberblick

Das Air gehört zu den zentralen, zugleich aber schwer eindeutig abzugrenzenden Begriffen der Musikgeschichte des 17. Jahrhunderts. Seine Stärke liegt gerade in seiner Beweglichkeit. Es bezeichnet nicht eine einzige starre Form, sondern eine musikalische Denkweise: den Vorrang der singbaren Linie, die Verständlichkeit des Textes, die Affektbindung der Melodie und die Fähigkeit, ein Stück so zu gestalten, dass es zwischen Hof, Theater, Kammer und Druckkultur zirkulieren kann.

Die Entstehung und Ausbreitung des Air hängt eng mit dem Übergang von der polyphonen Renaissancekultur zu den monodischen und akkordisch begleiteten Formen des Frühbarock zusammen. Während das Madrigal und die Chanson oft durch mehrstimmige Satzkunst geprägt waren, trat im Air die deutlich wahrnehmbare Melodie stärker hervor. Das bedeutete nicht, dass Mehrstimmigkeit verschwand. Viele frühe Airs konnten mehrstimmig erscheinen. Aber der kulturelle Akzent verschob sich: Der Text sollte unmittelbarer wirken, die Melodie sollte memorierbar sein, und der Vortrag sollte Affekte, Gesten und soziale Bedeutung klarer vermitteln.

In Frankreich wurde das air de cour zu einer maßgeblichen Form höfischer Geselligkeit. Es verband Poesie, Gesang, Lautenbegleitung und das Ideal kultivierter Zurückhaltung. Es war nicht nur Musik, sondern ein Zeichen höfischer Bildung. Wer solche Airs sang, bewegte sich in einer Welt der kontrollierten Affekte, der galanten Kommunikation und der stilisierten Liebesrede. Die französische Gesangskultur bevorzugte dabei oft Deutlichkeit, Prosodie und eine differenzierte Beziehung zwischen Wort und Klang.

In England bildete das ayre oder Lautenlied eine verwandte, aber eigene Tradition. John Dowlands First Booke of Songs or Ayres von 1597 wurde zum Ausgangspunkt einer bedeutenden englischen Liedkultur, in der Melancholie, höfische Liebe, poetische Kunst und häusliche Musizierpraxis zusammentrafen. Das englische Ayre war häufig so gedruckt, dass es entweder von einer Solostimme mit Laute oder von mehreren Stimmen musiziert werden konnte. Diese Druckform zeigt, wie flexibel das Air zwischen privater Kammermusik und geselliger Mehrstimmigkeit stand.

In Italien entwickelte sich parallel die Aria. Sie war zunächst ebenfalls kein festes Formschema, sondern konnte eine singbare Weise, ein strophisches Stück, einen Tanzsatz oder eine vokale Nummer bezeichnen. Erst im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts wurde sie stärker mit Oper, Kantate, Oratorium und solistischer Virtuosität verbunden. Die spätere Da-capo-Arie ist also nicht der Ursprung des Air-Begriffs, sondern eine spätere Spezialisierung innerhalb einer viel weiteren vokalen und melodischen Kultur.

Kulturgeschichtlich ist das Air besonders wichtig, weil es zwischen Alltag und Kunst steht. Es kann höfisch raffiniert sein, aber auch unterhaltend; es kann dramatisch wirken, aber auch häuslich; es kann poetisch anspruchsvoll sein, aber zugleich leicht erinnerbar. Damit gehört es zu jenen Formen, in denen sich die Musik des 17. Jahrhunderts von der gelehrten Mehrstimmigkeit in Richtung auf eine stärker text-, affekt- und melodieorientierte Öffentlichkeit bewegt.

Sprach- und Begriffsgeschichte

Der Begriff air hängt etymologisch mit dem italienischen aria zusammen, das wiederum auf die ältere Vorstellung von Luft, Weise, Art, Haltung und melodischer Bewegung verweist. Die musikalische Bedeutung entwickelt sich aus dieser Mehrdeutigkeit. Eine aria oder ein air kann zunächst eine Art des Singens oder Spielens meinen, dann eine erkennbare Melodie, schließlich ein konkretes Stück.

Im Französischen bleibt die Nähe zum allgemeinen Melodiebegriff besonders stark. Ein air kann eine vokale oder instrumentale Melodie sein, besonders eine solche, die gesungen werden kann. Daraus erklären sich Wendungen wie air d’opéra, air de ballet, air sérieux oder air à boire. Das Wort benennt also nicht nur die musikalische Struktur, sondern auch den sozialen Gebrauch des Stücks.

Im Deutschen erscheint das Wort in historischen Kontexten meist als Fremdwort oder in Übersetzungsnähe zu Arie, Weise, Lied oder Melodie. In der deutschen Barockterminologie kann Aria sehr unterschiedliche Dinge bezeichnen: eine Gesangsnummer, einen strophischen Satz, einen instrumentalen Variationsgrund, eine liedhafte Bewegung oder ein affektbestimmtes Stück. Der berühmte Beginn von Bachs Goldberg-Variationen mit einer Aria zeigt, dass der Begriff auch instrumental verwendet werden konnte.

Das französische Air de cour

Das air de cour ist die wichtigste französische Ausprägung des Begriffs. Es entstand im späten 16. Jahrhundert und blieb bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts von großer Bedeutung. Ursprünglich steht es in Verbindung mit der weltlichen Chanson, mit Lautenbearbeitungen, mit höfischer Poesie und mit der gedruckten Musikproduktion. Besonders wichtig ist die Sammlung Airs de cour miz sur le luth, die Adrian Le Roy 1571 veröffentlichte. Von hier aus wurde der Begriff air de cour zu einer festen Bezeichnung für ein höfisches Liedrepertoire.

Das air de cour konnte unterschiedliche Besetzungen annehmen. Es begegnet als Sololied mit Laute, als mehrstimmiger Satz, als Stück mit optionaler Begleitung oder später als Gesang mit Generalbass. Inhaltlich dominieren Liebe, Klage, galante Kommunikation, Naturbilder, höfische Verfeinerung, seelische Bewegung und kontrollierter Affektausdruck. Dabei ist die Musik häufig nicht auf dramatische Expansion, sondern auf klare, elegante und textnahe Wirkung gerichtet.

Besonders im Umfeld Heinrichs IV. und Ludwigs XIII. wurde das air de cour zu einer repräsentativen Form der französischen Hofkultur. Es verbindet Musik, Sprache und soziale Haltung. Die Kunst bestand nicht nur darin, schön zu singen, sondern passend zu singen: mit Maß, mit klarem Text, mit guter Aussprache, mit stilvoller Zurückhaltung und mit Fähigkeit zur affektiven Nuance.

Das englische Ayre

Das englische ayre gehört zur Lautenliedkultur um 1600. John Dowlands First Booke of Songs or Ayres von 1597 wurde zu einem Schlüsselereignis dieser Tradition. Charakteristisch ist die Verbindung von poetischem Text, Solostimme und Lautenbegleitung, wobei viele Drucke so eingerichtet waren, dass sie auch mehrstimmig gesungen werden konnten. Diese doppelte Verwendbarkeit zeigt den sozialen Ort des Ayre: Es war für gebildete häusliche Praxis ebenso geeignet wie für höfische oder halböffentliche Musiziersituationen.

Das englische Ayre besitzt oft eine besondere Nähe zur Melancholie. Dowlands Lieder kultivieren Trauer, Sehnsucht, Nacht, Verlassenheit und Liebesschmerz in einer musikalisch klaren, aber emotional dichten Form. Thomas Campion verband als Dichter und Komponist die Kunst des Textes mit einer feinen melodischen Gestaltung. Anders als die spätere Opernarie zielt das Ayre nicht primär auf virtuose Schaustellung, sondern auf die Verbindung von Sprache, Affekt und intimer musikalischer Gestalt.

Aria, Air und italienische Monodie

Die italienische aria ist mit dem Air eng verwandt, aber ihre historische Entwicklung führt stärker in Richtung Oper, Kantate und solistischer Formbildung. Um 1600 war der Begriff noch breit. Er konnte eine Melodie, eine Art des Vortrags, einen strophischen Gesang oder einen instrumental gedachten Satz bezeichnen. Im Umfeld der Monodie, der frühen Oper und des Generalbasszeitalters gewann die Aria jedoch zunehmend Profil als eigenständiges vokales Stück.

Der Gegensatz zwischen Rezitativ und Aria wurde für die Operngeschichte entscheidend. Das Rezitativ näherte sich der sprachlichen Deklamation und trug die Handlung voran; die Aria hielt den Affekt fest, entfaltete eine Emotion, eine Haltung oder einen Zustand. Diese Unterscheidung war nicht von Anfang an starr, aber sie wurde im Verlauf des 17. Jahrhunderts immer wichtiger. Aus ihr entwickelte sich später die hochformalisierte Arienkultur des 18. Jahrhunderts.

Air, Oper und Theater

Im Theater bezeichnet air häufig eine Gesangsnummer, die aus dem dramatischen Zusammenhang herausgelöst werden kann oder in ihm einen besonderen Ausdruckspunkt bildet. In der französischen Oper, in der opéra-ballet-Tradition, im Ballett, in der pastoralen Szene und in der tragédie lyrique erscheinen Airs als Momente der Affektverdichtung, des Tanzbezugs oder der lyrischen Ruhe. Der Begriff bleibt dabei offener als die spätere italienische Arie.

Im 17. Jahrhundert ist die Grenze zwischen Lied, Tanz, Theaterszene und Opernnummer oft fließend. Ein Air konnte aus einem Ballett übernommen, im Druck verbreitet, im Salon gesungen oder auf der Bühne neu verwendet werden. Gerade diese Beweglichkeit machte es zu einem kulturellen Medium. Das Air war nicht nur Bestandteil eines Werks, sondern konnte selbständig zirkulieren und dadurch Publikum, Aufführungspraxis und Druckmarkt miteinander verbinden.

Instrumentales Air

Obwohl der Begriff ursprünglich stark mit Gesang verbunden ist, konnte air auch instrumental verwendet werden. In Tanzsuiten, Variationswerken, Lauten- und Cembaloliteratur bezeichnet er häufig einen liedhaften, melodisch geprägten Satz. Entscheidend ist dann nicht der gesungene Text, sondern der Eindruck einer singbaren Linie. Das instrumentale Air bewahrt also eine vokale Vorstellung im Instrumentalsatz.

Diese Verwendung zeigt, dass der Begriff weniger an eine Besetzung als an eine musikalische Qualität gebunden ist. Ein Air ist in diesem Sinn eine Weise, eine Melodie, ein gesanglich formulierter Gedanke. Auch wenn keine Stimme beteiligt ist, kann der Satz vokal gedacht erscheinen. Die späteren Begriffe cantabile, melodischer Satz oder liedhafter Charakter greifen ähnliche Wahrnehmungen auf.

Werk- und Formenverzeichnis

Da Air kein Personenlemma und kein einzelnes Œuvre bezeichnet, kann es kein Werkverzeichnis im Sinn eines Komponistenkatalogs geben. Das folgende Verzeichnis ist deshalb als systematisches Werk-, Formen- und Quellenverzeichnis angelegt. Es nennt die wichtigsten Ausprägungen des Begriffs, zentrale historische Sammlungen und repräsentative Komponisten- und Druckkontexte.

Grundformen des Air

Air als Melodie Allgemeine Bezeichnung für eine singbare Weise, also eine vokale oder instrumentale Melodie, die als zusammenhängende musikalische Linie wahrgenommen wird.
Air als Sololied Stück für eine Singstimme mit Lauten-, Theorben-, Cembalo-, Orgel- oder Generalbassbegleitung.
Air als mehrstimmiges Lied Stück für mehrere Vokalstimmen, häufig aus einer höfischen oder geselligen Liedtradition hervorgegangen.
Air de cour Französisches höfisches Lied des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts, besonders wichtig für die französische Frühbarockkultur.
Air sérieux Ernstes französisches Lied, oft mit empfindsamem, galantem oder moralisch-affektivem Text.
Air à boire Französisches Trinklied, häufig gesellig, unterhaltend und auf gemeinsame Aufführung bezogen.
Air de ballet Gesangs- oder Instrumentalstück im Zusammenhang von höfischem Ballett, Tanzszene und repräsentativer Festkultur.
Air d’opéra Opernnummer oder gesungener Abschnitt innerhalb eines Bühnenwerks, im Französischen oft offener gefasst als die italienische Arie.
Ayre Englische Schreibform, besonders für das Lautenlied um 1600, etwa bei John Dowland, Thomas Campion, Philip Rosseter und Robert Jones.
Instrumentales Air Liedhafter instrumentaler Satz, besonders in Suiten, Variationen, Lauten-, Cembalo- und später Orchesterliteratur.

Zentrale französische Sammlungen und Druckkontexte

1571 Adrian Le Roy: Airs de cour miz sur le luth, frühe und begriffsprägende Sammlung für Stimme und Laute.
Spätes 16. Jahrhundert Mehrstimmige französische Airs im Umfeld von Chanson, Lautenbearbeitung und höfischer Gesangspraxis.
1608 ff. Ballard-Drucke mit Airs de cour, die das Repertoire stark verbreiteten und den Begriff in der französischen Druckkultur festigten.
Pierre Guédron Zentraler Komponist französischer Airs de cour und wichtiger Vertreter der höfischen Vokalkultur unter Heinrich IV. und Ludwig XIII.
Antoine Boësset Wichtiger Komponist des Air de cour, dessen Werke höfische Melodik, Textverständlichkeit und galante Affektdarstellung verbinden.
Étienne Moulinié Komponist von Airs de cour, Airs sérieux und geistlich gefärbten Vokalformen im französischen Frühbarock.
Michel Lambert Später Vertreter der französischen Air-Tradition, wichtig für die Verbindung von höfischem Gesang, Ornamentik und französischer Deklamation.
Jean-Baptiste Lully In Oper, Ballett und höfischer Repräsentation wichtiger Kontext für das Air als Theater- und Bühnenform.
Marc-Antoine Charpentier Komponist, bei dem Air, Récit, Motet, Theatermusik und französisch-italienische Stilelemente in vielfältige Beziehungen treten.

Zentrale englische Sammlungen und Komponisten des Ayre

1597 John Dowland: The First Booke of Songs or Ayres, Schlüsselpublikation des englischen Lautenliedes.
1600 John Dowland: The Second Booke of Songs or Ayres, Fortsetzung der erfolgreichen Drucktradition.
1603 John Dowland: The Third and Last Booke of Songs or Aires, weiterer Kernbestand des englischen Ayre-Repertoires.
1612 John Dowland: A Pilgrimes Solace, spätes Beispiel seiner Liedkunst.
1601 Thomas Morley: The First Booke of Ayres, Verbindung von englischer Liedkunst, Satztechnik und häuslicher Aufführungspraxis.
1601 Robert Jones: The First Booke of Songes and Ayres, Beginn einer Reihe englischer Ayre-Drucke.
1601 Philip Rosseter und Thomas Campion: A Booke of Ayres, wichtige Sammlung des englischen Lautenliedes.
1607 Thomas Campion: Two Bookes of Ayres, exemplarische Verbindung von dichterischer und musikalischer Autorschaft.
1617 Thomas Campion: The Third and Fourth Booke of Ayres, spätere Ausprägung der englischen Ayre-Kultur.
Henry Purcell Spätere englische Theater- und Liedkultur, in der der Begriff air für Gesangsnummern, Bühnenlieder und selbständig zirkulierende Melodien wichtig blieb.

Italienische Aria und europäische Formbildung

Frühe Monodie Strophische oder deklamatorisch geprägte Solostücke um 1600, bei denen die Beziehung von Text, Affekt und Generalbassbegleitung im Vordergrund steht.
Giulio Caccini Repräsentativer Komponist der frühen begleiteten Solostimme, dessen Werke für die Entstehung einer neuen Vokalkultur um 1600 wesentlich sind.
Claudio Monteverdi Zentrale Gestalt der frühen Oper und des Übergangs von Madrigal, Monodie, Rezitativ und Aria zu dramatisch wirksamen Formen.
Francesca Caccini Komponistin und Sängerin, deren Bühnen- und Vokalmusik die höfische und theatrale Aria-Kultur des frühen 17. Jahrhunderts berührt.
Barbara Strozzi Komponistin von Kantaten, Arien und vokalen Kammerwerken, wichtig für die Ausprägung affektstarker Solovokalmusik.
Opernarie Im 17. Jahrhundert zunehmend selbständige vokale Nummer innerhalb der Oper, später im 18. Jahrhundert oft formalisiert als Da-capo-Arie.
Kantatenarie Solistische Aria innerhalb der italienischen Kammerkantate, häufig in Wechselbeziehung mit Rezitativen.
Oratorienarie Geistlich oder dramatisch geprägte Aria innerhalb des Oratoriums, besonders im späten 17. und 18. Jahrhundert wichtig.

Instrumentale und spätere Bedeutungen

Aria in Variationswerken Liedhaftes Thema, das als Grundlage von Variationen dient, etwa in späteren barocken oder klassischen Instrumentalwerken.
Air in der Suite Instrumentaler Satz mit gesanglichem Charakter, oft zwischen Tanzsatz, Melodie und frei geformtem Charakterstück angesiedelt.
Air als Volksweise In späterer Terminologie kann air auch eine bekannte Melodie, Volksweise oder nationale Weise bezeichnen.
Air als Opernnummer Im Französischen bleibt air für die einzelne Gesangsnummer der Oper gebräuchlich, ohne den Begriff vollständig auf die italienische Aria zu verengen.
Air als populäre Melodie Allgemeiner Gebrauch für eine leicht erinnerbare Weise, die unabhängig von ihrer ursprünglichen Gattung wiedererkannt werden kann.

Rezeption und kulturgeschichtliche Bedeutung

Die moderne Rezeption des Air ist durch eine doppelte Perspektive geprägt. Einerseits erscheint der Begriff in Musiklexika als allgemeine Bezeichnung für Melodie oder singbares Stück. Andererseits ist er für die Spezialforschung ein Schlüsselbegriff der Vokal- und Hofkultur des 17. Jahrhunderts. Wer das Air untersucht, untersucht zugleich Fragen der Textvertonung, der höfischen Geselligkeit, der Druckgeschichte, der Aufführungspraxis und des europäischen Austauschs zwischen Frankreich, England und Italien.

Besonders das französische air de cour ist in den letzten Jahrzehnten wieder stärker beachtet worden. Ensembles für Alte Musik, Forschungsprojekte und digitale Quelleneditionen haben gezeigt, dass diese Lieder nicht bloß Nebenprodukte der großen Operngeschichte sind. Sie bilden eine eigenständige Kultur des Singens, in der Sprache, Affekt, Ornamentik und soziale Haltung zusammenwirken.

Auch das englische Ayre wurde durch die Wiederentdeckung der Lautenliedtradition neu bewertet. Dowland, Campion und ihre Zeitgenossen zeigen eine Liedkunst, die sich weder mit Volkslied noch mit Opernarie deckt. Sie ist intim, drucktechnisch raffiniert, poetisch anspruchsvoll und aufführungspraktisch flexibel. Darin liegt ihre besondere Stellung zwischen Literatur, Musik und häuslicher Kultur.

Für die Operngeschichte bleibt der Begriff wichtig, weil er die spätere Spezialisierung der Arie vorbereitet. Die Arie des 18. Jahrhunderts entsteht nicht aus dem Nichts, sondern aus einem älteren Feld von Air, Aria, Lied, Monodie, Tanzsatz und Theatergesang. Das Air ist somit ein Übergangsbegriff, an dem sich der Wandel von der Renaissance-Mehrstimmigkeit zur barocken Affekt- und Bühnenkultur besonders deutlich erkennen lässt.

Sekundärliteratur

  • Nigel Fortune, David Greer und Charles Dill: „Air“. In: Grove Music Online. Oxford Music Online.
  • Nigel Fortune: „Aria“. In: Grove Music Online. Oxford Music Online.
  • Georgie Durosoir: L’Air de cour en France 1571–1655. Mardaga, Liège.
  • Thomas Leconte: Les Airs de cour. Centre de musique baroque de Versailles, Versailles.
  • John H. Baron: Baroque Music. A Research and Information Guide. Routledge, New York und London.
  • Julie Anne Sadie: Companion to Baroque Music. University of California Press, Berkeley.
  • Tim Carter und John Butt: The Cambridge History of Seventeenth-Century Music. Cambridge University Press, Cambridge.
  • Anthony Lewis und Nigel Fortune: Opera and Church Music 1630–1750. Oxford University Press, Oxford.
  • Claude V. Palisca: Baroque Music. Prentice Hall, Englewood Cliffs.
  • Ellen Rosand: Opera in Seventeenth-Century Venice. The Creation of a Genre. University of California Press, Berkeley.
  • Lorenzo Bianconi: Music in the Seventeenth Century. Cambridge University Press, Cambridge.
  • Barbara Russano Hanning: Of Poetry and Music’s Power. Humanism and the Creation of Opera. UMI Research Press, Ann Arbor.
  • Edward Doughtie: Lyrics from English Airs, 1596–1622. Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts.
  • Diana Poulton: John Dowland. Faber and Faber, London.
  • David Greer: The Songs of John Dowland. Stainer & Bell, London.
  • Peter Walls: Music in the English Courtly Masque 1604–1640. Clarendon Press, Oxford.
  • Rebecca Herissone: Music Theory in Seventeenth-Century England. Oxford University Press, Oxford.
  • Lois Rosow: „French Baroque Recitative as an Expression of Tragic Declamation“. In: Early Music.
  • Graham Sadler: The Rameau Compendium. Boydell Press, Woodbridge.
  • James R. Anthony: French Baroque Music from Beaujoyeulx to Rameau. Amadeus Press, Portland.

Onlinequellen

Weiterführende Einträge

  • Aria Italienischer und internationaler Parallelbegriff zu Air, später besonders wichtig für Oper, Kantate und Oratorium.
  • Arie Deutschsprachige Form des Begriffs, besonders für solistische Gesangsnummern in Oper, Oratorium und Kantate.
  • Air de cour Französisches höfisches Lied der späten Renaissance und des frühen Barock.
  • Air sérieux Ernstes französisches Lied, das sich im 17. und frühen 18. Jahrhundert aus der Air-Tradition entwickelte.
  • Air à boire Geselliges französisches Trinklied und Gegenstück zu ernsteren Air-Formen.
  • Ayre Englische Schreibform und Gattung des Lautenliedes um 1600.
  • Lautenlied Vokalstück mit Lautenbegleitung, besonders wichtig in der englischen und französischen Musik um 1600.
  • Monodie Begleiteter Sologesang der Frühbarockzeit, entscheidend für die Entstehung von Aria, Rezitativ und Oper.
  • Generalbass Begleitpraxis des Barock, die viele Airs, Arias und frühbarocke Vokalstücke strukturell trägt.
  • Rezitativ Deklamatorische Gesangsform, die in Oper und Kantate oft dem Air oder der Arie gegenübertritt.
  • Kantate Vokalgattung, in der Arien und Air-ähnliche Stücke mit Rezitativen und Ensembles verbunden werden.
  • Oper Musiktheaterform, in der sich das Air zur solistischen Opernarie weiterentwickelte.
  • Opéra-comique Französische Bühnenform, in der Airs als Gesangsnummern und populäre Melodien eine wichtige Rolle spielten.
  • Tragédie lyrique Französische Operngattung, in der Air, Récit, Chöre, Tanz und Bühnenrepräsentation verbunden werden.
  • Ballet de cour Höfische Festform, aus der viele Airs und Airs de ballet hervorgingen.
  • Chanson Französische Liedtradition, aus der wichtige Vorformen des Air de cour hervorgingen.
  • Melodie Grundbegriff für die singbare Linie, die im Air besonders stark hervortritt.
  • Barockmusik Stilepoche, in der Air, Aria, Monodie, Generalbass und Oper zentrale Gattungs- und Klangformen bilden.
  • Affektenlehre Theorie und Praxis musikalischer Affektdarstellung, wichtig für den Ausdruckscharakter von Air und Aria.
  • Höfische Kultur Sozialer Rahmen für Air de cour, Ballett, höfisches Singen und galante Kommunikation.
  • Laute Zentrales Begleitinstrument vieler französischer Airs de cour und englischer Ayres.
  • Theorbe Bass- und Begleitinstrument der barocken Vokalmusik, besonders im französischen und italienischen Kontext.
  • John Dowland Englischer Komponist und Lautenist, dessen Songs or Ayres die englische Ayre-Kultur prägten.
  • Thomas Campion Englischer Dichter und Komponist von Ayres, wichtig für die Verbindung von Poesie und Lautenlied.
  • Pierre Guédron Französischer Komponist, zentral für die Geschichte des Air de cour.
  • Antoine Boësset Französischer Hofkomponist und bedeutender Vertreter des Air de cour.
  • Étienne Moulinié Komponist französischer Airs, der die Vielfalt von höfischer, ernster und geistlicher Vokalmusik zeigt.
  • Michel Lambert Französischer Sänger und Komponist, wichtig für die spätere Air-Tradition und die Kunst der vokalen Ornamentik.
  • Giulio Caccini Italienischer Komponist und Sänger, zentral für Monodie und frühe Aria-Kultur.
  • Claudio Monteverdi Komponist, bei dem Madrigal, Monodie, Oper, Rezitativ und Aria in einer neuen musikalischen Dramatik zusammenfinden.