Kulturlexikon
Aimeric de Peguilhan
Aimeric de Peguilhan (* ca. 1175 in Toulouse; † um 1225 in Italien) war ein okzitanischer Troubadour. Seine Dichtung gehört zur höfischen Liedkultur des späten 12. und frühen 13. Jahrhunderts und verbindet die Welt von Toulouse, die iberischen Höfe und die oberitalienischen Fürstenmilieus. In der Überlieferung erscheint er unter mehreren Namensformen, darunter Aimeric de Péguilhan, Aimeric de Peguillan und Aimeric de Pegulhan.
Kurzdaten
| Name | Aimeric de Peguilhan. |
|---|---|
| Weitere Namensformen | Aimeric de Péguilhan, Aimeric de Peguillan, Aimeric de Pegulhan, Aimeric de Peguilla, Aimery de Peguilhan. |
| Geboren | Ca. 1175 in Toulouse; einzelne Nachschlagewerke setzen die Geburt auch um 1170 an oder bringen den Namen mit Péguilhan bei Saint-Gaudens in Verbindung. |
| Gestorben | Um 1225 in Italien; in Teilen der Forschung wird auch eine Datierung um 1230 genannt. |
| Beruf | Troubadour, okzitanischer Lyriker, höfischer Sänger und Dichter im Umfeld südfranzösischer, spanischer und oberitalienischer Höfe. |
| Sprache | Altokzitanisch, also die literarische Sprache der Trobadors und der höfischen Liebeslyrik Südfrankreichs. |
| Gattungen | Canso, Tenso, Partimen, Sirventes, Planh, Descort und verwandte Formen der höfischen Lieddichtung. |
| Überliefertes Werk | Die Forschung nennt ungefähr fünfzig bis etwas über fünfzig erhaltene Texte; sechs Stücke sind mit Melodie überliefert. |
| Wichtige Höfe | Toulouse, Kastilien, Aragon, Montferrat, Este und Malaspina; außerdem ist Aimeric im weiteren Umfeld der staufischen Herrscher Heinrich VI. und Friedrich II. zu sehen. |
| Kulturgeschichtliche Bedeutung | Aimeric de Peguilhan steht für die Mobilität der okzitanischen Liedkultur zwischen Südfrankreich, Iberien und Italien sowie für die höfische Internationalisierung der Trobadordichtung um 1200. |
Ausführlicher Kulturüberblick
Aimeric de Peguilhan gehört zu jener Generation okzitanischer Troubadoure, deren Tätigkeit in eine Zeit politischer und kultureller Verschiebung fällt. Die südfranzösische Hofkultur, in der die Kunst der fin’amor, der formgerechten Liebesrede und der poetischen Rangordnung entstanden war, verlor durch Konflikte, Kreuzzugspolitik und dynastische Umbrüche ihre frühere Stabilität. Gleichzeitig verbreitete sich die okzitanische Liedsprache über ihre ursprünglichen Zentren hinaus. Aimeric ist ein besonders gutes Beispiel für diese Bewegung, weil sein Wirken nicht nur mit Toulouse, sondern auch mit Spanien und Oberitalien verbunden ist.
Die Troubadourdichtung war nicht bloß private Liebeslyrik. Sie war eine Kunst sozialer Kommunikation. Der Dichter trat vor einem höfischen Publikum auf, bewegte sich zwischen Patronage, Lob, Kritik, erotischer Fiktion, Rangspiel und poetischem Wettbewerb. Wer dichtete, musste die Erwartungen der höfischen Gesellschaft kennen: Maß, Anstand, Geheimhaltung, Dienst, Treue, Selbstbeherrschung und sprachliche Raffinesse. Aimerics Lieder entfalten diese höfische Semantik in vielfachen Variationen. Sie sprechen von Liebe, Begehrensmacht, Unbeständigkeit, Eifersucht, Wert, Ruhm, sozialer Gunst und der Fähigkeit des Dichters, im Medium des Liedes Ehre zu gewinnen.
Seine Bedeutung liegt weniger in einer einzelnen spektakulären Neuerung als in der Verknüpfung von Traditionsbewusstsein, technischer Gewandtheit und kultureller Mobilität. Aimeric übernimmt die großen Leitbegriffe der Trobadordichtung, bewegt sie aber durch verschiedene höfische Räume. In seinem Werk wird sichtbar, wie ein okzitanischer Sänger an französischen, iberischen und italienischen Höfen funktionieren konnte. Die Sprache der canso wurde dadurch zu einem transregionalen Kulturmedium, das nicht an eine einzige politische Landschaft gebunden blieb.
Aus kulturgeschichtlicher Sicht ist Aimeric besonders wichtig für die italienische Aufnahme der Troubadourdichtung. Oberitalien wurde im 13. Jahrhundert zu einem bedeutenden Ort okzitanischer Liedproduktion und -überlieferung. Die Höfe der Este, der Malaspina und der Markgrafen von Montferrat nahmen Dichter auf, die aus Südfrankreich kamen oder sich in der okzitanischen Kunstsprache bewegten. Diese Verlagerung bereitete indirekt auch jene literarischen Entwicklungen vor, aus denen später die italienische Liebeslyrik, der dolce stil novo und Dantes Auseinandersetzung mit den poetae vulgares hervorgingen.
Leben, Herkunft und Wanderung
Die biographischen Nachrichten zu Aimeric de Peguilhan stammen, wie bei vielen Troubadouren, nur teilweise aus unabhängig überprüfbaren historischen Quellen. Eine wichtige Rolle spielen die mittelalterlichen vidas, also kurze Prosabiographien der Troubadoure, die zwar wertvolle Hinweise enthalten, aber literarisch geformt sind und nicht ohne Prüfung als moderne Biographien gelesen werden dürfen. Nach der Überlieferung stammte Aimeric aus Toulouse und aus einem bürgerlichen oder kaufmännischen Umfeld; mehrere Quellen nennen einen Tuchhändler als Vater. Sein Name verweist zugleich auf Péguilhan bei Saint-Gaudens, sodass Herkunftsort, Familienname und literarische Zuschreibung nicht immer scharf getrennt werden können.
Seine erste dichterische Umgebung ist mit Toulouse verbunden. Dort wirkten Raimon V. und Raimon VI. als wichtige höfische Bezugsfiguren. In einer Stadt wie Toulouse war der Troubadour nicht nur Sänger, sondern Teil einer höfisch-urbanen Kultur, in der Adel, städtische Eliten, literarische Kunst und politische Repräsentation miteinander verschränkt waren. Die Verbindung von städtischer Herkunft und höfischer Kunst ist für Aimeric besonders charakteristisch, weil sie zeigt, dass die Trobadorkultur nicht allein aus einem engen adligen Milieu hervorging.
Die weitere Lebensbewegung führt Aimeric nach Spanien und Italien. Als wandernder Sänger war er auf Patronage, Empfehlungen und höfische Aufnahme angewiesen. In Spanien stehen besonders die Höfe Kastiliens und Aragons im Horizont; in Italien treten die Familien Este, Malaspina und Montferrat hervor. Diese Stationen markieren nicht nur eine persönliche Wanderbiographie, sondern auch die Ausbreitung der okzitanischen Lyrik in kulturell mehrsprachige Räume. Aimeric konnte in diesen Kontexten als Träger einer prestigevollen poetischen Sprache auftreten.
Seine letzten Lebensjahre werden gewöhnlich mit Italien verbunden. Die Datierung des Todes schwankt in der Forschung: Der hier angesetzte Zeitpunkt um 1225 folgt der vom Nutzer vorgegebenen Lexikonform; andere Nachweise setzen Aimeric ungefähr bis 1230 an. Diese Unsicherheit ist kein Randproblem, sondern typisch für mittelalterliche Dichterbiographien, in denen literarische Erinnerung, Handschriftenüberlieferung und spätere Gelehrsamkeit miteinander verflochten sind.
Kulturraum: Toulouse, Spanien und Italien
Aimeric de Peguilhan steht an einem kulturgeographischen Schnittpunkt. Toulouse war eines der Zentren südfranzösischer höfischer Kultur. Spanien bot durch die Höfe von Kastilien und Aragon weitere Resonanzräume für die okzitanische Liedkunst. Italien wiederum wurde im 13. Jahrhundert zu einem besonders aufnahmefähigen Gebiet für Troubadoure, weil oberitalienische Höfe okzitanische Dichtung als Zeichen literarischer Bildung, höfischer Eleganz und politischer Repräsentation verwendeten.
In diesem transregionalen Raum fungierte die okzitanische Sprache nicht einfach als Alltagssprache, sondern als Kunstsprache. Sie besaß Prestige. Sie konnte an Orten verstanden oder zumindest kulturell anerkannt werden, an denen sie nicht die lokale Volkssprache war. Für Aimeric bedeutete dies, dass er mit seinem poetischen Repertoire zwischen Räumen verkehren konnte, ohne seine dichterische Identität aufzugeben. Der Troubadour war ein mobiler Kulturträger.
Der italienische Kontext ist für Aimerics Nachwirkung besonders wichtig. In Oberitalien begegneten sich okzitanische Liedkunst, lateinische Bildung, lokale volkssprachliche Dichtung, staufische Herrschaftspolitik und höfische Repräsentation. Die Trobadors wurden dort nicht bloß nachgeahmt, sondern in neue literarische Systeme eingebaut. Aimeric gehört zu denjenigen Dichtern, deren Werke und Name zeigen, wie stark Italien an der Bewahrung und Transformation der okzitanischen Lyrik beteiligt war.
Poetik der höfischen Liebe
Die Poetik Aimerics ist im Kern höfisch. Sie kreist um fin’amor, um den Dienst an der Dame, um die Spannung zwischen Verlangen und Maß, zwischen heimlicher Bindung und öffentlicher Reputation. Seine Lieder arbeiten mit den klassischen Begriffen des Trobadorkosmos: Wert, Ehre, Treue, Gunst, Zurückweisung, Geduld, Klage, Hoffnung und poetische Selbstbehauptung. Dabei erscheint Liebe häufig als eine Macht, die den Sprecher zugleich erhöht und gefährdet.
Aimeric ist kein Dichter radikaler Dunkelheit wie die Vertreter des trobar clus, aber auch kein bloß einfacher Liedschreiber. Seine Kunst liegt in der kontrollierten Variation höfischer Situationen. Er kann das Liebesleid in argumentative Form bringen, eine Dame loben, eine Gegnerfigur angreifen, den eigenen Rang verteidigen oder die Begriffe der höfischen Ethik gegeneinander ausspielen. Gerade diese argumentative Beweglichkeit macht ihn für die literaturgeschichtliche Analyse interessant.
Seine überlieferten Melodien zeigen, dass er nicht nur als Textdichter, sondern auch als Liedkünstler zu verstehen ist. Bei den Troubadouren ist Dichtung ursprünglich nicht bloß Schrift, sondern gesungene und performative Kunst. Die erhaltenen Melodien sind deshalb besonders wertvoll, weil sie einen Eindruck von der musikalischen Seite dieser höfischen Lyrik geben. Die Mehrheit der Texte ist allerdings nur ohne Melodie überliefert, was die moderne Wahrnehmung stark auf den literarischen Text verschiebt.
Überlieferung, Handschriften und Melodien
Die Überlieferung Aimeric de Peguilhans ist handschriftlich, verstreut und philologisch kompliziert. Seine Lieder sind in verschiedenen Chansonniers erhalten, teils unter abweichenden Namensformen, teils mit unsicherer Zuschreibung, teils in Varianten. Moderne Editionen müssen daher Handschriften vergleichen, Lesarten prüfen, metrische Befunde beachten und entscheiden, welche Fassung als kritischer Text angesetzt werden kann.
Besonders wichtig ist die kritische Ausgabe The Poems of Aimeric de Peguilhan von William P. Shepard und Frank M. Chambers aus dem Jahr 1950. Sie bildet bis heute einen zentralen Bezugspunkt, weil sie das gesammelte Werk mit Einleitung, Übersetzung und Kommentar erschließt. Neuere digitale Repertorien wie RIALTO, der Atlante della Letteratura del Veneto Medievale und weitere Datenbanken haben einzelne Texte neu zugänglich gemacht, zeigen aber zugleich, dass nicht jede Zuschreibung und nicht jede Zählung völlig unproblematisch ist.
Die Zahl der Werke wird in der Forschung unterschiedlich angegeben. Häufig ist von ungefähr fünfzig erhaltenen Stücken die Rede; einzelne Quellen nennen 52, 53 oder 54 Texte. Die sechs mit Melodie überlieferten Lieder werden meist als besonders wichtiger Kern für die musikgeschichtliche Einordnung genannt. Diese schwankenden Zahlen erklären sich aus Zuschreibungsfragen, Doppelerfassungen, abweichenden Repertorien und der Frage, ob Dialoglieder, strittige Texte oder nur sicher zugeschriebene Stücke gezählt werden.
Werkverzeichnis
Das Werkverzeichnis ist nach dem gegenwärtig sinnvollsten lexikalischen Verfahren aufgebaut. Zuerst werden Umfang und Gattungsbild des Gesamtwerks genannt; anschließend folgen die mit Melodie überlieferten Stücke und die in digitalen wissenschaftlichen Repertorien besonders gut greifbaren Incipits. Ein vollständig kritisches Einzelverzeichnis aller strittigen und sicheren Zuschreibungen bleibt Aufgabe der Spezialeditionen, insbesondere von Shepard und Chambers sowie der neueren Repertorien. Für diese Kulturlexikonseite wird der Bestand bewusst transparent und quellenkritisch dargestellt.
Gesamtbestand und Gattungsgruppen
| Gesamtumfang | Ungefähr fünfzig bis etwas über fünfzig Texte; die Forschung nennt je nach Zählweise etwa 50, 52, 53 oder 54 Stücke. |
|---|---|
| Melodien | Sechs Lieder sind mit Melodie überliefert; dieser Befund macht Aimeric auch für die Musikgeschichte der Troubadoure wichtig. |
| Cansos | Der größte Teil des überlieferten Werks gehört zur höfischen Liebeskanzone, also zur canso im Zeichen von fin’amor, Dame, Dienst, Lob, Klage und poetischer Selbstbehauptung. |
| Dialogformen | Zum Werk gehören Tensos und Partimens, darunter Stücke mit Albertet de Sestaro und Sordello; diese Formen zeigen Aimeric als Dichter des argumentativen und wettstreitenden Sprechens. |
| Politisch-höfische Texte | Einige Texte berühren historische Personen, Fürsten, Höfe und Wertfragen der höfischen Gesellschaft; sie stehen zwischen Liebesdichtung, Sirventes und höfischer Repräsentation. |
| Klagelieder und Reflexionstexte | Zu Aimerics Œuvre gehören auch klagende, moralisierende oder selbstreflexive Texte, in denen Liebesleid, Wertverlust, Ruhm, Alter und die Macht der Dame thematisiert werden. |
Mit Melodie überlieferte Lieder
| BdT 10.12 | Atressi·m pren quom fai al joguador; mit Text und Melodie überliefertes Lied, dessen Eingang das Liebesverhältnis mit dem Risiko des Spiels vergleicht. |
|---|---|
| BdT 10.15 | Cel que s’irais ni guerrej’ ab amor; mit Text und Melodie überliefertes Lied über den Umgang mit Liebe, Zorn und innerem Widerstreit. |
| BdT 10.25 | En Amor trop alques en qe·m refraing; mit Text und Melodie überliefert, in der Forschung und modernen Einspielung besonders präsent. |
| BdT 10.27 | En greu pantais m’a tengut longamen; mit Text und Melodie überliefertes Lied, dessen Incipit die Last des Liebesdenkens betont. |
| BdT 10.41 | Per solatz d’autrui chant soven; in manchen Repertorien als Textlied und zugleich im Zusammenhang der Melodieüberlieferung diskutiert. |
| BdT 10.45 | Qui la vi en ditz; mit Melodie überliefertes Stück, in den Handschriften besonders durch die Verbindung von Text, Melodie und descort-artiger Form auffällig. |
Incipits und Einzeltitel des erschließbaren Werkbestands
| BdT 10.2 | Ades vol, de l’aondanssa; höfische canso mit breiter Handschriftenüberlieferung und Beatrice-Bezug in der Forschung. |
|---|---|
| BdT 10.3 | N’Albert, chauszetz al vostre sen; dialogisches Stück mit Albertet de Sestaro, in Repertorien auch mit dessen Werkzählung verbunden. |
| BdT 10.4 | A ley de fol camiador; Lied, das in der neueren Forschung einzeln kommentiert und ediert wurde. |
| BdT 10.7 | Amors, a vos mezeusa·m clam de vos; Lied über die Klage gegen Amor selbst, in der Forschung als frühes oder schwer datierbares Stück diskutiert. |
| BdT 10.7a | Anc al temps d’Artus ni d’ara; Tenso beziehungsweise Dialogstück mit Sordello, zugleich wichtig für die spätere Wahrnehmung Aimerics als alternder Liebesdichter. |
| BdT 10.8 | Anc mais de joy ni de chan; Lied, das in der Forschung mit Fragen nach Augen, Herz, Liebe und Datierung in Verbindung gebracht wird. |
| BdT 10.10 | Era par ben que Valors se desfai; Text über den Zerfall oder die Gefährdung höfischer Werte. |
| BdT 10.11 | Ara parra qual seran enveyos; Lied mit höfisch-sozialer Wertungsperspektive. |
| BdT 10.12 | Atressi·m pren quom fai al joguador; auch unter den melodisch überlieferten Liedern genannt. |
| BdT 10.14 | Car fui de dura acoindansa; Lied, das in der Forschung mit Liebeserfahrung und Iberienbezug in Zusammenhang gebracht wurde. |
| BdT 10.15 | Cel que s’irais ni guerrej’ ab amor; auch unter den melodisch überlieferten Liedern genannt. |
| BdT 10.16 | Chantar vuilh per qe ja·m platz; höfisches Lied, in RIALTO kritisch greifbar. |
| BdT 10.17 | D’aiso dont hom a longuamen; Lied über Rede, Ruhm, Wertung und die Gefahr widersprüchlicher Urteile. |
| BdT 10.25 | En Amor trop alques en qe·m refraing; auch unter den melodisch überlieferten Liedern genannt. |
| BdT 10.26 | En aquel temps que·l reis mori n’Anfos; historisch kontextualisierbarer Text mit Bezug auf den Tod eines Königs namens Alfons. |
| BdT 10.27 | En greu pantais m’a tengut longamen; auch unter den melodisch überlieferten Liedern genannt. |
| BdT 10.29 | Hom ditz que gaugz non es senes amor; Lied über die problematische Verbindung von Freude, Liebe und Schmerz. |
| BdT 10.30 | Ja no cujey que·m pogues oblidar; Text, der in neueren RIALTO-Zusammenhängen philologisch erschlossen ist. |
| BdT 10.33 | Longamens m’a trebaillat e malmes; Liebesklage über lange Belastung und innere Zerstörung. |
| BdT 10.34 | Maintas vetz sui enqueritz; häufig zitierter Text über poetisches Selbstverständnis, Frage, Antwort und höfische Erwartung. |
| BdT 10.38 | Nulhs hom non es tan fizels vas senhor; Text, der Vasallität, Dienstmetaphorik und höfische Bindung berührt. |
| BdT 10.39 | Nulhs hom no sap que s’es gaugz ni dolors; in der neueren Forschung einzeln ediert und kommentiert, wichtig für Aimerics Reflexion von Freude und Schmerz. |
| BdT 10.40 | Per razo natural; argumentativ angelegter Text mit natur- und liebesethischer Begründungsstruktur. |
| BdT 10.41 | Per solatz d’autrui chant soven; auch unter den melodisch diskutierten Stücken genannt. |
| BdT 10.42 | Puois descobrir ni retraire; Lied, das in der Forschung als Vergleichsstelle zu Vasallität und Liebesdienst herangezogen wird. |
| BdT 10.45 | Qui la vi en ditz; auch unter den melodisch überlieferten Liedern genannt. |
| BdT 10.48 | S’ieu hanc chantiei alegres ni jauzens; spätes oder schwer einzuordnendes Lied, dessen Zuschreibung und Überlieferung diskutiert wurden. |
| BdT 10.49 | S’ieu tan bes non ames; Lied über vollständige Hingabe an die Geliebte und die Semantik des Liebesdienstes. |
| BdT 10.51 | Si tot m’es greus l’afan; Text, der in Handschriftenzusammenhängen mit anderen späten oder strittig gruppierten Stücken erscheint. |
| BdT 10.52 | Totz hom qu’aisso blasma que deu lauzar; in digital erschlossenen Verzeichnissen als Aimeric-Text geführt. |
| Ohne hier sichere BdT-Präzisierung | Domna, per vos estauc en greu tormen; als Aimeric-Text in digitalen musikhistorischen und repertoiriellen Kontexten greifbar. |
| Ohne hier sichere BdT-Präzisierung | Pos ma bela mal’ amia; in digitalen Incipitverzeichnissen Aimeric de Peguilhan zugeordnet. |
| Ohne hier sichere BdT-Präzisierung | Ses mon apleich non vau ni ses ma lima; in digitalen Incipitverzeichnissen Aimeric de Peguilhan zugeordnet. |
| Ohne hier sichere BdT-Präzisierung | N’Aimeric, digatz que·us par d’aquest marques; dialogisches Stück im Umfeld höfischer Bewertung und personeller Zuschreibung. |
Hinweis zur Vollständigkeit
Die Seite nennt die sicher und online nachvollziehbar greifbaren Incipits sowie die zentralen Stücke des überlieferten Korpus. Ein streng philologisch vollständiges Verzeichnis mit allen Varianten, abweichenden Zuschreibungen, Handschriftensiglen und Editionsentscheidungen muss die kritische Ausgabe von Shepard und Chambers, die RIALTO-Einzeleditionen, den BdT-Apparat und die neueren Spezialstudien heranziehen. Gerade bei Aimeric de Peguilhan ist dies wichtig, weil schon die Grundzahl der Texte je nach Quelle schwankt.
Rezeption und kulturgeschichtliche Bedeutung
Aimeric de Peguilhan wurde lange weniger als radikaler Neuerer denn als repräsentativer und technisch gewandter Vertreter der höfischen Trobadordichtung gelesen. Diese Einschätzung unterschätzt jedoch seine kulturhistorische Bedeutung. Gerade die Repräsentativität macht ihn wertvoll: An seinem Werk lässt sich erkennen, wie die Sprache der fin’amor um 1200 funktionierte, wie höfisches Lob und Liebesklage ritualisiert wurden und wie ein Dichter seine soziale Rolle durch Liedkunst stabilisierte.
Seine italienische Wirkung ist besonders beachtlich. Die okzitanische Lyrik wurde in Oberitalien nicht nur bewahrt, sondern durch Handschriften, Nachahmung und kulturelle Aneignung weitergetragen. Aimerics Gedichte gehören zu jenem Repertoire, das späteren Autoren, Schreibern, Sammlern und Theoretikern als Modell höfischer Volkssprachlichkeit dienen konnte. Die Beschäftigung mit ihm führt deshalb in den größeren Zusammenhang von Trobadordichtung, romanischer Philologie, Musikgeschichte, italienischer Frühlyrik und europäischer Hofkultur.
Auch die moderne Rezeption hat mehrere Ebenen. Philologisch steht Aimeric für die Arbeit an Textvarianten, Repertorien, Handschriften und kritischen Editionen. Musikgeschichtlich ist er wegen der erhaltenen Melodien wichtig. Kulturgeschichtlich zeigt er, wie ein mittelalterlicher Dichter nicht auf einen nationalen Literaturraum beschränkt war, sondern in einer mehrsprachigen und wandernden höfischen Kultur agierte. Seine Bedeutung liegt also gerade darin, dass er die Trobadorkunst als europäisches Phänomen sichtbar macht.
Sekundärliteratur
- William P. Shepard und Frank M. Chambers: The Poems of Aimeric de Peguilhan. Northwestern University Press, Evanston 1950.
- Antonella Negri: Aimeric de Peguillan. Poesie. Carocci, Roma 2012.
- Jean Boutière und Alexander Herman Schutz: Biographies des troubadours. Textes provençaux des XIIIe et XIVe siècles. Paris 1964.
- István Frank: Répertoire métrique de la poésie des troubadours. Champion, Paris 1953–1957.
- Alfred Pillet und Henry Carstens: Bibliographie der Troubadours. Niemeyer, Halle 1933.
- Friedrich Gennrich: Der musikalische Nachlass der Troubadours. Darmstadt 1958–1965.
- Joseph H. O. Maillard: Anthologie de chants de troubadours. Nice 1967.
- Joseph H. O. Maillard: „Descort, que me veux-tu?“. In: Cahiers de civilisation médiévale, 25, 1982.
- Mario Mancini: „Aimeric de Peguilhan, rhétoriqueur e giullare“. In: Metafora feudale. Per una storia dei trovatori. Il Mulino, Bologna 1993.
- Luciano Rossi: „Aspetti dell’invettiva nell’Occitania del XIII secolo: Aimeric de Peguilhan e i suoi sodali“. In: Cecco Angiolieri e la poesia satirica medievale. Edizioni del Galluzzo, Firenze 2005.
- William Pierce Shepard: „Two derivative songs by Aimeric de Peguilhan“. In: Speculum, 2, 1927.
- Nicola Zingarelli: Intorno a due trovatori in Italia. Sansoni, Firenze 1899.
- Celestino Cavedoni: Ricerche storiche intorno ai trovatori provenzali accolti ed onorati nella corte dei marghesi d’Este nel secolo XIII. Soliani, Modena 1844.
- Martin de Riquer: Los trovadores. Historia literaria y textos. Ariel, Barcelona 1975.
- Simon Gaunt und Sarah Kay: The Troubadours. An Introduction. Cambridge University Press, Cambridge 1999.
- F. R. P. Akehurst und Judith M. Davis: A Handbook of the Troubadours. University of California Press, Berkeley 1995.
- Sarah Kay: Subjectivity in Troubadour Poetry. Cambridge University Press, Cambridge 1990.
- Linda Paterson: The World of the Troubadours. Medieval Occitan Society, c. 1100–c. 1300. Cambridge University Press, Cambridge 1993.
- Elizabeth Aubrey: The Music of the Troubadours. Indiana University Press, Bloomington 1996.
- William D. Paden: An Introduction to Old Occitan. Modern Language Association, New York 1998.
Onlinequellen
- https://open.nupress.northwestern.edu/books/poems-of-aimeric-de-peguilhan/ Northwestern University Press mit Angaben zur kritischen Ausgabe The Poems of Aimeric de Peguilhan.
- https://www.arlima.net/ad/aimeric_de_peguilhan.html Arlima-Seite mit Kurzbiographie, Editionshinweisen und umfangreicher Bibliographie.
- https://frenchofitaly.ace.fordham.edu/sources/occitan-lyric-in-italy/aimeric-de-peguilhan/ Fordham-Projekt French of Italy zu Aimeric de Peguilhan im Kontext okzitanischer Lyrik in Italien.
- https://www.rialto.unina.it/trovatori/aimeric-de-pegulhan/10-2gatti/ RIALTO-Edition zu Ades vol, de l’aondanssa mit Handschriften-, Editions- und metrischen Angaben.
- https://www.rialto.unina.it/trovatori/aimeric-de-pegulhan/10-12caiti-russo/ RIALTO-Seite zu Atressi·m pren quom fai al joguador.
- https://www.rialto.unina.it/trovatori/aimeric-de-pegulhan/10-16gatti/ RIALTO-Seite zu Chantar vuilh per qe ja·m platz.
- https://www.rialto.unina.it/trovatori/aimeric-de-pegulhan/10-17gatti/ RIALTO-Seite zu D’aiso dont hom a longuamen.
- https://www.rialto.unina.it/trovatori/aimeric-de-pegulhan/10-25caiti-russo/ RIALTO-Seite zu En Amor trop alques en qe·m refraing.
- https://www.rialto.unina.it/trovatori/aimeric-de-pegulhan/10-34caiti-russo/ RIALTO-Seite zu Maintas vetz sui enqueritz.
- https://www.rialto.unina.it/trovatori/aimeric-de-pegulhan/10-41caiti-russo/ RIALTO-Seite zu Per solatz d’autrui chant soven.
- https://www.rialto.unina.it/trovatori/aimeric-de-pegulhan/10-48gatti/ RIALTO-Seite zu S’ieu hanc chantiei alegres ni jauzens.
- https://atlive.disll.unipd.it/public/preview/preview/scheda/nome/idnomi/110 Atlante della Letteratura del Veneto Medievale mit Incipitindex zu Aimeric de Peguilhan.
- https://polskabibliotekamuzyczna.pl/encyklopedia/aimeric-de-peguilhan/?lang=en Polska Biblioteka Muzyczna mit Kurzbiographie, Werkzahl und Hinweis auf sechs erhaltene Melodien.
- https://www.medieval.org/emfaq/composers/trobador/peguilhan.html Diskographische Übersicht zu Aimeric de Peguilhan mit Angaben zu Texten, Melodien und modernen Einspielungen.
- https://www.lt.unina.it/Gresti-2017.pdf Paolo Gresti zu Nulhs hom no sap que s’es gaugz ni dolors, BdT 10.39.
- https://www.medioevoeuropeo-uniupo.com/index.php/mee/article/download/119/94 Studie zu Hom ditz que gaugz non es senes amor, BdT 10.29, mit Diskussion der Zuschreibungslage.
- https://www.persee.fr/doc/roma_0035-8029_1953_num_74_293_3356_t1_0120_0000_2 István Franks Rezension der Shepard-Chambers-Ausgabe in der Zeitschrift Romania.
- https://medmus.seai.uniroma1.it/data/e21person/aimeric-de-peguilhan Musikhistorischer Dateneintrag zu Aimeric de Peguilhan.
- https://trobadors.iec.cat/autors_d_fra.asp Institut d’Estudis Catalans, Corpus des Trobadours, mit Zugang zu Autoren- und Werkverzeichnissen der Trobadordichtung.
- https://www.jfbrun.eu/lengadoc/aimeric_de_pegulhan.htm Okzitanischsprachige Materialseite zu Aimeric de Peguilhan mit Hinweisen auf Werkumfang und Melodien.
Weiterführende Einträge
- Troubadour Grundbegriff für die höfischen Dichter und Sänger der okzitanischen Liedkultur des 12. und 13. Jahrhunderts.
- Okzitanische Lyrik Literarischer Kontext von Aimeric de Peguilhan und der südfranzösischen Hofdichtung.
- Fin’amor Zentraler Liebesbegriff der Trobadordichtung, der Dienst, Maß, Sehnsucht, Heimlichkeit und höfische Wertordnung verbindet.
- Canso Hauptform der höfischen Liebeslyrik der Troubadoure und zentrale Gattung in Aimerics Werk.
- Tenso Dialogische Streitform der Trobadordichtung, in der poetische, moralische oder höfische Fragen verhandelt werden.
- Partimen Sonderform der höfischen Debatte, bei der ein Dilemma gestellt und argumentativ aufgeteilt wird.
- Sirventes Gattung der politischen, moralischen oder polemischen Trobadordichtung.
- Descort Form der Dissonanz und Unordnung, häufig mit formaler Vielfalt und emotionaler Spannung verbunden.
- Planh Klagelied der okzitanischen Dichtung, häufig auf Tod, Verlust und höfische Erinnerung bezogen.
- Höfische Kultur Sozialer und symbolischer Rahmen, in dem Aimerics Dichtung aufgeführt, verstanden und bewertet wurde.
- Toulouse Wichtiges Zentrum okzitanischer Kultur und Ausgangsort der biographischen Überlieferung zu Aimeric de Peguilhan.
- Raimon von Toulouse Fürstenname im Umfeld der südfranzösischen Patronage, die für die frühe Trobadordichtung prägend war.
- Albigenserkreuzzug Politisch-religiöser Einschnitt, der die Kultur Südfrankreichs und die Mobilität vieler Troubadoure veränderte.
- Este Oberitalienisches Fürstenhaus, dessen Hof für die Aufnahme okzitanischer Troubadoure bedeutsam war.
- Malaspina Adelsfamilie in Oberitalien, die in der Geschichte der Trobadordichtung als Patronageumfeld erscheint.
- Montferrat Oberitalienischer Hofraum mit besonderer Bedeutung für die internationale höfische Kultur um 1200.
- Sordello Italienischer Troubadour, der mit Aimeric de Peguilhan in dialogischer Überlieferung verbunden ist.
- Albertet de Sestaro Troubadour und Dialogpartner Aimerics in der poetischen Streitkultur der Trobadordichtung.
- Bertran de Born Troubadour, dessen politische und formale Dichtung einen wichtigen Vergleichshorizont für spätere Trobadors bildet.
- Arnaut Daniel Meister des trobar clus und wichtiger Bezugspunkt für die poetische Selbstreflexion der okzitanischen Lyrik.
- Bernart de Ventadorn Zentraler Liebeslyriker der Trobadordichtung und wichtiger Vergleichspunkt für die Entwicklung der canso.
- Romanische Philologie Forschungsbereich, der Handschriften, Editionen, Sprachformen und Überlieferungszusammenhänge der Trobadors erschließt.
- Chansonnier Mittelalterliche Liedhandschrift, in der Troubadourtexte und teilweise Melodien gesammelt wurden.
- Mittelalterliche Liedüberlieferung Übergreifender Kontext für Text, Melodie, Handschrift, Aufführung und moderne Edition.
- Dante Alighieri Italienischer Dichter, dessen Auseinandersetzung mit den volkssprachlichen Dichtern auch die okzitanische Tradition berührt.
- Dolce stil novo Italienische Liebeslyrik, deren Vorgeschichte ohne die okzitanische Trobadordichtung nicht zu verstehen ist.