Francisco de Aguyles
Überblick
Francisco de Aguyles gehört zu den äußerst schmal überlieferten Musikern der späten Renaissance. Seine Lebensdaten sind unbekannt; auch Herkunft, Ausbildung, soziale Stellung und genauer Wirkungsort lassen sich nicht mit Sicherheit rekonstruieren. In der Forschung erscheint er unter der Namensform Francisco de Aguyles, daneben auch als Francesco de Aguyles oder vorsichtiger als Francesco/Francisco? de Aguyles. Diese Unsicherheit ist bereits ein Hinweis auf seine Zwischenstellung: Der Name wirkt spanisch oder iberisch, die Überlieferung führt aber in ein vermutlich neapolitanisches Handschriftenmilieu.
Bekannt ist Aguyles nur durch ein einziges Werk. Es trägt in der Quelle den Titel Sopre il Canto piano dell’Ave maris stella del Sigr Fraco Aguyles und ist im sogenannten Barbarino Lute Book überliefert. Dieses Manuskript wird ungefähr in die Zeit zwischen 1580 und 1610 datiert und steht im Zusammenhang von Lauten-, Vihuela- und Zupfinstrumentenmusik. Der erhaltene Titel zeigt, dass es sich um eine Bearbeitung oder Ausarbeitung über den Cantus planus des marianischen Hymnus Ave maris stella handelt.
Für ein Kulturlexikon ist Aguyles gerade wegen der knappen Überlieferung interessant. Er steht exemplarisch für jene Musiker, die nicht durch gedruckte Bücher, höfische Biographien oder umfangreiche Werkverzeichnisse überliefert sind, sondern nur durch einen Handschriftenschatten. An ihm lässt sich zeigen, wie eng im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert Vihuela, Laute, geistlicher Cantus firmus, Handschriftenzirkulation, Neapel und iberisch-italienische Musikkultur miteinander verbunden waren.
Kurzdaten
| Name | Francisco de Aguyles. |
|---|---|
| Weitere Namensformen | Francesco de Aguyles, Francesco/Francisco? de Aguyles, Fraco Aguyles. |
| Lebensdaten | Unbekannt; in der Forschung wird eine Aktivität um 1590 bis 1610 vermutet. |
| Geburtsort | Unbekannt; aufgrund des Namens wird eine spanische oder spanisch geprägte Herkunft vermutet. |
| Wirkungsraum | Vermutlich Neapel oder ein neapolitanisch geprägtes Handschriftenmilieu um 1600. |
| Beruf | Vihuela- oder Lautenspieler, Komponist oder Bearbeiter für Zupfinstrumente. |
| Instrumente | Vihuela und Laute; die genaue instrumentale Zuordnung des erhaltenen Stückes hängt vom Manuskriptkontext und von der Notationspraxis ab. |
| Überlieferung | Nur ein Werk ist bekannt, überliefert im Barbarino Lute Book, Krakau, Biblioteka Jagiellońska, Signatur PL-Kj ms mus 40032. |
| Bekanntes Werk | Sopre il Canto piano dell’Ave maris stella del Sigr Fraco Aguyles. |
| Kulturgeschichtliche Bedeutung | Aguyles ist ein Randzeuge der iberisch-italienischen Zupfinstrumentenkultur der Spätrenaissance und der geistlichen Cantus-firmus-Bearbeitung für Laute oder Vihuela. |
Namensformen und Identifikationsprobleme
Die Namenslage ist unsicher. Die Forschung setzt meist Francisco de Aguyles an, weil der Name spanisch wirkt und weil die Vihuela im 16. Jahrhundert besonders stark mit der iberischen Musikkultur verbunden war. Zugleich begegnet die Form Francesco, die auf einen italienischen oder italianisierten Überlieferungszusammenhang verweist. In der Handschrift erscheint die Abkürzung Fraco Aguyles, die als Francisco oder Francesco aufgelöst werden kann.
Diese Unsicherheit ist nicht bloß orthographisch. Sie berührt die Frage, ob Aguyles als Spanier in Italien, als Musiker spanischer Herkunft in Neapel, als italienisierter Name eines iberischen Lautenisten oder nur als in einer neapolitanischen Quelle überlieferter Autor zu verstehen ist. John Griffiths weist darauf hin, dass Aguyles aufgrund seines Namens und der wahrscheinlichen neapolitanischen Provenienz des Manuskripts als spanisch oder spanischer Herkunft angesehen wird. Die ältere Vermutung, Aguyles könne mit dem italienischen Komponisten Francesco Layolle identisch sein, gilt dagegen als wenig wahrscheinlich.
| Francisco | Spanische Namensform; sie passt zur möglichen iberischen Herkunft und zur Vihuela-Tradition. |
|---|---|
| Francesco | Italienische Namensform; sie passt zum neapolitanischen Kontext des Manuskripts und zur Italianisierung von Personennamen. |
| Fraco | Abgekürzte Quellenform im Werktitel; sie erlaubt keine endgültige Entscheidung zwischen Francisco und Francesco. |
| de Aguyles | Namensbestandteil, der in der Forschung als Hinweis auf spanische oder spanisch geprägte Herkunft gelesen wird. |
| Francesco Layolle | Eine ältere Gleichsetzung wurde vorgeschlagen, erscheint nach neuerer Einschätzung jedoch unwahrscheinlich. |
Lebensweg und mutmaßlicher Wirkungsraum
Ein eigentlicher Lebensweg lässt sich für Francisco de Aguyles nicht schreiben. Es sind weder Geburts- noch Sterbedatum überliefert; auch Ämter, Anstellungen, Aufenthalte, Lehrer, Schüler oder Auftraggeber sind nicht sicher bekannt. Die Person wird durch das erhaltene Werk sichtbar und verschwindet zugleich wieder hinter der Handschrift. Gerade diese Lage ist für die Musikgeschichte der Renaissance nicht ungewöhnlich. Viele Musiker, besonders Instrumentalisten, Bearbeiter und Schreiber, treten nicht als biographisch greifbare Autoren hervor, sondern nur durch einzelne Stücke, Widmungen, Notizen oder Sammelhandschriften.
Der wahrscheinlichste kulturelle Rahmen ist Neapel um 1600. Das Barbarino Lute Book wird als Manuskript von Lauten- und Vihuelamusik beschrieben, das vermutlich in Neapel zwischen etwa 1580 und 1610 kopiert wurde. Neapel war in dieser Zeit ein politisch und kulturell eng mit Spanien verbundener Raum. Die spanische Herrschaft über Süditalien, die Präsenz iberischer Eliten und Musiker sowie der Austausch zwischen italienischer Lautenmusik und spanischer Vihuelatradition machen es plausibel, dass ein Name wie Aguyles in einem neapolitanischen Manuskript erscheint.
Aguyles ist also weniger als gut dokumentierter Meister einer Schule zu verstehen, sondern als Spur eines transkulturellen Musikmilieus. Sein einziges erhaltenes Werk steht an der Grenze zwischen geistlichem Cantus-firmus-Satz, solistischer Zupfinstrumentenmusik und handschriftlicher Repertoirepflege. Es zeigt, dass die Vihuela-Tradition nach dem Höhepunkt der spanischen Drucke des 16. Jahrhunderts nicht einfach verschwand, sondern in handschriftlichen, lokalen und gemischten Kontexten weiterlebte.
| Lebensdaten | Unbekannt; nur eine Aktivität im späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert ist wahrscheinlich. |
|---|---|
| Wirkungszeit | Vermutlich um 1590 bis 1610, entsprechend dem Datierungsrahmen des Barbarino Lute Book. |
| Wirkungsort | Vermutlich Neapel oder ein neapolitanisch geprägter Handschriftenzusammenhang. |
| Herkunft | Wahrscheinlich spanisch oder spanischer Herkunft; diese Annahme beruht auf dem Namen und dem iberisch-italienischen Repertoirekontext. |
| Soziale Stellung | Nicht bekannt; möglich ist eine Stellung als professioneller Instrumentalist, Komponist oder Bearbeiter für Zupfinstrumente. |
Vihuela, Laute und iberisch-italienische Zupfinstrumentenkultur
Aguyles’ Bedeutung erschließt sich nur im Kontext der Vihuela- und Lautenkultur. Die vihuela de mano war im Spanien des 16. Jahrhunderts ein zentrales Instrument der höfischen und gebildeten Musikkultur. Sie stand der Laute nahe, besaß aber ihre eigene soziale und nationale Profilierung. Gedruckte Vihuelabücher von Luis Milán, Luis de Narváez, Alonso Mudarra, Enríquez de Valderrábano, Diego Pisador, Miguel de Fuenllana und Esteban Daza machten das Instrument zu einem Träger anspruchsvoller Solomusik, Intabulationen und geistlicher Bearbeitungen.
Um 1600 war die große spanische Drucktradition der Vihuela bereits zurückgetreten. Gleichzeitig lebten ihre Repertoires und Spielweisen in handschriftlichen Zusammenhängen weiter. In Italien war die Laute das dominierende Zupfinstrument, doch spanische Musiker, spanische Namen und spanische Repertoires konnten in neapolitanischen Manuskripten präsent sein. Aguyles gehört genau in diese Übergangszone. Sein Werk steht nicht in einem gedruckten spanischen Vihuelabuch, sondern in einer handschriftlichen Sammlung, die Vihuela- und Lautenmusik miteinander verbindet.
Die Unterscheidung zwischen Vihuela und Laute ist hier historisch wichtig, aber nicht immer eindeutig. Die Handschrift wird als Lautenbuch bezeichnet, enthält aber auch Vihuela-Repertoire und spanisch geprägte Materialien. Deshalb ist die Berufsangabe Vihuela- oder Lautenspieler sachgerecht. Sie vermeidet eine zu enge Festlegung und entspricht der Quellenlage: Aguyles ist als Komponist oder Bearbeiter für gezupfte Saiteninstrumente greifbar, nicht als eindeutig biographisch dokumentierter Vertreter eines einzigen Instruments.
| Vihuela | Iberisches Zupfinstrument des 16. Jahrhunderts, besonders mit spanischen Drucken und höfisch-gebildeter Musikkultur verbunden. |
|---|---|
| Laute | In Italien und Mitteleuropa verbreitetes Zupfinstrument, das in Handschriften und Drucken ein großes Solorepertoire ausbildete. |
| Intabulation | Übertragung vokaler oder liturgischer Vorlagen in eine instrumentale Tabulaturschrift. |
| Cantus-firmus-Bearbeitung | Instrumentale Ausarbeitung einer vorgegebenen geistlichen Melodie, hier des Hymnus Ave maris stella. |
| Neapel | Kultureller Kontaktbereich zwischen italienischer Lautenmusik und spanisch geprägten Traditionen. |
Das Barbarino Lute Book
Das Barbarino Lute Book ist die entscheidende Quelle für Francisco de Aguyles. Es handelt sich um ein Manuskript mit Lauten- und Vihuelamusik, das ungefähr zwischen 1580 und 1610 kopiert wurde und heute unter der Signatur PL-Kj ms mus 40032 in der Biblioteka Jagiellońska in Krakau geführt wird. Die Forschung bringt es mit einem Lautenisten oder Kastraten namens Barbarino und mit neapolitanischer Provenienz in Verbindung. In diesem Manuskript erscheint Aguyles nicht als biographisch erklärter Musiker, sondern als Name in einem Werktitel.
Der Eintrag zu Aguyles befindet sich in einem Teil der Handschrift, der mit einer anderen Sammlung unter dem Titel Flores para tañer verbunden wird, die Luys Maymón zugeschrieben beziehungsweise von ihm kompiliert wurde. Dieser Zusammenhang ist bedeutsam, weil er den iberischen Charakter des Materials verstärkt. Der spanische Ausdruck tañer verweist auf das Spielen eines Instruments, besonders im Zusammenhang der Tasten- und Zupfinstrumentenkultur. Die Verbindung von spanischer Terminologie, neapolitanischer Handschrift und liturgischem Hymnus macht Aguyles’ Werk zu einem kleinen, aber aussagekräftigen Zeugnis kultureller Verflechtung.
Solche Handschriften sind kulturgeschichtlich anders zu lesen als gedruckte Werke. Sie sind nicht nur Behälter von Kompositionen, sondern Spuren konkreter Repertoirepraxis. Abschreiber, Instrumentalisten, Besitzer und Benutzer entschieden, welche Stücke bewahrt, geordnet und spielbar gemacht wurden. Dass Aguyles nur hier überliefert ist, bedeutet nicht notwendig, dass er unbedeutend war; es zeigt vielmehr, wie selektiv die Musiküberlieferung ist. Viele Namen hängen an einem einzigen Blatt, einer einzigen Tabulatur oder einer einzigen Abschrift.
| Bezeichnung | Barbarino Lute Book. |
|---|---|
| Datierung | Ungefähr 1580 bis 1610. |
| Aufbewahrungsort | Krakau, Biblioteka Jagiellońska. |
| Signatur | PL-Kj ms mus 40032. |
| Inhalt | Manuskript mit Lauten- und Vihuelamusik, wahrscheinlich neapolitanischer Provenienz. |
| Aguyles-Bezug | Enthält das einzige bekannte Werk Francisco de Aguyles’, eine Bearbeitung über den Cantus planus des Ave maris stella. |
Das überlieferte Werk: Ave maris stella
Das einzige bekannte Werk Francisco de Aguyles’ trägt den Titel Sopre il Canto piano dell’Ave maris stella del Sigr Fraco Aguyles. Schon dieser Titel ist aufschlussreich. Die Formulierung Sopre il Canto piano bedeutet, dass das Stück über einem vorgegebenen Cantus planus, also über einer liturgischen Grundmelodie, gearbeitet ist. Ave maris stella ist ein marianischer Hymnus, der in der lateinischen Liturgie seit dem Mittelalter eine herausragende Rolle besitzt. Die Komposition verbindet also Instrumentalmusik mit geistlicher Überlieferung.
Für die Zupfinstrumentenpraxis der Renaissance ist ein solches Stück typisch und zugleich wichtig. Spieler von Vihuela oder Laute übertrugen geistliche Melodien, Hymnen, Motetten, Chansons oder Madrigale in Tabulaturen. Dabei konnten sie die Vorlage verzieren, imitatorisch ausarbeiten, rhythmisch beleben oder in eine solistische Form bringen. Der Instrumentalist wird so zugleich zum Interpreten und Bearbeiter. Er bewahrt die liturgische Melodie, verwandelt sie aber in eine private, kammermusikalische oder kontemplative Spielgestalt.
Das Ave maris stella-Stück ist für Aguyles’ Profil daher zentral. Es zeigt ihn nicht als Autor eines großen, selbständigen Druckwerks, sondern als Musiker im Feld der geistlichen Instrumentalbearbeitung. Gerade in dieser Kleinform berührt sich die Geschichte des Chorals mit der Geschichte der Zupfinstrumente. Ein liturgischer Hymnus wird zur Grundlage einer instrumentalen Meditation; der Cantus planus wird in ein Repertoire übertragen, das in Handschriften gesammelt und von spezialisierten Spielern genutzt wurde.
| Titel in der Quelle | Sopre il Canto piano dell’Ave maris stella del Sigr Fraco Aguyles. |
|---|---|
| Gattung | Instrumentale Bearbeitung oder Ausarbeitung über einen liturgischen Cantus planus. |
| Vorlage | Der marianische Hymnus Ave maris stella. |
| Instrumentaler Kontext | Vihuela- oder Lautenrepertoire im Umfeld des Barbarino Lute Book. |
| Kulturgeschichtliche Funktion | Verbindung von liturgischer Melodie, handschriftlicher Instrumentalüberlieferung und iberisch-italienischer Zupfinstrumentenkultur. |
Ausführlicher Kulturüberblick
Francisco de Aguyles ist kein Komponist, dessen Bedeutung sich durch Umfang, Einfluss oder Nachruhm bestimmen lässt. Seine kulturgeschichtliche Relevanz liegt in der Genauigkeit, mit der ein einzelnes überliefertes Stück ein größeres Musikmilieu sichtbar macht. Um 1600 war die europäische Zupfinstrumentenkultur stark von Wanderung, Abschrift, Anpassung und Mischformen geprägt. Die Vihuela hatte in Spanien eine bedeutende Druckkultur ausgebildet, die Laute dominierte viele italienische und mitteleuropäische Kontexte, und geistliche Melodien wurden immer wieder in instrumentale Formen übertragen.
Neapel war für solche Verflechtungen besonders geeignet. Als spanisch beherrschter, italienischer und internationaler Kulturraum verband die Stadt iberische, italienische und höfische Elemente. Musiker, Handschriften, Sänger, Lautenisten, geistliche Repertoires und weltliche Spielpraxis konnten sich hier begegnen. Die Überlieferung des Aguyles-Stückes in einem vermutlich neapolitanischen Lautenbuch zeigt diese Durchlässigkeit. Ein spanisch wirkender Name steht in einer italienisch geprägten Quelle; ein lateinischer Hymnus wird für ein Zupfinstrument bearbeitet; eine Handschrift bewahrt eine Spur, die kein Druck und kein ausführliches Archivzeugnis aufgenommen hat.
Die Verbindung mit Ave maris stella öffnet zudem einen sakralen Horizont. Der Hymnus richtet sich an Maria als Stern des Meeres und gehört zu den bedeutendsten marianischen Gesängen des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Wenn ein solcher Hymnus in einer Zupfinstrumentenhandschrift erscheint, ist das nicht als bloße Reduktion geistlicher Musik auf Hausgebrauch zu verstehen. Vielmehr zeigt es eine Kultur, in der Frömmigkeit, Übung, musikalische Bildung und private Kontemplation ineinandergriffen. Die Laute oder Vihuela konnte zu einem Instrument der Andacht werden.
Für die literarisch-kulturelle Perspektive ist Aguyles ebenfalls anschlussfähig. Der Hymnus ist eine dichterische und musikalische Form zugleich. Seine lateinische Sprache, seine Strophik, seine marianische Bildlichkeit und seine liturgische Funktion werden durch die instrumentale Bearbeitung nicht aufgehoben, sondern in eine andere Wahrnehmungsform überführt. Aguyles’ Werk steht damit an einer Schnittstelle von Lyrik, Liturgie und Instrumentalmusik: Ein gesungener Text wird zur stillen oder halböffentlichen Klangstruktur eines Saiteninstruments.
Gerade weil Aguyles fast vollständig biographielos bleibt, ist sein Eintrag für das Kulturlexikon nicht überflüssig. Er schützt vor einer Musikgeschichte, die nur bekannte Meister und umfangreiche Werkbestände berücksichtigt. Die Kultur der Renaissance bestand nicht nur aus berühmten Druckautoren, sondern auch aus anonymen und halb anonymen Bearbeitern, Schreibern, Instrumentalisten und Repertoireträgern. Aguyles ist ein Name am Rand der Überlieferung, aber dieser Rand ist kulturhistorisch aufschlussreich.
| Überlieferungsrand | Aguyles ist nur durch ein einziges Stück bekannt und zeigt dadurch die Selektivität der Musiküberlieferung. |
|---|---|
| Iberisch-italienischer Kulturraum | Der Name und der neapolitanische Manuskriptkontext verweisen auf kulturelle Verflechtungen zwischen Spanien und Italien. |
| Geistliche Instrumentalmusik | Das erhaltene Werk verbindet den liturgischen Hymnus Ave maris stella mit solistischer Zupfinstrumentenpraxis. |
| Handschriftenkultur | Die Überlieferung im Barbarino Lute Book zeigt die Bedeutung von Manuskripten für Repertoirepflege und musikalische Weitergabe. |
| Lyrik und Musik | Der lateinische Hymnus wird aus seiner gesungenen Textform in eine instrumentale Ausarbeitung überführt. |
Werkverzeichnis
Das Werkverzeichnis Francisco de Aguyles’ ist außergewöhnlich kurz, weil nach derzeitigem Forschungsstand nur ein einziges Werk bekannt ist. Gerade deshalb muss es besonders genau beschrieben werden. Ein vollständiges Werkverzeichnis besteht hier nicht aus einer langen Liste, sondern aus der präzisen Dokumentation des einen erhaltenen Stückes und der ausdrücklichen Feststellung, dass keine weiteren Werke sicher belegt sind.
| Sopre il Canto piano dell’Ave maris stella del Sigr Fraco Aguyles | Einziges bekanntes Werk Francisco de Aguyles’; überliefert im Barbarino Lute Book, Krakau, Biblioteka Jagiellońska, PL-Kj ms mus 40032, auf Seite 53 der Handschrift. Es handelt sich um eine Bearbeitung beziehungsweise Ausarbeitung über den Cantus planus des marianischen Hymnus Ave maris stella für Vihuela oder Laute. |
|---|---|
| Weitere Werke | Keine weiteren Kompositionen sind derzeit sicher bekannt oder eindeutig Francisco de Aguyles zuzuschreiben. |
| Unsichere Zuschreibungen | Es sind keine belastbaren weiteren Zuschreibungen anzusetzen; ältere Identifikationsvorschläge, etwa mit Francesco Layolle, gelten als unwahrscheinlich. |
Quellenlage und Forschungsprobleme
Die Quellenlage zu Francisco de Aguyles ist minimal. Sie beruht im Kern auf einem einzigen Handschriftennachweis und auf der daraus abgeleiteten lexikalischen Erfassung. MGG und die Vihuela-Datenbank fassen diesen Befund knapp zusammen: Lebensdaten unbekannt, Vihuela- oder Lautenspieler, ein überliefertes Werk. Für eine ausführliche Darstellung muss daher nicht biographische Fülle erfunden, sondern die kulturgeschichtliche Aussagekraft dieses schmalen Befundes entfaltet werden.
Das wichtigste Forschungsproblem ist die Identifikation der Person. Die Namensform kann spanisch oder italienisch gelesen werden. Der Kontext spricht für eine spanische oder spanisch geprägte Herkunft, aber nicht für eine gesicherte Nationalbiographie. Ebenso bleibt offen, ob Aguyles selbst in Neapel wirkte, ob sein Werk dort nur kopiert wurde oder ob es über andere Wege in das Barbarino Lute Book gelangte. Auch die genaue instrumentale Bestimmung zwischen Vihuela und Laute ist quellenabhängig zu formulieren.
Ein zweites Problem betrifft die Gattung. Der Titel verweist auf eine Arbeit über den Cantus planus des Ave maris stella. Ohne detaillierte musikalische Analyse der Tabulatur lässt sich der genaue kompositorische Typ nicht endgültig bestimmen. Möglich sind Begriffe wie Bearbeitung, Ausarbeitung, Intabulation oder Cantus-firmus-Stück. Für die Kulturlexikon-Seite ist die vorsichtige Formulierung Bearbeitung oder Ausarbeitung am angemessensten.
| Lebensdaten | Unbekannt; keine belastbaren Geburts- oder Sterbedaten überliefert. |
|---|---|
| Namensform | Francisco und Francesco sind beide möglich; die Abkürzung Fraco entscheidet die Frage nicht endgültig. |
| Herkunft | Spanisch oder spanischer Herkunft ist wahrscheinlich, aber nicht archivalisch gesichert. |
| Werkbestand | Nur ein Werk ist bekannt; das vollständige Werkverzeichnis umfasst daher einen einzigen sicheren Titel. |
| Instrument | Vihuela oder Laute; die Quelle steht im Grenzbereich beider Repertoiretraditionen. |
Sekundärliteratur und Recherchewege
Die Sekundärliteratur zu Francisco de Aguyles ist knapp. Grundlegend sind der MGG-Artikel von John Griffiths, der Eintrag im Diccionario de la música española e hispanoamericana und die Vihuela-Datenbank. Für die kulturgeschichtliche Vertiefung sind jedoch breitere Forschungsfelder heranzuziehen: die Vihuela-Forschung, die Geschichte der Lautenmusik in Neapel, die Handschriftenüberlieferung um 1600, die geistliche Instrumentalbearbeitung und die Geschichte des Hymnus Ave maris stella.
| John Griffiths, „Aguyles, Francisco [Francesco] de“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart | Musiklexikalischer Haupteintrag zu Aguyles; nennt die Grunddaten, die Quellenlage und das einzige bekannte Werk. |
|---|---|
| John Griffiths, „Aguyles, Francisco“, in: Diccionario de la música española e hispanoamericana | Spanischsprachiger beziehungsweise hispanistischer Referenzartikel, wichtig für die Einordnung in die iberische Musikgeschichte. |
| John Griffiths, Vihuela-Datenbank | Zentraler Online-Rechercheweg zu Aguyles, Vihuela-Personen, Dokumenten, Bibliographie und Repertoirezusammenhängen. |
| John Griffiths, „Berlin Mus. MS 40032 y otros nuevos hallazgos en el repertorio para vihuela“ | Wichtiger Forschungsbeitrag zum Manuskriptkontext und zu neuen Funden im Vihuela-Repertoire. |
| John Griffiths und Dinko Fabris, Neapolitan Lute Music | Weiterführendes Werk zum neapolitanischen Lautenrepertoire und zu verwandten Handschriften- und Repertoirefragen. |
| Forschung zur spanischen Vihuela | Erklärt den größeren Zusammenhang von Vihuela, Tabulatur, Intabulation, höfischer Musikkultur und geistlicher Bearbeitung. |
| Forschung zur Laute in Italien | Erklärt den neapolitanischen und italienischen Kontext des Barbarino Lute Book. |
| Forschung zu Ave maris stella | Erklärt den liturgischen und hymnographischen Hintergrund des einzigen bekannten Aguyles-Stückes. |
Onlinequellen
Die folgenden Onlinequellen sind als anklickbare Arbeitsadressen gesetzt. Sie dienen der Kontrolle von Personenangaben, Manuskriptkontext, Vihuela-Repertoire, Bibliographie und weiterführender musikgeschichtlicher Einordnung.
- https://www.mgg-online.com/articles/mgg00158/1.0/mgg00158 MGG Online, Artikel „Aguyles, Francisco“.
- https://vihuelagriffiths.com/vihuela/persons/56178/ Vihuela-Datenbank, Personenseite zu Francesco/Francisco? de Aguyles.
- https://vihuelagriffiths.com/vihuela/documents/54174/ Vihuela-Datenbank, Eintrag zum Barbarino Lute Book.
- https://vihuelagriffiths.com/vihuela/bibliography/110808/ Bibliographischer Nachweis zum MGG-Artikel von John Griffiths über Aguyles.
- https://vihuelagriffiths.com/vihuela/persons/ Personenverzeichnis der Vihuela-Datenbank mit Aguyles im Kontext weiterer Vihuelisten und Zupfinstrumentalisten.
- https://veterodoxia-peperey.es/2010/08/laud-dmeh/ DMEH-bezogener Text zum Laúd mit Hinweis auf Francisco Aguyles im Repertoirekontext.
- https://recursos.march.es/culturales/documentos/conciertos/cc846.pdf PDF der Fundación Juan March zur Entwicklung der Saiteninstrumente mit Nennung von Francisco Aguyles.
- https://g.rebours.free.fr/articles/dry-these-vihuela.pdf Dissertation zur Vihuela mit weiterführendem Kontext zu Vihuelisten und Repertoire.
- https://wp.lutemusic.org/search/ Lute Music-Rechercheportal für Lautenrepertoire und Handschriftenkontexte.
- https://www.rism.info/ RISM als allgemeiner Rechercheweg für musikalische Quellen und Handschriften.
- https://bj.uj.edu.pl/en_GB/start-en Biblioteka Jagiellońska in Krakau, Aufbewahrungsinstitution des Barbarino Lute Book.
- https://www.lavihuela.com/ John Griffiths’ weiterführende Seite zur Vihuela und verwandten Forschungsfeldern.
Weiterführende Einträge
- Ave maris stella Marianischer Hymnus, dessen Cantus planus die Grundlage des einzigen bekannten Aguyles-Werkes bildet.
- Barbarino Lute Book Handschrift mit Lauten- und Vihuelamusik, in der Aguyles’ Werk überliefert ist.
- Cantus firmus Vorgegebene Melodie, die als Grundlage einer kompositorischen oder instrumentalen Ausarbeitung dient.
- Cantus planus Einstimmiger liturgischer Gesang, der in geistlichen Bearbeitungen als melodische Vorlage verwendet werden kann.
- Geistliche Instrumentalmusik Instrumentale Musik mit liturgischen, geistlichen oder devotionalen Vorlagen.
- Handschrift Zentrale Überlieferungsform für Musik, besonders bei nicht gedrucktem Repertoire der Renaissance.
- Hymnus Strophischer geistlicher Gesang, der liturgische, dichterische und musikalische Formen verbindet.
- Intabulation Übertragung vokaler oder liturgischer Musik in Tabulatur für Instrumente wie Laute oder Vihuela.
- Laute Zupfinstrument der Renaissance und des Barock mit umfangreicher solistischer und handschriftlicher Überlieferung.
- Lautenbuch Handschriftliche oder gedruckte Sammlung von Musik für Laute und verwandte Zupfinstrumente.
- Liturgischer Gesang Gesang im gottesdienstlichen Kontext, aus dem Vorlagen wie Ave maris stella stammen.
- Marienhymnus Hymnische Dichtung und Musik zu Ehren Marias, wichtig für mittelalterliche und frühneuzeitliche Liturgie.
- Neapel Kultureller Kontaktbereich zwischen italienischer und spanischer Musik im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert.
- Renaissance Kulturepoche, in der Vihuela, Laute, Handschrift und geistliche Bearbeitung zentrale Musikformen ausbildeten.
- Saiteninstrument Instrumentengruppe, zu der Vihuela, Laute, Gitarre, Harfe und verwandte Formen gehören.
- Tabulatur Notationsform, die Griff- oder Spielinformationen für Zupf-, Tasten- oder Saiteninstrumente angibt.
- Vihuela Iberisches Zupfinstrument des 16. Jahrhunderts, das in Aguyles’ Umfeld mit der Lautenkultur in Berührung steht.
- Vihuelabuch Gedruckte oder handschriftliche Sammlung von Vihuelamusik mit Fantasien, Intabulationen und geistlichen Stücken.
- Zupfinstrument Instrumententypus, dessen Klang durch das Zupfen von Saiten entsteht und der in der Renaissance eine reiche Solokultur entwickelte.