Kulturlexikon
Martin Agricola
Martin Agricola gehört zu den prägenden Musikschriftstellern der frühen Reformationszeit. Seine Bedeutung liegt weniger in einer geschlossen erhaltenen kompositorischen Werkgruppe als in der Verbindung von Schulmusik, deutschsprachiger Musiktheorie, Kirchenliedpraxis und Instrumentenkunde. Als Magdeburger Kantor steht er an einer kulturgeschichtlichen Schnittstelle: Musik wird nicht mehr nur gelehrte Kunst, sondern Unterrichtsmedium, Gemeindepraxis, protestantische Frömmigkeitsform und Gegenstand volkssprachlicher Erklärung.
Kurzdaten
| Hauptname | Martin Agricola |
|---|---|
| Geburtsname | Martin Sore; in Nachweisen auch Sohr, Shor und verwandte Schreibformen. |
| Lateinische Namensform | Martinus Agricola. |
| Geburt | 6. Januar 1486 (?) in Schwiebus. Das genaue Geburtsdatum ist quellenkritisch unsicher und wird deshalb nur mit Vorbehalt angesetzt. |
| Tod | 10. Juni 1556 in Magdeburg. |
| Berufliche Einordnung | Kantor, Musiktheoretiker, Musikpädagoge, Komponist und Verfasser musiktheoretischer Lehrschriften. |
| Konfessioneller Kontext | Frühprotestantische Schul- und Kirchenmusik im Umfeld der lutherischen Reformation. |
| Zentrale Orte | Schwiebus als Herkunftsort, Magdeburg als Wirkungsort, Wittenberg als wichtiger Druck- und Verlagsort. |
| Zentrale Themen | Musikunterricht, Choral, Solmisation, Mensurallehre, Notation, Instrumentenkunde, Tablatur, deutschsprachige Fachprosa. |
| Normdaten | GND: 119209314; weitere Normnachweise finden sich unter anderem in DNB, Deutsche Biographie, RISM und IMSLP. |
Namen, Namensformen und quellenkritische Vorsicht
Der Name Agricola ist eine latinisierte Form und verweist, seinem Wortsinn nach, auf den Bauern oder Ackerer. Gerade im humanistischen und reformatorischen Milieu war die Latinisierung von Namen üblich; sie verband gelehrte Selbststilisierung mit sozialer Herkunftsmarkierung. Bei Martin Agricola ist diese Namensform besonders aussagekräftig, weil die biographische Überlieferung ihn aus einer Ackerbürger- oder Bauernfamilie im Raum Schwiebus herleitet.
Die Namensformen Sore, Sohr und Shor sind nicht als verschiedene Personen zu verstehen, sondern als bibliographische und archivalische Varianten desselben Namens. Für eine Kulturlexikon-Seite ist diese Unterscheidung wichtig, weil ältere Musiklexika, Bibliothekskataloge, Digitalisate und Normdatenbanken nicht immer dieselbe Schreibweise verwenden. Wer nach Agricola recherchiert, muss deshalb neben Martin Agricola auch Martinus Agricola, Martin Sore und verwandte Schreibungen berücksichtigen.
Besonders vorsichtig ist mit dem Geburtsdatum umzugehen. Der 6. Januar 1486 ist in der Literatur verbreitet, aber nicht urkundlich gesichert. Die Seite übernimmt das Datum deshalb nur mit Fragezeichen und macht die Unsicherheit sichtbar. Für die kulturgeschichtliche Einordnung ist diese Unsicherheit weniger gravierend als die gut fassbaren Eckpunkte: Agricola wirkt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Magdeburg, steht im Umfeld der lutherischen Schul- und Kirchenmusik und stirbt am 10. Juni 1556 in Magdeburg.
Überblick
Martin Agricola ist eine Schlüsselfigur der deutschsprachigen Musikvermittlung im 16. Jahrhundert. Er gehört nicht zu jenen Komponisten, deren Nachruhm vor allem auf einem großen, vollständig erhaltenen Œuvre beruht. Seine kulturhistorische Bedeutung liegt vielmehr darin, dass er musikalisches Wissen in eine Sprache und eine Form überführt, die für Schule, Gemeinde, Kantorat und bürgerliche Bildung nutzbar werden. Er schreibt nicht nur für gelehrte Spezialisten, sondern für Lernende, Sänger, Instrumentalisten und Lehrer.
Seine Schriften stehen im Kontext einer tiefgreifenden Medien- und Bildungsumstellung. Der Buchdruck ermöglicht die rasche Verbreitung von Lehrbüchern, Gesangbüchern und Notendrucken. Die Reformation stärkt den Gemeindegesang und das Schulwesen. Zugleich verlangt der neue protestantische Gottesdienst nach musikalisch gebildeten Kantoren, Schülern und Gemeinden. Agricola reagiert auf diese Lage mit Lehrschriften, die elementare Musiklehre, Choralpraxis, Figuralmusik und Instrumentenkunde in deutscher Sprache behandeln.
Für das Kulturlexikon ist Agricola deshalb nicht nur als Einzelperson interessant, sondern als Beispiel für eine neue kulturelle Figur: den frühneuzeitlichen Kantor als Lehrer, Theoretiker, Übersetzer, Praktiker und Vermittler. Seine Tätigkeit macht sichtbar, wie eng Musik, Schule, Druck, Reformation, Sprache und städtische Kultur im 16. Jahrhundert miteinander verbunden sind.
Biographische Grundlinien
Agricolas Lebenslauf ist nur lückenhaft überliefert. Als Herkunftsort gilt Schwiebus, das historisch in Ostbrandenburg beziehungsweise Schlesien verortet wurde und heute als Świebodzin in Polen liegt. Die Herkunft aus einer bäuerlich-ackerbürgerlichen Familie wurde in der späteren biographischen Tradition mit dem Namen Agricola verbunden. Der junge Martin Sore soll nicht von Anfang an als gelehrter Musiker ausgebildet worden sein, sondern sich seine musikalischen Kenntnisse in erheblichem Maße selbst erworben haben.
Für die weitere Entwicklung entscheidend ist Magdeburg. Dort lässt sich Agricola seit den Jahren um 1519/1520 beziehungsweise in den frühen 1520er Jahren fassen. Nach der Durchsetzung der Reformation in der Stadt wird die Schule zu einem zentralen Ort evangelischer Bildung. Agricola wirkt als Kantor und Musiklehrer, später als bedeutender Vertreter einer protestantischen Kantorentradition, in der Singen, Lehren, Frömmigkeit und sprachliche Unterweisung eng zusammengehören.
Seine Verbindung zum Wittenberger Drucker und Musikverleger Georg Rhau ist für die Überlieferung und Verbreitung seiner Schriften wesentlich. Wittenberg war nicht nur ein theologisches Zentrum der Reformation, sondern auch ein Ort, an dem reformatorische Lehre, Schulbuchproduktion, Gesangbuchdruck und musikalische Praxis zusammenliefen. Agricola gehört in diese Wittenberg-Magdeburger Kulturachse hinein.
Ausführlicher Kulturüberblick
Die kulturelle Welt Martin Agricolas ist die Umbruchszeit zwischen spätmittelalterlicher Musica-Tradition und frühneuzeitlicher, reformatorisch geprägter Musikpraxis. Musik gehörte weiterhin zu den gelehrten Künsten, war aber nicht mehr allein Sache lateinischer Traktate und kirchlicher Spezialmilieus. In den Städten der Reformationszeit wurde sie zu einem pädagogischen, liturgischen und sozialen Medium. Wer singen lernte, lernte nicht nur Töne, sondern auch Ordnung, Gedächtnis, Sprachform, Frömmigkeit und Gemeinschaft.
Agricolas Bedeutung erschließt sich aus dieser Verschiebung. Seine Lehrschriften übersetzen die alte Musiklehre in eine brauchbare Unterrichtsform. Sie behandeln Grundlagen wie Tonarten, Intervalle, Solmisation, Notation und Choralgesang. Zugleich öffnen sie den Blick auf die Instrumente der Zeit, auf Pfeifen, Orgel, Harfe, Laute, Geigen und Saitenspiele. Damit entsteht eine Art praktisches Musikhandbuch, das nicht bloß theoretisiert, sondern den Vollzug der Musik im Unterricht, in der Kirche und im häuslichen oder städtischen Musizieren voraussetzt.
Die Reformation verändert die Stellung der Musik grundlegend. Martin Luther schätzte die Musik hoch und sah in ihr ein Mittel der Verkündigung, der Bildung und der inneren Sammlung. In dieser Umgebung gewinnt das deutsche Kirchenlied eine neue kulturelle Kraft. Es schafft eine gemeinsame Sprache des Glaubens, die nicht nur von Klerikern, sondern von Schülern, Bürgern und Gemeinden getragen wird. Agricola wirkt an dieser Entwicklung mit, indem er Lehre, Gesang und Satztechnik für den evangelischen Gebrauch aufbereitet.
Die Stadt Magdeburg war für Agricola mehr als ein Wohnort. Sie war ein städtischer Bildungsraum, in dem Lateinschule, Kirche, Rat, Druckkultur und bürgerliche Frömmigkeit zusammenwirkten. Der Kantor stand in dieser Ordnung an einer entscheidenden Stelle. Er unterrichtete Schüler, prägte den liturgischen Gesang, wirkte in der städtischen Repräsentation mit und verband praktische Musikausübung mit disziplinierter Bildung. Agricola ist daher auch als Figur der frühneuzeitlichen Stadtgeschichte zu lesen.
Seine deutschsprachigen Schriften sind zugleich Teil einer größeren kulturellen Bewegung: Fachwissen wird volkssprachlich. Musiktheorie, die zuvor stark vom Lateinischen und von scholastisch-humanistischer Terminologie bestimmt war, erhält deutsche Begriffe, Beispiele und didaktische Formen. Gerade diese Volkssprachlichkeit macht Agricola kulturgeschichtlich bedeutsam. Sie zeigt, wie die Reformation nicht nur Dogmatik und Liturgie, sondern auch Unterrichtssprache, Fachprosa und musikalisches Selbstverständnis verändert.
Hinzu kommt die instrumentenkundliche Dimension. Die Musica instrumentalis deudsch ist deshalb so wichtig, weil sie Instrumente nicht nur erwähnt, sondern als Gegenstände praktischer Musikbildung ernst nimmt. Sie dokumentiert Klangvorstellungen, Spielweisen und instrumentale Ordnungen einer Zeit, in der schriftliche Instrumentenkunde noch nicht selbstverständlich war. Für die Kulturgeschichte der Musik ist Agricola dadurch eine Quelle ersten Ranges: Bei ihm begegnen sich Buch, Bild, Unterricht, Handwerk, Spielpraxis und Theorie.
Musikpädagogik und Schule
Agricolas pädagogischer Ort ist die Schule. Seine Lehrbücher sind auf Lernbarkeit angelegt: Sie erklären, ordnen, wiederholen, illustrieren und verbinden Regeln mit musikalischen Beispielen. Der Unterricht zielt nicht auf abstrakte Spekulation, sondern auf die Fähigkeit, sicher zu singen, Noten zu verstehen, Tonarten zu erkennen und musikalische Zusammenhänge praktisch anzuwenden.
Die Schule der Reformationszeit übernimmt eine doppelte Aufgabe. Sie bildet in Sprache, Religion und Musik aus; zugleich liefert sie die Sänger und musikalisch geschulten Kräfte für den Gottesdienst. In diesem Sinne ist der Kantor nicht nur Musiker, sondern Bildungsbeamter, liturgischer Praktiker und Kulturvermittler. Agricola verkörpert diese Mehrfachrolle exemplarisch.
| Unterrichtsziel | Die Schüler sollen nicht nur auswendig singen, sondern musikalische Ordnung verstehen, Stimmen lesen und den liturgischen Gesang sicher ausführen können. |
|---|---|
| Didaktische Form | Agricola verbindet Regeln, Beispiele, deutschsprachige Erläuterungen und praktische Anwendung. |
| Kulturelle Funktion | Schulmusik wird zum Träger reformatorischer Bildung und städtischer Gemeindekultur. |
| Langfristige Wirkung | Die Verbindung von Kantorat, Unterricht, Choral und Musiktheorie prägt die evangelische Schulmusik weit über Agricolas unmittelbares Umfeld hinaus. |
Kirchenlied, Choral und Reformation
Der evangelische Choral ist eine der großen kulturellen Neuerungen des 16. Jahrhunderts. Er macht die Gemeinde zur singenden Gemeinschaft und verbindet Theologie mit Melodie, Gedächtnis und Sprache. Agricola gehört zu den Musikern, die diesen Prozess fachlich, pädagogisch und satztechnisch begleiten. Seine Bearbeitungen und Lehrschriften stehen im Dienst einer Musik, die nicht bloß schmückendes Beiwerk, sondern Bestandteil religiöser Verständigung ist.
Besonders wichtig ist dabei die Vierstimmigkeit. Der Choral kann einstimmig als Gemeindelied erscheinen, er kann aber auch im mehrstimmigen Satz schulisch, häuslich oder liturgisch ausgearbeitet werden. In dieser Spannung zwischen einfacher Singbarkeit und kunstvoller Bearbeitung bewegt sich ein großer Teil der frühprotestantischen Musikpraxis. Agricola ist für diese Verbindung von Gebrauch und Kunst ein aussagekräftiges Beispiel.
Seine Beschäftigung mit geistlichen Liedern, Sonntags-Evangelien, Hymnen und Choralbearbeitungen zeigt, dass Musik in der Reformationszeit als Auslegungspraxis verstanden werden kann. Ein Lied ist nicht nur Klang, sondern auch Lehre; ein Satz ist nicht nur Komposition, sondern auch Ordnung des Wortes; ein Gesangbuch ist nicht nur Sammlung, sondern Medium religiöser Bildung.
Instrumentenkunde und Klangkultur
Die Musica instrumentalis deudsch macht Agricola zu einer zentralen Quelle für die Instrumentenkunde der frühen Neuzeit. Sie behandelt nicht nur das Singen, sondern auch das Spielen auf unterschiedlichen Instrumenten. Damit tritt eine Klangwelt hervor, in der Orgel, Harfe, Laute, Geigen, Pfeifen und andere Saiten- und Blasinstrumente nebeneinanderstehen. Die Schrift zeigt, wie instrumentale Praxis in die musikalische Bildung einbezogen wurde.
Für die Kulturgeschichte ist besonders wichtig, dass Agricola die Instrumente nicht isoliert beschreibt. Sie erscheinen in einem Netzwerk aus Notation, Tabulatur, Gesang, Unterricht und Aufführung. Das Instrument ist nicht bloß Gegenstand, sondern Medium musikalischer Übersetzung: Was gesungen wird, kann auf Instrumente übertragen werden; was notiert ist, muss in Griff, Atem, Anschlag und Klang verwandelt werden.
| Instrumente | Agricolas instrumentenkundliche Darstellungen betreffen unter anderem Orgel, Harfe, Laute, Geigen, Pfeifen und verschiedene Saitenspiele. |
|---|---|
| Tabulatur | Die Schrift behandelt Fragen der Übertragung von Gesang und Notation auf instrumentale Spielweisen. |
| Klangkultur | Die Instrumente erscheinen als Teil einer städtischen, schulischen, kirchlichen und häuslichen Musikpraxis. |
| Quellenwert | Die Schrift ist für die Organologie bedeutsam, weil sie frühe deutschsprachige Informationen zur Instrumentalpraxis bündelt. |
Sprache, Terminologie und Vermittlung
Agricolas Schriften gehören in die Geschichte der deutschen Fachsprache. Sie zeigen, wie musikalisches Wissen aus dem lateinischen Gelehrtenraum in eine deutschsprachige Unterrichtsprosa übertragen wird. Dabei geht es nicht nur um Übersetzung einzelner Wörter, sondern um die Umformung eines ganzen Wissensbereichs. Musiktheorie muss so formuliert werden, dass Schüler, Lehrer, Sänger und Instrumentalisten damit arbeiten können.
Die deutsche Sprache wird bei Agricola zum Instrument der musikalischen Ordnung. Sie benennt Tonräume, Notenzeichen, Intervallverhältnisse, Taktbewegungen und satztechnische Verfahren. Gerade dadurch wird musikalisches Wissen sozial breiter verfügbar. Die Fachsprache ist nicht bloß Beiwerk, sondern selbst ein kulturgeschichtliches Ereignis: Sie macht Musik lehrbar, druckbar, memorierbar und gemeinschaftsfähig.
Werkverzeichnis
Das folgende Werkverzeichnis fasst die in den einschlägigen Nachweisen greifbaren Drucke, Lehrschriften, Sammeldrucke, Kompositionen und überlieferten Werkgruppen zusammen. Bei Agricola ist zwischen sicher greifbaren Drucken, späteren Ausgaben, postumen Zusammenstellungen, einzelnen Kompositionen in Sammelüberlieferung und verlorenen beziehungsweise nur indirekt nachweisbaren Beständen zu unterscheiden.
Musiktheoretische und musikpädagogische Schriften
| Ein kurtz Deudsche Musica | Wittenberg, Georg Rhau, 1528/1529 überliefert. Frühes deutschsprachiges Musiklehrbuch mit zahlreichen Beispielen; vermittelt elementare Grundlagen des Singens und der Musiklehre. Die Datierung wird in der Literatur und in Katalogen nicht immer einheitlich angesetzt. |
|---|---|
| Musica Choralis Deudsch | Wittenberg, Georg Rhau, 1533. Erweiterte beziehungsweise neu gefasste Fassung im Umfeld der früheren deutschen Musiklehre; behandelt Grundlagen des Choralgesangs und der musikalischen Unterweisung. |
| Musica instrumentalis deudsch | Wittenberg, Georg Rhau, zuerst 1529 überliefert; weitere Fassungen und eine grundlegende Neubearbeitung 1545. Zentrale Schrift zur Instrumentenkunde, zur Übertragung von Gesang auf Instrumente und zur frühen deutschsprachigen Musikpraxis. |
| Musica Figuralis Deudsch | Wittenberg, Georg Rhau, 1532. Lehrschrift zur Figuralmusik, zur mehrstimmigen Satzpraxis und zur mensuralen Ordnung; mit Bezug zu den Proportionibus. |
| Von den Proporcionibus | Im Umfeld der Musica Figuralis Deudsch überliefert. Behandelt Proportionen als Teil der mensuralen und satztechnischen Musiklehre. |
| Scholia in musicam planam Venceslai Philomatis de nova domo | 1538. Für den Schulgebrauch zusammengestellte Erläuterungen zur musica plana; mit dem Anhang Libellus de octo tonorum regularium compositione. |
| Rudimenta musices | Wittenberg, Georg Rhau, 1539. Lateinische beziehungsweise schulisch-humanistische Elementarschrift zur Musiklehre, zur Singkunst und zur Monochordlehre. |
| Quaestiones vulgatiores in musicam | Magdeburg, Michael Lotter, 1543. Lateinische Frage- und Antwortschrift für den Musikunterricht an der Magdeburger Schule. |
| Musica ex prioribus a me aeditis musicis | Als Werk- beziehungsweise Buchnachweis in bibliographischen Verzeichnissen greifbar; verweist auf die Zusammenführung oder erneute Bearbeitung früherer musiktheoretischer Materialien. |
Gesangbücher, Hymnen und geistliche Sammlungen
| Ein Sangbüchlein aller Sontags Evangelien | Magdeburg, um 1541/1542 und später nachweisbar. Evangelisch-lutherischer Gesangbuchzusammenhang mit Bezug auf die Sonntagsevangelien; einzelne Nachweise kennzeichnen die Überlieferung als verloren oder nicht mehr sicher greifbar. |
|---|---|
| Hymni aliquot sacri veterum patrum | 1552. Sammlung beziehungsweise Bearbeitung geistlicher Hymnen mit didaktisch-liturgischem Zusammenhang. |
| Deutsche Musica und Gesangbüchlin | Als Sammel- beziehungsweise Werkzusammenhang überliefert. Der Titel bezeichnet die Verbindung von deutschsprachiger Musiklehre, geistlichem Gesang und praktischer Unterweisung. |
| Newe Deudsche Geistliche Gesenge | Sammlung im Umfeld Georg Rhaus, in der Agricola als beteiligter beziehungsweise mitüberlieferter Komponist erscheint. |
Kompositionen und einzelne Werkgruppen
| Ach Gott von Himmel | Geistliche Bearbeitung beziehungsweise Choralzusammenhang; in modernen Werkverzeichnissen und Musikdatenbanken als Komposition Agricolas geführt. |
|---|---|
| Ein feste Burg | Vierstimmige Bearbeitung des Luther-Chorals; für Agricolas Stellung in der frühen evangelischen Choralgeschichte besonders wichtig. |
| Mit Fried und Freud ich fahr dahin | Geistlicher Satz im Umfeld lutherischer Liedtradition und frühprotestantischer Mehrstimmigkeit. |
| Instrumentische Gesänge | Werkgruppe im Zusammenhang instrumentaler Übertragung, Sammlung und satztechnischer Praxis; der Titel verweist auf die Nähe von Vokalsatz, Instrumentalspiel und Lehrgebrauch. |
| Motetten und geistliche Sätze | Mehrere Kompositionen sind in zeitgenössischen Drucken, Sammelüberlieferungen oder späteren Nachweisen greifbar; ein erheblicher Teil ist verloren oder nur indirekt bezeugt. |
Postume und spätere Zusammenstellungen
| Duo libri musices | Wittenberg, Georg Rhau, 1561. Postume Zusammenstellung, die Materialien Agricolas bündelt und unter anderem Compendium artis sowie Illustria exempla beziehungsweise den Zusammenhang der Instrumentischen Gesänge enthält. |
|---|---|
| Neuausgaben und Faksimiles | Seit dem 19. Jahrhundert wurden zentrale Schriften, besonders die Musica instrumentalis deudsch, in diplomatischen, facsimilierten oder wissenschaftlich kommentierten Ausgaben neu zugänglich gemacht. |
| Moderne Übersetzungen und Studien | Die neuere Forschung erschließt vor allem die instrumentenkundlichen, musikpädagogischen und terminologischen Aspekte von Agricolas Schriften. |
Überlieferung und Verlust
Die Überlieferung Agricolas ist durch die Bedingungen frühneuzeitlicher Druckkultur und durch spätere Verluste geprägt. Gedruckte Lehrschriften haben sich in Bibliotheken, Digitalisaten und Faksimileausgaben vergleichsweise gut erhalten. Anders steht es um manche Kompositionen, Handschriften und einzelne Gesangbuchzusammenhänge. Schon die ältere Forschung weist darauf hin, dass viele Stücke verloren gegangen sind oder nur durch Kataloge, Sammeldrucke und Sekundärnachweise sichtbar bleiben.
Für die Arbeit an einem Kulturlexikon ist diese Lage bedeutsam. Agricola darf nicht nur aus dem erhaltenen Bestand heraus verstanden werden. Seine Wirkung lag auch in Unterrichtssituationen, in gesungenen Praktiken, in Schulgebrauch und in städtischer Musikkultur, die nicht vollständig dokumentiert sind. Das Werkverzeichnis muss deshalb zwischen sicher erhalten, bibliographisch nachweisbar, postum zusammengestellt und verloren beziehungsweise indirekt bezeugt unterscheiden.
Kulturgeschichtliche Bedeutung
Agricolas Bedeutung liegt in der Verbindung von Musiktheorie und Kulturpraxis. Er steht für einen Moment, in dem musikalisches Wissen nicht mehr nur in gelehrten lateinischen Zusammenhängen zirkuliert, sondern in deutschsprachige Schulbücher, Gesangbücher, Instrumentenlehren und städtische Bildungsräume eingeht. Die Musik wird dadurch zugleich fachlich geordnet und sozial erweitert.
Als Kantor macht Agricola sichtbar, wie eng die Reformation mit der Geschichte der Schule verbunden ist. Der evangelische Gottesdienst braucht singende Gemeinden, die Schule braucht musikalische Ordnung, und die Stadt braucht gebildete Sänger und Lehrer. Agricola arbeitet an allen drei Stellen zugleich. Seine Schriften sind deshalb Dokumente einer Kultur, in der Singen, Lesen, Glauben und Lernen zusammengehören.
Für die Kulturgeschichte der Instrumente ist Agricola ebenfalls wichtig. Die Musica instrumentalis deudsch bewahrt Beschreibungen, Terminologien und Darstellungen, die weit über die Person hinausweisen. Sie gibt Einblick in eine musikalische Alltags- und Bildungspraxis, die zwischen Stimme und Instrument, Schrift und Klang, Handwerk und Gelehrsamkeit vermittelt.
Schließlich gehört Agricola in die Geschichte der deutschen Fachsprache. Seine Lehrwerke zeigen, wie Musikbegriffe im Deutschen verfügbar gemacht werden. Diese sprachliche Leistung ist nicht nur lexikalisch, sondern kulturgeschichtlich: Sie verändert, wer musikalisches Wissen besitzen, weitergeben und anwenden kann.
Sekundärliteratur
Die folgende Auswahl nennt ältere und neuere Forschung sowie Hilfsmittel, die für eine weitere Erschließung Agricolas besonders einschlägig sind. Sie ist auf Musikgeschichte, Reformationskultur, Schulmusik, Instrumentenkunde und Quellenarbeit bezogen.
- Georg von Dadelsen: Agricola (eigentlich Sore), Martin. In: Neue Deutsche Biographie, Band 1, Berlin 1953, S. 102–103.
- Robert Eitner: Ausgabe der Musica instrumentalis deudsch, erste und vierte Ausgabe, Wittenberg 1528/1529 und 1545, Leipzig 1896.
- William E. Hettrick: The “Musica Instrumentalis Deudsch” of Martin Agricola. A Treatise on Musical Instruments, 1529 and 1545. Cambridge University Press, Cambridge 1994.
- William W. Hollaway: Martin Agricola’s Musica Instrumentalis Deudsch. A Translation. North Texas State University, 1972.
- William W. Hollaway: A Translation of Three Treatises by Martin Agricola: Musica choralis deudsch, Musica figuralis deudsch, and Von den proporcionibus. 1979.
- Heinrich Funck: Martin Agricola, ein frühprotestantischer Schulmeister. 1933.
- Erich Valentin: Alt-Magdeburger Musikschriften. 1932.
- Bernhard Engelke: Musikalisches aus unseres Herrgotts Kanzlei. 1924.
- Arthur Prüfer: Untersuchungen über den außerkirchlichen Kunstgesang in den evangelischen Schulen des 16. Jahrhunderts. 1890.
- Christine Klein: „der iugent [...] eine anleytung vnd vunterricht zu geben“ (1528). Die neuen Musiklehrbücher von Martin Agricola (1486–1556) und ihre Bedeutung für den Musikunterricht. In: Kathrin Eberl-Ruf, Carsten Lange und Kathrin Pöge-Alder (Hrsg.): Musik und Bildung in der Reformationszeit, Halle (Saale) 2017, S. 32–53.
- Wolfgang Hillemann: Die Blockflöte bei Sebastian Virdung, Martin Agricola und Michael Praetorius. In: Zeitschrift für Hausmusik 6, 1937.
- RISM: Bibliographische und quellenkundliche Nachweise zu Martin Agricola und zu Drucken der frühen Neuzeit.
- MGG und neuere Musiklexika: Artikel zu Martin Agricola, frühprotestantischer Schulmusik und deutschsprachiger Musiktheorie.
Onlinequellen
Die folgenden Onlinequellen eignen sich für Normdaten, Werkrecherche, Digitalisate, biographische Grunddaten und quellenkundliche Weiterarbeit. Die Adressen sind als anklickbare HTML-Links gesetzt.
- https://www.deutsche-biographie.de/gnd119209314.html Deutsche Biographie mit biographischem Artikel, Werkhinweisen und Literatur.
- https://d-nb.info/gnd/119209314 DNB/GND-Datensatz mit Namensformen, Lebensdaten, Berufsangaben und Normdatenbezug.
- https://www.musikland-sachsenanhalt.de/beitraege/agricola-martin-1486-1556/ Biographischer Überblick zu Agricola im Kontext Magdeburger Musikgeschichte.
- https://imslp.org/wiki/Category:Agricola,_Martin IMSLP-Kategorieseite mit Werken, Buchnachweisen, Kompositionen und Digitalisaten.
- https://rism.online/people/30006496 RISM-Personennachweis für quellenkundliche Recherchen.
- https://www.britannica.com/biography/Martin-Agricola Englischsprachiger Überblick zu Agricola als Komponist, Lehrer und Musikschriftsteller.
- https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10187555 Digitalisat beziehungsweise bibliographischer Nachweis zu Ein kurtz Deudsche Musica.
- https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10187558 Digitalisat beziehungsweise bibliographischer Nachweis zu Musica Choralis Deudsch.
- https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10187561 Digitalisat beziehungsweise bibliographischer Nachweis zu Musica instrumentalis deudsch.
- https://archive.org/details/bub_gb_pzUXAAAAYAAJ Digitalisierte Ausgabe der Musica instrumentalis deudsch, erste und vierte Ausgabe, Leipzig 1896.
- https://imslp.org/wiki/Musica_instrumentalis_deudsch_(Agricola,_Martin) IMSLP-Werkseite zur Musica instrumentalis deudsch.
- https://imslp.org/wiki/Musica_choralis_deudsch_(Agricola,_Martin) IMSLP-Werkseite zur Musica Choralis Deudsch.
- https://imslp.org/wiki/Musica_figuralis_deudsch_(Agricola,_Martin) IMSLP-Werkseite zur Musica Figuralis Deudsch.
- https://imslp.org/wiki/Quaestiones_vulgatiores_in_musicam_(Agricola,_Martin) IMSLP-Werkseite zu den Quaestiones vulgatiores in musicam.
- https://imslp.org/wiki/Duo_libri_musices_(Agricola,_Martin) IMSLP-Werkseite zur postumen Sammlung Duo libri musices.
- https://hdb.unistra.fr/index.php/de/gesangbuch/315 Hymnologische Datenbank zu Ein Sangbüchlein aller Sonntags-Evangelien.
- https://fachtexte.kallimachos.de/Musica_Choralis_Deudsch_(1533) Fachtexte-Datenbank mit Nachweis zu Musica Choralis Deudsch.
- https://tmg.huma-num.fr/en/content/agricola-martin-musica-figuralis-deudsch-1532 Thesaurus Musicarum Germanicarum mit Nachweis zur Musica Figuralis Deudsch.
- https://digital.library.unt.edu/ark:/67531/metadc501174/ Digitale Dissertation beziehungsweise Übersetzungsarbeit zur Musica instrumentalis deudsch.
Weiterführende Einträge
Die folgenden internen Verweise vertiefen den kulturellen Zusammenhang, in dem Martin Agricola steht. Sie betreffen Reformation, Schulmusik, Kirchenlied, Notation, Instrumente, Druckkultur, humanistische Bildung und frühneuzeitliche Musikpraxis.
- Choral Gemeindelied, liturgische Melodie und Träger protestantischer Singkultur.
- Gesangbuch Medium religiöser, sprachlicher und musikalischer Ordnung.
- Kirchenlied Geistliche Liedform zwischen Theologie, Gemeinde und musikalischer Praxis.
- Reformation Religiöser und kultureller Umbruch, der Bildung, Sprache, Musik und Buchdruck neu verband.
- Magdeburg Städtischer Bildungs- und Reformationsraum mit prägender Kantorentradition.
- Wittenberg Zentrum reformatorischer Theologie, Druckkultur und Musikpublikation.
- Georg Rhau Wittenberger Drucker und Musikverleger im Umfeld der Reformation.
- Martin Luther Reformator, dessen Musikverständnis den evangelischen Choral stark prägte.
- Philipp Melanchthon Humanistischer Bildungsreformer im Umfeld der protestantischen Schule.
- Kantor Amt zwischen Unterricht, Gottesdienst, Chorleitung und städtischer Musikkultur.
- Lateinschule Institution humanistischer und reformatorischer Bildung.
- Schulmusik Musikalische Ausbildung als Teil von Sprach-, Religions- und Gemeindekultur.
- Musikpädagogik Lehre vom musikalischen Lernen und seiner kulturellen Funktion.
- Musiktheorie Systematische Ordnung von Ton, Satz, Notation und musikalischer Praxis.
- Solmisation Lehrverfahren zur Orientierung in Tonräumen und Gesangspraxis.
- Mensuralnotation Notationssystem für rhythmisch differenzierte Mehrstimmigkeit.
- Notenschrift Schriftliche Fixierung musikalischer Höhe, Dauer und Ordnung.
- Tonart Ordnung melodischer und harmonischer Tonbeziehungen.
- Intervall Abstand zwischen Tönen als Grundlage von Melodie, Satz und Lehre.
- Kontrapunkt Regelgebundene Verbindung selbstständiger Stimmen.
- Mehrstimmigkeit Zusammenklang mehrerer Stimmen in kirchlicher und schulischer Praxis.
- Hymnus Lobgesang mit antiker, kirchlicher und reformatorischer Tradition.
- Psalm Biblischer Gesangstext als Grundlage geistlicher Dichtung und Musik.
- Motette Mehrstimmige geistliche Kompositionsform der Renaissance und Reformationszeit.
- Orgel Zentrales Instrument kirchlicher, städtischer und liturgischer Klangkultur.
- Laute Saiteninstrument zwischen höfischer, bürgerlicher und häuslicher Musikpraxis.
- Harfe Saiteninstrument mit langer symbolischer und musikalischer Tradition.
- Geige Streichinstrument im Übergang zwischen Spielpraxis, Tanzmusik und Kunstmusik.
- Blockflöte Blasinstrument der Renaissance und wichtiges Thema historischer Instrumentenkunde.
- Tabulatur Spielschrift zur Übertragung musikalischer Strukturen auf Instrumente.
- Instrumentenkunde Beschreibung, Ordnung und kulturgeschichtliche Deutung von Musikinstrumenten.
- Buchdruck Medientechnik, die Reformation, Schulbuch und Musikdruck beschleunigte.
- Musikdruck Technik und Kulturform der gedruckten Noten- und Gesangbuchüberlieferung.
- Humanismus Bildungsbewegung, die Sprachlehre, Schulwesen und Fachprosa prägte.
- Latein Gelehrtensprache, deren Verhältnis zur Volkssprache in der Reformationszeit neu bestimmt wurde.
- Volkssprache Deutsche Fach- und Unterrichtssprache als Medium kultureller Öffnung.
- Renaissance Kulturepoche, in der Musiktheorie, Humanismus, Druck und städtische Bildung zusammenwirkten.
- Frühe Neuzeit Epoche tiefgreifender Medien-, Bildungs- und Konfessionsumbrüche.
- Quellenkritik Methode zur Prüfung unsicherer Lebensdaten, Drucknachweise und Überlieferungen.
- Normdaten Bibliothekarische Identifikatoren für Personen, Werke und Überlieferung.