Agostino Agostini
Agostino Agostini war ein Ferrareser Sänger, Priester und Komponist der Renaissance. Seine Geburtsdaten sind unbekannt; er starb Ende September 1569 in Ferrara. Die erhaltene Werküberlieferung ist schmal, aber kulturgeschichtlich aufschlussreich, weil sie Agostino Agostini mit dem Musikleben Ferraras, mit der Kathedrale San Giorgio, mit der Familie Agostini und mit der späteren enigmatisch-kanonischen Kunst seines Sohnes oder Neffen Lodovico Agostini verbindet. Agostino gehört zu jenen Musikern des 16. Jahrhunderts, deren historische Bedeutung nicht aus einer großen Zahl selbständiger Drucke hervorgeht, sondern aus wenigen, präzise lokalisierbaren Quellen innerhalb einer reichen städtischen und höfischen Musikkultur.
Überblick
Agostino Agostini ist ein Komponist der Ferrareser Renaissance, dessen Lebensdaten nur teilweise bekannt sind. Das Geburtsjahr ist unbekannt, der Tod wird auf Ende September 1569 in Ferrara datiert. In der modernen Kurzüberlieferung wird er als Sänger, Priester und Komponist bezeichnet. Besonders wichtig ist seine Verbindung zur Kathedrale San Giorgio in Ferrara und zur Familie Agostini, aus der auch Lodovico Agostini hervorging.
Die erhaltene Werkbasis ist eng. Sicher fassbar ist das Madrigal Deh salvator zu vier Stimmen, das 1572 im zweiten vierstimmigen Madrigalbuch Lodovico Agostinis gedruckt wurde. Außerdem weist der RISM-Komponistenindex Agostino Agostini in der Sammlung Canones et echo sex vocibus von 1572 mit zwei Stücken nach. Damit ist Agostino vor allem durch spätere Druckzusammenhänge sichtbar, die im Umfeld Lodovico Agostinis stehen.
Gerade diese schmale Überlieferung ist kulturgeschichtlich bedeutsam. Sie zeigt, wie im 16. Jahrhundert musikalisches Wissen in Familien, geistlichen Institutionen, städtischen Netzwerken und Drucksammlungen weitergegeben wurde. Agostino steht am Übergang zwischen älterer geistlich geprägter Sängerpraxis und jener raffinierten Ferrareser Kunst des Madrigals, des Kanons und der musikalischen Rätsel, die in den 1570er und 1580er Jahren bei Lodovico Agostini besonders deutlich hervortritt.
Kurzdaten
| Name | Agostino Agostini |
|---|---|
| Geburtsdaten | Unbekannt |
| Sterbedatum | Ende September 1569; in manchen Kurzquellen präzisiert auf den 20. September 1569 |
| Sterbeort | Ferrara |
| Berufe und Rollen | Komponist, Sänger und Priester |
| Institutioneller Kontext | Kathedrale San Giorgio in Ferrara; geistliches und musikalisches Umfeld der Stadt Ferrara |
| Epoche | Renaissance, mittleres 16. Jahrhundert |
| Gattungen | Madrigal, Motette, Kanon, Echo-Komposition beziehungsweise enigmatisch-kanonische Vokalmusik |
| Gesicherte Werküberlieferung | Ein vierstimmiges Madrigal in Lodovico Agostinis zweitem Madrigalbuch von 1572; zwei Agostino Agostini zugeschriebene Stücke in Canones et echo sex vocibus, ebenfalls 1572 |
| Familiärer Bezug | In der Forschung meist als Vater, teils als Onkel oder mutmaßlicher Verwandter Lodovico Agostinis bezeichnet |
| Kulturgeschichtliche Bedeutung | Agostino Agostini steht für die Verbindung von geistlicher Sängerpraxis, Ferrareser Familiennetzwerk, Madrigaldruck und der frühen Vorgeschichte der enigmatischen Kanonkunst Lodovico Agostinis. |
Quellenlage und Namensabgrenzung
Die Quellenlage zu Agostino Agostini ist knapp und verlangt eine vorsichtige Darstellung. Während spätere Agostini-Komponisten wie Lodovico Agostini, Paolo Agostini oder Pietro Simone Agostini deutlichere Werkprofile besitzen, bleibt Agostino Agostini nur durch wenige Hinweise fassbar. In älteren Quellenlexika erscheint er besonders als Komponist des Madrigals Deh salvator, das in einem Druck Lodovico Agostinis von 1572 überliefert ist.
Hinzu kommt der RISM-Nachweis. Der RISM-Komponistenindex nennt Agostini Agostino für die Drucke 1572/7 und 1572/13, wobei 1572/13 zwei ihm zugeschriebene Stücke enthält. Der zweite Nachweis betrifft die Sammlung Canones et echo sex vocibus, die im Umfeld Lodovico Agostinis steht. Diese Quellenlage zeigt: Agostino ist nicht durch ein eigenes, selbständig gedrucktes Werkbuch bekannt, sondern durch einzelne Stücke in Drucken, die mit Lodovico Agostini verbunden sind.
Wichtig ist die Abgrenzung von Paolo Agostini, dem römischen Komponisten und Organisten des frühen 17. Jahrhunderts, sowie von Lodovico Agostini, dem wesentlich besser dokumentierten Ferrareser Komponisten. Ebenso darf Agostino nicht mit dem Arzt und Humanisten Agostino Agostini aus anderen Treccani-Kontexten verwechselt werden. Für diese Seite ist ausschließlich der Ferrareser Musiker gemeint, der 1569 starb und im Umkreis der Ferrareser Renaissancepolyphonie steht.
Biographischer Befund
Über Agostino Agostinis frühes Leben ist nichts Sicheres bekannt. Sein Geburtsjahr und seine Herkunft innerhalb der Familie Agostini bleiben offen. Sicher greifbar ist sein Tod in Ferrara Ende September 1569. Die erhaltenen biographischen Hinweise bezeichnen ihn als Sänger, Priester und Komponist. Damit gehört er zu jener Gruppe von Musikern, deren Tätigkeit zwischen geistlichem Amt, vokaler Praxis und kompositorischer Arbeit angesiedelt war.
Agostino wird mit der Kathedrale San Giorgio in Ferrara verbunden. Als Sänger und Priester war er Teil einer kirchlichen Musikkultur, in der liturgische Praxis, Kapellorganisation, Ausbildung, täglicher Gesang und gelegentliche Komposition zusammengehörten. Der Begriff des Komponisten darf für diese Zeit nicht an modernen Vorstellungen selbständiger Autorschaft gemessen werden. Viele Musiker komponierten als Teil einer praktischen musikalischen Tätigkeit, ohne ein großes eigenes Druckœuvre zu hinterlassen.
Besonders bedeutsam ist die Verbindung zu Lodovico Agostini. Lodovico wird in vielen Darstellungen als Sohn Agostinos bezeichnet; andere Formulierungen sprechen vorsichtiger von einem Neffen oder mutmaßlichen Verwandten. Diese Unsicherheit ist quellenkritisch wichtig. Unabhängig von der exakten genealogischen Beziehung zeigt die Überlieferung jedoch, dass Agostino im Familien- und Traditionszusammenhang Lodovicos steht. Seine Werke erscheinen in genau jenem Druckumfeld, in dem Lodovico seine Kunst des Madrigals, des Kanons und der Echo-Komposition ausbildete.
Ferrara als musikalischer Kulturraum
Ferrara war im 16. Jahrhundert einer der bedeutendsten musikalischen Orte Italiens. Die Stadt stand unter der Herrschaft der Este und entwickelte eine hoch anspruchsvolle Hof- und Kirchenmusik. Bereits vor der berühmten Blütezeit des concerto delle donne war Ferrara ein Ort, an dem Sänger, Instrumentalisten, Geistliche, Komponisten, Humanisten und höfische Auftraggeber miteinander verbunden waren.
Agostino Agostini gehört zeitlich in die Vorphase jener hochartifiziellen Ferrareser Musikkultur, die später durch Luzzasco Luzzaschi, Lodovico Agostini, Alfonso II. d’Este, die virtuosen Sängerinnen am Hof und die extreme Verfeinerung des Madrigals berühmt wurde. Seine wenigen erhaltenen Werke stehen also nicht isoliert, sondern am Rand eines Kulturraums, der im späteren 16. Jahrhundert zu einem Labor musikalischer Künstlichkeit, Expressivität und gelehrter Rätseltechnik wurde.
Die Ferrareser Kultur verband mehrere Ebenen. Die Kathedrale prägte die geistliche Praxis; der Hof organisierte Repräsentation und höfische Geselligkeit; humanistische und literarische Netzwerke lieferten Texte, Formen und intellektuelle Anregungen; der Musikdruck verbreitete ausgewählte Werke über die Stadt hinaus. Agostino Agostini ist innerhalb dieser Konstellation als kleiner, aber aussagekräftiger Knotenpunkt zu sehen.
San Giorgio, Klerus und musikalische Praxis
Die Verbindung Agostino Agostinis mit der Kathedrale San Giorgio ist für seine Einordnung zentral. Kathedralen waren im 16. Jahrhundert nicht nur liturgische Zentren, sondern auch musikalische Ausbildungs-, Aufführungs- und Erinnerungsräume. Sänger und Priester konnten dort täglich mit liturgischer Musik, mehrstimmigen Festgesängen, Chororganisation und geistlicher Repräsentation befasst sein.
Ein solcher institutioneller Hintergrund erklärt, weshalb Agostino sowohl als Sänger als auch als Priester und Komponist begegnet. Die Rollen waren nicht scharf getrennt. Der Sänger war liturgischer Praktiker; der Priester war Teil der geistlichen Ordnung; der Komponist konnte aus dieser Praxis heraus für konkrete Anlässe, Kollegen oder Drucksammlungen schreiben. Die wenigen erhaltenen Werke Agostinos sollten deshalb als Spuren einer größeren, weitgehend verlorenen Praxis verstanden werden.
Für die Kulturgeschichte der Renaissance ist dies wichtig. Viele Musiker erscheinen heute nur in Drucksplittern, archivalischen Notizen oder Katalogen. Ihre historische Existenz war jedoch reicher als die erhaltene Überlieferung. Agostino Agostini steht beispielhaft für solche musikalischen Mittlerfiguren: institutionell eingebunden, praktisch erfahren, familiär vernetzt und durch wenige Werke im Druckgedächtnis erhalten.
Agostino und Lodovico Agostini
Die Beziehung zwischen Agostino und Lodovico Agostini ist einer der wichtigsten Punkte des Eintrags. Lodovico Agostini, geboren 1534 in Ferrara und gestorben 1590, wurde zu einem bedeutenden Vertreter der Ferrareser Spätrenaissance. Er war Sänger, Priester, Komponist und Gelehrter und ist besonders durch Madrigale, Enigmen, Kanons und Echo-Kompositionen bekannt.
Agostino wird in der älteren und modernen Überlieferung als Vater Lodovicos bezeichnet; in vorsichtigeren Formulierungen erscheint er als Onkel oder mutmaßlicher Verwandter. Diese Differenz ist nicht nebensächlich, weil sie zeigt, wie unsicher genealogische Nachrichten bei Renaissance-Musikern sein können. Für die musikalische Einordnung ist jedoch entscheidend, dass Agostino in den Drucken Lodovicos präsent ist. Das bedeutet, dass seine Musik nicht zufällig überliefert wurde, sondern in einem bewussten Agostini-Familien- und Werkzusammenhang erschien.
Die Aufnahme von Agostinos Stücken in Lodovicos Drucke kann als Zeichen familiärer Erinnerung, musikalischer Autorität oder Traditionsbindung verstanden werden. Sie stellt Agostino gleichsam an den Anfang einer Ferrareser Agostini-Linie. Lodovicos spätere Neigung zu Rätseln, Kanons, Echoeffekten und kunstvoller Mehrstimmigkeit hat Agostino nicht notwendig direkt begründet, aber die überlieferten Stücke lassen erkennen, dass die Familie Agostini schon vor Lodovicos reifer Produktion in der anspruchsvollen Vokalkunst Ferraras präsent war.
Ausführlicher Kulturüberblick
Agostino Agostini gehört in die Kultur der italienischen Renaissance, genauer in die musikalische Welt Ferraras um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Diese Welt war durch mehrere Spannungen geprägt: zwischen Kirche und Hof, zwischen Liturgie und weltlichem Madrigal, zwischen praktischer Sängerarbeit und gelehrter Komposition, zwischen lokaler Institution und überregionalem Musikdruck. Gerade weil Agostinos erhaltenes Werk klein ist, lässt sich an ihm zeigen, wie stark einzelne Musiker in solche Netzwerke eingebunden waren.
Die geistliche Seite dieser Kultur war durch die Kathedrale San Giorgio bestimmt. Dort wurde täglich gesungen, dort hatten Priester, Kapläne, Sänger und Kapellangehörige konkrete Aufgaben, und dort entstand ein musikalischer Alltag, der in späteren Werklisten nur teilweise sichtbar wird. Agostino war nicht nur ein Name auf einem Drucktitel, sondern Teil eines rituellen und institutionellen Klangraums. Seine Tätigkeit als Sänger und Priester gehört daher unmittelbar zur Kulturgeschichte der Stadt.
Die höfische Seite Ferraras war nicht weniger wichtig. Der Este-Hof entwickelte im 16. Jahrhundert ein besonderes Interesse an raffinierter Musik. Ferrara wurde zu einem Zentrum des Madrigals, der vokalen Virtuosität und der musikalischen Künstlichkeit. Die später berühmte Ferrareser Szene um Luzzasco Luzzaschi, Lodovico Agostini und das concerto delle donne beruhte auf Voraussetzungen, die schon vor 1570 entstanden waren: auf einer dichten städtischen Musikkultur, auf gebildeten Hörern, auf literarischer Raffinesse und auf einer hohen Wertschätzung vokaler Kunst.
Agostino Agostinis Werküberlieferung liegt genau an dieser Schnittstelle. Das Madrigal Deh salvator verweist auf weltliche beziehungsweise geistlich gefärbte Madrigalkultur, während die beiden Agostino zugeschriebenen Stücke in Canones et echo sex vocibus ihn mit einer gelehrten, rätselhaft-kanonischen und echohaften Kunstform verbinden. Die Sammlung selbst ist stark mit Lodovico Agostinis experimenteller Kunst verbunden, doch Agostinos Anwesenheit darin erweitert den Blick auf die familiäre und generationelle Tiefe dieser Kunst.
Die Kultur des Kanons hatte im 16. Jahrhundert eine besondere Bedeutung. Ein Kanon war nicht nur eine technische Form, sondern ein Zeichen musikalischer Gelehrsamkeit. Enigmatische Kanons verlangten vom Sänger oder Leser, die Lösung aus Hinweisen, Rätseln oder Regeln zu erschließen. Musik wurde dadurch zu einer Kunst der verborgenen Ordnung. In Ferrara, wo humanistische Bildung, höfischer Geschmack und musikalische Virtuosität eng verbunden waren, besaßen solche Verfahren besonderen Reiz.
Echo-Kompositionen gehörten ebenfalls zu dieser Kultur der Klangkunst. Der Echoeffekt war nicht nur ein akustischer Scherz, sondern konnte als räumliche, rhetorische und poetische Figur wirken. Er konnte Antwort, Entfernung, Erinnerung, Spiegelung oder Ironie bedeuten. Im Kontext von Madrigal und Motette verband sich das Echo mit Wortspiel, Klangreflexion und musikalischem Kunstverstand. Dass Agostino im Umfeld einer solchen Sammlung erscheint, macht ihn für die Kulturgeschichte Ferraras relevanter, als die geringe Zahl seiner erhaltenen Werke zunächst vermuten lässt.
Der Musikdruck schließlich ist der Grund, warum Agostino überhaupt sichtbar bleibt. Ohne die venezianischen beziehungsweise norditalienischen Druckzusammenhänge der Gardano-Tradition und ohne spätere Katalogarbeit wäre sein Name kaum mehr greifbar. Sein Fall zeigt, dass Renaissance-Musikgeschichte nicht nur aus großen Komponistenbiographien besteht, sondern aus Druckspuren, Kataloghinweisen, Stimmbüchern, Familienbeziehungen und institutionellen Kontexten. Agostino Agostini ist ein kleiner, aber typischer Fall dieser quellengebundenen Kulturgeschichte.
Madrigal, Motette, Kanon und Echo
Die Gattungen, mit denen Agostino Agostini verbunden ist, gehören zu den anspruchsvollsten vokalen Formen der Renaissance. Das Madrigal war im 16. Jahrhundert die wichtigste weltliche Kunstform der italienischen Mehrstimmigkeit. Es verband poetische Texte, rhetorische Textausdeutung, vokalen Satz und ein zunehmend sensibles Verhältnis von Wort und Klang. Schon ein einzelnes erhaltenes Madrigal kann deshalb kulturgeschichtlich aussagekräftig sein.
Die Motette hingegen steht stärker im geistlichen Kontext. Wenn Agostino in einer Sammlung genannt wird, die Motetten, Kanons und Echo-Kompositionen enthält, weist dies auf eine Nähe zur gelehrten sakralen oder sakralisierenden Vokalkunst. Dabei ist nicht immer scharf zwischen geistlicher, höfischer und gelehrter Funktion zu trennen. Gerade in Ferrara konnte Musik zugleich fromm, kunstvoll, rätselhaft und höfisch genießbar sein.
Der Kanon ist die zentrale Form musikalischer Gesetzlichkeit. Er zeigt, dass Musik aus Regeln hervorgehen kann, die nicht immer unmittelbar sichtbar sind. Ein enigmatischer Kanon steigert diese Idee: Die Regel ist verborgen und muss entschlüsselt werden. Die Echo-Komposition ergänzt dieses Prinzip durch akustische Spiegelung. Sie arbeitet mit Wiederholung, räumlicher Illusion und Antwortstruktur. Agostinos überlieferte Position im Umfeld dieser Formen macht ihn zu einem Vertreter jener Kunst, die Klang und Intellekt miteinander verbindet.
Stilistische Einordnung
Eine detaillierte Stilbeschreibung Agostino Agostinis ist wegen der kleinen und nicht vollständig leicht zugänglichen Werküberlieferung nur vorsichtig möglich. Sicher ist, dass er in einem Umfeld arbeitete, in dem vierstimmiges Madrigal, mehrstimmige Motette, Kanon und Echo-Komposition präsent waren. Seine Musik gehört somit zur vokalen Hochkultur des mittleren 16. Jahrhunderts, nicht zur einfachen Gebrauchsmusik im engeren Sinn.
Das Madrigal Deh salvator zu vier Stimmen steht in der Welt des italienischen Madrigaldrucks. Die vierstimmige Anlage ist typisch für viele Madrigale des 16. Jahrhunderts und erlaubt eine Balance zwischen Textverständlichkeit, imitatorischem Satz und harmonischer Beweglichkeit. Der Titel lässt eine bittende oder anrufende Textgestalt vermuten; eine gesicherte Einzelanalyse setzt jedoch die Einsicht in den vollständigen Notentext voraus.
Die beiden Stücke in Canones et echo sex vocibus weisen Agostino in den Bereich gelehrter Mehrstimmigkeit. Ob sie primär als Motetten, Kanons oder Echo-Stücke zu klassifizieren sind, muss am jeweiligen Quellenbefund geprüft werden. Für die Kulturlexikon-Einordnung ist entscheidend: Agostino erscheint nicht als Komponist schlichter Vokalsätze, sondern in einem Druck, der ausdrücklich mit Kanon, Echo und Mehrstimmigkeit arbeitet.
Komplettes Werkverzeichnis
Das Werkverzeichnis ist quellenkritisch zu verstehen. Für Agostino Agostini ist kein selbständiges Werkbuch sicher nachgewiesen. Vollständig erfassbar sind nach der derzeit zugänglichen Katalog- und Quellenlage ein vierstimmiges Madrigal im zweiten Madrigalbuch Lodovico Agostinis sowie zwei Stücke in der Sammlung Canones et echo sex vocibus von 1572. Das folgende Verzeichnis unterscheidet zwischen gesichert benanntem Einzelwerk und katalogisch nachgewiesenen, aber in der zugänglichen Kurzüberlieferung nicht einzeln betitelten Stücken.
Werkbestand nach gegenwärtiger Quellenlage
| Gesicherter Umfang | Ein namentlich genanntes vierstimmiges Madrigal sowie zwei weitere Agostino Agostini zugeschriebene Stücke in einem Kanon- und Echo-Druck von 1572. |
|---|---|
| Selbständige Drucke | Keine eigenen selbständigen Drucke Agostino Agostinis sind nach der hier verwendeten Quellenlage sicher nachgewiesen. |
| Druckkontext | Die erhaltenen Stücke erscheinen in Drucken, die mit Lodovico Agostini und der Ferrareser Agostini-Tradition verbunden sind. |
| Gattungen | Madrigal sowie Stücke im Umfeld von Motette, Kanon und Echo-Komposition. |
Einzeln nachweisbare Werke
| Deh salvator | Vierstimmiges Madrigal; überliefert in Lodovico Agostini, Libro secondo de madrigali à quatro voci, Venedig, figlioli di Antonio Gardano, 1572. Eitner nennt Agostino Agostini ausdrücklich als Komponisten dieses Madrigals innerhalb des Drucks. |
|---|---|
| Zwei Stücke in Canones et echo sex vocibus | Zwei Agostino Agostini zugeschriebene Stücke in Lodovico Agostini, Canones et echo sex vocibus, Venedig, figlioli di Antonio Gardano, 1572. Der RISM-Komponistenindex weist Agostino Agostini für diesen Druck mit zwei Stücken nach; die genaue Einzeltitelzuordnung ist anhand der vollständigen Stimmbuchquelle beziehungsweise moderner Editionen zu prüfen. |
| Unsichere oder nicht nachgewiesene weitere Werke | Weitere Kompositionen Agostino Agostinis sind in der herangezogenen Kataloglage nicht sicher nachweisbar. Mögliche handschriftliche, verlorene oder falsch zugeschriebene Werke müssten über RISM, Bibliothekskataloge und die Ferrareser Archivüberlieferung geprüft werden. |
Überlieferung, Drucke und Kataloglage
Agostino Agostinis Überlieferung ist ein Beispiel für indirekte musikalische Sichtbarkeit. Er erscheint nicht durch ein eigenes gedrucktes Opus, sondern durch die Aufnahme einzelner Stücke in Drucke, die primär mit Lodovico Agostini verbunden sind. Der wichtigste Madrigalnachweis betrifft das zweite vierstimmige Madrigalbuch Lodovicos von 1572. Der zweite zentrale Nachweis betrifft die Sammlung Canones et echo sex vocibus, ebenfalls von 1572.
Diese Drucke stehen in der norditalienischen Musikdruckkultur der Gardano-Tradition. Stimmbücher waren die übliche Form der Veröffentlichung mehrstimmiger Vokalmusik. Sie dienten praktischer Aufführung, Sammlung, Repertoirebildung und sozialer Zirkulation. Dass Agostinos Name in solchen Zusammenhängen erhalten blieb, zeigt den Wert des Drucks als Speicher musikalischer Autorschaft.
Die moderne Forschung ist auf Kataloge wie RISM, ältere Quellenlexika wie Eitner, Digitalisate, moderne Editionen und Spezialstudien zur Ferrareser Musik angewiesen. Die knappe Lage sollte nicht dazu führen, Agostino zu überschätzen; sie sollte aber ebenso wenig zu einer bloßen Randnotiz führen. Sein Fall ist typisch für viele Renaissance-Musiker, deren Tätigkeit größer war als das erhaltene Werkverzeichnis.
Rezeption und Forschungsgeschichte
Agostino Agostini besitzt keine breite moderne Rezeptionsgeschichte. Seine Bedeutung ist vor allem quellenkundlich, familiengeschichtlich und kulturhistorisch. Er wird in der Regel im Zusammenhang mit Lodovico Agostini, mit der Ferrareser Musik und mit den Drucken von 1572 erwähnt. Diese Rezeptionsform ist typisch für Musiker, deren eigene Werke nicht kontinuierlich aufgeführt oder ediert wurden, die aber innerhalb eines bedeutenden Umfelds sichtbar bleiben.
Ältere Musiklexika interessieren sich vor allem für die Identifikation des Madrigals Deh salvator. RISM erweitert die Sicht, indem es Agostino in zwei Drucken von 1572 nachweist. Moderne Spezialseiten und Editionen zur Sammlung Canones et echo machen außerdem deutlich, dass Agostino nicht nur als biographischer Vorläufer Lodovicos, sondern als beteiligter Komponist einer anspruchsvollen Sammlung zu beachten ist.
Für eine künftige Forschung wären drei Aufgaben besonders wichtig: Erstens müssten die zwei Agostino zugeschriebenen Stücke in Canones et echo eindeutig mit Titel, Besetzung und Notentext identifiziert werden. Zweitens wäre zu prüfen, ob archivalische Unterlagen der Kathedrale San Giorgio weitere biographische Hinweise enthalten. Drittens wäre Agostinos Stellung innerhalb der Ferrareser Agostini-Familie genealogisch sauberer zu klären.
Sekundärliteratur
| Die Musik in Geschichte und Gegenwart: „Agostini“ | Lexikalischer Ausgangspunkt für die Agostini-Familie und für die Unterscheidung von Agostino, Lodovico, Paolo und weiteren Namensträgern. |
|---|---|
| The New Grove Dictionary of Music and Musicians: „Agostini“ | Internationale Standardreferenz zur Einordnung der Agostini-Komponisten, insbesondere Lodovico Agostinis und seines familiären Umfelds. |
| Robert Eitner: Biographisch-bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten | Älteres, aber weiterhin wichtiges Quellenlexikon; nennt Agostino Agostini als Komponisten des Madrigals Deh salvator im zweiten Madrigalbuch Lodovico Agostinis von 1572. |
| RISM B/I: Recueils imprimés XVI–XVII siècles. Index of composers | Wichtiger Komponistenindex; weist Agostino Agostini für die Drucke 1572/7 und 1572/13 nach. |
| Katelijne Schiltz und Bonnie J. Blackburn, Hrsg.: Canons and Canonic Techniques, 14th–16th Centuries | Grundlegender Forschungszusammenhang für Kanontechnik, enigmatische Verfahren und die gelehrte Kunst, in deren Umfeld Lodovico und Agostino Agostini stehen. |
| Laurie Stras: „Al gioco si conosce il galantuomo“ | Studie zu Kunst, Humor und musikalischer Raffinesse im Umfeld der Agostini-Überlieferung; wichtig für den kulturellen Horizont der Ferrareser Rätsel- und Kanonkunst. |
| Laurie Stras: Women and Music in Sixteenth-Century Ferrara | Umfassende Studie zur Ferrareser Musikkultur, zum Hof, zu Frauen als Musikerinnen und Patroninnen sowie zum Verhältnis von Hof, Kirche und musikalischer Kunst. |
| Iain Fenlon: Music and Patronage in Sixteenth-Century Mantua | Wichtig für den norditalienischen Rahmen von Musik, Patronage, Hofkultur und Komponistennetzwerken des 16. Jahrhunderts. |
| Gustave Reese: Music in the Renaissance | Klassisches Überblickswerk zur Renaissance-Musik, nützlich für Madrigal, Motette, Kanon und italienische Vokalkultur. |
| Anthony Newcomb: Studien zur Musik am Hof von Ferrara | Grundlegend für das Verständnis der Ferrareser Hofmusik, des Madrigals und der späteren Blüte um Luzzaschi, Lodovico Agostini und das concerto delle donne. |
| Alfred Einstein: The Italian Madrigal | Historisch wichtiges Standardwerk zur italienischen Madrigalkultur, auch wenn einzelne Zuschreibungen stets mit neueren Katalogen abzugleichen sind. |
| James Haar, Hrsg.: European Music, 1520–1640 | Überblick zur europäischen Musik zwischen Hochrenaissance und Frühbarock; nützlich für den größeren Stilrahmen. |
| Tim Carter und John Butt, Hrsg.: The Cambridge History of Seventeenth-Century Music | Für die Nachgeschichte der Ferrareser Renaissance und die Übergänge zur frühbarocken Musikkultur relevant. |
| Nino Pirrotta: Studien zur italienischen Renaissance- und Frühbarockmusik | Wichtig für die Verbindung von Text, Musik, Humanismus, Gattung und höfischem Kontext. |
Onlinequellen
| MGG Online, Artikel „Agostini“ | Lexikalischer Einstieg zu Agostino Agostini und weiteren Komponisten der Familie Agostini. URL: https://www.mgg-online.com/articles/mgg00134/1.0/id-95583ba4-c110-2951-96fa-81620e6e0c91 |
|---|---|
| RISM Online, Madrigali, libro 2 | Katalogseite zu Lodovico Agostinis zweitem Madrigalbuch von 1572, mit Querverweis auf Agostino Agostini. URL: https://opac.rism.info/id/rismid/rism990000405 |
| RISM Online, Canones, liber 1 | Katalogseite zu Canones et echo sex vocibus, RISM 990000406, mit Hinweis auf Agostino Agostini und Lodovico Agostini. URL: https://opac.rism.info/id/rismid/rism990000406 |
| RISM B/I Komponistenindex | PDF-Index der Komponisten in gedruckten Sammelwerken des 16. und 17. Jahrhunderts; nennt Agostino Agostini bei 1572/7 und 1572/13. URL: https://rism.info/publications/RecueilsKomponistenindex.pdf |
| Eitner, Biographisch-bibliographisches Quellen-Lexikon, Digitalisat | Digital zugänglicher erster Band des Quellenlexikons; enthält den Artikel zu Agostino Agostini und die älteren bibliographischen Hinweise. URL: https://www.musik.uzh.ch/dam/jcr:ffffffff-c1bc-c70b-0000-0000671cb79e/EitnerQ_01.pdf |
| Ars Subtilior Editions, Canones et echo sex vocibus | Moderne Editions- und Kontextseite zu Lodovico Agostinis Sammlung von 1572 mit Hinweis auf Agostino Agostini. URL: https://www.arsubtilioreditions.com/2022/12/lodovico-agostini-1534-1590-canones-et.html |
| Ars Subtilior Editions, Schlagwort Agostini | Übersicht zu Agostini-bezogenen Ausgaben und Hinweisen, besonders zur Kanon- und Echo-Tradition Lodovico und Agostino Agostinis. URL: https://www.arsubtilioreditions.com/search/label/Agostini |
| IMSLP, Kategorie Lodovico Agostini | Partitur- und Werkumfeld zu Lodovico Agostini; relevant zur Familien- und Drucküberlieferung, in der auch Agostino Agostini erscheint. URL: https://imslp.org/wiki/Category:Agostini,_Lodovico |
| IMSLP, Madrigali a 4 voci, Libro 2 | Werkseite zum zweiten vierstimmigen Madrigalbuch Lodovico Agostinis, dem Druckkontext von Agostinos Madrigal Deh salvator. URL: https://imslp.org/wiki/Madrigali_a_4_voci,_Libro_2_(Agostini,_Lodovico) |
| Polyphony Database | Rechercheportal für Renaissancepolyphonie; nützlich zur weiteren Quellen- und Repertoireprüfung. URL: https://polyphonydatabase.com/ |
| Cantus Database | Datenbank für lateinische Gesänge und liturgische Quellen; relevant für den geistlichen Kontext mehrstimmiger Musik. URL: https://cantusdatabase.org/ |
| DIAMM | Digital Image Archive of Medieval Music; hilfreich für Handschriften- und Quellenforschung zur älteren Mehrstimmigkeit. URL: https://www.diamm.ac.uk/ |
| RISM Online | Internationales Quellenrepertorium für musikalische Handschriften und Drucke. URL: https://rism.online/ |
| OPAC SBN | Italienischer Bibliothekskatalog für Drucke, Stimmbücher, Sekundärliteratur und Digitalisate. URL: https://opac.sbn.it/ |
| EDIT16 | Italienischer Zensus der Drucke des 16. Jahrhunderts; wichtig zur Prüfung von Madrigal- und Motettendrucken. URL: https://edit16.iccu.sbn.it/ |
| Internet Culturale | Italienisches Portal für digitale Kultur- und Bibliotheksbestände. URL: https://www.internetculturale.it/ |
| Gallica, Bibliothèque nationale de France | Digitalisate historischer Musikdrucke, Quellen und Sekundärliteratur. URL: https://gallica.bnf.fr/ |
| Bayerische Staatsbibliothek, Digitale Sammlungen | Digitalisate historischer Musikdrucke und Quellen der Renaissance. URL: https://www.digitale-sammlungen.de/ |
| WorldCat | Internationaler Bibliothekskatalog für Sekundärliteratur, Quellen, Editionen und Reproduktionen. URL: https://www.worldcat.org/ |
| VIAF | Internationaler Normdatenverbund zur Prüfung von Namensformen und bibliothekarischen Identifikatoren. URL: https://viaf.org/ |
Weiterführende Einträge
- Alfonso II. d’Este vertieft den höfischen Rahmen, in dem die spätere Ferrareser Madrigalkultur ihre stärkste Ausprägung fand.
- Canones et echo erschließt die Sammlung von 1572, in der auch Agostino Agostini mit zwei Stücken nachgewiesen ist.
- Cantus firmus erklärt ältere Techniken musikalischer Satzkunst, die für das Verständnis gelehrter Renaissancepolyphonie wichtig sind.
- Concerto delle donne führt zur berühmten Ferrareser Sängerinnenkultur, die nach Agostinos Tod am Este-Hof aufblühte.
- Echo-Komposition stellt die Klang- und Antworttechnik vor, die im Umfeld der Agostini-Drucke besondere Bedeutung besitzt.
- Enigmatischer Kanon erläutert die Rätsel- und Regelkunst, die für Lodovico Agostinis Drucke und Agostinos spätere Überlieferung wichtig ist.
- Este ordnet Ferraras Musikleben in die Kulturpolitik der regierenden Dynastie ein.
- Ferrara erschließt den städtischen, kirchlichen und höfischen Kulturraum Agostino Agostinis.
- Ferrareser Madrigal vertieft die lokale Madrigalkultur, die im späteren 16. Jahrhundert europaweite Bedeutung gewann.
- Gardano führt zur venezianischen Musikdruckerfamilie, in deren Umfeld Agostinos überlieferte Stücke gedruckt wurden.
- Geistliche Musik ordnet Agostinos priesterlichen und kathedralenmusikalischen Kontext ein.
- Hofmusik stellt das Verhältnis von Repräsentation, Kunstmusik und höfischem Hören dar.
- Kanon erklärt die zentrale Kompositionstechnik, die für die Agostini-Tradition besonders wichtig ist.
- Kathedralmusik erschließt die institutionelle Praxis, in der Sänger, Priester und Komponisten des 16. Jahrhunderts tätig waren.
- Lodovico Agostini führt zum besser dokumentierten Ferrareser Komponisten und mutmaßlichen Sohn oder Verwandten Agostinos.
- Luzzasco Luzzaschi stellt eine zentrale Gestalt der späteren Ferrareser Madrigalkunst vor.
- Madrigal erklärt die wichtigste weltliche Vokalform der italienischen Renaissance.
- Motette ordnet Agostinos möglichen geistlich-mehrstimmigen Werkzusammenhang ein.
- Musikdruck zeigt, wie Agostinos Name durch Stimmbücher und Drucksammlungen erhalten blieb.
- Norditalienische Renaissance bietet den größeren kulturellen Rahmen für Ferrara, Venedig, Mantua und die Musikdruckzentren des 16. Jahrhunderts.
- Orlando di Lasso vertieft den europäischen Vergleichshorizont mehrstimmiger Vokalmusik des 16. Jahrhunderts.
- Paolo Agostini hilft bei der Abgrenzung zum späteren römischen Komponisten gleichen Familiennamens.
- Polyphonie erklärt die mehrstimmige Satzkunst, in der Agostinos überlieferte Werke stehen.
- Renaissance ordnet Agostino Agostini in den größeren europäischen Kultur- und Musikraum ein.
- RISM erläutert das internationale Quellenrepertorium, das für Agostinos Werküberlieferung zentral ist.
- San Giorgio in Ferrara führt zur Kathedrale, mit der Agostinos priesterlich-musikalischer Kontext verbunden ist.
- Satzkunst erklärt die gelehrte kompositorische Ordnung von Kontrapunkt, Kanon und Imitation.
- Stimmbuch beschreibt die Druck- und Aufführungsform, durch die Renaissance-Vokalmusik überliefert wurde.
- Venediger Musikdruck stellt das Druckumfeld dar, in dem die Agostini-Überlieferung von 1572 steht.
- Vokalmusik bietet den übergeordneten Gattungsrahmen für Madrigal, Motette, Kanon und Echo-Komposition.