Kulturlexikon

Adam de la Bassée

Geburtsdaten und Sterbeort unbekannt · † 1286 · Kanoniker und Priester an St. Pierre in Lille, Dichter und Musiker

Adam de la Bassée war ein Kanoniker und Priester an der Stiftskirche St. Pierre in Lille, im kulturellen Umfeld von Arras. Er ist fast ausschließlich durch sein Ludus super Anticlaudianum greifbar, eine lateinische, gereimte und musikalisch durchsetzte Bearbeitung des Anticlaudianus von Alain de Lille. Dieses Werk ist kulturgeschichtlich ungewöhnlich dicht: Es verbindet scholastische Allegorie, moraltheologische Menschenbildung, lateinische Dichtung, Trouvère-Melodien, geistliche und weltliche Contrafacta, Motette, Conductus, liturgische Gattungen und die musikalische Schreibkultur Nordfrankreichs im späten 13. Jahrhundert.

Überblick

Adam de la Bassée gehört zu den gelehrten, geistlich gebundenen Dichter-Musikern des späten 13. Jahrhunderts, deren Bedeutung nicht in einer großen Zahl eigenständiger Werke liegt, sondern in einem außergewöhnlich komplexen Einzelwerk. Sein Ludus super Anticlaudianum ist keine bloße Nacherzählung des berühmten Anticlaudianus von Alain de Lille. Es ist eine neue, didaktisch und musikalisch zugespitzte Bearbeitung, die den Weg zur Erschaffung und Formung des vollkommenen Menschen als allegorische, moralische und klangliche Bewegung gestaltet.

Das Werk ist in lateinischer Sprache verfasst, aber seine ästhetische Welt ist nicht rein scholastisch. Adam de la Bassée nimmt Melodien und Formen auf, die aus der geistlichen Liturgie, aus der lateinischen Liedkunst, aus der Trouvère-Kultur und aus der höfisch-städtischen Musikpraxis stammen. Besonders wichtig sind die Contrafacta: bestehende Melodien werden mit neuen lateinischen Texten versehen und in eine christliche Allegorie eingepasst. Dadurch entsteht eine Art musikalischer Speicher des 13. Jahrhunderts, in dem geistliche und weltliche Klangtraditionen zusammengeführt werden.

Die heutige Forschung sieht das Ludus super Anticlaudianum als einen Schlüsseltext für mehrere Bereiche zugleich: für die Rezeption Alain de Lilles, für die Geschichte der Allegorie, für die mittelalterliche Musiküberlieferung, für die Contrafactur, für die Grenzzone zwischen lateinischer und volkssprachlicher Liedkultur sowie für die Frage, wie Musik im 13. Jahrhundert moralische und geistliche Transformation darstellen konnte.

Kurzdaten

Biographische und kulturgeschichtliche Grunddaten
Hauptname Adam de la Bassée.
Weitere Namensformen Adam de La Bassée, Adam de la Bassee, Adam de La Bassee, Adam de Labassée, Adam de Labassee, Adamus de Basseia, Adamus de Bassea.
Geburt Geburtsdaten unbekannt; eine Herkunft aus La Bassée oder dem Raum Lille / Artois ist aufgrund des Namens möglich, aber nicht sicher zu biographisieren.
Tod 1286; einzelne Norm- und Katalogdaten nennen den 25. oder 26. Februar 1286. Der Sterbeort ist unbekannt.
Stand / Amt Kanoniker und Priester an der Stiftskirche St. Pierre in Lille.
Wirkungsraum Lille, St. Pierre, Artois, kultureller Nahraum von Arras.
Beruf / Rolle Geistlicher, Dichter, Musiker, lateinischer Allegoriker, Bearbeiter und Kompilator musikalischer Formen.
Hauptwerk Ludus super Anticlaudianum, vor 1286, wahrscheinlich um 1279 bis 1285.
Vorlage Anticlaudianus von Alain de Lille, eine lateinische allegorisch-philosophische Dichtung des späten 12. Jahrhunderts.
Sprache Latein.
Form Etwa 5150 Verse; allegorischer Ludus beziehungsweise lateinisches Mystère / Spiel mit 38 musikalischen Einlagen.
Musikalischer Bestand 38 musikalische Stücke im Werkzusammenhang; überwiegend einstimmig, zwei mehrstimmige Stücke, zahlreiche Contrafacta nach geistlichen und weltlichen Melodien.
Zentrale Handschrift Lille, Bibliothèque municipale, Ms. 316, ehemals Ms. 397; möglicherweise teilweise im Umkreis oder in der Hand Adam de la Bassées entstanden.
Moderne Edition Paul Bayart, Ludus super Anticlaudianum, Tourcoing / Lille 1930.
Kulturgeschichtliche Bedeutung Adam de la Bassée verbindet lateinische Allegorie, scholastische Morallehre, Trouvère-Melodien, Contrafacta, Motettenpraxis und die geistlich-städtische Kultur Nordfrankreichs im späten 13. Jahrhundert.

Namen, Schreibweisen und Dateiansetzung

Die Hauptform dieses Eintrags lautet Adam de la Bassée. Diese Form ist in der romanistischen und musikhistorischen Forschung besonders verbreitet. In lateinischen und bibliographischen Kontexten begegnen Formen wie Adamus de Basseia oder Adamus de Bassea. Die GND führt unter anderem Adamus, De Bassea und Varianten wie Adam, De La Bassée beziehungsweise Adam, De Labassée. Die französische Großschreibung schwankt zwischen de la Bassée und de La Bassée.

Der Dateiname folgt hier der geläufigen mittelalterlichen Lemmaform und lautet adam-de-la-bassee.shtml. Eine mechanische Umsetzung der modernen Familiennamenregel in eine Form wie bassee-adam-de-la.shtml wäre bei mittelalterlichen Herkunfts- und Namensformen weniger sachgerecht, weil de la Bassée nicht wie ein stabiler neuzeitlicher Familienname funktioniert. Für Nutzerführung, Suche und wissenschaftliche Lesbarkeit ist die kanonische Form Adam de la Bassée vorzuziehen.

Namensformen und Verwendung
Form Kontext Empfohlene Verwendung
Adam de la Bassée Hauptform in deutschsprachigem Fließtext und im Kulturlexikon. Als H1, sichtbarer Name und Standardform verwenden.
Adam de La Bassée Französische oder katalogische Variante mit großgeschriebenem Artikelbestandteil. Als Alternativform in Metadaten und Quellenabschnitten mitführen.
Adam de la Bassee ASCII- beziehungsweise nicht-akzentuierte Suchform. Für Suchmaschinen und interne Suchlogik berücksichtigen.
Adamus de Basseia Lateinische Form, besonders im Titel der Edition und in Handschriftenkontexten. Für Primärquellen und wissenschaftliche Nachweise verwenden.
Adamus de Bassea Normdaten- und Variantenform. Als Suchvariante nennen, nicht als Hauptlemma verwenden.
adam-de-la-bassee.shtml Dateiname nach geläufiger Lemmaform. Als Canonical und Hauptdatei verwenden.

Quellenlage und biographische Unsicherheiten

Die biographische Überlieferung zu Adam de la Bassée ist sehr schmal. Sicher ist, dass er Kanoniker und Priester an der Stiftskirche St. Pierre in Lille war und 1286 starb. Geburtsjahr, Geburtsort, Ausbildung, familiäre Herkunft und Sterbeort sind unbekannt. Auch die genaue Tagesangabe des Todes wird in verschiedenen modernen Nachweisen nicht einheitlich wiedergegeben; für eine vorsichtige Darstellung genügt daher die Jahresangabe 1286, mit dem Hinweis auf abweichende Tagesangaben in Katalogen.

Die Quellenlage wird fast vollständig durch das Ludus super Anticlaudianum und seine einzige erhaltene Hauptüberlieferung bestimmt. Das Werk ist in Lille, Bibliothèque municipale, Ms. 316, erhalten. Diese Handschrift ist für die Biographie deshalb wichtig, weil sie Adam nicht nur als Autor, sondern als geistlichen Musiker, Bearbeiter und Kenner zeitgenössischer Melodien sichtbar macht. Die Forschung hat wiederholt erwogen, dass die Handschrift oder Teile ihrer Anlage in enger Nähe zum Autor entstanden sein könnten.

Für das Werk selbst sind drei Forschungslinien besonders wichtig. Paul Bayart legte 1930 die maßgebliche Edition des Ludus vor. Andrew Hughes analysierte 1970 die musikalische Anlage des Werks und machte seine Bedeutung für die Musikgeschichte deutlicher. Daniel E. O’Sullivan untersuchte 2013 die Contrafactur von Trouvère-Melodien im Ludus und zeigte, wie bewusst Adam de la Bassée weltliche Klangmodelle in einen lateinisch-geistlichen Deutungskontext überführt.

Quellenarten und Aussagekraft
Quellenart Aussage Bewertung für den Eintrag
Normdaten Nennen Varianten wie Adamus de Bassea, Adam de La Bassée und Lebensdatum 1286. Hilfreich für Identifikation, aber biographisch knapp.
MGG / RILM / musikhistorische Lexika Ordnen Adam de la Bassée als Kanoniker von St. Pierre in Lille und Autor des Ludus ein. Wichtig für die musikwissenschaftliche Grundansetzung.
ARLIMA Verzeichnet das Ludus super Anticlaudianum als lateinisches Werk vor 1286 mit 5150 Versen und Handschrift Lille 316. Sehr nützlich für Werkdaten, Editionen, Studien und Handschriftennachweise.
DIAMM Beschreibt Lille, Bibliothèque municipale, Ms. 316, die musikalische Notation und die zwei mehrstimmigen Stücke. Zentral für die musikalische Handschriftenbeschreibung.
Bayart 1930 Edition des Ludus nach dem Liller Manuskript. Grundlage jeder textlichen und werkgeschichtlichen Arbeit.
Hughes 1970 Analyse des musikalischen Repertoires und der Stellung des Ludus in der Musikgeschichte. Schlüsselstudie zur musikalischen Bedeutung.
O’Sullivan 2013 Untersuchung der Trouvère-Contrafacta im Ludus. Wichtig für die Verbindung von lateinischer geistlicher Dichtung und weltlicher Liedkultur.

Lille, St. Pierre und der Kulturraum Arras

Adam de la Bassée wirkte an der Stiftskirche St. Pierre in Lille. Lille lag im 13. Jahrhundert in einem kulturell hoch aktiven Raum zwischen Flandern, Artois und Nordfrankreich. Die Nähe zu Arras ist für sein Werk entscheidend. Arras war ein Hauptzentrum der Trouvère-Kultur, der Jeux-partis, der städtischen Liedpraxis und der literarischen Selbstorganisation von Jongleurs und Bürgern. Auch wenn Adam de la Bassée kein Trouvère im engeren Sinn wie Adam de la Halle ist, steht er in einem Umfeld, in dem volkssprachliche Melodien, höfisch-städtische Liedformen und lateinische Bildung eng nebeneinander existierten.

Die Stiftskirche St. Pierre war ein geistlicher Ort mit eigener liturgischer und intellektueller Kultur. Ein Kanoniker dort musste mit lateinischer Liturgie, Lesung, Gesang, Schriftlichkeit und schulischer Bildung vertraut sein. Adam de la Bassée konnte daher auf zwei kulturelle Archive zugleich zugreifen: auf die lateinisch-theologische Tradition und auf die lebendige Musikpraxis des nordfranzösischen Raums. Das Ludus super Anticlaudianum ist genau aus dieser doppelten Kompetenz heraus zu verstehen.

Die Verbindung von Lille und Arras erklärt auch, warum das Werk nicht wie eine abgeschlossene Schulallegorie wirkt. Es nimmt Melodien und musikalische Gesten auf, die in einer breiteren sozialen Öffentlichkeit kursierten. Die rubrizierten Modellhinweise auf bekannte Melodien machen sichtbar, dass Adam de la Bassée mit Wiedererkennung rechnet: Die neuen lateinischen Texte gewinnen ihre Wirkung auch dadurch, dass die Hörer oder Leser alte Melodien in neuem moralischem Kontext wahrnehmen.

Kulturelle Bezugsräume
Ort / Raum Bedeutung für Adam de la Bassée Kulturgeschichtliche Funktion
Lille Hauptwirkungsort, Sitz der Stiftskirche St. Pierre. Geistliche Institution, lateinische Bildung, liturgische und schriftliche Kultur.
St. Pierre in Lille Kirchlicher Amts- und Lebenszusammenhang Adam de la Bassées. Rahmen für Priestertum, Kanonikerstatus und musikalisch-liturgische Kompetenz.
Arras Nahegelegenes Zentrum der Trouvère- und städtischen Liedkultur. Wichtig für die Melodien, Contrafacta und den kulturellen Horizont des Ludus.
Artois / Flandern Grenz- und Austauschraum zwischen französischer, flämischer und höfisch-städtischer Kultur. Begünstigt die Mischung lateinischer, volkssprachlicher, geistlicher und weltlicher Formen.
Paris und Nordfrankreich Weitere musikalische und intellektuelle Bezugsräume des 13. Jahrhunderts. Kontext für Motette, Conductus, scholastische Allegorie und lateinische Musikpraxis.

Alain de Lille und der Anticlaudianus-Hintergrund

Das Ludus super Anticlaudianum setzt den Anticlaudianus von Alain de Lille voraus. Alain de Lille, auch Alanus ab Insulis, war eine der großen lateinischen Gelehrtenfiguren des 12. Jahrhunderts. Sein Anticlaudianus ist eine allegorische Dichtung über die Bildung des vollkommenen Menschen. Die Personifikationen der Tugenden und Künste, die Frage nach Natur, Vernunft, göttlicher Gnade und moralischer Vollendung sowie die Reise- und Kampfstruktur gehören zum Kern dieser Vorlage.

Adam de la Bassée übernimmt die Grundbewegung, verändert aber den Charakter. Sein Ludus ist kürzer, stärker christlich akzentuiert, musikalisch erweitert und in der Wirkung näher an einem geistlichen Spiel beziehungsweise an einer didaktischen Aufführungsform. Er reduziert die spekulative Breite der Vorlage und arbeitet die moralische Umformung stärker heraus. Das Ergebnis ist nicht einfach ein Kommentar zu Alain de Lille, sondern eine neue Form allegorischer Kulturvermittlung.

Der Titel Ludus ist dabei mehrdeutig. Er kann Spiel, Übung, Schulstück, dramatische Anlage und geistige Aufführung bedeuten. Der Text ist nicht zwingend als Bühnenstück im modernen Sinn zu verstehen, aber er ist deutlich performativ. Musik, Dialog, allegorische Figuren und klangliche Einlagen machen die moralische Handlung nicht nur lesbar, sondern hörbar.

Vergleich von Anticlaudianus und Ludus super Anticlaudianum
Aspekt Anticlaudianus von Alain de Lille Ludus super Anticlaudianum von Adam de la Bassée
Sprache Latein. Latein.
Grundform Gelehrte allegorische Dichtung. Gereimte, musikalisch durchsetzte Bearbeitung mit Spielcharakter.
Thema Bildung des vollkommenen Menschen durch Tugenden, Künste, Natur und göttliche Ordnung. Christlich stärker zugespitzte Umformung desselben Grundmotivs.
Ästhetisches Mittel Allegorie, philosophische Reflexion, lateinische Gelehrtenpoetik. Allegorie, Musik, Contrafacta, liturgische und weltliche Melodiemodelle.
Kulturelle Funktion Scholastische und moralphilosophische Lehrdichtung. Musikalisch-didaktisches Kompendium geistlicher Transformation.

Das Ludus super Anticlaudianum

Das Ludus super Anticlaudianum ist das zentrale und einzige sicher greifbare Werk Adam de la Bassées. Es wurde vor 1286 verfasst, wahrscheinlich in den Jahren zwischen 1279 und 1285. Paul Bayart vermutete, dass die Abfassung möglicherweise 1279 in einem relativ konzentrierten Zeitraum erfolgte. Im Prolog deutet Adam de la Bassée an, dass er das Werk während einer Krankheit zu persönlicher Erbauung und geistiger Beschäftigung verfasst habe. Diese Selbstaussage ist literarisch zu werten, aber sie passt gut zum Charakter des Werks als Trost-, Übungs- und Transformationsschrift.

Mit etwa 5150 Versen ist das Ludus ein umfangreicher Text. Es behandelt die moralische und geistige Formung des Menschen in allegorischer Gestalt. Die Tugenden, Künste und geistlichen Kräfte wirken zusammen, um einen neuen Menschen hervorzubringen. Zugleich wird die Handlung durch musikalische Einlagen strukturiert. Diese Einlagen sind nicht dekorativ. Sie kommentieren, rahmen, emotionalisieren und verdichten den Fortschritt der allegorischen Handlung.

Besonders bemerkenswert ist die Mischung der musikalischen Gattungen. Im Ludus begegnen liturgisch geprägte Gesänge, Hymnen, Sequenzen, Responsorien, ein Alleluia, Chansons, Tänze, eine Pastourelle, ein Agnus Dei und eine Motette. Das Werk bildet damit kein einheitliches liturgisches Buch und keine reine Liedersammlung, sondern eine gezielte musikalische Anthologie innerhalb einer allegorischen Erzählung.

Grunddaten des Ludus super Anticlaudianum
Aspekt Angabe Bedeutung
Titel Ludus super Anticlaudianum. Spiel, Bearbeitung und musikalisch-allegorische Relecture des Anticlaudianus.
Vollere lateinische Titelansetzung Ludus Adae de Basseia canonici Insulensis super Anticlaudianum. Verweist auf Adam als Kanoniker von Lille.
Datierung Vor 1286, wahrscheinlich um 1279 bis 1285. Späte nordfranzösische Ars-antiqua-Zeit.
Sprache Latein. Schließt an gelehrte, liturgische und scholastische Textkultur an.
Umfang Etwa 5150 Verse. Großform zwischen Lehrdichtung, Spiel und musikalischem Kompendium.
Vorlage Anticlaudianus von Alain de Lille. Allegorisches Modell der Erschaffung des vollkommenen Menschen.
Musikalische Einlagen 38 Stücke, überwiegend einstimmig, zwei mehrstimmig. Verbindung von Text, Musik, Moral und Wiedererkennung.
Überlieferung Lille, Bibliothèque municipale, Ms. 316. Einzige bekannte Hauptüberlieferung des Werks.

Musik, Contrafacta und lateinische Liedkunst

Die musikalischen Einlagen sind der auffälligste und kulturgeschichtlich wichtigste Teil des Ludus super Anticlaudianum. Adam de la Bassée setzt 38 musikalische Stücke in den Text ein. Davon sind nach der Forschung 36 einstimmig und zwei mehrstimmig. Zahlreiche Stücke sind Contrafacta: ältere oder bekannte Melodien werden mit neuen lateinischen Texten versehen. Die Rubriken nennen vielfach die melodischen Vorlagen, so dass die Umdeutung selbst sichtbar bleibt.

Contrafactur ist im 13. Jahrhundert nicht bloß ein technisches Verfahren. Sie ist ein kultureller Akt. Eine weltliche, höfische oder populäre Melodie wird nicht einfach übernommen, sondern in einen neuen geistlichen Sinnraum verschoben. Die Erinnerung an die ursprüngliche Melodie bleibt erhalten, aber sie wird neu gerahmt. Dadurch kann Adam de la Bassée die emotionale und soziale Bekanntheit einer Melodie nutzen und zugleich moralisch transformieren.

Die beiden mehrstimmigen Stücke sind besonders wichtig: ein zweistimmiges tropiertes Agnus Dei mit dem Incipit Agnus Dei [Tro] fili virginis primi lapsum und die zweistimmige Motette O quam sollempnis legatio qua tuum / Amoris. Diese Motette ist als Contrafactum von Hé, Dieus quant je remir gekennzeichnet. Sie zeigt exemplarisch, wie weltliche oder außer-liturgische Klangmaterialien in eine lateinische geistliche Allegorie integriert werden konnten.

Musikalische Bestandteile des Ludus
Kategorie Anzahl / Befund Kulturgeschichtliche Bedeutung
Musikalische Einlagen insgesamt 38. Das Ludus ist zugleich allegorische Dichtung und musikalische Anthologie.
Einstimmige Stücke 36. Verweisen auf Lied-, Liturgie-, Chanson- und Sequenzpraxis.
Mehrstimmige Stücke 2. Zeigen den Anschluss an Motette, Conductus und Ars-antiqua-Mehrstimmigkeit.
Contrafacta Etwa 20. Übertragen bekannte Melodien in neue lateinische, geistlich-allegorische Texte.
Liturgische Formen Hymnen, Sequenzen, Responsorien, Prozessionsantiphon, Alleluia, Agnus Dei. Binden das Werk an kirchliche Klangpraxis.
Weltlich geprägte Formen Chansons, Tänze, Notula, Rondeau, Pastourelle. Öffnen das Werk zur Trouvère- und städtischen Liedkultur.
Motette O quam sollempnis legatio qua tuum / Amoris. Verbindet Mehrstimmigkeit, Tenorbezug und Contrafactur.

Handschrift Lille, Bibliothèque municipale, Ms. 316

Die Handschrift Lille, Bibliothèque municipale, Ms. 316, ehemals Ms. 397, ist die zentrale Überlieferung des Ludus super Anticlaudianum. Sie stammt aus dem späten 13. Jahrhundert und wird mit St. Pierre in Lille verbunden. Sie ist auf Pergament geschrieben, umfasst 48 Blätter und enthält das Werk Adam de la Bassées in einer zweispaltigen, am Ende teilweise dreispaltigen Anlage. Die Initialen sind rot, blau oder rot-blau gestaltet. Für die Musikgeschichte ist die Handschrift besonders wichtig, weil sie neben einstimmigen Stücken auch mensural notierte Mehrstimmigkeit enthält.

DIAMM beschreibt die musikalische Notation als spätmittelalterliche Mensuralnotation mit Unterscheidung von Longa und Brevis, Plicaformen und zum Teil mensural deutbaren Ligaturen. Die Handschrift enthält rote vierlinige Systeme, gelegentlich auch fünf Linien. Die Mehrstimmigkeit erscheint nicht als zufälliger Zusatz, sondern als bewusst integrierter Teil eines gelehrten musikalisch-allegorischen Projekts.

Dass die Handschrift nur in einer bekannten Hauptüberlieferung greifbar ist, macht sie wertvoll und zugleich problematisch. Jede Aussage über Adam de la Bassées Werk hängt stark von diesem einen Codex ab. Gleichzeitig erlaubt gerade diese Einheit von Text, Musik, Rubriken und Anlage eine ungewöhnlich präzise Sicht auf das Werk als geplante Gesamtkonstruktion.

Codicologische und musikalische Grunddaten von Lille Ms. 316
Aspekt Angabe Bedeutung
Bibliothek Lille, Bibliothèque municipale. Aufbewahrungsort der zentralen Handschrift.
Signatur Ms. 316, ehemals Ms. 397. Wichtig für Katalog- und Forschungsnachweise.
Datierung Spätes 13. Jahrhundert. Zeitnahe Überlieferung zum Autor.
Material Pergament. Hochwertiges Trägermaterial einer geplanten Handschrift.
Umfang 48 Blätter. Geschlossene Werküberlieferung.
Schrift Leicht gotische Schrift. Typisch für den späten 13. Jahrhundertkontext.
Layout Zwei Spalten, am Ende teilweise drei Spalten. Ordnet Text, Rubriken und Musik sichtbar.
Musikalische Systeme Rote vierlinige Systeme, gelegentlich fünf Linien. Verweist auf liturgische und mensurale Notationspraxis.
Mehrstimmige Stücke Auf fol. 22v ein zweistimmiges tropiertes Agnus Dei; auf fol. 32 eine zweistimmige Motette. Schlüsselstellen für die musikalische Einordnung.

Stil, Gattungen und ästhetisches Profil

Adam de la Bassées Stil ist durch Mischung und Umdeutung bestimmt. Er schreibt lateinisch, aber nicht in einer rein abstrakten Schulprosa. Er formt einen gereimten Text, der sich an der allegorischen Großstruktur Alain de Lilles orientiert, aber rhythmischer, musikalischer und stärker auf performative Wirkung ausgerichtet ist. Das Werk steht zwischen gelehrter Dichtung, geistlichem Spiel, musikalischer Sammlung und moralischer Erbauung.

Die besondere Eigenart liegt in der Verwendung fremder oder bereits bekannter Melodien. Adam de la Bassée arbeitet nicht nur intertextuell, sondern auch intermelodisch. Ein Trouvère-Lied, eine liturgische Melodie, eine Chanson oder ein Motettenmodell kann in ein neues lateinisches Umfeld übergehen. Dadurch wird Musik zum Medium der Bekehrung: Was vorher in einem weltlichen Zusammenhang stehen konnte, erscheint nun als Baustein einer christlichen Allegorie.

Die Gattungsvielfalt ist nicht additiv, sondern funktional. Hymnen und Sequenzen können liturgische Würde erzeugen, Chansons und Tänze bringen Wiedererkennung und Bewegung, eine Pastourelle verweist auf weltliche Erzählmuster, die Motette markiert gelehrte Mehrstimmigkeit, das Agnus Dei trägt den Klang der Messe in die allegorische Handlung ein. Das Ludus ist daher ein Werk der Transformation: Es transformiert Alain de Lille, Melodien, Gattungen und den Hörer selbst.

Stilistische Merkmale
Merkmal Beschreibung Werkbezug
Allegorische Struktur Personifikationen, moralische Reise und Bildung des vollkommenen Menschen. Übernahme und Umformung des Anticlaudianus.
Musikalische Durchsetzung 38 Einlagen gliedern, kommentieren und verdichten den Text. Gesamtes Ludus super Anticlaudianum.
Contrafactur Bekannte Melodien erhalten neue lateinische Texte. Etwa 20 musikalische Einlagen.
Gelehrte Kompilation Der Autor verbindet Vorlage, Musikmodelle, Gattungen und Rubriken. Handschrift Lille Ms. 316.
Geistliche Umdeutung weltlicher Klangmodelle Trouvère- und Chansonmelodien werden moralisch-allegorisch neu gerahmt. Besonders in den Contrafacta sichtbar.
Mehrstimmige Akzentuierung Ein Agnus Dei und eine Motette bilden hervorgehobene musikalische Knotenpunkte. Fol. 22v und fol. 32 der Liller Handschrift.

Komplettes Werkverzeichnis nach öffentlichem Nachweisstand

Das sicher überlieferte Werk Adam de la Bassées ist sehr schmal, aber in sich ungewöhnlich reich. Nach öffentlichem Nachweisstand ist nur das Ludus super Anticlaudianum als eigenständiges Werk sicher greifbar. Die musikalischen Stücke darin sind integrale Bestandteile dieses Werks und werden deshalb hier nicht als unabhängige Werke gezählt, sondern als interne Werkgruppe vollständig nach Kategorien und nach den besonders greifbaren mehrstimmigen Einzeltiteln erschlossen.

Eigenständige Werke

Sicheres Werk Adam de la Bassées
Nr. Titel Datierung Sprache / Umfang Überlieferung und Bedeutung
1 Ludus super Anticlaudianum / Ludus Adae de Basseia canonici Insulensis super Anticlaudianum Vor 1286; wahrscheinlich um 1279 bis 1285. Latein; etwa 5150 Verse; allegorischer Ludus mit 38 musikalischen Einlagen. Einzige sicher greifbare Hauptdichtung Adam de la Bassées; Bearbeitung des Anticlaudianus von Alain de Lille; erhalten in Lille, Bibliothèque municipale, Ms. 316; ediert von Paul Bayart 1930.

Musikalische Einlagen innerhalb des Ludus

Interne musikalische Werkgruppen des Ludus
Werkgruppe Anzahl / Umfang Formen Bewertung
Musikalische Einlagen insgesamt 38. Geistliche und weltlich geprägte Formen. Bestimmen die Einzigartigkeit des Werks als musikalische Allegorie.
Einstimmige Stücke 36. Hymnen, Sequenzen, Responsorien, Alleluia, Chansons, Tänze, Pastourelle und weitere Formen. Zeigen die breite Melodienkenntnis Adam de la Bassées.
Mehrstimmige Stücke 2. Tropiertes Agnus Dei; zweistimmige Motette. Belegen den Anschluss an die mehrstimmige Kultur des späten 13. Jahrhunderts.
Contrafacta Etwa 20. Neue lateinische Texte auf vorhandene Melodien. Schlüssel für die Verbindung von Trouvère-Kultur und geistlicher Allegorie.
Liturgische Modelle Mehrere. Sequenz, Responsorium, Antiphon, Alleluia, Agnus Dei. Verankern das Werk im kirchlichen Klangraum.
Weltliche und höfisch-städtische Modelle Mehrere. Chanson, Tanz, Rondeau, Pastourelle, Trouvère-Melodie. Erzeugen kulturelle Wiedererkennung und Umdeutung.

Mehrstimmige Einzeltitel in der Handschrift

Namentlich besonders greifbare mehrstimmige Stücke
Folio Incipit / Titel Stimmenzahl Gattung Kommentar
fol. 22v Agnus Dei [Tro] fili virginis primi lapsum 2. Tropiertes Agnus Dei / Conductus-nahes Stück. Eine der beiden mehrstimmigen Kompositionen in Lille Ms. 316; liturgischer Messklang wird in den allegorischen Werkzusammenhang eingeführt.
fol. 32 O quam sollempnis legatio qua tuum / Amoris 2. Motette. Motette mit Tenor Amoris; in der Handschrift als Contrafactum von Hé, Dieus quant je remir markiert; besonders wichtig für Contrafactur und Motettenforschung.

Ältere Editions- und Sammelbezeichnungen

Nicht als eigenständige neue Werke zu zählende Editionszusammenhänge
Bezeichnung Herausgeber / Jahr Status Einordnung
Chants liturgiques d’Adam de la Bassée Abbé D. Carnel, 1858. Edition beziehungsweise Auswahl liturgischer Gesänge. Nicht als separates mittelalterliches Werk zu zählen, sondern als frühere editorische Erschließung des musikalisch-liturgischen Materials.
Ludus super Anticlaudianum, Edition Bayart Paul Bayart, 1930. Moderne Gesamtedition nach dem Liller Manuskript. Maßgebliche Druckgrundlage des Hauptwerks.
Anonyme französische Übersetzung des Ludus Überliefert unter anderem in französischen Handschriftenzusammenhängen. Rezeptions- und Übersetzungstext, nicht Werk Adam de la Bassées im engeren Sinn. Wichtig für die Nachwirkung des Ludus in der volkssprachlichen Überlieferung.

Ausführlicher Kulturüberblick

Adam de la Bassée steht in einer Kultur, in der die moderne Trennung von Autor, Komponist, Bearbeiter, Theologe und Kompilator nicht greift. Sein Ludus super Anticlaudianum ist ein Werk der Verbindung. Es verbindet den lateinischen Schulautor Alain de Lille mit der musikalischen Gegenwart Nordfrankreichs; es verbindet allegorische Moralphilosophie mit christlicher Erbauung; es verbindet liturgische Formen mit Trouvère-Melodien; es verbindet Schriftlichkeit mit Aufführbarkeit.

Die Grundfrage des Werks lautet: Wie kann der Mensch neu geformt werden? Diese Frage ist im Mittelalter nicht psychologisch, sondern kosmologisch, theologisch und musikalisch gestellt. Der Mensch wird nicht nur durch Einsicht, sondern durch Ordnung, durch Tugend, durch Gnade und durch klanglich eingeübte Erinnerung geformt. Dass Adam de la Bassée Musik in die Allegorie einfügt, bedeutet daher mehr als ästhetische Ausschmückung. Musik ist ein Mittel der moralischen Transformation.

Der Raum Lille / Arras ist dabei entscheidend. In Arras und seinem Umfeld waren Trouvère-Lieder, Jeux-partis, städtische Liedkultur und musikalische Wettbewerbsformen lebendig. Diese Kultur erzeugte Melodien, die sozial wiedererkennbar waren. Adam de la Bassée nimmt solche Melodien nicht als weltliche Fremdkörper in sein Werk auf, sondern als Material, das umgewendet werden kann. Eine bekannte Melodie kann durch einen neuen Text eine neue geistliche Richtung erhalten. Darin liegt die kulturelle Pointe der Contrafactur.

Das Werk zeigt auch, wie durchlässig die Grenze zwischen lateinischer und volkssprachlicher Kultur im 13. Jahrhundert sein konnte. Der Text des Ludus ist lateinisch, seine musikalischen Modelle können aber aus volkssprachlichen Liedtraditionen stammen. Die Hörer oder Leser, die diese Melodien kannten, mussten die Spannung zwischen Herkunft und neuer Bedeutung wahrnehmen. Das Ludus arbeitet mit dieser Spannung. Es macht Bildung nicht nur zu einem Wissensakt, sondern zu einem Akt der Umkodierung kultureller Erinnerung.

Für die Musikgeschichte ist Adam de la Bassée besonders wichtig, weil sein Werk wie eine Momentaufnahme der spätmittelalterlichen Klanglandschaft wirkt. Hymnus, Sequenz, Responsorium, Alleluia, Chanson, Tanz, Pastourelle, Rondeau, Agnus Dei und Motette erscheinen in einem einzigen Werkzusammenhang. Das ist ungewöhnlich. Es zeigt nicht nur, welche Gattungen verfügbar waren, sondern auch, wie ein gelehrter Autor sie bewusst einsetzen konnte.

Die Nähe zur späteren Sammel- und Mischform des Roman de Fauvel ist mehrfach bemerkt worden. Auch dort verbindet sich Allegorie mit Musik, Satire, Politik und Gattungsmischung. Adam de la Bassées Ludus steht zeitlich früher und wirkt wie ein Vorläufer solcher umfassenden musikalisch-literarischen Kompilationen. Es ist daher nicht nur ein Randwerk der Alain-Rezeption, sondern ein Schlüsseltext für die Entwicklung großformatiger musikalischer Allegorie.

Kulturelle Bezugsfelder Adam de la Bassées
Bezugsfeld Bedeutung für Adam de la Bassée Weiterer Kontext
Lille und St. Pierre Geistlicher Amts- und Bildungsraum. Kanoniker, Priester, lateinische Liturgie, Stiftskultur.
Arras Nahegelegener Raum der Trouvère- und städtischen Liedkultur. Jeux-partis, Chansons, Melodien, Adam de la Halle.
Alain de Lille Vorlage und intellektueller Ausgangspunkt. Lateinische Allegorie, Tugendlehre, Bildung des Menschen.
Contrafactur Zentrales Verfahren der musikalischen Umdeutung. Neue lateinische Texte auf vorhandene Melodien.
Liturgie Musikalische und sprachliche Grundressource vieler Einlagen. Hymnus, Sequenz, Responsorium, Alleluia, Agnus Dei.
Motettenkultur Mehrstimmige Struktur und Tenorbezug innerhalb des Ludus. O quam sollempnis legatio / Amoris, Ars antiqua.
Handschriftenkultur Lille Ms. 316 bewahrt Werk, Musik und Rubriken als Einheit. Schrift, Notation, Layout, Autor- und Werkidentität.
Roman de Fauvel Späterer Vergleichspunkt für musikalisch-allegorische Mischformen. Allegorie, Musikkompilation, Gattungssynthese um 1316.

Rezeption, Forschung und moderne Sichtbarkeit

Adam de la Bassée war lange nur Spezialisten bekannt. Die starke Konzentration auf eine einzige Handschrift und ein einziges Hauptwerk verhinderte eine breitere literarhistorische Präsenz. Zugleich macht gerade diese Konzentration den Fall besonders ergiebig. Wer sich für mittelalterliche Musik, lateinische Allegorie, Contrafacta, Handschriftenkultur oder die Rezeption Alain de Lilles interessiert, findet im Ludus super Anticlaudianum eine außergewöhnliche Schnittstelle.

Die Editionsgeschichte beginnt im 19. Jahrhundert mit der Veröffentlichung einzelner liturgischer Gesänge durch Abbé D. Carnel. Paul Bayarts Ausgabe von 1930 machte das Gesamtwerk wissenschaftlich verfügbar. Andrew Hughes’ Studie von 1970 rückte den musikalischen Bestand in den Mittelpunkt. Daniel E. O’Sullivan zeigte im 21. Jahrhundert, wie wichtig die Contrafactur der Trouvère-Melodien für das Verständnis des Werks ist. Hinzu kommen neuere Arbeiten zu mittelalterlicher Liedüberlieferung, zum Roman de Fauvel, zur Motette, zu lateinischer Allegorie und zu Übersetzungen des Anticlaudianus.

Die moderne Sichtbarkeit hängt heute stark an digitalen Ressourcen: ARLIMA bündelt Werk- und Literaturhinweise, DIAMM beschreibt die musikalische Handschrift, Persée bietet Rezensionen und ältere Forschung, Gallica macht verwandte französische Übersetzungsüberlieferung sichtbar, und die GND beziehungsweise VIAF sichern die Normdaten. Dadurch kann Adam de la Bassée heute wesentlich präziser kontextualisiert werden als noch in älteren Lexika.

Forschungsfragen

Adam de la Bassée bleibt ein offener Forschungsgegenstand. Die zentralen Fragen betreffen Autorschaft, Handschrift, Musikeinlagen, Contrafacta, Aufführbarkeit, Verhältnis zu Alain de Lille und Wirkung auf spätere musikalisch-allegorische Kompilationen.

Offene und anschlussfähige Forschungsfelder
Frage Möglicher Forschungsweg Erkenntniswert
Wie nah steht Lille Ms. 316 dem Autor selbst? Paläographische, codicologische und musikalische Analyse von Schrift, Korrekturen, Rubriken und Layout. Klärung der Frage, ob die Handschrift autor- oder werkstattnah ist.
Welche Melodievorlagen nutzt Adam de la Bassée genau? Vergleich der Rubriken, Trouvère-Handschriften, liturgischen Melodien und Motettenquellen. Präzisere Karte der musikalischen Intertextualität.
Wie funktionieren die Contrafacta im allegorischen Zusammenhang? Analyse von Ursprungsmelodie, neuem lateinischem Text und Position im Werkverlauf. Besseres Verständnis musikalischer Umdeutung als moralisches Verfahren.
Ist das Ludus aufführbar oder primär lesbar? Untersuchung von Gattungsbezeichnung, musikalischen Einsätzen, Sprecherrollen und Handschriftenlayout. Klärung der performativen Dimension des Werks.
Wie verändert Adam de la Bassée den Anticlaudianus Alain de Lilles? Vergleich von Handlung, Allegorie, Theologie, Versform und Figurenkonzept. Einordnung in die mittelalterliche Rezeptionsgeschichte Alain de Lilles.
Welche Beziehung besteht zum Roman de Fauvel? Vergleich von Gattungsmischung, Musikkompilation, Allegorie und Handschriftenkonzept. Verständnis der Entwicklung großformatiger musikalischer Allegorie.
Wie lassen sich die musikalischen Einlagen heute edieren und aufführen? Transkription der Notation, Vergleich mit Parallelquellen und historisch informierte Aufführungspraxis. Brücke zwischen Musikwissenschaft, Mediävistik und praktischer Alter Musik.

Sekundärliteratur

Die Sekundärliteratur zu Adam de la Bassée ist nicht umfangreich, aber fachlich konzentriert. Maßgeblich sind Paul Bayarts Edition, Andrew Hughes’ musikologische Studie, Daniel E. O’Sullivans Untersuchung der Contrafacta und die Werk- und Handschriftennachweise bei ARLIMA und DIAMM. Für den größeren Zusammenhang sind Arbeiten zu Alain de Lille, zur Trouvère-Kultur, zur Motette, zum Roman de Fauvel und zur mittelalterlichen Allegorie heranzuziehen.

Auswahl wichtiger Literatur und Nachweisinstrumente
Autor / Institution Titel / Nachweis Ort / Jahr Nutzen für Adam de la Bassée
Paul Bayart, Hrsg. Adam de la Bassée. Ludus super Anticlaudianum, d’après le manuscrit original conservé à la Bibliothèque Municipale de Lille Tourcoing / Lille, 1930 Grundlegende Edition des Hauptwerks nach Lille Ms. 316.
Abbé D. Carnel, Hrsg. Chants liturgiques d’Adam de la Bassée, chanoine de la Collégiale de Saint-Pierre, à Lille, au XIIIe siècle Gand, 1858 Frühe Ausgabe ausgewählter liturgischer Gesänge aus dem Adam-Kontext.
Andrew Hughes The Ludus super Anticlaudianum of Adam de la Bassée Journal of the American Musicological Society, 23/1, 1970, S. 1–25 Grundlegende musikologische Studie zu Anlage, Gattungen, Musikeinlagen und Bedeutung des Werks.
Daniel E. O’Sullivan On connaît la chanson: la contrafacture des mélodies des trouvères dans le Ludus super Anticlaudianum d’Adam de la Bassée Cahiers de recherches médiévales et humanistes, 26, 2013, S. 109–127 Zentrale moderne Studie zur Contrafactur und zur Verwendung von Trouvère-Melodien.
Robert Bossuat Rezension der Bayart-Ausgabe in der Bibliothèque de l’École des chartes 1932 Historisch wichtige Bewertung der Edition und des Forschungsstands der Zwischenkriegszeit.
Jean-Marie Fritz Les arts libéraux dans la traduction anonyme du Ludus super Anticlaudianum d’Adam de la Bassée Turnhout, 2007 Wichtig für die Übersetzungs- und Rezeptionsgeschichte des Ludus.
Guy Raynaud de Lage und Jean-Yves Tilliette Adam de La Bassée, in: Dictionnaire des lettres françaises: le Moyen Âge Paris, 1992 Romanistischer Lexikonartikel zum literaturgeschichtlichen Ort.
ARLIMA Dossier Adam de la Bassée Online Werkdaten, Handschrift, Editionen, Studien und Bibliographie.
DIAMM Datensatz zu Lille, Bibliothèque municipale, Ms. 316 Online Musikalische Handschriftenbeschreibung, Notation und Inventory der mehrstimmigen Stücke.
Emma Dillon Medieval Music-Making and the Roman de Fauvel Cambridge, 2002 Rahmenliteratur zur musikalisch-allegorischen Mischform und zum späteren Vergleich mit Fauvel.
Ardis Butterfield Arbeiten zu mittelalterlicher Liedkultur und Handschriftenüberlieferung 20./21. Jahrhundert Kontext für Lied, Buch, Melodie und volkssprachlich-lateinische Übergänge.
Catherine A. Bradley Studien zu Contrafacta, Motetten und lateinisch-volkssprachlichen Einflüssen 21. Jahrhundert Wichtig für den größeren Motetten- und Contrafactur-Kontext.

Onlinequellen und digitale Recherchewege

Die folgenden Onlinequellen eignen sich zur Kontrolle von Namensformen, Werkdaten, Handschriften, Editionen, Forschungsliteratur und musikalischen Einzelstücken. Für die Recherche sollten neben Adam de la Bassée auch die Formen Adam de La Bassée, Adamus de Basseia, Adamus de Bassea und Ludus super Anticlaudianum verwendet werden.

Auswahl von Onlinequellen
Quelle Adresse Nutzen
ARLIMA: Adam de la Bassée https://www.arlima.net/ad/adam_de_la_bassee.html Sehr wichtiger mediävistischer Einstieg mit Werkdaten, Handschrift, Editionen und Studien.
ARLIMA: Lille, Bibliothèque municipale, Ms. 316 https://www.arlima.net/mss/france/lille/bibliotheque_municipale/316.html Handschriftennachweis mit bibliographischen Angaben zur Edition und zum Katalog.
DIAMM: F-Lm 316 https://www.diamm.ac.uk/sources/887/ Musikwissenschaftliche Beschreibung der Handschrift, der Notation und der beiden mehrstimmigen Stücke.
Deutsche Nationalbibliothek / GND: Adamus de Bassea https://d-nb.info/gnd/178606537 Normdatensatz mit Namensvarianten und Identifikator.
VIAF: Adam de la Bassée https://viaf.org/viaf/71149198 Internationale Normdatenverknüpfung.
Wikidata: Adam de la Bassée https://www.wikidata.org/wiki/Q16146607 Normdatenknoten mit alternativen Identifikatoren, nur quellenkritisch verwenden.
MGG Online: Adam Bassée https://www.mgg-online.com/articles/mgg00078/1.0/id-4bcf30ce-6af6-e7dd-405a-89190b9926bb Fachlexikalischer musikwissenschaftlicher Eintrag; Zugang gegebenenfalls beschränkt.
RILM Music Encyclopedias: Adam de la Bassée https://rme.rilm.org/articles/dho10028/1.0/dho10028 Musiklexikalischer Kurz- und Normzugang; Zugang gegebenenfalls beschränkt.
Persée: Rezension der Bayart-Ausgabe https://www.persee.fr/doc/bec_0373-6237_1932_num_93_1_460455_t1_0135_0000_001 Rezension von Robert Bossuat zur Ausgabe von Paul Bayart, 1932.
OpenEdition: Daniel E. O’Sullivan zur Contrafactur https://journals.openedition.org/crmh/13396 Volltext der wichtigen Studie zur Contrafactur von Trouvère-Melodien im Ludus.
UC Press: Andrew Hughes, The Ludus super Anticlaudianum https://online.ucpress.edu/jams/article/23/1/1/48803/The-Ludus-super-Anticlaudianum-of-Adam-de-la Bibliographischer Zugang zur grundlegenden JAMS-Studie von 1970.
JSTOR: Andrew Hughes, PDF-Hinweis https://www.jstor.org/stable/830346 Stabiler Nachweis der Studie; Zugang abhängig von Lizenz oder Institution.
Gallica: Französische Übersetzung des Ludus / Anticlaudianus-Zusammenhang https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8449695h Digitalisat eines verwandten französischen Übersetzungs- und Rezeptionszusammenhangs.
Biblissima: Handschriften- und Personendaten https://iiif.biblissima.fr/collections/manifest/bb8cadf03d5ce66da00f8434efdfbb055a9b380e Authority- und Handschriftendaten mit Namensform Adam de La Bassée.
Cambridge Core: Kontexte mittelalterlicher Lied- und Handschriftenforschung https://www.cambridge.org/core/ Rechercheweg zu Studien über mittelalterliche Liedüberlieferung, Motette, Handschrift und Roman de Fauvel.
WorldCat https://www.worldcat.org/ Internationale Bibliotheksrecherche nach Bayart, Hughes, Carnel, O’Sullivan und verwandten Studien.
Internet Archive https://archive.org/ Recherche nach älteren Editionen, Katalogen und mediävistischer Sekundärliteratur.

Weiterführende Einträge

Die folgenden Einträge vertiefen den kulturellen Zusammenhang von Adam de la Bassée. Sie führen zu Personen, Orten, Gattungen, Institutionen und Begriffen, die für lateinische Allegorie, nordfranzösische Musik, Contrafactur, Trouvère-Kultur und mittelalterliche Handschriftenüberlieferung wichtig sind.

  • Adam de la Halle Trouvère aus Arras und wichtiger Vergleichspunkt für die nordfranzösische Lied- und Spielkultur des 13. Jahrhunderts.
  • Alanus ab Insulis Lateinischer Gelehrter und Autor des Anticlaudianus, der Vorlage des Ludus Adam de la Bassées.
  • Alain de Lille Französische Namensform von Alanus ab Insulis und zentraler Ausgangspunkt für Adam de la Bassées Allegorie.
  • Anticlaudianus Allegorische Lehrdichtung Alain de Lilles über die Bildung des vollkommenen Menschen.
  • Arras Nordfranzösisches Zentrum der Trouvère-, Puy- und städtischen Liedkultur im Umfeld von Lille.
  • Ars antiqua Musikgeschichtlicher Rahmen für Motette, Conductus und mehrstimmige Notationspraxis des 13. Jahrhunderts.
  • Lille, Bibliothèque municipale, Ms. 316 Einzige bekannte Hauptüberlieferung des Ludus super Anticlaudianum.
  • Chanson Weltliche Liedform, deren Melodien im Ludus als Contrafacta neu verwendet werden konnten.
  • Conductus Mehrstimmig oder einstimmig auftretende lateinische Gattung, wichtig für den musikalischen Kontext des Ludus.
  • Contrafactum Verfahren, bei dem eine vorhandene Melodie mit einem neuen Text versehen wird.
  • Contrafactur Zentrales musikalisch-literarisches Verfahren im Ludus super Anticlaudianum.
  • Daniel E. O’Sullivan Forscher zur Contrafactur von Trouvère-Melodien im Ludus Adam de la Bassées.
  • DIAMM Digitale Forschungsressource für mittelalterliche Musikhandschriften, wichtig für Lille Ms. 316.
  • Roman de Fauvel Spätere musikalisch-allegorische Mischform, die mit Adam de la Bassées Werk vergleichbar ist.
  • Andrew Hughes Musikwissenschaftler, der das Ludus super Anticlaudianum grundlegend analysierte.
  • Lille Wirkungsort Adam de la Bassées und Standort der Stiftskirche St. Pierre.
  • Liturgische Musik Klanglicher Bezugsraum vieler Einlagen im Ludus, darunter Hymnen, Sequenzen, Responsorien und Agnus Dei.
  • Ludus Mittelalterlicher Begriff für Spiel, Übung, didaktische Form und performative Textanlage.
  • Ludus super Anticlaudianum Hauptwerk Adam de la Bassées, eine lateinische musikalisch-allegorische Bearbeitung des Anticlaudianus.
  • Mensuralnotation Notationsform der mehrstimmigen Stücke in Lille Ms. 316.
  • Mittelalterliche Allegorie Darstellungsform personifizierter Begriffe, Tugenden und moralischer Prozesse.
  • Mittelalterliche Musik Übergreifender Kontext für das musikalische Mischprofil des Ludus.
  • Motette Mehrstimmige Gattung, die im Ludus mit O quam sollempnis legatio / Amoris vertreten ist.
  • O quam sollempnis legatio Zweistimmige Motette im Ludus, als Contrafactum von Hé, Dieus quant je remir gekennzeichnet.
  • Pastourelle Höfisch-volkssprachliche Lied- und Erzählform, die im musikalischen Spektrum des Ludus berührt wird.
  • Paul Bayart Herausgeber der grundlegenden Edition des Ludus super Anticlaudianum von 1930.
  • Rondeau Refrainform, die zum musikalischen Horizont des Ludus gehört.
  • St. Pierre in Lille Stiftskirche, an der Adam de la Bassée als Kanoniker und Priester wirkte.
  • Trouvère Nordfranzösischer Dichter-Sänger; wichtig für die melodischen Modelle des Ludus.
  • Trouvère-Melodie Weltlich-höfisches Melodiematerial, das Adam de la Bassée in lateinischer Contrafactur umdeutet.